Maria Magdalena in Joh 20, 1-18. Jüngerin, Glaubensvorbild und Verkünderin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017

21 Seiten, Note: 14


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Lutherübersetzung Joh 20, 1-18

3. Textgestaltung (literarischer Zusammenhang)

4. Sprachliche Analyse
4.1 Syntaktische und semantische Analyse
4.2 Narrative Struktur Joh 20, 1-18
4.3 Pragmatische Analyse

5. Literarkritik

6. Der historische Ort (Verfasser und Datierung)

7. Theologische Gesamtinterpretation

Literaturverzeichnis

Anhang 1: Joh 20, 1-18 (griechischer Urtext)

1. Einleitung

Maria Magdalena ist die erste Zeugin von Jesu Auferstehung. Sie ist es, die von ihm den Verkündigungsauftrag erhält. Sie wird einstimmig von allen Evangelien namentlich genannt – und immer (mit Ausnahme des Johannesevangeliums) an erster Stelle, hat also eine besondere Stellung inne. Immer wieder wird dies in der Literatur besonders hervorgehoben: Jesus hat eine Frau zur Verkünderin seiner Auferstehungsbotschaft, zur apostola apostolarum auserwählt – und das, obwohl Frauen z.B. keine gerichtlichen Zeugen sein durften. Jesus wählte jedoch oft Menschen aus, die scheinbar weniger zu sagen hatten. Er wendete sich oft den scheinbar Schwachen, Hilflosen zu und erhebt sie gegenüber den vermeintlich Starken.

Diese Arbeit versucht, Maria Magdalenas Rolle als Glaubensvorbild, Jüngerin und Verkünderin der Auferstehungsbotschaft anhand von Joh 20, 1-18 (unter besonderer Aufmerksamkeit von Joh 20, 1-3 und Joh 20, 11-18) exegetisch näher zu beleuchten. Inwieweit kann sie als Vorbild dienen? Um dies genauer untersuchen zu können, muss der Terminus Vorbild zunächst einmal definiert werden. In der Fachliteratur besteht der Konsens darüber, dass die Definition dieses Begriffes nicht einfach ist. So weist Hans Mendl darauf hin, dass eine genaue Begriffsbestimmung schwierig sei, da sich Termini wie Vorbild, Modell, Star, Idol, Held oder Heiliger wild miteinander mischten.[1] Der Duden definiert Vorbild als „ Person oder Sache, die als [idealisiertes] Muster, als Beispiel angesehen wird, nach dem man sich richtet.“[2]

Die exegetische Untersuchung anhand von Joh 20,1-18 habe ich ausgewählt, weil Maria Magdalena hier als einzige allein die Begegnung mit dem Auferstandenen hat und ihr allein der Auftrag zuteilwird, die Osterbotschaft zu verkünden. Johannes erhebt sie zur Erstzeugin der Auferweckung und nicht, wie die Synoptiker, Petrus. Gabriele von Fuchs hebt hervor, Maria Magdalena werde nur im Johannesevangelium als lebendige Person gezeichnet und fassbar gemacht. Ihre überragende Rolle als Apostola sei nur bei Johannes überliefert.[3] Susan Haskins folgert aus der Tatsache, dass die Frauen (und somit auch Maria Magdalena) nur am Ende der Evangelien in Erscheinung treten, könne darauf hindeuten, „ daß ihre Relevanz, und vornehmlich die Maria Magdalenas, in ihrer Rolle als Zeuginnen der Auferstehung, des zentralen Grundsatzes des Christentums, liegt.[4] Ingrid Maisch hebt ebenfalls die Protophanie als essentiell bedeutsam hervor, führt dann jedoch aus, deren Bedeutsamkeit für die Gegenwart werde zugleich relativiert. Sie sieht das Sehen als zweitrangig hinter dem Glauben zurückstehend an.[5] Ruschmann deutet die Darstellung Maria Magdalenas bei Johannes und ihre Christophanie-Erzählung als eine prägnantere Auszeichnung ihrer Person als bei den Synoptikern, weist jedoch darauf hin, dass so eine Individualisierung ihrer Person erfolge. Die Erscheinung Marias als Repräsentantin einer Frauengruppe trete folglich zugunsten der Individualisierung zurück.[6] Auch wenn die genaue Betrachtung der Figur der Maria Magdalena aufgrund des Umfanges dieser Arbeit nicht weiter ausgeführt werden kann, bleibt anzumerken, dass im Laufe der Zeit letztlich mehrere Figuren zu einer verschmolzen sind.[7] Polaschegg gibt zu bedenken, die Rückführung dieser auf Papst Gregor sei nicht richtig; vielmehr habe

der Magdalena-Synkretismus keinen [bestimmten] Autor, sondern es ist neben den gerade skizzierten liturgischen, legendarischen, bildkünstlerischen, theatralischen und gartenarchitektonischen Gebrauchszusammenhängen vor allem die typologische und allegorische Ordnung des Denkens samt ihrer exegetischen Praxis, denen Magdalena bis ins ausgehende 17. Jahrhundert ihre epistemologische Stimmigkeit verdankt.[8]

2. Lutherübersetzung Joh 20, 1-18

Der dieser Exegese zugrundeliegende Text geht auf die Übersetzung Martin Luthers zurück. Eine eigene Übersetzung des griechischen Urtextes (siehe Anhang) ist aufgrund mangelnder Altgriechischkenntnisse nicht möglich gewesen.

Der Ostermorgen

201 Am ersten Tag der Woche kommt Maria Magdalena früh, als es noch finster war, zum Grab und sieht, daß der Stein vom Grab weg war. 2 Da läuft sie und kommt zu Simon Petrus und zu dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und spricht zu ihnen: Sie haben den Herrn weggenommen aus dem Grab, und wir wissen nicht, wo sie ihn hingelegt haben. (Johannes 13,23) 3 Da ging Petrus und der andere Jünger hinaus, und sie kamen zum Grab. 4 Es liefen aber die zwei miteinander, und der andere Jünger lief voraus, schneller als Petrus, und kam zuerst zum Grab,5 schaut hinein und sieht die Leinentücher liegen; er ging aber nicht hinein. 6 Da kam Simon Petrus ihm nach und ging in das Grab hinein und sieht die Leinentücher liegen, 7 aber das Schweißtuch, das Jesus um das Haupt gebunden war, nicht bei den Leinentüchern liegen, sondern daneben, zusammengewickelt, an einem besonderen Ort. (Johannes 11,44) 8 Da ging auch der andere Jünger hinein, der zuerst zum Grab gekommen war, und sah und glaubte.9 Denn sie verstanden die Schrift noch nicht, daß er von den Toten auferstehen müßte. (Lukas 24,25-27; Apostelgeschichte 2,24; 1. Korinther 15,4).10 Da gingen die Jünger wieder heim.

Maria von Magdala

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, schaute sie in das Grab 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu den Häupten und den anderen zu den Füßen, wo sie den Leichnam Jesu hingelegt hatten. 13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, daß es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf hebräisch: Rabbuni das heißt: Meister! 17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott. (Hebräer 2,11-12). 18 Maria von Magdala geht und verkündigt den Jüngern: Ich habe den Herrn gesehen, und das hat er zu mir gesagt.

3. Textgestaltung (literarischer Zusammenhang)

Im Folgenden soll in aller Kürze der literarische Zusammenhang des untersuchten Textes erläutert werden. Joh 20, 1-18 ist eingebettet in die Passions- und Auferstehungstradition. Er knüpft an Jesu Leiden und Tod an und berichtet dann in Joh 20, 19-31 von dem Erscheinen des Auferstandenen vor den Jüngern. Nachdem also der Erzählbogen von Jesu Wirken, seinem Abschied, Prozess und Tod abgeschlossen ist, beginnt Joh 20, 1 mit einer konkreten Zeitangabe und eröffnet die Ostererzählungen, die dann mit Joh 20,31 enden und die ursprünglich auch das gesamte Evangelium beschließen. Ruschmann weist auf die enge Verknüpfung der vorangegangenen Ereignisse hin. Unmittelbar vor Joh 20, 1-18 findet die Salbung Jesu statt und nun kommt Maria zum Grab. Ruschmann sieht hier das Wort Grab als Stichwort für die fortlaufende Handlung und die Verknüpfung von 19, 38-42 und 20, 1 an. Die Erzählung von Maria Magdalena am frühen Ostermorgen lässt sich für Ruschmann demnach als eine Überleitung und Verknüpfung der Zeit vor und nach der Auferstehung von Jesus deuten. Joh 20, 1-18 bildet so eine Art Bindeglied zwischen dem Tod Jesu, dem Ende seines irdischen Daseins und leitet dann über zu seiner Auferstehung und seinem Verkündigungsauftrag.[9]

4. Sprachliche Analyse

4.1 Syntaktische und semantische Analyse

In Joh 20, 1-18 dominieren hauptsächlich Verben und Substantive. Adjektive werden seltener verwendet. Die Verben stehen entweder im Indikativ Präsens oder im Indikativ Perfekt und stammen vor allem aus den Bereichen der Bewegung, des Sprechens und der Emotionen. In Joh 20, 1-18 findet sich insgesamt neun Mal die direkte Rede, wobei dreimal der Imperativ verwendet wird. Der Wortschatz des Textes ist einfach und bietet eine Alltagssprache an, die der Leser leicht verstehen kann. Dies wird ebenfalls durch die relativ kurzen Sätze ermöglicht.

Ruschmann zählt in Joh 20,1.2.11-18 insgesamt 25 griechische Verben; davon 45 finite Formen und neun Partizipien. Als häufigste Verbgruppen identifiziert sie die verba dicendi (Kommunikationsverben), verba movendi (Bewegungsverben), verba sentiendi (Verben der Wahrnehmung) und sonstige Verben. Ruschmann schließt aufgrund dieser Statistik daraus, dass die die Erzählung am stärksten prägenden Elemente die der Sprache und Bewegung sind. Verben aus der Gruppe verba dicendi werden insgesamt 19 Mal verwendet. Das Subjekt zu dem Verb sagen ist viermal Maria, dreimal Jesus und einmal sind es die Engel. Als zweithäufigste Gruppe identifiziert sie die Gruppe der verba movendi mit insgesamt 14 Vorkommen.[10] In der Lutherübersetzung ist es umgekehrt: Hier kommen die Bewegungsverben insgesamt 21 Mal vor, die Kommunikationsverben stehen mit 12-maligem Vorkommen an zweiter Stelle. Die häufige Verwendung von Verben aus diesem Sprachbereich erklärt sich dadurch, dass die untersuchte Textstelle vor allem aus Unterhaltungen, also aus wörtlicher Rede besteht. Die Satzanfänge beginnen aufgrund dessen meist mit dem Auftreten einer Person, die eine Bewegung ausführt und dann zu oder mit jemandem spricht. Dies führt zu einer energetischen, kraftvollen Darstellung der Ereignisse, die durch die Aktivität der Personen den Erzählfluss spannend gestalten. Vorholt spricht in diesem Zusammenhang von einer dynamisch-vorantreibenden Gesprächsfrequenz.[11] Auffällig ist, dass alle Bewegungen im Text durch Maria Magdalena ausgeführt werden bzw. mit ihr in einem direkten Zusammenhang zu stehen scheinen: Sie läuft zum Grab, kommt zu Petrus und dem anderen Jünger, kommt (mit den beiden) wieder zum Grab, schaut ins Grab, wendet sich um (zweimal), geht vom Grab weg. Dadurch entsteht „recht viel Unruhe“, meint Ruschmann. Jesus‘ Auftreten hingegen ist vor allem auf die verbale Ebene beschränkt.[12] Ebenfalls auffällig in Joh 20, 1-18 ist die Verwendung des Verbs sehen und seine Verknüpfung mit dem Verb glauben. Denn sehen meint hier nicht nur das Sehen mit den Augen, sondern auch das Sehen mit dem Herzen, also glauben. Hartmann weist im Zuge dessen darauf hin, dass ebenfalls eine Verknüpfung von Verben des Sehens und Hörens als körperliche Wahrnehmungen und einer tieferen theologischen Ebene stattfindet, bei der ein Begreifen und ein Glauben impliziert ist.[13]

Auch Turid Karlsen arbeitet heraus, dass die Sinne und Sinneswahrnehmungen ein zentrales Motiv bei Johannes 20, 1-18 sind, da mehrere angesprochen werden. Sie nennt hier vor allem den Tastsinn, sowie das Hören und Sehen als bedeutsam. Maria erkenne Jesus erst, als er sie rufe. Deswegen wendet sie sich ihm zu, sieht ihn also auch. Durch ihre Verkündigungsbotschaft teilt sie so mit, dass sie gesehen und gehört habe.[14] Taschl-Erber sieht das Wortfeld Sehen ebenfalls als höchst bedeutsam an. Sie betont hier vor allem die „ verschiedenen, prägnant gesetzten Verben “ und ihre Wirkung auf den Text. Dieser könne „ als theologische Meditation dieses Themas “ skizziert werden: Maria kann deutet zunächst die Zeichen, die sie sieht, falsch, gelangt aber letztendlich doch zur Erkenntnis.[15] Alle Sinne bzw. Sinneserfahrungen werden in Joh 20, 1-18 angesprochen und führen zu einer Beschreibung des idealen JüngerInnentypus, der sich in Maria Magdalena zeigt. Hier nennt Taschl-Erber die zentralen Elemente Kommen, Sehen, Erkennen und Bezeugen als bei Joh verwendete Motivkette.[16] Auch Vorholt beschreibt das Erkennen als eines der Leitmotive in Joh 20, 14-17. Er weist darauf hin, dass die Schwierigkeiten Marias, Jesus zu erkennen, „ das Unglaubliche der Auferstehung “ widerspiegeln.[17] Sehen wird hier also als Metapher verwendet. Dies arbeitet auch Taschl-Erber heraus, die betont, dass das Sehen hier als Metapher für ein personales Begegnungsgeschehen diene.[18] Betrachtet man den Zusammenhang zwischen Sehen, Glauben und auch Hören genauer, lässt sich feststellen, dass die personale Wahrnehmung von Jesus alle Sinne umfasst, denn durch das Hören wird das Wort Gottes empfangen.[19]

4.2 Narrative Struktur Joh 20, 1-18

Die narrative Struktur des Textes lässt sich am besten erfassen, wenn man ihn in folgende Sinnabschnitte gliedert:

20, 1-2 Die Entdeckung des leeren Grabes durch Maria Magdalena

20, 3-10 Wettlauf zwischen dem Jünger, den Jesus liebte und Petrus ( à Einschubepisode)

20, 11-16 Erscheinung des Auferstandenen vor Maria Magdalena

20, 17 Verkündigungsauftrag

20, 18 Verkündigung der Auferstehung durch Maria Magdalena

Sie wird weiterhin hauptsächlich durch die Interaktion zwischen a) Maria und den beiden Jüngern, b) Maria und den beiden Engeln und c) Maria und Jesus bestimmt. Die Handlung beginnt mit dem (unmotiviertem) Gang Marias zum Grab. Aus welchen Gründen sie dies aufsuchen will, bleibt dem Leser verborgen. Sie sieht sodann, dass der Stein vor der Höhle entfernt wurde und schließt daraus, dass sich der Leichnam Jesu nicht mehr darin befindet. Der Leser erfährt dies durch die Mitteilung, die sie Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, macht. Es folgt der Wettlauf der Jünger mit der Entdeckung der Leichentücher und des fehlenden Schweißtuches. Jeder der drei sieht (oder sieht gerade nicht) etwas anderes: Maria den fehlenden Stein vor dem Grab, Petrus die Leichentücher und der Jünger, den Jesus liebte, das fehlende Schweißtuch. Später sieht dann Maria Jesus, sieht (erkennt) ihn aber zunächst nicht. Erst als Jesus Maria zusätzlich noch bei ihrem Namen ruft, erfolgt das Erkennen und sie erhält den Verkündigungsauftrag. Angemerkt sei an dieser Stelle noch nach Weidemann der Hinweis, der Leser könne durch die beachtliche Bedeutung, die den Rede- und Dialogkompositionen in JohEv zuteilwerden dazu verleitet werden zu glauben, dieses Evangelium sei gleichsam als Drama konzipiert worden. Dies sei allerdings keineswegs der Fall, da der Gesamtrahmen eines Evangeliums immer gewahrt bliebe und die dramatischen Elemente stets Untergattungen dieses narrativen Gesamtrahmens blieben.[20] Vorholt beschreibt als weiteren wichtigen Aspekt, wie stilistisch klug Maria von Johannes hervorgehoben wird. Er skizziere sie in ihrem Verhalten sowohl auktorial direkt (20,1.2.11f.14f.18) als auch explizit (20,2.11.14f.18) und implizit/figural (20,3.13.15.17). Deutlich werde im JohEv ebenfalls, dass der Verfasser sich kommentierend an seine Leserinnen und Leser wende. Er erzähle, wie die Synoptiker, im Rückblick. Der Wissensstand des Erzählers sei hoch, jedoch scheine er den des Lieblingsjüngers nicht zu übersteigen. Ein wichtiges stilistisches Mittel bei Johannes sei, wie er seinen LeserInnen die einzelnen Erzählfiguren exemplarisch vor Augen führe und ihnen auf diese Weise in der Reflexion der jeweiligen Glaubensgeschichte Identifikationsmöglichkeiten anzubieten. Dies werde durch eine Vielzahl von Innenperspektiven unterstützt. Zudem fördere Spannung die Empathie der LeserInnen.[21]

4.3 Pragmatische Analyse

Im Folgenden soll die Wirkung des Textes auf den Leser näher untersucht werden. Da sich eine Fülle von Interpretationen, Intentionen und Hinweise in Bezug auf Joh 20, 1-18 auftun, muss eine Auswahl getroffen werden. Der Stein, der sich vor dem Grab befinden sollte, hat laut Weidemann eine doppelte Funktion inne. Zum einen zeige er Maria an, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignet habe, zum anderen stelle er eine Verknüpfung zum Grab des Lazarus dar.[22] Kowalski weist darauf hin, die Entdeckung des leeren Grabes stecke voll nonverbaler Kommunikation, die vor allem in ihren Bewegungsdimensionen erfassbar sei. Sie weist im Sinne von Wolff darauf hin, dass Auferstehung ein ganzheitliches Geschehen sei, das die Menschen mit ihrem ganzen Sein erfasse. Dies ließe sich besonders gut an Maria Magdalena verdeutlichen. Ihr Gang zum Grab wandele sich zunächst aufgrund ihrer Entdeckung zu einem Lauf, an dessen Ende sie den beiden Jüngern davon berichtet. Sie sucht Hilfe und Menschen, die ihr das Geschehene deuten können. Laut Kowalski können die beiden Jünger jedoch gerade das nicht leisten und so verselbstständigt sich ihr Gang zum Grab und bleibt ohne Konsequenzen.[23] Taschl-Erber hingegen sieht in der Wettlaufszene zwei konkurrierende um das Grab kreisende Szenen, die jeweils eine unterschiedliche Aussageabsicht beinhalten. Während für den Jünger, den Jesus liebte, das leere Grab den Ausgangspunkt seiner Erkenntnis bilde, stelle es im Falle Marias eher einen schrittweisen Erkenntnisprozess dar, der erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen die entscheidende Wendung einnehme.[24] Taschl-Erber deutet Marias zweifache Umwendung als den Weg vom Weinen (V 11, 13, 15) zum Verkündigen (V18).[25] Hier wird ihr durch den Ruf Jesu bewusst, dass wahrhaftig er es ist, der vor ihr steht. In diesem Zusammenhang führt Kowalski aus, Kommunikation entstehe in Joh 20, 1-18 nicht nur durch nonverbale Kommunikation, sondern ebenfalls durch Bezüge, die Johannes zu anderen Geschehnissen herstelle. Sie hebt hervor, es gebe in Joh eine auf den ersten Blick nicht wahrzunehmende Kommunikation zwischen Gott und Mensch. Kommunikation finde deshalb im JohEv z.B. durch Orts-und Zeitangaben, durch Sinneswahrnehmungen und handelnde Personen sowie durch Sprache statt.[26] Durch die Ortswechsel und die Bewegungen, die die Personen in Joh 20,1-18 ausführen, wird Dynamik und Spannung erzeugt, die den Leser von Beginn an fesseln. Er wird auf eine spannende Reise genommen, an deren Ende die Auferstehungsbotschaft und der Osterglaube stehen. Dadurch, dass viele Sinneswahrnehmungen angesprochen werden, kann sich der Leser in die Figuren einfühlen. Zugleich bekommt er vom Erzähler einen Wissensvorsprung mitgeteilt[27], weiß also mehr als die dramatis personae. Vorholt zeigt auf, dass die Grabgeschichte in Joh 20, 1-18, die er in vier Teilszenen untergliedert[28], von einer Symbolebene unterlegt ist. Die innere Dynamik der Geschichte ziele auf die Begegnung Marias mit dem Auferstandenen und zeige besonders eindrücklich den Weg von Sehen bzw. Nicht-Sehen und Glauben.[29] Ebenfalls deutlich wird durch Vorholts Analyse der Wissensvorsprung, in den der Leser bei Joh gegenüber Maria Magdalena versetzt wird. Vorholt führt aus, dies geschehe durch die kunstvolle Erzählweise von Joh und durch die informative Notiz, dass Jesus in der Gestalt des Gärtners vor Maria steht, die dem Leser eben diesen Wissensvorsprung ermöglicht. Die gesamte Erzählung sei durch eine große Sympathie gegenüber Maria geprägt: Indem Jesus Maria beim Namen rufe, wisse er um ihre Geschichte, ihre Trauer und ihre Sorge – und mache sie zu einem neuen Menschen.[30]

[...]


[1] Vgl. Mendl 2015, S. 45.

[2] Vorbild, einsehbar unter: http://www.duden.de/rechtschreibung/Vorbild

[3] Fuchs 2007, S. 136.

[4] Haskins 1994, S. 24.

[5] Maisch 1996, S. 23f.

[6] Ruschmann 2002, S. 54f.

[7] Ruschmann 2003, S. 14f. u. a. Vor allem Maria Magdalena, eine „Sünderin“, und Maria von Bethanien. Die Vermischung dieser drei Figuren wurde gegen Ende des 6. Jhd. durch Papst Gregor endgültig, der die drei Genannten als ein und dieselbe Person festlegte. Ruschmann z.B. beschreibt diesen Verschmelzungsprozess, bei dem sich erste schriftliche Niederschläge ab dem vierten Jhd. Finden lassen, als einen sich Schritt für Schritt ereignenden, an dessen Ende die Festschreibung dieser „Mischgestalt“ durch Gregor den Großen steht.

[8] Polaschegg 2007, S. 222.

[9] Ruschmann 2003, S.33 f.

[10] Ruschmann 2002, S.111 ff.

[11] Vorholt 2013, S. 307.

[12] Ruschmann 2002, S. 113f.

[13] Hartenstein 2007, S. 70.

[14] Karlsen 2012, S. 231.

[15] Taschl-Erber 2012, S. 373.

[16] A.a.O., S. 375.

[17] Vorholt 2013, S. 282f.

[18] Taschl-Erber 2012, S. 373.

[19] Ruschmann 2002, S. 117.

[20] Weidemann 2004, S. 51.

[21] Vorholt 2013, S. 310ff.

[22] A.a.O., S. 455.

[23] Kowalski 2000, S. 114f.

[24] Taschl-Erber 2012, S. 373.

[25] Ebd., S. 375.

[26] Kowalski 2000, S.118 ff.

[27] Vorholt 2013, S. 283.

[28] Joh 20, 1-10; 3-10; 11-13 und 14-18.

[29] Vorholt 2013, S. 275.

[30] A.a.O., S. 283f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Maria Magdalena in Joh 20, 1-18. Jüngerin, Glaubensvorbild und Verkünderin
Hochschule
Universität Kassel  (Institut für katholische Theologie)
Veranstaltung
Lernen an biblischen Gestalten
Note
14
Autor
Jahr
2017
Seiten
21
Katalognummer
V414136
ISBN (eBook)
9783668647947
ISBN (Buch)
9783668647954
Dateigröße
583 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
maria, magdalena, jüngerin, glaubensvorbild, verkünderin
Arbeit zitieren
Christiane Melzer (Autor), 2017, Maria Magdalena in Joh 20, 1-18. Jüngerin, Glaubensvorbild und Verkünderin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414136

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