Handelte es sich aber bei den Notstandsplänen Schleichers um eine realistische Alternative zur Kanzlerschaft Hitlers? Um diese Frage einigermaßen beantworten zu können, muss neben der Untersuchung der Regierungspläne auch analysiert werden, wie mögliche Gegner planten, sich für den Fall des Notstandes zu verhalten.
Da ein potenzieller Gegner vor allem in der Arbeiterbewegung gesehen wurde, soll in dieser Hausarbeit untersucht werden, welche Haltung die Arbeiterbewegung zu den Staatsnotstandsplänen der Regierung Schleicher einnahm und ob sie Gegenmaßnahmen dazu erwog. Am Ende der Analyse soll dann eine Hypothese darüber aufgestellt werden, ob der Staatsstreich tatsächlich eine gangbare Alternative zur Kanzlerschaft Hitlers dargestellt hätte. Dafür sollen die Haltungen und Erwägungen von KPD und SPD als den beiden Reichstagsparteien der in sich nicht monolithischen Arbeiterbewegung und des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB) untersucht werden. Dabei liegt der Schwerpunkt der Analyse bei den beiden Parteien.
Zunächst sollen in einer historischen Einführung erläutert werden, warum Schleicher sich im Januar 1933 zur Proklamation des Staatsnotstandes entschloss und was dies genau bedeutete (2). Darauf folgt eine Betrachtung der Rolle der Arbeiterbewegung in den Notstandsplänen (3). Mit den Kenntnissen über die Maßnahmen der Regierung gegen die Arbeiter für den Fall des Widerstandes können die Erwägungen der letzteren über Widerstandsaktionen besser eingeschätzt werden. Daran schließt sich dann die Analyse der Haltungen und Erwägungen der Arbeiterbewegung an (4). Darauf folgen schließlich die Schlussfolgerungen (5), sowie das Quellen- und Literaturverzeichnis (6).
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Thematik
1.2 Materialgrundlage
1.2.1 Quellen
1.2.2 Fachliteratur
2 Präsidialsystem und Staatsnotstand
3 Die Arbeiterbewegung in der Notstandsplanung
3.1 Das Szenario
3.2 Maßnahmen gegen die Arbeiterschaft
3.3 Schleichers Einschätzung der Arbeiterschaft
4 Arbeiterbewegung versus Staatsnotstand
4.1 KPD
4.1.1 Massenstreiks gegen Staatsstreich, Regierung und Republik
4.1.2 Der Kampf gegen die „Sozialfaschisten“ hat Vorrang
4.2 SPD
4.2.1 Verbale Ablehnung und handlungspolitische Resignation
4.2.2 Abweichende Strömungen innerhalb der SPD
4.3 ADGB: Auf gleicher Linie mit der SPD
5 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Haltung der deutschen Arbeiterbewegung (KPD, SPD und ADGB) gegenüber den Staatsnotstandsplänen der Regierung Schleicher in der Endphase der Weimarer Republik und analysiert, inwieweit diese Organisationen effektive Gegenmaßnahmen planten.
- Analyse der Staatsnotstandspläne und der rechtlichen Rahmenbedingungen der Regierung Schleicher.
- Untersuchung der Maßnahmen zur Schwächung der Arbeiterbewegung durch Notverordnungen.
- Gegenüberstellung der Widerstandsstrategien von KPD und SPD im Ernstfall.
- Bewertung der Realisierbarkeit eines Staatsstreiches als Alternative zur Kanzlerschaft Hitlers.
Auszug aus dem Buch
3.2 Maßnahmen gegen die Arbeiterschaft
Hinsichtlich des oben geschilderten Szenarios zielten die Planungen der Regierungen Papen und Schleicher darauf, den „politischen Streik zu einer stumpfen Waffe“ zu machen und durch die Verhängung hoher Strafen bereits „im Keime“ zu ersticken.
Den Kern der sich gegen die Arbeiterbewegung und ihre Organisationen richtenden Maßnahmen bildeten die zum „Schutz lebensnotwendiger Betriebe“ vor allem vom Reichsinnenministerium ausgearbeiteten Notverordnungen. Der Begriff „lebensnotwendige Betriebe“ meinte „Betriebe, die der Versorgung der Bevölkerung mit Licht, Wärme oder Kraft dienen (...).“ Darüber hinaus wurde die Reichsregierung ermächtigt, weitere Betriebe ebenfalls „für lebensnotwendig zu erklären“, wodurch sie de facto eine Blankovollmacht erhielt.
Wer nun in einem solchen für „lebensnotwendig“ erklärten Betrieb zur Arbeitsniederlegung oder Aussperrung aufrufen sollte, einen solchen durch finanzielle oder andere Art unterstützten wollte oder auch nur die Arbeit verlangsamen sollte, musste nach dem Willen der Regierung im Ernstfall mit einer Geld- oder Haftstrafe rechnen. Sabotage sollte mit fünf Jahren Zuchthaus geahndet werden, und Paragraph vier der Notverordnung erlaubte es, verdächtige Personen in polizeilichen Gewahrsam zu nehmen: „Wer in den dringenden Verdacht einer Zuwiderhandlung gegen §1 oder §2 steht, kann im Interesse der öffentlichen Sicherheit in polizeiliche Haft genommen werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung ein, ob Schleichers Staatsnotstandspläne eine realistische Alternative zur Kanzlerschaft Hitlers darstellten und wie die Arbeiterbewegung darauf reagieren wollte.
2 Präsidialsystem und Staatsnotstand: Dieses Kapitel erläutert die Funktionsweise der Präsidialkabinette und definiert den Staatsnotstand als beabsichtigten Verfassungsbruch zur Umgehung parlamentarischer Mehrheiten.
3 Die Arbeiterbewegung in der Notstandsplanung: Der Abschnitt analysiert die staatlichen Planungen zur Bekämpfung der Arbeiterbewegung, insbesondere durch Notverordnungen gegen Streiks, sowie Schleichers Fehleinschätzung des Widerstandswillens.
4 Arbeiterbewegung versus Staatsnotstand: Hier wird detailliert untersucht, wie KPD und SPD auf die drohende Diktatur reagierten, wobei der Fokus auf den massiven strategischen Differenzen und der Resignation der SPD liegt.
5 Fazit: Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Arbeiterbewegung nicht in der Lage oder willens war, einen Staatsstreich durch offenen Widerstand zu verhindern, womit Schleichers Pläne in der Theorie als realisierbar gelten.
Schlüsselwörter
Weimarer Republik, Staatsnotstand, Kurt von Schleicher, Arbeiterbewegung, KPD, SPD, ADGB, Generalstreik, Präsidialsystem, Querfront, Notverordnung, Widerstand, Parlamentarismus, Staatsstreich, Sozialfaschismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Reaktion der maßgeblichen Organisationen der Arbeiterbewegung – KPD, SPD und ADGB – auf die Planungen des Reichskanzlers Kurt von Schleicher, im Januar 1933 einen Staatsnotstand auszurufen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Notstandspläne der Reichsregierung, die staatlichen Unterdrückungsmaßnahmen gegen Gewerkschaften und Parteien sowie die Haltung der genannten Organisationen zur parlamentarischen Demokratie und zum Widerstand.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage lautet, ob die Arbeiterbewegung konkrete Gegenmaßnahmen gegen einen drohenden Staatsstreich plante und ob Schleichers Staatsnotstand als tragfähige Alternative zur Machtübernahme Hitlers hätte fungieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde für diese Untersuchung verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Quellen- und Literaturanalyse, wobei primär Akten der Reichskanzlei, Parteidokumente der KPD und SPD sowie einschlägige geschichtswissenschaftliche Fachliteratur zur Endphase der Weimarer Republik herangezogen wurden.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die staatlichen Vorbereitungen zur Zerschlagung eines möglichen Generalstreiks und kontrastiert diese mit der tatsächlichen, weitgehend defensiven oder auf parteipolitische Kämpfe fokussierten Haltung der Arbeiterorganisationen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Staatsnotstand, Querfront, Generalstreik, Präsidialkabinett, Sozialfaschismus-These und Legalitätskurs geprägt.
Warum schätzte Schleicher den Widerstandswillen der Arbeiterbewegung als gering ein?
Schleicher basierte seine Einschätzung auf der Beobachtung, dass sowohl SPD als auch ADGB auf dem Boden der Legalität verharrten und durch parteiinterne Differenzen sowie die Furcht vor einer unkontrollierbaren Eskalation durch die KPD gelähmt waren.
Warum verhielt sich die SPD in der Endphase der Republik so passiv?
Die SPD-Führung war durch den Preußenschlag vom Juli 1932 resigniert und mied jedes Risiko eines gewaltsamen Widerstands, da sie einen machtpolitischen Kampf außerhalb der parlamentarischen Legalität ablehnte und eine Eigendynamik revolutionärer Unruhen fürchtete.
- Citation du texte
- Magister Artium Philipp Schneider (Auteur), 2002, Arbeiterbewegung und Staatsnotstand. Haltungen und Erwägungen von KPD, SPD und ADGB zu den Staatsstreichplänen der Regierung Schleicher, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414474