Der Dysphagie-Pass. Auswirkungen auf die Schnittstellenversorgung von Patienten in einer Klinik

Erhebung anhand einer qualitativen Längsschnittstudie


Bachelorarbeit, 2016

141 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Der ungestörte Schluckakt und das Störungsbild Dysphagie
2.2 Leitsymptome und Folgen von Dysphagien
2.3. Diagnostikmethoden
2.4 Skizzierung der funktionellen Dysphagietherapie n. Bartolome

3. Erläuterung des Dysphagie-Passes n. Rittig, Jäger 2015
3.1 Aufbau und Inhalte des Passes
3.2 Ziele des Dysphagie-Passes
3.3 Beleuchtung der Schnittstellenversorgung bei dysphagischen Patienten

4. Empirischer Teil
4.1 Ableitung der Forschungsfrage
4.2 Erläuterung des Studiendesigns
4.3 Auswahl und Akquise der Interview-Partner
4.4 Entwicklung der Interview-Fragen
4.5 Skizzierung der organisatorischen Rahmenbedingungen sowie des zeitlichen Ablaufs
4.6 Auswertung der erhobenen Daten

5. Ergebnisbeschreibung

6. Diskussion
6.1 Methodenkritik
6.2 Diskussion der Ergebnisse

7. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Anlage 1: Schematische Darstellung des Studienablaufs

Anlage 2: Interviewleitfaden zur Vorher-Messung

Anlage 3: Interviewleitfaden zur Nachher-Messung

Anlage 4: Demografische Angaben der Probanden

Anlage 5: Transkription der Prä-Interviews

Anlage 6: Transkription der Post-Interviews

Anlage 7: Auswertungstabellen: Erster Durchgang der Zusammenfassung

Anlage 8. Auswertungstabelle: Zweiter Durchgang der Zusammenfassung

Anlage 9: Kodierleitfaden

Anlage 10: Anschreiben zur Studienteilnahme

Anlage 11: Der Dysphagie-Pass

Anlage 12: Informationsflyer zum Dysphagie-Pass

Anlage 13: Informationsflyer zu Hintergrundinformationen der Studie

Danksagung

An dieser Stelle möchte ich all jenen danken, die durch ihre fachliche und persönliche Unterstützung zum Gelingen dieser Bachelorarbeit beigetragen haben.

Besonderer Dank gilt meiner Betreuerin, Frau Lena Spitzer (Logopädin, M. Sc.) für ihre tatkräftige fachliche aber auch emotionale Unterstützung.

Auch bei Frau Prof. Dr. Ulrike Oehmen möchte ich mich herzlich für die Zweitbetreuung bedanken.

Ein weiterer großer Dank gelten Frau Dr. rer. medic. Tanja Rittig und Frau Dr. Yvonne Bauer für ihre fachliche und materielle Unterstützung.

Vor allem bedanke ich mich bei den vier Experten, die sich zur Teilnahme an der Studie bereit erklärt haben. Mit Hilfe deren Beiträgen war die Erstellung der Arbeit in diesem Rahmen erst möglich.

Abschließend gilt mein besonderer Dank meiner Familie, insbesondere meinen Eltern Doris und Günther und meiner Schwester Sofia, die mich in jeder Situation motiviert und unterstützt haben.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Auswahlkriterien der Probanden

Tabelle 2: Vorstellung der Probanden anhand studienspezifischer Aspekte

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Schlucken ist ein komplexer, physiologischer Prozess, der für den Transport von Speichel, Flüssigkeit und Nahrung von Mundhöhle bis in den Magen zuständig ist (vgl. Richter 2010: 336). Dieser Ablauf ist für die meisten Menschen automatisiert, weshalb ihm kaum bis keine Aufmerksamkeit geschenkt wird. Allerdings gibt es auch zahlreiche Personen, deren Schluckakt aufgrund verschiedener Ursachen beeinträchtigt ist. Insbesondere neurologische Erkrankungen, wie Schlaganfall, Parkinson oder Demenz sind die häufigsten Ursachen einer Dysphagie (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9). Warnecke und Dziewas geben an, dass derzeit circa fünf Millionen Menschen in Deutschland an einer Schluckstörung leiden, darunter 50% mit neurologischen Grunderkrankungen (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9).

Die Versorgung dysphagischer Patienten in Akutkrankenhäusern, Rehabilitationskliniken, Pflegeeinrichtungen aber auch in der ambulanten Patientenversorgung spielt derzeit eine bedeutende Rolle (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9). Durch die zunehmende Bevölkerungsalterung in den nächsten Jahren wird neben einer stetigen Zunahme neurologischer Erkrankungen auch die Häufigkeit neurogener Dysphagien deutlich zunehmen (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9).

Im Hinblick dessen ist es umso essenzieller, die Prävention und Behandlung von Dysphagien zu optimieren, um negative Folgen, wie zum Beispiel eine Aspirationspneumonie, zu vermeiden. Hierbei spielt unter anderem die Schnittstellenversorgung von Patienten eine zentrale Rolle (► vgl. Kapitel 3.3). Um der Versorgung von Dysphagie-Patienten und dem interdisziplinären sektorenübergreifenden Dysphagiemanagement gerecht zu werden, entwickelten Rittig und Jäger ein entsprechendes Kommunikationsmedium, den Dysphagie-Pass (vgl. Rittig 2012: 18, ► Kapitel 3).

Der Dysphagie-Pass stellt derzeit ein wenig verbreitetes und wenig erforschtes Interventionsmedium dar. Die Einführungsphase im März 2011 von Rittig wurde nicht systematisch evaluiert, zeigte jedoch durchweg positive Rückmeldungen (vgl. Rittig 2012: 21). Ziele, die der Dysphagie-Pass verfolgt, wie beispielsweise eine verbesserte Patientenversorgung, Optimierung von Kommunikation, Kooperation und Transparenz sowie Vermeidung von Informationsverlust und unnötiger Kosten (vgl. Rittig 2012: 21) sprechen zudem für die weitere Evaluation des Passes (► vgl. Kapitel 4).

Angesichts dargestellter Aspekte behandelt diese Bachelorarbeit das Kommunikationsmedium Dysphagie-Pass mit der Fragestellung (► vgl. Kapitel 4.1), inwieweit sich eine Einführung des Dysphagie-Passes auf die Schnittstellenversorgung von Dysphagie-Patienten in einer Klinik auswirkt. Dieser Fragestellung wird mittels einer qualitativen Längsschnittstudie nachgegangen (► vgl. Kapitel 4.2).

Die Arbeit beinhaltet nach der Erläuterung des theoretischen Hintergrundes (► vgl. Kapitel 2), die detaillierte Beschreibung des Dysphagie-Passes (► vgl. Kapitel 3.1 und 3.2) sowie die Skizzierung der Schnittstellenversorgung dysphagischer Patienten (► vgl. Kapitel 3.3).

Im empirischen Teil werden neben Ableitung der Forschungsfrage (► vgl. Kapitel 4.1), das Studiendesign (► vgl. Kapitel 4.2), die organisatorischen Rahmenbedingungen sowie der zeitliche Ablauf (► vgl. Kapitel 4.5), die Auswahl und Akquise der Interview-Partner (► vgl. Kapitel 4.3), die Entwicklung der Interview-Fragen (► vgl. Kapitel 4.4) und deren Auswertung (► vgl. Kapitel 4.6) beschrieben.

Nach der Ergebnisbeschreibung (►vgl. Kapitel 5) behandelt die Arbeit den Aspekt der Methoden- und Ergebnisdiskussion (►vgl. Kapitel 6). Den Abschluss bilden ein Fazit und ein Ausblick mit entsprechenden Handlungsempfehlungen für künftige Forschungen wie auch für die Praxis (►vgl. Kapitel 7).

2. Theoretischer Hintergrund

2.1 Der ungestörte Schluckakt und das Störungsbild Dysphagie

„Der Schluckvorgang wird definiert als Transport von Nahrung, Flüssigkeit, Speichel und Sekret aus der Mundhöhle durch den Rachenraum und die Speiseröhre bis zum Magen. …“ (Bartolome, Neumann 2006: 16). Der Schluckakt erfolgt hierbei teils willentlich, teils reflektorisch und ist eine Kombination aus motorischen und sensiblen Abläufen (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 7). Das Schlucken zählt zu den häufigsten Bewegungsvorgängen unseres Körpers und ist somit von großer Bedeutung (vgl. Bartolome, Neumann 2006: 16).

Der normale Schluckvorgang wird in insgesamt vier Phasen unterteilt: Die orale Vorbereitungsphase, die orale Phase, die pharyngeale Phase und die ösophageale Phase. Die orale Vorbereitungsphase dient der Nahrungsaufnahme sowie -zerkleinerung und der adäquaten Bolusformung. Dieser Prozess ist willentlich beeinflussbar und die Dauer somit individuell abhängig. Die anschließende Bolusbeförderung in den Oropharynx findet in der oralen Phase statt, wobei der Prozess willentlich ausgelöst wird und der Ablauf reflektorisch ist. Die pharyngeale Phase ist vollständig reflektorisch und dient dem Bolustransport durch den Pharynx bei gleichzeitigem Schutz der Atemwege. Die letzte Phase, die ösophageale Phase, ist mit einer Dauer von mehr als 20 Sekunden die längste. Hier durchquert der Bolus den Ösophagus bis zum Mageneingang mittels eines vollständig reflektorischen Ablaufs (vgl. Prosiegel, Werber 2013: 8ff.).

Durch bestimmte Grunderkrankungen kann der physiologische Schluckvorgang gestört werden, wodurch eine Schluckstörung bzw. Dysphagie entstehen kann. Insbesondere neurologische Erkrankungen, wie Parkinson, Demenz oder Schlaganfall sind die häufigsten Ursachen einer Schluckstörung (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9). Vor allem beim Schlaganfall liegt die Prävalenz bei circa 50% in der Akutphase und circa 25% in der chronischen Phase (vgl. Prosiegel, Buchholz 2006: 52). Neben neurologischen Grunderkrankungen können aber auch operative Eingriffe, Medikamente oder psychogene Erkrankungen Auslöser einer Dysphagie sein (vgl. Prosiegel, Buchholz 2006: 52ff.). Eine Dysphagie kann verschieden stark ausgeprägt sein und somit unterschiedliche Symptome und Folgen aufzeigen.

2.2 Leitsymptome und Folgen von Dysphagien

Bei einer Dysphagie werden grundsätzlich vier Leitsymptome unterschieden: Leaking/ Pooling, Residuen, Penetration und Aspiration.

„Leaking (engl. Leck/ leckschlagen) ist das unkontrollierte vorzeitige Entweichen/ Entgleiten oraler Bolusteile – entweder nach vorn, also aus dem Mund (anteriores Leaking) oder nach hinten in den Rachenraum (posteriores Leaking). Das posteriore Leaking wird auch als Pooling (engl. Ansammlung/ sich ansammeln) bezeichnet.“ (Prosiegel, Weber 2013: 36). Die häufigsten Ursachen dieser Symptomatik sind verminderte orofaziale Kontrolle, orofaziale Sensibilitätsstörungen, Beeinträchtigung der orolingualen Boluskontrolle, verspätete Schluckreflextriggerung oder linguale Hyperkinesen (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 36f.).

Ein weiteres Leitsymptom sind Residuen. Unter Residuen versteht man verbliebene Bolusreste unter anderem in den Wangentaschen, Vallecule, Sinus piriformes oder Pharynxwand nach ausgelöstem Schluckakt. Diese Bolusreste können folglich in den Kehlkopfeingang eintreten (postdeglutitiv penetrieren) oder im schlimmsten Fall in die Luftröhre gelangen (postdeglutitiv aspirieren). Je nach Lokalisationsort sind unterschiedliche Ursachen gegeben. Muskelschwächen, Sensibilitäts- und Bewegungsstörungen sowie Öffnungsstörungen des oberen Ösophagusshinkters zählen zu den wichtigsten Ursachen (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 37ff.).

Penetration kann sowohl laryngeal als auch nasal erfolgen. Eine laryngeale Penetration beschreibt das Eintreten von unter anderem Speichel, Speiseresten oder Flüssigkeiten in den Kehlkopfeingang, ohne die Stimmlippen zu passieren. Unter nasaler Penetration, auch bezeichnet als Regurgitation, versteht man das Eindringen von oben genannten Materialien in den Nasenraum. (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 39ff.). Bartolome et al. beschreiben Regurgitation auch als „retrograde Bewegungen der ösophagealen Muskulatur, die sogar ein Wiederauswürgen aus der Speiseröhre in den Rachen, Mund und/ oder Kehlklopf bewirken kann“ (Bartolome et al. 2006: 462). Die wichtigsten Ursachen einer laryngealen Penetration sind ein beeinträchtigter Schlussmechanismus der Aditus laryngis, ein gestörter Taschenfaltenschluss oder eine unzureichende Öffnung des oberen Ösophagussphinkters (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 39ff.). Eine häufige Folge der laryngealen Penetration ist eine Aspiration (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 40).

Die Aspiration ist das gefährlichste Symptom einer Schluckstörung. Bei ihr dringen unter anderem Speichel, Flüssigkeiten oder Speisereste in die Luftwege unterhalb der Stimmlippenebene, das heißt in die Trachea ein. Folgen können Luftnot, Erstickungsgefühl oder sogar Ersticken sein. Aspirationen können auch still, das heißt unbemerkt verlaufen (Prosiegel, Weber 2013: 41ff.).

Häufige Folgen einer Schluckstörung können Malnutration, Dehydration, Lungenentzündungen, Abhängigkeit von Sondenernährung und/oder von Trachealkanülen, eingeschränkte Lebensqualität bis hin zum Tod aufgrund dysphagiebedingter Aspirationspneumonien sowie die Verursachung hoher Kosten für das Gesundheitssystem, sein (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 82ff, DGN 2012).

Angesichts dieser Gegebenheiten stellen unter anderem ausführliche diagnostische Verfahren zur frühzeitigen Identifikation von Schluckstörungen einen bedeutenden Aspekt der Dysphagiebehandlung dar.

2.3. Diagnostikmethoden

Damit eine Dysphagie frühzeitig erkannt und entsprechend darauf reagieren werden kann, sind spezifische Diagnostikmethoden notwendig. Standardisierte Vorgehensweisen und Beurteilungsschemata für die klinische Diagnostik fehlen derzeit allerdings noch (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 36).

Als initiales Diagnostikinstrument sollen Screeningverfahren durchgeführt werden. Das Ziel eines Schluckscreenings besteht darin, mit einfachen Mitteln rasch und möglichst zuverlässig aspirationsgefährdete Patienten zu identifizieren. Auf Grundlage dessen können vorübergehende Maßnahmen und weitere Diagnostikverfahren eingeleitet werden (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 36). Derzeit sind zahlreiche individuelle Screeningverfahren in Gebrauch, standardisierte Versionen existieren im deutschsprachigen Raum jedoch noch nicht (Ickenstein et al. 2012: 190). Die Herausforderung besteht darin, eine Testbatterie mit ausreichender Sensitivität (> 80-90%) und Spezifität (> 50%) sowie zügiger Durchführbarkeit zu finden (vgl. Warnecke, Dziewas 2013:36). Das Gugging Swallowing Screen (GUSS) nach Trapl et al. sowie das Standardized Swallowing Assessment (SSA) nach Perry werden aufgrund ihrer hohen Sensitivität und Spezifität in mehreren Arbeiten als qualifizierte Tools zur frühzeitigen Erkennung von Dysphagien dargestellt (vgl. Park et al. 2015: 11). Zudem wird das Standardisierte Schluckassessment (SSA) nach Perry in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) als geeignetes Screeninginstrument empfohlen (vgl. DGN 2012).

Zeigt das Eingangsscreening Auffälligkeiten, vor allem im Sinne einer Aspirationsgefährdung, wird eine klinische Schluckuntersuchung (KSU) arrangiert (vgl. Ickenstein et al. 2012: 190). Die KSU fällt in den Aufgabenbereich entsprechend geschulter Logopäden (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 42). Im Rahmen der KSU wird eine Eigen- oder Fremdanamnese idealerweise vor dem Hintergrund der International Classication of Functioning, Disability and Health (ICF) durchgeführt (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 116f.). Ziel der KSU ist eine erste Einschätzung des Störungsmusters, dessen Schweregrad sowie der Pathologie der Dysphagie zu erhalten (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 36), so kann beispielsweise ein SBS-Wert (Schluckbeeinträchtigungsscore) bzw. ein BODS-Wert (Bogenhausener Dysphagiescore) vergeben werden (vgl. Ickenstein et al. 2012: 190f.). Mit Hilfe der Ergebnisse der KSU sollen weitere apparative Untersuchungsverfahren bestimmt werden (vgl. Ickenstein et al. 2012: 191).

Werden pathologische Schluckvorgänge während der KSU erkannt, ist der Einsatz von apparativen Diagnostiken indiziert. Die beiden wichtigsten Verfahren der instrumentellen Diagnostik sind derzeit die videoendoskopische (Fiberoptische endoskopische Evaluation des Schluckaktes (FEES)) und die videoflouroskopische (Videofluoroskopische Evaluation des Schluckaktes (VFSS)) Untersuchung (vgl. Prosiegel et al. 2012: 1596). Durch detaillierte Untersuchungen erfolgt die Festlegung eines Wertes beispielsweise anhand der Penetrations-Aspirationskala (PAS) nach Rosenbek oder dem Münsteraner Dysphagiescore (FEDSS) (Ickenstein et al. 2012: 191) wodurch weitere therapeutische Maßnahmen bestimmt werden können.

2.4 Skizzierung der funktionellen Dysphagietherapie n. Bartolome

Bartolome entwickelte bei der Therapie dysphagischer Patienten drei grundlegende Verfahren zur funktionellen Dysphagietherapie (FDT). Es werden restituierende, kompensatorische und adaptive Therapieverfahren unterschieden (vgl. Bartolome 2006: 245ff.). Der Grundgedanke der restituierenden Therapieverfahren ist das aktive wiederholte Üben des erwünschten Bewegungsablaufs. Traditionelle Behandlungskonzepte dieses Verfahrens sind beispielsweise die entwicklungsneurologische Behandlung nach Bobath oder die propriozeptive neuromuskuläre Faszilitation (PNF) nach Kabat (vgl. Bartolome et al. 2006: 251). Kompensatorische Therapieverfahren haben als Ziel, das Schluckverhalten zu verändern. Dies kann mit Hilfe von Haltungsänderungen oder Schlucktechniken erzielt werden (vgl. Bartolome et al. 2006: 326ff.). Neben den oben genannten Verfahren ist die adaptive Methode ebenfalls von großer Bedeutung für die Behandlung von Dysphagiepatienten. Im Gegensatz zu restituierenden und kompensatorischen Therapieverfahren wird bei adaptiven Methoden die Umwelt des Patienten an die Defizite angepasst. Dieses Verfahren erfordert keine speziellen Lernleistungen. Adaptive Verfahren können durch diätische Maßnahmen, spezielle Platzierung der Nahrung, Trink- und Esshilfen sowie Essensbegleitung realisiert werden (vgl. Bartolome et al. 2006: 336ff.). Eine detaillierte Beschreibung der einzelnen Therapiemethoden wird in dieser Arbeit nicht erläutert.

Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit bei der Betreuung dysphagischer Patienten ist zudem von großer Bedeutung, weshalb eine enge Kooperation zwischen Logopäden, Ärzten, Pflegepersonal, Diätassistenten, Ergo- und/ oder Physiotherapeuten, Psychologen und dem Sozialdienst erforderlich ist (vgl. Prosiegel, Weber 2013: 125ff.). Dem Aspekt der Kommunikation zwischen den beteiligten Sektoren kommt somit ein bedeutender Stellenwert zu.

3. Erläuterung des Dysphagie-Passes n. Rittig, Jäger 2015

3.1 Aufbau und Inhalte des Passes

Der Dysphagie-Pass ist ein Geheft in DIN A5 Format, bestehend aus folgenden Bestandteilen: Deckblatt, Erläuterungen, Gesundheitszustand des Patienten, Dokumentationsbogen – Klinische Untersuchung, Dokumentationsbogen - Apparative Untersuchung, Therapieprotokoll, Schluck-Diätplan sowie Anleitung zur Aufbereitung von Arzneimitteln bei Dysphagie (vgl. Rittig 2012: 18).

Das Deckblatt beinhaltet neben Angaben zur Person, die Angabe der jeweiligen Krankenkasse sowie des behandelnden Arztes und gegebenenfalls Bezugspersonen oder gesetzliche Betreuer (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 1).

In der Rubrik Erläuterungen werden neben der Begriffsdefinition Dysphagie die Penetrations-Aspirations-Skala (PAS) nach Rosenbek, der Schluckendoskopie-Schweregrad-Score nach Warnecke und Dziewas sowie die Schluck-Beeinträchtigungs-Skala (SBS) aus den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurotraumatologie und klinische Neurorehabilitation (DGNKN) aufgeführt. Zudem werden Messwerte zum Wadenumfang (WU), Body-Mass-Index (BMI), Barthel Index (BI), Ganggeschwindigkeit über 4 Meter (GG), Handkraftmessung (HK) sowie Ernährung angegeben (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 3f.).

Im Anschluss wird der Gesundheitszustand des Patienten ausführlich dargestellt. Nach Angaben zu Hauptdiagnose und gegebenenfalls Sekundärdiagnosen, beinhaltet der Pass eine Listung von Medikamenten, die den Schluckakt negativ beeinflussen können. Im Anschluss daran werden Daten zu Gewicht, Körpergröße, BMI, BI, HK, WU, GG sowie sonstigen Aspekten vermerkt (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 5).

Die folgenden Seiten des Dysphagie-Passes beinhalten Dokumentationsbögen hinsichtlich klinischer und apparativer Untersuchungen. Hierbei gilt es Aspekte wie Datum der Untersuchung, durchgeführte Untersuchung, Untersucher und dessen Institution, Diagnose, Gewicht und SBS zu notieren. Innerhalb apparativer Untersuchungen sollten zusätzlich Angaben zur PAS sowie FEDSS notiert werden (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 6f.).

Ein Therapieprotokoll befindet sich auf den darauffolgenden Seiten. Hierin werden Therapieinhalte, Ziele sowie der Therapie-Verlauf und sonstige Bemerkungen von dem behandelnden Logopäden eingetragen. Zudem werden der handelnde Therapeut mit Telefonnummer und Institution vermerkt. Das Eintragen dieser Daten wird stets aktualisiert (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 8f.).

Der Dysphagie-Pass beinhaltet zusätzlich einen Schluck-Diätplan mit einer Einteilung der Dysphagie-Koststufen sowie Anweisungen für die Küche. Im Dysphagie-Pass werden insgesamt vier Koststufen unterschieden. Außerdem können Angaben zur Vergabe von Flüssigkeiten, Besonderheiten wie beispielsweise Diabetes mellitus oder Lactoseintoleranz und kompensatorischen bzw. adaptiven Maßnahmen notiert werden (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 10).

Zuletzt ist dem Pass eine Anleitung zur Aufbereitung von Arzneimitteln bei Dysphagien beigefügt. Hierbei wird zunächst zwischen Patienten mit und ohne Sonden unterschieden und aufgeführt, welche Sonden die Patienten haben. Anschließend können Arzneimittel, Stärke sowie Darreichungsform vermerkt werden. Hierbei ist zu beachten, ob die Arzneimittel teilbar, mörserbar, suspendierbar oder flüssig-oral verfügbar sind. Auch sollte die Bestätigung von einem Apotheker sowie der verantwortlichen Pflegekräfte notiert werden (vgl. Dysphagie-Pass 2015: 11).

Den Abschluss des Passes bilden eine Werbung des Pharmakonzerns Infectopharm Arzneimittel und Consilium GmbH mit der Marke GeriaSan. Zudem wurde ein Impressum beigefügt.

3.2 Ziele des Dysphagie-Passes

Der Dysphagie-Pass verfolgt eine Vielzahl unterschiedlicher Ziele. Das Hauptziel des Passes besteht jedoch in der verbesserten Versorgung schluckgestörter Patienten (vgl. Rittig 2012: 118ff.).

Durch den adäquaten Einsatz des Passes sollen unnötige Kosten und Komplikationen durch Mehrfachuntersuchungen und ungezielte Behandlungsansätze vermieden werden (vgl. Rittig 2012: 18). Zudem sollen Prozess- und Ergebnisqualität optimiert werden, wodurch eine Verbesserung der Lebensqualität, Autonomie und Compliance der Betroffenen erlangt werden kann (vgl. Rittig 2012: 18). Auch sollen Kommunikation, Kooperation und Transparenz sowie medizinisch multidisziplinäre Versorgungsstrukturen erweitert werden (vgl. Rittig 2012: 21). Der Dysphagie-Pass ermöglicht ebenfalls eine ausführliche Verlaufsdokumentation. Dadurch sind gezielte Anpassungen der Interventionen an aktuelle Beeinträchtigungen aber auch Fähigkeiten möglich (vgl. Rittig 2012: 21). Im Zuge dessen sollen unnötige Diäteinschränkungen und damit verbundene Beeinträchtigungen der Lebensqualität vermieden werden (vgl. Rittig 2012: 21). Mit Hilfe des Dysphagie-Passes sollen unnötige Doppeluntersuchungen, welche hohe Kosten für das Gesundheitssystem sowie eine zusätzliche Belastung für den Patienten verursachen, vermieden werden (vgl. Rittig 2012: 21). Ebenfalls sollen unnötige Therapien sowie Therapienebenwirkungen durch gezielte Diagnostiken und Effektivitätskontrollen reduziert werden (vgl. Rittig 2012: 21). Die Beschreibung, Festhaltung und gegebenenfalls Vermeidung von Sekundärkomplikationen stellen einen weiteren Zielaspekt des Passes dar (vgl. Rittig 2012: 21). Das Interventionsmedium soll die Eigenverantwortlichkeit und Mitarbeit von Patienten und Angehörigen verbessern (vgl. Rittig 2012: 21). Durch ein verbessertes Störungsbewusstsein sowie unter Einhaltung sicherer Diäten sollen Pneumonien reduziert werden (vgl. Rittig 2012: 21).

Rittig betont, dass nach der Einführungsphase durch das verbesserte Bewusstsein für das Störungsbild Dysphagie, vor allem im ambulanten Bereich, die Identifikation von Schluckstörungen zugenommen hat. Auch hat sich die Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Therapeuten erweitert. Immer mehr werden Re-Checks zur Beurteilung der Therapieeffektivität durchgeführt, um somit weitere notwendige Therapiemaßnahmen planen zu können. Die ausführliche Berichterstattung innerhalb des Dysphagie-Passes wurde im therapeutischen Bereich als positive Resonanz bemerkt (vgl. Rittig 2012: 21).

Der Dysphagie-Pass „sensibilisiert alle Beteiligten für das Störungsbild Dysphagie und erleichtert wesentlich die Zusammenarbeit“ (Rittig 2012: 21). Durch den gezielten Einsatz des Mediums Dysphagie-Pass sollen Informationsverluste verringert und die Behandlung von Dysphagiepatienten optimiert werden (vgl. Rittig 2012: 21).

3.3 Beleuchtung der Schnittstellenversorgung bei dysphagischen Patienten

Das deutsche Gesundheitssystem zählt laut Amelung et al. weltweit zu den leistungsfähigsten aber auch teuersten (vgl. Amelung et al. 2006: v). Neben zahlreichen Vorteilen zeigt das Gesundheitssystem aber auch deutliche Nachteile auf. Ein gravierender Nachteil ist die unzureichende Verzahnung einzelner Sektoren untereinander (vgl. Greiling, Dudek 2009: 15). Die derzeit bestehenden starren Sektorengrenzen sind effizienzhemmend und führen gleichzeitig zu Qualitätsproblemen in der Schnittstellenversorgung (vgl. Amelung et al. 2006: 25). Die Schnittstellenversorgung soll jedoch eine Übergangs- und Verbindungsstelle zwischen, im Prozess verbundenen Einheiten, Abteilungen oder Mitarbeitern mit deren jeweiligen Aufgabenbereichen ermöglichen (vgl. Greiling, Dudek 2009: 68). Angesichts dessen nimmt die Arbeit im interdisziplinären Team einen zentralen Aspekt im Schnittstellenmanagement ein. Freis et al. beschreiben vor allem den ausführlichen Kommunikationsprozess als Basis einer gelungenen interdisziplinären Arbeit (vgl. Freis et al. 2007: 11). Kommunikation aber auch Dokumentation stellen entscheidende Elemente für die Vermeidung von Komplikationen dar (vgl. Rittig 2012: 18). Dieser Prozess erweist sich jedoch unter anderem aufgrund getrennter Zuständigkeitsbereiche häufig als problematisch (vgl. Greiling, Dudek 2009: 71). Somit ist allen Beteiligten derzeit bewusst, dass eine Reformation dringend notwendig ist (vgl. Amelung et al. 2006: v). Vor allem vor dem Hintergrund des Wandels des Krankheitsspektrums ist eine Förderung von Kommunikation, Kooperation und Koordination dringend notwendig, um eine Qualitätssteigerung und Kostenreduktion zu erzielen (vgl. Amelung et al. 2006: 25). Die Reduzierung anfallender Kosten im Gesundheitssystem nimmt einen immer höheren Stellenwert ein. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) wurden im Jahr 2014 328 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben, was einen Anstieg von 13,3 Milliarden im Vergleich zum Vorjahr bedeutet (vgl. Statistisches Bundesamt 2016).

In Hinblick auf die Behandlung und Schnittstellenversorgung dysphagischer Patienten entwickelten Rittig und Jäger das Medium Dysphagie-Pass. Mit Hilfe dessen soll eine verbesserte Schnittstellenversorgung für Dysphagie-Patienten ermöglicht werden. Das Medium Dysphagie-Pass dient dazu, sektorenübergreifend relevante Informationen aus essenziellen Bereichen der Dysphagiebehandlung für alle Betroffenen transparent zu machen, die Prozess- und Ergebnisqualität zu verbessern sowie unnötige Kosten zu vermeiden (vgl. Rittig 2012: 18f.).

4. Empirischer Teil

4.1 Ableitung der Forschungsfrage

Circa fünf Millionen Menschen in Deutschland leiden derzeit an einer Schluckstörung. Angesichts der Auswirkungen des demografischen Wandels und der damit verbundenen Überalterung der Bevölkerung wird ein Anstieg neurologischer Erkrankungen prognostiziert. Deshalb wird dem Störungsbild Dysphagie zukünftig ein noch größerer Stellenwert zukommen (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9).

Die Dysphagiebehandlung hat sich im vergangenen Jahrzehnt bereits rapide positiv weiterentwickelt (vgl. Warnecke, Dziewas 2013: 9). Ickenstein et al. betonen dabei die zunehmende Entwicklung des Dysphagie-Managements innerhalb der neurologischen Komplexbehandlung auf Stroke Units (vgl. 2012: 188). Zudem entwickelte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) sowie die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft bereits Expertenempfehlungen im Bereich des Dysphagie-Managements (vgl. Prosiegel et al. 2012: 1590). Ein wesentlicher Aspekt eines optimalen Dysphagie-Managements ist die Arbeit im interdisziplinären Team, idealerweise bestehend aus Logopäden, Pflegekräften, Ärzten, Ernährungsfachkräften und Ergo- oder Physiotherapeuten (vgl. Martino et al. 2011: 53). Gleichzeitig treten jedoch durch die Arbeit im interdisziplinären Team Probleme innerhalb der Schnittstellenversorgung auf. Aufgrund der starren Sektorengrenzen und dem dadurch fehlendem Austausch entstehen Qualitätsprobleme in der Schnittstellenversorgung (vgl. Amelung et al. 2006: 25). Umso nötiger sind deshalb kontinuierliche Kommunikationsprozesse zwischen den Sektoren. Rittig beschreibt die Kommunikation aber auch Dokumentation als entscheidende Elemente für die Vermeidung von Komplikationen. Angesichts dieser Tatsache hat Rittig das Interventionsmedium Dysphagie-Pass entwickelt. Dieser soll die multiprofessionelle Versorgungsqualität am Übergang zwischen verschiedenen Versorgungsebenen optimieren. Er soll somit als Informations- und Dokumentationsmedium für verschiedene Berufsgruppen dienen (vgl. Rittig 2012: 18).

Ursprüngliches Ziel des Passes ist, alle Beteiligten für das Störungsbild Schluckstörungen zu sensibilisieren und somit letztendlich den Behandlungsprozess zu optimieren (vgl. Rittig 2012: 21) Seit der Einführungsphase im März 2011 im Raum Dinslaken fand trotz positiver Resonanzen bis zum jetzigen Zeitpunkt allerdings noch keine systematische Evaluation der Funktionalität des Dysphagie-Passes statt (vgl. Rittig 2012: 21).

Die Frage, inwieweit sich die Einführung des Dysphagie-Passes auf die Schnittstellenversorgung von Dysphagie-Patienten in einer Klinik auswirkt, soll deshalb im Rahmen dieser Arbeit behandelt werden. Die Ergebnisse wurden mittels einer qualitativen Längsschnittstudie erhoben.

4.2 Erläuterung des Studiendesigns

Die Durchsicht relevanter Fachliteratur ergab keine eindeutigen empirischen Ergebnisse (vgl. Diekmann 2011: 186) zu Auswirkungen der Einführung des Dysphagie-Passes auf die Schnittstellenversorgung von Dysphagie-Patienten in einer Klinik. In Folge dessen wurde im Rahmen der Bachelorarbeit eine eigene Untersuchung durchgeführt (►vgl. Anlage 1). Die Wahl des Studiendesigns geschah vor dem Hintergrund der Forschungsfrage (►vgl. Kapitel 4.1). Bei der angewandten Erhebungsart handelt es sich um die Durchführung leitfadengestützter qualitativer Experteninterviews vor und nach einer Intervention mit insgesamt vier Experten (►vgl. Kapitel 4.3). Für die Evaluation wurde ein Längsschnittdesign gewählt, um den Vorher-Nachher-Effekt zu testen. (vgl. Beushausen, Grötzbach 2011: 14).

Das Ziel der Studie besteht in einer ausführlichen Informationssammlung und Hypothesengenerierung zu dem Interventionsmedium Dysphagie-Pass sowie dem Themengebiet Dysphagie, weshalb der Einsatz einer qualitativen Methode als geeignet erschien. Angesichts dessen wurde eine explorative Studie durchgeführt, da die vorliegende Fragestellung ein derzeit wenig erforschtes Themengebiet mit bislang wenig bekannten Ursachen-Wirkungsbeziehungen darstellt (vgl. Borgetto et al. 2016: 27). Das Ziel explorativer Verfahren besteht unter anderem in einer ersten Orientierung sowie in der Hypothesengenerierung (vgl. Bogner 2014: 23). In explorativen Studien werden vorzugsweise qualitative Interviews mit ausgewählten Personen, so genannte Experteninterviews empfohlen (vgl. Diekmann 2011: 34), weshalb in der vorliegenden Studie diese Methode zum Einsatz kommt. Experteninterviews sind insbesondere gekennzeichnet durch die spezielle Auswahl und den Status der Befragten (vgl. Helffrich 2014: 559, ►vgl. Kapitel 4.3). Im Rahmen der Studie wurden Experteninterviews mit offenen Fragetypen durchgeführt. Mittels dieser Methode sollen möglichst detaillierte und valide Informationen erlangt werden (vgl. Diekmann 2011: 532)

Qualitative Verfahren werden laut Diekmann als alternative, eigenständige Methoden zur Erhebung und Auswertung von Daten beschrieben (vgl. Diekmann 2011: 532). Laut der Forschungspyramide von Borgetto et al. kann die vorliegende Studie dem qualitativ-beobachtenden Studiendesign zugeordnet werden, da alltagsnahe Beschreibungen von komplexen Ursachen-Wirkungsbeziehungen dargeboten werden (vgl. Borgetto et al. 2016: 27). So werden im Hinblick auf die Studie sowohl die Einführungsphase als auch die Auswirkungen des Dysphagie-Passes auf die Schnittstellenversorgung von Patienten im klinischen Alltag eruiert, woraufhin positive oder negative Rückschlüsse gezogen werden.

Interviews werden nach dem Grad der Strukturierung oder Standardisierung unterschieden, wobei es sich um ein Kontinuum von vollständig strukturiert bis hin zu unstrukturiert, offen handelt (vgl. Diekmann 2011: 437). Die vorliegende Studie stellt mit dem Medium Experteninterview eine eher weniger strukturierte Interviewtechnik dar (vgl. Diekmann 2011: 438). Bei Experteninterviews handelt es sich stets um teilstrukturierte Interviews meist mit Leitfadencharakter (vgl. Bogner 2014: 27). Der Leitfaden dient der inhaltlichen und methodischen Vorbereitung der Erhebung und stellt in der Gesprächssituation eine Art Gedächtnisstützte dar (vgl. Bogner 2014: 28), lässt aber noch genügend Raum für offene Fragen oder Anpassungen an die Gesprächssituation und den Gesprächspartner.

Aufgrund des hohen Umfangs und Zeitaufwands werden qualitative Studien häufig mit relativ kleinen Stichproben durchgeführt (vgl. Diekmann 2011: 532, ►vgl. Kapitel 4.3), diese können jedoch sehr detailliert ausgewertet werden. Angesichts dessen wurde die Studie mit insgesamt vier Interviewpartnern durchgeführt.

4.3 Auswahl und Akquise der Interview-Partner

Die Auswahl und Akquise der Interview-Partner wurde von der Studienleitung, welche gleichzeitig den Part der Interviewerin übernimmt, durchgeführt. Bei der Auswahl geeigneter Personen stand die Frage der Eignung im Mittelpunkt (►vgl. Tabelle 1). Folglich wurde diskutiert, welche Personen sachkundig sind und über entsprechendes Spezialwissen zur Beantwortung der entwickelten Fragen verfügen (vgl. Bogner 2014: 9). Die Auswahl der zu befragenden Personen orientierte sich in erster Linie an der Forschungsfrage (vgl. Bogner 2014: 34). Somit wurden Personen, die regelmäßig an der Versorgung von Dysphagie-Patienten beteiligt sind ausgewählt. Daraufhin wurde sich mit den verschiedenen Tätigkeitsbereichen der im interdisziplinären Dysphagie-Team mitwirkenden Beteiligten befasst. Hierbei stellte sich heraus, dass vor allem Pflegekräfte eine zentrale Rolle bei der Versorgung dysphagischer Patienten einnehmen. Aufgrund ihres Aufgabenfelds und der intensiven Überwachung von Dysphagie-Patienten beschreibt Martino et al. das Pflegepersonal sogar als „Schlüsselfigur des Dysphagie-Teams“ (vgl. Martino et al. 2011: 55), Pflegekräfte stellen somit eine Expertengruppe dar, die über spezifisches Praxis- und Erfahrungswissen für einen genau definierten Problemkreis verfügen. Ihr Wissen gilt in besonderer Weise als praxiswirksam und somit orientierungs- und handlungsleitend für andere Akteure (vgl. Bogner 2014: 13f.). Mieg und Näf beschreiben einen Experten zudem als „jemand, der/ die aufgrund langjähriger Erfahrung über bereichsspezifisches Wissen/ Können verfügt“ (Mieg, Näf 2005: 7).

Um den Ablauf der Studie besser kontrollieren zu können, wurden ausschließlich Experten der Klinik, in der die Studienleitung tätig ist, akquiriert. Durch den Einsatz persönlicher Kontakte konnten zügig Freiwillige eruiert werden (vgl. Bogner 2014: 38). Innerhalb des Erstkontaktes wurden Inhalt und Ziele der Studie dargestellt. Zudem wurde sichergestellt, ob die Person die Rolle des Experten akzeptiert und sich damit bereit erklärt, an der Studie teilzunehmen.

Tabelle 1: Auswahlkriterien der Probanden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung)

Vorstellung der Probanden anhand studienspezifischer Aspekte

An der Untersuchung nahmen insgesamt vier Pflegekräfte einer Klinik mit dazugehöriger Geriatrischer Rehabilitation teil. Alle Probanden[1]waren weiblich und befanden sich im Alter von 36, 38, 46 und 58 Jahren. Zudem verfügten alle Probanden bereits über eine langjährige Berufserfahrung und dadurch über spezifisches Praxis- und Erfahrungswissen. Innerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit absolvierten die Probanden zahlreiche Fort- und Weiterbildungen, unter anderem in den Bereichen Kau- und Schluckstörungen. Dieser Aspekt stellte ein Eignungskriterium zur Teilnahme an der Studie dar. Durch die Fort- und Weiterbildungen verfügten die Probanden über sachkundiges, entsprechendes Spezialwissen, welches sie im regelmäßigen Umgang mit Dysphagie-Patienten anwenden.

Tabelle 2: Vorstellung der Probanden anhand studienspezifischer Aspekte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(eigene Darstellung)

In Tabelle zwei werden alle Probanden anhand studienspezifischer Aspekte vorgestellt (►vgl. Tabelle 2). Alle Probanden besitzen den beruflichen Ausbildungsabschluss der examinierten Krankenschwester. Probandin C verfügt zudem über eine abgeschlossene Ausbildung zur Arzthelferin. Probandin D absolvierte zusätzlich eine Ausbildung zur Führungskraft Curriculum. Die Berufserfahrung aller Beteiligten erstreckt sich über einen Zeitraum von 15 bis 31 Jahre.

Alle Probanden absolvierten eine Fort- bzw. Weiterbildung im Bereich Dysphagie. Probandin A, 46 Jahre, belegte eine Fortbildung im Bereich Ernährungsmanagement. Laut Aussagen erhielt sie zudem innerhalb dieser Fortbildung Einblicke in den Themenbereich Schluckstörungen. Neben Grund- und Aufbaukursen zur basalen Stimulation sowie im Bereich der Kinästhetik ist Probandin A ausgebildete Demenzberaterin. Probandin B (58 Jahre) hat neben einem Stationsleiterlehrgang die Fachweiterbildung Rehabilitation mit dem Schwerpunkt Neurologie und ein Schluckseminar besucht. Probandin C und D sind beide ausgebildete Stroke-Nurses, wodurch sie über eine spezielle Fortbildung im Bereich Schluckstörungen auf der Stroke-Unit verfügen. Die 38-jährige Probandin D besitzt eine zusätzliche Qualifikation zur Pain-Nurse.

Alle Angaben der Probanden werden in pseudoanonymisierter Form veröffentlicht.

4.4 Entwicklung der Interview-Fragen

Die Interview-Fragen wurden auf Basis der Theorie sowie der entsprechenden Fragestellung entwickelt. Zudem beeinflusste das ausgewählte Studiendesign die Art der Fragen. Nach Festlegung thematischer Blöcke, wurden detaillierte Fragestellungen konzipiert (vgl. Diekmann 2011: 483).

Entwicklung der Interview-Fragen zur Vorher-Messung

Zum Einstieg des Interviews wurde eine Eröffnungsfrage gewählt, welche auf das Thema hinführen und von den Befragten mit Interesse aufgenommen werden sollte (vgl. Diekmann 2011: 483). Dementsprechend wurden die Interview-Partner gebeten, kurz ihre Arbeit mit Dysphagie-Patienten am Arbeitsplatz zu schildern. Diese Frage gab einen Einblick in den Behandlungsablauf sowie die spezifischen Tätigkeitsbereiche bei der Betreuung von Dysphagie-Patienten. Im Anschluss wurde hinterfragt, wie die Probanden mit der Versorgung dysphagischer Patienten zurechtkommen. Gleichzeitig wurden mögliche Probleme bei der Versorgung der Patienten und Gründe hierfür erläutert.

Um eine optimale Versorgung von Dysphagie-Patienten gewährleisten zu können spielen adaptive Verfahren eine bedeutende Rolle. Diese Maßnahmen involvieren mehrere Berufsgruppen gleichzeitig und stellen somit eine Schnittstellenversorgung dar. Aufgrund dessen wurden in den folgenden Fragen die Sicherheit der Probanden hinsichtlich der Schluckkostvergabe, dem Andickungsgrad von Flüssigkeiten, der Vergabeform von Flüssigkeiten sowie der Darreichungsform von Medikamenten dargelegt. Bei Beschreibungen von Unsicherheiten wurden Gründe hierfür hinterfragt.

Bei der Behandlung von Dysphagie-Patienten ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit unumgänglich. Die folgenden Fragen skizzieren deshalb Vor- und Nachteile dieser Interdisziplinarität. Dies ermöglichte einen Einblick in die Schnittstellenversorgung innerhalb des interdisziplinären Dysphagiemanagements sowie die Verteilung der Rollen der Mitwirkenden und deren Kooperation.

Da derzeit unterschiedliche Schluckkostformen etabliert sind, erschien es sinnvoll im Folgenden zu erfragen, inwieweit die Probanden mit dem hauseigenen Schluckkostkatalog vertraut sind.

Während einer Dysphagie-Behandlung entstehen verschiedene Schnittstellen. Unter anderem entsteht eine Schnittstelle zwischen den Tätigkeitsbereichen der Pflege und der Logopädie. Damit ein adäquater Informationsaustausch stattfinden kann, sollte grobes Wissen hinsichtlich der jeweiligen Tätigkeitsbereiche vorhanden sein. Inwieweit und welches Wissen beim Pflegepersonal bezüglich logopädischer Untersuchungs- und Therapiemethoden besteht, wurde deshalb ebenfalls eruiert.

Im nächsten Themenblock wurden die Probanden gebeten, Verbesserungsvorschläge bei der Versorgung von Dysphagie-Patienten darzustellen.

Zum Ende des Interviews wurden die Experten gefragt, ob sie das Interventionsmedium Dysphagie-Pass bereits kennen. Dadurch sollten eventuelles Vorwissen und Erfahrungen dargelegt werden.

Abschließend wurde die Frage nach Wünschen und Erwartungen an die Arbeit mit dem Pass gewählt, um die subjektiven Erwartungshaltungen der Probanden zu vermerken.

Entwicklung der Interview-Fragen zur Nachher-Messung

Auch im Post-Interview wurde eine allgemeine Einstiegsfrage zur Eröffnung des Interviews gewählt. Hierbei wurden die Befragten gebeten, ihre Arbeit mit dem Dysphagie-Pass seit der ersten Interviewphase zu erläutern. Gleichzeitig stellten sie dar, was sie als gut und als problematisch empfanden. Diese Frage bildete bereits einen zentralen Aspekt des Interviews, da die Probanden die Arbeit mit dem Pass sowie dessen Vor- und Nachteile ansprachen. Um einen Eindruck über die Quantität während der Interventionsphase zu erhalten, wurde zuletzt gefragt, wie häufig die Probanden den Dysphagie-Pass genutzt haben.

In der Einführungsphase wurde der Pass vor allem implementiert und verbreitet. Angesichts dessen wurde die Frage nach Rückmeldungen von Patienten, Angehörigen und Arbeitskollegen gewählt, um zu erfahren inwieweit sich der Pass bereits verbreitet hat und wie dessen Resonanz war.

Anschließend wurden die Probanden gefragt, was sich ihres Erachtens bei der Versorgung der Dysphagie-Patienten nach Einführung des Passes verändert hat. Dadurch stellte sich heraus, wo der Pass positive oder negative Auswirkungen zeigte. Zugleich stellten die Antworten elementare Bestandteile zur Beantwortung der Fragestellung dar.

Der folgende Punkt hinterfragte, ob sich vorherige Probleme gegebenenfalls durch die Einführung des Passes verringert haben. Zudem wurden aktuelle Probleme bei der Versorgung von Dysphagie-Patienten noch einmal erläutert und Gründe hierfür aufgeführt.

Im nächsten Abschnitt wurden die Probanden gebeten zu schildern, was sich in der interdisziplinären Zusammenarbeit nach Einführung des Dysphagie-Passes verändert hat. Die Antworten ließen Rückschlüsse auf die interdisziplinäre, sektorenübergreifende Wirkung des Passes zu.

Im Prä-Interview wurde bereits die Sicherheit der Probanden hinsichtlich adaptiver Maßnahmen erfragt. Zum Vergleich wurden in der Nachher-Messung erneut Fragen zum Thema Sicherheit bezüglich der Vergabe der Schluckkost, dem Andickungsgrad sowie der Vergabeform von Flüssigkeiten und der Darreichungsform von Medikamenten gestellt. Angesichts dessen konnten Veränderungen aufgrund des Passes festgehalten werden.

Im folgenden Themenblock wurden die Fragen zu Vor- und Nachteilen des Dysphagie-Passes gestellt, wodurch positive und negative Aspekte bei der Arbeit mit dem Pass festgehalten wurden.

Um einen optimalen Gebrauch des Passes zu ermöglichen, sollten die Probanden alle Erläuterungen verstehen. Deshalb wurden innerhalb des Interviews gefragt, ob noch Unklarheiten existieren und ob hierfür gegebenenfalls Alternativen oder Verbesserungsvorschläge aufgeführt werden könnten.

Viele Dysphagie-Patienten erhalten während ihres Krankenhaus- oder Rehaaufenthaltes eine spezielle Kosteinstellung. Dieser wird auf Basis der hausinternen Standards festgelegt. Um eine optimale Dysphagiebehandlung zu ermöglichen, sollten die festgelegten Diätstandards nach Verlassen der Klinik oder Rehabilitation weiterhin gewährleistet sein. Der Dysphagie-Pass beinhaltet einen Kostplan mit individuellen Anweisungen für die Küche. Angesichts dieser Tatsache erschien es sinnvoll folgende Fragestellung mit einzubeziehen: „Finden Sie, man kann den Diätplan des Dysphagie-Passes mit dem hauseigenem Schluckkostkatalog vergleichen?“ Bei Unstimmigkeiten sollten mögliche Alternativen oder Verbesserungsvorschläge angesprochen werden.

Mögliche Verbesserungsvorschläge bei der Behandlung von dysphagischen Patienten sowie beim Gebrauch des Dysphagie-Passes wurden zum Abschluss erfragt. Antworten hierzu geben Anreize zur Optimierung der Patientenversorgung sowie des Kommunikationsmediums Dysphagie-Pass. Da der Pass derzeit noch wenig verbreitet und vergleichsweise unerforscht ist, sollten die Probanden zudem Rahmenbedingungen beschreiben, die gegeben sein müssen, um einen optimalen Gebrauch des Dysphagie-Passes zu ermöglichen.

4.5 Skizzierung der organisatorischen Rahmenbedingungen sowie des zeitlichen Ablaufs

Bezugnehmend auf das in Kapitel 4.2 erläuterte Studiendesign wurde ein leitfadengestütztes qualitatives Experteninterview vor und nach einer Intervention durchgeführt, um Hypothesen über die Wirksamkeit eines Treat-ments überprüfen zu können (vgl. Bortz, Döring 1995: 544).

Vor Beginn der Studiendurchführung wurden notwendige rechtliche Genehmigungen eingeholt. Neben Frau Dr. rer. medic. Rittig und Herrn Dr. Jäger, welche den Dysphagie-Pass entwickelt und die wissenschaftliche Leitung dessen besitzen, wurde das Einverständnis von Frau Dr. Bauer, die Wissenschaftliche Produktmanagerin von InfectoPharm Arzneimittel und Consilium GmbH eingeholt. Zudem wurde die Genehmigung der Krankenhausleitung erworben.

Bevor die tatsächlichen Interviews mit den Probanden stattfanden, wurde der Leitfaden einem Pretest unterzogen, um die Funktionalität des Leitfadens zu reflektieren (vgl. Bogner 2014: 34) und anschließend zu optimieren. In der anschließenden Feldarbeit stand das Sampling von Experten im Vordergrund (vgl. Bogner 2014: 34 ff.). Nach der gezielten Auswahl der zu befragenden Personen (vgl. Kapitel 4.4) wurden Termine zur Interviewdurchführung vereinbart. Die überarbeiteten Unterlagen, welche aus einem Anschreiben (►vgl. Anlage 10), dem Dysphagie-Pass (►vgl. Anlage 11) mit entsprechendem Informationsflyer (►vgl. Anlage 12), einem Informationsflyer mit Hintergrundinformationen zur Studie (►vgl. Anlage 13), einem Fragekatalog zu demografischen Angaben zur Person (►vgl. Anlage 4), einer Einverständniserklärung (►vgl. Anlage 14) sowie den Interviewfragen in Form eines Fragekatalogs (►vgl. Anlage 2 und 3) bestand, wurden circa eine Woche vor Studienbeginn den Probanden zugesandt.

Die ersten vier Interviews wurden Ende April bis Anfang Mai durchgeführt. Die Interviews fanden in Räumlichkeiten einer Stroke-Unit sowie einer Geriatrischen Rehabilitation statt und erfolgten innerhalb 45-minütiger Einzelsitzungen mit anschließender 15-minütiger konzeptspezifischer Schulung. Da derzeit kein einheitlich festgelegtes Schulungsprogramm für das Medium Dysphagie-Pass existiert, fand das Interview leitfadengestützt am Interventionsmedium Dysphagie-Pass statt. Aufgrund der face-to-face Situation konnte intensiv auf den Partner eingegangen und etwaige Rückfragen sofort geklärt werden.

Im Anschluss an die erste Interviewphase folgte die achtwöchige Interventionsphase.

Anfang Juli erfolgte schließlich die Nachher-Messung. Drei der vier Interviews fanden ebenfalls in Räumlichkeiten der Stroke-Unit sowie der Geriatrischen Rehabilitation statt. Ein Interview musste aufgrund von Krankheit via Telefonat stattfinden. Die Post-Interviews wurden innerhalb 30-minütiger Einzelsitzungen durchgeführt.

Durchführung des Prä- und Post- Experteninterviews

Nach Vorbereitung der Räumlichkeiten wurden Diktiergerät sowie die nötigen Schreibutensilien bereitgestellt und mit der Durchführung begonnen. Nach einer kurzen Begrüßung, wurde das Thema des Interviews kurz erläutert, wobei auf eine relativ praxisnahe Formulierung geachtet wurde. Zudem wurden der zeitliche Interviewrahmen, der Interviewablauf sowie bevorzugte Antwortformen geklärt. Abschließend wurde die Einverständniserklärung zur Teilnahme am Interview sowie zur Aufzeichnung des Gesprochenen durch ein Aufnahmegerät besprochen und unterschrieben (vgl. Bogner 2014: 59 ff.).

Nach dieser Phase wurde mit der Interviewdurchführung begonnen. Offene erzählungsgenerierende Fragen sollten längere, eigenständig strukturierte Schilderungen und Darstellungen der Befragten ermöglichen (vgl. Bogner 2014: 62 f.).Während der Interviewdurchführung dient der Leitfaden als Art Gedächtnisstütze für den Befragten sowie Interviewer (vgl. Bogner 2014: 28).

Das Ende des Interviews bildete neben einem Dank die Schilderung des weiteren Vorgehens. Außerdem wurden Kontaktdaten bei möglichen Rückfragen besprochen.

4.6 Auswertung der erhobenen Daten

„Das Anliegen dieser Arbeit ist, eine Methodik systematischer Interpretation zu entwickeln, die an den in jeder Inhaltsanalyse notwendig enthaltenen qualitativen Bestandteilen ansetzt, sie durch Analyseschritte und Analyseregeln systematisiert und überprüfbar macht“ (Mayring 2015: 50).

Somit bestand der erste Schritt der qualitativen Inhaltsanalyse in der Transkription der auf Tonband protokollierten Interviews. Die Transkription der Experteninterviews erforderte keine aufwendigen Notationssysteme, wie es bei narrativen oder konversationsanalytischen Auswertungen nötig ist. Pausen, Stimmlagen oder sonstige nonverbale parasprachliche Elemente wurden deshalb nicht transkribiert, da es bei Experteninterviews vorrangig um geteiltes sachliches Wissen geht (vgl. Meuser, Nagel 1991: 455). Füllwörter wurden weg gelassen und Dialektfärbungen eingedeutscht (vgl. Mayring 2015: 57).

Anschließend wurden spezielle Analysetechniken festgelegt, wodurch die Interpretation nachvollziehbar und intersubjektiv überprüfbar wird (vgl. Mayring 2015: 61). Angesichts des Ausgangmaterials erschien die Methode der inhaltlich-strukturierenden qualitativen Analyse als geeignet. Ziele dieser Vorgehensweise sind, die am Material ausgewählten Aspekte zu identifizieren, konzeptualisieren und anschließend im Hinblick auf diese Aspekte systematisch zu beschreiben (vgl. Schreier 2014: 3).

Im Rahmen dieser Analysetechnik wurde das Verfahren der Zusammenfassung und induktiven Kategorienbildung nach Mayring als Strategie nutzbar gemacht (vgl. Mayring 2015: 68ff.). Durch das induktive Vorgehen sollen möglichst gegenstandsnahe Abbildungen des Materials ohne Verzerrungen durch Vorannahmen des Forschers gewährleistet werden (vgl.Mayring 2015: 86).

Im ersten Schritt der Inhaltsanalyse wurden die Kodiereinheiten paraphrasiert und somit in eine knappe, nur auf den Inhalt beschränkte Form umgeschrieben (vgl. Mayring 2015: 71f.).

Auf Basis des Materials wurde im nächsten Schritt das Abstraktionsniveau der ersten Reduktion bestimmt (vgl. Mayring 2015: 71). Das Abstraktionsniveau der ersten Reduktion wurde wie folgt festgelegt: Fallspezifische Äußerungen, das heißt pro Proband, über die Arbeit mit und ohne dem Dysphagie-Pass innerhalb der Schnittstellenversorgung bei Dysphagie-Patienten (vgl. Mayring 2015: 71ff.). Nach Festlegung des Abstraktionsniveaus wurden die Paraphrasen auf dieses generalisiert. Paraphrasen, die unter dem Abstraktionsniveau lagen, wurden verallgemeinert, Paraphrasen, die über dem Abstraktionsniveau lagen, wurden zunächst belassen. Durch dieses Vorgehen entstanden inhaltsgleiche Paraphrasen, die entfernt wurden. Nichtssagende Textteile wurden ebenfalls gestrichen (vgl. Mayring 2015: 71ff., ►vgl. Anlage 7).

In dem darauf folgenden zweiten Reduktionsschritt wurde das Abstraktionsniveau weiter heraufgesetzt. Die Aussagen über die Arbeit mit und ohne Dysphagie-Pass innerhalb der Schnittstellenversorgung von Dysphagie-Patienten wurden nun nicht mehr fallspezifisch, sondern fallübergreifend generalisiert (vgl. Mayring 2015: 83). Hierbei wurden mehrere, sich aufeinander beziehende Phrasen gebündelt und durch eine neue Aussage als Kategoriensystem wiedergegeben (vgl. Mayring 70ff., ►vgl. Anlage 8).

Neben der induktiven Vorgehensweise zur Erfassung des gesamten Materials, wurde ergänzend deduktiv gearbeitet (vgl. Schreier 2014: 3f.). Im Zuge dessen wurden durch theoriegeleitet entwickelte Kategorien, Inhalte aus dem Material extrahiert (vgl. Mayring 2015: 103). Dazu wurde zunächst ein Kodierleitfaden entwickelt, in dem Kodierregeln festgelegt wurden. Anschließend wurden diesen Hauptkategorien Unterkategorien der Vorher- und Nachher-Messungen zugeordnet und gegenübergestellt, um Veränderungen der Intervention detailliert und systematisch darstellen zu können. Zuletzt wurden Ankerbeispiele für die jeweiligen Kategorien aufgeführt (vgl. Mayring 2015: 97, ►vgl. Anlage 9).

Das gesamte Kategoriensystem, gewonnen aus der induktiven und deduktiven Vorgehensweise, wurde abschließend beschrieben und in Bezug auf die Fragestellung interpretiert.

5. Ergebnisbeschreibung

Die Ergebnisbeschreibung geschieht auf Basis des induktiv und deduktiv gebildeten Kategoriensystems.

Innerhalb der ersten Kategorie, der Verlaufsdokumentation und Transparenz, konnten durch den Einsatz des Dysphagie-Passes deutliche Veränderungen verzeichnet werden. So war der Informationsfluss vorab mündlich und eher schleppend, wodurch die Durchdringungskraft einzelner Aspekte teilweise beeinträchtig wurde. So äußerten Probanden, dass es positiv wäre, wenn Übergaben schriftlich festgelegt werden würden, da die derzeitige mündliche Übergabe eine eher „schwammige“ Sache sei. Durch eine schriftliche Festhaltung würde man gezielt nachlesen können. (vgl. Anlage S. 9/ Z.19-22). Durch den Pass konnte eine detaillierte, übersichtliche Verlaufsdokumentation geschaffen und die Weiterleitung von Informationen verbessert werden. Proband C.P. betonte, dass sie sich durch die schriftliche Form auf die Informationen verlassen könne und somit die Weiterleitung von Informationen sehr gut sei. Außerdem betonte sie, dass bei Übergaben sofort auf den Pass hingewiesen wurde und dementsprechend danach gearbeitet werden konnte (Anlage S.34/ Z.22-28).

In der Kategorie Kommunikation/ Kooperation und interdisziplinäre Zusammenarbeit erwähnten die Probanden bereits vor der Studiendurchführung eine gute Zusammenarbeit. Es wurde betont, dass Rücksprachen im Team gehalten und gemeinsam Therapiepläne besprochen und festgelegt werden würden (vgl. Anlage S.28/ Z.14-19). Dennoch betonten alle Probanden, dass die Kommunikation im interdisziplinären Team teilweise schwierig und meist eher ungenau sei (vgl. Anlage S.9/ Z.8-12). Proband R.W. betonte zudem, dass durch eine schlechte Kommunikation Informationen verloren gehen würden (vgl. Anlage S.31/ Z.136-137). Äußerungen der Probanden zeigten, dass durch den Gebrauch des Dysphagie-Passes mehr Kommunikation zustande kam (vgl. Anlage S.42/ Z.63-64). Proband C.P. legte dar, dass durch die vermehrte Kommunikation Konflikte und Nachfragen reduziert und Informationen besser weitergeleitet werden konnten. Zudem betonte sie, dass sie durch weniger Nachfragen deutlich Zeit einspare (vgl. Anlage S.36/ Z.88-92).

[...]


[1]Aufgrund des Leseflusses wird Einfachheit halber nur die männliche Form verwendet. Selbstverständlich sind beide Geschlechter gemeint

Ende der Leseprobe aus 141 Seiten

Details

Titel
Der Dysphagie-Pass. Auswirkungen auf die Schnittstellenversorgung von Patienten in einer Klinik
Untertitel
Erhebung anhand einer qualitativen Längsschnittstudie
Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
141
Katalognummer
V414541
ISBN (eBook)
9783668661615
ISBN (Buch)
9783668661622
Dateigröße
2426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dysphagie-pass, auswirkungen, schnittstellenversorgung, patienten, klinik, erhebung, längsschnittstudie
Arbeit zitieren
Franziska Knorr (Autor:in), 2016, Der Dysphagie-Pass. Auswirkungen auf die Schnittstellenversorgung von Patienten in einer Klinik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414541

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