Zur Versöhnung von Leben und Tod durch Lyrik. Eine Interpretation von Hölderlins "An die Parzen"


Hausarbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

Quellentext: Friedrich Hölderin – An die Parzen

1. Einleitung

2. Einordnung der Strophenform und Entstehungskontext

3. Antike Mythenwelt, Diesseits und Jenseits

4. Der Rekurs auf die Antike als Epochenmerkmal?

5. Lyrik und Musik

6. Kunst und Göttlichkeit

7. Vollkommenheit durch Kunst

8. Spätere Rezeption von „An die Parzen“

9. Zum Verhältnis von Dichter und lyrischem Ich

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellentext: Friedrich Hölderin – An die Parzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Datiert auf 1798

Erstmals erschienen in: Ludwig Neuffer (Hg.), Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, 1799, S. 166

Stuttgart - Joh. Frid. Steinkopf (Verlag)

Original digital verfügbar unter: http://www.hoelderlin.de/quellen-druck/d-16-11.html

1. Einleitung

„Einmal lebt ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.“

So lautet der letzte Vers von Friedrich Hölderlins Gedicht „ An die Parzen“. Ein Vers, der im Nachhinein häufig zitiert wurde und neugierig auf den Rest des Gedichts macht. Was verschafft dem lyrischen Ich die Ehre eines göttlichen Lebens?

Zum ersten Mal veröffentlicht wurde die Ode ein Jahr nach ihrer Entstehung durch Hölderlins Freund aus Studienzeiten Christian Ludwig Neuffer 1799 in dem „Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung“.[1]Johann Christian Friedrich Hölderlin wurde 1770 in Lauffen am Neckar geboren.[2]Zu Lebzeiten wurde Hölderlins Lyrik kaum wahrgenommen, was die unscheinbare Veröffentlichung vieler seiner Gedichte in solchen Sammelbänden erklärt. Im Laufe des 19. Jahrhunderts gewann Hölderlins Werk an Bekanntheit und Beliebtheit. Heutzutage wird es als „Gipfelleistung lyrischer Kunst im deutschsprachigen Raum“[3]gekürt.[4]Hölderlins Gedichte wurden und werden auf verschiedenste Weisen rezipiert und in andere Sprachen übersetzt.[5]

Schon der Titel „An die Parzen“ lässt den Leser Vermutungen über den Inhalt und die Art des Gedichtes anstellen. Der Titel wirkt wie die Anredeformel eines Briefes. Gleich zu Anfang wird verraten, welchem Adressaten das lyrische Ich die folgenden Verse widmet. Die „Parzen“ als Adressaten weisen auf wichtige inhaltliche Topoi des Gedichts hin, welche im Folgenden durch die lyrische Analyse und Interpretation des Werkes genauer bestimmt werden sollen. Warum spricht das lyrische Ich die antike Götterwelt an und wie hängt dies mit der interessanten Strophenform des Gedichts zusammen?

Nach einer Einordnung in den Entstehungskontext und einer genaueren Bestimmung der Strophenform sollen diese und weitere aufkommenden Fragen geklärt werden. In dieser Arbeit wird die erste Veröffentlichung des Gedichts, welche auf der vorherigen Seite abgedruckt wurde, verwendet.

In dieser Ausarbeitung wird zur besseren Lesbarkeit die männliche Form „der Sprecher“ benutzt, was aber nicht ausschließen soll, dass das lyrische Ich weiblichen Geschlechts sein könnte.

2. Einordnung der Strophenform und Entstehungskontext

Schon sehr früh beschäftigte sich Johann Christian Friedrich Hölderlin mit der antiken Strophenform der Ode. Schon als Jugendlicher während seiner Zeit an der höheren Klosterschule Maulbronn und seinem Studium in Tübingen von 1786 bis 1789 verfasste er 18 Texte in Form von Oden, welche allerdings nie veröffentlicht wurden.[6]Die betrachtete Ode „An die Parzen“ kann seiner zweiten Schaffungsperiode von 1796 bis 1798 zugeordnet werden, wo der junge Hölderlin sich in Frankfurt am Main aufhielt.[7]

Hölderlin bevorzugte die Form der alkäischen Ode: Während der Schaffungsperiode in Frankfurt am Main schrieb Hölderlin acht Oden, von denen sieben die alkäische Strophenform aufweisen.[8]Mit dieser Vorliebe ist Hölderlin nicht allein, denn die alkäische Ode ist die im Deutschen am häufigsten nachgebaute Odenstrophe.[9]Zur Schaffenszeit des Dichters erlebte die alkäische Ode ihren quantitativen Höhepunkt mit 43 Exemplaren von 1000 Gedichten.[10]

Bei der betrachteten Ode handelt es sich um die nach Klopstocks Vorbild leicht abgewandelte deutsche Rezeption der antiken alkäischen Ode, welche nach dem griechischen Dichter Alkaios benannt wurde.[11]Das Gedicht besteht aus drei vierversigen Strophen, die durchweg reimlos sind. Innerhalb der einzelnen Verse kommt es zu metrischen Variationen und nur der dritte Vers jeder Strophe ist streng alternierend aufgebaut. Die ersten beiden Verse beinhalten elf Silben mit einer Zäsur nach der fünften Silbe, der jeweils dritte Vers ist ein Neunsilber und im vierten Vers jeder Strophe sind zehn Silben untergebracht. Nach Klopstocks Vorbild enden die ersten beiden Verse mit männlichen und die letzten beiden mit weiblichen Kadenzen.[12]Hölderlin erfüllt mit seiner Ode „An die Parzen“ alle typischen Merkmale einer eingedeutschten alkäischen Ode. Einige Wörter wurden von dem Dichter angepasst um die übliche Silbenanzahlen der jeweiligen Verse einzuhalten. Zum Beispiel wird in V.4 das Wort „gesättigt“ zu „gesättiget“ verlängert oder in V.7 wird die Synkope „Heil‘ge“ statt „Heilige“ verwendet. Auch kann ein rhetorisch kommunikatives Mittel wie z.B. eine Interjektion zur Einhaltung der Strophenform beitragen. Solche sind in V.9 mit dem Ausruf „O“ oder in V.1 mit der Interjektion „ihr Gewaltigen“ vorhanden. Auch syntaktische Umstellungen tragen zur Einhaltung der Odenform bei:

„Und einen Herbst, zu reifem Gesange mir, dass williger mein Herz, vom süßen Spiele gesättigt, dann mir sterbe“ (V.2-4).

Dieser Satz weist eine Inversion des Satzbaus auf. Außerdem fehlt im Hauptsatz ein Verb, das vermutlich gedanklich aus V.1 übernommen werden soll („Gönnt“).

Das gesamte Gedicht besteht nur aus vier Sätzen. Dadurch kommt es zu einer Anhäufung von Hypotaxen (V.2-4, V.5-6, V.10-12). Die Sätze reichen über mehrere Verse hinaus, wodurch Enjambements (V.3-4, 5-6, 7-8, 10-11) an vielen Versenden entstehen. Vom jeweils dritten zum vierten Vers jeder Strophe deutet die unbetonte letzte Silbe schon auf eine Weiterführung des Satzes im nächsten Vers hin. Die durchgängig synaphischen Versfugen ermöglichen ein stockungsfreies Lesen über die Versgrenzen hinaus.

Die Zäsuren nach der fünften Silbe bringen den Lesefluss nach dem anfänglichen alternierenden Metren ins Stocken, durch den nachfolgenden Daktylus wird die Bewegung wieder beschleunigt aufgenommen.[13]In der dritten Strophe trennen die Zäsuren auch den Inhalt der Verse in zwei inhaltlich und syntaktisch sinnvolle Teile (V.9-10).

Insgesamt ist das Gedicht in seiner äußeren Form sehr kunstvoll gestaltet und ist daher für die Analyse und Interpretation sehr ergiebig. Diese kunstvolle Gestaltung setzt sich auch im Inhalt des Gedichts fort, welcher in den folgenden Kapiteln genauer betrachtet werden soll. Um einen Überblick zu schaffen bevor in den nächsten Kapiteln detaillierter auf ausgewählte Aspekte eingegangen wird, wird der Inhalt des Werks zunächst einmal kurz und knapp zusammengefasst.

Die dreistrophige Ode ist formal wie eine Hymne an die vom lyrischen ich angesprochenen „Parzen“ aufgebaut. In der ersten Strophe bittet das lyrische Ich die Adressaten um eine Lebensverlängerung um ein halbes Jahr. In den folgenden beiden Strophen wird diese Bitte erläutert und die Gründe werden ausgeführt. Das lyrische Ich beschreibt, wie es sich das Jenseits vorstellt. Es befürchtet, dass die Seele niemals zur Ruhe kommen wird, wenn es seine Dichtkunst und den Gesang nicht ausreifen kann. Im zweiten Teil der zweiten Strophe und in der dritten Strophe erläutert das lyrische Ich, wie zufrieden es nach der Vollendung seiner Kunst sterben kann.

3. Antike Mythenwelt, Diesseits und Jenseits

Nicht nur bei der alkäischen Strophenform bedient Hölderlin sich an Vorbildern aus der Antike. Auch inhaltlich ist die antike Mythenwelt ein wichtiges Topos im betrachteten Werk. Schon im Titel befindet sich ein Begriff aus der antiken Mythologie, „die Parzen“, an die sich das lyrische Ich im folgenden Text bittend widmet. Im ersten Vers werden diese angesprochenen Parzen als „ihr Gewaltigen“ gerühmt. Bei den Parzen handelt es sich um drei Schicksalsgöttinnen in der römischen Mythologie, die, antiken Quellen zufolge, aus der Geburtsgöttin „Parca“ hervorgegangen sind.[14]In ihrer Verdreifachung passen sich die Parzen an die Schicksalsgöttinnen der griechischen Mythologie an. Den drei Parzen wird die Bestimmung über das Lebensschicksal der Menschen zugerechnet. Sie initiierten nach römischem Glauben die Geburt und den Tod der Menschen. In der Vorstellung der antiken Römer spinnt eine dieser drei Göttinnen den Lebensfaden, eine weitere teilt ihn den Menschen zu und die dritte Göttin schneidet den Lebensfaden ab, wenn es an der Zeit ist zu sterben.[15]Auch in diesem Gedicht dienen die Parzen als Symbol für die Bestimmung über Leben und Tod. Die Dreizahl der Parzen spiegelt sich außerdem in der Anzahl der Strophen wieder, was Form und Inhalt des Gedichts miteinander verknüpft. Hölderlin ist nicht der einzige Dichter seiner Zeit, der die Parzen in einem seiner Werke auftauchen lässt. So ist zum Beispiel von Goethe das „Lied der Parzen“ aus dem Bühnenstück „Iphigenie auf Tauris“ überliefert. In diesem Lied geht es um das Verhältnis zwischen den Göttern und den Menschen. Das Lied beschreibt die Allmacht der Schicksalsgöttinnen und die Auslieferung der Menschen an ihr Urteil.[16]Dies erklärt, warum das lyrische Ich sich mit seiner Bitte um eine Lebensverlängerung an die Parzen wendet.

Die Schicksalsgöttinnen selbst werden im weiteren Verlauf des Gedichts nicht mehr genannt, aber es tauchen viele weitere antike Elemente auf. Ein weiteres Symbol antiker Herkunft ist der „Orkus“ im sechsten Vers. Der Orkus ist in der römischen Mythologie der Beherrscher der Unterwelt[17]und kann somit in diesem Gedicht als Sinnbild des Todes gedeutet werden. Ein weiteres Sinnbild für das Totenreich findet sich mit der Allegorie „Stille der Schattenwelt“ in V.9. Betont wird diese Symbolik zusätzlich durch die lautliche Alliteration von „Stille“ und „Schattenwelt“.

In dem Gedicht treffen Leben und Tod zuerst disharmonisch aufeinander. Das lyrische Ich fürchtet, dass seine Seele keine Ruhe finden würde, würde er zu jenem Zeitpunkt sterben (V.5-6). Die „Seele“ (V.5), ein traditionelles, religiöses Motiv übernimmt die Vermittlung zwischen Leben und Tod, da sie über den Tod hinaus besteht. Der Sprecher scheint mit seinem Leben im Diesseits noch nicht abgeschlossen zu haben. Symbolisch für den Menschen und das Leben wird das „Herz“ (V.3) genannt.[18]Das personifizierte Herz und damit auch der Mensch selbst sei noch nicht „willig“ zu sterben (V.3-4). Es bittet die Parzen künstlerisch um eine Verzögerung seines Ablebens um „einen Sommer“ und „einen Herbst“ (V.1-2), mythologisch betrachtet um eine Verlängerung seines Lebensfadens um ein halbes Jahr.

Vor dem Hintergrund der Diesseits- und Jenseitsthematisierung im Gedicht wird die Zeitgestaltung interessant. In der ersten Strophe wendet das lyrische Ich sich zunächst bittend im Imperativ an die Parzen. Im zweiten Teil der Strophe ist im Konjunktiv verfasst. Auch in der letzten Strophe werden konjunktive Verbformen genutzt. Diese Zeitgestaltung ergibt sich aus dem Wechsel zwischen Realität und Imagination. Das lyrische Ich wechselt zwischen realer Gegenwart und seiner imaginierten Zukunft im Jenseits. Die Zeitgestaltung unterstützt diesen Dimensionswechsel von Realität zu Imagination.

Exkurs: Nur Einen Sommer gönnt (…) und einen Herbst (…) (V.1-2)

Warum bittet das lyrische Ich gerade um einen Sommer und einen Herbst? Natürlich könnte man auf den ersten Blick denken, dass diese beiden Jahreszeiten chronologisch gerade als nächstes folgen könnten. Wahrscheinlicher ist es aber, dass Sommer und Herbst, wie viele andere Wörter in diesem Gedicht, einen symbolischen Gehalt in sich tragen. Der Sommer ist ein bekanntes literarisches Symbol für Segen und Gnade, für Lebensfreude, für Glück und für Reife. In der Romantik erfährt der Sommer zusätzlich eine wertende Subjektivierung. Der Sommer wird zur schönsten Jahreszeit und zum Höhepunkt des Jahres gekürt.[19]Es ist die Zeit des Wachstums, hier ist ein Bezug zur Reifung des Gesanges des lyrischen Ichs denkbar.

Noch interessanter ist der symbolische Gehalt des Herbstes. Diese Jahreszeit wird in der Literatur häufig genutzt um Reife und Vollendung auszudrücken.[20]In der antiken Literatur wird die Erntezeit als Höhepunkt, bzw. Vollendung des Jahres dargestellt.[21]Dies passt sehr gut zum Inhalt des Gedichts, denn das lyrische Ich erwartet in dem erbetenen Herbst auch die Reife und Vollendung seiner Kunst (V.2). Nach der Reifung seiner Künste im Herbst wird das lyrische Ich dazu bereit sein, die Reise in die „Schattenwelt“ (V.9) anzutreten.

4. Der Rekurs auf die Antike als Epochenmerkmal?

Wie kommt es dazu, dass das lyrische Ich eines deutschen Gedichts aus dem 18. Jahrhundert an die Schicksalsgöttinnen der römischen antiken Mythologie appelliert?

Verschafft man sich einen Überblick über Hölderlins Werke, fällt allein an den Titeln, wie zum Beispiel „Hyperion“ oder „Empedokles“, schon auf, dass es sich bei „An die Parzen“ nicht um sein einziges Werk mit antikem Bezug handelt.

Es wird angenommen, dass Hölderlin durch Schillers Werke zur Verwendung antiker Formen und Motive inspiriert wurde.[22]Hölderlin selbst kam durch den Besuch einer Lateinschule schon früh mit antikem Gedankengut in Berührung. Hier war die Beherrschung der lateinischen Sprache das höchste Bildungsziel. Zu diesem Zwecke wurden Werke lateinischer Autoren gelesen.[23]

Der Rückbezug auf die Antike ist in der deutschen Klassik ein typisches und oft verwendetes Topos. Die antike Gesellschaft und Kultur wurde neben der Natur häufig als Ideal gesehen und taucht sehr oft in der klassischen Literatur auf.[24]

Die Einordnung des Gedichts oder sogar des Autors selbst in die Epoche der Klassik sollte aber nicht vorschnell vollzogen werden. Denn die Verfassung von Gedichten in Odenform ist sehr unüblich in der Epoche der Klassik.[25]Dabei erscheint bei genauerer Betrachtung die Verbindung von antiker Odenstrophenform und antiken Motiven als genial, da Hölderlins „An die Parzen“ damit gleich zweifach auf die Antike rekurriert.

Andererseits findet man in Hölderlins „An die Parzen“ neben griechisch-antiken Begriffen auch christlich-pietistische[26]. Hölderlin wuchs in einer theologisch geprägten Familie auf und besuchte die höhere Klosterschule.[27]In seiner Jugend erreichte der Pietismus den deutschen Boden und Hölderlin selbst nahm ein Theologie- und Philosophiestudium auf.[28]Aus Briefen und anderen Beständen lässt sich eine relative Flexibilität Hölderlins, was Religion anbetrifft, vermuten.[29]

5. Lyrik und Musik

Es stellt sich die Frage, was das lyrische Ich zu seiner Bitte an die Parze bewegt. Was muss erst noch passieren, damit das Herz des Sprechers williger sterben kann (vgl. V.3-4)? Die Gründe für die Verzögerung werden, wie es in der alkäischen Ode üblich ist[30], nach der Nennung des Themas in Vers 1 und 2 ausgeführt. Das lyrische Ich möchte die Lebensverlängerung zu einer Reifung seines Gesanges (vgl. V.2) nutzen. Der Gesang steht gleichermaßen für die Dichtung, da Lyrik und Gesang schon seit der Antike sehr eng verbunden waren. Lyrische Texte wurden hauptsächlich als Lieder und Gesang vor einem Publikum vermittelt und präsentiert.[31]Auch heute noch verzeichnet die Lyrik eine starke Nähe zur Musik. Rhythmus und Klänge der Lyrik prädestinieren förmlich die musikalische Rezeption von Gedichten.[32]

Das lyrische Ich möchte, betont durch eine Alliteration, „vom süßen Spiele gesättigt“ (V.4) werden, bevor es stirbt. Mit dem süßen Spiel (V.4) ist das Spielen eines Instruments gemeint. Diese Alliteration kann daher als Symbol für die Musik und der eng damit verbundenen Lyrik gedeutet werden.

In der dritten Strophe wird das „süße Spiel“ aus der ersten Strophe nochmal genauer als „Saitenspiel“ (V.10) definiert. Hiermit ist augenscheinlich die Lyra, ein Saiteninstrument, gemeint. Im antiken Griechenland wurden die gedichteten Verse in musikalischer Begleitung von diesem Instrument vorgetragen. Auf die Lyra ist auch der Begriff der „Lyrik“ zurückzuführen.[33]Das „Saitenspiel“ in V.10 steht daher sowohl für die Musik als auch die Dichtung des lyrischen Ichs. Der Vers besagt, dass das lyrische Ich seine Künste in der erläuterten „Schattenwelt“ nicht weiterführen kann. Denn laut römischer Mythologie steigt nur die Seele herab ins Reich des „Orkus“. Materie, wie zum Beispiel ein Instrument, kann hingegen nicht über den Tod hinaus bestehen.

6. Kunst und Göttlichkeit

Neben den antiken Gottheiten tauchen auch christliche Motive im Gedicht auf, wie bereits in Kapitel 4 erwähnt wurde. In der zweiten Strophe wird von einem „göttlich Recht“ (V.5) gesprochen, welches nicht gewahrt würde, wenn das lyrische Ich nicht mehr die Vollendung seiner Kunst erlangen würde. Bei dem göttlichen Recht, in der römisch-katholischen Kirche auch als lat. ius divinumbekannt, handelt es sich um unabänderliche Gesetze, da sie aus religiöser Sicht von einer göttlichen Macht erlassen wurden.[34]Mit diesem Ausdruck wird verdeutlicht, dass ein jetziges Sterben des lyrischen Ichs schlichtweg katastrophal und indiskutabel wäre.

Im weiteren Verlauf der zweiten Strophe wird das Gedicht als etwas Heiliges (V.7-8) angepriesen. Was soll hier mit dem Begriff „heilig“ ausgedrückt werden? Im heutigen Sprachgebrauch gibt es verschiedene Bedeutungen für diesen Begriff. Hauptsächlich wird es im christlich religiösen Kontext verwendet, um etwas göttlich Vollkommenes und daher Verehrungswürdiges zu bezeichnen. Etwas Heiliges ist in diesem Sinne von göttlichem Geist erfüllt. In der weltlichen Dimension kann heilig etwas ähnliches wie unantastbar oder Ehrfurcht einflößend bedeuten.[35]All diese Attribute passen zur idealisierten Darstellung der Dichtung im gesamten Werk. Die Wertung des Gedichts als heilig verknüpft das göttliche Topos im Gedicht mit dem lyrisch-künstlerischen Topos. Die Lyrik, bzw. Kunst, wird als etwas „göttliches“ angesehen.

Die Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Göttlichkeit und Kunst findet sich auch in anderen Hinterlassenschaften des Autors wieder. Friedrich Neuffer, Hölderlins Freund der auch das betrachtete Gedicht herausgab, beschäftigte sich in seiner Magisterarbeit mit der Frage, ob Dichtung zu poetischer Erhabenheit fähig sei.[36]Im Zuge dessen kommt er zum Ergebnis, dass es sich um heilige Poesie handle.[37]Hölderlin war mit Neuffers Gedankengängen vertraut und führte sie in seinen eigenen Studienarbeiten, aber augenscheinlich auch in seinen Gedichten, weiter aus.[38]

[...]


[1]Neuffer, Ludwig (Hg.): Taschenbuch für Frauenzimmer von Bildung, o.O.:1799, S.166, verfügbar unter: http://www.hoelderlin.de/quellen-druck/d-16-11.html (letzter Zugriff 4.8.15).

[2]Vgl. Kreuzer, Johann: Hölderlin Handbuch, Leben – Werk – Wirkung, Stuttgart: 2002, 20.

[3]Lamping, Dieter (Hg.): Handbuch Lyrik, Theorie, Analyse, Geschichte, Stuttgart: 2011, 375.

[4]Vgl. Lamping, Handbuch, 375f.

[5]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 481f.

[6]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 309.

[7]Vgl. ebd.

[8]Vgl. ebd.

[9]Vgl. Frank, Horst Joachim: Handbuch der deutschen Strophenformen, Tübingen: 1933, 261.

[10]Vgl. Frank, Strophenformen, 264.

[11]Vgl. ebd., 259.

[12]Vgl. ebd.

[13]Vgl. Frank, Strophenformen, 260.

[14]Vgl. Bossert, Helmuth Th.: Die Schicksalsgöttinnen der Hethiter.Die Welt des Orient, Stuttgart: 1957, 349-359.

[15]Vgl. o.A.: Parzen – Drei Schicksalsgöttinnen in der römischen Mythologie, o.O.: 2014, verfügbar unter: http://www.artedea.net/parzen/ (letzter Zugriff am 4.8.15).

[16]Vgl. Goethe, Johann Gottfried: Das Lied der Parzen, o.O.: o.D. verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/johann-wolfgang-goethe-gedichte-3670/106 (letzter Zugriff am 2.9.15).

[17]Vgl. Duden-Online: Orkus, o.O.: 2013, verfügbar unter: http://www.duden.de/rechtschreibung /Orkus_Sagengestalt_Unterwelt (letzter Zugriff: 4.8.15).

[18]Vgl. Butzer, Günter; Jacob, Joachim (Hgg.): Metzler Lexikon literarischer Symbole, Stuttgart: 2012, 180.

[19]Vgl. ebd., 405.

[20]Vgl. ebd., 179.

[21]Vgl. Butzer, Lexikon, 179.

[22]Vgl. Lamping, Dieter (Hg.), Handbuch Lyrik, Theorie, Analyse, Geschichte, Stuttgart 2011, 376.

[23]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 62.

[24]Vgl. Pohl, Wolfgang: Grundideen der deutschen Klassik, Wildeshausen: o.D., verfügbar unter: http://www.pohlw.de/literatur/epochen/klassik.htm#Grundideen (letzter Zugriff am 4.8.15).

[25]Vgl. Frank, Strophenformen, 262.

[26]Vgl. Lamping, Handbuch, 376.

[27]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 23f.

[28]Vgl. ebd., 64.

[29]Vgl. ebd., 64f.

[30]Vgl. Frank, Strophenformen, 260f.

[31]Vgl. Lamping, Handbuch Lyrik, 180.

[32]Vgl. ebd.

[33]Vgl. ebd., 181.

[34]Vgl. Praetor Intermedia UG, proverbia, Ius divinum, o.O.: o.D., verfügbar unter: http://www.proverbia-iuris.de/ius-divinum/ (letzter Zugriff: 4.8.15).

[35]Vgl. Duden-Online, heilig, o.O.: 2013, verfügbar unter: http://www.duden.de/rechtschreibung /heilig_ehrwuerdig_geheiligt_hehr (letzter Zugriff: 4.8.15).

[36]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 27f.

[37]Vgl. ebd.

[38]Vgl. Kreuzer, Hölderlin, 27f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Zur Versöhnung von Leben und Tod durch Lyrik. Eine Interpretation von Hölderlins "An die Parzen"
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V414602
ISBN (eBook)
9783668655379
ISBN (Buch)
9783668655386
Dateigröße
562 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
versöhnung, leben, lyrik, eine, interpretation, hölderlins, parzen
Arbeit zitieren
Anke Herten (Autor), 2015, Zur Versöhnung von Leben und Tod durch Lyrik. Eine Interpretation von Hölderlins "An die Parzen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414602

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