Die Speisung der Fünftausend. Eine Exegese von Mk 6, 30-44


Hausarbeit, 2016
33 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Übersetzung

3. Textkritik

4. Realien

5. Kontext- und Kohärenzkritik

6. Formgeschichte

7. Literarkritik – synoptischer Vergleich

8. Redaktions- und Kompositionskritik

9. Hermeneutische Reflexion

10. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Schon im in unserer frühen Sozialisation begegnen uns Geschichten von Jesu Wundertaten im Alltag, wie zum Beispiel im Kindergottesdienst oder im Religionsunterricht. In den Evangelien und in der Apostelgeschichte spielen die Wundergeschichten eine wichtige Rolle und treten besonders zahlreich auf. Als Kind wird einem durch diese Geschichten deutlich, dass Jesus kein normaler Mensch gewesen sein kann. Durch Jesu Wundertaten werden die Allmacht, die Barmherzigkeit und die Güte des Herrn offenbart. Dies geschieht in einer besonders anschaulichen und bildlichen Weise. Manch einer erinnert sich auch im Erwachsenenalter noch gut an die Heilungswunder, den Gang Jesu auf dem Wasser oder die Umwandlung von Wasser zu Wein, die ihm in der Kindheit zuletzt begegnet sind. Die Wundergeschichten sind nämlich meist leicht verständlich, eingängig und bleiben den Hörern oder Lesern unter anderem durch die ausgelöste Verwunderung lange im Gedächtnis. Aber gerade diese anstößige, verwunderliche und außergewöhnliche Komponente der ntl. Wundergeschichten macht sie auch zu einer sehr komplexen und schwierigen Textart.

Ziel dieser Ausarbeitung ist es, die Formen, Strukturen und Intentionen dieser neutestamentlichen Textart näher zu betrachten. Anhand einer ausgewählten Wundergeschichte, der Speisung der Fünftausend aus dem Markusevangelium, wird dies spezifisch betrachtet. Die Perikope soll exegetisch analysiert werden um die Redaktion und Komposition, sowie auch den historischen Kontext und die Intentionen der Perikope freizulegen. Im Anschluss daran soll die Perikope hermeneutisch reflektiert und auf ihr heutiges didaktisches Potenzial für den Schulunterricht hin untersucht werden. Dazu soll versucht werden, die mythische, vielleicht auch redaktionell bearbeitete Gestalt der Perikope abzutragen, um den Kern der Erzählung herauszuarbeiten und auszulegen.

In der vorliegenden Arbeit wird mit der Zürcher neuen deutschen Übersetzung der Bibel von 2007 gearbeitet. Außerdem finden die Loccumer Richtlinien zur Abkürzung der biblischen Bücher und das TRE-Abkürzungsverzeichnis Verwendung.

2. Übersetzung

Die Speisung der fünftausend (Mk 6, 30-44)

30Und dieApostelkamen bei Jesus zusammen. Und sie berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten.

31Und er sagt zu ihnen: Kommet, ihr allein, abseits an einen öden Ort, und ruhet ein wenig. Denn es waren viele, die ab und zu gingen, und sie hatten nicht einmal Zeit zuessen.

32Und sie fuhren mit dem Schiff abseits an einen ödenOrt.

33Und man sah sie wegfahren, und viele merkten es. Und sie liefen zu Fuß aus allen Städten dort zusammen und kamen ihnen zuvor.

34Und als er ausstieg, sah er viel Volk, und er fühlte Erbarmen mit ihnen, denn sie warenwieSchafe, die keinenHirtenhaben.Und er fing an, sie vieles zu lehren.

35Und als die Zeit schon sehr vorgerückt war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist öde und die Zeit schon sehr vorgerückt.

36Entlasse sie, damit sie in die Gehöfte und Dörfer ringsumher gehen und sich etwas zuessenkaufen.

37Er aber antwortete ihnen: Gebt ihr ihnen zuessen! Und sie sagten zu ihm: Sollen wir hingehen und fürzweihundert Denar Brotekaufen und ihnen zu essen geben?

38Er aber sagte zu ihnen: WievielBrotehabt ihr? Gehet hin, sehet nach! Und als sie es erkundet hatten, sagten sie:Fünf, undzwei Fische.

39Und er befahl ihnen, alle sich nachTischgemeinschafteninsgrüne Graslagern zu lassen.

40Und sie setzten sich inGruppen zu hundert und zu fünfzig.

41Da nahm er diefünf Brote und die zwei Fische,blickte zumHimmelauf, sprach dasDankgebetdarüber, brach die Broteund gab sie denJüngerndamit sie sie ihnen vorlegten, und die zwei Fische teilte er unter alle.

42Und alle aßen und wurdensatt.

43Und sie hoben an Brockenzwölf Körbevoll auf, und von den Fischen.

44Und die die Brote gegessen hatten, warenfünftausend Männer.

Fettgedrucktes= Realien, siehe Kapitel 4

Es handelt sich hierbei um die Zürcher Übersetzung. Die Zürcher Bibelübersetzung verzeichnet ihre Ursprünge zur Zeit der Reformation in Zürich unter Ulrich Zwingli ab ca. 1524. Nach etlichen Revisionen aufgrund von neuen Erkenntnissen der Bibel- und Geschichtswissenschaft, der Philologie und einer Veränderung der deutschen Sprache liegt der Öffentlichkeit seit 2007 die sogenannte „Neue Zürcher Bibel“ vor.[1]

Als Übersetzungsgrundlage diente für das Neue Testament der griechische Text von Nestle-Aland, der in der 27. Auflage des Novum Testamentum Graece zu lesen ist.[2]

Die Zürcher Übersetzung hat das Ziel, besonders nah an der Sprache der Ausgangstexte zu übersetzen. Die Eigenheiten des Griechischen und Aramäischen im Neuen Testament bleiben weitestgehend erhalten und auch die kulturelle Differenz, die der Urtext bietet, wird nicht eingedämmt, bzw. an die heutige Lebenswelt angepasst. Die Übersetzer hatten den Anspruch, den Urtext weder zu beschönigen, noch banalisieren oder zu mildern.

Außerdem bemühten sich die Übersetzer, sich mit Interpretationen, Kommentaren oder gar Wertungen zurückzuhalten, um die Auslegung vollständig den Lesern zu überlassen. Aus genau diesem Grund erschien mir die Zürcher Übersetzung bestens geeignet für eine unvoreingenommene exegetische Arbeit.[3]

3. Textkritik

In der Textkritik sollen die durch das Abschreiben des Textes verursachten Veränderungen zum Urtext ermittelt werden. Veränderungen können absichtlich vom Schreiber getätigt werden oder unabsichtlich durch ein Versehen entstehen. Im Laufe des Abschreibens der jüdischen Gelehrten (Masoreten) kam es zu Lese- und Schreibfehlern, die vom nächsten Abschreiber übernommen wurden. Es kann allerdings auch von absichtlichen Veränderungen aus dogmatischen Gründen oder aus einem Textunverständnis heraus ausgegangen werden.[4]Durch die Textkritik soll bewusst gemacht werden, dass der uns vorliegende Bibeltext lediglich ein wissenschaftlich erarbeitetes Konstrukt ist.[5]

Bei der Textkritik wird folgendermaßen vorgegangen: Zunächst muss der textkritische Apparat der Bibelstelle herangezogen werden, um einzusehen, wie viele und welche Varianten der betreffende Textstelle vorliegen. Im Text sind hierzu spezifische Symbole gesetzt, die im untenstehenden Apparat entschlüsselt werden. Hier sind nun die Übersetzungsvarianten der verschiedenen vorliegenden Übersetzungen aufgeführt.[6]

Anschließend wird der vorliegende masoretische Text auf die sprachliche und sachliche Sinnhaftigkeit überprüft. Bei Zweifeln sollten die anderen Übersetzungsvarianten angesehen werden und der Exeget muss sich zuletzt für eine dieser Varianten entscheiden.[7]Hierfür stehen ihm folgende Faustregeln zur Verfügung.

Die schwierigere Lesart ist die wahrscheinlich ursprünglichere. (lectio difficilior probabilior)[8]

Ein schwieriger Text wird eher verändert, als ein leichter. Deswegen ist es wahrscheinlicher, dass die schwierigere Variante die ursprünglichere ist.

Die kürzere Lesart ist die wahrscheinlich ursprünglichere. (lectio brevior potior)[9]

Beim Abschreiben von biblischen Texten wurden häufig erklärende Worte hinzugefügt, um den Text verständlicher zu machen. Es ist daher davon auszugehen, dass die kürzeste Lesart die wahrscheinlichere ist.

Ähnliche Kriterien können auch auf die Auswahl der am besten geeigneten Übersetzung übertragen werden. So sind meist die Bibelübersetzungen, die sprachlich sehr flüssig und modern gestaltet sind nicht so nah am griechischen Original. Übersetzungen, die eher kürzer und holpriger wirken, sind hingegen vermutlich wörtlicher und näher am Originaltext. Aus diesen Gründen wird in der vorliegenden Arbeit die besonders genaue und wörtliche Zürcher Übersetzung als Grundlage verwendet und auf die textkritische Arbeit der Zürcher Theologen und Bibelwissenschaftler vertraut.

4. Realien

In diesem Schritt werden Begriffe geklärt, die so heute nicht mehr in Gebrauch sind oder zur Zeit des Urchristentums vielleicht eine andere Bedeutung hatten. Diese Begriffe sind in der Übersetzung fett markiert.

Apostel (V.30)

Aus der Septuaginta wörtlich übersetzt, bedeutet dieses Wort der „Bote Gottes“. Interessanterweise taucht der Begriff im Markusevangelium nur ein einziges Mal auf. Der Apostelbegriff ist vor allem durch Paulus bestimmt. Ein Apostel ist nach Paulus Erklärung von Gott dazu berufen, dass Evangelium zu verkünden und Gesandter Christi zu sein.[10]Diese Bedeutung passt gut in den Zusammenhang des Verses, denn es wird gesagt, dass die Apostel vom Lehren und „Tun“ zurückommen (V.30). Im dritten Kapitel des Markusevangelium (Mk 3, 16-19) werden die Namen der Ausgesendeten aufgelistet. Nach Markus gehören Simon Petrus, Jakobus (Sohn des Zebedäus), Johannes, Andreas, Phillipus, Bartolomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus (Sohn des Alfäus), Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot zu den Aposteln.[11]

Hirte (V.34)

In Jesu Reden hat der Hirtenbegriff eine heilsgeschichtliche und seelsorgerische Bedeutung. Er spielt damit auf Gott an, der seine Menschenkinder wie ein Hirte versorgt und zusammenhält.[12]Jesus selbst nimmt auch die Hirtenrolle ein, indem er sowohl die körperlichen, als auch die geistlichen Bedürfnisse seiner „Schafe“ erfüllt. Er führt seine „Schafe“, in diesem Fall die Menschenmenge, die den Aposteln und ihm gefolgt war, zu einer Gemeinschaft zusammen. Er hält sie also wie ein Hirte zusammen und platziert sie in Gemeinschaften auf dem grünen Gras (V.39). Jesus versorgt sie mit geistlicher Lehre („Und er fing an, sie vieles zu lehren.“ V. 34). Außerdem sorgt er für ihr leibliches Wohl, indem er ihnen zu essen bereitet (V.41).

Schafe (V.34)

Im neuen Testament ist die Schafherde oftmals ein Bild für das Gottesvolk. Die Sorge des Hirten für die Schafe ist dabei oft ein Gleichnis für die Liebe Gottes zu den Menschen.[13]Auch in diesem Vers nutzt Jesus das Bild des Hirten und der Schafherde als Gleichnis (V.34): „Sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.“ Durch das Partikel „wie“ wird der Vergleich besonders deutlich.

Essen (V.31, 36, 37, 42, 44)

Da Essen lebensnotwendig ist, gibt Gott jedem Menschen, der auf ihn vertraut, Tag für Tag zu essen. Jesus bringt seinen Jüngern bei, Gott um das tägliche Brot zu bitten (z.B. Vater unser: „Unser tägliches Brot gib uns heute“). Jesus dankt Gott vor jedem Essen. Auch hier, in V. 41 spricht Jesus zunächst einen Lobpreis zu Gott, welcher die Zutaten für das Brot aus der Erde wachsen lässt.[14]

Öder Ort (V. 31, 32, 35)

Jesus zog sich zum Beten gerne an einsame, stille Orte zurück, wo er ungestört zu Gott reden konnte. Dies Motiv taucht auch schon in Mk 1,35 und 45 auf. Jesus muss sich an einsame Orte zurückziehen, weil er in den Städten und Dörfern, in denen er wirkte, zu bekannt war und von Menschen umringt wurde. Wie auch in Mk 3, 20-21 fanden Jesus und seine Jünger oftmals nicht einmal Zeit zum Essen.

Außerdem wurden Wunder häufig an abgelegenen Orten vollbracht, um sie den Augen der Menschheit zu entziehen.[15]Es war nämlich nicht Jesus Ziel, sich feiern oder bestaunen zu lassen, sondern Gottes Botschaft an die Menschen heranzutragen.

Erbarmen (V.34)

Hier weist Jesus eine typische Eigenschaft Gottes auf: Die Barmherzigkeit. Jesus Erbarmen mit den Menschen ist ein typisches Motiv im Markusevangelium. Er beginnt die Menschen zu lehren, obwohl er eigentlich Zeit mit den Jüngern allein verbringen wollte. Jesus kann die Menschen nicht einfach wegschicken, das wird von dem Gleichnis der hirtenlosen Schafe noch einmal verstärkt.

Zweihundert Denar (V.37)

Die Bibel gebraucht Zahlen in erster Linie qualitativ und nicht quantitativ. Ein Denar ist eine römische Silbermünze. Ihr Wert entspricht in etwa einem Tageslohn. Daran kann man sich ableiten, wieviel die genannten 200 Denar Wert waren. So viel Geld hatten die Jünger nicht bei sich oder zur Verfügung. Für einen Denar bekam man etwa ein Maß Weizen.[16]

Brot (V.37)

In neutestamentlicher Zeit war Brot das Hauptnahrungsmittel. Der Begriff „Brot“ kann deshalb auch stellvertretend für alle Nahrungsmittel gedeutet werden. Dies wird auch daran deutlich, dass Jesus seine Jünger nicht fragt, wieviel sie zu essen dabei haben, sondern wie viele Brote sie haben (V.38). Hatten die Menschen damals ausreichend Brot, so waren sie von Gott gesegnet, denn Gott ist der Erhalter des Lebens. So zeigt das Vorhandensein von Brot auch eine vorhandene Gottesbeziehung an. Eine besondere Bedeutung kommt der gemeinsamen Speisung von Brot zu: Dies erzeugt in der Bibel Versöhnung und Freundschaft und stärkt die Gemeinschaft.[17]

Fisch (V.38)

Fische treten bemerkenswert oft in den Geschichten des NTs auf. Dies hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, dass viele Geschichten in der Nähe des Sees Genezareth lokalisiert sind und die Fischerei hier von großer Bedeutung war. Viele Jünger Jesu waren zudem als Fischer tätig. Fisch wird sehr häufig als Beilage zu Brot gereicht, wie auch in diesem Beispiel. Zu fünf Broten sollen zwei Fische gegessen werden. Fisch und Brot waren eher ein Essen der ärmeren Leute.[18]

Tischgemeinschaft (V.39)

Das gemeinsame Mahl war die Verkörperung von Gemeinschaft. Es dient in der Bibel auch häufig als Symbol für die Gemeinschaft mit Gott. Beim Essen saß man auf dem Boden, auch die Speisen lagen auf der Mitte der Runde.[19]Der Begriff „Tischgemeinschaft“ ist daher eher unpässlich übersetzt. Angebrachter wäre es von einer Mahlgemeinschaft zu sprechen.

Grünes Gras (V.39)

Siehe Realie „Schafe“. Das grüne Gras könnte dazu dienen, eine nahrungsreiche Wiese darzustellen, auf der die leiblichen Bedürfnisse der Schafe gestillt werden können.

Himmel (V.41)

Jesus richtet seinen Blick zum Himmel, bevor er seinen Lobpreis für das Essen ausspricht. Der Himmel steht in der Bibel für den „Bereich des Göttlichen“[20]oder gar als Wohnsitz Gottes.[21]Von hier aus kommen die heilsamen Gotteserfahrungen, auch Jesus kam aus dem Himmel zu den Menschen.[22]Aus dem Himmel kommt auch die Nahrung. Ein Beispiel hierfür ist das Herabfallen von Manna in Ex.16. Es wird daher auch „Himmelsbrot“ genannt.

Dankgebet (V.41)

Ein Dankgebet kann auch als Lobpreis aufgefasst werden. Der Begriff „Lob“ wird in der Bibel ausschließlich als Kurzform von „Gotteslob“ benutzt. Lobpreis ist oft die Reaktion auf das Handeln Gottes. Dies passt zur vorliegenden Situation. Auf Gottes Essensgabe reagiert Jesus mit Lobpreis.[23]

Brot brechen (V.41)

Das Brotbrechen war eine typische Geste Jesu. Es war ein wichtiger Ritus der entstehenden christlichen Gemeinden, beim Abendmahl einen Lobpreis zu sprechen und anschließend das Brot zu brechen und es zu verteilen. An der Art und Weise, wie Jesus das Brot bricht, erkennen die Jünger den Auferstandenen Jesus wieder.[24]

Jünger (V.35, 41)

Der Begriff „Jünger“ kommt in den Evangelien und der Apg insgesamt 261 Mal vor. Hiermit sind die Jünger Jesu gemeint. Jesus berief seine Jünger in die Nachfolge. Jesus hatte zwölf Jünger, diese Zahl spiegelt die zwölf Stämme Israels wieder.[25]

Satt werden (V.42)

Sättigung ist als Gabe Gottes anzusehen. Schon im Ps 145,16 heißt es: „Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.“ Satt sein ist ein zufriedener Zustand zwischen Armut und Überfluss.[26]

Fünftausend Männer (V.44)

Warum speist Jesus gerade 5000 Männer, sind keine Frauen unter der Menschenmenge? Der Begriff „Mann“ kann nach alttestamentlichem Brauch für den Menschen im Allgemeinen stehen.[27]Es ist also nicht ausgeschlossen, dass eine gemischtgeschlechtliche Menschenmenge gemeint ist.

5. Kontext- und Kohärenzkritik

In diesem Kapitel soll es darum gehen, die vorliegende Perikope auf ihre innere Kohärenz und ihre Eingebundenheit in den Kontext des Markusevangeliums zu prüfen. Hierbei werden sprachlich-syntaktische, semantische und narrative Strukturen des Textes betrachtet. Ziel ist es, die Perikope als Einheit nach vorne und nach hinten vom umliegenden Text abzugrenzen. Zunächst soll die Texteinheit dazu im Markusevangelium lokalisiert werden, danach soll sie nach vorne und hinten vom umliegenden Text abgegrenzt und auf eine innere Kohärenz hin untersucht werden.

Die vorliegende Perikope beschreibt die Rückkehr der Apostel nach auswärtiger Lehrtätigkeit zu Jesus und das Wunder der Speisung der 5000 Männer an einem „öden“ Ort. Die Perikope steht im ersten Hauptteil des Markusevangeliums, in welchem Jesus und seine Jünger innerhalb und außerhalb von Galiläa wirken. Der zweite Hauptteil des Evangeliums beinhaltet Jesu Passion und den Weg dahin, der letzte Teil beschreibt Jesu Wirken in Jerusalem.[28]Die vorliegende Perikope bildet den Abschluss von Jesu wirken in Galiläa unter den Juden.[29]Anschließend begeben sich Jesus und seine Jünger unter die Heiden außerhalb von Galiläa, wo sich ein ganz ähnliches Speisungswunder in Mk 8, 1-9 ereignet.

Beim ersten Lesen der vorliegenden Perikope ergeben sich keine großen Verständnisprobleme. Im Auftakt (V.30) werden direkt die handelnden Personen, nämlich Jesus und die Apostel, eingeführt, wie es nach dem Abschweifen zur Enthauptung des Johannes von Herodes in der vorangehenden Perikope auch nötig ist.[30]Anzumerken wäre allerdings, dass kein Ort des Aufeinandertreffens genannt wird. Außerdem wird nicht genannt, von wo die Apostel zu Jesus zurückkehren und was es mit dem „tun und lehren“ (V.30) auf sich hat. Darüber hinaus wird der Apostelbegriff hier im Markusevangelium zum ersten Mal verwandt. Als Laie könnte man sich fragen, um wen es sich bei den Aposteln handelt. Die Antworten auf all diese Fragen man in der Perikope „Aussendung der Zwölf“ in Mk 3, 7-13 nachlesen.

Trotzdem kann die Perikope problemlos als einzelne Geschichte gelesen werden. Die einleitenden Verse wirken wie eine redaktionell gestaltete Einpassung der Perikope in das Evangelium. Für die Botschaft der Perikope wären die Verse 30-33 nicht nötig.

Betrachtet man die vorangehenden Verse, kann man keinerlei Zusammenhänge zu der betrachteten Perikope erkennen, es handelt sich um einen inhaltlichen und auch örtlichen Bruch. In der vorangehenden Perikope geht es um die Enthauptung Johannes des Täufers durch Herodes (Mk 6, 14-29). Die betrachtete Perikope schließt allerdings an den Text vor Mk 6, 7-13 an. Dort geht es nämlich um die Aussendung der zwölf Apostel, die in der Einleitung der betrachteten Perikope (Mk 6, 30-32) wieder bei Jesus zusammenkommen. Der Einschub der Enthauptung des Johannes (Mk 6, 14-29) könnte dazu dienen, die Zeitspanne darzustellen, in der die Apostel wirken, bevor sie in Mk 6, 30 zu Jesus zurückkehren.[31]

[...]


[1]Vgl. Deutsche Bibelgesellschaft, Zürcher Bibel (2007), Stuttgart, o.D., verfügbar unter: https://www.die-bibel.de/online-bibeln/zuercher-bibel/informationen-zur-bibeluebersetzung/ (letzter Zugriff: 9.12.15)

[2]Vgl. ebd.

[3]Vgl. ebd.

[4]Vgl. Uwe Becker, Exegese des Neuen Testaments, 2. Aufl., Tübingen 2008, S.19.

[5]Vgl. Martin Ebner, Bernhard Heininger, Exegese des Neuen Testaments, 2. Aufl., Paderborn 2007, S.50.

[6]Vgl. Ebner/ Heininger, Exegese, S.43.

[7]Vgl. Becker, Exegese, S.39.

[8]Christian Wetz, Einführung in die Exegese, PP2, Sommersemester 2015, Folie 7.

[9]Ebd.

[10]Vgl. Gijs Bouwmann, Apostel, in: Prof. Dr. Herbert Haag (Hrsg.), Bibel-Lexikon, Zürich/Köln 1968, S.87.

[11]Mk 3, 16-19.

[12]Vgl. Werner Grimm, Hirte, in: Betz, et. al. (Hrsg.), Calwer Bibellexikon Bd. 1, S.575.

[13]Vgl. Hendrik Frehen, in: Prof. Dr. Herbert Haag (Hrsg.), Bibel-Lexikon, Zürich/Köln 1968, Schafe, S.1530f.

[14]Vgl. Otto Betz, Essen, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart 2003, S.323.

[15]Vgl. Reginald Fulbe, Die Wunder Jesu in Exegese und Verkündigung, Düsseldorf 1967, S.44.

[16]Vgl. Arie van den Born, Denar, in: Prof. Dr. Herbert Haag (Hrsg.), Bibel-Lexikon, Zürich/Köln 1968, S.326.

[17]Vgl. Roland Deines, Brot, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart 2003, S.207f.

[18]Vgl. Rieder, Fisch, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart 2003, S.362.

[19]Vgl. Arie van den Born, in: Prof. Dr. Herbert Haag (Hrsg.), Bibel-Lexikon, Zürich/Köln 1968, S.1078.

[20]Gudrun Holtz, Himmel, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 2, Stuttgart 2003, S.569.

[21]Vgl. ebd.

[22]Vgl. ebd.

[23]Vgl. Peter H. A. Neumann, Lob, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, Stuttgart 2003, S.840f.

[24]Vgl. Fritz Röcker, Brotbrechen, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, S.208.

[25]Vgl. Börst, Jünger, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 1, S.706.

[26]Vgl. Jochen Vollmer, satt, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 2, S.1174.

[27]Vgl. Otto Betz, Mann, in: Betz, et.al., Calwer Bibellexikon, Bd. 2, S.871.

[28]Vgl. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 8. Aufl., Göttingen 2013, S.272f.

[29]Vgl. Schnelle, S.271.

[30]Vgl. Walter Schmidthals, Das Evangelium nach Markus: Kapitel 1-9,1, in: Ökumenischer Taschenbuchkommentar zum Neuen Testament (ÖTK), Gütersloh 1979, S.318.

[31]Vgl. Schmidthals, ÖTK, S.317.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Die Speisung der Fünftausend. Eine Exegese von Mk 6, 30-44
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
33
Katalognummer
V414606
ISBN (eBook)
9783668652385
ISBN (Buch)
9783668652392
Dateigröße
893 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
speisung, fünftausend, eine, exegese
Arbeit zitieren
Anke Herten (Autor), 2016, Die Speisung der Fünftausend. Eine Exegese von Mk 6, 30-44, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/414606

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