Die Funktionen des Löwen in Hartmanns "Iwein" und der Löwe als Idealtyp "Ritter"


Hausarbeit, 2016

15 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Funktionen des Löwen im „Iwein“

3. Hartmanns Löwe im „Iwein“ als Idealtyp „Ritter“

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Assoziation des Löwen als König der Tiere lässt sich bei einem Großteil der Weltbevölkerung vermutlich nur durch Disneys Adaption des Zeichentrickklassikers „Der König der Löwen“ begründen. Diese traditionelle Gedankenverknüpfung des Löwen als ein edles und mutiges Tier wurzelt jedoch Jahrhunderte früher, sie ist sogar Element der frühchristlichen Naturlehre, dem „Physiologus“1, die ursprünglich aus der griechischen Sprache stammt. Überdies misst Hartmann von Aue in seinem um 1200 erschienenen „Iwein“2 dem Löwen eine immanente Bedeutung bei, indem das Tier „die epische Handlung massgebend mitbestimmt“3. Der aktuelle Stand der Forschung weist hierbei eine Spanne der Extrema auf. Die Bemessung des Einflusses des Löwen auf den Artusroman reicht von absoluter Belanglosigkeit bis hin zum ausschlaggebenden Kernelement des ganzen Werkes. Es liegt damit eine gravierende Wichtigkeit in der Prüfung der Funktionen, die der Löwe in Hartmanns Artusroman einnimmt.

Ziel dieser Seminararbeit ist es diese Funktionen herauszuarbeiten, um im Anschluss Hartmanns Löwen dahingehend zu untersuchen, inwiefern er als ein Idealtypus eines Ritters angesehen werden kann. Um das Wertesystem dieses Prototyps in Bezug auf den Löwen prüfen zu können, ist es unerlässlich den Begriff des höfischen Ritters und die dahinterliegenden Tugenden näher zu beleuchten. Allerdings lässt der Umfang dieser Seminararbeit nicht zu, dass akribisch jedes einzelne Charakteristikum eines Ritters geprüft wird, es werden vielmehr exemplarisch aufschlussreiche Elemente herausgegriffen. Die allgemeine Definition eines Ritters des 13. Jahrhunderts wird weiterhin als bekannt vorausgesetzt.

Grundsätzlich liegt der Fokus auf der Primärliteratur, dem mittelhochdeutschen Artusroman „Iwein“, sowie dem Kapitel „5. Der Löwe und Iwein“4 aus dem Aufsatz nach Gertrud Jaron Lewis und Joachim Bumkes „Höfische Kultur: Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter“5 als weiterführende Sekundärliteratur.

2. Funktionen des Löwen im „Iwein“

Der Löwe in Hartmanns Artusroman lässt sich als ein Paradebeispiel für die verschiedenartigen Funktionen aufführen, die ein Tier in einem Roman einnehmen kann. Im Folgenden sollen anhand des Löwen einige dieser bedeutsamen Funktionen hervorgehoben werden. Diese Analyse bildet die Basis zur Überprüfung der These, inwieweit man den Löwen als einen idealen Ritter interpretieren kann.

Der Löwe im „Iwein“ lässt sich als ein diegetisches Tier deuten. Damit meint diese literarische Gattung „solche Tiere, die auch als Lebewesen, als fassbare Elemente der erzählten Welt auftauchen“6. Es bedeutet damit allerdings nicht, dass diegetische Tiere keine Bedeutung tragen und sich nicht interpretieren lassen. Borgards verdeutlicht hierbei vielmehr den Interpretationsspielraum der Literaturwissenschaft, indem er behauptet: „in literarischen Texten gibt es ganz grundsätzlich nichts, das nicht irgendetwas bedeuten könnte“7. Übertragen auf den „Iwein“ erkennt man, dass der Löwe im Artusroman weitestgehend artgerecht wie eine Raubkatze der realen Welt agiert. Dies kann man besonders daran feststellen, dass der Löwe einzig durch sein Gebrüll und sein Verhalten kommuniziert und damit nicht fähig ist Laute wie ein Mensch zu bilden. Bei Hartmann heißt es kurz nach der Begegnung Iweins mit dem Löwen sogar:

nû twanc in des sîn ahte,

beidiu der hunger und sîn art,

dô er des tieres innen wart,

daz er daz gerne wolde jagen.

dazn kundern anders niht gesagen,

wan er stuont und sach in an

und zeicte mit dem munde dan:

dâ mite teterz im kunt. (V. 3886-3893)

An dieser Textstelle kann man unmissverständlich ablesen, dass das Verhalten des Löwen durch sîn ahte (V. 3886) und sîn art (V. 3887) maßgebend bestimmt wird und er sich nur über Gestik und Mimik mit dem Ritter verständigen kann. Diese Sprachlosigkeit kennzeichnet den Löwen damit als ein realistisches, diegetisches Tier und markiert den anschaulichsten Unterschied zwischen dem Menschen und der Raubkatze.

Zudem nutzt Iwein den Löwen einige Augenblicke später als einen suochhunt (V. 3894), indem er das Tier anfeuert auf der Jagd nach dem Wild. Damit wird der Löwe direkt durch Iwein charakterisiert und eine Funktion hervorgehoben. Der Protagonist wahrt in diesem Moment seine höfischen Sitten, indem er das Tier als Werkzeug gebraucht (Vgl. V. 3905-3909). So ist es dem Artusritter möglich, nicht in sein wildes Verhalten zurückzufallen, wie er es in seinem Wahnsinn bereits tat. „Das Tier als Tool“ - Diese Kategorisierung führt Kompatscher stellvertretend für Strigl in ihrem Aufsatz „Die Befreiung ästhetischer Tiere“ auf, in welche sich dieses Verhalten des Löwen einordnen lässt.8

Zu dieser Kategorie zählt im weitesten Sinne auch die Hilfe des Löwen in Iweins Kämpfen. In diesen Situationen wird allerdings ein bestimmtes Problem aufgeworfen. Inwieweit geht Iwein kategorisch von der Hilfe des Löwen in den Kämpfen aus? Wörtlich sagt der Artusritter nämlich:

der lewe vert mit mir alle zît:

ichn vü ere in durch deheinen strît,

ich entrîb in ouch von mir niht:

werent iuch, tuot er iu iht. (V. 5293-5296)

Die Tatsache, dass Iwein sich der Hilfe gegenüber neutral verhält, lässt also die Einordnung in die Kategorie „Das Tier als Tool“ im weitesten zu, denn der Löwe dient ihm nur in Notsituationen als Hilfe. Andererseits kennzeichnet dies den Löwen auch als einen Freund, der ihm in jeder Situation zur Seite steht und weiß, wann er eingreifen muss. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Handlung einige Verse später:

sus muose der lewe hôher stân:

dochn mohter des niht verlân ern sæ heüber den rücke dan

sînen herren wider an. (V. 5303-5306)

Der Löwe versichert sich voller Sorge durch diesen Rückblick, dass es Iwein tatsächlich ernst meint. Hartmann bildet hier ganz bewusst die „innere Nähe der beiden Gefährten“9 ab. Folglich lässt sich diese Textstelle mehrdeutig interpretieren. Welche der Verfasser aber tatsächlich zum Ausdruck bringen wollte, muss unbeantwortet bleiben.

Als weitere Kategorie führt Strigl „das Tier als Freund“10 auf. Die Einteilung des Löwen in diese Gruppe äußert sich weiterhin darin, dass der Löwe die Funktion des Beschützers auch außerhalb des Kampfes einnimmt. Hartmann von Aue schreibt, dass der lewe wachet unde lief / umb sîn ors unde umb in (V.3912 f.) während der Ritter schlief. Diese Textstelle erinnert stark an die Löwendarstellung des Physiologus, in dem der Löwe trotzdem über alles wacht, obwohl

er schläft.11 Allerdings besitzt die Szene des Physiologus eine allegorische Deutung, die hier

nicht zutrifft. Indem Hartmann schreibt, er [der Löwe] hete die tugent und den sin / daz er sîn huote zaller zît, beidui dôunde sît. (V. 3915ff.) hebt er ein beschützendes Verhalten des Tieres hervor und charakterisiert ihn als aufmerksamen und zuverlässigen Begleiter Iweins. Der Gedankengang des „Tier[es] als Freund“12 wird ergänzt durch die Rolle, die der Löwe in Iweins Identitätsstiftung einnimmt.13 Iwein nennt sich fortan der rîter mittem lewen (V.5510) und identifiziert sich dadurch direkt durch seinen Begleiter. Damit wird Iwein durch seinen Begleiter in seinem Reifeprozess als Ritter unterstützt, indem er sich durch den neuen Namen, welcher Mut und Selbstbewusstsein ausstrahlt, eine neue Persönlichkeit verleiht. Diese Identität behält der Ritter bei, bis er seine ê re (V. 3970) wiederhergestellt hat. Er bildet eine regelrechte „untrennbare Einheit“ 14 mit dem Löwen, die sich sowohl physisch als auch psychisch äußert. Diese Verbundenheit wird zusätzlich durch eine allgemeine Verhaltensweise der Raubkatze untermauert: „Löwen gelten als einzige gesellig lebende Katzenart“15. Der Löwe formiert mit dem Artusritter im Prinzip ein eigenes, wenn auch kleines Rudel und akzeptiert den Menschen in diesem Zusammenschluss als Anführer. Dieser Status wird Iwein zuteil, weil er dem Löwen das Leben vor dem Drachen gerettet hat.

Weiterhin lassen sich nach Strigl „Tiere als Symbol“16 deuten, der Löwe in Hartmanns Artusroman ganz besonders als ein Symbol für die rehtiu triuwe (V.4005). Durch den Selbstmordversuch des Löwen (Vgl. V. 3940-3960) drückt er metaphorisch die „Aufrichtigkeit“17 und „Leidensbereitschaft“18 seines Minneverständnisses aus. Das Zitat „Der Löwe ist nicht nur physisch stärker als der Ritter, sondern er ist auch der Edlere, weil er tiefer empfinden kann.“19 markiert damit deutlich die Vorbildfunktion, die der Löwe für Iwein darstellt.

[...]


1 Christian Schröder: Physiologus [Art.]. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters Verfasserlexikon. Hg. von Kurt Ruh [u.a.]. Bd. 7. Berlin/New York 1981, S. 620-634.

2 Hartmann von Aue: Iwein. Hg. von G. F. Benecke, K. Lachmann und L. Wolff. Übers. und Nachwort von Thomas Cramer. 4., überarbeitete Auflage. Berlin/New York: de Gruyter, 2001.

3 Gertrud Jaron Lewis: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan. In: Kanadische Studien zur deutschen Sprache und Literatur. Hg. A. Arnold, M. S. Batts und H. Eichner. No. 11. Bern/ Frankfurt a.M. 1974, S.67.

4 Vgl. S. 67-84.

5 Joachim Bumke: Höfische Kultur: Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Bd. 2. München 1986, S. 416-432.

6 Roland Borgards: Tiere in der Literatur - Eine methodische Standortbestimmung. In: Das Tier an sich. Disziplinübergreifende Perspektiven für neue Wege im wissenschaftsbasierten Tierschutz. Hg. von Herwig Grimm, Carola Otterstedt. Göttingen 2012, S. 89.

7 Vgl. S. 90f.

8 Gabriela Kompatscher: Die Befreiung ästhetischer Tiere. In: Disziplinierte Tiere? Positionen der Human Animal Studies für die wissenschaftlichen Disziplinen. Hg. von Reingard Spannring [u.a.]. Bielefeld 2015, S. 141.

9 Gertrud Jaron Lewis: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 77.

10 Daniela Strigl: Von Krambambuli bis Bambi. Tiere als literarische Protagonisten. In: Tiere. Der Mensch und seine Natur (Philosophicum Lech). Bd. 16. Hg. von Konrad Paul Liessmann. Wien 2013, S. 97-126.

11 Friedrich Maurer: Der Löwe. In: Der altdeutsche Physiologus: die Millstäter Reimfassung und die Wiener Prosa (nebst dem lateinischen Text und dem althochdeutschen Physiologus). Bd. 67. Walter de Gruyter 1967. Datum des Zugriffs: 27.04.2016.

12 Daniela Strigl: Von Krambambuli bis Bambi. Tiere als literarische Protagonisten, S. 97-126.

13 Gertrud Jaron Lewis: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 75.

14 Vgl. ebd.

15 Angela von den Driesch: Das Verhältnis Mensch-Löwe aus der Sicht einer Archäozoologin. In: Die Romane von dem Ritter mit dem Löwen. Hg. von Xenja von Ertzdorff. Bd. 20 von Chloe Beihefte zum Daphnis. Amsterdam/Atlanta 1994, S. 7.

16 Daniela Strigl: Von Krambambuli bis Bambi. Tiere als literarische Protagonisten. S. 97-126.

17 Werner Paravicini: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters. In: Enzyklopädie deutscher Geschichte. Hg. von Lothar Gall [u.a.]. Bd. 32. 3., um einen Nachtrag erweiterte Auflage. München 2011, S. 10.

18 Vgl. S. 11.

19 Gertrud Jaron Lewis: Das Tier und seine dichterische Funktion in Erec, Iwein, Parzival und Tristan, S. 74.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Funktionen des Löwen in Hartmanns "Iwein" und der Löwe als Idealtyp "Ritter"
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel  (Institut für Ältere Deutsche Literatur)
Note
2,7
Jahr
2016
Seiten
15
Katalognummer
V415442
ISBN (eBook)
9783668655850
ISBN (Buch)
9783668655867
Dateigröße
439 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hartmann von Aue, Iwein, Löwe, Ritter, Mediävistik, Ideal
Arbeit zitieren
Anonym, 2016, Die Funktionen des Löwen in Hartmanns "Iwein" und der Löwe als Idealtyp "Ritter", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415442

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