Postpartale psychische Erkrankungen und ihre therapeutischen Möglichkeiten unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung


Diplomarbeit, 2004

122 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Biologische, soziale und psychische Veränderungen durch den Übergang zur Mutterschaft
2.1. Biologische Veränderungen
2.1.1. Schwangerschaft
2.1.2. Geburt
2.1.3. Wochenbett
2.2. soziale und psychische Veränderungen
2.2.1. Partnerschaft
2.2.2. Freundschaften und Bekanntschaften
2.2.3. Mutter-Kind-Beziehung
2.2.4. Beziehung zu den eigenen Eltern
2.2.5. Identität als Mutter
2.2.6. Verlusterfahrungen
2.3. Prozessmodell nach Gloger-Tippelt

3. Postpartale Dysphorie
3.1. Symptomatik, Verlauf und Häufigkeit
3.2. Ursachenforschung
3.3. Therapie
3.4. Ein Fall von postpartaler Dysphorie

4. Postpartale psychische Erkrankungen
4.1. Postpartale Depression
4.1.1. Definition und Symptomatik
4.1.2. Häufigkeit
4.1.3. Verlauf
4.1.4. Ursachenforschung
4.1.5. Ein Fall von postpartaler Depression
4.2. Puerperalpsychose
4.2.1. Definition und Symptomatik
4.2.2. Häufigkeit
4.2.3. Verlauf
4.2.4. Ursachenforschung
4.2.5. Ein Fall von Puerperalpsychose
4.3. Andere postpartale psychische Erkrankungen
4.3.1. Postpartale Angststörung
4.3.2. Postpartale Panikstörung
4.3.3. Postpartale Zwangsstörung
4.3.4. Postpartale posttraumatische Belastungsstörung
4.3.5. Mutter-Kind-Beziehungsstörungen
4.4. Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung
4.4.1. Mutter-Kind-Interaktion während der postpartalen Erkrankung
4.4.2. Langzeitfolgen

5. Therapeutische Möglichkeiten in der Betreuung postpartal psychisch erkrankter Frauen unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung
5.1. Somatotherapie
5.1.1. Psychopharmakotherapie
5.1.1.1. Übersicht über die wichtigsten Gruppen
5.1.1.2. Psychopharmakotherapie während der Stillzeit
5.1.1.3. Einfluss der Psychopharmakotherapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.1.2. Hormontherapie
5.2. Psychotherapie
5.2.1. Analytische Psychotherapie
5.2.2. Tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapie
5.2.3. Klientenzentrierte Gesprächstherapie
5.2.4. Verhaltenstherapie
5.2.5. Gruppentherapie
5.2.6. Einfluss der Psychotherapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.3. Mutter-Kind-Therapie
5.3.1. Therapiekonzept und Verlauf
5.3.2. Einfluss der Mutter-Kind-Therapie auf die Mutter-Kind-Beziehung
5.4. Multimodulare Therapie
5.4.1. Ambulante Therapie
5.4.2. Teilstationäre Therapie
5.4.3. Stationäre Therapie ohne Mitaufnahme des Kindes
5.4.4. Mutter-Kind-Einheiten
5.4.4.1. Ausstattung
5.4.4.2. Pädagogische und psychotherapeutische Einwirkungen
5.4.4.3. Sicherheit
5.4.4.4. Vorteile der Mutter-Kind-Einheiten
5.4.4.5. Beispiel für den Therapieverlauf in einer Mutter-Kind-Einheit

6. Zusammenfassung und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Abbildungsverzeichnis
8.1. Abbildung 1: Edinburgh-Postnatal-Depression-Scale
8.2. Abbildung 2: PBQ: Eltern-Kind-Beziehungsfragebogen
8.3. Abbildung 3: Psychopharmaka in der Stillzeit
8.4. Abbildung 4: Mögliche Mutter - Kind Aufnahmestellen bei postpartalen psychischen Erkrankungen
8.5. Abbildung 5: Stationsplan der Mutter-Kind-Einheit des Westfälischen Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie Herten

9. Eidesstattliche Erklärung

1. Einleitung

Wenn eine Frau ein Kind erwartet, stellt sie sich viele Fragen, beispielsweise die Frage, ob sie eine gute Mutter sein wird, die Frage, ob ihr Kind gesund sein wird, aber auch die Frage, ob sie es stillen möchte und die Frage, wie sie das Kinderzimmer einrichten soll.

Die Frage, ob sie nach der Geburt eine psychische Erkrankung bekommen könnte, stellt sie sich meist nicht.

Obwohl postpartale (lat.: post partus = nach der Niederkunft) psychische Erkrankungen zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei Frauen vor dem Klimakterium (Wechseljahre) gehören, werden sie in der deutschsprachigen Literatur, insbesondere in vielen Büchern über Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, häufig gar nicht erwähnt oder nur kurz angeschnitten (vgl. Sauer, B. 1993, S. 4).

Deshalb wissen die meisten werdenden und jungen Mütter allenfalls, dass viele Frauen nach der Geburt einige Tage niedergeschlagen sein können und in dieser Zeit viel weinen; diese postpartale Dysphorie (griech.: dysphorein = traurig sein), die umgangssprachlich meist als „Heultage“ oder „Babyblues“ bezeichnet wird, ist nicht behandlungsbedürftig.

Die postpartale Depression, die Puerperalpsychose (lat.: puerperium = Kindbett, Niederkunft, Geburt) und weitere, nicht ganz so häufig auftretende psychische Erkrankungen hingegen sollten therapiert werden; nicht nur wegen ihrer Auswirkungen auf die Mutter, sondern auch wegen ihrer Folgen für das Kind.

Das Unwissen über postpartale psychische Erkrankungen hat zur Folge, dass betroffene Frauen und auch ihre Partner, ihre Familie und ihre Freunde nicht wissen, unter welcher Erkrankung sie leiden und an wen sie sich wenden können, um fachkundige Hilfe zu erhalten.

Aus meiner Erfahrung heraus haben sich viele Pädagogen bisher mit diesem Thema nicht oder kaum beschäftigt; dabei fällt die Beratung und Therapie postpartal psychisch erkrankter Frauen und ihrer Kinder durchaus in deren Arbeitsfeld.

Der Schwerpunkt meiner Arbeit liegt darin, nicht nur die Folgen, die sich für die erkrankte Frau ergeben, sondern auch die Folgen für ihr Kind und die Mutter-Kind-Beziehung darzustellen und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie alle Beteiligten trotz der Belastung durch die Erkrankung eine positive Beziehung zueinander und zu sich selbst aufbauen können.

Ziel dieser Arbeit ist es, einen Beitrag dazu zu leisten, dass das Auftreten von psychischen Erkrankungen bei Frauen nach der Geburt eines Kindes nicht länger tabuisiert bzw. bagatellisiert wird und so ausreichend Therapiemöglichkeiten geschaffen werden.

In dem dieser Einleitung folgenden Kapitel werde ich verschiedene physische, psychische und soziale Faktoren, die den Übergang zur Mutterschaft kennzeichnen, erläutern und damit zeigen, dass die Geburt einer Mutter nicht nur ein glückliches Ereignis, sondern ein Prozess ist, der mit Verlusterlebnissen verbunden ist und innerhalb dessen vielfältige Konflikte reaktualisiert werden.

Im dritten Kapitel werde ich die postpartale Dysphorie und ihre möglichen Ursachen aufzeigen und durch ein Fallbeispiel veranschaulichen.

Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit den unterschiedlichen postpartalen psychischen Erkrankungen und dem derzeitigen Forschungs- und Diskussionsstand über die möglichen Ursachen; weiterhin werde ich auch für das Krankheitsbild der postpartalen Depression und für das der Puerperalpsychose je ein Fallbeispiel geben.

Im Anschluss daran werde ich in Kapitel fünf einen Überblick über ausgewählte Therapiemöglichkeiten geben und dabei besonders auf die Auswirkungen verschiedener Therapien auf die Mutter-Kind-Beziehung eingehen und anhand eines weiteren Fallbeispiels die multimodulare Therapie in einer stationären Mutter-Kind-Einheit darstellen.

Das sechste Kapitel enthält eine kurze Zusammenfassung meiner Arbeit und einen Ausblick darauf, was in Zukunft auf dem Gebiet der Erforschung und Therapie der postpartalen psychischen Erkrankungen geleistet werden sollte.

Kapitel sieben besteht aus dem Literaturverzeichnis und Kapitel acht aus verschiedenen Darstellungen als Anhang.

Die Fallbeispiele, die ich in Kapitel 3 und Kapitel 4 aufzeige, sind dadurch zu Stande gekommen, dass mir betroffene Frauen ihre Krankheitsgeschichte geschildert haben. Um deren Anonymität zu wahren, habe ich die Namen aller Beteiligten geändert.

Wenn in dieser Arbeit von Pädagogen, Therapeuten und Hebammen usw. die Rede ist, so sind Pädagoginnen, Therapeutinnen und Geburtshelfer usw. selbstverständlich ebenfalls gemeint.

2. Biologische, soziale und psychische Veränderungen durch den Übergang zur Mutterschaft

„Geboren wird nicht nur

das Kind durch die Mutter,

sondern auch

die Mutter durch das Kind“

(von le Fort, G. 1963 zit. n. Schuster-Ruf, W. 1999, S. 3 )

Der Übergang zur Elternschaft und somit für die Frau zur Mutterschaft wird in der Literatur „als mehrdimensionaler und langfristiger Veränderungsprozess“ (Gloger-Tippelt, G. 1988, S. 14) angesehen.

Dabei ist es „ein Irrtum zu glauben, dass nur bei dem ersten Kind Umstellungsprozesse ablaufen, denn jedes Kind - und nicht nur das erste – bringt Veränderungen mit sich, da es neue Bedingungen und Kombinationen schafft“ (Sauer, B. 1993, S. 68).

Durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett kommt es zu zahlreichen biologischen, sozialen uns psychischen Veränderungen der Frau, von denen ich nachfolgend die wichtigsten aufzeigen werde, denn alle Veränderungen darzustellen ist aufgrund der Vielfältigkeit kaum möglich.

2.1. Biologische Veränderungen

In dem Zeitraum von Anfang der Schwangerschaft bis zum Ende des Wochenbettes vollziehen sich im Körper der betroffenen Frau gravierende biologische Veränderungen, die ich im Folgenden darstellen werde.

2.1.1. Schwangerschaft

Mit Beginn der Empfängnis, also von dem Zeitpunkt an, in dem die männliche Samenzelle auf die weibliche Eizelle trifft und beide verschmelzen, wird die Hormonsituation im Körper der Frau beeinflusst. Die Hormone Progesteron und Östrogen werden in viel größeren Mengen als gewöhnlich produziert und ihre Konzentration steigt während der Schwangerschaft beständig an.

Progesteron bewirkt die Relaxation (Ruhigstellung) der glatten Muskulatur im Uterus bis zur Geburt; Östrogene sind für die Auflockerung des Bindegewebes verantwortlich, haben eine entzündungshemmende Wirkung und beeinflussen die Gefäßerweiterung und die Körperwasserzunahme.

Von der Plazenta werden auch Hormone produziert, die nur während der Schwangerschaft im Körper der Frau vorkommen; das humane Choriongonadotropin (HCG), das für die Erhaltung der Frucht und Verhinderung der Menstruation verantwortlich ist, das humane Plazentalaktogen (HPL), welches entzündungshemmend wirkt, das Wachstum der Milchdrüsen anregt und mit für die Milchproduktion verantwortlich ist und Relaxin, das ebenfalls die Uteruskontraktilität mindert und außerdem die Zerfix erweicht (vgl. Dudenhausen et al. 2003, S. 102).

Ein anderes Hormon, welches während der Schwangerschaft vermehrt von der Hypophyse ausgeschüttet wird, ist das Prolaktin; es ist für die Vorbereitung der weiblichen Brust auf die Laktation verantwortlich.

Der Spiegel für das Hormon Cortisol, das in der Nebennierenrinde gebildet wird,

steigt während der Schwangerschaft ebenfalls an (vgl. Goerke, K. 2002, S. 46).

Diese beispielhaft vorgestellten Substanzen sind notwendig für die körperlichen Veränderungen, die zur Versorgung der schwangeren Frau und der heranwachsenden Frucht eintreten (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 70 f.).

Diese biologischen Veränderungen haben wahrscheinlich auch Einfluss auf die Stimmungslage der Schwangeren.

„Heute vermutet man, dass sich einige dieser Hormone, insbesondere das Progesteron, in ganz ähnlicher Weise wie Antidepressiva auf das menschliche Gehirn auswirken, also Depressionen und gedrückte Stimmung verhindern“ (Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 71).

Durch die hormonellen Veränderungen und den wachsenden Fötus verändert sich auch das äußere Erscheinungsbild der Frau. Die Gesichtszüge werden durch die Wassereinlagerungen weicher, die Brust vergrößert sich und der Bauch wächst, was eine Gewichtszunahme von durchschnittlich 10-12 kg bis zum Ende der Schwangerschaft zur Folge hat. Durch die Gewichtszunahme und die Auflockerung des Bindegewebes entstehen bei einer Vielzahl der Frauen Schwangerschaftsstreifen (striae gravidarum), kleine Einrisse der Haut an Bauch, Brust und Oberschenkeln (vgl. Dudenhausen et al. 2003, S. 101 f.; Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 69).

2.1.2. Geburt

Die durchschnittliche Dauer der menschlichen Schwangerschaft beträgt vierzig Wochen bzw. 266 Tage nach der Konzeption; Kinder, die zwischen der 37. und 42. Schwangerschaftswoche auf die Welt kommen, gelten als reif geboren, liegt das Gestationsalter darunter als früh geboren, liegt es darüber als spät geboren (vgl. Rauh, H. 1995, S. 178).

Weshalb die Geburt beginnt und welche Faktoren in welcher Reihenfolge sie auslösen, ist noch nicht endgültig geklärt; die Hormone scheinen hier die entscheidende Rolle zu spielen. Es wird vermutet, dass eine ansteigende Kortisolproduktion der Nebennieren des Fötus, die durch ein Signal der Hypothalamus-Hypophysen-Verbindung des Fötus ausgelöst wird und wiederum eine veränderte Produktion von Geschlechtshormonen und die Oxytocinsensibilisierung bewirkt und weitere, noch nicht bekannte Faktoren, die Geburt auslösen (vgl. Dudenhausen et al. 2003, S. 119).

Mit Beginn der Geburt wird die Ruhigstellung der glatten Muskulatur im Uterus durch Abfall des Progesterons beendet und die Kontraktionen der Uterusmuskulatur (Wehen) führen zur Öffnung des Muttermundes.

Während der gesamten Wehen produziert die Frau körpereigene Endorphine, die „nicht nur in der Schaltzentrale im Gehirn, sondern auch im Blutkreislauf, im Rückenmark und in der Gebärmutter“ (Nispel, P. 2001, S. 69) wirken, und durch die die Geburt weniger schmerzhaft ist.

Nach der vollständigen Eröffnung des Muttermundes von durchschnittlich 10 cm beginnen die Presswehen, durch die das Kind geboren wird. Ist das Gewebe der Mutter nicht dehnbar genug oder kommt es zu Komplikationen, die den Einsatz einer Saugglocke oder einer Geburtszange zur Geburtsbeschleunigung notwendig machen, wird von dem Geburtshelfer eine Episiotomie (Dammschnitt) gemacht.

In Anschluss an die Geburt des Kindes beginnt die Nachgeburt, bei der sich die Plazenta vom Uterus ablöst und abgestoßen wird.

Wird die Frau operativ durch Kaiserschnitt entbunden, bekommt sie entweder eine Periduralanästhesie (PDA) oder eine Spinalanästhesie, durch die die Frau die Geburt bewusst erleben kann oder eine Vollnarkose. Dann macht der Operateur/die Operateurin oberhalb der Schamhaargrenze einen ca. 10 cm langen Schnitt. Das Baby wird aus der Gebärmutter geholt und die Plazenta ebenfalls.

Durch die Ablösung der Plazenta vom mütterlichen Blutkreislauf kommt es zu einem

abrupten Abfall von Progesteron und Östrogen und die Hormone HCG, Relaxin und HPL werden nicht mehr gebildet (vgl. Nispel, P. 2001, S. 64).

2.1.3. Wochenbett

Die Zeit nach der Ausstoßung der Plazenta bis zur vollständigen Rückbildung der Veränderungen an den weiblichen Organen durch Schwangerschaft und Geburt dauert ungefähr sechs bis acht Wochen und wird als Puerperium bezeichnet.

„Def: Das Puerperium (Syn: Wochenbett, Kindbett, Wöchnerin) ist der Zeitraum von Entbindung bis zur Rückbildung der Schwangerschaftsveränderungen der Mutter und dauert 6-8 Wo. (als Frühwochenbett werden die ersten 7 Tage p.p. definiert)“ (Haag et al. 2003/04, S. 191).

Direkt nach der Geburt fallen die während der Geburt gebildeten körpereigenen Endorphine rapide ab (vgl. Sauer, B. 1993, S. 82).

Innerhalb einer Woche nach der Geburt reduziert sich der Östrogengehalt im Körper der Frau auf ein Zweihundertstel der Menge, die in der Schwangerschaft vorhanden war. Der Progesteronspiegel und der Spiegel von HCG und HPL und weiteren schwangerschaftstypischen Hormonen sinkt auf null, wogegen der Spiegel des für die Milchbildung verantwortlichen Hormons Prolaktin und des für den Milchejektionsreflex und die Rückbildung der Gebärmutter notwendige Hormons Oxytocin dagegen stark ansteigt.

In den ersten vier bis fünf Wochen nach der Geburt tritt auch bei Frauen, die nicht stillen, weder die Menstruation noch Ovulationen auf, was daran liegt, dass „der Prolaktinspiegel dennoch bis zu zwei Monate nach der Geburt unverändert hoch sein“ ( Dunnewold, A, Sanford, D. 1996, S. 71) kann.

Allerdings ist der Basisprolaktinspiegel bei Frauen, die ihr Kind stillen, höher als bei Frauen, die nicht stillen. Die Prolaktinwerte erhöhen sich phasenhaft mit jedem Stillvorgang (vgl. Huch, R. S. 28 ff.).

Bei nicht stillenden Frauen tritt der Menstruationszyklus in der Regel sechs bis zehn Wochen post partum ein, wobei der erste Zyklus meist noch anovulatorisch ist; bei voll stillenden Frauen kann die Zeit bis zum Eintreten der ersten Menstruation nach der Geburt stark variieren.. „Voll stillende Mütter menstruieren gewöhnlich erstmals wieder zwischen sechs und 18 Monaten nach der Geburt, vereinzelt aber auch schon nach drei Monaten“ (Lothrop, H. 2000, S. 223).

Bei stillenden Frauen ist die Milchbildung nach der Geburt am zweiten bis zehnten Tag mit dem Milcheinschuss verbunden. Die Haut der Brust erscheint gespannt und die Venenzeichnung ist deutlich zu sehen, die Brust erwärmt sich und schmerzt. Nach einigen Tagen normalisiert sich der Zustand (vgl. Scheele, M. 2001, S. 93; Goerke, K., Valet, A. 2002, S.124).

Kurz nach der Geburt ist die Bauchhaut noch überdehnt und schlaff und faltig.

Die Gebärmutter bildet sich durch Uteruskontraktionen (Wochenbettwehen) zurück; zum einen durch eine stärkere Dauerkontraktion, zum anderen durch die rhythmischen Nachwehen, die stärker bei Mehrgebärenden als bei Erstgebärenden auftreten, und durch die Reizwehen, die als Folge des Anlegens des Säuglings an die Brust entstehen. Die Wochenbettwehen vermindern zum einen die Blutversorgung in der Uterusmuskulatur und führen so zu einem Abbau von Muskelfasern; außerdem fördern sie, dass das Wundsekret aus dem Uterus (Lochien) ausgestoßen wird.

Die Lochien verändern sich in Farbe und Konsistenz; zunächst sind sie blutig, dann wechseln sie zu dünnflüssig braun-rot, gelb und schließlich in der 3. Woche post partum zu weiß. Die Lochien halten ca. 6 Wochen an (vgl. Dudenhausen et al. 2003, S. 153).

Der Bereich der Scheide ist meist einige Tage wund und schmerzt; vor allem, wenn ein Dammschnitt oder Dammriss genäht werden musste. Schmerzen beim Urinlassen; Inkontinenz und Verstopfung sind in der Phase des Puerperiums typische Beschwerden. Auch Rückenschmerzen, die durch die Belastung der Schwangerschaft hervorgerufen werden, treten häufig auf (vgl. Dunnewold, A, Sanford, D. 1996, S. 70; Nispel, P. 2001, S. 63).

2.2. Soziale und psychische Veränderungen

Schwangerschaft und Geburt eines Kindes und der damit verbundene Übergang zur Mutterschaft bringen für die Frau soziale und psychische Veränderungen mit sich; es kommt zu einer Neudefinition der alten Beziehungen und der Beziehung zu sich selbst.

„Der Ehemann oder Freund wird zum Vater, die Eltern zu Großeltern, das Erstgeborene wird zu einer älteren Schwester oder einem älteren Bruder, Schwestern werden zu Tanten, Brüder zu Onkeln. Alte Freundschaften lösen sich auf, neue rücken an ihre Stelle“ (Nispel, P. 2001, S. 105).

Zudem muss die Frau sich vollkommen auf die Bedürfnisse ihres Kindes einstellen; das führt zu einer emotionalen und kognitiven Neuorientierung (vgl. Gröhe, F. 2003, S. 21).

Der Lebensstil der Frau ändert sich meist total; auch das gefühlsmäßige Erleben und Verhalten und das Selbstbild ist Wandlungen unterzogen.

„ Viele Frauen lernen durch das Baby ganz andere Seiten an sich kennen: Frauen, die sich für stark gehalten haben, fühlen sich nun müde und erschöpft; sie erkennen sich nicht wieder, und das macht ihnen angst“ (Dunnewold, A, Sanford, D. 1996, S. 81).

2.2.1. Partnerschaft

Die Qualität der Ehe oder Partnerschaft ändert sich durch die Geburt des Kindes. „Wenn ein Paar ein Kind bekommt, nimmt die Beziehung einen völlig anderen Verlauf als in der Zeit davor“ (Dix, C. 1998, S. 133).

„Sowohl die junge Mutter als auch der Vater stehen vor der Aufgabe, eine Dreierbeziehung aufzunehmen. Die Frau muss den Mann in ihre ursprüngliche Beziehung mit dem Kind hinein nehmen, der Mann muss das Kind in seine Zweierbeziehung mit der Frau hinein nehmen“ (Hertz, D. G., Molinski, H. 1986, S. 123).

Beim ersten Kind sind diese Veränderungen am größten, aber auch bei weiteren Kindern kommen auf die Beziehung Herausforderungen zu (vgl. Nispel, P. 2001, S. 95; Gmür, P. 1998, S. 67; Gloger-Tippelt, G. 1999, S. 347).

In der Zeit post partum zeichnet sich die Partnerbeziehung sowohl durch negative, als auch durch positive Aspekte aus.

In dieser Zeit erleben viele Eltern als positiven Aspekt, dass sich ihre Beziehung intensiviert und sie sich einander näher fühlen; sie erfahren das Kind als Bereicherung und bereuen die Entscheidung für das Kind nicht (vgl. Papastefanou, C., Hofer, M. 2002, S. 174 f.).

Negativ scheint sich in der Regel auszuwirken, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung sich post partum verstärkt. „Die klassische Rollenverteilung impliziert häufig eine klassische Arbeitsteilung“ (Nispel, P. 2001, S. 110).

„Schon ab dem zweiten Lebensmonat des Kindes werden die elterlichen Strategien in der Erfüllung von Mutter- und Vaterrolle etabliert. Die Mehrzahl der Untersuchungen belegt zu dieser Zeit eine verstärkte Rollendifferenzierung in der Partnerschaft in Richtung auf eine traditionellere Arbeitsteilung“ (Gloger-Tippelt, G. 1988, S. 102).

Die Frau verlagert ihren Arbeitsplatz in das Haus, während der Mann sich mit allen anfallenden Aufgaben und Arbeiten außerhalb des Hauses beschäftigt (vgl. Cowan, C. P., Cowan, P. A. 1994, S.132 ff.).

Gerade Paare, die vor der Geburt die klassische Rollenverteilung abgelehnt haben, scheinen den Rückfall in die traditionellen Beziehungsmuster schwer akzeptieren zu können, da es bei diesen „in höherem Maße zu einem Auseinanderklaffen von Ideal und Wirklichkeit kommt“ (Sauer, B. 1993, S. 62).

Es gibt zudem Schwierigkeiten bei der Zeiteinteilung und die gemeinsam verfügbare Zeit nimmt ab. „Die Betreuung des Kindes reduziert erheblich die Zeit, die Paare vor der Geburt füreinander aufbringen konnten“ ( Nispel, P. 2001, S. 111).

„Die intime Zweisamkeit von Mann und Frau hat für immer aufgehört, was von vielen Paaren als großer Verlust empfunden wird“ ( Sauer, B. 1993, S. 62).

Dadurch entstehen auch Beeinträchtigungen in der Sexualität und Zärtlichkeit. Die Frau steht während des ganzen Tages und häufig auch in der Nacht in einem engen körperlichen Kontakt zu dem Kind, vor allem, wenn sie stillt, was zur Folge haben kann, dass sie kein Bedürfnis nach sexuellem Kontakt hat (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 91).

Es kommt zu differentiellen Verläufen in der Partnerschaftsentwicklung; die Kommunikation über gemeinsame Themen reduziert sich. Die Gemeinsamkeiten zwischen den Partnern, die vor der Geburt durch Berufstätigkeit und die gemeinsame Freizeitgestaltung gegeben waren, nehmen ab (vgl. Sauer, B. 1993, S. 62).

Die Ehezufriedenheit nimmt insgesamt ab; allerdings ist nicht belegt, ob die Geburt des Kindes die alleinige Ursache dafür ist (vgl. Papastefanou, C., Hofer, M. 2002, S. 175).

2.2.2. Freundschaften und Bekanntschaften

Das soziale Netzwerk, also Freundschaften und Bekanntschaften, wandelt sich durch die Geburt.

Kurz nach der Geburt; oft im Krankenhaus oder in den ersten Tagen zu Hause; kommen sehr viele Freunde und Bekannte zu Besuch, um das neugeborene Kind zu sehen.

Der Besuch und das Interesse von kinderlosen Bekannten und Freunden lässt dann meist nach und die Kontakte verringern sich.

Mit anderen Frauen und Paaren mit Kindern, die oft in Geburtsvorbereitungskursen, im Krankenhaus nach der Entbindung, der Rückbildungsgymnastik oder in Krabbelgruppen kennen gelernt werden, kommt es häufiger zu Treffen, da diese die fehlende Spontaneität durch einen Säugling nachvollziehen können. Allerdings ist hier das Kind die gemeinsame Basis, nicht die eigenen Interessen der Mütter, was dazu führt, dass viele Mütter sich sozial und geistig von der Außenwelt abgeschnitten fühlen; sie bekommen das Gefühl, nur noch als Mutter betrachtet zu werden und ihre ursprüngliche Identität wird in Frage gestellt (vgl. Cowan, C. P. , Cowan, P. A. 1994, S. 197; Nispel, P. 2001, S. 116; Sauer, B. 1993, S. 66).

Der geringere Kontakt zu den Freunden und Bekannten aus der Zeit vor der Geburt wird als Verlust gewertet (vgl. Cowan, C. P. , Cowan, P. A. 1994, S. 197).

„Es kann eine schmerzhafte Erfahrung sein, wenn sich alte Freundschaften auseinander leben und auflösen. Etwas Gewohntes und Vertrautes geht verloren, die entstandene Lücke kann nicht so schnell gefüllt werden“ (Nispel, P. 2001, S. 116).

Durch den Verlust früherer Bindungen können sich Gefühle der Isolation und des Ausgeschlossenseins verstärken; auch lässt das Kind der Mutter oft für die früher gewohnten Aktivitäten keine Zeit oder die Mutter hat dadurch, dass sie sämtliche Bedürfnisse ihres Babys sowohl am Tag als auch in der Nacht befriedigt, keine Kraft mehr dafür (vgl. Leipold, G. 1989, S. 55).

2.2.3. Mutter-Kind-Beziehung

Vor der Geburt im Mutterleib ist das Kind nie von seiner Mutter getrennt – und die Mutter folglich auch nicht von ihm. Das Kind bewegt sich mit der Mutter; beide schlafen, essen und trinken gemeinsam (vgl. Chamberlain, D. 1997, S. 33).

Die Mutter muss im Verlauf der Schwangerschaft lernen, dass ihr Kind ein Individuum ist.

Am Anfang der Schwangerschaft kommen der werdenden Mutter oft Zweifel, ob sie die Verantwortung für ein Kind tragen kann, auch dann, wenn die Schwangerschaft geplant war.

Im Verlauf des fünften Schwangerschaftsmonats spürt die Frau das erste Mal die Bewegungen ihres Kindes und setzt sich dadurch damit auseinander, dass ihr Kind ein Individuum ist. In diesem Augenblick liegt der Ursprung der Bindung (vgl. Brazelton, T. B., Cramer, B. G. 1990, S. 33).

Im letzten Stadium der Schwangerschaft wird das Kind von seiner Mutter immer mehr als Persönlichkeit wahrgenommen; sie kann sich auf bestimmte Verhaltensweisen verlassen, die sie auf den Charakter oder das Temperament des Ungeborenen, das nun auch sicher auf die aus seiner Umwelt kommenden Reize wie zum Beispiel Berührungen des Mutterleibes oder bestimmte Töne reagiert, zurückführt (vgl. Brazelton, T. B., Cramer, B. G. 1990, S. 42; Rauh, H. 1995, S. 171).

Mit der Geburt und der damit verbundenen Auflösung der Mutter-Kind-Einheit treten Mutter und Kind in eine Phase des Kennenlernens ein.

„ Die Beziehung zwischen Mutter und Kind, die in der Schwangerschaft zu wachsen begonnen hat, entwickelt sich nach der Geburt weiter“ (Gmür, P. 1998, S. 59).

Die pränatalen Vorstellungen über das Kind weichen von dem realen Charakter meist ab und so muss die Mutter die eigenständige Persönlichkeit ihres Kindes entdecken und sich auf die Individualität des Säuglings einstellen (vgl. Nispel, P. 2001, S. 106; Wehling, A. 2001, S. 70).

„Um das Kind mit seinen individuellen Eigenheiten akzeptieren zu können, ist nach der Geburt die Aufgabe des Fantasiebabys zugunsten des realen nötig“ (Gröhe, F. 2003, S. 39).

Die Mutter kann nach normalem Geburtsverlauf schon im Kreißsaal ihr Baby sehen und anfassen. In dieser sensiblen Phase, die bis zu mehrere Stunden nach der Geburt anhält, entsteht zwischen Mutter und Kind die frühe erste Bindung, „Bonding“ (vgl. Krüll, M. 1990, S. 125, Klaus, M. H., Kennell, J. H. 1987, S. 33).

Durch Berührung seiner Wangen sucht das Neugeborene sofort nach der mütterlichen Brust und beginnt daran zu saugen. In den Trinkpausen wird von dem Kind intensiver visueller Kontakt zur Mutter aufgenommen. Bei der Interaktion ist die Wechselseitigkeit von großer Bedeutung. Das Kind sendet Signale und die Mutter nimmt diese auf und beantwortet sie; beide treten in eine rational nicht begreifliche Kommunikation, bei der Körper- und Augenkontakt sehr wichtig sind.

Häufig ist es so, dass dieser erste Kontakt zwischen Mutter und Kind die Schmerzen der Geburt vergessen lässt (vgl. Krüll, M. 1990, S. 127; Brazelton, T. B., Cramer, B. G. 1990, S. 70).

Ein früher Erstkontakt und in den ersten Lebenstagen des Säuglings häufige Beobachtungs- und Interaktionsmöglichkeiten erleichtern sowohl der Mutter als auch dem Kind das Kennen lernen und den Aufbau einer herzlichen Beziehung zueinander (vgl. Rauh, H. 1995, S. 183).

Das wird heute in den meisten Kliniken durch Rooming-in, also der Möglichkeit für die Mütter ihr Kind selber zu versorgen und immer bei ihm zu sein, gefördert.

Ist dieser intensive Kontakt im Anschluss an die Geburt nicht möglich, ist es den Menschen aufgrund ihrer kognitiven Fähigkeiten dennoch möglich, eine positive Bindung zu ihrem Kind aufzubauen.

Bindung ist nicht nur ein isolierter, zeitkritischer Prozess nach der Geburt, sondern ein Kontinuum von Erfahrungen, welches durch viele Faktoren beeinflusst wird (vgl. Winberg, J. 2001, S. 57, Lothrop, H. 2000, S. 121 f.).

„Die Elternliebe ist durchaus vergleichbar mit der Liebe zwischen zwei Partnern. Es gibt die Liebe auf den ersten Blick und die sich langsam erwärmende Liebe“ (Filker, C. 1998, S. 75).

Damit eine sichere Bindung entstehen kann, ist feinfühliges Verhalten der Mutter bzw. einer anderen Bezugsperson notwendig, wobei mit Feinfühligkeit die Fähigkeit gemeint ist, kindliche Signale wahrzunehmen, diese dann richtig zu interpretieren und sie direkt und angemessen zu befriedigen. Allerdings dauert es einige Zeit des Kennenlernens und auch des Ausprobierens, bis die Bezugsperson die Signale des Babys sicher deuten kann.

„Viele Frauen erfahren – oft entgegen ihrer Vorstellung und ihrem Willen -, dass Mutter und Kind eine gewisse Zeit brauchen, um sich gegenseitig kennen zu lernen“

(Gmür, P. 1998, S. 63).

Die Unsicherheit bei der Deutung der kindlichen Signale stellt für die jungen Eltern ein großes Stresspotential dar (vgl. Gröhe, F. 2003, S. 67 f.; Sauer, B. 1993, S. 64).

„Die so entstehende Verunsicherung kann bei manchen Frauen Panik auslösen, aber auch von Apathie begleitet sein. Sie fühlen sich unwissend und wertlos als Mütter. Das Geschrei des Kindes klingt wie eine ständige Anklage – es müsste doch ruhig sein, wenn es sich wohl fühlt!“ (Cullberg 1980, S. 72)

Früher wurde davon ausgegangen, dass in der Beziehung zwischen dem Neugeborenen und der Mutter der positive Affekt und die Synchronie ideal sind und die Mutter die Kommunikation steuert (vgl. Klier, C. M., Muzik, M. 2001, S. 94).

In der neueren Literatur geht man hingegen von einem transaktionalen Prozess aus, der eine zirkuläre Struktur aufweist; nicht nur die Mutter beeinflusst das Kind, sondern auch das Kind die Mutter; es spielen im Bindungsprozess also sowohl mütterliche als auch kindliche Merkmale eine Rolle (vgl. Gauda, G. 1990, S. 4; Gröhe, F. 2003, S. 70; Brazelton, T. B., Cramer, B. G. 1990, S. 62; Schneewind, K. 1999, S. 139).

“Es wird nun mehr Gewicht auf den Ausdruck und die Regulation von positiven und negativen Affekten gelegt und davon ausgegangen, dass die Kommunikation gegenseitig ist“ (Klier, C. M., Muzik, M. 2001, S. 94).

Es gibt kindliche Merkmale, die dazu führen, dass sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind schwierig gestaltet. Zu solchen Belastungsfaktoren zählen zum Beispiel ein nervöses oder anstrengendes Baby, Babys, die unter Koliken und Blähungen leiden, Babys mit Schlafproblemen, Babys mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen und eine Disharmonie zwischen dem mütterlichen und dem kindlichen Temperament (vgl. Dunnewold, A, Sanford, D. 1996, S. 96-99; Nispel, P. 2001, S. 107 ff.).

„Manches Kind macht es seiner Mutter schwer, geliebt zu werden, so als passten die unterschiedlichen Persönlichkeiten von Mutter und Kind nicht zusammen“ (Kitzinger, S. 1995, S. 194 f.).

Aber nicht nur Temperamentsmerkmale, sondern auch die mütterlichen Persönlichkeitsmerkmale, die Beziehungserfahrungen in der Herkunftsfamilie, die Ehebeziehung und Elternallianz, Arbeitsplatzerfahrungen, soziale Unterstützung und auch die ökonomische Lage haben Einfluss auf sie Qualität der Mutter-Kind-Beziehung (vgl. Schneewind, K. 1999, S. 141 f.).

Wenn eine Frau bereits ein oder mehrere andere Kinder hat, muss sie nicht nur zu dem neuen Kind eine Beziehung aufbauen, sondern auch die Beziehung zu den älteren Kindern verändert sich.

„Mit der Geburt eines jeden Kindes verändert sich die Familiensituation aufs Neue“ (Nispel, P. 2001, S. 109).

Bereits in der Schwangerschaft kommt es deshalb häufig zu ambivalenten Gefühlen gegenüber dem Ungeborenen. Auf der einen Seite versteht die Mutter das neue Kind als Bereicherung für die zuvor geborenen Kinder, auf der anderen Seite ist ihr klar, dass das ältere Kind seine bisherige Rolle innerhalb der Familie verliert und die elterliche Aufmerksamkeit mit dem jüngeren Kind teilen muss.

Auch macht die werdende Mutter sich Gedanken darüber, ob sie das weitere Kind genauso lieben kann, wie die bereits vorhandenen.

Ist das Baby geboren und die Geschwister reagieren eifersüchtig oder ablehnend auf es, ist die Mutter meist enttäuscht, auf der anderen Seite empfindet sie Schuldgefühle, weil sie diese Situation durch das Neugeborene selber verursacht hat (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 100; Nispel, P. 2001, S.109; Sauer, B. 1993, S. 68).

Wenn die Kinder sehr große Probleme haben, das neue Geschwisterkind zu akzeptieren, weil sie sich weniger geliebt und zurückgesetzt fühlen, verschärft sich diese Konfliktsituation.

Die Mutter steht nach der Geburt vor den Aufgaben, die Bedürfnisse aller ihrer Kinder angemessen zu erfüllen und die optimalen Bedingungen für ihre Entwicklung herzustellen, Routine im Umgang mit mehreren Kindern zu entwickeln und den Alltag zu organisieren und individuelle Beziehungen zu den einzelnen Kindern aufzubauen (vgl. Papastefanou, C. 1992, S. 152 ff.).

2.2.4. Die Beziehung zu den eigenen Eltern

Jeder erwachsene Mensch trägt einen Persönlichkeitsanteil in sich, welcher als das „Kind-Ich“ oder auch das „innere Kind“ bezeichnet wird und von seinen positiven und auch negativen Erfahrungen in seiner Kindheit geprägt ist; diese Erfahrungen sind in der erwachsenen Persönlichkeit fest verankert (vgl. Nispel, P. 2001, S. 114; Schneider, R. 1991, S. 132).

„Das innere Kind ist das Kind, das wir selbst einmal waren, und auch das Kind, das wir nicht sein durften. Das Kind hat unseren Charakter geschaffen durch grundlegende Kontakterfahrungen“ (Schneider, R. 1991, S. 132).

Durch das Erleben von Schwangerschaft und Geburt werden der Frau unterschwellige Konflikte und Probleme der Kinder- und Jugendzeit bewusst; das „innere Kind“ wird stark aktiviert.

Das führt zu einer Überprüfung der eigenen Eltern-Kind-Beziehung, besonders der eigenen Mutter-Kind-Beziehung (vgl. Schneider, R. 1991, S. 134 f.).

„Das erste Kind und Enkelkind bringt den Eltern und Großeltern die eigenen Beziehungen deutlicher zu Bewusstsein, wodurch sich die Generationen aufeinander zuzubewegen scheinen, besonders Mütter und Töchter“ (Cowan, C. P. , Cowan, P. A. 1994, S. 204).

Die Frau möchte auf der einen Seite meist im Umgang mit ihrem eigenen Kind viele Dinge anders machen als die eigenen Eltern, auf der anderen Seite entwickelt sich ein neuartiges Verständnis für diese (vgl. Nispel, P. 2001, S. 114 f.).

Oft hat die Frau auch den Erziehungsstil der eigenen Mutter so verinnerlicht, dass sie ihn bei ihrem eigenen Kind unbewusst anwendet; das gleiche gilt auch für den Partner

Es kommt dann zu einer Wiederholung der positiven und negativen Muster der Herkunftsfamilien (vgl. Cowan, C. P., Cowan, P. A. 1994, S. 203; Schneider, R. 1991, S. 135).

„Es ist nicht leicht, die einmal erlernten Verhaltens- und Beziehungsmuster abzulegen. Meist wiederholen sie sich so lange, bis man sich ihrer bewusst wird und aktiv daran arbeitet, mit seinem eigenen Kind anders umzugehen“ (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 87).

Diese Wiederholung des Generationenzyklus zeigt sich in negativer Weise beispielsweise bei Untersuchungen über Kindesmissbrauch und über Alkoholmissbrauch in der Herkunftsfamilie.

Eltern, die ihre Kinder physisch, psychisch oder auch sexuell missbrauchen, waren in ihrer eigenen Kindheit oft selber Opfer von Misshandlungen (vgl. Cowan, C. P., Cowan, P. A. 1994, S. 207).

Opfer von Kindesmissbrauch leiden im Erwachsenenalter oft unter einem Mangel an Selbstwertgefühl; ihr Selbstbild ist häufig gestört und sie haben Schwierigkeiten beim Aufbau von zwischenmenschlichen Beziehungen (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 86).

Frauen und Männer, deren Eltern Alkoholiker waren, haben ebenfalls, wenn sie eine eigene Familie gründen, Schwierigkeiten, mit ihren Spannungen fertig zu werden und enge Beziehungen zu unterhalten (Cowan, C. P., Cowan, P. A. 1994, S. 211).

Auch wenn die Frau in unproblematischen Familienverhältnissen aufgewachsen ist, führt die Geburt eines Kindes dazu, dass sie sich mit ihrer Kindheit und auch damit, was für sie Mutterschaft in Hinblick auf ihre eigene Mutter bedeutet, auseinandersetzt.

Sowohl das werdende Elternpaar, als auch dessen Eltern, stehen durch Schwangerschaft und Geburt vor der Aufgabe, neue Formen der Annäherung zu finden, Konflikte aus der Kindheit zu beseitigen und auch Dissonanzen der Gegenwart zu bewältigen – zum eigenem Wohl und auch zum Wohl des Kindes (vgl. Nispel, P. 2001, S. 115).

2.2.5. Identität als Mutter

Unter Identität versteht man die Übereinstimmung des Selbstbildes und der Wahrnehmung durch andere Menschen.

„In einem engeren psychologischen Sinn ist Identität die einzigartige Persönlichkeitsstruktur, verbunden mit dem Bild, das andere von dieser Persönlichkeitsstruktur haben“ (Oerter, R., Dreher, E. 1995, S. 346).

Dabei ist Identität kein statischer Zustand, sondern muss als lebenslanger Entwicklungsvorgang verstanden werden (vgl. Oerter, R., Dreher, E. 1995, S. 347; Filipp, S., Frey, D. 1987, S. 11).

In der Entwicklungspsychologie wird die Entwicklung der Identität als eine der zentralen Aufgaben im menschlichen Leben angesehen.

In Anlehnung daran ist die zentrale Aufgabe der Frau beim Übergang zur Mutterschaft die Bildung einer Identität als Mutter, unter der man die innere, subjektive Sicht einer Frau von sich selbst als Mutter versteht, diese Sicht bildet sich aus Erfahrungen der individuellen Biographie und durch die Auseinandersetzung mit bestimmten kulturell und historisch vermittelten Modellen (vgl. Gauda, G. 1990, S. 66; vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 80).

Bereits in der Kindheit werden durch die Erfahrungen mit den Eltern die ersten Grundlagen für die spätere Selbstbetrachtung als Mutter gelegt, welche dann während der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter im engen Zusammenhang mit der Lebensplanung ausdifferenziert und erweitert werden (vgl. Gauda, G 1990, S. 64).

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Mutter ist aus tiefenpsychologischer Sicht für die Entwicklung der Mutteridentität sehr wichtig; frühe Erfahrungen von Liebe und Befriedigung, aber auch von Hass und damit verbundener Frustration führen zu verschiedenen Mutterbildern, die die Wahrnehmung der Frau von sich selbst beeinflussen ( vgl. Gauda, G. 1990, S. 21) (siehe 2.2.4.).

Für die Entwicklung der Mutteridentität spielen die gesellschaftlichen Vorstellungen auch eine wichtige Rolle.

In unserer westlichen Gesellschaft gibt es verschiedene Konzeptionalisierungen des Verhältnisses von Weiblichkeit und Mutterschaft.

„Heute haben die traditionellen Geschlechtsrollendefinitionen an Verbindlichkeit verloren, Freiheitsspielräume und Verhaltensmöglichkeiten des einzelnen sind seit Mitte der sechziger Jahre immer größer geworden. (…) Weite Bereiche, die bisher durch gesellschaftliche Verhaltenserwartungen bestimmt waren, werden der individuellen Gestaltung anheim gestellt“ (Bullinger, H. 1994, S. 22).

Auf der einen Seite wird das Konzept der Verschmelzung der Geschlechts- und Mutterrolle vertreten, also dass Frauen Mütter werden sollen und dass die Mutterrolle die wichtigste Rolle in Leben sei (vgl. Alfermann, D. 1997, S. 38).

Dieser Muttermythos ist Ergebnis der gesellschaftlichen Verteilung der Aufgaben von Mann und Frau (vgl. Schneider, R. 1991, S. 55).

„Mutterschaft ist Bestandteil des weiblichen Selbstkonzeptes, eine zentrale Dimension der weiblichen Geschlechterrollenorientierung. Die Sozialisation zur Mutterschaft setzt für die Frau in ihrer Kindheit und Jugend ein; ihre Auswirkungen auf die weibliche Biographie reichen weit über die Phase der aktiven Mutterschaft hinaus“ (Hertwartz-Emden 1995, S. 11).

Diese Vorstellung wird insbesondere von feministischen Wissenschaftlerinnen in Frage gestellt und die negativen Folgen wie z. B. finanzielle Abhängigkeit vom Mann, Verzicht auf Selbstverwirklichung, Übernahme der Hausfrauenrolle, geschlechtsspezifische Arbeitsteilung für Frauen betont (vgl. Textor, M. 2000, S. 1).

Andere feministische Wissenschaftlerinnen hingegen sind der Meinung, dass Mutterschaft sehr wohl essenziell für Weiblichkeit sei und sie akzeptieren, dass die Mutterschaft für viele Frauen befriedigender als die Berufsausübung sein kann.

„Wir zögern den Gedanken aufzugeben, dass Mutterschaft etwas Besonderes ist. Schwangerschaft, Geburt und Stillen sind so mächtige körperliche Erfahrungen und die emotionale Bindung an den Säugling ist so intensiv, dass es für Frauen, die all diese Erfahrungen und Gefühle durchlebt haben, schwierig ist, anzunehmen, dass dies nicht einzigartige weibliche Erfahrungen sind, die eine unüberbrückbare Kluft zwischen Männern und Frauen bilden“ (Glenn, E. 1994, S. 22).

Je nachdem, welche dieser Sichtweisen eine Frau verinnerlicht hat, fällt ihr die Annahme der Mutterrolle leichter oder schwerer.

Die Mutterwerdung führt zu dem einschneidensten Identitätswandel im Leben einer Frau und die Mutteridentität nimmt einen zentralen Platz in der Psyche einer Frau ein.

Die Mutteridentität ist also ein Teil der Gesamtidentität der Persönlichkeit und entwickelt sich in der Zeit der Schwangerschaft und in den ersten Monaten der postpartalen Phase, wobei sie nicht konstant ist, sondern sich aufgrund verschiedener Faktoren wie z.B. der Geburt weiterer Kinder, dem Älter- und Erwachsenwerden der Kinder und sozialer und soziokultureller Einflüsse wandelt; zudem verändert sich auch stetig die Relation zu den anderen Identitäten, z. B. als Ehepartner, als Hausfrau, als Berufstätige und als Frau allgemein (vgl. Textor, M. 2000, S. 1; Gauda, G. 1990, S. 64).

Ein wichtiger Aspekt der Mutteridentität ist das Verantwortungsgefühl für ein anderes Leben, an das die Frau unlösbar gebunden ist, und das daraus resultierende Gefühl der intensiven Liebe zu dem Kind, was wiederum daran gekoppelt ist, das psychische und physische Wohlergehen des Kindes sicher zustellen.; das gibt dem Leben der Frau einen neuen Sinn (vgl. Hays, S. 1998, S. 136).

2.2.6. Verlusterfahrungen

Der Übergang zur Mutterschaft ist nicht nur mit positiven, sondern auch mit negativen Gefühlen besetzt; diese Zweigleisigkeit ist charakteristisch für diese Phase im Leben einer Frau. Es werden durch die Geburt eines Kindes nicht nur neue, bereichernde Seiten, Perspektiven und Möglichkeiten eröffnet; es kommen auch Gefühle des Verlustes hinzu (vgl. Nispel, P. 2001, S. 87; Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 81).

„Wenn wir etwas, das uns viel bedeutet, verlieren, so geraten wir darüber in Kummer. Es scheint merkwürdig, dass wir, wo wir doch ein Baby bekommen haben, so sprechen, als handele es sich hier um einen Verlust – ist doch der Gewinn des Babys der ganz offensichtliche Teil des Erlebnisses. Jedoch bringt das Baby den Verlust der Unabhängigkeit mit sich; den Verlust einer Gewohnheit; den Verlust einer Routine; den Verlust der Schwangerschaft; den Verlust aller Familienbeziehungen; und Schlafverlust. Eine ganze Menge wandelt sich in dem Augenblick, da das Baby die Welt betritt“ (Welburn, V. 1981, S. 207).

Das Ende der Schwangerschaft wird von einigen Frauen als körperlicher Verlust gesehen, denn durch die Geburt wird die bis dahin erfahrene Symbiose mit dem Kind abrupt aufgelöst und eine eigenständige, fordernde Persönlichkeit wird geboren (vgl. Gmür, P.,1998, S. 30; Nispel, P. 2001, S. 88).

Auch bedeutet Mutter werden den Abschied von der eigenen Kindheit (siehe 2.2.4.).

Von dem Moment der Geburt an, bemuttert die Frau ihr Kind den ganzen Tag und die ganze Nacht, was sehr Viel Kraft in Anspruch nimmt. Das Bedürfnis, selber umsorgt zu werden, wird verdrängt, da auch die Aufmerksamkeit der Umgebung zum größten Teil dem Baby gilt (vgl. Nispel, P. 2002, S. 88 f.).

2.3. Prozessmodell nach Gloger-Tippelt

Dieser Prozesscharakter des Übergangs zur Elternschaft wird in dem Prozessmodell nach Gloger-Tippelt (1985) dargestellt.

Darin werden idealtypische psychologische Phasen von Schwangerschaft, Geburt und erstem Lebensjahr des Kindes beschrieben, die trotz großer individueller unterschiedlicher Bewältigung beim Übergang zur Mutterschaft zu finden sind (vgl. Gröhe, F. 2003, S. 14).

Die erste Phase, die bis zur 12. Schwangerschaftswoche anhält, wird Verunsicherungsphase genannt und bezieht sich zum Zeitpunkt der Konfrontation mit der positiven Schwangerschaftsdiagnose auf die Erwartungen und Befürchtungen der werdenden Mütter; neben den körperlichen Veränderungen kommt es auf der psychischen Ebene zu einer Neuorientierung, die in Abhängigkeit zu der Erwünschtheit der Schwangerschaft steht. Die Veränderungen der Identität, der beruflichen Situation und der Partnerschaft verunsichern die werdenden Eltern (vgl. Gloger-Tippelt, G. 1985, S. 67).

Bei ungeplanten Schwangerschaften fällt die aktive innere Entscheidung für das Kind schwer; Frauen, die sich in einer günstigen sozialen und psychischen Verfassung befinden, können die Umstellung autonomer gestalten.

Die in dieser Phase auftretenden körperlichen Beeinträchtigungen wie Übelkeit, Erbrechen und Müdigkeit bewerten die betroffenen Frauen überwiegend ambivalent oder negativ (vgl. Preuschoff, G. 2002, S. 23).

Die zweite Phase ist die Anpassungsphase und umfasst die 12. bis 20. Schwangerschaftswoche. In dieser Phase erbringt die zukünftige Mutter eine kognitive und emotionale Anpassungsleistung. Sie hat die Auseinandersetzung mit den Veränderungen vollzogen und die Mitteilung der Schwangerschaft an andere Personen ist ein wichtiger Anpassungsschritt, der die Akzeptanz der Schwangerschaft zeigt. Körperliche Beschwerden lassen in dieser Phase nach, was das Wohlbefinden der Schwangeren, die nun auch ein Körpergefühl als solche entwickelt hat, steigert.

In der Konkretisierungsphase, die von der 20. bis zur 32. Schwangerschaftswoche andauert, beginnt die Schwangere zunächst zwischen der 19. und 21. Schwangerschaftswoche beim ersten Kind die Bewegungen ihres Babys zu spüren. Diese gespürten Bewegungen konkretisieren für die Frau die Schwangerschaft, da sie nun unabhängig von Ärzten und medizinischen Hilfsmitteln Nachweis für das Leben des Kindes sind; in dieser Phase entsteht die Vorstellung von dem Kind als ein eigenes Wesen (vgl. Gloger-Tippelt, G. 1988, S. 85).

Es überwiegen nun Gefühle von Stolz, Erfülltheit und Freude; das Angstniveau ist sehr niedrig, das psychische und physische Wohlbefinden hingegen hoch und auch die Partnerbeziehung wird in dieser Phase überwiegend als positiv bewertet.

Sozial wird das Paar durch die sichtbar werdende Schwangerschaft als zukünftige Eltern angesehen und mit Rücksicht, aber auch Sanktionen bei überschreiten von vorgesehenen Grenzen wie z. B. bei Nikotin- oder Alkoholabusus konfrontiert.

Durch das veränderte Körperbild verändert sich auch das Selbstbild der Frau und sie beginnt, eine Vorstellung von sich als Mutter und von ihrem Partner als Vater zu entwickeln (vgl. Gröhe, F. 2003, S. 16).

Ab der 32. Schwangerschaftswoche bis zur Geburt beginnt die Phase der Antizipation und Vorbereitung. Sie bringt eine Zunahme der körperlichen Beschwerden mit sich und auch auf der psychischen Ebene fühlt sich die Schwangere stark belastet. Ambivalente Gefühle gehören zu dieser Phase; auf der einen Seite freut sich die werdende Mutter auf das Leben mit dem Kind, auf der anderen Seite tauchen Ängste auf, wie z. B. Angst vor dem Geburtsschmerz, vor Kontrollverlust während der Geburt, vor dem eigenen Tod oder dem des Kindes, vor Behinderung und Krankheit des Kindes, vor den neuen Aufgaben als Mutter (vgl. Preuschoff, G. S. 28).

Die Frau holt sich nun zusehend mehr Informationen über den Geburtsverlauf und das Leben mit dem Kind ein.

Während der Geburtsphase stehen körperliche und emotionale Faktoren in Wechselwirkung miteinander. Wie die Geburt erlebt wird, steht in Abhängigkeit zu physiologischen, situativen und ökologischen Faktoren (vgl. Gloger-Tippelt, G. 1985, S. 65).

Das Geburtserleben schließt nicht nur den Einfluss von Geburtshilfe und Schmerzreduktion, sondern auch den Beginn der Mutter-Kind-Beziehung ein.

An die anstrengende Phase der Geburt schließt sich die Phase der Überwältigung und Erschöpfung an, die bis zur achten Woche nach der Geburt andauert. Die Frau steht vor der Aufgabe, zahlreiche neue Informationen verarbeiten zu müssen, denn körperlich, sozial und psychisch verändert sich das gesamte Leben der neuen Mutter (vgl. Gröhe, F. 2003, S. 21). Auch die Unterbrechungen des Nachtschlafes und die Aufgabe, sich an einen gänzlich veränderten Tagesablauf zu gewöhnen und die Zurückstellung eigener Bedürfnisse erfordern hohe Anpassungsleistungen (vgl. Dunnewold, A., Sanford, D. 1996, S. 79).

Die so genannte postpartale Dysphorie in den ersten zwei Wochen nach der Geburt ist eine häufig auftretende Erscheinung, auf die ich in Kapitel 3 intensiv eingehen werde.

Während der achten Woche bis sechs Monate nach der Geburt findet in der Phase der Herausforderung und Umstellung eine zunehmende Gewöhnung an die Situation statt und die Eltern finden sich in ihre neuen Rollen ein. Die physische und psychische Erholung nimmt mit der Weiterentwicklung des Kindes und dem damit verbundenen regelmäßigeren Tagesablauf zu und die elterliche Kontrollüberzeugung steigt an.

Das erste soziale Lächeln des Kindes und weitere soziale Aktivitäten, wie z. B. das Ausstrecken der Arme zur Begrüßung seiner vertrauten Personen, die Unterscheidung von unbekannten und bekannten Personen und das Bevorzugen der Eltern, insbesondere der Mutter, haben eine besondere Bedeutung für die elterliche Rolleneinfindung (vgl. Preuschoff, G. 2002, S. 73).

Auf partnerschaftlicher Ebene finden viele Veränderungen statt und bei der Verteilung der häuslichen Arbeit setzt der Traditionalisierungseffekt zu Lasten der Frau ein (siehe 2.2.1.).

Die letzte Phase des Prozessmodells endet mit dem ersten Geburtstag des Kindes. In dieser Phase der Gewöhnung erlangen die Mütter eine zunehmende Sicherheit im Umgang mit dem Kind; es setzen aber auch erste routinemäßige Verhaltensweisen gegenüber dem Kind ein. Zwischen Mutter und Kind kristallisiert sich eine spezifische Beziehung heraus.

„Das Kind hat eine deutliche Hierarchie von bevorzugten Personen und die Eltern kennen das Kind ihrerseits mit seinen individuellen Gewohnheiten und typischen Verhaltensweisen; es ist eine emotionale Vertrautheit entstanden, die eine Zunahme an Sicherheit bewirkt“ (Gröhe, F. 2003, S. 23).

3. Postpartale Dysphorie

Im deutschsprachigen Raum werden die Begriffe „Heultage“ oder „Zehntageflennen“; im angelsächsischen Sprachgebrauch „maternity blues“, „baby blues“ oder auch „post-partum blues“ (engl.: blues = Schwermut) für das nachgeburtliche Stimmungstief verwendet (vgl. Dalton, K. 1984, S. 21; Unger, U., Rammsayer, T. 2001, S. 155 f.).

Um das klinische Bild zu beschreiben, wird in Abgrenzung zu der Bezeichnung „depressed“ für die Depression, für den Post-Partum-Blues der Begriff „dysphoric“ benutzt.; man spricht im deutschsprachigen Raum von postpartaler Dysphorie (vgl. Unger, U., Rammsayer, T. 2001, S. 154).

Die postpartale Dysphorie ist weder im ICD-10 (International Classifikation of Diseases), dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO), noch im DSM IV (Diagnostic and Statistic Manual for Mental Health), dem weltweit angewandten Klassifikationssystem für psychische Störungen, genau klassifiziert, was daran liegt, dass dieses Krankheitsbild keinen Krankheitswert hat und keiner spezifischen Therapie bedarf. Allerdings gibt es durchaus Krankheiten ohne Krankheitswert, die nicht spezifisch therapiert werden müssen, die dennoch im ICD 10 aufgenommen wurden, wie zum Beispiel Bauchschmerzen, die mit der Ziffer R. 10.4 klassifiziert sind (vgl. Strobl, C. W. 2002, S. 3).

3.1. Symptomatik, Verlauf und Häufigkeit

Die postpartale Dysphorie ist die mildeste Form postpartaler psychischer Störungen.

Hierbei handelt es sich um einen Zustand leichter Verstimmung, welcher nach einer kurzfristigen Euphorie während der ersten Woche nach der Entbindung beginnt; meist am 3. bis 5. Tag post partum (vgl. Gröhe, F 2003, S. 41; Sauer, B. 1993, S. 81).

In diesem Zustand weisen die Wöchnerinnen eine Affektlabilität mit Weinerlichkeit, Irritierbarkeit, Ängstlichkeit, übermäßige Sorgen um die eigene Gesundheit oder die des Kindes, Reizbarkeit, Appetitstörungen, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen auf; die Frauen haben Angst davor, dass sie ihrer Aufgabe als Mutter nicht gewachsen sind (vgl. Unger, U., Rammsayer, T. 2001, S. 157; Riecher-Rössler, A. 2001, S. 24; Gröhe, F 2003, S. 41).

In der Regel halten diese Symptome wenige Stunden oder Tage an und dauern bis zu zwei Wochen nach der Geburt an (vgl. Sauer, B. 1993, S. 81; Nispel, P. 2001, S. 42).

Aufgrund der methodischen Unterschiede der verschiedenen Studien über die postpartale Dysphorie schwanken die Häufigkeitsangaben für ihr Auftreten zwischen 25% und 80%; bei Studien mit einer stringenten Diagnostik zwischen 25% und 40% (vgl. Riecher-Rössler, A. 2001, S. 25).

[...]

Ende der Leseprobe aus 122 Seiten

Details

Titel
Postpartale psychische Erkrankungen und ihre therapeutischen Möglichkeiten unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Erziehungswissenschaftliches Institut)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2004
Seiten
122
Katalognummer
V41553
ISBN (eBook)
9783638397940
Dateigröße
1515 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Postpartale, Erkrankungen, Möglichkeiten, Aspekt, Mutter-Kind-Beziehung
Arbeit zitieren
Ute Dohmen (Autor), 2004, Postpartale psychische Erkrankungen und ihre therapeutischen Möglichkeiten unter dem besonderen Aspekt der Mutter-Kind-Beziehung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41553

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