Sozialisationstheorien. Verschriftlichung des Referats Identitätsbildung durch Interaktion (nach Georg Herbert Mead)


Referat (Ausarbeitung), 2017

25 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Wandel von Familie und privaten Lebensformen

3. Der Wandel von Kindheit und Jugend

4. Individuum - Sozialisation - Gesellschaft: die soziologische Basis

5. Die Grundlegung soziologischer Sozialisationskonzepte

6. Zur Internalisierung sozialer Rollen

7. Verschriftlichung des eigenen Referats: Identitätsbildung durch Interaktion

8. Fazit

9. Quellenverzeichnis

Anhang: Präsentation “Identitätsbildung durch Interaktion. Nach Georg Herbert Mead”

1. Einleitung

Sozialisation ist ein stetig wandelndes Konstrukt, welches im 19. Jahrhundert seinen Anfang nahm und so viel bedeutet, wie das Mitgliedwerden in einer Gesellschaft. Man beachtet hierbei die Interaktionen zwischen dem Subjekt, den Institutionen und der Gesamtgesellschaft. Da die Gesellschaft sich im Laufe der Zeit verändert hat, sich aktuell ändert und in Zukunft ändern wird, ist die Grundlage gegeben, dass auch die Sozialisation sich ändert.

Als Begründer der empirischen Soziologie gilt Émile Durkheim, welcher 1858 in Frankreich geboren wurde. Es folgten weitere Soziologen, wie Adorno, Foucault, Hurrelmann, Mead, Parsons, Weber und viele mehr.

Weshalb die Sozialisationstheorie immens wichtig ist, lässt sich schnell erklären. Jedes Kind soll durch die Sozialisation in die Gesellschaft eingegliedert werden. Die Schule bildet neben der Familie und den Freunden eine große Sozialisationsinstanz. Auf Menschen wird ihr gesamtes Leben lang Sozialisation ausgeübt, nicht nur im Kindesalter - dieser Prozess verläuft bis in den Beruf hinein. Sie findet also in drei Phasen statt, der primären (Familie), der sekundären (Schule & Freunde) und der tertiären (Beruf) Phase. Damit die Sozialisation gelingt, obwohl sie sich so oft wandelt, sollte sie analysiert und angepasst werden.

2. Der Wandel von Familie und privaten Lebensformen

Um einen Wandel von Familie zu verstehen, muss zunächst der Begriff Familie geklärt sein. Nach Meyer bedeutet Familie, dass eine differenzierte Kleingruppe aus verschiedenen Geschlechtern und Generationen besteht, in welcher wechselseitige Kooperations- und Solidaritätsverhältnisse herrschen, deren Gründung in allen Gesellschaften zeremoniell begangen wird.1

Im Zeitraum der Industrialisierung (1830-1873) gab es eine große Vielfalt an familiären Lebensformen und Haushaltstypen, in welchen nicht nur verwandte Personen, sondern auch entfernte oder nicht verwandte Personen lebten. Somit war die vorindustrielle Wirtschaft eine Familienwirtschaft und die Familie zeitgleich die primäre Produktionsstätte. Die Lebensformen beinhalteten unter anderem die Einheit von Produktion und Familienleben, einen Hausverband, zu welchem auch Mägde und Knechte zählten und gefühlsarme Beziehungen, zumeist Zweckbeziehungen. Da sich die kapitalistische Produktionsweise immer weiter ausbreitete, trennte sich die Arbeits- von der Wohnstätte. Familien, in denen es auf Emotionen und Intimität ankommt, bildeten sich nach und nach im gebildeten und wohlhabenden Bürgertum aufgrund von gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen. Die Gefühle nahmen einen immer höheren Stellenwert ein, auch wenn materielle Werte dadurch nicht vernachlässigt wurden. So galt es noch immer als gut, wenn es sich bei einer Familie um eine „vernünftige Ehe“ handelte. Den Arbeiterfamilien blieb eine Familie auf Basis von Emotionen und Intimität verwehrt, da sie unter beschränkten Wohnverhältnissen, der notwendigen Erwerbsarbeit der Frau und einer randständigen sozio-ökonomischen Lage litten.

In den 1950er und 1960er Jahren entstanden die ersten modernen Kleinfamilien, welche auch die Namen Gatten- oder privatisierte Kleinfamilie trugen. Sie stellten eine selbstständige Haushaltsgemeinschaft eines verheirateten Paares mit seinen Kindern dar. Die entscheidenden Faktoren, welche diese Art der Familie zuließen, waren ein Wirtschaftswunder, der Ausbau des sozialen Sicherungssystems und die Propaganda der Kirche und Parteien. Diese Form der Familie war und ist die dominanteste in Deutschland, da sie noch bis in die heutige Zeit einen hohen Bestand hat. In dieser Zeit waren ein junges Heiratsalter und die Ehefreudigkeit gerne gesehen. Das Leitbild forderte eine lebenslange, monogame Ehe und bildete eine kulturelle Selbstverständlichkeit.

Die Rollenverteilung sah den Vater als Autoritätsperson vor, welche Außenbeziehungen pflegte und instrumentelle Aspekte des Familienlebens äußerte. Die Mutter hingegen war primär für emotionale Bedürfnisse und die Haushaltsführung vorgesehen. Andere Formen der Familie, wie Alleinerziehende, wurden notgedrungen und diskriminierend angesehen. Zusätzlich wurde das Bild der Normalfamilie destabilisiert, da Zweifel aufkamen, ob eine lebenslange, monogame Ehe zu realisieren sei.

In der Zeit nach 1965 gab es eine regelrechte Geburtenflaute; die Mehrkinderfamilien nahmen ab. Zu Beginn der 80er Jahre stieg die Kinderlosigkeit noch weiter an, was unter anderem daran lag, dass die späte Mutterschaft bevorzugt wurde und eine Heiratsmüdigkeit aufkam. Ebenso stieg das durchschnittliche Heiratsalter an. Die Anzahl an Scheidungen nahm zu, mitunter auch, da 1976 das neue Scheidungsrecht eingeführt wurde. Die zunehmende Erwerbstätigkeit und die Unabhängigkeit der Frau, welche rechtlich und kulturell akzeptiert wurden, trugen ebenso dazu bei.

Heutzutage erleben wir einen hohen Attraktivitätsverlust von Ehe und Familie. Es werden immer neue Varianten des privaten Zusammenlebens entdeckt, welche sich allmählich in den Vordergrund drängen, dazu gehört auch die Pluralität von Privatheitsmustern. Der Familiensektor (umfasst Ehepaare mit Kindern, Alleinerziehende und nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern) macht trotz allem noch rund zwei Drittel unserer Gesellschaft aus, der Nichtfamiliensektor (kinderlose Paare, Alleinlebende) ein Drittel. Innerhalb der Familie gab es ebenso viele Veränderungen. Die Rolle der Frau und des Mannes haben sich stark geändert, häufig arbeiten die Mütter und die Väter sind bei den Kindern und erledigen den Haushalt. Außerdem gibt es einen Rückgang der Mehrgenerationenhaushalte und die sogenannte „Emanzipation des Kindes“, welche oft eine psychische Belastung für die Paare mit sich bringt. Dennoch liegt ein großes Interesse darin, die Freizeit gemeinsam zu verbringen.

Zu sehen ist also, dass sich die Familie im Laufe der Zeit stark gewandelt hat, weshalb sich auch die Sozialisation verändert.

1) Meyer, T., 2002

3. Der Wandel von Kindheit und Jugend

Im Zeitraum von 1850 - 1900 war es in ländlichen Gegenden üblich, dass die Kinder sehr schnell in die Arbeitswelt der Erwachsenen integriert wurden. Zu dieser Zeit galt das Kind zwar als finanzielle Belastung, aber auch als Sicherung für das Alter. Noch dazu wurde das Kind als „kleiner Sünder“ angesehen, dessen Eigenwillen durch Mühsal und Arbeit gebrochen werden sollte - so sah es die christliche Erziehung vor. Diese Art der Erziehung zog sich bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein. Im gehobenen Bürgertum sah dies wieder anders aus. Da die Familien keine materiellen Sorgen hatten, konnten sie sich voll und ganz auf ihre Kinder konzentrieren und hatten eine empathische Einstellung zu ihnen. Der Besuch von Kindergärten oder ähnlichen Sozialisationsinstanzen gehörte zum alltäglichen Leben.

Die Lebensbedingungen vieler benachteiligter Kinder wurden erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbessert, unter anderem durch sozialen Wohnbau, medizinische Versorgung und sozialgesetzliche Bestimmungen - das Arbeitsschutzgesetz von 1891 verbot eine Beschäftigung von Kindern unter 13 Jahren. Dieses Verbot hatte weitreichende Folgen, denn Kinder waren aufgrund ihrer Körpergröße sehr begehrt.

1900 bis 1950 gab es eine Scholarisierung von Kindheit, was so viel bedeutet, dass schulische Institutionen errichtet wurden, welche die Kinder besuchen konnten. 1903 sprach Ellen Key vom Jahrhundert des Kindes, wobei kindliche Räume Schonräume darstellen sollten. Kinder wurden fortan als emotionale Beziehungspartner und Sinnstifter angesehen. Sie wandelten sich von Produzenten zu Konsumenten. Im Bürgertum gab es eine gesonderte Abgrenzung zur niederen sozialen Schicht, indem Kinder ihre eigene Spezialwelt bekamen. Diese war das Kinderzimmer.

Nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 reduzierte der Staat die finanziellen Leistungen drastisch. Im darauffolgenden Nationalsozialismus herrschte ein idealisiertes Familienbild mit festen Rollen, um dem Vaterland zu dienen. Der Staat übernahm die Erziehungsfunktion; später nutzte man Kinder im Krieg sogar als Arbeitshilfskräfte oder Soldaten. In der Nachkriegszeit kam die Verbesserung der materiellen Existenzsicherung der Familien und der Lebensqualität der Kinder. Kindheit wurde als Schutz. Schon- und Lernraum betrachtet.

Die Kindheit von 1950 erlebte einen hierarchischen Befehlshaushalt; dieser stellte ein ideales Familienbild dar. In den 60ern entstand eine Multioptionsgesellschaft. Verstanden wurde Kindheit nun in unterschiedlicher Art und Weise: „Airbag- Kindheit“, „Pädagogisierung von Kindheit“, „Verschwinden der Kindheit“, „Mediatisierung und Technologisierung von Kindheit“, „Terminkalender-Kinder“, „Verinselung von Kindheit“ und die „Pluralisierung von Kindheit“. In den darauffolgenden Jahrzehnten erlebte man eine immer größer werdende Kinderarmut - die Schere zwischen arm und reich öffnete sich immer weiter. Es folgten eine „Verrechtlichung von Kindheit“ (1989), das Tagesbetreuungsausbaugesetz von 2005, das Gesetz der verbindlichen Vorsorgenuntersuchung und die Einführung von Elternzeit und Elterngeld. Die Grenzen von früher Kindheit zur Schulkindheit verschwimmen.

In der vorindustriellen Gesellschaft gab es keine Abgrenzung der Lebensphase des Kindes, weshalb es in der bürgerlichen und ländlichen Schicht üblich war, Kinder als kleine Erwachsene zu betrachten. Sie sahen in ihnen eine Art Miniaturausgabe der Erwachsenen mit gleichen Aufgaben und Beschäftigungen. 1850 bis 1900 entstand eine Abgrenzung gesonderter Lebenssphären für Kinder. Durch die große Verstädterung gab es jetzt auch außerhäusliche Arbeitsstätten. Kinder und Jugendliche wurden in getrennten Handlungsbereichen eingesetzt. Zusätzlich begannen Erwachsene damit, soziale Beziehungen rund um ihren Arbeitsplatz, in ihrer außerfamiliären Freizeit und im politischen Leben aufzubauen. In städtischen Regionen gab es ein neues soziales und pädagogisches Verständnis vom Kindsein. Kinder sind von da an Menschen, welche noch nicht erwachsen sind und sich in einer eigenständigen Entwicklungsphase befinden, wodurch ihnen noch nicht alle Handlungsmöglichkeiten und Teilnahmerechte zugesprochen werden können. Es wurden neue pädagogische und psychologische Ansprüche entwickelt.

Von 1900 bis 1950 wurden Kindheit und Jugend als getrennte Phasen betrachtet. Eine gezielte Ausbildung wurde notwendig, da es komplexe berufliche Anforderungen gab. Somit wurde ein verpflichtendes allgemeines Schulwesen eingeführt.

Seit 1950 stand fest: Jugendliche brauchen eine Ausbildung. Die Vorbereitung auf berufliche Anforderungen wird von gesellschaftlich arrangierten Organisationen außerhalb der Familie übernommen. Sie bereitet Jugendliche aller sozialen Schichten vor. Der Zeitpunkt des Übergangs in das Erwachsenenalter geht über die Pubertät hinaus und wird dadurch eine neue Phase im menschlichen Lebenslauf.

Der demographische Wandel zeigt, dass die jugendliche Bevölkerung schrumpft, da Kinder einen hohen Kostenfaktor darstellen und die Entscheidung zu jenen von der Lebensperspektive abhängt. Die Entscheidung gegen ein Kind ist heutzutage durch die vielen Verhütungsmöglichkeiten gut umsetzbar. Diese Entscheidung, ob für oder gegen ein Kind, fällt heutzutage oftmals bewusst.

Die Bevölkerung altert, weshalb dem höheren Anteil der Bevölkerung mehr Aufmerksamkeit zugutekommt. Dadurch fühlen sich jedoch jüngere Bürger und Familien benachteiligt.

Wenn man die Kindheit und Jugend von früher und heute vergleicht, kann man viele große Unterschiede feststellen. Früher waren Kinder selbstverständlich, da sie als Altersabsicherung gesehen wurden. Sie mussten mitarbeiten und waren ökonomisch wichtig. Es kam sogar vor, dass Kinder einen Betrieb übernehmen sollten.

Heute weiß man, dass Kinder eine besondere Betreuung und Aufmerksamkeit benötigen. Sie sind ein immaterielles Erlebnis und bieten eine emotionale Lebensqualität. Sie sind eine luxuriöse Investition geworden.

4. Individuum - Sozialisation - Gesellschaft: die soziologische Basis

Damit eine Gesellschaft als solche funktioniert und nicht aus Einzelpersonen und Gruppen besteht, muss sie mit der Sozialisation eng verbunden sein. Die Sozialisation fand ihren Ursprung durch Émile Durkheim im 19. Jahrhundert. Er meinte mit diesem Ausdruck eine Reihe von Prozessen, durch die eine Generation gesellschaftsfähig gemacht wird. Genauer gesagt meinte er damit, dass ein einzelnes Mitglied der Gesellschaft die Einzelheiten des sozialen Handels dieser Gesellschaft lernt.

Seit jeher gibt es viele Definitionsversuche darüber, was Sozialisation ist, dennoch haben sie alle einen gleichen Aspekt. Die Definition von Klaus Hurrelmann gibt die Gemeinsamkeit gut wieder: Er versteht Sozialisation „als Prozess der Entstehung und Entwicklung der Persönlichkeit in wechselseitiger Abhängigkeit von der gesellschaftlich vermittelten sozialen und materiellen Umwelt. Vorrangig thematisch ist dabei, wie sich der Mensch zu einem gesellschaftlich handlungsfähigen Subjekt bildet“.2 Durch den Prozess der Sozialisation wird ein Kind somit zu einer Person, welche ein Bild von sich selbst entwickelt und über das notwendige Wissen, Können und Handeln verfügt, wodurch es sich erst in die Gesellschaft einbringen kann. Das Kind ist von Anfang an ein handelndes Wesen. Sozialisation ist jedoch nicht nur auf die Kindheit beschränkt. Sie erfolgt über das gesamte Leben des Menschen und verläuft in drei Phasen: primär (Familie), sekundär (Schule, Freunde), tertiär (Beruf). Sozialisation verbindet das Individuum mit der Gesellschaft, deshalb kann sie auch als „Vergesellschaftung“ des Menschen verstanden werden. Sie verbindet aber auch eine Generation mit der nachfolgenden Generation. Sie sichert somit eine Art soziale Erinnerung und soziales Erbe.

Der Gegensatz zur Erziehung und Bildung ist, dass in der Sozialisation die gesellschaftlichen Bedingungen als entscheidend und bestimmend für die Entwicklung des Menschen gesehen werden. Erziehung und Bildung werden aber keinesfalls vernachlässigt, sie werden lediglich in ihrer konkreten Form und ihrer Funktion durch die Gesellschaft bedingt.

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Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Sozialisationstheorien. Verschriftlichung des Referats Identitätsbildung durch Interaktion (nach Georg Herbert Mead)
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Seminar Sozialisationstheorie
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
25
Katalognummer
V415691
ISBN (eBook)
9783668659506
Dateigröße
6263 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Inklusive Präsentation “Identitätsbildung durch Interaktion. Nach Georg Herbert Mead” im Anhang
Schlagworte
Identitätsbildung, Interaktion, Sozialisationstheorie, Mead
Arbeit zitieren
Sophie Engelien (Autor), 2017, Sozialisationstheorien. Verschriftlichung des Referats Identitätsbildung durch Interaktion (nach Georg Herbert Mead), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415691

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