Die aktuelle Zuwanderung und mögliche Auswirkungen auf die soziale Sicherung in Deutschland


Bachelorarbeit, 2016
56 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
1.1 Problematik
1.2 Zielsetzung und Aufbau

2 Aktuelle Perspektiven
2.1 Soziale Sozialsicherungssysteme
2.2 Arbeitsmarktproblematik
2.3 Demografischer Wandel

3 Aktuelle Zuwanderung
3.1 Determinanten der Zuwanderung
3.2 Fakten und Zahlen
3.3 Struktur der aktuellen Zuwanderung

4 Qualifikationsstruktur

5 Analyse
5.1 Arbeitsmarkteffekte
5.2 Effekte auf die Gesetzliche Rentenversicherung
5.3 Zukunftsszenarien

6 Handlungsmaßnahmen

7 Fazit

8 Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: Arbeitsmarktentwicklung bis zum Jahr 2030

Abbildung 2: Alterspyramide in Deutschland für das Jahr 2035

Abbildung 3: Gründe der Immigration

Abbildung 4: Anzahl der Flüchtlinge weltweit

Abbildung 5: Anzahl der Asylbewerber in Europa und Deutschland 2015

Abbildung 6: Anzahl der Asylanträge (Erstund Folgeanträge) in Deutschland von 1995 bis 2016

Abbildung 7: Herkunftsländer der Flüchtlinge 2015

Abbildung 8: Nichtrepräsentative Daten über das Bildungsniveau der Flüchtlinge 2015

Abbildung 9: Berufsqualifikation der Flüchtlinge 2015

Abbildung 10: Arbeitsmarktwirkung der Zuwanderer

Abbildung 11: Bevölkerungsentwicklung ohne Wanderungsbewegung und mit humanitärer Zuwanderung 2015-2075

Abbildung 12: Auswirkung der humanitären Zuwanderung von 2015 auf laufende Salden im öffentlichen Gesamthaushalt in Abhängigkeit von der Dauer der Integration und der fiskalischen Leistungskraft (Mrd. Euro)

Abbildung 13: Salden im öffentlichen Gesamthaushalt ohne Wanderungsbewegung und bei Aufnahme einer Million geflüchteter Menschen 2015 (Mrd. Euro)

Tabellenverzeichnis:

Tabelle 1: Leistungsergebnisse von ausgewählten Ländern 24 Tabelle 2: Bildungsabschluss nach Migrationsstatus von Personen zwischen 15 und 65 Jahren

Tabelle 3: Annahmen der Szenarien zu den Auswirkungen der Flüchtlingsmigration

Tabelle 4: Konsolidiertes Budget des öffentlichen Gesamthaushaltes

Tabelle 5: Auswirkung der Aufnahme einer Million geflüchteter Menschen 2015 auf die Nachhaltigkeitslücke im öffentlichen Gesamthaushalt und Konsolidierungsbedarf pro Kopf und Jahr für verschiedene Integrationsszenarien

1. Einleitung

1.1 Problematik

„Die Migration wird uns sehr teuer kommen"

- Hans Werner Sinn (31. Mai 2016)

Aus dem Eingangszitat wird deutlich: Die aktuelle Zuwanderung ist eine Herausforderung für die Länder, welche die Flüchtlinge aufnehmen. Im vergangenen Jahr (2015) kamen weit über eine Million Flüchtlinge nach Europa, von denen 1,1 Millionen in Deutschland registriert wurden. Daraus ergeben sich folgende Fragen: Wie werden Empfängerländer bezüglich ihrer Kapazitäten auf die humanitäre Herausforderung antworten? Wie sehen Vorbereitungen für die Integration von bleibeberechtigten Menschen in den Arbeitsmarkt und in eine größere Gesellschaft aus? Kann diese Zuwanderung in Deutschland volkswirtschaftliche Erträge oder Verluste verursachen? Kritiker gehen von einer höheren Belastung der sozialen Sicherungssysteme und

Arbeitslosenunterstützung durch die Zuwanderer aus. Befürworter allerdings behaupten, dass durch eine effektive Zuwanderungspolitik die demografischen Lasten für das Rentensystem aufgefangen werden könnten. Dieser Flüchtlingsstrom ist für fortgeschrittene Volkswirtschaften historisch, politisch und ökonomisch eine Herausforderung.

1.2 Zielsetzung und Aufbau

Diese Arbeit geht der Frage nach, ob der aktuelle Zuwanderungsstrom unser Sozialversicherungssystem belastet oder förderlich für dessen Finanzierung ist. Inwieweit sich die demografisch bedingten Lasten damit erhöhen oder verringern, soll in dieser Arbeit ebenso Gegenstand der Betrachtung sein. Da es derzeit aufgrund der Aktualität des Themas noch keine fundierten Prognosen über den Impact der aktuellen Zuwanderer gibt, wird mittels Projektionen und Studien ein Spektrum an möglichen Auswirkungen aufgezeigt.

Die Arbeit ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Der erste Abschnitt zielt auf die aktuellen Probleme des Sozialstaates. Der Umfang dieser Arbeit ermöglicht es nicht, die gesamten Probleme des deutschen Sozialstaates anzusprechen.

Deshalb sollen hauptsächlich zwei wesentliche Punkte analysiert werden: die Arbeitsmarktproblematik und das Alterungsproblem. Im darauffolgenden Abschnitt werden Zahlen und Fakten zur aktuellen humanitären Wanderungsbewegung und ihre Struktur dargestellt.

Angesichts der modernen Probleme wird in der Analyse auf die Qualifikationsstruktur der aktuellen Zuwanderer eingegangen. Im letzten Abschnitt wird der Beitrag der aktuellen Zuwanderung zum deutschen Sozialsystem untersucht. Basierend auf den Projektionen und Studien verschiedener Ökonomen sollen die Auswirkungen der Zuwanderung auf die Sozialsysteme in Deutschland unter Berücksichtigung des demografischen Wandels und des Qualifikationsniveaus der Zuwanderer untersucht werden.

2 Aktuelle Perspektiven

2.1 Soziale Sozialsicherungssysteme

Da in dieser Hausarbeit das Augenmerk auf die soziale Sicherung gerichtet wird, soll der Begriff zunächst allgemein erklärt werden. Der Sozialschutz wird im ESSOSS-Handbuch 1996 folgendermaßen definiert:

„Sozialschutz sind alle Eingriffe öffentlicher und privater Stellen, um die Lasten privater Haushalte und Einzelpersonen zu decken, die ihnen durch eine genau festgelegte Zahl von Risiken oder Bedürfnissen entstehen, sofern diese weder eine Vereinbarung auf Gegenseitigkeit erfordern noch im Rahmen individueller Vereinbarung erfordern [...]“ (European Comission Staff 2014, S. 14).

Diese Definition in politische Maßnahmen übersetzt, beinhaltet eine Reihe von öffentlichen Hilfsprogrammen, inklusive folgender Programme:

- (i) Die Sozialversicherung: einige vertraglich bindende Programme wie z. B

die Arbeitslosenversicherung, Rentenversicherung usw.

- (ii) Die Sozialhilfe: Im Allgemeinen eine i. d. R. aus Steuergeldern

finanzierte Sozialleistung

Um Risiken abzudecken und die soziale Sicherung in unserer Gesellschaft für jeden Einzelnen zu gewährleisten, stützt sich das Sozialversicherungssystem auf fünf Säulen: die gesetzliche Arbeitslosen-, Renten-, Kranken-, Pflegeund Unfallversicherung (European Commission Staff 2011, S. 14 ff.). So betrug die Summe aller Sozialleistungen im Jahr 2015 etwa 888 Mrd. Euro (BMAS 2016). Eingangs wird auf die Sozialausgaben eingegangen, um zu verdeutlichen, wie hoch die Last der öffentlichen Hand Deutschlands verglichen mit den anderen Ländern in Europa ist. Hinter Dänemark (32,5%), Frankreich (31,6%) und Schweden (31,5%) liegt Deutschland (30,1%) bei den Sozialschutzleistungen im europaweiten Vergleich an vierter Stelle (Eurostat 2016). Dies ist insofern wichtig, als die drei größten Kategorien von Sozialtransfers die Renten (durchschnittlich 7% des BIP), die Gesundheitsausgaben (6%) sowie die Einkommenstransfers an die Erwerbsbevölkerung (4%) sind (Statistisches Bundesamt 2016) und der Fokus in dieser Arbeit auf die erste und letzte Versicherung gelegt wird. Staaten mit einem vergleichsweise hohen Anteil von Transferleistungen riskieren (wachsende) Haushaltsdefizite, was letztendlich dazu führt, dass noch mehr Schulden gemacht werden müssen, weil das rückläufige BIP weniger Steuereinnahmen generiert.

2.2 Arbeitsmarktproblematik

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland hat sich nach der globalen Finanzund Wirtschaftskrise im Jahr 2007/2008 weitgehend stabilisiert und der Arbeitsmarkt hat sich zudem positiv entwickelt. Mehr Beschäftigungsmöglichkeiten trugen dazu bei, dass die Arbeitslosigkeit moderat gesunken und im Gegenzug die Zahl der Erwerbstätigen stetig gestiegen ist. Noch nie seit der Wiedervereinigung waren so viele Menschen in Deutschland erwerbstätig wie 2015. Die Zahl der Erwerbspersonen lag im Jahr 1991 bei 41,04 Millionen, im Jahr 2003 bei 42,89 Millionen und im Jahr 2015 bei 44,91 Millionen (Statistisches Bundesamt 2016). Im Gegensatz zu dieser stabilen und mäßig steigenden Entwicklung verschärfen sich dagegen dennoch zwei Problemfelder. Der globale Wettbewerb steigt und die demografische Alterung wird bald spürbar (bpb 2010). Im Folgenden wird mehr auf beide Aspekte eingegangen.

In einer globalisierten und digitalisierten Arbeitswelt steigt der Bedarf an Fachkräften stetig (Helmrich; Zika 2010). Um den Herausforderungen der Globalisierung erfolgreich zu begegnen, ist eine gut ausgebildete Arbeiterschaft essentiell, um sich trotz der starken internationalen Konkurrenz behaupten zu können. Deutschland weist hier in einigen Bereichen bereits Mängel auf.

Ein Mangel an ausgebildeten Fachkräften liegt dann vor, wenn der Bedarf an beruflicher Qualifikation und Flexibilität über dem Angebot liegt. So ist die Nachfrage nach Fachkräften in einigen Regionen in Deutschland und nach speziellen Qualifikationen höher als das Angebot (Helmrich; Zika 2010). Auch das im Unterpunkt 2.3 erwähnte Problem des demografischen Wandels erhöht den Bedarf an Arbeitskräften, wobei hier im Gegensatz zum Fachkräftemangel notwendige berufliche Qualifikationen nicht berücksichtigt und sogar Ungelernte/Aushilfekräfte mit einbezogen werden.

Auf der Grundlage der BIBB-IAB-Qualifikationsund Berufshauptfeldprojektionen könnte man bereits ab dem Jahr 2025 (Helmrich; Zika 2010) von einem hohen Arbeitskräftemangel sprechen, wobei der Fachkräftemangel sogar schon vorher eintritt. So zeigt die Abbildung 1, dass insgesamt mit einem moderaten Anstieg des Bedarfs an Erwerbstätigen gerechnet werden kann. Parallel dazu wird sich aufgrund des Alterungsprozesses das Angebot an Arbeitskräften reduzieren. Aus dieser Projektion geht hervor, dass - zwar mit unterschiedlichen Annahmen (DEMOS[1]; IAB; FIT) - der Schnittpunkt zwischen Bedarf und Angebot ab dem Jahr 2023 unausweichlich ist, was anders ausgedrückt bedeutet, dass es zu einem allumfassenden Fachkräftemangel kommen wird.

[1] BIBB-Demos ist ein von der Gesellschaft für wirtschaftliche Strukturforschung (GWS) entwickeltes Modell.

Abbildung 1: Arbeitsmarktentwicklung bis zum Jahr 2030

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Helmrich et al. 2012: S. 3.

Unter der Annahme, dass die Erwerbstätigen nur den Beruf ausüben, den sie auch erlernt haben (d. h., es gibt keine berufliche Flexibilität), und das Ausbildungsverhalten trendtreu fortläuft, könnte heute schon in einigen Berufsfeldern von hohem Fachkräftemangel gesprochen werden.

In der modernen Arbeitswelt ist die berufliche Flexibilität ausschlaggebend, daher bleiben viele der Erwerbstätigen nicht in ihrem erlernten Beruf und wechseln in ein anderes Berufshauptfeld.[2] So zeigen Projektionen des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung (BIBB) und des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT), dass im Jahr 2025 - trotz Berücksichtigung der beruflichen Flexibilität - vor allem Berufe in den Bereichen Transport, Sicherheit, Gastronomie, Reinigung, Gesundheit und Körperpflege vom Arbeitskräftemangel betroffen sein werden (Helmrich; Zika 2010).

[2] Anreize für den Wechsel können zum Beispiel bessere Beschäftigungs-, Einkommensund Aufstiegschancen sein.

Bis zum Jahr 2025 wird es 0,75 bis 1,5 Millionen weniger Jobangebote für Geringqualifizierte geben, während nur eine halbe Millionen weniger Menschen eine solche Arbeit suchen. Dadurch entsteht eine Lücke zwischen Angebot und Bedarf, was letztendlich nichts anderes als Arbeitslosigkeit bedeutet. Folglich wird es viel schwieriger, eine Beschäftigung zu finden und für Langzeitarbeitslose sogar kaum möglich.

Laut dem IAB stagniert die Zahl der Langzeitarbeitslosen seit Jahren bei einer Million. In einem Monat gelingt es nur 2% der Langzeitarbeitslosen, eine Beschäftigung zu finden. Die übrigen Langzeitarbeitslosen verfügen jetzt schon nicht mehr über die am Arbeitsmarkt gefragten Qualifikationen. (IAB 2015d, S. 8) Dies ist insofern eine Last für die soziale Sicherung, da jetzt bereits 90% der Langzeitarbeitslosen Arbeitslosengeld II beziehen (und das schon seit Jahren, 30% der Langzeitarbeitslosen sogar seit sechs Jahren) und 70% der hilfebedürftigen Erwerbsfähigen zu Langzeitleistungsempfängern zählen. Dieser Zustand (Leistungen zu gewähren) dürfte sich in Zukunft eher verschlechtern als verbessern. Ein ausschlaggebender Grund für den Fachkräftemangel ist ferner, dass die ältere Generation mit abgeschlossener Berufsausbildung aus dem Arbeitsmarkt ausscheidet.

Untersuchungen haben gezeigt, dass drei wesentliche Instrumente den Fachkräftemangel vorübergehend entschärfen können - die Frauenquote und längere Lebensarbeitszeiten. In der oft zitierten Studie von Bonin (2014) erwies sich dagegen die Zuwanderung als am effektivsten, um den drohenden Mangel zu beheben. Laut anderen Studien wird dadurch das Problem jedoch nicht komplett behoben, sondern nur verzögert. Dennoch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, durch eine gezielte Steuerung die Zuwanderung dahin zu lenken, dass diese Lücke gefüllt werden kann.

2.3 Demografischer Wandel

Mit rund 45 Millionen Erwerbspersonen[3] hat die Beschäftigung in Deutschland gegenwärtig ihren historischen Höhepunkt erreicht. Doch die Alterungsstruktur ist seit 1972 von einer rückläufigen Bevölkerungszahl und einer steigenden Lebenserwartung der Bevölkerung gekennzeichnet. Das heißt, die Zahl der älteren Menschen und deren Lebenserwartung steigt weiter an, während die Zahl der Geburten sinkt, was ökonomisch betrachtet bedeutet, dass weniger Menschen arbeiten und dafür mehr Menschen Leistungen in Anspruch nehmen werden (SVR 2011, S. 1). Besonders stark zeigen wird sich dieses Verhältnis ab dem Jahr 2035, wenn die Generationen der Babyboomer aus dem Erwerbsleben ausscheiden (BMFSFJ 2013, S. 9).

Abbildung 2: Alterspyramide in Deutschland für das Jahr 2035

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt 2015a

[3] Stand 2015, Quelle: Statista.

Im Jahr 2013 betrug die Bevölkerungszahl in Deutschland rund 80,8 Millionen. Davon waren 16,9 Millionen (21%) Menschen im Rentenalter, 49,2 Millionen (61%) Erwerbstätige bzw. zwischen 20 und 64 Jahren alt und rund 14,7 Millionen (18%) Menschen unter 20 Jahren. Dies wird durch den grünen Umriss in Abbildung 2 deutlich. Wenn nun die Generationen der Babyboomer im Jahr 2035 aus dem Erwerbsleben ausscheiden, wird laut dem Statistischen Bundesamt die Alterspyramide 2035 unter den Annahmen, dass pro Frau 1,4 Kinder geboren werden und es einen jährlichen Wanderungssaldo plus 200.000 Migranten gibt wie in Abbildung 2 aussehen. So würde die Bevölkerungszahl auf genau 80,0 Millionen schrumpfen. Die Zahl der Menschen im Rentenalter würde auf 23,3 Millionen (29%) ansteigen, es gäbe nur noch 42,8 Millionen (53%) Erwerbstätige und die Zahl der jungen Menschen würde auf 13,9 Millionen (17%) schrumpfen. Auch wenn versucht wird, diese Lücke zu füllen, wird die Relation zwischen Jung und Alt immer noch viel unausgewogener sein als heute. So steigt der Altersquotient[4] von 34 im Jahr 2013 auf 55 im Jahr 2035. Um das aktuelle Rentensystem beibehalten zu können, wären über 30 Millionen Zuwanderer nötig, so Hans-Werner Sinn (2016b).

Dieser doppelte Alterungsprozess, der sich aus der seit den 1970er Jahren anhaltenden niedrigen Fertilität in Kombination mit der immer weiter steigenden Lebenserwartung ergibt, wird durch drei zentrale Bevölkerungsdeterminanten bestimmt: die Fertilitätsrate, die Lebenserwartung und die Wanderungsbewegungen. In Deutschland lag die Fertilitätsrate im Jahr 2008 bei 1,38 Kindern pro Frau. Das Durchschnittsalter der Frauen bei der Geburt lag bei 30 Jahren. Trotz der Tatsache, dass Maßnahmen ergriffen wurden, wie mehr Betreuungsplätze und seit 2007 das Elterngeld, um die Geburtenziffer bedingt zu erhöhen, gehen viele Studien dennoch bis 2060 von einer stagnierenden Geburtenrate von 1,4 Kindern je Frau aus (Statistisches Bundesamt o. J.). Durch eine steigende Erwerbsbeteiligung, vor allem von Frauen, könnte ein zusätzliches Potenzial von zwei Millionen Erwerbstätigen genutzt werden. Damit ist dem demografischen Wandel kaum entgegenzuwirken. Es bedarf weiterer

[4] Definition: Der Altersquotient zeigt das Verhältnis zwischen der älteren nicht mehr erwerbstätigen Bevölkerung (ab 65 Jahre) und der jungen erwerbstätigen Bevölkerung (15-64 Jahre).

Maßnahmen, die die Geburtenrate noch stärker fördern, aber gleichzeitig die Beschäftigungsmöglichkeiten der Mütter stärken.

Wie die Abbildung zeigt, geht das Statistische Bundesamt davon aus, dass sich das Verhältnis (es werden weniger geboren und es werden weniger sterben) auch nach 2035 weiter verschärft. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl von Problemen - das wohl drängendste Problem für den Sozialstaat ist der durch den demografischen Wandel sich zuspitzende Arbeitskräftemangel.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass durch den demografischen Wandel der Fachkräftemangel größer wird. So wird der Anteil der Erwerbstätigen von gegenwärtig 61 % bis zum Jahr 2035 auf 53 % sinken. Dadurch können die soziale Sozialsicherungssysteme nicht auf dem gleichen Standard gehalten werden wie heute. Es ist festzuhalten, dass sich diese Probleme mit den angesprochenen Mitteln (Erhöhung der Frauenquote und verlängertes Arbeitsalter) nicht lösen lassen. Die Migration aber stellt bis jetzt einen wichtigen Faktor dar, um die Schäden, die die deutsche Wirtschaft durch den Fachkräftemangel und den demografischen Wandel erleiden wird, abzumildern. Dies deutet zunächst darauf hin, dass Migration beziehungsweise Zuwanderung grundsätzlich positive Effekte für eine Volkswirtschaft haben kann (Battisti 2015b, S. 22 ff.).

Auf Basis dieser Ergebnisse soll nun im darauffolgenden Kapitel der Fokus auf die möglichen Effekte der einen Million eingetroffener Zuwanderer gelegt werden, um der Frage nachzugehen, welchen Einfluss die Zuwanderung tatsächlich auf die Sozialsysteme hat. Der demografische Wandel, der die Problematik des Fachkräftemangels verschärft, schadet der sozialen Sicherung in Deutschland. Diese stützt sich auf die fünf erwähnten gesetzlichen Versicherungen, wobei von dieser Problematik besonders die Rentenversicherungen und die Arbeitslosenversicherung betroffen sind. Zu diskutieren ist, ob und inwiefern die umrissenen Probleme durch die Integration von Zuwanderern gelöst werden könnten.

3 Aktuelle Zuwanderung

Laut diversen Studien (Bonin 2014; Bruckner 2012; Klingholz et al. 2009) stellt Migration einen wichtigen Lösungsansatz dar, wenn es darum geht, die aktuellen modernen Probleme in der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft zu bekämpfen bzw. abzumildern. In diesem Kapitel wird der Fokus auf die aktuelle Zuwanderung gelegt. Dabei ist es wichtig zu hinterfragen, ob unter diesen 1,1, Millionen Zuwanderern solche sind, die als Antwort auf die volkswirtschaftlichen Probleme fungieren können.

3.1 Determinanten der Zuwanderung

Die Anreize für Zuwanderer können die unerwünschten Umstände im Quellenland oder die attraktiven Umstände im Bestimmungsland sein. Potentielle Einwanderer werden meist von mehreren Faktoren angezogen: der Anreize durch höhere Löhne, (bessere) Karrieremöglichkeiten und mehr Innovationsfreiheit. Die Anreize für die Entscheidung des potentiellen Einwanderers können in vier Gruppen gegliedert werden: (1) Anreize, die negativ sind und zum Immigrieren drängen (push), (2) Anreize, die positiv sind und Menschen in ein bestimmtes (gewünschtes) Land ziehen (pull), (3) Anreize, die positiv sind und die Einwanderer induzieren, in ihrem Quellenland zu bleiben (stay) und (4) negative Anreize mit dem Resultat, ein fremdes Land keineswegs zu betreten und zu Hause zu bleiben (stay away) (Bodvarsson; Van den Berg 2009, S. 6 f.).

In der Theorie wird impliziert, dass große Einwanderungen eher unwahrscheinlich sind, wenn eine starke Beziehung zwischen stay/stay away Faktoren und push/pull Faktoren besteht (Bodvarsson; Van den Berg 2009, S. 7).

Abbildung 3: Gründe der Immigration

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Illustration basierend auf Bodvarsson; Van den Berg 2009, S. 7.

3.2 Fakten und Zahlen

Die Zahl der Menschen, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgung fliehen (push- Faktoren), war noch nie so hoch wie heute. Im Jahr 2006 waren 37,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Ende 2014 waren ungefähr 60 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht. Im Vergleich dazu waren es 2013 nur 51,2 Millionen Menschen. Dieser Anstieg von 51,2 Millionen Menschen im Jahr 2013 auf 60 Millionen Menschen ein Jahr später war der höchste, der jemals im Laufe eines Jahres von der UNHCR dokumentiert wurde (Uno-Flüchtlingshilfe 2015).

Nach Angaben der Vereinten Nationen für Flüchtlinge wurden im Jahr 2013 11,7 Millionen Flüchtlinge gezählt (UNHCR 2014). So waren Ende 2014 von den 60 Millionen Vertriebenen über 14 Millionen Flüchtlinge. Von diesen 14 Millionen Flüchtlingen stammen 2,5 Millionen aus Afghanistan und Syrien.

Abbildung 4: Anzahl der Flüchtlinge weltweit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Illustration basierend auf UNHCR (2014).

Auch die Zahl der Asylbewerber, die an den Grenzen der EU ankommen, ist in den letzten Jahren drastisch gestiegen. Im Jahr 2015 wurden über 1,3 Millionen erstmalige Asylanträge in den EU-Ländern vorgelegt. Der Anstieg war vor allem in Deutschland, Ungarn und Schweden markant, zum Teil aufgrund der geographischen Lage (Ungarn) und zum Teil aufgrund des Wunsches der Flüchtlinge nach mehr Wohlstand und der erhöhten Aufnahmebereitschaft einiger EU-Mitgliedstaaten (Deutschland und Schweden).

Die Asylanträge im Jahr 2015 übertrafen die bisherigen Höhepunkte in Europa (nach dem Fall der Berliner Mauer und während des Konflikts im ehemaligen Jugoslawien). Bis jetzt ist diese humanitäre Zuwanderung der größte Flüchtlingszufluss in der EU. Im Jahr 1992 gab es 670.000 Asylanträge in der EU und die Zahl blieb auf einem hohen Niveau während der Jahre 1990 bis 1993. Die Zahl der Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien betrug im Jahr 1996 1,4 Millionen und ging danach rapide zurück, da viele von ihnen nach der Wiederherstellung der Stabilität in ihre Länder zurückgingen.

Vor kurzem haben EU-Länder einseitige Schritte unternommen, um den Zustrom von Asylbewerbern zu reduzieren. Der Anstieg der Flüchtlingszahlen hat das Gemeinsame Europäische Asylsystem belastet, und das Dublin-System[5] wird schon lange nicht mehr systematisch angewendet. Zudem haben einige EU- Staaten ihre Außengrenzen für Asylbewerber geschlossen, während Zielländer, darunter Österreich, Deutschland und Schweden, wieder vorübergehende Grenzkontrollen im Schengen-Raum eingeführt haben. Im europaweiten Vergleich ist Deutschland das Land, das absolut die meisten Flüchtlinge erfasst und aufgenommen hat (vgl. Abbildung 5).

Abbildung 5: Anzahl der Asylbewerber in Europa und Deutschland 2015

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Illustration basierend auf Statista 2015

Dass dieser Zustrom eine besondere Herausforderung ist, zeigen die Zahlen. Beispielsweise wurden im Jahr 1995 rund 167.000 Anträge in Deutschland gestellt (BAMF 2016a). Gemäß Abbildung 3 wurde mit etwa 28.000 Asylanträgen im Jahr 2008 ein Tiefpunkt erreicht. Ab dem Jahr 2013 ist ein erneuter Anstieg sichtbar. Ein Höhepunkt wurde im Jahr 2015 erreicht - eine Steigerung um 64 % im Vergleich mit dem Vorjahr.

[5] Die Grundregel des Dublin-Systems besagt, dass der EU-Staat, den ein Flüchtling zuerst betreten hat, für ihn und das Asylverfahren zuständig ist.

Abbildung 6: Anzahl der Asylanträge (Erstund Folgeanträge) in Deutschland von 1995 bis 2016

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Illustration basierend auf Statista, *Januar bis April 2016

3.3 Struktur der aktuellen Zuwanderung

In Deutschland werden die Flüchtlinge nach einem sogenannten EASY-System erfasst (außer unbegleiteten Minderjährigen, ihnen gilt ein besonderer Schutz). Durch diese IT-Anwendung werden „Erstverteilungen der Asylbegehrenden“ auf die deutschen Bundesländer vollzogen. Mit Hilfe dieser Anwendung wurden ungefähr 1,1 Millionen neu eingetroffene Asylbewerber zwischen Januar und Dezember 2015 aufgezeichnet, wobei aber nur 477.000 Asylanträge von der amtlichen Statistik erfasst wurden (siehe Abbildung 3, Jahr 2015) (BAMF o.J.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Die aktuelle Zuwanderung und mögliche Auswirkungen auf die soziale Sicherung in Deutschland
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
56
Katalognummer
V415738
ISBN (eBook)
9783668666634
ISBN (Buch)
9783668666641
Dateigröße
3342 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Flüchtlinge, Deutschland, Zuwanderung, Soziale Sicherung, Bildung, Arbeitsmarkt
Arbeit zitieren
Hajan Muhsin (Autor), 2016, Die aktuelle Zuwanderung und mögliche Auswirkungen auf die soziale Sicherung in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415738

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