Möglichkeiten und Grenzen rationaler Entscheidungen am Beispiel von Doping im Hochleistungssport


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

26 Seiten, Note: 1,7

Karla Weiler (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entscheidungshandeln im soziologischen Kontext
2.1. Definition
2.2. Max Webers Idealtypen sozialen Handelns
2.3. Alfred Schütz' Wahl zwischen Handlungsentwürfen

3. Rationales Entscheidungshandeln in der funktional differenzierten Gesellschaft
3.1. Einführung
3.2. Komplexität von Entscheidungen
3.3. Rationalitätsansprüche von Entscheidungen

4. Doping im Hochleistungssport
4.1. Gesellschaftliche Strukturdynamiken
4.2. Entscheidungen aus Akteursperspektive

5. Schluss

6. Quellen- und Literaturverzeichnis

„Der Sieg ist alles – alles andere ist nichts“

(Bette/Schimank 2006: 51)

1. Einleitung

Unser Alltag ist durchzogen von Entscheidungen. Bereits morgens, mit dem ersten Augenaufschlag, beginnt eine schier unendliche Kette von Entscheidungen mit mehr oder weniger großen Folgewirkungen. Der Anspruch unserer modernen, durchorganisierten Welt ist es schließlich, schnell, rational[1], wirkungsoptimiert und zielorientiert zu handeln. Doch in welchem Maße treffen wir unsere Entscheidungen selbst? Ist es nicht so, dass Umwelt und Umfeld unsere Entscheidungen, vielleicht auch unbewusst, mitbestimmen? Gerade die Forderung nach rational begründeten Entscheidungen wird in allen Lebensphasen unserer funktional-differenzierten Gesellschaft immer größer. Dabei nehmen aber auch die Möglichkeiten und Optionen sich so oder anders zu entscheiden immer weiter zu. Es ist häufig kaum mehr absehbar, angesichts der Verkettung möglicher Folgen und Nebenfolgen, welche Konsequenzen Entscheidungen haben oder haben werden.

Die Grundproblematik dieser Entscheidungsgesellschaft besteht, nach Uwe Schimank, in der Zunahme der Entscheidungskomplexität. Daraus folgt eine zunehmende Unsicherheit der Akteure über die zu treffende Entscheidung. Rationalität als Triebfeder moderner gesellschaftlicher Gesellschaften führt damit oft zu Entscheidungen mit negativen oder nichtintendierten Handlungsnebenfolgen. Diese offenbaren sich in gesellschaftlichen Teilbereichen, wie z. B. dem Doping im Hochleistungssport.

Meldungen über Dopingvergehen sind aktueller Bestandteil von Medienberichterstattungen und werden als Krise des modernen Sports verhandelt. In keinem anderen Gesellschaftsbereich unterliegen sportliche Siege und Errungenschaften einer so gravierenden Kurzlebigkeit. Die Rekorde von heute sollen am besten schon morgen überboten werden, es gilt das „citius, altius, fortius“-Prinzip[2]. Dabei wird schnell klar, dass nicht jede Spitzenleistung auch eine „saubere“ Leistung ist. Vielmehr ist die Entscheidung für oder gegen Doping zu einer existenziellen Frage geworden.

In dieser Arbeit soll zunächst das Thema Handeln und Entscheiden näher beleuchtet werden, um anschließend rationale Entscheidungen in modernen, funktional differenzierten Gesellschaften zu betrachten.

Zu Beginn möchte ich die sozialtheoretische Verortung des Handlungsbegriffs anhand der Theorie von Max Weber darstellen. Darauf aufbauend werde ich einen ersten Entscheidungsbegriff anhand der Arbeiten von Alfred Schütz bestimmen. Im zentralen Teil der Arbeit betrachte ich rationales Entscheidungshandeln unter den Bedingungen einer funktional differenzierten Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht dabei welche gesellschaftsstrukturellen Dynamiken die Entscheidungsgesellschaft nach Uwe Schimank hervorgebracht hat und wie sich Komplexität und Rationalität von Entscheidungssituationen äußern. Einer Erläuterung der gesellschaftlichen Strukturdynamiken am Beispiel von Doping im Hochleistungssport folgt eine Auseinandersetzung mit ihren handlungsprägenden Faktoren. Die Arbeit orientiert sich dabei an der Theorie zur Entscheidungsgesellschaft von Uwe Schimank, die umfassend die Strukturdynamiken von Handlungen in den Blick nimmt und den Handlungsantrieb von Akteuren untersucht. Abschließend werde ich die Möglichkeiten und Grenzen rationalen Entscheidens im Spitzensport aus der Akteursperspektive heraus ausleuchten.

2. Entscheidungshandeln im soziologischen Kontext

2.1. Definition

In der soziologischen Theoriebildung werden Entscheidungen in den Handlungstheorien verortet. Dies lässt sich aus dem Verständnis ableiten, dass die Entscheidung der Handlung vorausgeht und eine Auswahl aus verschiedenen Handlungsmöglichkeiten beinhaltet. Mit dieser Problematik des Entscheidens haben sich in der Vergangenheit unter anderem Max Weber und besonders intensiv Alfred Schütz auseinandergesetzt. Alfred Schütz bezieht sich in seinen Ausführungen auf den Handlungsbegriff Max Webers und knüpft an diesen den von im entwickelten Entscheidungsbegriff an. (vgl. Wilz 2014: 94)

2.2. Max Webers Idealtypen sozialen Handelns

Max Weber begreift Soziologie als Wissenschaft, die menschliches Handeln, untersucht. Im Unterschied zum bloßen Verhalten, basiert Handeln auf dem „subjektiv gemeinten Sinn“ (Weber 1972: 1). Ein Verhalten ist demnach Handlung, wenn die Handelnden mit diesem einen Sinn verbinden. Sozial nennt er ein Handeln, wenn es sich auf das vergangene, gegenwärtige oder künftige Verhalten „anderer“[3] bezieht und an dessen Ablauf ausgerichtet wird. (ebd.) Nach Webers Auffassung ist menschliches Handeln hinsichtlich der zeitlichen Bezüglichkeit und Motivation des Handlungsablaufes, meist verständlich und erklärbar. Aufgabe der Soziologie als erklärender Wissenschaft ist es Webers Auffassung zufolge, sinnadäquate Beschreibungen für den subjektiv gemeinten Sinn des Handelns zu liefern. Dazu stehen die Mittel des rationalen oder einfühlsamen Erkennens zur Verfügung. Das rationale Erkennen ist nach Weber ein methodologisches Mittel, mit dessen Hilfe zweckrationale Handlungsverläufe von irrationalen, affektuellen Sinnzusammenhängen getrennt werden können. Anhand der „idealtypischen Konstruktion sozialen Handelns“ stellt Weber rationale Sinnzusammenhänge her und kommt damit dem „subjektiv gemeinten Sinn“ (Weber 1984: 39) auf die Spur.

Die vier Typen oder „Bestimmungsgründe sozialen Handelns“ (ebd.) werden von Weber im zweckrationalen, wertrationalen, affektuellen und traditionalen Handeln festgemacht. Zweckrationales Handeln definiert sich als Handeln für eigene Zwecke unter Benutzung von zu erwartendem Verhalten anderer Menschen oder Dinge. Wertrationales Handeln orientiert sich, unabhängig von Erfolgsaussichten, ausschließlich an den individuellen Werten. Emotional geführte Handlungen werden als affektuelles Handeln bezeichnet und gewohnheitsmäßig ausgeführte Handlungen werden traditional genannt. Mit Hilfe dieser „reinen Idealtypen“[4] erhält Weber die Möglichkeit, den „subjektiv gemeinten Sinn“ hervorzuheben. Es geht ihm also zunächst nicht darum, Handlung an sich zu analysieren, sondern den Gegenstand Handlung und damit deren Sinn zu verstehen[5].

2.3. Alfred Schütz' Wahl zwischen Handlungsentwürfen

Alfred Schütz nimmt eine phänomenologisch begründete Perspektive auf die Soziologie ein, wobei er mit seiner soziologischen Handlungstheorie in der Tradition Max Webers steht. Seine Prägung erhielt er durch die Werke von Bergson und Husserl. Er entwickelt seine Handlungstheorie anhand von Webers Begriff des sozialen Handelns. Nach Ansicht von Schütz bricht Weber mit seinen Analysen dort ab, wo eine weitere Differenzierung der Handlungs- und Sinnproblematik die verstehende Soziologie in eine tiefere Schicht führen würde. (Schütz 1974: 15)

Schütz Kritik an Weber richtet sich hauptsächlich auf die ungenügende Ausarbeitung des Begriffs der sozialen Handlung. Schütz selbst unterscheidet hier zwischen fünf Sinnschichten. Die erste Sinnschicht bildet das Handeln, welches sich auf Dinge bezieht und an sich schon sinnvoll ist. Der Übergang in die zweite Schicht vollzieht sich über das soziale Handeln, dessen gemeinter Sinn auf einen anderen, ein alter ego bezogen ist. Die dritte Schicht bezieht das Verhalten des oder der Anderen mit ein und die vierte auch die Orientierung am Verhalten des oder der Anderen. Die fünfte Sinnschicht konstituiert sich aus der Aufgabe der Soziologie dieses Verhalten zu verstehen. Weiterhin kritisiert Schütz, dass Weber nicht zwischen dem subjektiven und dem objektiven Sinnzusammenhang unterscheidet. Es sei keineswegs klar, dass der subjektiv gemeinte Sinn dem objektiv gedeutetem entsprechen müsse. (Schütz 1974: 36) Diese Ungenauigkeit lässt sich auch für das spezifische zweckrationale Handeln anführen, welches Weber als Modell für sinnhafte Konstruktionen gilt. Schütz argumentiert hier, dass auch alltägliche Verrichtungen in der Retrospektive mit Sinn verbunden werden können und damit die Unterscheidung zwischen sinnlosem Verhalten und sinnvollem Handeln nicht zutreffend ist.

Für eine Überarbeitung der Frage nach dem Sinn des Handelns ist es Schütz wichtig zunächst die zeitlichen Bezugspunkte klären. Dabei entlehnt er den Begriff der „dureé“ bei Henri Bergson, die eine ausschließlich individuell erlebte, zeitliche Abfolge von Bewusstseinsinhalten beschreibt. Diese Dauer konstituiert sich als ein nicht umkehrbarer Ablauf zwischen „dem Soebengewesenen und dem Jetzt-werdendem“ (Schütz 1974: 64), ein sich ständig im Fluss befindlicher Übergang des Erlebten. Um dieses Erlebte zu reflektieren wird ein sich Besinnen und Zurückwenden vorausgesetzt. Dieses rückblickende Erfassen der eigenen Dauer ist, nach Schütz, eine Voraussetzung von Handlung. Mit Hilfe der Erinnerung von und dem Rückgriff auf vergangene Erlebnisse wird dem Erlebten Sinn zugesprochen.

„Sinn ist […] die Bezeichnung einer bestimmten Blickrichtung auf ein eigenes Erlebnis […]. Sinn, der vorgeblich mit dem Handeln verbunden wird, ist nichts anderes als das besondere Wie dieser Zuwendung zum eigene Erlebnis, also das, was das Handeln erst konstituiert.“ (Schütz 1974: 54).

Für Schütz werden rationale Konstruktionen erst aufgrund dieser Erinnerbarkeit möglich. (vgl. Schütz 1971; Schütz 1974) Bei Weber dagegen fungiert der Rationalitätsbegriff bereits als Sinngebung.

Damit ist festzuhalten, dass jegliches Handeln nach einem vorgefassten Plan erfolgt und als Entwurf im Geiste des Einzelnen vorab konstruiert wird.

Das Problem des Entscheidens ergibt sich nach Schütz demzufolge aus der erfahrungsbasierten Auswahl zwischen mehreren Entwürfen, die vorab in der Phantasie des Akteurs als vollzogene Handlung gedacht wurden. Diese von ihm so genannten Entwürfe werden gedanklich auf der Basis der jeweiligen biografischen Situation, als Weil-Motive[6], hergestellt. Aus der individuellen biografischen Situation heraus werden die relevanten Sachverhalte für die Entscheidungssituation herausgelöst und begründen das „Weil“ der Handlung. Das „Um-zu-Motiv“ dient als Antrieb zum Vollzug des Entwurfs, der aus mehreren Teilhandlungen bestehen kann. Voraussetzung für die Erstellung eines Entwurfs ist allerdings zunächst eine problematische Möglichkeit[7], denn ein routinisiertes Alltagshandeln erfordert keinen Entwurf. Rationales Handeln hat dagegen ein „optimal explizites Handlungsziel“ (Schütz 1974:79). Der erste Schritt rationalen Handelns besteht in der Zielsetzung. Die Erreichung dessen wird durch Teilhandlungen ermöglicht. Diese Teilhandlungen setzten sich aus entworfenen (Teil-) Handlunsgzielen zusammen, die mit Hilfe eingesetzter „Mittel“[8] erreicht werden. Das heißt, der oder die Entwerfende handelt so, als ob das Handeln bereits in der Vergangenheit vollzogen wäre und in den aktuellen Erfahrungszusammenhang einbezogen wird. Damit stellt sich Handeln für Schütz als „entworfenes Verhalten“ dar. Um eine optimal rationale Wahl zu treffen, müssten, laut Schütz, verschiedene Techniken eingesetzt werden. Zunächst sollte das in der Vorerfahrung liegende, verfügbare Wissen zugänglich gemacht werden. Dann müsste die Wahrscheinlichkeit künftiger Ereignisse, besonders der Handlungsfolgen abzuschätzen sein. Und schließlich sollten die positiven und negativen Seiten der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bekannt sein. (Schütz 1974:104) Im Alltagshandeln der Akteure ist es nicht möglich vollständig über die zur Verfügung stehenden Elemente informiert zu sein und in diesem Sinne „perfekt“ rational zu handeln. Die Gründe hierfür liegen in der begrenzten Erkenntnisleistung bei der rückblickenden Beobachtung seiner Weil-Motive, die ja an die je eigene Dauer gebunden sind. Weiterhin ist die biografisch bestimmte Situation, die maßgeblich für die Auswahl der relevanten Elemente zur Handlungsentscheidung ist, auch an die durée gebunden und somit kontingent oder situationsgebunden bestimmt. (Schütz 1974:109)

3. Rationales Entscheidungshandeln in der funktional differenzierten Gesellschaft

3.1. Einführung

Uwe Schimank hat in seinem Werk „Die Entscheidungsgesellschaft“ die These vorgelegt, dass die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft ihren Mitgliedern keine andere Wahl lässt, als entscheidungsförmig zu handeln. Entscheidungen und im Speziellen rationale Entscheidungen, werden dem Individuum geradezu abverlangt, wenn man den „Auftrag der Moderne“ erfüllen soll. (Schimank 2014:75)

Verantwortlich für den hohen Stellenwert von Entscheidungen ist nach Schimank ein „Geflecht von Wirkungszusammenhängen“ (ebd.: 51), das seinen Ursprung in der funktionalen Differenzierung findet. Im Anschluss an Luhmanns Theorie der funktional spezialisierten Teilsysteme und Webers Ausdifferenzierung der „Wertsphären“ (ebd.: 53) sieht Schimank die Rationalisierung des Handelns in den vier Dimensionen: Zweckrationalität, theoretische Rationalität, formale Rationalität und Werterationalität als Institution der Moderne. Im Besonderen verweist er auf die Polykontexturalität aller gesellschaftlichen Ereignisse als Folge funktionaler Differenzierung.

Rationalisierung und funktionale Differenzierung bezeichnen für Schimank zwei Seiten desselben Vorgangs.

„Die Ausdifferenzierung funktional spezialisierter Teilsysteme mit je eigenen, selbstreferentiell geschlossenen binären Codes beruht auf einer Entfaltung von Wertrationalität; und diese ermöglicht innerhalb jedes Teilsystems eine Entfaltung von Zweckrationalität, die zusätzlich durch theoretische und formale Rationalität gestützt wird.“ (Schimank 2014: 57)

Das Eingebundensein in Routinen und Traditionen in vormodernen Gesellschaften wird von unzähligen Wahl- und Optionsmöglichkeiten eines individualisierten Lebensstils abgelöst. Als Ersatz für den Verlust von religiösen Sicherheiten setzt Schimank die Idee des Fortschritts. Damit wird die Gestaltung sämtlicher gesellschaftlicher Verhältnisse in die Verantwortung der gesellschaftlichen Akteure gegeben.

„Wenn gesellschaftliche Strukturen […] nicht nur als Resultat handelnden Zusammenwirkens deklariert werden, sondern damit darüber hinaus gemeint ist, dass diese Strukturen durch Handeln gezielt gestaltbar sind, dann bekommen rationale Entscheidungen über Strukturgestaltung einen gesamtgesellschaftlich prominenten Stellenwert.“ (Schimank 2014: 60)

Im Anschluss an Gross charakterisiert Schimank die moderne Gesellschaft als „Multioptionsgesellschaft“[9] (Schimank 2014: 67). Sie ist das Ergebnis kultureller Säkularisierung und gesellschaftlicher Durchorganisierung. Mit der ungeheuren Steigerung der Möglichkeiten des Handelns und Erlebens, haben alle auch mehr Optionen und damit mehr Entscheidungsalternativen. Es findet also eine „fortschreitende weltweite Inklusion in die Entscheidungsgesellschaft statt“ (Schimank 2014: 69). Auch die Individualisierung bringt weitere Entscheidungszumutungen hervor. Die beiden Bestandteile moderner Individualität, Einzigartigkeit und Selbstbestimmung der Person, lassen darauf schließen, dass die Lebensführung maßgeblich von eigenständig zu treffenden Entscheidungen bestimmt wird.

Der Auftrag der Moderne lautet „entscheidungsförmig und dabei möglichst rational zu handeln“ (Schimank 2014: 75). Er bezieht alle Ebenen und Bereiche der gesellschaftlichen Wirklichkeit ein und bedeutet einerseits das eigene Handeln entscheidungsförmig selbst bestimmen zu können aber andererseits dies auch zu wollen. „Der Mensch wird […] zur Wahl seiner Möglichkeiten, zum homo optionis.“ (Beck/Beck-Gernsheim zitiert nach Schimank 2014: 76) Hier wird der Konflikt sichtbar, der in der Fähigkeit zu zielorientiertem Handeln und damit rationalem Entscheiden und der begrenzten Umsetzung von Rationalität in komplexen Situationen besteht. Die „Multioptionsgesellschaft“ wird schnell zur „Überforderungsgesellschaft“ (Papcke nach Schimank 2014: 77).

3.2. Komplexität von Entscheidungen

Die Problematik des Entscheidens zeigt sich im Spannungsverhältnis von Komplexität und Rationalität. Je wichtiger und komplexer Probleme sind, um so schwerer ist eine eindeutig beste Entscheidung zu treffen. Die Komplexität von Entscheidungssituationen untersucht Schimank zunächst bezüglich ihrer Sach-, Sozial- und Zeitdimension.

Die Sozialdimension von Entscheidungen basiert auf dem handelnden Zusammenwirken von Akteuren. Dabei gibt es unterschiedliche Interdependenzkonstellationen des - gewollten oder ungewollten - Einwirkens von Anderen auf das Entscheidungshandeln des Einzelnen. Hinzu kommen noch die Neben- und Fernwirkungen des eigenen Handelns. Da das Ziel des eigenen Handelns maßgeblich vom Handeln der Anderen abhängt und man nicht weiß, was die Anderen tun werden, erhöht sich die Erwartungsunsicherheit. Die Komplexität der Situation erhöht sich aber ebenso, wenn zwar die Ziele, aber nicht die Mittel zur Durchführung bekannt sind. Auch eine Konfliktsituation im Sinne einer Behinderung bei der Zielverfolgung erhöht die Komplexität in der Sozialdimension. Interdependenzen zwischen Akteuren werden von Schimank als „Schicksals-“ oder „Verhaltenskontrolle“ charakterisiert, wobei die erste eine völlige Ergebenheit in die Handlungsautorität anderer meint. Zu einem Entscheidungshandeln wird sich ein Akteur daher erst entschließen, wenn genügend Verhaltenskontrolle seinerseits vorliegt und er nicht völlig dem Handeln anderer ausgeliefert ist.

Schimank nimmt nun eine Unterscheidung dieses Interdependenzproblems auf Konflikthaftigkeit vor. Er differenziert zwischen Koordinations- und Konfliktspielen, wobei eine zu bewältigende, mangelnde Erwartungssicherheit dem Koordinationsspiel entspricht, während eine zu bewältigende Konfliktsituation dem Konfliktspiel zugerechnet wird. Eine mittlere Konfliktintensität bilden die „mixed motive games“ ab, die Situationen mangelnder Erwartungssicherheit aufnehmen, in denen gleichzeitig Interessenkonflikte zwischen den Akteuren bestehen.

Daneben gibt es unterschiedliche Konstellationstypen, mit denen Akteure konfrontiert werden. Die Verhandlungskonstellation wird durch bindende Vereinbarungen erzeugt, die nicht nur mangelnde Erwartungssicherheit beseitigen, sondern auch Konflikte regeln. Nachteile sind in der geringen Flexibilität und hohem Kommunikations- und Zeitaufwand zu sehen. In einer Beeinflussungskonstellation wird durch Macht, Überzeugung, Appelle etc. Einfluss genommen. Der Aufwand hierfür ist geringer, allerdings auch die Verbindlichkeit. Die Beobachtungskonstellation setzt auf Entscheidung durch wechselseitige Beobachtung, und reagiert damit auf den jeweiligen Moment der Konstellation. Würde man nun beide analytischen Stränge verbinden, so würde man neun verschieden Typen von Interdependenzproblemen erhalten, wie z. B. Konfliktspiele als Beobachtungs-, Beeinflussungs- oder Verhaltenskonstellation. Ein weiterer komplexitätserhöhender Faktor ist die Globalisierung der Teilsysteme, die die Individuen durch ihre unterschiedlichen Inklusionsbezüge immer öfter mit Fremdheitserfahrungen konfrontiert. Daraus können ebenfalls Erwartungsunsicherheiten und Konflikte hervorgehen.

Schimank kommt nun zu den Ursachen der sozialen Komplexität. Zu den universellen Ursachen zählt er „Weltoffenheit“ als Bewusstmachung situativer Kontingenz und das Infragestellen sozialer Normen sowie Fremdheitserfahrungen, die dazu führen, dass der Einzelne in seinem handelnden Zusammenwirken mit anderen verunsichert wird. Eine weitere Ursache ist die nutzenorientierte Zielverfolgung der Akteure. Hier wird „die Konformität mit institutionalisierten Normen danach kalkuliert wie die Kosten/Nutzen-Bilanz bezüglich des jeweiligen Zieles ausfällt“ (Schimank 2014: 95). Sich zu entscheiden bedeutet also sich über Normen hinwegzusetzen und das Bewusstsein darüber zu haben, dass das Gegenüber genauso handeln könnte. Für den Akteur geht damit Erwartungssicherheit verloren, gleichzeitig bekommt sein Handeln einen strategischen Charakter.

Zu den universellen Ursachen der Konflikte zählt Schimank inkompatible reflexive Interessen der Akteure, das heißt die Durchsetzungen individueller Interessen stehen sich entgegen. Weitere Ursachen sind inkompatible Normvorstellungen und Identitäten der Akteure, die meist auf kulturellen Unterschieden beruhen.

Als spezifisch moderne Ursachen, die sich für Schimank aus der funktionalen Differenzierung der Gesellschaft ergeben, nennt er zunächst den „Orientierungsdissens zwischen Akteuren aus verschiedenen gesellschaftlichen Teilsystemen“ (Schimank 2014:96f). Probleme, die in mehreren Teilsystemen der Gesellschaft angesiedelt sind, müssen auch unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden. Dies kann zu Konflikten über die Bedeutung der einzelnen Entscheidungskriterien führen und damit zu Verteilungs- und Koordinationskonflikten[10]. Weitere Entscheidungskonflikte sind nach Schimank im Anspruchsindividualismus begründet. Hier wird der Selbstverwirklichungsdrang als Antreiber für immer größere Ansprüche an die Leistungsproduktion der Gesellschaft angeführt.

Nach der Darstellung von Komplexitätserhöhung in der Sozialdimension, wird nun die Sachdimension untersucht. Hier ist vor allem der Informationsgehalt für die Entscheidungssituation von Belang. Zunächst führt Schimank an, dass die menschliche Informationsverarbeitungskapazität begrenzt ist und die zur Verfügung stehenden und ermittelten Informationen in ihren Zusammenhängen derart komplex sein können, dass ein Akteur mit einer Entscheidung überfordert ist.

Zu den universellen Ursachen sachlicher Komplexität zählt Schimank die generelle biologisch determinierte Begrenztheit menschlicher Aufnahmekapazität, sowie ihre Abarbeitung nach seriellen Mustern. Diese zeitintensive Vorgehensweise des menschlichen Gehirns führt dazu, dass die ohnehin schon ungeheure Menge an Informationen nicht schnell genug verarbeitet werden kann. Als spezifisch moderne Ursache kann in der funktional differenzierten Gesellschaft die Informationsexplosion bezeichnet werden. Mit steigenden Rationalitätsansprüchen spielen Informationen eine immer größere Rolle bei der Entscheidungsfindung. Gleichzeitig kann das bereitgestellte Wissen aber nicht mehr verarbeitet werden. Diese Informationsdichte führt aber nicht zu einer Spezialisierung von Wissen, im Sinne einer Begrenzung von Wissen, sondern ermöglicht erst ein Forschen in die Tiefe. Dabei bringen teilsystemische Überschreitungen der Zusammenhänge von Wissen die Akteure an ihre Grenzen.

Als dritte Bestimmung von Komplexität nennt Schimank die Zeitknappheit. Zu viele und zu dringliche Probleme erfordern eine schnelle Abarbeitung um Nachteile oder negative Folgen des Entscheidens zu vermeiden. Die Sterblichkeit der Menschen ist dabei eine universelle Ursache, ebenso das aus zeitlichen Gründen fortbestehende Informationsdefizit. Die zeitliche Knappheit sorgt für eine nicht unbegrenzt lange Erwartungssicherheit und ebenso für die zeitliche Begrenzung von Konflikten. „Hätte man unendlich viel Zeit, wäre die Welt auch sachlich und sozial nicht komplex.“ (Schimank 2014: 109) Damit wäre nach Schimank die Hauptursache für die Komplexität von Entscheidungen in der Zeitdimension zu suchen.

Zu den spezifisch modernen Ursachen der Zeitknappheit zählt die Steigerung der Möglichkeiten des Handelns und Erlebens, die sich in der These von der „Multioptionsgesellschaft“ zeigt. Auf der gesellschaftlichen Ebene erzeugen die einzelnen Teilsysteme gegenseitig Fristen, innerhalb derer Entscheidungen getroffen werden müssen. Somit gilt erst recht in der funktional differenzierten Gesellschaft, dass Zeitknappheit sachliche und soziale Komplexität befördert. Insgesamt werden Entscheidungssituationen immer komplexer, aber Ansprüche an entscheidungsförmiges und rationales Handeln werden immer größer. „Rationalitätsanspruch und Problemkomplexität prallen aufeinander – je höher die Komplexität, um so härter.“ (Schimank 2004: 5) Dieser Kluft zwischen Sollen und Können versucht Schimank mit den Anforderungen an eine perfekt rationale Entscheidung näherzukommen.

3.3. Rationalitätsansprüche von Entscheidungen

Perfekt rationales Entscheiden wird von Schimank einer Komponentenanalyse unterzogen. Daraus gehen sechs Elemente hervor: Problemdiagnose, Kriterienformulierung, Alternativensuche, Alternativenbewertung und -auswahl, Implementation und Evaluation.

Mit dem ersten Schritt der Problemdiagnose erkennt der Akteur zunächst, dass er vor einem Entscheidungsproblem steht. Er oder sie macht sich gleichzeitig klar, wie das Problem beschaffen ist und versucht daraus ein umfassendes Bild der Situation mit allen relevanten Aspekten zu schaffen. Danach, oder auch parallel zur Problemdiagnose, folgt die Kriterienformulierung zur zielorientierten Bearbeitung der Entscheidung. Die Kriterien müssen dabei identifiziert und in eine prioritäre Rangordnung gebracht werden. Im Anschluss können Alternativen für die Entscheidung gesucht werden. Meistens gibt es mehr als eine Möglichkeit mit einem Problem umzugehen, wobei auch ein Nicht-Handeln im Sinne von nichts tun und abwarten ebenso dazugehört.

Im nächsten Teilschritt werden die ermittelten Alternativen detailliert betrachtet. Erst in der anschaulichen Betrachtung der Entscheidungsalternativen kann eine Bewertung erfolgen. Eine perfekt rationale Entscheidung zeichnet sich dadurch aus, dass die aufgefundenen Möglichkeiten zur angemessenen Bearbeitung des Problems vollständig sind und im Hinblick auf das Ziel ausgearbeitet werden. Perfekte Rationalität verlangt ein „lückenloses Skript“ des Vorgehens.

Im nächsten Schritt werden die Alternativen bewertet indem sie auf ihre Eignung zur Bearbeitung des Problems geprüft werden. Dabei verlangt eine perfekt rationale Entscheidung die Prüfung und Bewertung sämtlicher geeigneter Alternativen auch im Hinblick auf ihre langfristigen Auswirkungen.

Ist nun eine Auswahl getroffen worden, wird die Entscheidung implementiert. Mit dem Entschluss eine Alternative in die Tat umzusetzen wird der Akteur mit den tatsächlich vorfindbaren Bedingungen seiner Entscheidung konfrontiert. Dabei muss er, um perfekt rational zu entscheiden auch Hindernisse und Komplikationen zielorientiert meistern und sich von anderen möglichen Alternativen nicht beirren lassen.

Zuletzt unterzieht der Akteur das Ergebnis seiner Implementation – Zielerreichung, Einhaltung der Randbedingungen, Vermeidung negativer Nebenwirkungen – einer Gesamtbewertung und kann, unter Umständen ein neues Entscheidungsproblem produzieren. Damit macht Schimank auch die „Unaufhörlichkeit des Entscheidens“ klar, denn nicht jedes Problem wird ohne Umschweife oder negative und nicht bedachte Nebenwirkungen zuverlässig gelöst.

Perfekt rationales Entscheiden bedeutet in sachlicher Hinsicht eine vollständigen Zusammenstellung der Informationen, in zeitlicher Hinsicht eine vollständige Verarbeitung derselben und die Anordnung ihrer Kriterien und in sozialer Hinsicht die Einordnung sämtlicher Perspektiven aller Entscheidungsbeteiligten in eine allgemein anerkannte Rangordnung. Diese Vorgehensweise ist aus Erfahrung nicht alltagstauglich und die Gründe dafür werden anhand von Rationalitätsbeschränkungen im Folgenden dargestellt.

Analog zu den oben angeführten Anforderungen an perfekt rationale Entscheidungen gibt Schimank nun die Beschränkungen des rationalen Entscheidens an. Diese sind, wie bereits oben dargestellt, auf die hohe Komplexität der Entscheidungssituationen zurückzuführen.

In der Phase der Problemformulierung werden Akteure meist erst durch krisenhafte Situationen auf einen Handlungsbedarf aufmerksam. Zuvor versuchen sie so lange wie möglich Entscheidungsprobleme zurückzuhalten oder zu übergehen. Wird die entscheidungsförmige Bearbeitung des Problems unaufschiebbar, setzt ein spezifisch moderner Entscheidungsdruck ein, der meist soziale und zeitliche Ursachen hat. Nun kann es passieren, dass dieser Problemdruck als so hoch eingeschätzt wird, dass der Akteur bereits vorzeitig resigniert. Entschließt sich der Akteur dennoch das Problem anzugehen, so wird er in der Regel eine nur selektive Problemwahrnehmung entwickeln, da für eine vollständige Informationserfassung meist sachliche, zeitliche oder soziale Beschränkungen vorgebracht werden.

In der Phase der Kriterienformulierung werden, laut Schimank, wichtige Kriterien entweder vergessen, falsch eingeschätzt oder aufgrund der Masse an wichtigen Kriterien ignoriert. Neben dieser Unvollständigkeit trägt auch die Unmöglichkeit eine eindeutige, sinnvolle Rangfolge der Kriterien aufzustellen zu den Rationalitätsbeschränkungen bei.

Bei der anschließenden Alternativensuche werden, aus Zeitgründen, nicht alle geeigneten Möglichkeiten zur Problembearbeitung gefunden. Vielmehr greifen die Akteure nach der nächsten, mit dem Problem und den Entscheidungsbeteiligten kausal verknüpften Alternative. Langzeiteffekte und Nebenfolgen werden dabei eher vernachlässigt.

[...]


[1] Rational wird hier im Sinne T. Parsons verstanden: „Eine Handlung ist rational, wenn sie Ziele verfolgt, die innerhalb der Bedingungen der Situation möglich sind, und wenn die Mittel, welche dem Handelnden zur Verfügung stehen sich wesentlich am besten für den Zweck eignen, und dies aus Gründen, die durch die positive empirische Wissenschaft verständlich und verifizierbar sind.“ (Talcott Parsons, zitiert nach Schütz 1974: 22)

[2] Lateinisch für schneller, höher, stärker; ist das heutige Motto der Olympischen Spiele

[3] Mit den „anderen“ meint Weber alle möglichen und denkbaren Interaktionspartner (Weber 1984)

[4] Der reine Idealtypus ist ein für soziologische Zwecke geschaffener, begrifflich reiner Typus, der empirische Sachverhalte verdeutlichen soll. In der Realität kommt reales Handeln eher in Mischformen oder Annäherungen vor. (Weber 1984)

[5] „'Verstehen' heißt in all diesen Fällen: deutende Erfassung: a) des im Einzelfall real gemeinten (bei historischer Betrachtung) oder b) des durchschnittlich und annäherungsweise gemeinten (bei soziologischer Massenbetrachtung) oder c) des für den reinen Typus (Idealtypus) einer häufigen Erscheinung wissenschaftlich zu konstruierenden („idealtypischen“) Sinnes oder Sinnzusammenhangs.“ (Weber 1984:25)

[6] Unter Motiven versteht Schütz eine Handlungsbegründung, die der Akteur nur durch Reflektion seiner Handlungen in der Vergangenheit rekonstruiert. Indem er somit zum Beobachter seiner eigenen Handlung wird, kann er die Motive seines Handelns erfassen. (Schütz 1974:82)

[7] Unter „problematischer Möglichkeit“ versteht Schütz die Umwandlung der „offenen Möglichkeiten“ der heutigen sozialen Umwelt in ein geschlossenes Feld, in welchem erst eine rationale Wahl und Entscheidung möglich werden. (Schütz 1974:96)

[8] Unter „Mittel“ versteht Schütz eine Reihe genannter Fakten (Schütz 1974:80)

[9] Vgl. auch Abels, Heinz (2000): Sich dem „Mehrgott“ verweigern – zu Peter Gross' „Multioptionsgesellschaft“, Studienbrief Fernuniversität Hagen, S. 88-105

[10] Verteilungskonflikte ergeben sich aus der Unfähigkeit der jeweiligen Teilsysteme mit begrenzten Ressourcen maßvoll zu agieren. Jedes System sieht seine eigenen Erfordernisse im Mittelpunkt. Koordinationskonflikte entstehen, wenn Akteure aus der Logik ihres jeweiligen Teilsystems handeln und dies zu Problemen in anderen Funktionssystemen führt. (vgl. Schimank 2014)

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Möglichkeiten und Grenzen rationaler Entscheidungen am Beispiel von Doping im Hochleistungssport
Hochschule
FernUniversität Hagen
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
26
Katalognummer
V415966
ISBN (eBook)
9783668657557
ISBN (Buch)
9783668657564
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entscheidungen, Doping, Max Weber, Alfred Schütz, rationales Entsheidungshandeln, Webers Idealtypen, strukturelle Dynamiken
Arbeit zitieren
Karla Weiler (Autor), 2016, Möglichkeiten und Grenzen rationaler Entscheidungen am Beispiel von Doping im Hochleistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/415966

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