Man kann die wissenschaftliche Tätigkeit abgrenzen vom Nachdenken über die Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft. Diese und andere Aspekte der Wissenschaft sind Gegenstand der philosophischen Disziplin der Wissenschaftstheorie. Im Allgemeinen werden viele Menschen erkenntnistheoretisch das der Alltagserfahrung entsprechende „So-Sein“ der Dinge und die im Laufe der Sozialisation erworbenen Auffassungen darüber was Wissenschaftlichkeit ausmacht nicht hinterfragen. Dabei können Wissenschaftler und Wissenschaftsinteressierte davon profitieren, wenn sie sich über die eigene wissenschaftstheoretische Positionen Klarheit verschaffen. Die Bestimmung der eigenen Position kann zu einem besseren Verständnis der wissenschaftlichen Tätigkeit bzw. der eigenen wissenschaftlichen Präferenzen beitragen.
Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit verschiedenen Wissenschaftsauffassungen helfen die Hintergründe verschiedener Argumente in Debatten zu konkreten Forschungsthemen zu verstehen. Die verschiedenen Positionen die im Wissenschaftsbetrieb nebeneinander existieren sind miteinander nicht kompatibel, daher kommt es immer wieder zu Debatten über das Wesen guter Wissenschaft. So kam es in den 90er Jahren in den USA zu den sogenannten „Science Wars“. In der Debatte stritten sich Postmodernisten und Realisten darüber welche Bedeutung Konzepte wie Logik, Wissenschaftliche Methode und die Existenz von wissenschaftlichem Wissen in der Forschung zukommt.
Derzeit gibt es auch wieder eine Kontroverse bei der es um verschiedene Wissenschatsauffassungen geht, so fordert der Sozialpsychologe Jonathan Haidt Universitäten dazu auf sich entweder für Wahrheitssuche oder Soziale Gerechtigkeit als Ziel zu entscheiden, beide Ziele verfolgen zu wollen führe unweigerlich zu Konflikten zwischen diesen.Vor diesem Hintergrund soll diese Arbeit die dahinter stehenden Wissenschaftsauffassungen der empirische-analytischer Theorieansätze und der Kritischen Theorie gegenüber der Wissenschaft beleuchten.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Empirisch-analytische Theorieansätze
2.1 Klassischer Empirismus und Positivismus
2.2 Kritischer Rationalismus
2.3 Merkmale des empirisch-analytischen Theorieansatzes
2.4 Kritik an empirisch-analytischen Theorieansätzen
3 Kritische Theorie
3.1 Ursprünge der Kritischen Theorie
3.2 Das Paradigma der Kritischen Theorie
3.3 Wissenschaft aus Sicht der Kritischen Theorie
3.4 Kritik der Kritischen Theorie
3.5 Forschung unter dem Paradigma der Kritischen Theorie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit beleuchtet die grundlegenden Unterschiede zwischen den Wissenschaftsauffassungen der empirisch-analytischen Tradition und der Kritischen Theorie, um ein besseres Verständnis für die divergierenden Ziele und methodischen Herangehensweisen in der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung zu schaffen.
- Grundlagen des Empirismus und Positivismus
- Kritischer Rationalismus nach Karl Popper
- Historische Entwicklung und Paradigma der Kritischen Theorie
- Wissenschaftsverständnis und Emanzipationsanspruch
- Methodische Auswirkungen auf den Forschungsprozess
Auszug aus dem Buch
3.1 Ursprünge der Kritischen Theorie
Wissenschaftstheorie ist für kritische Wissenschaftstheoretiker nicht zu trennen von der Gesellschaftslehre welche von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1885) entwickelt wurde (Kriz, J., Lück, H., & Heidbrink, H., 1990). Im Jahrhundert fand in Europa ein starkes Bevölkerungswachstum statt und viele Landbewohner zogen in die Städte wo in Folge der Industriellen Revolution neue Arbeitsmöglichkeiten entstanden. Trotz harter Arbeit lebten viele dieser Arbeiter und ihre Familien in äußerst prekären Verhältnissen während die Eigentümer der Produktionsmittel in dem System das keine Arbeitnehmerrechte kannte gute Gewinne machten.
Dem stellte Marxismus die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft gegenüber, zur Durchsetzung der sozialistischen Ziele sollten nach Marx und Engels zunächst die Bourgeoisie entmachtet werden und das Proletariat die Herrschaft übernehmen (Marx, K., & Engels, F., 1848/1953). Laut Marxistischer Theorie sollte der Umsturz des Kapitalistischen Systems von den hochindustrialisierten Regionen westeuropäischer Staaten ausgehen. Stattdessen führten Aufstände aufgrund von Not und Unzufriedenheit mit dem Ersten Weltkrieges im eher agrarisch geprägten Russland 1917 zunächst zur Ende der Zarenherrschaft und dann mit der Oktoberrevolution zur Errichtung der kommunistischen Sowjetunion.
Die kommunistische Revolution schwappte nicht auf den Westen über wie es nach der orthodoxen marxistischen Theorie von Marxisten erwartet wurde. Marxisten im Westen beobachteten aber aufmerksam die Entwicklungen in Russland während sie weiter von einem Umsturz des Kapitalismus im Westen durch die Arbeiterklasse träumten. Aus einem marxistischen Studienzirkel ging 1923 durch Stiftung des wohlhabenden Getreidehändlers Hermann Weil auf Anregung seines Sohnes Felix Weil das Frankfurter Institut für Sozialforschung hervor. Das Zentrum befasste sich in den ersten Jahren noch mit klassischen ökonomischen Fragen zum Marxismus (Bronner, 2011, S.9).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die wissenschaftstheoretischen Grundlagen ein und thematisiert die Kontroversen zwischen verschiedenen Wissenschaftsauffassungen, wie sie beispielsweise in den Science Wars oder aktuellen Debatten an Universitäten auftreten.
2 Empirisch-analytische Theorieansätze: Dieses Kapitel erläutert die historischen Wurzeln im Empirismus und Positivismus, stellt den Kritischen Rationalismus dar und definiert die methodischen Merkmale sowie die Bedeutung der Wertfreiheit für dieses Paradigma.
3 Kritische Theorie: Hier werden die Ursprünge der Frankfurter Schule, ihr Paradigma und ihr spezifisches Wissenschaftsverständnis erörtert, gefolgt von einer kritischen Reflexion ihrer Methoden und der Anwendung in der heutigen Forschung.
Schlüsselwörter
Wissenschaftstheorie, Empirisch-analytische Forschung, Kritische Theorie, Positivismus, Kritischer Rationalismus, Wertfreiheit, Emanzipation, Frankfurter Schule, Wissenschaftlichkeit, Ideologiekritik, Methodologie, Identitätspolitik, Erkenntnisziel, Marxismus, Intersektionalität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem grundlegenden Dualismus zwischen der empirisch-analytischen Wissenschaftstheorie und der Kritischen Theorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen, der Umgang mit Objektivität, das Ziel der Wissenschaft (Erkenntnisgewinn vs. Emanzipation) und die methodische Umsetzung in den Sozialwissenschaften.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die hinter den unterschiedlichen Forschungsansätzen stehenden Wissenschaftsauffassungen zu beleuchten und deren Einfluss auf den modernen Wissenschaftsbetrieb zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär untersucht?
Es werden sowohl die quantitativen Methoden des empirisch-analytischen Ansatzes als auch die historisch-ideologiekritische Analyse der Kritischen Theorie gegenübergestellt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der empirisch-analytischen Ansätze, inklusive des Kritischen Rationalismus, und eine ausführliche Analyse der Kritischen Theorie, ihrer Entstehung und Kritik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind unter anderem Wissenschaftstheorie, Positivismus, Emanzipation, Wertfreiheit, Frankfurter Schule und Ideologiekritik.
Wie unterscheidet sich das Erkenntnisziel der Kritischen Theorie von dem der analytischen Tradition?
Während die analytische Tradition auf Objektivität und Problemlösung abzielt, strebt die Kritische Theorie nach der Analyse gesellschaftlicher Totalzusammenhänge, um soziale Emanzipation zu erreichen.
Warum wird die Kritische Theorie von Kritikern oft als problematisch eingestuft?
Kritiker bemängeln die Verletzung des Wertfreiheitsgebots, die fehlende Offenheit für Kritik und die Gefahr, dass die Wissenschaft als Instrument für politische Agenden missbraucht wird.
- Arbeit zitieren
- Maximilian Villert (Autor:in), 2017, Der Dualismus zwischen Fakten und Werten. Die Wissenschaftbilder des analytischen Empirismus und der Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416021