Der Dualismus zwischen Fakten und Werten. Die Wissenschaftbilder des analytischen Empirismus und der Kritischen Theorie


Seminararbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Empirisch-analytische Theorieansätze
2.1 Klassischer Empirismus und Positivismus
2.2 Kritischer Rationalismus
2.3 Merkmale des empirisch-analytischen Theorieansatzes
2.4 Kritik an empirisch-analytischen Theorieansätzen

3 Kritische Theorie
3.1 Ursprünge der Kritischen Theorie
3.2 Das Paradigma der Kritischen Theorie
3.3 Wissenschaft aus Sicht der Kritischen Theorie
3.4 Kritik der Kritischen Theorie
3.5 Forschung unter dem Paradigma der Kritischen Theorie

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Man kann die wissenschaftliche Tätigkeit abgrenzen vom Nachdenken über die Voraussetzungen, Methoden und Zielen von Wissenschaft. Diese und andere Aspekte der Wissenschaft sind Gegenstand der philosophischen Disziplin der Wissenschaftstheorie. Im Allgemeinen werden viele Menschen erkenntnistheoretisch das der Alltagserfahrung entsprechende „So-Sein“ der Dinge und die im Laufe der Sozialisation erworbenen Auffassungen darüber was Wissenschaftlichkeit ausmacht nicht hinterfragen. Dabei können Wissenschaftler und Wissenschaftsinteressierte davon profitieren, wenn sie sich über die eigene wissenschaftstheoretische Positionen Klarheit verschaffen. Die Bestimmung der eigenen Position kann zu einem besseren Verständnis der wissenschaftlichen Tätigkeit bzw. der eigenen wissenschaftlichen Präferenzen beitragen.

Darüber hinaus kann die Auseinandersetzung mit verschiedenen Wissenschaftsauffassungen helfen die Hintergründe verschiedener Argumente in Debatten zu konkreten Forschungsthemen zu verstehen. Die verschiedenen Positionen die im Wissenschaftsbetrieb nebeneinander existieren sind miteinander nicht kompatibel, daher kommt es immer wieder zu Debatten über das Wesen guter Wissenschaft. So kam es in den 90er Jahren in den USA zu den sogenannten „Science Wars“ (Ross, 1996). In der Debatte stritten sich Postmodernisten und Realisten darüber welche Bedeutung Konzepte wie Logik, Wissenschaftliche Methode und die Existenz von wissenschaftlichem Wissen in der Forschung zukommt.

Derzeit gibt es auch wieder eine Kontroverse bei der es um verschiedene Wissenschatsauffassungen geht, so fordert der Sozialpsychologe Jonathan Haidt Universitäten dazu auf sich entweder für Wahrheitssuche oder Soziale Gerechtigkeit als Ziel zu entscheiden, beide Ziele verfolgen zu wollen führe unweigerlich zu Konflikten zwischen diesen (Haidt, 2016).Vor diesem Hintergrund soll die vorliegenden Arbeit die dahinter stehenden Wissenschaftsauffassungen der empirische-analytischer Theorieansätze und der Kritischen Theorie gegenüber der Wissenschaft beleuchten.

2 Empirisch-analytische Theorieansätze

Wer von Wissenschaftlichkeit spricht nimmt damit meist Bezug auf die analytisch-empirische Wissenschaftstheorie (Breuer, 1991). Diese erfüllt die Forderung nach Objektivität welche viele Menschen an die Wissenschaft stellen, darüber hinaus verbindet man damit auch weitere Konzepte der westlichen Wissenschaftstradition wie die wissenschaftliche Methode, die Bedeutung der Empirie und die Existenz wissenschaftlichen Wissen.

2.1 Klassischer Empirismus und Positivismus

Die moderne empirisch-analytische Wissenschaftsauffassung lässt sich historisch auf den Klassischen Empirismus bzw. Positivismus zurückverfolgen. Wichtige Vertreter des frühen Empirismus waren die englischen Aufklärer John Locke (1632 – 1704) und David Hume (1711 – 1776).

Mit Empirismus wird die Auffassung bezeichnet, dass Sinneswahrnehmungen die grundlegende Quelle von Konzepten und Wissen darstellen. Die Auffassung des Empirismus wird dabei oft mit dem Rationalismus kontrastiert dessen Stärken in der Mathematik liegt, da es hier so scheint als würde die Vernunft und nicht die Erfahrung die Grundlage des Wissens darstellt. Für die Erfahrungswissenschaften wie die Sozialwissenschaften oder Naturwissenschaften sind allerdings die Fragen des Empirismus von zentraler Bedeutung.

John Locke formulierte als erster die Vorstellung, dass nichts im Geist ist was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist. Wie spätere Empiristen sah er die Sinneseindrücke nicht naiv als reines Abbild der Wirklichkeit, er nahm den Menschen vielmehr als von der Wirklichkeit abgeschnitten wahr (Locke, 1689 /2016). Dennoch befassten sich die Empiristen mit der Frage wie Konzepte mit Erfahrung zusammenhängen müssen damit legitime Aussagen über sie möglich sind. Für den Empiristen Hume kann jemand der nach einem Nachweis für die Behauptung der kausalen Wirkung von A auf B gefragt wird nur das Argument anführen, dass A und B in der Vergangenheit regelmäßig in Verbindung standen und es daher auch in Zukunft tun werden. Für Hume war die „Uniformität der Natur“ wie ein Gesetz. Demnach nutze der Mensch darauf basierend gewohnheitsbasiert intuitive Wahrnehmung und Erwartungen, dies ermögliche dem Menschen erst sich im Alltag zurechtzufinden ohne andauernd auf die Vernunft angewiesen zu sein (Hume, 1978, "Treatise of Human Nature", 1739/40).

Auf dem Empirismus beruhend lässt das Forschungsparadigma des Positivismus als Quelle der menschlichen Erkenntnis nur die direkte Beobachtung durch die Sinne oder durch nachvollziehbare Datengewinnung gewonnene Tatsachen gelten. Der Begriff „Positivismus“ wurde vom Franzosen Auguste Comte (1798 bis 1857) eingeführt („Rede über den Geist des Positivismus“ ,1844). Sicherheit über die Richtigkeit von Theorien glauben Positivsten dadurch gewinnen zu können indem sie nur Beobachtung zulassen und spekulative Annahmen nicht in die Theoriebildung einfließen lassen. Logischen und mathematischen Urteile werden dabei auch als Erfahrungsurteile aufgefasst. Solange es auf empirischer Grundlage geschieht und Gesetzmäßigkeiten erforscht werden können Positivisten in ihrer Forschung auch nicht Beobachtbares wie die Atomhypothese zurückgreifen. Insbesondere metaphysischen, okkulten nicht prüfbare Vorstellungen sollten dagegen keine Rolle in der Wissenschaft spielen. Die Position wendet sich also auch gegen einen Einfluss der Religion auf die Wissenschaft und stand von Beginn an dem Humanismus nahe.

Die Wissenschaftliche Position des Positivismus vertritt einen ontologischen Realismus, also der intuitiven Auffassung, dass es eine vom Beobachter unabhängige Realität gibt. Dabei erlaubt der Realismus, dass Dinge nicht so sein müssen wie sie zunächst scheinen, etwa wenn am Nachthimmel Sterne kleiner wirken als der Mond. Im Gegensatz zum Realismus steht der Idealismus, dieser wurde etwa von George Berkeley (1685-1753) vertreten der seine philosophische Position mit „Sein ist Wahrgenommen-werden“ („esse est percipi“) auf den Punkt gebracht hat. Dinge würden demnach nur existieren solange sie wahrgenommen werden. Realistische Positionen lassen sich dahingehend unterscheiden inwieweit sie Regeln für den Forschungsprozess aufstellen und auch inwieweit sie es für möglich halten, dass Forschung zu objektiven und gültigen Aussagen über die Wirklichkeit gelangen kann.

Der Positivismus stellt dabei die oben genannte Regel der Empirie auf und geht davon aus, dass Forschung dazu in der Lage ist durch die Analyse von Daten über Generalisierung und Abstraktionen Gesetzmäßigkeiten - im Idealfall „Naturgesetze“- ableiten zu können (Breuer, 1991). Die nicht zu leugnenden Erfolge von in der Tradition der Positivisten arbeitenden Forschern bei der Erklärung von Phänomenen und der Lösung von Problemen sind wohl der Grund für die nachhaltige Wirkung dieser wissenschaftstheoretischen Position. Nach Breuer (1991) können viele empirisch arbeitende Psychologen, wenn sie sich nicht intensiver mit Wissenschaftstheorie befasst haben, als „Naive Empiristen“ bezeichnet werden.

Seit den Anfängen gaben die Naturwissenschaften für den Positivismus das Ideal ab. Der Fokus auf Fakten und die Hochschätzung der experimentellen Methode sind wichtige Elemente des Positivismus. Doch wurde auch die Einheit der Wissenschaften betont. So war schon bei frühen Vertretern des Positivismus auch der Wunsch vorhanden menschliches Verhalten und die Gesellschaft durch allgemeine und eindeutige Formeln beschreiben zu können. So gilt der Positivist Comte der sich hauptsächlich mit Geschichts-und Sozialtheorie befasste als der Begründer der Soziologie, er postulierte etwa das „Drei-Stadien-Gesetz“: die Entwicklung der Menschheit verläuft demnach vom theologischen Zustand über den metaphysischen Zustand zum positivistischen bzw. wissenschaftlichen Zustand (Breuer, 1991). Nach Comte gilt das Gesetz für die Entwicklung der Menschheit aber auch von Individuen und Wissenschaftsdisziplinen. Die Erfolge welche die Wissenschaft zur damaligen Zeit bei der Erklärung der Natur machte waren wohl der Grund für die positive Einstellung der Positivisten die wie selbstverständlich vom wissenschaftlichen Fortschritt ausgingen.

Weiterentwickelt wurde die Wissenschaftstheoretische Position dann unter anderem vom englischen Positivisten Jon Stuart Mill (1806 -1873) und dem Österreicher Ernst Mach (1838-1916). Mill befasste sich etwa mit der Gültigkeit von Aussagen über die Zusammenhänge von erfahrungsbasierten Konzepten. Der versierte Physiker Ernst Mach mit dem Thema wie sich letztlich alle erfahrungsbasierte Erkenntnis auf die Sinnesphysik zurückführen lässt. Im 20. Jahrhundert setzten die Mitglieder des Wiener Kreises die Tradition des älteren Positivismus fort, die auch als Logischer Positivismus bezeichnete Strömung wendete die weiterentwickelten Methoden der Logik auf die Wissenschaftstheorie an, hierin unterscheidet sich die Position vom erkenntnispsychologischen Positivismus des 19 Jahrhunderts (Breuer, 1991).

2.2 Kritischer Rationalismus

Eine wichtige Weiterentwicklung des empirisch-analytischen Ansatzes erfolge durch den Philosophen Karl Popper dessen Wissenschaftstheorie heute eine einflussreiche Rolle in den Natur-und Sozialwissenschaften spielt (Popper, 1935). Popper sah sich nicht als Positivist, seine Wissenschaftsauffassung wird Kritischer Rationalismus genannt. Popper wendet sich gegen die Induktion die mit dem Suchen nach der Bestätigungen für eine Theorie einhergeht.

Für Popper ist der einzige richtige Weg der Falsifikationismus. Forscher sollen demnach neue mutige Theorien aufstellen die sich dann Versuchen der Falsifikation, also ihrer Wiederlegung stellen sollen. Theorien die nicht wiederlegbar sind haben keinen Wert. Endgültige bestätigt werden kann einer Theorie nach Ansicht Poppers nicht. Als Beispiel für eine mutige Theorie gilt Albert Einsteins Relativitätstheorie, als Belege für diese eintrafen war dies ein starker Hinweis, dass diese wahrscheinlich richtig ist. Beobachtungen die Vorhersagen aus der Theorie bestätigen steigern aber lediglich die Wahrscheinlichkeit ihrer Richtigkeit, es ist nur eine Annäherung an die Wahrheit möglich. Für Popper unterscheiden sich zudem Wissenschaften von Pseudowissenschaften durch ihre Offenheit für Kritik.

2.3 Merkmale des empirisch-analytischen Theorieansatzes

Breuer (1991) nennt einige wesentliche Merkmale empirisch-analytischer Forschung: Die Tätigkeit von Wissenschaftlern welche unter dem Paradigma arbeiten besteht demnach aus dem Beschreiben und Erklären sowohl von Individuen als auch von Gruppen. Dazu kommt die Prognose, denn das Erkenntnisziel besteht in der Auffindung von nomothetischen Sätzen und technologischer Anweisungen. Der Forscher mit dieser Wissenschaftsauffassung beachtet Regeln der Logik wenn er Aussagen über das Verhältnis von empirischen Beobachtungen macht oder nutzt bei seiner Arbeit die Regeln des Kritischen Rationalismus. Die Methodik dient ihm zur Kontrolle und Kritik der Erfahrung.

Viele Methoden der empirischen Sozialforschung passen zu diesem Theorieansatz, vor allem aber die Quantitativen Methoden aber auch Mixed Methods-Ansätze sind kompatibel. Qualitative Erhebungsmethoden mit der Qualitativen Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode sind sicher weitere Möglichkeit die mit dem Ansatz vereinbar sind. Problematisch sind aber Verfahren die aus Sicht des Kritischen Rationalismus auf Pseudowissenschaften beruhen wie die Psychoanalytische Textinterpretation auch Methoden die stark ideographisch orientiert sind passen wohl weniger zu diesem Ansatz.

Ein weiterer zentraler Aspekt der Forschung unter dem Paradigma der empirisch-analytischen Wissenschaftsauffassung ist das Streben nach „Wertfreiheit“ im Forschungsprozess. Die Regel der „Wertfreiheit“ ist ein Merkmal von Positionen die von einer vom Beobachter unabhängigen Realität ausgehen, das Ziel der Forschung liegt für diese in der Gewinnung von faktisch existierenden Informationen über diese vom Beobachter unabhängige Realität. Die Forschungsergebnisse sollen daher der Realität entsprechen wie sie unabhängig vom Beobachter existiert und sollte nicht durch Versuche Werten zur Geltung zu verhelfen verfälscht werden (Keat, 1981; Popper, 1935).

Der Kern der Regel der „Wertfreiheit“ besteht also darin, dass Urteile über die Richtigkeit von wissenschaftliche Aussagen nicht mit moralischen und politischen Zielen vermengt werden sollen. Keat (1981) weist auf einen weiteren grundlegenden Aspekt der Regel der „Wertfreiheit“ hin welcher in der Seins-Sollen-Dichotomie begründet ist und welche auch als „humesches Gesetz“ bezeichnet wird. Demnach sind Werte nicht auf Fakten reduzierbar und umgekehrt können Fakten zwar eine Rolle bei moralischen Entscheidungen spielen aber moralische Prinzipien lassen sich aus der Kenntnis von Fakten nicht ableiten. Die Regel der Wertfreiheit schließt dabei nicht aus, dass der Forscher außerhalb der Forschung für bestimmte Werte eintritt, wie es ja auch der Wissenschaftstheoretiker und Begründer des Kritischen Rationalismus Karl Popper mit seinem Einsatz für die „Offene Gesellschaft“ selbst getan hat.

2.4 Kritik an empirisch-analytischen Theorieansätzen

Es gibt einige Kritikpunkte die gegen den Kritischen Rationalismus geäußert wurden, so wird die Gültigkeit der Regel wonach Theorien die durch Beobachtungen nicht betätigt werden verworfen werden müssen angezweifelt. Dies hängt auch mit Poppers Charakterisierung von Pseudowissenschaften zusammen welche immer neue Ausreden für das Scheitern ihrer Vorhersagen finden, dies sei nicht klar abgrenzbar von wissenschaftlich sinnvollen neuen Annahmen etwa über bisher nicht berücksichtigte Kovariablen. Zudem wurde Poppers Sicht, dass die Qualität einer Hypothese in der Unwahrscheinlichkeit ihrer Bestätigung liegt vom Logischen Empiristen Rudolf Carnap (1891 -1970) angezweifelt (Michalos, 1971).

Am Positivismus wird kritisiert, dass er zu sehr eingrenzt welche Fragen gestellt werden dürfen ohne den Rahmen der Wissenschaftlichkeit zu verlassen. Viele argumentieren, dass der nomothetische Ansatz und der vorherrschende Fokus auf quantitative Methoden zu eng sei um der Reichhaltigkeit menschlicher Erfahrung und Erkenntnismöglichkeit gerecht zu werden. Viele bevorzugen daher ein ideographisches Vorgehen oder aber die Kritische Theorie welche im Folgenden behandelt wird.

3 Kritische Theorie

Eine von den empirisch-analytischen Theorieansätzen gänzlich verschiedene Sicht auf die Wissenschaft die in einigen Sozialwissenschaftlichen Instituten und Abteilungen eine zentrale Rolle spielt ist die Kritische Theorie. Der Begriff wird dabei im Anglo-Amerikanischen Raum oft lose auf alle kritischen Zugänge in den Geisteswissenschaften angewendet indem Denker wie Foucault, die Poststrukturalisten oder solche die von Nietzsche, Marx und Freud beeinflusst wurden inkludiert werden. Vertreter der Kritischen Theorie weisen mit diesen Strömungen auch Gemeinsamkeiten auf bzw. haben Ansätze dieser Strömungen im Zusammenhang der Kritischen Theorie genutzt. Richtig verwendet bezieht sich der Begriff jedoch auf die spezifische Tradition der „Frankfurter Schule“ welche als Schule des westlichen Marxismus betrachtet werden kann (Sherratt, 2005, S.175).

3.1 Ursprünge der Kritischen Theorie

Wissenschaftstheorie ist für kritische Wissenschaftstheoretiker nicht zu trennen von der Gesellschaftslehre welche von Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1885) entwickelt wurde (Kriz, J., Lück, H., & Heidbrink, H., 1990). Im Jahrhundert fand in Europa ein starkes Bevölkerungswachstum statt und viele Landbewohner zogen in die Städte wo in Folge der Industriellen Revolution neue Arbeitsmöglichkeiten entstanden. Trotz harter Arbeit lebten viele dieser Arbeiter und ihre Familien in äußerst prekären Verhältnissen während die Eigentümer der Produktionsmittel in dem System das keine Arbeitnehmerrechte kannte gute Gewinne machten.

Dem stellte Marxismus die Utopie einer klassenlosen Gesellschaft gegenüber, zur Durchsetzung der sozialistischen Ziele sollten nach Marx und Engels zunächst die Bourgeoisie entmachtet werden und das Proletariat die Herrschaft übernehmen (Marx, K., & Engels, F., 1848/1953). Laut Marxistischer Theorie sollte der Umsturz des Kapitalistischen Systems von den hochindustrialisierten Regionen westeuropäischer Staaten ausgehen. Stattdessen führten Aufstände aufgrund von Not und Unzufriedenheit mit dem Ersten Weltkrieges im eher agrarisch geprägten Russland 1917 zunächst zur Ende der Zarenherrschaft und dann mit der Oktoberrevolution zur Errichtung der kommunistischen Sowjetunion.

Die kommunistische Revolution schwappte nicht auf den Westen über wie es nach der orthodoxen marxistischen Theorie von Marxisten erwartet wurde. Marxisten im Westen beobachteten aber aufmerksam die Entwicklungen in Russland während sie weiter von einem Umsturz des Kapitalismus im Westen durch die Arbeiterklasse träumten. Aus einem marxistischen Studienzirkel ging 1923 durch Stiftung des wohlhabenden Getreidehändlers Hermann Weil auf Anregung seines Sohnes Felix Weil das Frankfurter Institut für Sozialforschung hervor. Das Zentrum befasste sich in den ersten Jahren noch mit klassischen ökonomischen Fragen zum Marxismus (Bronner, 2011, S.9).

3.2 Das Paradigma der Kritischen Theorie

Im Jahr 1930 übernahm Max Horkheimer (1895-1973) das Institut und fortan legte die „Frankfurter Schule“, deren Vertreter nach der Machtergreifung Hitlers ins Amerikanische Exil gingen, den Fokus auf die Kritik der westlichen Kultur und ihre Institutionen. Diese wurden als Grund für das Ausbleiben der Revolution im Westen ausgemacht. So schrieben etwa Erich Fromm (1900-1980) und Theodor W. Adorno (1903-1969) zum Thema der Autoritären Charakters, dieser sei eine pathologische Persönlichkeit welche dem Faschismus nahesteht und habe einen Hang zu Vorurteilen, Konformität, Rassismus und Ethnozentrismus (Adorno, T. W., Frenkel-Brunswik, E., Levinson, D. J., & Sanford, R. N., 1950).

In die gleiche Richtung ging auch die Arbeit von Herbert Marcuse (1898-1979) der eine Ikone der Studentenbewegung der 60er Jahre wurde, nicht zuletzt da er sich auf Freud stützend die traditionelle Sexualmoral als Repression kritisierte. Er sprach sich auch für einen intoleranten Umgang mit abweichenden Meinungen aus und bewarb seine Vorstellung von „Repressiver Toleranz“ (Wolff, R. P., Moore, B., & Marcuse, H., 1966). Dabei forderte er Intoleranz für Bewegungen auf der politische Rechten und Toleranz für Bewegungen auf der politischen Linken. Dies solle die Gleichheit in der Gesellschaft fördern. Er forderte auch die Beschränkung der Redefreiheit und Versammlungsfreiheit für Gruppen die als chauvinistisch oder diskriminierend gegenüber Minderheiten eingestuft werden. Deshalb gilt er vielen als Vater der Politischen Korrektheit.

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Details

Titel
Der Dualismus zwischen Fakten und Werten. Die Wissenschaftbilder des analytischen Empirismus und der Kritischen Theorie
Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt
Note
1
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V416021
ISBN (eBook)
9783668660663
ISBN (Buch)
9783668660670
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Wissenschaftstheorie, Erkenntnistheorie, Epistemiologie, Kritische Theorie, Methodenstreit, Positivismus, Empirismus, Wissenschaftsgeschichte, Gütekriterien, Wissenschaftlichkeit, Feminismus, Kommunismus, Gesellschaftlicher Wandel, Politische Korrektheit
Arbeit zitieren
Maximilian Villert (Autor), 2017, Der Dualismus zwischen Fakten und Werten. Die Wissenschaftbilder des analytischen Empirismus und der Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416021

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