Seit Lawrence Kohlberg (1927-1987) während eines Praktikums innerhalb seines Psychologiestudiums miterlebte, wie eine Patientin mit Elektroschocks bestraft wurde, drehte sich sein weiteres Leben um „Gerechtigkeit“. Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass seine 1958 erschienene Dissertation Untersuchungen des moralischen Urteils bei Kindern und Jugendlichen beinhaltet. Des Weiteren gründete Kohlberg nach der Anstellung an der Harvard University in Cambridge (1968) das Zentrum für moralische Entwicklung und Erziehung. Mit dieser Arbeit befasster er sich bis zu seinem Tod im Jahre 1987 (vg. Oser/ Althof 1994, S. 84f).
Im Mittelpunkt Kohlbergs Arbeiten steht die Untersuchung des moralischen Urteilens. Mit Hilfe von hypothetischen Geschichten, in denen eine Person in einer Dilemma-Situation dargestellt wird, für die es keine eindeutige Lösung gibt. Der Proband soll versuchen eine Lösung zu finden und seine Entscheidung argumentativ stützen. Anhand dieser Begründungen kann dann ermittelt werden, auf welchem Niveau beziehungsweise auf welcher der sechs Entwicklungsstufen Kohlbergs sich der Proband befindet.
Diese Arbeit wird sich vordergründig den Kohlbergs Entwicklungsstufen moralischen Urteilens widmen. Dabei soll geklärt werden, wie der Mensch seine oder fremde, tatsächliche oder erdachte Handlungen nach „richtig“ oder „falsch“ beurteilen kann.
Da Kohlbergs Ansatz auf Jean Piagets Erkenntnissen zur kognitiven Entwicklung aufbaut, ist es interessant, diese beiden Modelle der Moralentwicklung zu vergleichen.
Zum Schluss soll aufgezeigt werden, wie zum Beispiel unter Anwendung von moralischen Konfliktsituationen gezielte Programme zur Moralentwicklung entworfen und in der Praxis erprobt wurden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was versteht man unter Moralentwicklung?
3. Kohlbergs Stufen des moralischen Urteilens
3.1 Dilemma-Situationen zur Ermittlung moralischer Urteile
3.2 Kohlbergs Stufenmodell
3.3 Kritik an Kohlbergs Modell
4. Kohlberg vs. Piaget – Moralentwicklung im Vergleich
5. Pädagogische Umsetzung Kohlbergs Theorie
6. Resümee
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht das moralische Urteilsvermögen des Menschen auf Basis der Theorie von Lawrence Kohlberg, mit dem Ziel, die psychologischen Entwicklungsstufen des moralischen Denkens sowie deren pädagogische Implikationen und Kritikpunkte zu analysieren.
- Kohlbergs Stufenmodell des moralischen Urteilens
- Vergleich der Moralentwicklung bei Kohlberg und Piaget
- Bedeutung von Dilemma-Situationen für die Urteilsfindung
- Kritische Reflexion der Stufentheorie
- Anwendung in pädagogischen Konzepten (Just Community)
Auszug aus dem Buch
3.1 Dilemma-Situationen zur Ermittlung moralischer Urteile
Zentraler Gegenstand Kohlbergs Untersuchungen ist das moralische Urteilen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen fiktive oder tatsächliche Handlungen beurteilen, ob diese nun „gut“ oder „böse“, „richtig“ oder „falsch“ sind. Kohlberg geht es demzufolge nicht darum, welche konkreten Normen von Menschen verschiedenen Alters anerkannt werden und inwieweit sie sich diesen entsprechenden Normen verhalten. Vielmehr gilt Kohlbergs Interesse, wie sich Begründungen normativer Urteile entwickeln und den daraus abgeleiteten Orientierungen.
Moralische Dilemmata eignen sich dabei besonders gut, um eine Entwicklung der Begründungen der Normen zu studieren. Unter einem Dilemma versteht man den Konflikt zwischen mehreren moralischen Normen. Dilemma-Situationen können auf alle Lebensbereich angewandt werden, so zum Beispiel in der Frage der Kriegsdienstverweigerung. Der Konflikt besteht hier zwischen Tötungsverbot und dem Gebot, den Staat zu schützen.
Die wohl bekannteste Dilemma-Situation ist das Heinz-Dilemma:
Eine todkranke Frau litt an einer besonderen Krebsart. Es gab ein Medikament, das nach Ansicht der Ärzte ihr Leben hätte retten können. Ein Apotheker der Stadt hatte es kurz zuvor entdeckt. Das Medikament war teuer in der Herstellung, der Apotheker verlangte jedoch ein Vielfaches seiner eigenen Kosten. Heinz, der Ehemann der kranken Frau, borgte von allen Bekannten Geld, brachte aber nur die Hälfte des Preises zusammen. Nach ergebnislosen Verhandlungen mit dem Apotheker brach Heinz in die Apotheke ein und stahl das Medikament für seine Frau.
(Montada 1998, S. 875)
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Entstehung von Kohlbergs Interesse an Gerechtigkeit und die grundlegende Methodik der moralischen Dilemmata ein.
2. Was versteht man unter Moralentwicklung?: Dieses Kapitel definiert Moralentwicklung als lebenslangen Prozess der Normen- und Wertebildung und stellt die Verbindung zur kognitiven Entwicklung her.
3. Kohlbergs Stufen des moralischen Urteilens: Hier werden die zentralen Entwicklungsstufen sowie die zugrunde liegenden Dilemma-Situationen und die kritische Auseinandersetzung mit dem Modell erläutert.
4. Kohlberg vs. Piaget – Moralentwicklung im Vergleich: Dieser Abschnitt kontrastiert Kohlbergs Stufenmodell mit Piagets Phasen der kindlichen Moral, insbesondere hinsichtlich der Autonomieentwicklung.
5. Pädagogische Umsetzung Kohlbergs Theorie: Das Kapitel beleuchtet, wie Erkenntnisse über moralische Entwicklung in der Erziehungspraxis und Schulformen wie der „Just Community“ angewendet werden können.
6. Resümee: Die Zusammenfassung bündelt die Kernergebnisse über die kognitiv-moralische Entwicklung und betont die Bedeutung sozialer Lernumwelten.
Schlüsselwörter
Moralentwicklung, Lawrence Kohlberg, Jean Piaget, moralisches Urteilen, Stufenmodell, Dilemma-Situation, Gerechtigkeit, Rollenübernahme, kognitive Entwicklung, Autonomie, Sozialisation, Just Community, pädagogische Erziehung, Wertebildung, Normen
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der kognitiven Entwicklungstheorie der Moral nach Lawrence Kohlberg und wie Menschen moralische Urteile über richtiges oder falsches Handeln fällen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind das sechsstufige Stufenmodell, der Vergleich zwischen Kohlberg und Piaget, die Methode der Dilemma-Situationen sowie die pädagogische Umsetzung dieser Theorien.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, den Entwicklungsprozess moralischen Urteilens darzustellen und zu klären, wie Menschen Handlungen nach ethischen Prinzipien bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet Kohlberg zur Untersuchung?
Kohlberg nutzt die Inhaltsanalyse von Begründungen, die Probanden im Rahmen von hypothetischen, moralischen Dilemma-Situationen formulieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Darstellung des Stufenmodells, eine vergleichende Analyse mit Piagets Modell sowie die Diskussion kritischer Einwände und pädagogischer Anwendungsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Moralentwicklung, Kohlbergs Stufenmodell, Rollenübernahme, Dilemma und kognitive Gerechtigkeit charakterisiert.
Was unterscheidet Kohlbergs Modell von Piagets Ansatz?
Während Piaget sich primär auf das Vor- und Grundschulalter konzentriert, erstreckt sich Kohlbergs Modell über das gesamte Erwachsenenalter und differenziert moralisches Urteilen in sechs spezifische Stufen.
Warum wird das „Heinz-Dilemma“ in der Arbeit hervorgehoben?
Es dient als bekanntestes Beispiel für eine moralische Konfliktsituation, um zu zeigen, dass für die Stufeneinstufung nicht das Handeln selbst, sondern die Argumentation des Probanden entscheidend ist.
Was versteht man unter der „Just Community“ im pädagogischen Kontext?
Es ist ein von Kohlberg mitentwickeltes Schulkonzept, das auf aktiver Mitbestimmung der Schüler und der direkten Auseinandersetzung mit realen Konflikten basiert, um moralisches Wachstum zu fördern.
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- Tina Kerz (Autor), 2004, Wie beurteilt der Mensch seine Handlungen nach deren Richtigkeit?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41619