Untersuchungen über die deutsche Literatur des 18., 19. und 20. Jahrhundert ließen die Literaturkritiker zum Schluss kommen, dass „zwei grundsätzliche, einander diametral gegenüberstehende Stiltendenzen die neuere deutsche Dramatik bestimmen“. Bei den zur Untersuchung vorliegenden Werken Iphigenie auf Tauris von Johann Wolfgang Goethe und Hannibal von Christian Grabbe liegt uns jeweils ein typischer Vertreter je einer der beiden Tendenzen vor. Während sich Iphigenie auf Tauris einer geschlossenen, tektonischen Dramenform bedient, ist Hannibal offen, atektonisch geschrieben. Anhand zweier bestimmender Merkmale des Dramas, der Handlung und der Zeitstruktur, werde ich versuchen dies im Hauptteil meiner Arbeit darzulegen, Unterschiede herausarbeiten. Ausserdem werde ich am Ende darlegen, welche Intention die Autoren jeweils mit der Wahl ihrer Dramenform verfolgt haben könnten, aufzeigen, wieso beide Dramen nicht einfach in der jeweils gegenüberstehenden Dramenform verfasst hätten werden können.
Die einzelnen Unterscheidungsmerkmale basieren auf Volker Klotz Geschlossene und offene Form im Drama.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung:
1.1 – Handlung im Drama
1.2 – Handlung in Iphigenie auf Tauris
1.3 – Handlung in Hannibal
2.1 – Zeitstruktur im Drama
2.2 – Zeitstruktur in Iphigenie auf Tauris
2.3 – Zeitstruktur in Hannibal
3 – Zusammenführung und Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die unterschiedlichen Dramenformen von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ und Grabbes „Hannibal“. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie sich die jeweilige formale Gestaltung – geschlossene versus offene Dramenform – auf die Struktur von Handlung und Zeit auswirkt und welche Intentionen die Autoren damit verfolgten.
- Vergleich von geschlossener und offener Dramenform
- Analyse der Handlungsstruktur in beiden Werken
- Untersuchung der Zeitstruktur und deren Einfluss auf den Handlungsverlauf
- Einordnung der Dramen basierend auf den Kriterien von Volker Klotz
- Erläuterung der künstlerischen Intention bei der Wahl der Dramenform
Auszug aus dem Buch
1.2 Handlung in Iphigenie auf Tauris
Das Werk Goethes hat eine eindeutige Haupthandlung, die stringent vom Anfang bis zum Ende fortläuft. Es geht hier einzig um das Schicksal Iphigenies, ihre Bemühung König Thoas zu verlassen. Die Szenen laufen in einer bestimmten Reihenfolge ab, die aktuelle basiert immer auf den Ergebnissen der vorherigen, ein Austauschen der Szenen ist unmöglich. Bei Iphigenie besonders deutlich ist die Vermeidung von Sprüngen, unerwarteten Handlungslücken oder ähnlichem. So wechseln zwischen den Szenen niemals alle Darsteller, mindestens einer bleibt immer auf der Bühne. Neu hinzukommende Personen werden zusätzlich oft am Ende der vorangegangenen Szene eingeführt („Ich seh den König kommen;“ , „Der Bote / Kommt von dem Könige mit schnellem Schritt.“). Auch die Handlung verläuft ohne Sprünge, die Personen handeln von Szene zu Szene gleich zielgerichtet, geradlinig. Ein weiteres Zeichen für die geschlossene Dramenform ist das langsame Einführen in die Handlung, kein überraschendes Hineinspringen. In der Iphigenie wird dies durch die umfangreiche Exposition bewerkstelligt. Iphigenie führt in ihrem Monolog in der ersten Szene in die Vorgeschichte, ihre Rolle im Drama ein. In der dritten Szene wird vor König Thoas dann noch die Herkunft, die Abstammung aus dem Tantalusgeschlecht ausgebreitet, womit der Leser nun alles wichtige Vorauswissen für das Drama schon hat.
Inhalt des geschlossenen Dramas ist immer der Kampf, das Duell, dies wird im untersuchten Werk auch schnell deutlich. So kämpfen hier die Griechen gegen die Taurer. Und auch der innere Kampf des Gewissens bei Iphigenie ist Thema des Dramas („O weh der Lüge! Sie befreiet nicht, / Wie jedes andre wahrgesprochne Wort“, „Es schlägt mein Herz, es trübt sich meine Seele, / Da ich des Mannes Angesicht erblicke, / Dem ich mit falschem Wort begegnen soll.“). Allerdings kommt es nie zum offenen Kampf auf der Bühne, hier vermittelt entweder Iphigenie („Entheiligt / Der Göttin Wohnung nicht durch Wut und Mord.“) oder ein Bote erzählt vom Aufeinandertreffen („Die letzten Kräfte raffen / Die Unsrigen zusammen; weichend werden / Sie nach der See langsam zurückgedrängt.“).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der geschlossenen und offenen Dramenform und Vorstellung der beiden zu untersuchenden Werke.
1.1 – Handlung im Drama: Erläuterung der grundlegenden Unterschiede zwischen der geschlossenen Einheit der Handlung und der offenen Vielheit von Einzelhandlungen.
1.2 – Handlung in Iphigenie auf Tauris: Analyse der stringenten, zielgerichteten Handlung bei Goethe und deren Funktion für die geschlossene Dramenform.
1.3 – Handlung in Hannibal: Beschreibung der Polymethie und der punktuellen Szenenabfolge in Grabbes Werk, die den Kampf des Helden gegen die Welt fokussiert.
2.1 – Zeitstruktur im Drama: Kurze Gegenüberstellung der zeitlichen Einheit in geschlossenen Dramen versus der Vielfalt der Zeit in offenen Dramen.
2.2 – Zeitstruktur in Iphigenie auf Tauris: Untersuchung des konstanten Zeitflusses, der das Werk als Rahmen dient und den Fokus auf übergeordnete Ideen lenkt.
2.3 – Zeitstruktur in Hannibal: Darstellung der langen Zeitspanne und der autonomen Zeitqualität der Szenen, die das Handeln im „Jetzt“ betont.
3 – Zusammenführung und Schluss: Synthese der Ergebnisse über die Formunterschiede, die inhaltliche Ausrichtung und die jeweilige Intention der Autoren.
Schlüsselwörter
Geschlossenes Drama, Offenes Drama, Iphigenie auf Tauris, Hannibal, Johann Wolfgang Goethe, Christian Grabbe, Volker Klotz, Handlung, Zeitstruktur, Dramenform, Humanität, Polymethie, Exposition, Literaturwissenschaft, Dramatik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die Dramen „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang Goethe und „Hannibal“ von Christian Grabbe im Hinblick auf ihre strukturelle Form.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Kategorien „Handlung“ und „Zeitstruktur“ innerhalb der geschlossenen beziehungsweise offenen Dramenform.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, Unterschiede in der Dramenform herauszuarbeiten und zu erklären, warum die Autoren ihre Werke in der jeweils gewählten Weise verfasst haben.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung basiert auf der strukturellen Analyse von Dramen nach den Kriterien von Volker Klotz.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Handlung und der Zeitstruktur, wobei beide Werke getrennt voneinander untersucht und kontrastiert werden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Analyse?
Wichtige Begriffe sind die geschlossene tektonische Form (Goethe) und die offene atektonische Form (Grabbe), sowie die Begriffe Haupthandlung und Polymethie.
Wie unterscheidet sich die Handlungsführung bei Grabbe im Vergleich zu Goethe?
Während bei Goethe eine lineare, stringente Handlung vorliegt, nutzt Grabbe eine Polymethie mit parallelen Handlungssträngen und autonomen Szenen.
Welche Funktion hat die Zeit in Goethes Iphigenie?
Die Zeit dient als konstanter Rahmen für eine etwa 24-stündige Handlung, die den Fokus weg vom rein Faktischen hin zu einer übergeordneten moralischen Idee lenkt.
Inwiefern beeinflusst die Zeitgestaltung bei Grabbe den Protagonisten?
Durch die weite Erstreckung der Zeit und die Autonomie der Szenen handeln die Figuren bei Grabbe situativ im „Jetzt“, ohne den Blick auf ein abgeschlossenes Gesamtziel.
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- Dirk Lenz (Author), 2003, Untersuchung und Vergleich der Dramenform in Grabbes Hannibal und Goethes Iphigenie auf Tauris, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41625