Die mittelalterliche Literatur ist reich an Beispielen für Visionen und Träume, in der Wissenschaft spricht man gar schon von der eigenständigen Gattung der Visionsliteratur. Wie einflussreich und ausgebreitet diese Texte im Mittelalter waren, sieht man nicht zuletzt daran, dass zum Beispiel die Visio Tnugdali heute noch in über 200 Handschriften erhalten ist. Träume sind ähnlich stark in der Historie verwurzelt, sie treten in annähernd jedem wichtigen Text des Mittelalters auf, wichtige Traumbücher mit Deutungen zu geläufigen Erscheinungen wurden geschrieben.
Dies alles ist Grund genug, Traum und Vision in ihrem Auftreten in mittelalterlicher Literatur einer genauen Analyse bezüglich ihrer Abgrenzung voneinander zu untersuchen. So schreiben beispielsweise Bagliani und Stabile, dass „der Traum eine Unterart der Vision“ sei. Dass dies nicht ohne weiteres hingenommen werden kann, will diese Arbeit zeigen. So stellt schon Jean-Claude Schmitt fest, dass „die Erzählliteratur [...] den Traum sehr genau von anderen übernatürlichen Phänomenen wie Visionen [unterscheidet]“. Diesen Punkt verfolgend, werde ich in im weiteren Verlauf die Unterschiede zwischen Vision und Traum in mehrfacher Hinsicht hervorheben, dazu werde ich im Hauptteil Situation, Inhalt, Textumfeld, Gewichtung, etc. dieser Phänomene anhand einiger mittelalterlicher Texte untersuchen.
Exemplarisch für die Träume analysiere ich Beispiele aus dem Nibelungenlied und dem Prosa-Lancelot. Auf Seiten der Vision werde ich mich auf die Jenseitsvisionen des 12. Jh. beschränken, die den Höhepunkt eines von zwei Visionstypen markieren, ich vernachlässige bewusst die später auftretenden Heiligenvisionen, die hauptsächlich in der Literatur zur Frauenmystik auftauchten und eine besondere Unterart dieses Phänomens darstellen. Als Beispiele für Visionen dienen mir die Visio Tnugdali und die Visio Alberici.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
2. Situation und Stand des Sehers sowie Textumfeld
3. Inhalt und Funktion innerhalb des Werkes
4. Gewichtung des Ereignisses außerhalb des Werkes
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist die detaillierte Abgrenzung der Phänomene Traum und Vision in der mittelalterlichen Literatur, um aufzuzeigen, dass diese nicht als gleichartige Erscheinungen betrachtet werden können, sondern grundlegende Unterschiede in ihrer Entstehung, Funktion und literarischen Einbettung aufweisen.
- Analytische Unterscheidung zwischen Traum und Vision
- Untersuchung der psychologischen und physischen Situation des Sehers/Träumenden
- Funktionsanalyse innerhalb des narrativen Gefüges
- Wahrheitsanspruch und gesellschaftliche Gewichtung der Phänomene
- Beispielhafte Auswertung mittelalterlicher Texte wie Nibelungenlied und Prosa-Lancelot
Auszug aus dem Buch
2. Situation und Stand des Sehers sowie Textumfeldes
Der Traum in der mittelalterlichen Literatur unterscheidet sich nicht von dem, was auch heute umgangssprachlich als Traum bezeichnet wird. Die empfangende Person schläft ein, hat im Schlaf die Erscheinung, wacht später wieder auf, ein Ablauf, der auch in den Beispielen meist nur nebenbei erwähnt wird. Kriemhilds Traum im Nibelungenlied verschweigt gar komplett den Schlaf der Träumenden, der Traum steht ohne Hinführung mitten im Text, einzige Abweichung ist ein Wechsel in den Konjunktiv um die Traumhandlung wiederzugeben:
In disen hohen êren tróumte Kriemhildè, wie si züge einen valken, starc scóen und wildè den ir zwêne arn erkrummen. daz si daz muoste sehen, ir enkunde in dirre werlde leider nimmer gescehen. Den troum si dô sagete ir muoter Úotén
Im Prosalancelot findet man dann jedoch auch Träume, die dieses Schema aufbrechen, stärker das Umfeld des Traumes erläutern. Die Königin, in großer Trauer, hat beispielsweise dieses Erlebnis:
Und die konigin was in yrem ersten schlaff fast múde und schwach schryes halb. Und in yrem schlaff ducht sie wie Lanczlot zur kamern inn ging, [...] Umb dißer sachen ward die konigin so sere betrubt und so zornig das sie da von erwacht, und fant sich so schwach das sie kam off gestan mocht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Diese Einleitung stellt die Bedeutung von Traum und Vision als Gattungen der mittelalterlichen Literatur heraus und formuliert die Absicht, deren definitorische Abgrenzung anhand ausgewählter Textbeispiele kritisch zu hinterfragen.
2. Situation und Stand des Sehers sowie Textumfeld: Das Kapitel untersucht den physischen Zustand während des Traums oder der Vision und arbeitet heraus, wie sich das textliche Umfeld und die bewusste Wahrnehmung des Sehers zwischen beiden Phänomenen maßgeblich unterscheiden.
3. Inhalt und Funktion innerhalb des Werkes: Hier wird analysiert, wie Träume und Visionen in das narrative Gefüge eingebettet sind, wobei der Traum primär eine textimmanente Spannungsfunktion einnimmt, während die Vision über das literarische Werk hinausweist.
4. Gewichtung des Ereignisses außerhalb des Werkes: Das Kapitel beleuchtet den Wahrheitsanspruch und die kirchliche Rezeption der Phänomene, wobei die Vision als reale, gottgegebene Offenbarung gilt, während der Traum oft mit Skepsis oder als bloße Fantasie betrachtet wurde.
5. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass Traum und Vision nicht auf einen Nenner gebracht werden können, da ihre Divergenzen in Funktion und Wahrnehmung tiefgreifend und in allen untersuchten Bereichen manifest sind.
Schlüsselwörter
Mittelalterliche Literatur, Traum, Vision, Visionsliteratur, Nibelungenlied, Prosa-Lancelot, Visio Tnugdali, Visio Alberici, Seher, Traumdeutung, Narrativik, Mittelalter, Scheintod, Katalepsie, Gottesbild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der literaturwissenschaftlichen Untersuchung und Abgrenzung von Traum- und Visionsdarstellungen in der mittelhochdeutschen Literatur des Mittelalters.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die zentralen Themen sind die körperliche Verfassung des Sehers, die Einbettung in die Erzählung, der Wahrheitsanspruch der Phänomene und deren Funktion innerhalb und außerhalb der literarischen Werke.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die häufig vorgenommene Vermischung von Traum und Vision zu dekonstruieren und die fundamentalen Unterschiede in deren narrativer Anwendung und Deutung aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine vergleichende literaturwissenschaftliche Analyse verwendet, die auf exemplarischen Textbeispielen (wie Nibelungenlied, Prosa-Lancelot und Jenseitsvisionen) basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Situation des Sehers, den inhaltlichen und narrativen Nutzen der Phänomene sowie eine Betrachtung ihrer Rezeption im Kontext der damaligen Zeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Vision, Traum, mittelalterliche Literatur, Wahrheitsanspruch, Allegorie und Traumdeutung.
Wie unterscheidet sich der Status eines Träumenden von dem eines Visionärs?
Der Träumende schläft, während der Visionär oft in einen scheintoten, katalepsie-ähnlichen Zustand verfällt, aus dem er nur mühsam in die Realität zurückkehrt.
Warum wird der Traum im Prosa-Lancelot als "vorausdeutend" bezeichnet?
Da der Traum es ermöglicht, die lineare Erzählstruktur (Ordo naturalis) auf einer kryptischen, narrativen Ebene zu umgehen und somit zukünftiges Geschehen vorwegzunehmen.
- Quote paper
- Dirk Lenz (Author), 2005, Unterscheidung von Traum und Vision in mittelalterlicher Literatur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41626