Joseph von Eichendorff: Erkenntnisse durch Abschied


Seminararbeit, 2002

17 Seiten, Note: 1,5

Anonym


Leseprobe

Gliederung

I. Einleitung

II. Abschied
1) Das Gedicht
2) Verständnis
3) Überlieferungsgeschichtliche Hintergründe
4) Auftreten im Kontext
5) Vom Roman zur neuen Überschrift
6) Der Hasengarten
7) Eichendorff als Reisender
8) Abschied für die Studien
9) Umorientierung
10) Abschied von Menschen
11) Eine Methode?
12) Schlussfolgerung und Rückkehr

III. Schluss

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Joseph von Eichendorff gilt als einer der großen Schriftsteller der Romantik. Seine Biographie zeigt eine permanente Unstetigkeit im Hinblick auf dessen Aufenthaltsorte, was bedeutet, dass der Dichter häufig Abschied von geliebten Personen oder Örtlichkeiten nehmen musste. An diesem Aspekt schien es interessant, zu untersuchen, wie Eichendorff Abschiede in verschiedenster Art generell empfand und verarbeitete. Es lag nahe, sich mit einem seiner Werke auseinander zu setzen, das dieses Thema als Titel trägt: das Gedicht "Abschied". Aus einer oberflächlich durchgeführten Analyse ergaben sich neue Fragen und Hypothesen. Zur Klärung selbiger wurde ein Blick auf Eichendorffs Tagebuch und diverse andere seiner Werke erforderlich. Schließlich konnte durch einige gewonnene Erkenntnisse eine ausführlichere Analyse des anfänglichen Gedichtes vorgenommen werden, die jedoch ein völlig anderes als das angestrebte Ergebnis mit sich brachte.

II. „Abschied“

1)Das Gedicht

1. O Täler weit, o Höhen,

O schöner, grüner Wald,

Du meiner Lust und Wehen

Andächtger Aufenthalt!

Da draußen, stets betrogen,

Saust die geschäftge Welt,

Schlag noch einmal die Bogen

Um mich, du grünes Zelt!

2. Wann es beginnt zu tagen,

Die Erde dampft und blinkt,

Die Vögel lustig schlagen,

Daß dir dein Herz erklingt:

Da mag vergehn, verwehen,

Das trübe Erdenleid

Da sollst du auferstehen

In junger Herrlichkeit.

3. Da steht im Wald geschrieben

Ein stilles, ernstes Wort,

Von rechtem Tun und Lieben,

Und was des Menschen Hort.

Ich habe treu gelesen

Die Worte schlicht und wahr,

Und durch mein ganzes Wesen

Ward’s unaussprechlich klar.

4. Bald werd ich dich verlassen,

Fremd, in der Fremde gehen.

Auf buntbewegten Gassen,

Des Lebens Schauspiel sehn,

Und mitten in dem Leben

Wird deines Ernsts Gewalt,

Mich Einsamen erheben,

So wird mein Herz nicht alt.

2) Verständnis

„Abschied“ ist eine Liebeserklärung an die Natur. Beschrieben wird das Gefühlsleben des lyrischen Ichs, das an die Natur bzw. den Wald denkt, gleichzeitig die Funktion, die die in den ersten zwei Versen angesprochene Natur erfüllt: Lust und Wehen finden Aufenthalt, der nur hier, unter diesen Bedingungen und in dieser Konstellation als andächtig erscheint. Die Natur ist also ein Schutzraum, wie ein guter Freund, der sogar Schutz und Ruhe bietet. Die „sausende“ Welt „draußen“ ist geschäftig, der Wald schlägt als umsorgendes, verständiges, verständnisvolles, beschützendes Zelt einen Bogen um das lyrische Ich und schirmt es auf diese Weise vom Lärm und der Hektik des Alltages ab. Die zweite Strophe beinhaltet die Beschreibung eines Morgens im Einfluss der Natur. Der erste Teil des Satzes stellt die Bedingungen für die erlebte Situation, also die Naturbeschreibung, der zweite Teil nach dem Doppelpunkt zeigt die daraus entstehende Wirkung auf das Innenleben des lyrischen Ichs. Satztechnisch betrachtet würde man hier wohl von Protasis und Apodosis sprechen, es wird eine Situation auch in der Syntax als geschlossen beschrieben. Ein durch trübes Erdenleid gepeinigtes Herz beginnt zu klingen, und angeregt durch dampfende, blinkende Erde und schlagende Vögel wird ein „Auferstehen in junger Herrlichkeit“ möglich. Hier findet sich religiöses Vokabular mit einem volksliedhaften Ton verbunden, man könnte dies als das Vertreten eines christlichen Konservativismus Eichendorffs deuten, der dem Geist der Restaurationszeit entspricht, wobei man, weiter interpretiert, zu dem Schluss gelangen kann, die Natur stehe hier für den allmächtigen Gott, der das Auferstehen seines Sohnes Jesus, im übertragenen Sinne des Menschen bewirke. Die nun folgende Strophe scheint perspektivisch ein wenig aufgeteilt und abgegrenzt, denn nach der Schilderung eines mysteriös anmutenden Wortes tritt plötzlich das lyrische Ich direkt auf und stellt eine eigene Leistung dar. Während in Strophe 1 Täler, Höhen und der Wald angesprochen sind, in Strophe 2 eine Einbindung des Lesers in das Geschehen bzw. die beschriebene Situation durch Verwendung von Personalpronomina erzwungen wird („dein Herz erklingt“, „da sollst du auferstehen“), ist nun zunächst ein ungenanntes Wort aufgeführt, bestehend aus rechtem Tun, rechtem Lieben und des Menschen Hort. Diese drei Umschreibungen verbindet die Tatsache, dass sie einem Menschen Sicherheit geben, d.h. Geborgenheit und Schutz gewähren, so wie es der Wald für das lyrische Ich tut. Rechtes Tun führt zur sozialen Sicherheit und Beständigkeit des Umfeldes, rechtes Lieben zur Sicherheit des Gefühlslebens und des Menschen Hort steht vermutlich für die Sicherheit durch das Verbundensein mit Heimat, Familie, Haus, etc. Das lyrische Ich erklärt nun, dass es genau diese Botschaft der Natur zu entschlüsseln in der Lage war und auf sich hat einwirken lassen, dadurch zu einer Erkenntnis kam, die auf das ganze Wesen wirkt. Zwischen den Zeilen steht eine ungeheure Dankbarkeit des lyrischen Ichs an die Natur ob dieser Erkenntnis-Erfahrung. Die Wörter sind derart liebevoll gewählt, dass eine Atmosphäre der stillen Euphorie erzeugt wird. Die geschlossene Poesie (Erläuterung folgt später) wird durch die Tatsache, dass die letzte Strophe eine erneute, doch nun abschließende Anrede an den Wald darstellt, verstärkt. Schon in Strophe 1 ist die Endlichkeit des Naturerlebnisses angedeutet (Vers 7: „schlag noch einmal die Bogen um mich, du grünes Zelt“). Nun wird, nach der dankbaren Beschreibung des Dienstes, den die Natur leistet, dieser Umstand aufgegriffen und näher beschrieben. Das lyrische Ich wird demnach den Wald bald verlassen und in eine vermutlich größere Stadt gehen. Bemerkenswert scheint hier die Formulierung „des Lebens Schauspiel“. Man schließt daraus, dass eine Stadt voller Menschen nicht die prägnant ruhige, sichernde Wirkung leisten kann wie sie in der Natur erlebt wird. Ein zur Schau gestelltes Spiel wird genannt, das jeglichen Wahrheitsgehalt in der Abbildung findet. Doch die Erinnerung an die Natur wird das lyrische Ich auch in der Fremde „erheben“, also erfreuen und stärken. So tröstet es sich durch die Möglichkeit der Erinnerung. Die Wehmut ist am Ende des Gedichtes abgeklungen, denn die Natur ist im Herzen und somit ein omnipräsenter Teil seines Seins.

Das lyrische Ich, das hier mit dem Dichter gleichzusetzen ist (Begründung folgt), gebraucht für die lyrische Gefühlssprache vier jambische 8versige Strophen. Diese Form ist bewusst gewählt, denn suggestiv einfache Poesie wirkt in sich geschlossen. Eine einfache Syntax soll das Lied singbar machen, so wurde es 1843 von Felix Mendelssohn Bartholdy vertont.[1]

3) Überlieferungsgeschichtliche Hintergründe

Die vorgenommene oberflächliche Analyse führt zu der Fragestellung, was denn dem lyrischen Ich widerfahren ist, warum also Eichendorff die ihm vertraute und geliebte Natur verlassen musste, inwieweit die Situation des Abschiedes eine Rolle im Leben des Dichters spielte und wie er mit Abschieden verschiedenster Art in seinem Leben umging. Durch die Lektüre der Überlieferungsgeschichte des Gedichtes stößt man auf eine 5. Strophe, deren Zugehörigkeit zu dem vorliegenden Gedicht zwar „- auch aus inhaltlichen und formalen Gründen- sehr wahrscheinlich, aber nicht sicher“ ist.[2] Lediglich in der handschriftlichen Fassung tritt die folgende Strophe auf:

Dir gibt nicht Ruhm noch Nahmen,

Was ich hier dacht’ und litt;

die Lieder, wie sie kamen

Schwimmen im Strome mit.

So rausche unverderblich

Und stark viel hundert Jahr’

Der Ort bleibt doch unsterblich,

Wo einer glücklich war.[3]

[...]


[1] Joseph von Eichendorff. Gedichte. Hg. v. Peter Horst Neumann in Zusammenarbeit mit Andreas Lorenczuk, Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart 1997, S.160.

[2] Sämtliche Werke des Freiherrn Joseph von Eichendorff. Historisch-kritische Ausgabe Begründet von Wilhelm Kosch und August Sauer. Fortgeführt und Herausgegeben von Herrman Kunisch und Helmut Koopmann. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, 1994, S.34.

[3] Faksimile: König, Robert: Deutsche Litteraturgeschichte, Bielefeld und Leipzig 1900, Bd. 2, Beilage 21.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Joseph von Eichendorff: Erkenntnisse durch Abschied
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Philosophische Fakultät: Deutsches Seminar)
Veranstaltung
Proseminar
Note
1,5
Jahr
2002
Seiten
17
Katalognummer
V4165
ISBN (eBook)
9783638125871
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Eichendorff
Arbeit zitieren
Anonym, 2002, Joseph von Eichendorff: Erkenntnisse durch Abschied, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/4165

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