Bildungschancen in Deutschland. Einfluss der sozialen Herkunft


Hausarbeit, 2016

28 Seiten, Note: 1.3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Erörterung der relevanten Begriffe
2.1 Soziale Ungleichheit
2.2 Soziale Herkunft
2.3 Bildungsungleichheit
2.4 Klassen, Schichten, Stände
2.5 Milieus und Lebensstile

3 Ursachen sozialer Ungleichheit

4 Theorien sozialer Ungleichheit
4.1 Herkömmliche Ansätze sozialer Ungleichheit
4.1.1 Marxistische Theorie
4.1.2 Theorie des Soziologen Max Weber - Klassen, Stände und Parteien
4.1.3 Funktionalistische Theorie
4.1.4 Theorie nach Theodor Geiger - Das Schichtmodell
4.2 Neuere Ansätze sozialer Ungleichheit
4.2.1 Neuere marxistische Klassentheorien
4.2.2 Klassenschema nach Erikson, Goldthorpe und Portocarero (EGP)
4.2.3 Schichtmodell nach Geißler

5 Pierre Bourdieu – Die Reproduktion ungleicher Bildungschancen
5.1 Die Kapitalarten
5.1.1 Kulturelles Kapital
5.1.2 Ökonomisches Kapital
5.1.3 Soziales Kapital
5.1.4 Symbolisches Kapital
5.2 Der Habitus und der soziale Raum

6 Raymond Boudon – primäre und sekundäre Disparitäten
6.1 Primäre Herkunftseffekte
6.2 Sekundäre Herkunftseffekte

7 Kurzanalyse der PISA-Studie

8 Übergang Schule - Hochschule

9 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung in dieser leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Durch den Aufschrei und „Schock“ der Bevölkerung nach der Veröffentlichung der PISA-Tests im Jahr 2001, wo ein weltweiter Vergleich von Schülern stattfindet, wurde das Interesse an den Lernleistungen der Schüler im Zusammenhang mit dem familiären und sozialen Umfeld der jungen Menschen geweckt.

ABER: Die Bildungsungleichheit begrenzt sich nicht nur auf die bestehende Bildungspolitik und den allgemeinen Bildungsweg, sondern auch auf die Bildungsmöglichkeiten aufgrund der sozialen Herkunft. In Deutschland wurde gegenüber den anderen Ländern der größte Zusammenhang zwischen den Testergebnissen und dem sozialen Kapital festgestellt. Ob die Ergebnisse vielleicht nur von der Tagesform der Kinder abhängig waren oder der Wirklichkeit entsprachen, wird durch die folgenden Ausführungen näher beleuchtet.

Im ersten Teil (Kapitel 2) der vorliegenden Arbeit werden relevante Begriffe des Themas erläutert. Die Ursachen sozialer Ungleichheit werden danach im Kapitel 3 dargestellt und in verschiedene soziale Positionen von Individuen unterteilt. Antworten auf Fragen nach den Ursachen sozialer Ungleichheit geben die herkömmlichen und neueren Theorien. In dem Gliederungspunkt 4 habe ich mich mit der herkömmlichen marxistischen Theorie näher auseinandergesetzt und auch die Theorie des Soziologen Max Weber analysiert, welcher unter Klassen, Ständen und Parteien differenziert. Weitere Ansätze nach Geiger, Geißler, Erikson, Goldthorpe und Portocarero sind Bestandteil dieser Arbeit. Ferner werden die neuere marxistische Theorie und die herkömmliche funktionalistische Theorie näher ausgeführt.

Im Kapitel 5 werden die Kapitalbegriffe des französischen Soziologen Pierre Bourdieus erläutert, wobei sich die sozialen Positionen der Individuen aus ökonomischer, kultureller und sozialer Sicht differenzieren. Auf die primären und sekundären Herkunftseffekte nach Raymond Boudon wird im Gliederungspunkt 6 eingegangen.

Anhand der vorliegenden Arbeit wird im Gliederungspunkt 7 versucht, das Zusammenspiel von sozioökonomischem Hintergrund und Bildung anhand der PISA- Studie 2012 zu analysieren.

Beim Thema Übergang Gymnasium zur Hochschule werden Bildungsungleichheiten aufgrund von sozialer Herkunft dargestellt und ausgewertet. Beachtung finden die primären und sekundären Herkunftseffekte und das kulturelle Kapital des Soziologen Pierre Bourdieu.

Um herauszufinden, ob ungleiche Bildungschancen bestehen, muss man sich mit dem Einfluss der Familie auf die Bildungswege und Bildungsentscheidungen der Kinder auseinandersetzen.

2 Erörterung der relevanten Begriffe

2.1 Soziale Ungleichheit

Soziale Ungleichheit liegt im Sinne des Soziologen Stefan Hradil (2005, S. 15 ff.) vor, wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung in sozialen Beziehungsgefügen von den „wertvollen Gütern“ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten. „Wertvoll“ sind bestimmte Güter, wie z.B. Wohlstand, Sicherheit, Gesundheit und individuelle Autonomie. Von sozialer Ungleichheit wird gesprochen, wenn die wertvollen Güter absolut nicht gleich verteilt sind.

Es findet eine Begünstigung einiger und eine Benachteiligung anderer statt (Kreckel 2004, S. 15 f.). Soziale Ungleichheit kann aus Unterdrückung der einen durch die anderen, aber auch aus rechtmäßigen Verteilungsvorgängen hervorgehen. Ein weiterer Faktor sozialer Ungleichheit schafft allgemein bekannte und auffällige Gruppierungen von Menschen (geschlechtsspezifisch, regional, ethnische Ungleichheiten). Aufgrund dieser sozialen Ungleichheit hat die deutsche Bundesrepublik ein Diskriminierungsverbot im Grundgesetz verankert (vgl. Art. 3 Abs. 3 GG).

Um die Struktur sozialer Ungleichheit zu analysieren, wurden drei verschiedene Konzepte entwickelt. Zum einen das Konzept der sozialen Klassen und Schichten, zweitens das Konzept der sozialen Lagen sowie drittens das Konzept der sozialen Milieus und Lebensstile (vgl. Maaz et al. 2008, S. 206).

2.2 Soziale Herkunft

Der Begriff soziale Herkunft beschreibt die sozioökonomische Lage des Elternhauses. Damit einhergehend können die Einkommensverhältnisse und die soziale Anerkennung der Eltern verstanden werden (vgl. Maaz et al. 2008, S. 207). Da Informationen über finanzielle Mittel, Macht und Prestige nicht einfach zu erhalten sind, wird in der Regel die sozioökonomische Stellung über die Berufstätigkeit erfasst (vgl. Baumert & Maaz 2006, S. 12). Das Elternhaus ist eine wichtige Quelle für die Lebenschancen junger Menschen, da sie den Zugang zu mehr oder weniger attraktiven sozialen Positionen erleichtern können. Dieses Unterstützungspotenzial der Eltern bezeichnet Bourdieu und Coleman als soziales Kapital (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 133), wobei diese Hausarbeit im Kapitel 5.1.3 noch näher darauf eingehen wird. Eine günstige sozioökonomische Herkunft führt zu besserer Schulbildung und beruflicher Situation, die wiederum mit höherer Weiter-bildungsbereitschaft einhergeht (vgl. Schulenberg et al. 1979, S. 238).

2.3 Bildungsungleichheit

Bildung beschränkt sich nicht nur auf die allgemeine Schulbildung und formelle Berufsausbildung, sondern ebenso auf berufliche Weiterbildungen und selbstgesteuertes Lernen (vgl. Schömann & Leschke 2007, S. 376; Becker & Lauterbach 2007, S. 9).

Im deutschen Bildungssystem sind bis heute Bildungsungleichheiten vorhanden. Sie existieren aufgrund von sozialer und ethnischer Herkunft sowie des Geschlechts. Diese Bildungsbenachteiligungen werden versucht durch Gesetze wie das Recht auf Bildung gemäß Art. 14 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union zu beheben.

Kinder mit niedrigem sozioökonomischen Hintergrund sind heutzutage nach wie vor Ungleichheiten im Bildungssystem aufgrund ihrer sozialen Herkunft ausgesetzt und haben es schwerer, als Kinder mit besseren sozioökonomischen Bildungshintergrund.

2.4 Klassen, Schichten, Stände

Klassen

„„Klassen“ werden in den Sozialwissenschaften jene Gruppierungen innerhalb von Gefügen sozialer Ungleichheit genannt, die aufgrund ihrer Stellung [...] anderen Gruppierungen über- oder unterlegen sind [...] woraus bessere bzw. schlechtere Lebensbedingungen erwachsen“ (Hradil 2005, S. 38).

Es wird angenommen, dass verschiedene Klassen je nach spezifischem Zugang zu Einkommen, Macht und Bildung der nachwachsenden Generation, unterschiedliche Entwicklungschancen bieten und innerhalb einer Klasse die Unterschiede gering sind (vgl. Maaz et al. 2008, S. 209). Es bestehen Klassentheorien nach Max Weber und Karl Marx, welche in Kapitel 4.1.1 und 4.1.2 näher behandelt werden.

Schichten

Das klassische Schichtmodell unterteilt sich in drei Schichten: Arbeiterschicht, Mittelschicht und Oberschicht (vgl. Rolff 1997, S. 35 f.; zit. n. Brunsch 2007, S. 8). Als Schicht bezeichnet Hradil (2005, S. 40) Gruppierungen von Menschen mit ähnlich hohem Status innerhalb einer oder mehrerer berufsnaher Ungleichheitsdimensionen. Diese Statusgruppierungen werden nach berufsnahen Dimensionen sozialer Ungleichheit zugeordnet.

Stände

Nach dem Soziologen Stefan Hradil (2005, S. 27) werden Stände als Gruppierungen innerhalb eines Gefüges sozialer Ungleichheit bezeichnet, deren Zugehörigkeit in der Regel durch „Geburt“ zustande kommt. Die Stände werden nach deren Existenzbedingungen und Lebensweisen von anderen Ständen genau unterteilt. Außerdem behandelt die vorliegende Hausarbeit die Stände nach der Theorie von dem Soziologen Max Weber im Kapitel 4.1.2 näher.

2.5 Milieus und Lebensstile

Als Soziale Milieus werden Gruppen Gleichgesinnter bezeichnet, die gemeinsame Wertvorstellungen und gleiche Betrachtungsweisen auf bestimmte Dinge aufweisen sowie ihre Beziehungen und ihre Umwelt in ähnlicher Weise gestalten und einrichten (vgl. Hradil 2005, S. 45). Den Aussagen der Autoren Vester et al. (2001, S. 13; zit. n. Brake & Büchner 2012, S. 62) zufolge werden soziale Milieus als lebensweltliche Traditionslinien verstanden, die sich im Stil und in den alltäglichen Prinzipien der Lebensführung unterscheiden.

Der Begriff Lebensstil findet Anwendung, wenn man von der Art und Weise sowie der Organisation des Alltags spricht (vgl. Hradil 1995, S. 180 ff.; zit. n. Hradil 2005, S. 44 ff.).

3 Ursachen sozialer Ungleichheit

Es gilt Bedingungen und Ursachen für die Zuweisung von Statuspositionen in den Dimensionen sozialer Ungleichheit zu identifizieren um Unterschiede zwischen den allgemeinen Lebensumständen von Individuen zu erklären. Zu den zentralen Bestimmungsgrößen sozialer Ungleichheit zählen soziale Positionen von Menschen in Beziehungsgeflechten, wie etwa der Beruf, das Geschlecht, das Alter, die Wohnregion, die Familienverhältnisse sowie die ethnische Zugehörigkeit, Staatsangehörigkeit und der Migrationshintergrund. Sie bezeichnen sozialstrukturelle Merkmale, die einen theoretisch begründbaren Einfluss auf die Dimensionen sozialer Ungleichheit haben.

Die wichtigste Determinante sozialer Ungleichheit ist der Beruf eines Individuums (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 143 ff.; Hradil 2005, S. 34). Der Beruf dient als wesentlicher Bestimmungsfaktor zahlreicher Lebenslagen von Menschen. Zum einen verschafft der Beruf unterschiedlich gute Erwerbschancen und gutes Einkommen und dient sozialen Beziehungen, wodurch sich Macht und sozialer Einfluss aufbauen lassen. Des Weiteren dient es der Partizipation am gesellschaftlichen Leben und der Möglichkeit zur Selbstbestimmung.

Die Determinante Geschlecht ist zu einem zentralen Thema sozialer Gerechtigkeit geworden. Obwohl die Gleichstellung von Mann und Frau im Grundgesetz verankert ist (vgl. Art. 3. Abs. 2 GG), ist die formale Umsetzung bis heute jedoch noch nicht erreicht (vgl. Geißler 2006, S. 302 ff.; Huinink & Schröder 2008, S. 146 f.). Die ungleichen Berufschancen sowie die ungleiche Aufteilung der Zuständigkeit für Kinder und Haushalt sind gesellschaftlich weiterhin von großer Bedeutung und öffentlichem Interesse. Eine Gleichstellung im allgemeinen Schulwesen wurde erreicht. Auch konnte anhand von Studien belegt werden, dass Mädchen im Durchschnitt bessere Schulnoten erzielen. Im Ausbildungswesen ist die Gleichstellung jedoch noch nicht erreicht, da es noch einen geschlechtsspezifisch segregierten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gibt. In der universitären Ausbildung gibt es ebenso noch starke geschlechtsspezifische Unterschiede. Frauen sind in einflussreichen beruflichen Positionen in der deutlichen Minderheit. Einkommensunterschiede sind dadurch bedingt, dass Frauen zu einem höheren Anteil in geringer qualifizierten Tätigkeiten arbeiten, da die Kinderbetreuung in der Regel weiterhin den Frauen obliegt und diese aufgrund der Vereinbarkeit von Familie und Beruf gezwungenermaßen auf Vollzeittätigkeiten verzichten müssen (ebd.).

Eine weitere Determinante sozialer Ungleichheit ist das Alter, da sich die Lebenslage von Individuen mit dem Altersprozess verändert. Das Einkommen verringert sich mit dem Übergang ins Rentenalter und das angesammelte Humankapital wird wertlos. Des Weiteren liegt eine altersspezifische Ungleichheit auf dem Arbeitsmarkt vor. Arbeitslosen im hohen Alter gelingt es deutlich weniger und langsamer eine Neuanstellung zu finden, womit eine Langzeitarbeitslosigkeit einhergehen kann (vgl. Bundesagentur für Arbeit 2012, S. 15).

Die Wohnregion ist ebenso eine weitere Bestimmungsgröße, welche man anhand von Ost- West Unterschieden im Bereich des Einkommens, Standorts und der Arbeitslosen-quote bestimmen kann.

Auch die Familienverhältnisse tragen zu einer sozialen Ungleichheit bei. Familien mit vielen Kindern, Alleinerziehende und Single-Haushalte weisen ein hohes materielles Armutsrisiko auf. Das Armutsrisiko der Single-Haushalte ist nicht eine Folge des Beziehungsstandes, sondern dessen Ursache.

Die ethnische Zugehörigkeit sowie die Staatsangehörigkeit hat Effekte auf alle Dimensionen sozialer Ungleichheit (vgl. Geißler 2006, S. 242 ff.; ebd.).

4 Theorien sozialer Ungleichheit

Theorien sozialer Ungleichheit unterteilen sich in herkömmliche Ansätze und neuere Ansätze. Nach den Autoren Huinink und Schröder (2008, S. 158 f.) versuchen Theorien soziale Ungleichheit zu erklären, indem sie Mechanismen fordern, die soziale Ungleichheit hervorbringen und stabilisieren. Antworten auf Fragen nach den Ursachen sozialer Ungleichheit geben die folgenden Theorien.

4.1 Herkömmliche Ansätze sozialer Ungleichheit

4.1.1 Marxistische Theorie

Die „marxistische“ Klassentheorie nach Karl Marx und Friedrich Engels sieht die historischen gesellschaftlichen Verhältnisse sowie das menschliche Dasein als Ausdruck der materiellen und ökonomischen Verhältnisse, unter denen die Menschen arbeiten und leben (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 161). Durch die Auseinandersetzung mit der Natur verändert sich der ständig steigende Entwicklungsstand der Arbeitskräfte (Produktivkräfte), wozu Ressourcen und die Produktionstechnologie (Produktionsmittel) zählen. Die zunehmende Weiterentwicklung der Arbeitskräfte prägt die Produktionsverhältnisse, welche durch Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln charakterisiert sind. Macht-und Herrschaftsverhältnisse und die geltenden Ideen und kulturelle Manifestationen zählen zu den Produktionsverhältnissen. Diese prägen die Sozialstruktur der Gesellschaft in allen Dimensionen. Durch die ökonomisch bestimmte Position in dieser Sozialstruktur wird das Bewusstsein der Menschen geprägt (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 161). Klassen werden nach den Kriterien des Besitzes oder Nichtbesitzes von Produktionsmitteln eingeteilt (vgl. Burzan 2011, S. 15 ff.; Hradil 2005, S. 55 f.).

Marx sieht eindeutig das Privateigentum an Produktionsmitteln als Ursache sozialer Ungleichheit an. Er unterteilt die Gesellschaft in zwei große gegenüberstehende Klassen: Bourgeoisie und Proletariat.

Laut der deutschen Soziologin Nicole Burzan zeichnet sich Bourgeoisie durch den Besitz von Produktionsmitteln aus, welche somit gleichzeitig die herrschende Klasse darstellen.

Das Proletariat, welches keine Produktionsmittel besitzt schließt die Klasse der Arbeiter ein, welche zur Sicherung des Lebensunterhaltes ihre Arbeitskraft als Ware verkaufen müssen. Zwischenklassen lösen sich auf, da Kaufleute nicht genügend Kapital aufweisen, um einen Konkurrenzkampf gegenüber der Bourgeoisie standzuhalten und demnach zu dem wachsenden Proletariat stoßen (vgl. Burzan 2011, S. 15 ff.). Zwischen beiden Klassen besteht ein Interessenwiderspruch, da die herrschende Klasse der Arbeiterklasse ihren sogenannten Mehrwert vorenthalten und somit eine Ausbeutung stattfindet (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 162).

4.1.2 Theorie des Soziologen Max Weber - Klassen, Stände und Parteien

Für eine differenzierte Analyse der Ungleichheitsforschung nahm Weber eine Unterscheidung zwischen Klassen, Ständen und Parteien vor.

Klassen

Max Weber unterteilt Klassen und unterscheidet zwischen verschiedenen Besitz-, Erwerbs-und soziale Klassen. Unter dem Klassenbegriff versteht er Gruppierungen von Menschen, welche auf Grund ihres Besitzes und/oder spezifischen Leistungen auf dem Markt gleiche materielle Lebenschancen haben.

Eine Bündelung der Vielfalt von Besitz- und Erwerbsklassen versuchte er mit dem Begriff der sozialen Klasse zu erreichen. Eine soziale Klasse wird als Gesamtheit der Besitz- und Erwerbsklassen bezeichnet, wenn innerhalb derer ein Wechsel leicht möglich ist und über diese hinaus nur selten eine Bewegung stattfindet.

Während des Ersten Weltkrieges unterteilte Max Weber den Klassenbegriff in die Arbeiterschaft, das Kleinbürgertum, die hochqualifizierten Angestellten und Beamte (die „Intelligenz“) sowie die durch Besitz Privilegierten. Klassen werden demnach ebenfalls wie bei Marx durch ökonomische Faktoren bestimmt und drücken sich dadurch in bestimmten Lebenslagen aus (vgl. Burzan 2011, S. 20 ff.; Hradil 2005, S. 58 f.).

Stände

Gruppierungen von Individuen, welche auf Grund gemeinsamer Eigenschaften sowie charakteristischen Gemeinsamkeiten des Denkens und Handelns spezifisch Positives oder Negatives erfahren, bezeichnet Weber als Stände (vgl. Hradil 2005, S. 59). Der Stand basiert nach dem Soziologen Weber auf Ehre, sozialem Prestige und drückt sich primär in einer bestimmten Lebensführung aus. In der Regel sind Stände Gemeinschaften, in denen sich die Mitglieder nicht persönlich kennen müssen (vgl. Burzan 2011, S. 22 f.). Er unterteilt die Stände in bestimmte Arten, wie Berufsstände (z.B. Ärzte), Geburtsstände (auf Grund der Abstammung: z.B. Adel) sowie politische Stände (z.B. Honoraritäten).

Parteien

Unter dem Begriff Partei versteht der Soziologe Max Weber Gruppierungen von Menschen, welche darauf abzielen, Entscheidungsprozesse innerhalb menschlichen Zusammenlebens zu beeinflussen. Darüber hinaus werden sie als Interessengruppe bezeichnet (vgl. Burzan 2011, S. 24 f.; Hradil 2005, S. 60).

Der Soziologe Kreckel (1976, S. 338 ff.; zit. n. Hradil 2005, S. 60) übt Kritik an den Theorien Webers, da kaum Ursachenfeststellungen in Bezug auf die soziale Ungleichheit getätigt werden.

4.1.3 Funktionalistische Theorie

Die funktionalistische Theorie versucht soziale Ungleichheit als das Ergebnis eines Belohnungsprozesses zu interpretieren (vgl. Hradil 2005, S. 62). „Jeder werde dadurch so belohnt, wie es seinem Beitrag zum Ganzen entspreche“ (Hradil 2005, S. 62). Belohnungen dabei können das Einkommen sowie das soziale Ansehen sein. Dabei entsprechen sie gemäß dem Leistungsprinzip des Beitrages, welcher in einer sozialen Position für die Gesellschaft erbracht wird sowie den dafür erforderlichen Qualifikationen (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 164; Burzan 2011, S. 31).

Nach den Autoren Hradil (2005, S. 62), Huinink und Schröder (2008, S. 164 f.) weist die funktionalistische Betrachtungsweise in vielerlei Hinsicht Unklarheiten und Fehleinschätzungen auf. Dazu zählt zum einen die Unterstellung, dass in Gesellschaften Einigkeit über die gesellschaftliche Bedeutung sozialer Positionen und deren verbundene Entlohnung herrsche. Dies trifft in kaum einer Gesellschaft zu. Zum anderen zählt die These dazu, dass die zentralen sozialen Positionen mit den höchsten Sonderrechten einhergehen. Dies kann man ebenfalls widerlegen (ebd.).

4.1.4 Theorie nach Theodor Geiger - Das Schichtmodell

Eine Schicht beschreibt nach dem Soziologen Geiger eine bestimmte Lage, welche die Sozialstruktur einer Gesellschaft kennzeichnet (vgl. Burzan 2011, S. 26 ff.).

Die Klasse ist eine nach Geiger spezielle Form, bei der die Produktionsverhältnisse das „dominante Schichtungsprinzip“ darstellen. Die Schichtung nach der Berufsart wird dominierend bezeichnet (ebd.).

Der deutsche Soziologe Theodor Geiger bestimmt den Schichtungsbegriff durch drei Aspekte. Ein Aspekt betrachtet die soziale Lagerung. Die Schichtmitglieder befinden sich in einer objektiv ähnlichen Ebene. Kriterien für die soziale Lagerung sind Lebensstandards, Privilegien, Rang und öffentliches Ansehen. Der zweite Aspekt beschäftigt sich mit den Schichtdeterminanten, d.h. Positionen in bestimmten Einflussstrukturen sowie der Verfügbarkeit von Ressourcen, die den Zugang zu sozialstrukturellen Positionen ermöglichen (berufliche Stellung, Verhältnis zu Produktionsmitteln). Der dritte und letzte Aspekt Geigers beinhaltet die Schichtmentalität, wozu schichtspezifische Ausprägungen des Denkens, Mentalitäten sowie Werte, Interessen und Handlungsmuster zählen.

Geiger (1932, 1963) präferiert das Dominanzmodell, wobei er annimmt, dass es immer eine dominante Schichtungsdimension gibt (vgl. Huinink & Schröder 2008, S. 177 f.). Huinink und Schröder (2008, S. 177) üben Kritik indem sie anmerken, dass Geigers Differenzierungen wenig systematisch sind und die ersten beiden Aspekte nur bedingt den Determinanten sozialer Ungleichheit entsprechen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Bildungschancen in Deutschland. Einfluss der sozialen Herkunft
Hochschule
Universität Kassel
Note
1.3
Autor
Jahr
2016
Seiten
28
Katalognummer
V416689
ISBN (eBook)
9783668700703
ISBN (Buch)
9783668700710
Dateigröße
1169 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale Herkunft, Bildungschancen
Arbeit zitieren
Josefine Richter (Autor), 2016, Bildungschancen in Deutschland. Einfluss der sozialen Herkunft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416689

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