Was will André Bazins "Ontologie des photographischen Bildes" ausdrücken?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2017
11 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

I Einleitung

II Hauptteil
II.1 Ursprünge der Zeitkonservierung
II.2 Krise der Malerei im 19. Jahrhundert
II.3 Die Erlösung der Malerei durch die Fotografie
II.4 Die Abwesenheit des Menschen in der Fotografie
II.5 Die Unvoreingenommenheit des Fotos
II.6 Fotografie heute
II.7 Film als Vollendung der fotografischen Objektivität in der Zeit

III Fazit

I. Einleitung

Die Ontologie ist ein Teilgebiet der Philosophie, welches sich mit Fragen der Realität beschäftigt, oder anders ausgedrückt mit dem, was IST. So handelt André Bazins Essay „Ontologie des photographischen Bildes", welcher erstmals 1945, und später, im Jahre 1958 als Teil des Gesamtwerks „Was ist Film?" erschienen ist von der Funktion der Fotografie, das Vergängliche zu konservieren.

II. Hauptteil

II.1 Ursprünge der Zeitkonservierung

Der Text beginnt mit einer Erklärung des Ursprungs der Bildenden Künste. Bazin sieht diesen im Einbalsamieren von Toten, im Versuch, das längst von uns Geschiedene durch Methoden der Mumifizierung, wie sie beispielsweise die alten Ägypter anwandten, am Leben zu erhalten. Das Fortbestehen des Körpers war ein Symbol für das Fortbestehen des Lebens, was so konserviert wurde, wie es einst lebendig war, würde noch lange Zeit überdauern, denn was IST, das LEBT auch weiter. Dieses Phänomen ist in Verbindung zu setzen mit der bekannten Redewendung „Aus dem Auge, aus dem Sinn", die darauf anspielt, dass was nicht mehr existent, also nicht mehr sichtbar ist, einen auch nicht mehr im Geiste beschäftigt, dass man vergisst, was man nicht sieht. Um dem Vergessen, dem „Zweiten Tot" einer Person vorzubeugen, wurden Leichen also konserviert und so künstlich am Leben gehalten.

So gesehen war das Einbalsamieren von Toten also eine Vorstufe dessen, worum sich Jahrhunderte später die Malerei und heute die Fotografie bemühen: „[...] die Schaffung eines ideellen Universums nach dem Bilde des wirklichen, das eine von diesem unabhängige Zeitlichkeit hat"1

Der Praxis, den Moment oder das bereits Vergangene zu konservieren und auf alle Ewigkeit festzuhalten, wird im Text beschrieben als eine Art Defizit des Menschen, als Kampf gegen die Zeit, als wolle der Mensch es nicht wahrhaben, dass diese vergeht, Momente einmalig sind und Menschen von uns gehen. Als versuche der Mensch, sich durch das Schaffen einer Alternative zur Realität selbst zu betrügen und sich selbst vor der Tatsache zu schützen, dass eben doch alles vergänglich ist. Hediger vergleicht den von Bazin hierfür gewählten Begriff des „Mumienkomplex"2 mit dem des „Ödipuskomplex"3. Beide beinhalten einen Aspekt der Perversion4. Der vorhandene Komplex speise den Wunsch nach Realität und Wirklichkeitsübertragung, wie der Ödipuskomplex die Rivalität zwischen Sohn und Vater speist5.

Mit dem Wandel der Zeit, der unweigerlich auch einen Wandel der Menschheit mit sich brachte, entwickelte sich diese ursprüngliche Idee, das Materielle zu einer bleibenden Erscheinung werden zu lassen, hin zu einer Tendenz nun das Geistige, die mit bestimmten Situationen verbundenen Gefühle zu konservieren, was sich in der Malerei wiederspiegelt.

II.2 Krise der Malerei im 19. Jahrhundert

Wenn man die Malerei betrachtet, zeigt sich sowohl ein Wandel des Anspruchs an das Bild, als auch ein daraus resultierender Wandel der Praktiken und Methoden.

Während Künstler es ursprünglich vorrangig zum Ziel hatten, ihre Realität auf eigene Art und Weise darzustellen und ihr somit einen eigenen Charakter zu schenken, wandelte sich im 15. Jahrhundert der Stil hin zum Realismus und der möglichst originalgetreuen Darstellung von Motiven.

Als entscheidenden Faktor, diesen Realismus möglichst akkurat ausarbeiten zu können, sieht Bazin die Entdeckung der Perspektive: „Sie ermöglichte es dem Künstler die Illusion eines dreidimensionalen Raumes zu erwecken, indem er die Dinge so anordnete, wie sie in unserer unmittelbaren Wahrnehmung erscheinen."6 Durch das perspektivische Abbilden von Gegenständen konnten so Relationen im Raum realistisch gezeigt werden und die Illusion eines dreidimensionalen Raumes entstand. Dass ein Bild, welches perspektivisch gemalt wurde, auch auf den Betrachter einen viel realistischeren Eindruck macht, als ein plakatives 2D Gemälde ist selbstverständlich. Durch die Einführung der Perspektive in die moderne Malerei wurde so der Wunsch nach Realismus in der Malerei und der Ähnlichkeit des Festgehaltenen an der Realität ein Stück weit befriedigt.

Was an Positivem hinzu kam, brachte auf der anderen Seite aber einen neuen Konflikt im Inneren der Malerei zum Vorschein: Der Zwiespalt zwischen Ästhetik, dem Wunsch des Künstlers, seine Gedankenwelt symbolisch zu Papier zu bringen und dem simplen Duplizieren der Realität.

Diesen Konflikt gewann, wenn man das denn so sagen kann, das Bedürfnis der Reproduktion der Realität, was sich im Aufleben der Kunstrichtung des Realismus widerspiegelt.

Wenn ein Moment festgehalten war, so gab es bereits unzählige Neue, die darauf warteten, in einem Gemälde für immer unvergänglich gemacht zu werden. Die Menschheit war besessen von ihrem Bedürfnis nach Illusion: „[...] es ist so anziehend und wirkungsmächtig, dass es das Gleichgewicht in der bildenden Kunst von Grund auf zerstört hat."7

II.3 Die Erlösung der Malerei durch die Fotografie

Als im 19. Jahrhundert die Fotografie erfunden wurde, löste sich gleichzeitig die Malerei von dem Jahrhunderte lang währenden Konflikt der „Ähnlichkeitsbesessenheit"8. Dadurch, dass nun eine Methode gefunden wurde, Gegenstände, Menschen oder Situationen endgültig realistisch abzubilden, war der Anspruch an die Malerei, eben dies zu versuchen, nicht mehr so dringlich.

Was die Fotografie mit Leichtigkeit schafft, war zuvor in der Malerei nur eine Täuschung des Betrachters: Ein Gemälde könnte niemals so realitätsgetreu sein wie eine Fotografie, „ein Zweifel lag auf dem Bild, weil ein Mensch es geschaffen hatte."9 Indem den Menschen durch die Erfindung der Fotografie endlich die Möglichkeit zur spontanen, objektiven Widergabe der Realität gegeben wurde, konnte die Malerei wieder zu dem werden was sie einst war: Kunst, losgelöst von jeglichen Erwartungen an sich selbst, l'art pour l'art.

Der technische Fortschritt war, so Bazin, nicht einmal das Hauptargument der Fotografie, so bot sie zu damaligen Zeiten lange nicht die gleiche Farbfülle, die bei der Malerei zum Einsatz kam, und auch nach der Erfindung des Farbfilms war die Fotografie, was die Echtheit der Farben anging, keineswegs derer der Künste überlegen.

II.4 Die Abwesenheit des Menschen in der Fotografie

Was die Fotografie so besonders und angesehen machte, war die Tatsache, dass ein Foto nicht durch Menschenhand entstand, sondern rein mechanisch. Damit ist sie die einzige Kunst, die auf der „Abwesenheit des Menschen"10 beruht. Das führt dazu, dass man sie als „natürliches Phänomen"11 sieht, sie wird so akzeptiert wie sie ist und ist nicht anzweifelbar. Das Einzige, was der Mensch zu tun hatte, war einen Befehl zu geben, dass ein Foto gemacht werden soll. Im Endprodukt spiegelt sich dieses Mitwirken aber nicht wider, da das Bild selbst nicht von Menschenhand erschaffen wurde. „Die Lösung lag nicht im Ergebnis, sondern in der Entstehung."12 Es ging also um den Weg bis zum Foto und gar nicht um das Foto selbst.

Nichts desto trotz hat ein Fotograf, vor allem, wenn man explizite Kompositionen betrachtet und nicht ein spontan geschossenes Foto des Alltags, die Macht, Dinge auf dem Foto anders darzustellen als sie in der Realität sind. Er ordnet Gegenstände in einer bestimmten Weise an, wählt eine bestimmte Perspektive, drückt in einem bestimmten Moment den Auslöser. Der Fotograf hat also auch seine Finger im Spiel und so die Möglichkeit, einen eigenen Stil zu entwickeln. Dieser mag zwar im Foto sichtbar sein, allerdings ist die Macht, die ein Fotograf über sein Endprodukt hat, nichtig, wenn man sie mit der des Malers vergleicht, wo jeder Pinselstrich aufs Neue ein einzigartiges Kunstwerk schafft, was durch Menschenhand niemals eins zu eins reproduzierbar wäre. Genau so wie ein Kunstwerk selbst niemals zu hundert Prozent exakt die Realität reproduzieren könnte.

Allein die Technik einer Kamera, so Bazin, gibt der Menschheit die Möglichkeit, einen Gegenstand in der Realität durch etwas zu ersetzen, was noch besser ist als der eigentliche Gegenstand: Das Abbild eines Gegenstandes, welches alle Charakteristika besitzt, die der Gegenstand selbst auch in sich vereint, allerdings ist das Abbild im Gegensatz zum Gegenstand selbst „[...] befreit von den Zufällen seiner Zeitlichkeit"13, es ist unsterblich, es wird als solches wahrgenommen und nicht im Kontext einer bestimmten Situation.

Laut Bazin ist dies der Grund, weshalb die Fotografie, im Gegensatz zur Kunst, keine Ewigkeit schafft, nein „[...] sie balsamiert die Zeit ein, entzieht sie [...] ihrem Verfall"14, da sie das Leben bloß zu einem bestimmten Zeitpunkt anhält. Dazu braucht es nicht, wie in der Malerei, Talent oder Kreativität, es braucht nicht einmal das Einwirken des Menschen, es genügt einfach die „leidenschaftslose Mechanik"15 um den Moment vor dem Vergessen werden zu bewahren. Diese Kritik Bazins an der Fotografie ist teilweise zumindest zurück zu führen auf das Erscheinungsjahr des Textes. Im Jahr 1945 war die Technik der Fotografie in keinster Weise mit der Heutigen zu vergleichen. Was damals „graue, phantomhafte Schatten"16 von Menschen waren, welche man kaum als solche erkennen konnte, sind heute umständlich umgesetzte Bildkompositionen von Fotografen.

Nicht jeder hat das Wissen ein fotografisch gutes Bild umzusetzen, nicht jeder kennt sich aus mit ISO-Werten, der Belichtungszeit oder der Blende einer Kamera. Die Möglichkeiten, heute eine Fotografie anzufertigen sind viel zahlreicher und benötigen viel mehr Zutun des Menschen als damals.

II.5 Die Unvoreingenommenheit des Fotos

Als ganz besondere Qualität der Fotografie sieht Bazin, dass sie es schafft den Blick des Betrachters von jeglichem Vorurteil und jeglicher Gewohnheit zu befreien. Wenn man also in der Realität ein bestimmtes Phänomen betrachtet, wie beispielsweise die Sonnenstrahlen, wie sie zum Fenster hereinstrahlen oder den obligatorischen Schatten, den jeder mit sich trägt, so nimmt man es komplett anders wahr, als wenn eben jenes Phänomen auf einer Fotografie festgehalten wurde. Ein Bild gibt uns also die Gabe, das Gezeigte überhaupt erst wahrzunehmen, wo wir es sonst vielleicht einfach nur hingenommen hätten. Wir können das Motiv wieder mit unvoreingenommenem Blick betrachten, was uns gleichzeitig ermöglicht, es anders wahrzunehmen, anders zu beurteilen und neue Schlüsse aus dem Gesehenen zu ziehen. Die Fotografie erweitert sozusagen unseren durch uns selbst eingeschränkten Horizont.

II.6 Fotografie heute

Heute, mehr als 70 Jahre nachdem Bazin den Essay „Ontologie des photographischen Bildes" verfasste, hat sich in der Fotografie viel verändert.

[...]


1 André Bazin: Ontologie des photografischen Bildes. In: ders.: Was ist Film? hg. von Robert Fischer, Berlin 2004, S.34.

2 Bazin: Ontologie des photografischen Bildes 2004, S. 33.

3 Von Freud geprägter Begriff um eine frühkindlich sich entwickelnde Beziehung zum gegengeschlechtlichen Elternteil zu beschreiben.

4 Vgl. Vinzenz Hediger: Das Wunder des Realismus. Transsubstantiation als medientheoretische Kategorie bei André Bazin. In: montage/av 18 (2009) S.75-107. S.93.

5 Ebd. S.90.

6 Bazin: Ontologie des photografischen Bildes 2004, S.34f.

7 Bazin: Ontologie des photografischen Bildes 2004, S.35.

8 Ebd. S.36.

9 Ebd.

10 Vgl. Bazin: Ontologie des photografischen Bildes 2004, S.37.

11 Ebd.

12 Ebd. S.36.

13 Ebd. S.37.

14 Ebd. S.39.

15 Bazin: Ontologie des photografischen Bildes 2004, S.39.

16 Vgl. Ebd. S.37f.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Was will André Bazins "Ontologie des photographischen Bildes" ausdrücken?
Hochschule
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
11
Katalognummer
V416697
ISBN (eBook)
9783668666658
ISBN (Buch)
9783668666665
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medien, Medienkultur, Bazin, Andre Bazin, Ontologie, Fotografie, Textzusammenfassung, Zeitkonservierung, Malerei, Ontologie des photographischen Bildes, fotografische Objektivität, Krise der Malerei, Hausarbeit
Arbeit zitieren
Leonie Apostel (Autor), 2017, Was will André Bazins "Ontologie des photographischen Bildes" ausdrücken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416697

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