Schulabsentismus und Schulvermeidung. Einflussfaktoren aus der Perspektive jugendlicher Schulabbrecher


Hausarbeit, 2018
11 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Forschungsstand
2.1. Begründung der Studienauswahl
2.1.1 „Die Zukunft verlieren“ von Margrit Stamm
2.1.2 „Quo Vadis Bildung? Eine qualitative Längsschnittuntersuchung zum Phänomen des Early School Leaving“ von Erna Nairz- Wirth

3 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der modernen Leistungsgesellschaft gelten schulische Abschlüsse und Zertifikate als Voraussetzung einer Berufsaufnahme und der erfolgreichen Integration in die Gesellschaft. Gelingt dies nicht, so sind die Betroffenen dem Risiko des Ausschlusses vom Arbeitsmarkt ausgesetzt. Es drohen weitreichende Folgen der sozialen Stigmatisierung und Marginalisierung, denn in der meritotkratischen Leistungsgesellschaft ist der Status des Einzelnen eng mit dem durch schulische Leistungen erworbenen Berufsstatus verknüpft (Ehmann & Rademacker 2003, p. 27). Doch nicht alle jungen Menschen nehmen Bildungsangebote wahr, Schüler[1] bleiben dem Unterricht bewusst fern, verpassen Bildungsziele und verbleiben ohne Abschluss. Gemäß der europaweiten Studie „Verringerung der Schulabbrecherquote in der EU“ verlässt jeder siebte Europäische Jugendliche das Schulsystem ohne einen Schulabschluss, welcher ihm Teilhabe am Berufsleben und somit aktive Partizipation an der wissensbasierten Leistungsgesellschaft ermöglicht (Nevala 2011, p. 7). Die Studie prognostiziert jungen Menschen, welche ohne Abschluss verbleiben, Schwierigkeiten im Zugang zu Lebenschancen- ein verpasster Schulabschluss mündet häufig in prekäre Arbeitsverhältnisse bis hin zur Arbeitslosigkeit. So handelte es sich im Jahr 2009 bei 472.400 der rund drei Millionen als arbeitslos gemeldeten Deutschen um Schulabbrecher (Nevala, 2011, S. 9). Schulabsentismus gilt innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses als Risikofaktor für deviantes Verhalten und kann Delinquenz zur Folge haben, da die Jugendlichen von in der chule vermittelten Normen und werten entkoppelt werden (Ricking 2011, S 16). Was bewegt junge Menschen dazu, dem Schulunterricht dauerhaft fernzubleiben, die schulische Versetzung und somit die eigene Bildungsbiographie bewusst zu gefährden? Inwiefern wirken sich soziale und persönliche Merkmale auf schulvermeidendes Verhalten bis hin zum Schulabbruch aus? Die Frage, welche Bedingungen dazu führen können, dass Jugendliche das allgemeinbildende Schulsystem ohne einen weiterführenden Abschluss verlassen, steht im Zentrum vorliegender Arbeit und wird anhand folgender Fragestellung konkretisiert: „Welche Einflussfaktoren wirken auf schulvermeidendes Verhalten aus der Perspektive jugendlicher Schulabbrecher?“

Die Arbeit ist folgendermaßen gegliedert: Nach der einleitenden Darstellung des Themas, der Herleitung der konkreten Fragestellung sowie der Definition relevanter Begriffe wird im zweiten Kapitel eine ausführliche Diskussion der gewählten empirischen Studien zur Thematik vorgenommen. Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Beleuchtung der gewählten Studien hinsichtlich bestehender Forschungslücken sowie der Ableitung von Forschungsdesiderata. Im vierten Kapitel wird die Forschungsfrage präzisiert sowie das methodische Vorgehen erläutert, welches für deren Beantwortung als geeignet erachtet wird. Den Abschluss der Arbeit bildet in Fazit.

Die wissenschaftliche Literatur kennt vielfältige Begrifflichkeiten für das Phänomen des dauerhaften Fernbleibens vom schulischen Unterricht. Genannt werden „Schulschwänzen“ „Schulabsentismus“ sowie „Schulvermeidung“, wobei kein verbindlicher Konsens über deren Deutung existiert (Wagner 2007, Sp. 22–25). Nach Ricking stellt Schulabsentismus die Manifestation einer die Schule ablehnenden Einstellung auf Verhaltensebene dar (vgl. Ricking 2003, S. 15-18). Die Phänomene „Schulabsentismus“, „Schulschwänzen“ und „Schulvermeidung“ werden in vorliegender Hausarbeit synonym gebraucht. Die Begriffe bezeichnen das regelmäßige unerlaubte Fernbleiben vom schulischen Unterricht ohne Wissen der Eltern und können Vorstufen des Schulabbruchs beziehungsweise Drop- outs darstellen (vgl. Seeliger 2016 S. 29). In Anlehnung an Stamm werden die letztgenannten Phänomene in vorliegender Hausarbeit als ein Verlassen des allgemeinbildenden Schulsystems ohne einen weiterführenden Schulabschluss begriffen (vgl. Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 25–27). Hierbei bezeichnet Drop- out sowohl die prozedurale als auch die personelle Komponente des Schulabbruchs.

2 Forschungsstand

Im folgenden Kapitel erfolgt eine Darstellung sowie Diskussion ausgewählter empirischer Studien hinsichtlich der formulierten Forschungsfrage. Im Vorfeld werden Kriterien aufgestellt, welche die Wahl der Studien leiten.

2.1. Begründung der Studienauswahl

Die in vorliegender Arbeit dargestellten Studien werden hinsichtlich folgender Kriterien ausgewählt: Zum einen sollen sie das multifaktorielle Bedingungsgefüge thematisieren, in welchem sowohl Schulabsentismus als auch Schulabbruch eine Rolle spielen. Zum anderen sollen sie untersuchen, in welchen Kontext schulvermeidendes Verhalten eingebettet ist und den Blick auf die Perspektive der betroffenen Jugendlichen fokussieren. Aus diesem Grund wird bei der Diskussion von Studien, in welchen sowohl qualitative als auch quantitative Methoden zur Anwendung kommen, bewusst nur der qualitative, die Subjektperspektive beleuchtende Teil berücksichtigt.

2.1.1 „Die Zukunft verlieren“ von Margrit Stamm

Bei dieser Längsschnittstudie handelt es sich um ein Forschungsdesign, welches sich sowohl quantitativer als auch qualitativer Methoden bedient (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 61–78) Es wird untersucht, welche Faktoren zu einem Drop- out aus dem Schulsystem in der Schweiz führen können. Die Studie formuliert folgende Zielsetzung: Neben einer Charakterisierung der Zielgruppe- der jugendlichen Schulabbrecher- sollen individuelle sowie soziale Bedingungsfaktoren des Drop-outs sowie Entwicklungspfade der Betroffenen im Prozess der schulischen Entkopplung aufgezeigt werden (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 61).

Die Grundlage der Längsschnittstudie bildeten zwei Erhebungsphasen: Zunächst wurden im Sommer 2007 Daten von über 3700 schweizer Schülern und Schülerinnen der achten und neunten Klassen mittels eines Fragebogens erhoben. Genanntes Vorgehen entspricht einer Querschnittsbefragung quantitativer Art (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 62). Das Sampling erfolgte anhand einer nach Region, Schulniveau und Schuljahr geschichteten Zufallsstichprobe. Elf der 26 Schweizer Kantone wurden untersucht, es besteht somit keine Repräsentativität über diese hinaus. Die zweite Phase der Erhebung bildete eine 3- stufige qualitative Befragung. In 51 Schulen wurde 3708 Schüler und Schülerinnen in Form einer qualitativen Panelbefragung-untersucht- zum Einsatz kamen in der ersten Phase problemzentrierte, in der zweiten Phase halbstandardisierte telefonische Interviews. Zusätzlich erfolgte eine schulische Ermittlung der Schulabbrecher mittels Erfassungsbögen (ebd. S. 62). In der Auswertung wurden zwar N=101 Drop- outs ermittelt, jedoch wird kritisch angemerkt, dass durch die Schulen Schülercodes abhanden kamen sowie einige Schüler die Befragung verweigerten, was die Repräsentativität dieser Studienphase beeinträchtigt (ebd., S. 62). Die Erhebung lieferte eine Stichprobe von 51 Schulabbrechern, welche, wiederum anhand problemzentrierter Interviews, befragt wurden

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1:Schematische Darstellung des Forschungsdesigns

(Quelle: Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 61)

Bei den Interviews handelte es sich um problemzentrierte Interviews nach Witzel, deren Schwerpunkt der Verlauf des schulischen Entkopplungsprozess bis hin zum Schulabbruch bildete (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 72). Die Jugendlichen wurden zusätzlich hinsichtlich relevanter Einflussdimensionen untersucht Die Interviews fanden im häuslichen Umfeld der Befragten statt.

Anhand der Auswertung der 163 qualitativen Interviews auf Grundlage der empirischen Typenbildung nach Kluge wurden Motive und Bedeutungszuweisungen der Drop- outs analysiert, einem Fallvergleich unterzogen und hinsichtlich gemeinsamer empirischer Charakteristika zu fünf Typen von Drop- outs zusammengefasst. Der Vergleich ermöglichte eine Typsierung hinsichtlich der Falldimensionen „Akteure“, „Individuum““ und „Kontexte“ (ebd., S 74). Durch Kombination und Analyse der Falldimensionen wurden zunächst Merkmalsausprägungen ermittelt und anschließend fünf Drop- out- Typen zugeordnet.

Tabelle1: Merkmale der Vergleichsdimensionen (eigene Darstellung. Quelle: Stamm & Holzinger- Neulinger 2012, S. 77-78)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Folgenden werden die anhand der Vergleichsdimensionen charakterisierten Drop- out Typen erläuternd dargestellt.

1. Die „Gemobbten“ (16% der Stichprobe): Für diesen Typus der Schulabbrecher sind die Kontexte „Peer Group“ und „Individuum“ besonders relevant (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, p. 89). Die Jugendlichen zeichnen sich durch ein negatives Selbstbild aus, welches aus Ausgrenzungserfahrungen innerhalb der Klassengemeinschaft resultiert (Stamm & Holzinger-Neulinger 2012, S. 89). Die befragten Jugendlichen beschrieben ein Spektrum des schulischen Mobbings von verbalen Anfeindungen über telefonische Belästigung bis hin zu körperlicher Gewalt. Die wahrgenommene psychische Belastung führte zur Ausbildung von Schulangst, Motivationsverlust sowie einem Absinken der schulischen Leistungen und wurde durch die Schüler als entscheidender Beweggrund für den selbst initiierten Schulabbruch genannt, welcher im Nachhinein als Erleichterung empfunden wurde. (ebd.).

[...]


[1] In vorliegender Arbeit wird aus Gründen der Einheitlichkeit der maskuline Genus verwendet. Es sei darauf hingewiesen, dass stets beide Geschlechter angesprochen sind.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Schulabsentismus und Schulvermeidung. Einflussfaktoren aus der Perspektive jugendlicher Schulabbrecher
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für Kultur- und Sozialwissenschaften)
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
11
Katalognummer
V416711
ISBN (eBook)
9783668664166
ISBN (Buch)
9783668664173
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulvermeidung, Schulabsentismus, Drop- out empirische Sozialforschung
Arbeit zitieren
Katarina Kozakiewicz (Autor), 2018, Schulabsentismus und Schulvermeidung. Einflussfaktoren aus der Perspektive jugendlicher Schulabbrecher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416711

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Schulabsentismus und Schulvermeidung. Einflussfaktoren aus der Perspektive jugendlicher Schulabbrecher


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden