Das inklusive Potenzial des Parasports. Empowerment von Menschen mit Behinderung im Leistungssport


Fachbuch, 2018
90 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsbestimmungen
2.1 Behinderung
2.2 (Behinderten-)Leistungssport
2.3 Paralympische Spiele
2.4 Special Olympics
2.5 Deaflympics

3 Theoretischer Ansatz
3.1 Inklusion
3.2 Menschenbild im Sport
3.3 Ansätze für ein ganzheitliches Menschenbild
3.4 Darstellung von Behinderung und Sport in den Medien
3.5 Zusammenfassung

4 Inklusion im und durch Leistungssport
4.1 Inklusion und Empowerment
4.2 Segregation und Disempowerment
4.3 Zusammenfassung und Kategorisierung der Variablen

5 Schlussfolgerungen und Ausblick

Quellenverzeichnis

Zusammenfassung

Die Möglichkeiten für Menschen mit Behinderungen an Sport- und Bewegungsangeboten teilzunehmen, reichen vom Freizeit- bis zum Behindertenleistungssport. Leistungssport ist ein Bereich des Sports, der sich v. a. in seiner Zielsetzung und betriebenen Intensität vom Freizeit- und Breitensport unterscheidet. Bestimmte Kategorien (Geschlecht, Behinderung, ...) beeinflussen die Wahrnehmung der sportlichen Leistung. Behindertenleistungssport scheint in einem Spannungsverhältnis zu stehen. Vor dem Hintergrund von Luhmanns Systemtheorie, anthropologischen Überlegungen zu einem ganzheitlichen Menschenbild und dem Menschenbild im Sport soll in dieser Arbeit, anhand einer Literaturanalyse untersucht werden, welche inklusiven Potentiale im Behindertenleistungssport liegen. Inklusion wird dabei als Gegenentwurf zu sozialer Ausgrenzung bestimmter Personen/Gruppen aus bestimmten Bereichen der Gesellschaft aufgrund verschiedener Aspekte verstanden. Es werden zwei Ebenen betrachtet: die Inklusion durch Leistungssport und die Inklusion im Leistungssport. Am Beispiel der Paralympischen Spiele, der Special Olympics und der Deaflympics werden Faktoren für Empowerment und Disempowerment sowie Inklusion und Segregation erläutert und reflektiert.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Bewegung ist ein elementarer Bestandteil der menschlichen Existenz. Körperliche Aktivität, Sport und Spiel bestimmen seit Jahrtausenden Leben und Kultur des Menschen. Sport ist ein vielschichtiges Phänomen, universell und erreicht in seinen unterschiedlichen Abstufungen jeden – vom Kind bis zum Senioren, als Zuschauer oder selbst aktiven Sportler in organisierten Strukturen oder privat. Das macht Sport zu „one of the most prominent, pervasive, and important cultural institutions“ (Butler & Bissell, 2015, S. 231). Sport ist ein mächtiges System in Bezug auf Meinungsbildung, Identitätsbildung und Konstruktion bestimmter Normvorstellungen. Körperliche Schönheitsideale werden genauso entworfen, gefestigt und publiziert wie Männlichkeit, Weiblichkeit oder Fähigkeit/Können. Spitzensportler sind Vorbilder nicht nur für die Ausübung einer Sportart, sondern auch für Mode, Lebensstil und kulturelle Werte. Sport ist Teil der Gesellschaft, wird durch sie konstruiert und spiegelt somit gesellschaftliche Werte wider (vgl. DePauw, 1997, S. 418). Wettbewerb, Sieg und Niederlage sind allgegenwärtige Begriffe. Leistung und Wettbewerb bilden Hierarchien innerhalb einer Gesellschaft. Hierarchien lassen sich auch im Sport wiederfinden (z. B. im Kadersystem oder in Bezug auf Platzierungen). Der binäre Code des Gewinnens und Verlierens wird v. a. im Leistungssport auf die Spitze getrieben. Die Historie des Sports besteht zu einem Großteil aus Statistiken, Messungen und Rekorden. Dabei werden nicht nur die Leistungen der Athleten gemessen, sondern auch die Athleten selbst vermessen.

Bestimmte Ausprägungen des menschlichen Daseins werden als normal, natürlich und perfekt bestimmt. Normalität ist eine soziale Konstruktion, die sich an der Idealvorstellung einer Merkmalsausprägung orientiert. Dabei werden dichotome Kategorien gebildet, die ein Individuum als entweder-oder einstufen (normal/abnormal, behindert/nicht behindert, ...). Diese Merkmale sind relativ verfestigt und die Zuschreibungen sind stabil. Dabei sind Körper keine starren Gebilde, sondern sind in ihrer physischen Form, ihrem Erscheinungsbild und ihren Fähigkeiten von Person zu Person verschieden, ändern sich im Laufe des Lebens und in verschiedenen Kontexten. Normen werden von denen geteilt, gerechtfertigt und kontrolliert, die sich selber als normal ansehen. Die Aufrechterhaltung dieser binären Begriffe geschieht innerhalb gesellschaftlicher Systeme (vgl. Butler & Bissell, 2015, S. 229f.; S. 232f.).

Die Gesellschaft als Ganzes besteht aus verschiedenen sozialen Systemen (z. B. Wirtschaft, Politik, Sport, Medien, …). Die einzelnen Systeme innerhalb der Gesellschaft sind funktional voneinander abgegrenzt und bilden eine autopoietische Geschlossenheit, das heißt, die Systeme reproduzieren sich mithilfe systemeigener Methoden und erhalten sich damit am Leben. Trotz ihrer Selbstreferenz und Differenz stehen die einzelnen Systeme im Austausch miteinander (Systemtheorie nach Luhmann (1997)). Einzelne Personen sind mal mehr und mal weniger in die einzelnen Systeme inkludiert (Ahrbeck, 2014, S. 24f.). Bei der Betrachtung von Normen, Systemen und Handlungen liegen immer Menschenbilder zugrunde. Es gibt eine Vielzahl an Menschenbildern, abhängig von der Kultur oder dem sozialen System. Menschenbilder sind idealisierte und generalisierte Vorstellungen, wie der Mensch ist oder sein sollte. Sie haben eine Orientierungsfunktion und sind handlungsleitend. Sie besitzen auch eine ästhetische, innovative und kritische Funktion. Unter anderem transportieren Medien diese Menschenbilder (vgl. Drexel, 2003, S. 300f.). Medien haben großen Einfluss auf die Meinungsbildung. Systeme nutzen diese Möglichkeit, um ihre Werte und Ziele in der Gesellschaft zu verbreiten, Aufmerksamkeit zu bekommen oder um Sponsoren und Einfluss zu erhalten (vgl. Counsell & Agran, 2012, S. 250). Die Systeme Sport und Medien stehen in einem engen Austausch. Der Sport wird von den Medien auf bestimmte Art und Weise inszeniert. Der Körper nimmt dabei eine zentrale Rolle ein. Die Bedeutung des Körpers und seine Ästhetik nehmen gesellschaftlich zu. Das wird nicht nur im Fitnessboom deutlich, sondern auch in der medialen oder persönlichen Präsentation des Körpers als identitätsstiftendes Merkmal. Diese Körpervorstellungen und -ideale sind gesellschaftlich konstruiert und bestimmen, wie der normale Körper auszusehen hat und welche (sportlichen) Bewegungen und Fähigkeiten als angemessen gelten. Dabei sind körperliche Fähigkeiten und Fertigkeiten nichts, was gesellschaftlich konstruiert werden müsste, da sie biologisch und physikalisch determiniert sind. Diese Konstruktion normativer körperlicher Werte birgt die Gefahr, dass bestimmte Menschen von der Gesellschaft ausgeschlossen werden, wenn sie die vorgegeben Werte nicht erfüllen (sei es auf der funktionalen oder der ästhetischen Ebene). Davon können nicht nur Menschen mit Behinderung betroffen sein (vgl. Giese & Ruin, 2016).

Behinderung wird mit Schwäche, Abhängigkeit, Unfähigkeit und mangelnder Leistungsfähigkeit assoziiert, Sport dagegen mit Stärke, Fitness, Dominanz, Wohlbefinden und Leistungsvermögen (vgl. Kauer-Berk & Bös, 2015, S. 89; Steadward, 1996, S. 26). So wird Behinderung als das genaue Gegenteil verstanden, also nicht als etwas Multifaktorielles, sondern als etwas nicht Können können und greift damit eine längst veraltete medizinische Definition auf.

„Ability is at the center of sport and physical activity. Ability, as currently socially constructed, means 'able' and implies a finely tuned 'able' body'“ (DePauw, 1997, S. 423).

Ableism nennt man im englischsprachigen Raum die Diskriminierung von Menschen aufgrund von (nicht vorhandenen) Fähigkeiten und ihres atypischen Körpers. Sport ist vornehmlich von nichtbehinderten Menschen für nichtbehinderte Menschen konstruiert. Behindertensport scheint daher zwei unvereinbare Konstrukte (Sport und Behinderung) zu beinhalten.

Der deutsche Behindertensport in seiner organisierten Form hat seine Ursprünge in der Nachkriegszeit der 1940er Jahre. Davor wurde er eher informell an den Blinden- und Gehörlosenschulen betrieben. Einzig der Gehörlosensportverband gründete sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts. Nach dem 2. Weltkrieg organisierten sich Kriegsversehrte in Sportvereinen und gingen einem geregelten Sportbetrieb auch auf leistungssportlicher Ebene nach. Die kriegsversehrten Sportler bildeten eine homogene Gruppe, die sich teilweise schon sehr lange kannten und sie blieben in den Vereinen meist unter sich. „Alle empfanden sich trotz ihrer Verwundung als sportliche und nationale Elite. Sie hatten ein entsprechendes (sportliches) Selbstbewusstsein, und sie verhielten sich auch so" (Krüger & Wedemeyer-Kolwe, 2012 S. 118). Erst gesellschaftliche Entwicklungen verdrängten den Behindertensport ins Abseits (vgl. ebd. 119f.). In den 1970er Jahren fand eine Öffnung der Vereine für alle sport- und bewegungsinteressierten Menschen mit Behinderung statt, da das ursprüngliche Klientel in die Jahre gekommen war. 1972 wurde der Deutsche Behindertensportverband (DBS) vom Deutschen Sportbund (DSB) als ordentlicher Verband aufgenommen. Der DBS ist heute bundesweit für den Leistungssport verantwortlich. Er setzt sich aus den einzelnen Landesverbänden sowie dem Deutschen Schwerhörigen-Sportverband (DSSV) und dem Deutschen Rollstuhl-Sportverband (DRS), die eigene Dachverbände darstellen, zusammen. Special Olympics Deutschland (SOD) ist außerordentliches Mitglied. Der DBS ist gleichzeitig das Nationale Paralympische Komitee (NPC) und somit Mitglied des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC). Der Behindertensport ist ein differenziertes System, das für alle Altersgruppen ein Angebot in unterschiedlichen Sportgruppen (allgemein und behinderungsspezifisch) anbietet; es gibt Angebote im Rehabiliations-, Breiten- und Freizeit- sowie Leistungssport. Neben den bestehenden separaten Sportmöglichkeiten bildeten sich auch integrative Projekte, die v. a. im Freizeitsport schnell ausgebaut wurden (vgl. Doll-Trepper, 2015, S. 18ff.; Scheid, Rank & Kuckuck, 2003, S. 13; Wedemeyer-Kolwe, 2015, S. 100f.).

Die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen (UN-BRK), die die allgemeinen Menschenrechte für Menschen mit Behinderung präzisiert und ihre uneingeschränkte gesellschaftliche Teilhabe zum Ziel hat, sieht gerade deshalb die Teilhabe im Sport explizit vor. Allerdings erwähnt Artikel 30, Absatz 5a[1] nur den Breitensport und nicht den Leistungssport. Leistungssport ist ein Bereich des Sports, der sich v. a. in seiner Zielsetzung und betriebenen Intensität vom Freizeit- und Breitensport unterscheidet. Behindertenleistungssport hat eine individuelle und eine soziale Dimension. Die individuelle Dimension beinhaltet u. a. das Selbstkonzept, Motivation und Ziele, Kontrollüberzeugungen und Coping. Beide Dimensionen sind nicht immer klar voneinander zu trennen, da Selbstkonzept und Kontrollüberzeugungen das Selbstbewusstsein beeinflussen und somit das Auftreten in der Öffentlichkeit bestimmen (vgl. Wegner, 2000, S. 64ff.).

Dem Sport wird ein enormes Potential unterstellt, wenn es um Integration und Inklusion geht. Die komplexen Mechanismen und multifaktoriellen Einflussgrößen sind jedoch noch nicht ausreichend untersucht. Eindeutige empirische Befunde für das inklusive Potential gibt es nicht (vgl. Giese, 2016a). Das Verhalten oder die Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinderung auf sportlicher Ebene sind ebenso wenig untersucht. Mögliche Gründe könnten die schwierige Vorhersage von Verhalten bzw. die Messung von Einstellungen sein. Generell liegt der Schwerpunkt der Forschung im (Behinderten-)Leistungssport nicht im sozialen Bereich, sondern in der Trainingswissenschaft und der Sportmedizin (vgl. Scheid et al., 2003, S. 9f.; Wegner, 2000, S. 70). Forschung in Bezug auf Inklusion und Behindertenleistungssport wird gering betrieben (vgl. Brittain, 2010, S. 1; Edwards & McNamee, 2011, S. 97; McConkey, Dowling, Hassan & Menke, 2013, S. 924f.). In der deutschsprachigen Literatur wird das Thema Inklusion durch Behindertenleistungssport kaum aufgegriffen. Neben dem eigenen Interesse ist das einer der Gründe des Autors, sich mit der Thematik in dieser Arbeit zu befassen.

Inklusion kann im Sport allgemein oder sportartspezifisch betrachtet werden, bzw. in den Kategorien aktiv und passiv. Die passive Rolle ist die des Publikums. Dieses Teilsystem ist sehr niederschwellig, also für jede Person zugänglich. Der aktive Sportbereich nimmt in seiner Zugänglichkeit vom Freizeit- über den Breitensport bis hin zum Spitzensport stark ab (vgl. Wansing, 2013, S. 11ff.). Inklusion im und durch Leistungssport kann auf zwei Ebenen untersucht werden: sportbezogen und gesamtgesellschaftlich. Inklusion im Leistungssport bedeutet, dass innerhalb des Leistungssport Athleten mit und ohne Behinderung gemeinsam trainieren und gefördert werden. Es geht dabei um das Nutzen von Synergien, Ressourcen und Sachverstand im Bereich Trainings- und Bewegungswissenschaft. Inklusion im Leistungssport heißt auch, dass Athleten mit und ohne Behinderung in Wettkämpfen gemeinsam antreten. Diese Debatte wird zwischen Verbänden und Funktionären intensiv geführt. Das jüngste populärste Beispiel ist der Weitspringer Markus Rehm.[2] Inklusion durch Leistungssport hat die gesamtgesellschaftliche Perspektive im Blick. Organisationen wie das Internationale Paralympische Komitee oder die Special Olympics treten nach eigenen Angaben mit ihrem Handeln und Programmen für Empowerment und Inklusion für Menschen mit Behinderung ein. Doch können Forschungsergebnisse diese Anliegen stützen? Die vorliegende Arbeit soll anhand einer Literaturanalyse klären, ob der Behindertenleistungssport zu Empowerment von Menschen mit Behinderung beitragen kann und ob Menschen mit Behinderung mithilfe des Leistungssports bessere Inklusionschancen innerhalb der Gesellschaft haben. Welche inklusiven Potentiale liegen somit im Behindertenleistungssport?

Die Arbeit umfasst folgende Abschnitte: Zunächst werden im Kapitel 2 grundlegende Begriffe wie Behinderung, Leistungssport, Paralympische Spiele, Special Olympics und Deaflympics geklärt. Diese drei Sportereignisse können aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden (z. B. aus der Sicht der Disability Studies, der Sportwissenschaft, aus der Sicht von Verbänden und Funktionären). In dieser Arbeit liegt der Fokus auf gesellschaftliche Prozesse. Daher wird ein soziologischer Ansatz gewählt. Sport wird dabei als ein Teilbereich der Gesellschaft angesehenen, der wie bereits erwähnt, ein mächtiges System darstellt. Mit dem Sportsystem ist das System der Medien eng verbunden. Bei der Betrachtung des Behindertenleistungssports spielen auch weitere Gesellschaftsbereiche eine Rolle. Um alle Bereiche miteinander in Beziehung setzen sowie ganzheitlich betrachten zu können, wird die Systemtheorie nach Niklas Luhmann den Ausgangspunkt für den soziologischen Ansatz darstellen. Kapitel 3 beschreibt den theoretischen Ansatz dieser Arbeit. Das Konzept Inklusion als zentraler Aspekt gesellschaftlicher Teilhabe wird in Kapitel 3.1 näher erläutert. Das Menschenbild im Sport sowie ergänzende Überlegungen zu einem ganzheitlichen Menschenbild werden in Kapitel 3.2 und 3.3 skizziert. Kapitel 3.4 beschäftigt sich mit der Darstellung von Sport und Menschen mit Behinderung in den Medien. Kapitel 3.5 bietet eine zusammenfassende Darstellung des theoretischen Ansatzes. Vor diesem Hintergrund wird in Kapitel 4 die inklusive Wirkung des Behindertenleistungssports beschrieben. Es werden Aspekte dargestellt, die zu Inklusion und Empowerment von Menschen mit Behinderung durch Leistungssport beitragen (Kapitel 4.1) sowie Faktoren nach denen Behindertenleistungssport keine inklusiven Potentiale besitzt (Kapitel 4.2). Die Kernaussagen werden in Kapitel 4.3 resümiert und kategorisiert. Im letzten Kapitel der Arbeit wird die Thematik fokussiert und in einem Ausblick die mögliche Entwicklung im (Behinderten-)Leistungssport zusammengefasst.

2 Begriffsbestimmungen

2.1 Behinderung

In diesem Kapitel wird der Begriff Behinderung im Allgemeinen sowie auf sportrechtlicher Ebene definiert. Des Weiteren soll der Begriff geistige Behinderung[3], der v. a. im Zusammenhang mit den Special Olympics von Bedeutung ist, beschrieben werden.

Der Behinderungsbegriff wandelte sich in den letzten Jahrzehnten von einem statischen zu einem dynamischen. Das heißt, Behinderung wird nicht mehr als Schicksal und medizinische Abweichung des Individuums von der Norm betrachtet. Dem modernen Behinderungsbegriff liegt ein bio-psycho-soziales Model zugrunde, das nicht nur die medizinische Seite der Beeinträchtigung betrachtet, sondern auch Wechselwirkungen zwischen Umwelt- und Personenfaktoren einbezieht, so dass Ressourcen der Person mit in den Fokus gelangen (Kompetenzorientierung). In der UN-BRK ist Behinderung wie folgt definiert:

„Zu den Menschen mit Behinderungen zählen Menschen, die langfristige körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, Art. 1).

Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) nennt drei Ebenen, die für die Funktionsfähigkeit des Menschen von Bedeutung sind: Körperstrukturen und -funktionen, Aktivitäten, Teilhabe an Lebensbereichen (vgl. WHO, 2015, S. 4). Sport ist ein Teilbereich des gesellschaftlichen Lebens. Die Zugangskriterien zum Sportbetrieb für Menschen mit Behinderung werden von den jeweiligen Organisationen und Dachverbänden festgelegt. Um bei einem internationalen Wettkampf starten zu dürfen, muss eine permanente Beeinträchtigung in mindestens einer der zehn vom IPC definierten Behinderungsbereiche (Sehbehinderung, intellektuelle Beeinträchtigung, Kleinwüchsigkeit, ...) vorliegen. Diese Beeinträchtigung muss die sportliche Leistung negativ beeinflussen. Als Beispiel sei eine Person genannt, der zwei Finger amputiert wurden. Sie würde in die Gruppe der Amputierten fallen, ist in ihrer sportlichen Aktivität durch die Amputation aber nicht eingeschränkt und erfüllt somit nicht das minimum impairment criteria. Die Kriterien müssen laut IPC konsistent mit der ICF sein (vgl. Tweedy & Howe, 2011, S. 22; S. 27).

Wie behindert man sein muss, um starten zu dürfen, ist eine Kernfrage, die alle Wettbewerbe des Behindertenleistungssports begleitet. Eine andere Frage betrifft die Art der Behinderung, denn wenn die Person die „falsche“ Behinderung hat, darf sie auch nicht starten (z. B. ist Judo bei den Paralympischen Spielen nur für sehbehinderte Athleten offen) (vgl. Hughes & McDonald, 2008, S. 143f.). Für die Teilnahme an nationalen und internationalen Wettkämpfen hat das IPC einen Klassifizierungscode herausgegeben, der allgemein und sportartspezifisch festlegt, welche Athleten starten dürfen. Die einzelnen Sportfachverbände (z. B. INAS-FID oder IBSA) legen Mindeststandards für die Teilnahme an der jeweiligen Sportart fest. Danach richtet sich auch der DBS (vgl. Internationales Paralympisches Komitee, 2015, S. 2).

Eine geistige Beeinträchtigung – „ein Zustand von verzögerter oder unvollständiger Entwicklung der geistigen Fähigkeiten“ (DIMDI, 2015) – wird mithilfe standardisierter Intelligenztests festgestellt. Abhängig von der Schwere werden Kognition, Sprache, motorische und soziale Fähigkeiten beeinträchtigt. Eine geistige Beeinträchtigung kann allein oder zusammen mit jeder anderen psychischen oder körperlichen Behinderung auftreten. In der ICD-10 werden vier Schweregrade unterschieden:

- leichte Intelligenzminderung: IQ-Bereich 50 – 69 (Intelligenzalter bei Erwachsenen von 9 bis 12 Jahren),
- mittelgradige Intelligenzminderung: IQ-Bereich 35 – 49 (Intelligenzalter von 6 bis 9 Jahren),
- schwere Intelligenzminderung: IQ-Bereich 20 – 34 (Intelligenzalter von 3 bis 6 Jahren),
- schwerste Intelligenzminderung: IQ unter 20 (Intelligenzalter unter 3 Jahren) (vgl. DIMDI, 2015).

Von den IQ-Werten ist eine intellektuelle Behinderung in Deutschland anders definiert als international, wo bereits ab einem IQ von 75 eine leichte geistige Behinderung vorliegt (vgl. INAS, 2016, S. 2). Um auf nationaler Ebene bei einem Sportwettkampf der Special Olympics starten zu dürfen, müssen drei Kriterien erfüllt sein:

- IQ-Wert von unter 69,
- Beantwortung eines Fragebogens zur Bewältigung von Alltagsaktivitäten mit bestimmter Punktzahl und
- Bescheinigung eines Gutachters, einer Schule oder einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfMmB) (vgl. Wegner, 2014, S. 147).

Auf internationaler Ebene definiert der Dachverband INAS-FID folgende Startkriterien (vgl. INAS, 2016, S. 2), die sich mit denen von Special Olympics International decken:

- IQ-Wert von 75 oder weniger,
- Einschränkungen im adaptiven Verhalten (z. B. soziale Fähigkeiten, Problemlösekompetenz, Handlungsfähigkeit), mindestens zwei Standardabweichungen unter der Norm und
- Eintritt der geistigen Behinderung vor dem 18. Lebensjahr.

Die Special Olympics kategorisieren geistige Behinderung und ihre Sportler anhand des medizinischen und defizitorientierten Behinderungsbegriffes. Zudem beruft sich Special Olympics Deutschland in ihren Zugangskriterien auf Institutionen, deren Zugehörigkeitskriterium die Diagnose „geistige Behinderung“ lautet. Die Definition von Behinderung im Sportkontext ist nicht dynamisch, sondern statisch.

Menschen mit einer seelischen Behinderung sind weder in den Systemen der Special Olympics (nur Menschen mit geistiger Behinderung) oder Deaflympics (nur Menschen mit Hörbeeinträchtigung) noch bei den Paralympics (nur Menschen mit körperlichen (und geistigen) Behinderungen) integriert.

2.2 (Behinderten-) Leistungssport

Leistung ist eines der wichtigsten Motive des Sporttreibens. Die individuelle Leistungsverbesserung ist für viele Sportler ein wichtiges Ziel. Im weitesten Sinne ist somit jeder Sport Leistungssport, wenn ein relativer Leistungsbegriff zugrunde gelegt wird. Auch der Rehabilitationssport ist nicht frei vom Leistungsgedanken, denn es geht vornehmlich darum, den Körper wieder leistungsfähig zu machen, um Selbstwertgefühl und Partizipation zu erhöhen (vgl. Bertling & Schierl, 2012, S. 23). Geht man von einem absoluten Leistungsbegriff aus, spricht man von Leistungssport,

„wenn ein Höchstmaß an persönlichen [sic, FO] Einsatz (Zeit, Leistungsvermögen, Leistungswille) notwendig ist, um den vorgegebenen absoluten Normen des Rekords, erzielt in den jeweils international gültigen Startklassen/ Wettkampfklassen und der Meisterschaft […], möglichst nahe zu kommen bzw. neue derartige Normen zu setzen“ (Scheid et al., 2003, S. 18).

Leistungssport im engeren Sinne ist „das tägliche mehrmalige Training mit dem alleinigen Ziel der sportlichen Höchstleistung“ (Eckart, 2000, S. 241). Grundlage dafür sind quantifizierbare Leistungen (Weite, Gewicht, Zeit, …). Dabei steht nicht die Leistung an sich im Vordergrund, sondern die Leistungssteigerung in Kombination mit absoluten Begriffen wie Sieg und Rekord. Sportliche Leistung orientiert sich an der individuellen und im Leistungssport vor allem an der (internationalen) sozialen Bezugsnorm. Hartes Training und Enthaltsamkeit sind dabei wesentliche Elemente des Alltags von Athleten. Den Rahmen für das leistungssportliche Handeln bilden bestimmte Werte und Regeln: Konkurrenzprinzip, Chancengleichheit, Zugangsregulierung, Spielregeln. Ein ethischer Widerspruch besteht dabei zwischen den Prinzipien Konkurrenz und Fairness. Leistungssport wird als ein Bereich zur Selbstverwirklichung gesehen (vgl. Emrich, 2003a, S. 343).

„Das Handeln der Sportler, die sich aus der Elite des Leistungssports (vorrangig A-, B-, und C-Kaderathleten) rekrutieren, ordnet sich diesem Systemziel [Leistungssteigerung und Siege, FO] weitgehend unter, so dass in der individuellen Perspektive die am Weltrekord ausgerichtete Leistungssteigerung und der Sieg in internationalen Konkurrenzen zur dominanten Handlungs- und Lebensperspektive in dieser Rolle auf Zeit (Spitzensportler) wird, der sich alle anderen Lebensbereiche unterordnen“ (ebd., S. 491).

Leistungssport ist demnach eher einseitig ausgerichtet. Der DBS fügt dem Behindertenleistungssport eine weitere Dimension zu. Für ihn ist „Leistungssport Behinderter als vom Arzt überwachte, vom Verband bestimmte und kontrollierte Aktivität Teil des Prozesses der Rehabilitation“ (Keuther, 2000, S. 171). Nach dieser Beschreibung wird Behindertenleistungssport mit den Worten Keuthers (2000, S. 169) als „Hilfe zur Selbsthilfe“ angesehen. Scheid (2003, S. 18) spricht sogar vom Behindertenleistungssport als höchste Stufe der Rehabilitation.

Den Leistungssport von Athleten mit Behinderungen vertreten und organisieren sechs Verbände, die sich relativ eigenständig und unabhängig voneinander entwickelt haben. Die Verbände sind nicht nach Sportarten, sondern nach Behinderungsarten organisiert: Committee International des Sports des Sourds (CISS, für Gehörlose), International Blind Sports Federation (IBSA, für Sehgeschädigte), Cerebral Palsy International Sports and Recreation Association (CP-ISRA, für Cerebralparetiker), International Dwarf Athletic Federation (IDAF, für Kleinwüchsige), International Federation for Sport for Athletes with an Intellectual Disability (INAS-FID, für Personen mit intellektueller Behinderung), International Wheelchair and Amputee Sports Federatio n (IWAS, für Rollstuhlfahrer und Amputierte). Manche Sportarten sind verbandsübergreifend (z. B. Blindenfußball bei der IBSA, Fußball für Menschen mit intellektueller Behinderung bei INAS-FID), andere Sportarten sind bei ihren jeweiligen internationalen Dachverbänden organisiert (z. B. Rudern bei der International Rowing Federation oder Rollstuhlbasketball bei der International Wheelchair Basketball Association). Die Entwicklung des (internationalen) Wettkampf- und Leistungssports ist auf den starken Einfluss der einzelnen Verbände zurückzuführen. Denn die wenigsten Athleten werden sportspezifisch betreut, sondern behinderungsspezifisch (vgl. Legg, Wolff & Hums, 2003; Thomas & Smith, 2009, S. 120). Es lässt sich festhalten, dass die Organisation des Behindertensports komplex und teilweise zerstritten ist (z. B. in Bezug auf die Anerkennung des funktionalen Klassifizierungssystems).

Der Deutsche Gehörlosen-Sportverband (DGV), Special Olympics Deutschland (SOD) und der Deutsche Behindertensportverband (DBS) sind Mitglied im Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB). Im internationalen Behindertensport gibt es drei übergeordnete Dachverbände: IPC, CISS und die Special Olympics. Die international größten Wettkämpfe im Behindertenleistungssport werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt.

2.3 Paralympische Spiele

Ausgangspunkt der heutigen Paralympischen Spiele waren die Stoke Mandeville Games 1948 in England. Sport und Bewegung wurden von Ludwig Guttmann als Rehabilitationsmaßnahme von Kriegsversehrten am Mandeville Hospital eingesetzt.

„Der Versehrtensport verfolgte vor allem soziale, psychologische und rehabilitative Zielsetzungen, es ging in erster Linie um die Wiederherstellung der Lebenstüchtigkeit“ (Doll-Trepper, 2015, S. 18).

1948 fanden dort Sportwettkämpfe im Bogenschießen statt. Die Wettkämpfe wurden jährlich ausgetragen. In den folgenden Jahren wurden Sportarten und Teilnehmerzahlen erweitert und die Wettkämpfe in Nachbarländern bekannt. 1952 nahmen erstmals niederländische Sportler teil. Guttmanns Ziel war, die Stoke Mandeville Games neben den Olympischen Spielen zu etablieren. Seine Spiele sollten im selben Rhythmus und am selben Ort ausgetragen werden. Um die Leistungsstärke seiner Patienten und die Attraktivität seiner Spiele zu demonstrieren, arrangierte Guttmann auch Leistungsvergleiche mit Olympioniken (vgl. Bertling & Schierl, 2012, S. 21). 1960 fanden die Spiele das erste Mal nicht auf dem Gelände des Krankenhauses statt – die International Stoke Mandeville Games wurden in Rom veranstaltet, kurz nach den Olympischen Spielen. Dieses Jahr gilt als Ausgangspunkt für die heutigen Paralympischen Spiele. Der Begriff Paralympics wurde aber erst ab den Spielen 1988 in Seoul verwendet. 1976 wurden die ersten internationalen Winterspiele in Schweden in zwei Sportarten ausgetragen (vgl. Quade, 2014, S. 103f.).

Die International Organizations of Sport for the Disabled (IOSD), die im Kapitel 2.2 bereits benannt wurden, organisierten von 1960 bis 1988 die Wettkämpfe. In den Anfangsjahren nahmen nicht zwangsläufig die sportlich Besten an den Spielen teil. Um bei den Spielen starten zu dürfen, mussten die Athleten zunächst über genügend Eigenkapital verfügen oder Sponsoren haben, um das Startgeld aufzubringen. 1982 gründete sich das International Coordinating Commitee (ICC), das die einzelnen Organisationen der verschiedenen Behindertenverbände bündelte und deren Interessen vor dem IOC und den internationalen Dachverbänden der verschiedenen Sportarten vertrat. Zeitgleich sollte die Organisation der Paralympischen Spiele besser koordiniert werden. Seit 1988 fanden sie regelmäßig am gleichen Ort wie zuvor die Olympischen Spiele statt. 1989 gründete sich das IPC in Düsseldorf (Gründungsmitglieder: ISMWSF, ISOD, IBSA, CP-ISRA, INAS-FID, CISS). Das IPC organisierte fortan die Paralympischen Spiele und baute auf bereits vorhandene Ressourcen des ICC auf. Gleichzeitig wurden enge Verbindungen mit dem IOC geschlossen, welche finanzielle Unterstützung, Zugriff auf die olympischen Wettkampfstätten beinhalten sowie seit 2003 Verträge, die die TV-Vermarktung sichern (vgl. Doll-Trepper, 2013, S. 193ff.; Howe, 2011, S. 103f.; Purdue & Howe, 2012, S. 904f.).

Die Paralympischen Spiele arbeiteten zunächst mit den gleichen Termini und Symbolen wie die Olympischen Spiele.[4] Da die Olympischen Spiele eine geschützte Marke sind, wurde das verboten. Der Wortteil „para" aus „paralympisch“ könnte drei verschiedene Ursprünge haben, die bis heute nicht eindeutig geklärt sind:

- Im Sinne von ‚parallel‘ zu den Olympischen Spielen.
- Im Sinne der lateinischen Übersetzung des Wortteiles und damit ‚wie‘ die Olympischen Spiele.
- Im Sinne von ‚Paraplegie‘ und deren Ursprung in den Stoke Mandeville Games (vgl. Beck, 2011, S. 22f.).

In den ersten Jahren nach 1948 nahmen an den Spielen nur Sportler mit Rückenmarksverletzungen teil. 1960 waren erstmals Sportler mit anderen körperlichen Behinderungen dabei und ab 1976 auch Sportler mit Sehschädigungen. Athleten mit geistiger Behinderung nahmen zunächst nicht teil, obwohl INAS-FID eine generelle Teilnahme von Menschen mit geistiger Behinderung bei den Paralympics anstrebte und auch Gründungsmitglied des IPC war. 1994 fanden bei den Winterspielen in Lillehammer Demonstrationswettkämpfe von Athleten mit geistiger Behinderung statt. 1996 waren Sportler der INAS-FID regulär in das Programm der Paralympischen Spiele integriert. Nach einem Betrugsfall bei den Spielen 2000 in Sydney wurden Athleten mit geistiger Behinderung bei den Paralympics wieder ausgeschlossen. In den Nachkontrollen stellte sich heraus, dass bei zehn von zwölf Spielern der spanischen Basketballmannschaft, die zuvor Gold gewann, keine geistige Behinderung vorlag. Seit London 2012 ist eine Teilnahme wieder möglich. Es wurden wissenschaftliche Kriterien erarbeitet, unter denen eine Zulassung möglich ist. Diese werden aber noch weiter evaluiert, so dass die Teilnahme zunächst nur unter Vorbehalt stattfindet (vgl. Doll-Trepper, 2013, S. 196; Steadward, 1996, S. 31f.). Einzelteilnahmen von Athleten mit Behinderung bei den Olympischen Spielen gab es über die Jahrzehnte immer wieder.[5]

Wettkampfklassen und Klassifizierung

Ein wesentliches Element des Behindertenleistungssports sind die Wettkampfklassen bzw. Startklassen. Bei sportlichen Wettkämpfen nicht behinderter Menschen orientieren sich die Wettkampfklassen nach Geschlecht, Alter, Gewicht und Leistungsstärke. Die Kategorisierung bei Sportwettkämpfen von Menschen mit Behinderung basiert auf der medizinischen Einordnung der funktionalen Unterschiede zwischen den körperlichen Beeinträchtigungen. Die Kategorisierung hat das Ziel, gleiche Wettkampfbedingungen für alle Athleten zu schaffen, so dass nicht ungleiche körperliche Voraussetzungen über Sieg und Niederlage entscheiden, sondern Talent, Training und personale Faktoren. Es gibt eine allgemeine Klassifizierung nach Art und Ausprägung der Behinderung (Sehschädigung, geistige Behinderung, ...) sowie eine sportspezifische, funktionelle Klassifizierung. Das alte Klassifikationssystem basierte auf medizinische Definitionen, war sportartunabhängig und teilte die Athleten aufgrund ihrer Behinderungsart und -schwere in sieben Gruppen ein:

1. cerebrale Bewegungsstörungen (mit 8 Untergruppen),
2. Sehschädigung (3),
3. Rollstuhlfahrer (7),
4. Amputierte (9),
5. intellektuelle Behinderung (1) und
6. les autres (alle anderen nicht genannten Behinderungsarten, 6).

Das medizinische Klassifikationssystem wurde durch ein sportfunktionales Klassifikationssystem abgelöst, welches erstmals 1992 angewendet wurde. Es soll die Klassifikation fairer machen, die Integration in die allgemeine Sportwelt erleichtern und den logistisch sowie organisatorisch hohen Aufwand der zahlreichen Klassen auflösen. Gleichzeitig wandelt sich der Blick von einer Defizitorientierung zu einer Kompetenzorientierung. Die funktionale Klassifikation bezieht sich auf die Fähigkeit eine bestimmte sportspezifische Aufgabe ausführen zu können. Neben den medizinischen Aspekten spielen sportspezifische und behaviorale Faktoren eine Rolle. Inhalte der funktionellen Klassifizierung sind medizinische und funktionale motorische Tests sowie sportspezifische Aufgabenstellungen (vgl. Brittain, 2010, S. 97; Scheid & Wegner, 2004, S. 247; Thomas & Smith, 2009, S. 124f.). Doch auch das neue System ist laut Kritikern nicht frei von Problemen. Abhängig von den eigenen Interessen und der eigenen Ideologie unterstützen nicht alle Verbände das System:

- Zur Feststellung der Funktionsfähigkeit werden zahlreiche Tests angewendet, die teilweise nicht validiert sind.
- Aufgrund eines guten Trainings kann es zu Fehlklassifikationen in höhere Gruppen kommen, obwohl Art und Schwere der Behinderung es eigentlich nicht zulassen würden.
- Nicht in allen Sportarten wird die Anzahl der Gruppen reduziert. In der Leichtathletik bspw. hat sie sich erhöht.
- Das System führt zum Ausschluss von bestimmten Athleten (v. a. schwerbehinderte und weibliche Athleten). Denn das IPC legt fest, dass mindestens sechs Teilnehmer aus vier Nationen pro Wettkampf an den Start gehen sollen. Ist das nicht der Fall, werden Wettkämpfe zusammengelegt. Das verringert die Erfolgschancen von schwerer beeinträchtigten Athleten (vgl. Steadward, 1996, S. 33; S. 35; Thomas & Smith, 2009, S. 126).

Aufgrund der Komplexität der funktionalen Klassifizierung sind Neu-Klassifizierungen nach oder während den Paralympischen Spielen nicht selten. Bei den Spielen in Beijing 2008 wurden 36 Athleten mit Sehschädigung neu klassifiziert, 99 Athleten funktional neu und zwei Athleten wurden sogar als gar nicht behindert eingestuft (vgl. Brittain, 2010, S. 102 f.).

2.4 Special Olympics

„Lasst mich gewinnen, doch wenn ich nicht gewinnen kann, lasst mich mutig mein Bestes geben!“Eid der Special Olympics (Special Olympics Deutschland e. V., 2008, S.89)

Special Olympics wurde 1962 von Eunice Kennedy Shriver gegründet. Die damaligen sozialen Gegebenheiten schlossen Menschen mit intellektueller Behinderung vom gesellschaftlichen Leben und somit auch vom Sport aus. Mithilfe dieser Organisation sollten zunächst pädagogische und sportliche Angebote für Menschen mit intellektueller Behinderung bereitgestellt werden. Diese Menschen bilden eine heterogene Gruppe. Dies betrifft nicht nur die kognitiven, sondern auch die motorischen Fähigkeiten und das Vorhandensein weiterer Behinderungen, so dass Personen mit einer geistigen Behinderung auch schwer mehrfach behindert sein können (vgl. Wegner, 2014, S. 146; Wegner, Pochstein & Rotermund, 2008, S. 59). Daher bieten die Special Olympics ein allumfassendes Konzept an, das über Trainings-, Wettkampf- und Familienbetreuung bis hin zur Gesundheitsversorgung geht. Die Sportangebote der Special Olympics reichen von Psychomotorik über Konditionsschulung bis hin zum Leistungssport. Um bei den Special Olympics teilnehmen zu können, muss man mindestens 8 Jahre alt sein und eine nachgewiesene geistige Beeinträchtigung haben (s. a. Kap. 2.1). Wettkampfklassen sind nach Alter, Geschlecht und Grad der geistigen Behinderung eingeteilt. Bei den World Summer/Winter Games gibt es nur Finalläufe und keine Ausscheidungswettkämpfe, auch nicht auf nationaler Ebene.

„Die durchgeführten Klassifizierungswettbewerbe dienen dabei nicht der sportlichen Selektion, sondern der Eingruppierung für Wettkämpfe mit möglichst leistungsgleichen Mitbewerbern“ (Meseck & Milles, 2011, S. 37).

Es gibt Wettbewerbe und Trainingsmöglichkeiten in 30 Winter- und Sommersportarten. International werden alle vier Jahre World Summer bzw. World Winter Games ausgetragen. Die ersten Summer Games fanden 1968, die ersten Winter Games 1977 statt. 1993 gab es erstmals Spiele außerhalb der USA (Winter Games in Salzburg); die ersten Summer Games außerhalb der USA fanden 2003 in Dublin statt. Bei den ersten Spielen 1968 nahmen 1.000 Athleten aus zwei Nationen teil. Bei den Summer Games 2015 in Los Angeles starteten 6.500 Athleten aus 165 Ländern (davon 114 aus Deutschland) (vgl. Special Olympics Deutschland e.V., 2015, S. 1). Laut dem jährlichen Report der Special Olympics (Special Olympics, 2015, S. 3f.; S. 11) waren 2015 4.697.934 Athleten aktiv. 64% der Athleten weltweit sind 16 Jahre und älter, 33% sind zwischen 8 und 15 Jahre alt.

Die Special Olympics Bewegung wird international hauptsächlich aus Spendengeldern finanziert. SOD hat sich 1991 als gemeinnütziger Verein gegründet. Seit 2007 ist SOD Mitglied mit besonderen Aufgaben im DOSB. Seit 1998 (bzw. 1999) finden in Deutschland alle zwei Jahre die nationalen Sommerspiele (Winterspiele) statt. Special Olympics GB entstand schon 1978. Das IOC hat Special Olympics International 1992 anerkannt (vgl. Carter & Williams, 2012, S. 213; Legg et al., 2003; Pochstein & Albrecht, 2015 S. 271f.). In leitenden Positionen innerhalb der Special Olympics Organisationen gibt es nahezu keine Personen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung (vgl. Storey, 2008b, S. 137).

[...]


[1] Artikel 30: Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport: „(5) Mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme an Erholungs-, Freizeit- und Sportaktivitäten zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen, a) um Menschen mit Behinderungen zu ermutigen, so umfassend wie möglich an breitensportlichen Aktivitäten auf allen Ebenen teilzunehmen, und ihre Teilnahme zu fördern [...]“ (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, 2014, Art. 5a).

[2] Rehm wurde 2014 Deutscher Meister bei den nicht behinderten Sportlern und gewann bei den Paralympischen Spielen in Rio 2016 in der Wettkampfklasse T44 mit 8,21m Gold. Mit dieser Weite wäre er bei den Olympischen Spielen in Rio fünfter geworden. Rehm versucht schon länger bei internationalen Wettbewerben der nicht behinderten Athleten eine Starterlaubnis zu erhalten. Sein Gesuch für Rio 2016 wurde abgelehnt, da er nicht ausreichend beweisen konnte, dass ihm seine Prothese keine Vorteile bringt.

[3] Im Englischen wird anstatt des Terminus geistige Behinderung der Begriff intellektuelle Behinderung (intellectual disability) verwendet. Aufgrund der internationalen Ausrichtung der Paralympics und Special Olympics und um Missverständnisse bei Zitaten u. ä. zu vermeiden, werden in dieser Arbeit beide Begriffe synonym verwendet.

[4] Bis 1980 verwendeten die Paralympics die gleiche Symbolik wie die Olympischen Spiele (fünf Ringe). Nach dem Verbot durch das IOC entwarfen die Veranstalter ein neues Logo (fünf Tränen/Tropfen in w-förmiger Anordnung). Dieses wurde wiederum aufgrund der Ähnlichkeit zum olympischen Logo nicht zugelassen. Das heutige Logo wird seit 2003 verwendet und besteht aus drei Agitos (halbkreisförmiges Symbol der Bewegung) in den Farben Rot, Grün und Blau, die sich um einen zentralen Punkt drehen (vgl. Beck, 2011, S. 24f.).

[5] Zum Beispiel: 1952: Lis Hartel (Polio) im Dressurreiten, 2000: Marla Kunya (Sehbehinderung) in der Leichtathletik (1500m), 2008: Natalle du Toit (unterschenkelamputiert) im Schwimmen, 2008: Natalia Partyka (ohne rechte Hand und Unterarm geboren) im Tischtennis, 2012: Oskar Pistorius (ohne Unterschenkel geboren) in der Leichtathletik (400m, 4x400m-Staffel) (vgl. Bertling und Schierl, 2012, S. 17; S. 25; Doll-Trepper, 2013, S. 197).

Ende der Leseprobe aus 90 Seiten

Details

Titel
Das inklusive Potenzial des Parasports. Empowerment von Menschen mit Behinderung im Leistungssport
Autor
Jahr
2018
Seiten
90
Katalognummer
V416921
ISBN (eBook)
9783956874611
ISBN (Buch)
9783956874635
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Leistungssport, Behindertenleistungssport, Inklusion, Paralympics, Special Olympics, Deaflympics, Paralympische Spiele, Olympische Spiele, Menschen mit Behinderung, Empowerment, Integration
Arbeit zitieren
Felix Oldörp (Autor), 2018, Das inklusive Potenzial des Parasports. Empowerment von Menschen mit Behinderung im Leistungssport, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/416921

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