Rassismuskritische Kinderliteratur. Untersuchung zweier literarischer Beispiele


Bachelorarbeit, 2017

54 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Rassismus und Rassismuskritik
1.1 Rassismus – ein schwieriger Begriff
1.2 Historische Entwicklung, typische Ursachen und Funktionen von Rassismus
1.3 Rassismuskritik

2. Rassismus und Rassismuskritik in Kinderlitera- tur
2.1 Rassismus in Kinderliteratur
2.2 Anforderungen an Kinderliteratur mit rassismuskri- tischem Anspruch

3. Analyse zu Der überaus starke Willibald
3.1 Daten zum Buch
3.2 Handlung
3.3 Einordnung des Werkes
3.4 Analyse des vorliegenden Rassismus und seiner Ur- sachen
3.5 Untersuchung der Handlung auf rassismuskritische Momente
3.6 Analyse gestalterischer Elemente
3.6.1 Analyse erzähltheoretischer Aspekte
3.6.2 Analyse der Illustrierung
3.6.3 Interpretation ausgewählter Textmotive

4. Analyse zu Das Wilde Land
4.1 Daten zum Buch und Einordnung des Werkes
4.2 Handlung
4.3 Analyse des vorliegenden Rassismus und seiner Ursa- chen
4.4 Untersuchung der Handlung auf rassismuskritische Mo- mente
4.5 Analyse gestalterischer Elemente
4.5.1 Analyse erzähltheoretischer Aspekte
4.5.2 Analyse der Illustrierung
4.5.3 Interpretation ausgewählter Textmotive

Fazit

Primärquellen

Sekundärquellen

Internetquellen

Abbildungsverzeichnis

Einleitung

Rassismus ist kein einfaches Thema. Nicht selten ist unklar, wo Rassismus anfängt und wo er aufhört. Infolge der ungenauen begrifflichen Grenzen und des häufigen gemeinsamen Auftretens mit rechtsextremistischer Gewalt ist auch die Thematisierung von Rassismus in Literatur kein leichtes Unterfangen. Und wenn dann dabei auch noch die Angemessenheit der Texte für junge und jüngste Leserinnen und Leser in den Blick genommen werden soll, zeigt sich, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem Rassismusthema eine richtige Herausforderung sein kann.

Wie kann und müsste rassismuskritische Kinderliteratur aussehen? Welche Kriterien sollte sie erfüllen? Gibt es bereits Beispiele für gelungene Rassismuskritik im Rahmen von Kinderliteratur? Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, auf diese und weitere Fragen eine Antwort zu geben. In ihrem Zentrum steht die rassismuskritische Kinderliteratur.

Im Rahmen dieser Arbeit soll zunächst Begriffliches geklärt werden. Dazu werden die Rassismusbegriffe unterschiedlicher Autorinnen und Autoren auf ihre Teilaspekte hin untersucht und verglichen. In einem nächsten Schritt geht es um die möglichen Ursachen und Funktionen von Rassismus. In diesem Zusammenhang interessiert auch seine historische Entwicklung. Am Ende dieses ersten Kapitels wird schließlich der Versuch unternommen, das Konzept der Rassismuskritik näher zu bestimmen.

Das zweite Kapitel handelt schließlich von Rassismus und Rassismuskritik im Zusammenhang mit Kinderliteratur. Hierbei wird unter anderem die Frage beantwortet, weshalb es wichtig ist, sich mit in Kinderliteratur vorkommendem Rassismus kritisch auseinanderzusetzen. Schließlich werden Kriterien für rassismuskritische Kinderliteratur aus den vorhergegangenen Teilen der Arbeit und weiterer Sekundärliteratur abgeleitet.

Auf Grundlage der ersten beiden Kapitel werden schließlich die zwei Kinderbücher Der überaus starke Willibald und Das Wilde Land analysiert. Die Frage „Was genau kann unter rassismuskritischer Kinderliteratur verstanden werden und inwiefern lassen sich die gewählten Beispiele in diese einordnen?“ stellt die zentrale Fragestellung dieser Arbeit dar.

1. Rassismus und Rassismuskritik

1.1 Rassismus – ein schwieriger Begriff

Fast jeder Wissenschaftler/jede Wissenschaftlerin hat ein anderes Verständnis von Rassismus (vgl. Butterwegge 1996, 120). Der Rassismusbegriff umfasst je nach Definition unterschiedliche Aspekte. Im Folgenden sollen nun verschiedene Rassismusdefinitionen vorgestellt und ihre jeweiligen Aspekte herausgearbeitet werden, um in der späteren Untersuchung der kinderliterarischen Werke ein Repertoire an Vergleichsmomenten im Hinblick auf das Rassismusthema zur Verfügung zu haben.

Nora Räthzel versteht unter Rassismus die Darstellung einer Gruppe als minderwertig im Vergleich zur eigenen Gruppe aufgrund ihrer Herkunft (vgl. Räthzel 2000, 135). In dieser knappen Definition benennt die Autorin zwei Hauptaspekte: zum einen die Einteilung in Gruppen nach dem Kriterium der Herkunft und zum anderen den Aspekt der Diskriminierung von als minderwertig bzw. minderwertiger angesehenen Gruppen. Mit der Verknüpfung von Herkunft und körperlichen Merkmalen mit bestimmten Lebensformen und Verhaltensweisen, beinhaltet dieser Rassismusbegriff auch den Aspekt der Naturalisierung (vgl. ebd.), d.h. die vermeintliche Rückführbarkeit der genannten Verknüpfungen auf die Angehörigkeit zu einer biologischen Rasse. Rassismus ist eine Form von Diskriminierung, die in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens stattfindet, also sowohl auf staatlicher, institutioneller, medialer und alltäglicher Ebene eine Rolle spielt (vgl. ebd., 135f). Damit gibt es mehrere Ebenen, auf denen Rassismuserfahrungen gemacht werden können.

Aus Perspektive der Rassismuskritik nach Leiprecht et al handelt es sich bei Rassismus um „eine Art allgemeine strukturelle Logik des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die auf allen Ebenen gesellschaftlicher Wirklichkeit bedeutsam sein kann“ (Leiprecht et al 2009, 11). Zentral für rassistisches Denken in diesem Sinne ist die zumeist herabwürdigende und benachteiligende Gegenüberstellung von einem „natio-ethno-kulturellen Wir und einem Nicht-Wir “ (ebd.; Hervorhebung im Original), wobei beide dieser Gruppen sozial konstruiert werden (vgl. ebd.). Die Rassismuskritik interessiert sich für Rassismus als Strukturprinzip von gesellschaftlicher Wirklichkeit und weniger für Rassismus als individuelles Phänomen bestimmter Personen oder einzelner Gruppen (vgl. ebd., 10).

Die beiden bislang genannten Definitionen von Räthzel und Leiprecht et al weisen, bei aller Ähnlichkeit, eine jeweils andere Akzentuierung auf. Beide nennen den Aspekt der Wirksamkeit auf unterschiedlichen Ebenen gesellschaftlicher Wirklichkeit und die (binäre) Unterscheidung von Gruppen, jedoch definiert Räthzel Rassismus zunächst eher grob als eine Form von Diskriminierung, während die Rassismuskritik ihren Gegenstand vorrangig als ein Strukturprinzip gesellschaftlicher Wirklichkeit untersucht. Sieht Räthzel Herkunft und körperliche Merkmale als maßgeblich für die Rassenkonstruktion an, verwenden Leiprecht et al in ihrer Definition die Begriffe der Nationalität, Ethnie und Kultur als Unterscheidungsmerkmale bei der Konstruktion einer Rasse.

Nach Christoph Butterwegge handelt es sich bei Rassismus um „mehr als ein Ensemble persönlicher Vorurteile gegenüber Minderheiten bzw. Menschen anderer Hautfarbe/Herkunft“ (Butterwegge 1996, 120). Rassismus ist seinem Verständnis nach ein gesellschaftlicher Ausschließungsmechanismus mit weitreichenden Konsequenzen (vgl. ebd.). Rassismus hat sowohl mit der Legitimation und Reproduktion bestehender Herrschafts-, Produktions- und Klassenverhältnisse als auch mit der psychosozialen Disposition der jeweils Beherrschten zu tun (vgl. ebd., 131) und damit sowohl auf gesellschaftliche Verhältnisse als auch auf das einzelne Individuum tiefgehende Auswirkungen. Mit der Hautfarbe nennt Butterwegge das wichtigste Unterscheidungsmerkmal, das im Rassismus zur Konstruktion von Menschenrassen verwendet wird. Außerdem erwähnt er den Aspekt des Vorurteils, auch wenn er Rassismus als etwas über persönliche Vorurteile Hinausgehendes ansieht. Mit dem Begriff des Ausschließungsmechanismus folgt er dem Aspekt der Diskriminierung und Abgrenzung verschiedener Gruppen voneinander. Dieser Autor sieht die Funktion des Rassismus in einem geistigen Regulativ einer auf Arbeitsteilung, Ausbeutung beruhenden und in Klassen und Schichten gespaltenen Gesellschaft (vgl. ebd., 128) und schließt sich der Rassismuskritik insofern an, dass er die Gesellschaft strukturierende Funktion von Rassismus anerkennt. Schließlich liefert besagter Autor folgende Definition, welche die Aspekte seines Rassismusbegriffs klar benennt:

Letztlich ist Rassismus ein (Haltung und Handeln von Millionen Menschen bestimmendes) Denken, das nach körperlichen bzw. nach kulturellen Merkmalen gebildeten Großgruppen unterschiedliche Fähigkeiten, Fertigkeiten und/oder Charaktereigenschaften zuschreibt, wodurch selbst dann, wenn keine gesellschaftliche Rangordnung (Hierarchie) zwischen ihnen entsteht, die Ungleichverteilung sozialer Ressourcen und politischer Rechte erklärt, also die Existenz von Privilegien bzw. der Anspruch darauf legitimiert, die Gültigkeit universeller Menschenrechte hingegen negiert wird (ebd., 123).

In dieser Definition wird deutlich, dass Butterwegge Rassismus als ein Massenphänomen ansieht und mit der Zuschreibung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Charaktereigenschaften zu auch nach kulturellen Merkmalen konstruierten Gruppen, die beiden Aspekte des Vorurteils und der Naturalisierung in seinen Rassismusbegriff integriert. Außerdem nennt er die Möglichkeit der gesellschaftlichen Hierarchisierung der Großgruppen durch Rassismus. Mit der Begründung von Privilegierung oder dem Entzug von Rechten nennt Butterwegge einen weiteren Aspekt von Rassismus. Daraus geht wiederum hervor, dass rassistische Verhaltensweisen aus einer Form von Konkurrenzdenken resultieren können (vgl. ebd. 132). Die Rassismusforschung untersucht ihren Gegenstand sowohl als Massen- als auch als Elitenphänomen (vgl. ebd., 131) und deckt damit verschiedene Ebenen der Gesellschaft ab, auf denen Rassismus wirksam sein und erfahren werden kann.

Paul Mecheril & Claus Melter sprechen von Rassismus als ein machtvolles System von Diskursen und Praxen, welches mit Rassekonstruktionen operiert bzw. an solche anschließt und Ungleichbehandlung sowie hegemoniale Machverhältnisse wirksam werden lässt wie auch diese plausibilisiert (vgl. Mecheril & Melter 2009, 15f).

Die Unterscheidung von Menschen und ihre Einteilung in materiell und symbolisch hierarchisch geordnete Gruppen sind dabei verbunden mit Bildern über diese sozialen Gruppen und der Zuschreibung von Eigenschaften und Wesensmerkmalen, welche als quasi natürlich vorgestellt werden (ebd., 16).

Der Ansicht dieser Autoren nach fließen also die Aspekte der Hierarchisierung von Gruppen, der Ungleichverteilung von Ressourcen, der Vorurteilbehaftung sowie der Naturalisierung in die Konstruktion einer Gruppe als Rasse mit ein. Während Butterwegge Rassismus als eine Art zu denken definiert, sehen Mecheril & Melter mit der Vorstellung eines Systems von Diskursen und Praxen auch den praktischen, ausführenden, machtausübenden Aspekt des Rassismus.

Durch die bisher angesprochenen Aspekte der Ungleichbehandlung bzw. Chancenungleichheit z.B. bezüglich des Zugangs zu Ressourcen, wird deutlich, dass rassistisches Denken und Handeln in der Regel mit der Zielsetzung einer Besserpositionierung oder der Positionsbehauptung der eigenen Gruppe verbunden ist. Diesen Aspekt der Zielsetzung sieht auch Birgit Rommelspacher als maßgeblich für Rassismus an (vgl. Rommelspacher 2009, 25). Nach der Ansicht dieser Autorin beschränkt sich Rassismus nicht nur auf die binäre Unterscheidung der eigenen von der fremden Gruppe, sondern richtet sich auch innerhalb der eigenen Gruppierung gegen als minderwertig Geltende (vgl. ebd., 28). Hierbei wird ebenfalls mit Rassekonstruktionen gearbeitet, auch wenn heutzutage kaum noch Rassismus als Begriff für diese Form der Diskriminierung gebräuchlich ist (vgl. ebd.). Als Beispiel hierfür nennt Rommelspacher den Umgang der Nationalsozialisten mit behinderten Menschen (vgl. ebd.). Der Rassismusbegriff dieser Autorin beinhaltet neben den Aspekten der Hierarchisierung und Naturalisierung auch die Aspekte der Homogenisierung und Polarisierung (vgl. ebd., 29). Rommelspacher bezeichnet mit diesen Begriffen zwei Phänomene der Gruppenbildung im Rassismus: zum einen die Vereinheitlichung und Zusammenfassung von Individuen zu einer zusammengehörigen Gruppe (= Homogenisierung) und zum anderen die Darstellung von gegenübergestellten Gruppen als grundsätzlich verschieden und miteinander unvereinbar (= Polarisierung) (vgl. ebd.). Bei Rassismus handelt es sich nach Ansicht dieser Autorin „um die Legitimation von gesellschaftlichen Hierarchien, die auf der Diskriminierung der so konstruierten Gruppen basieren“ (ebd.) und damit immer um „ein gesellschaftliches Verhältnis “ (ebd.; Hervorhebung im Original). Rassismus als gesellschaftliches Verhältnis kann sich auf struktureller, institutioneller und/oder individueller Ebene äußern, wobei dies jeweils bewusst oder auch unbewusst geschehen kann (vgl. ebd., 30f). Der Aspekt der ungleichen Ressourcenverteilung besteht für Rommelspacher aus gesellschaftlich geregeltem Zugang zu Kapital auf ökonomischer, sozialer, kultureller und symbolischer Ebene (vgl. ebd., 32), womit sie den Zugang zu verschiedenen Arten von Ressourcen als durch Rassismus potenziell reglementiert ansieht.

Paul Mecheril & Karin Scherschel verstehen Rassismus als „eine symbolische Ordnung, die auf das Selbstverständnis und das Miteinander der Menschen regelnd einwirkt“ (Mecheril & Scherschel 2007, 53). In dieser kurzen Definition fällt auf, dass die beiden Autoren die Auswirkungen des Rassismus auf das Selbstbild des Einzelnen und den gesellschaftlichen Umgang miteinander scheinbar als gleicherweise bedeutend für ihren Rassismusbegriff erachten. Sind in den bisher beschriebenen Definitionen hauptsächlich die Auswirkungen des Rassismus auf die Gesellschaft in Form von Gruppenkonstruktionen von Interesse, tritt mit dieser Formulierung auch das Individuum und die Wirkung von Rassismus auf das Selbstverständnis des Einzelnen in den Fokus. Mecheril & Scherschel sehen in Rassismus einen Ausdruck für „einen komplexen Zusammenhang sehr unterschiedlicher Phänomene der bewussten und unbewussten, individuellen und institutionalisierten, gewalttätigen und symbolischen Erzeugung und Privilegierung des Eigenen und Erzeugung und Deprivilegierung des Anderen“ (ebd.). Damit bringen die beiden Autoren den Aspekt der potentiellen Gewalttätigkeit in die Diskussion um den Rassismusbegriff mit ein.

Klaus Ahlheim und Gordon W. Allport, die sich in ihren Texten vorrangig mit dem Aspekt des Vorurteils auseinandersetzen, nähern sich darüber indirekt thematisch dem Rassismus an. Für Ahlheim haben Vorurteile im Alltag vor allem Entlastungs- und Orientierungsfunktion (vgl. Ahlheim 2006/2007, 7), können jedoch auch „Stoff für Diskriminierungskampagnen und Sündenbockpraktiken“ sowie „Lernbarrieren“ sein, da sie taub für Tatsachen machen, und „aggressive Ausgrenzungspraktiken“ befördern (ebd., 8). Damit charakterisiert Ahlheim Vorurteile als etwas, worauf auch Rassismus aufbaut, und nennt mit den Sündenbockpraktiken einen neuen potentiellen Aspekt von Rassismus. Für Allport prägt sich ein Vorurteil im Sinne einer ablehnenden oder feindseligen Haltung gegen eine Person aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit (vgl. Allport 1971, 42) „am häufigsten in Gefühlen der Abneigung gegenüber Gruppen aus, die unterschiedliche ethnische, religiöse und rassische Merkmale besitzen“ (Allport 1951, 17). Auch Allport sieht also die Verbindung zum Rassismus. Die Suche nach einem Sündenbock kann nach Allport folgendermaßen definiert werden:

Eine Erscheinung, bei der einige der angriffslustigen Energien einer Person oder einer Gruppe sich auf ein anderes Einzelwesen, eine andere Gruppe oder ein anderes Objekt konzentrieren, wobei die Stärke des Angriffs und des Vorwurfs entweder teilweise oder gänzlich ungerechtfertigt ist (ebd., 18f).

Der Autor setzt das Vorurteil wie auch die Sündenbockpraktik auf unterschiedliche Stufen einer Skala feindlichen Verhaltens in sozialen Beziehungen (vgl. ebd., 19). Die Bevorzugung einer konstruierten Gruppe auf Grundlage rassismusrelevanter Unterscheidungsmerkmale bezeichnet er mit dem Begriff der Parteilichkeit und setzt sie auf die erste Stufe der Skala (vgl. ebd.). Anders ausgedrückt könnte man hier den Rassismusaspekt der sozialen Gruppenkonstruktion ansiedeln. Auf die zweite Stufe stellt Allport das Vorurteil, welches, zum Ausdruck gebracht, auf die dritte Stufe, die Stufe der Diskriminierung führt (vgl. ebd., 19f). Die vierte und letzte Stufe bildet schließlich die Jagd auf Sündenböcke, die „in ausgewachsenen Angriffshandlungen mit Wort und Tat“ (ebd., 20) besteht. Hiermit ist also spätestens die Stufe der Gewalttätigkeit erreicht, welche, wie bereits beschrieben, auch Mecheril & Scherschel als einen Rassismusaspekt benennen.

Heike Diefenbach benennt verschiedene Verwendungsweisen und damit unterschiedliche Aspekte des Rassismusbegriffs und macht terminologische Vorschläge für die aufgezählten Arten der Begriffsverwendung, um eine bessere Übersichtlichkeit der Terminologie zu erreichen (vgl. Diefenbach 2017, 850ff). Dies macht sie in Tabellenform (vgl. ebd., 851f). Im Folgenden sollen nun die verschiedenen Verwendungsweisen des Rassismusbegriffs, welche die Autorin in ihrer Tabelle nennt, aufgeführt werden. Dort, wo es ihr sinnvoll erscheint, erwähnt die Verfasserin dieser Arbeit auch den jeweils zur Begriffsverwendung gehörigen Bezeichnungsvorschlag Diefenbachs.

Den ersten terminologischen Vorschlag bringt Diefenbach für Rassismus, verstanden als Lehre von der Existenz verschiedener Menschenrassen, geographische und körperliche Assoziationen mit inbegriffen, an. Da es sich hierbei um eine Lehre von Rassen handelt, schlägt die Autorin den Begriff Rassenlehre hierfür vor (vgl. ebd., 851). Die Rassenlehre kann als das theoretische Grundgerüst des biologischen Rassismus angesehen werden, den Diefenbach als nächstes nennt. Diese Spezifizierung des Rassismusbegriffs wählt Diefenbach wiederum für die Vorstellung von der Existenz unterschiedlicher Menschenrassen, sowie deren Hierarchisierung nach deren vermeintlich unterschiedlichen Wertigkeit (vgl. ebd.). Innerhalb dieser beiden Verwendungen des Rassismusbegriffs lassen sich folglich die Aspekte der Rassenidee einmal als Lehre und einmal als Vorstellung, wie auch die Hierarchisierung der nach der Rasse gebildeten Gruppen nach vermeintlicher Wertigkeit auffinden. Als kulturellen Rassismus bezeichnet Diefenbach die Vorstellung von der Existenz kulturell bzw. ethnisch miteinander unvereinbarer Gruppen (vgl. ebd.). Diese Form der vorgestellten Unvereinbarkeit von Gruppen gibt es außerdem nach Ansicht der Autorin bezugnehmend auf Nationen oder die Variable „Geschlecht“, wobei Diefenbach für diese Formen jeweils andere Begriffe verwendet (vgl. ebd.). Des Weiteren führt Diefenbach Rassismus als objektives Interesse des Kapitalismus auf, was sie darin begründet sieht, dass in dieser Wirtschaftsform der Profit und die Ausbeutung von Arbeitskraft in einem antiproportionalen Verhältnis zu Gunsten des Profits stehen (vgl. ebd.). Als nächstes beschreibt die Autorin Rassismus als eine Form von (institutionellen) Strukturen, durch die manche soziale Gruppen systematisch benachteiligt werden und andere im gleichen System Vorteile erhalten (vgl. ebd.). Während letztgenannte Verwendung des Rassismusbegriffs die institutionelle und strukturelle Ebene der Begriffsverwendung nach Rommelspacher abdeckt (vgl. Rommelspacher 2009, 30), kommt der individuelle Rassismus nach Rommelspacher (vgl. ebd.) der nächsten Verwendungsart des Rassismusbegriffs nach Diefenbach als „diskriminierendes individuelles Verhalten gegenüber Angehörigen bestimmter sozialer Gruppen“ (Diefenbach 2017, 851) sehr nahe. Rassismus kann auch eine Form der Abwehrreaktion gegenüber als unfair empfundener (vermeintlicher) Bevorteilung anderer gegenüber der eigenen Gruppe sein (vgl. ebd. 852). Als letztes nennt Diefenbach die Verwendung des Rassismusbegriffs als Kampfbegriff zur Denunziation von Personengruppen, häufig gegen weiße Männer (vgl. ebd.). In dieser Weise wird der Rassismusbegriff also als Vorwurf verwendet.

Es lässt sich zusammenfassend bestätigen, dass es sich bei dem Rassismusbegriff keineswegs um etwas einfach zu definierendes handelt. Jedes dargestellte Verständnis dieses Begriffs unterscheidet sich in Quantität und Qualität der inbegriffenen Aspekte, nach denen Rassismus als solcher bestimmt wird. Nachdem nun einige Definitionen des Rassismusbegriffs verschiedener Autoren auf ihre Aspekte hin untersucht wurden, steht ein Repertoire an Vergleichsmomenten für Untersuchung und Beschreibung der in den beiden ausgewählten kinderliterarischen Werken dargestellten Rassismusart zur Verfügung.

1.2 Historische Entwicklung, typische Ursachen und Funktionen von Rassismus

Im vorangegangenen Kapitel wurden Rassismusbegriffe verschiedener Autoren auf ihre Aspekte hin untersucht und miteinander verglichen. Um in der späteren kinderliterarischen Untersuchung die Entstehungsbedingungen der jeweilig in den Geschichten dargestellten Rassismusform nachvollziehen zu können, sollen nun typische Ursachen und Entstehungsbedingungen wie auch einige Funktionen von Rassismus vorgestellt werden. Es ist nicht der Anspruch dieses Kapitels alle möglichen Ursachen und Funktionen, die Rassismus haben kann, zu beleuchten. Es wird zunächst auf die historische Entwicklung des europäischen Rassismus und die Formen eingegangen, die er durchlaufen hat bzw. annehmen kann. Dann werden noch einige Ursachen, die auch in der heutigen Gesellschaft Relevanz haben, beschrieben. Ein paar der Aspekte des Rassismusbegriffs (vgl. Kapitel 1.1), die beim Zustandekommen von Rassismus damals wie heute eine Rolle spielen können, kommen dabei noch einmal zur Sprache und werden näher beleuchtet.

Folgt man den Aussagen von Susan Arndt reichen die Wurzeln des modernen Rassismus bis in die griechische Antike zurück, auch wenn es das eigentliche Konzept der Rasse da noch nicht gab (vgl. Arndt 2017, 34f). Es wurden allerdings bereits damals durch die alten Griechen konstruierte Differenzlinien (wie auch die Hautfarbe) zur Legitimierung von Sklaverei und gesellschaftlicher Hierarchie verwendet (vgl. ebd.).

Als Beispiel dafür, dass sich eine vormoderne zu einer modernen Form des Rassismus entwickelte, nennt Rommelspacher die „Umarbeitung des christlichen Antijudaismus in einen rassistischen Antisemitismus “ (Rommelspacher 2009, 26; Hervorhebung im Original), der eine Sonderform des Rassismus darstellt (vgl. ebd., 26f). Während der Antijudaismus vordergründig auf der Annahme basierte, dass die Juden für den Tod Jesu Christi verantwortlich seien, geht der Antisemitismus von Juden als einer minderwertigen Rasse aus (vgl. ebd., 26). Hintergründig geht es beim Antijudaismus um die scheinbare Infragestellung des Wahrheitsanspruchs des Christentums als Abkömmling des Judentums durch dieses (vgl. ebd.) und damit um eine Legitimationsfrage. Im Zuge der angesprochenen Umarbeitung wurden die religiösen und sozialkulturellen Differenzen in einen biologisch begründeten Rassenunterschied umgedeutet und damit naturalisiert (vgl. ebd.).

In der Zeit der Aufklärung schließlich, in der man u. a. Freiheit, Gleichheit und Menschenrechte für alle Menschen deklarierte, bedurfte es einer legitimierenden Begründung für Sklaverei und andere Verbrechen des Kolonialismus (vgl. Arndt 2017, 32; Rommelspacher 2009, 25). Rommelspacher bezeichnet die koloniale Eroberung als „Prototyp des Rassismus“ (Rommelspacher 2009, 26), weil hier zum ersten Mal die Konstruktion von Rassen als Legitimationslegende verwendet wird (vgl. ebd., 25f). Die Diskrepanz zwischen Prinzipien der Aufklärung und (kolonialer) Gier nach Macht, Ressourcen (welcher Art auch immer) und Privilegien kann somit als Hauptursache für den kolonialen bzw. modernen Rassismus gedeutet werden. Ein Begründungsmoment der Rassenlehre (besonders bezüglich des Differenzmarkers Hautfarbe) liegt in der christlichen Farbsymbolik: während Weiß als Farbe des Göttlichen, der Unschuld und Reinheit gilt, verkörpert Schwarz das Böse, die Sünde und den Teufel (vgl. Arndt 2017, 36). So hat der weiße christliche Europäer auch aus sozialkultureller und religiöser Sicht im Rassismus die oberste Position in der Gruppenhierarchie inne. Rommelspacher fasst das Rassekonzept folgendermaßen zusammen:

Das historische Konzept der Rasse behauptet einen natürlichen und unveränderlichen Nexus zwischen biologischen, moralischen und intellektuellen Fähigkeiten menschlicher Gruppen. Die Wertung innerer und äußerer Merkmale erfolgt aufgrund einer hierarchischen Anordnung der Gruppen, an deren Spitze der Weiße Europäer steht (Rommelspacher 2009, 42) Wie sich dann spätestens im Nationalsozialismus zeigt, gewinnen solche als natürlich ausgewiesene Unterscheidungsweisen besonders in Phasen von gesellschaftlicher Irritation und Transformation an Bedeutung, da sie den Umbrüchen etwas scheinbar Unumstößliches entgegen setzen (vgl. ebd.). Etwas als natürlich Wahrgenommenes hat damit in unsicheren Zeiten eine Entlastungs- und Orientierungsfunktion. Seit dem Nationalsozialismus hat sich der Rassismus dahingehend weiterentwickelt, dass heutzutage nicht mehr nach Rassen, sondern nach ethnischen Gruppen bzw. Kulturen unterschieden wird (vgl. Barker 1981, zitiert nach Diefenbach 2017, 838). So handelt es sich heutzutage weniger um einen biologischen (Kolonial-)Rassismus, als vielmehr um einen kulturellen Rassismus (vgl. Butterwegge 1996, 126f; Diefenbach 2017, 851).

Wie aufgezeigt wurde, kann Rassismus verschiedene Formen haben. Während Rassismus, der sich gegen Menschen mit anderer Hautfarbe richtet, eher dem klassischen Rassismus zugerechnet werden kann, handelt es sich bei aktuellen Formen wie dem antimuslimischen Rassismus eher um Kulturrassismus. Wie beim Antisemitismus sind die Grenzen zwischen klassischem und kulturellem Rassismus aber nicht immer eindeutig zu ziehen (vgl. Rommelspacher 2009, 26ff).

Eine Ursache für Rassismus durch die Geschichte hindurch bis heute liegt in unserem Verhältnis zum Unbekannten und Fremden. Alles, was man nicht kennt, kann zum einen Neugier, zum anderen aber auch Angst, Argwohn und Abwehrverhalten hervorrufen. Mario Erdheim beschreibt das Fremde und unser Verhältnis dazu mit folgenden Worten:

Das Fremde ist […] ein Konzept für all das, was zwar nicht zu uns gehört, uns aber doch auf eine spezifische Art und Weise betrifft. Nie läßt das Fremde uns gleichgültig. Wir verhalten uns gegenüber diesem Fremden ambivalent: Es erweckt Angst und treibt uns in unsere Welt zurück, zugleich aber vermag es zu faszinieren und uns aus unserer Welt herauszulocken. Lassen wir uns auf das Fremde ein, so kommt es zu Grenzverschiebungen, und wir müssen uns ändern. Gehorchen wir der Angst, so werden wir die Grenzen verstärken und befestigen. Das Fremde wird dann zum Feind, der mit Gewalt abgewehrt werden muß und dessen Gegenwart uns ängstlicher und starrer macht (Erdheim 1992, 217).

Im Verhältnis zum Fremden formt sich das Eigene, also auch die eigene Identität (vgl. Berghold et al 2000, 7). Je nachdem, wie man zum Fremden steht, verändern sich persönliche Grenzen. Rassistische Reaktionen auf das Fremde entsprechen in gewisser Weise der Angstreaktion bei Erdheim. Im Rassismus werden Grenzen zwischen Gruppen, die einander auf bestimmten Ebenen fremd sind, konstruiert und verstärkt, was durchaus auch in bestimmten Angstgefühlen dem Fremden gegenüber begründet sein kann. Werner Bohleber sieht darüber hinaus eine seelische Entlastungsfunktion in der Konstruktion des Fremden: „Das Fremde und der Ausländer sind ein hervorragend geeignetes Symbol, um unangenehme und nicht akzeptable Wünsche und Vorstellungen der Selbstwahrnehmung zu entziehen und sie in seiner Gestalt projektiv zu verfremden“ (Bohleber 1996, 229). Als ein derartiger Verschiebungsersatz für alles Kritisierbare und private wie auch gesellschaftliche Probleme eignen sich insbesondere Fremde, die ein deutlich anderes Aussehen haben (vgl. ebd., 229f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Rassismuskritische Kinderliteratur. Untersuchung zweier literarischer Beispiele
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
54
Katalognummer
V417043
ISBN (eBook)
9783668670860
ISBN (Buch)
9783668670877
Dateigröße
2424 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rassismuskritik, Kinderliteratur, Der überaus starke Willibald, Das Wilde Land
Arbeit zitieren
Judith Staude (Autor:in), 2017, Rassismuskritische Kinderliteratur. Untersuchung zweier literarischer Beispiele, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417043

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