Mit dem sogenannten Islamischen Staat assoziieren wahrscheinlich die meisten Europäer martialische Exekutionsvideos und vermummte Dschihadisten. Ist der Islamische Staat jedoch einfach nur brutal oder wird die extreme Brutalität vielmehr als Stilmittel der Selbstdarstellung verwendet? Warum der Islamische Staat sich selbst als brutal darstellen sollte, ließe sich relativ leicht erklären: Es würde zur Einschüchterung der Bevölkerung des besetzen Gebietes dienen. Noch wichtiger: Es würde die westliche Welt verunsichern. Die Einflussnahme durch gezielte Darstellung von Ereignissen ist jedoch keinesfalls ausschließlich ein Phänomen der Neuzeit, auch im Mittelalter wurde versucht, durch Geschichtsschreibung zu manipulieren.
Diese Arbeit analysiert, wie die Kreuzzüge von christlichen und muslimischen Zeitgenossen dargestellt werden. Die Darstellung soll hier in zwei Teile gegliedert werden: Erstens, wie die Menschen – und zweitens, wie historische Ereignisse dargestellt werden. Für die historischen Ereignisse soll die Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 herangezogen werden. Die Darstellung der Menschen soll durch eine Charakterisierung der jeweils anderen Partei aus den zeitgenössischen Quellen aufgezeigt werden. Für die Zeit der Kreuzzüge sind unzählige christliche Quellen vorhanden.
Aus diesem Grund bezieht sich diese Arbeit je zu analysierendem Aspekt lediglich auf einige ausgewählte Quellen. Ein weiteres Problem stellt die beschränkte Anzahl an muslimischen Quelleneditionen in deutscher oder englischer Sprache dar. Die Arbeit erhebt also keinesfalls den Anspruch, die Gesamtheit der Quellen über die Eroberung Jerusalems oder den Charakter der zwei Hauptparteien auszuwerten, sondern nur einen Teil dieser Menge. Dieser wird nach den gegebenen Bedingungen bestmöglich ausgewählt. Im Anhang befindet sich ein Personenregister, welches die Verfasser der zitierten Quellen umfasst. Dies dient der besseren Einordnung der Quellen. Die Jahreszahlen sind folgend einheitlich in gregorianischer Zeitrechnung angegeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gegenseitige Charakterisierung
2.1 Charakterisierung der Muslime in christlichen Quellen
2.1.1 Religion
2.1.2 Neid
2.1.3 Muslime als „das Böse“
2.1.4 Fazit
2.2 Charakterisierung der Christen in muslimischen Quellen
2.2.1 Beschimpfungen
2.2.2 Religion
2.2.3 Medizin
2.2.4 Jurisdiktion
2.2.5 Moral
2.2.6 Akkulturation
2.2.7 Das Rittertum
2.2.8 Fazit
3 Darstellung der Eroberung Jerusalems
3.1 Religiosität
3.1.1 Christliche Sicht
3.1.1.1 Biblische Vorbilder
3.1.1.2 Gottes Kraft
3.1.1.3 Legitimierung
3.1.2 Muslimische Sicht
3.2 Brutalität
3.2.1 Christliche Sicht
3.2.2 Muslimische Sicht
3.2.3 Fazit
4 Schlussbemerkung
5 Personenverzeichnis
6 Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die Ereignisse und Akteure der Kreuzzüge in zeitgenössischen christlichen und muslimischen Quellen dargestellt wurden, um die subjektive Natur der historischen Berichterstattung und deren Funktion als Propagandamittel aufzudecken.
- Vergleichende Analyse christlicher und muslimischer Quellen.
- Gegenseitige Charakterisierung von Christen und Muslimen in der Literatur des Mittelalters.
- Untersuchung der Darstellung historischer Schlüsselereignisse am Beispiel der Eroberung Jerusalems 1099.
- Herausarbeitung der Rolle von Religion, Legitimation und Gewalt als Stilmittel der Geschichtsschreibung.
- Kritische Reflexion von Propaganda und realitätsverzerrenden Narrativen.
Auszug aus dem Buch
3.2.2 Muslimische Sicht
In den muslimischen Quellen wird die Eroberung Jerusalems zwar weniger bildlich, die Zahl der Opfer jedoch umso höher dargestellt. Laut Ibn al-Athīr wurden alleine in der al-Aqsa-Moschee „[...] mehr als siebzigtausend Muslime, unter ihnen viele Imame, Religionsgelehrte, Fromme und Asketen, die ihr Land verlassen hatten, um in frommer Zurückgezogenheit an diesem heiligen Ort zu leben“, getötet. Hier wird von Ibn al-Athīr besonders betont, dass es sich bei den Opfern nicht etwa um geflohene Soldaten, sondern um Religionsgelehrte, Imame etc. gehandelt haben soll. Ebenso sollen die Juden den Kreuzfahrern zum Opfer gefallen sein: „Die Juden versammelten sich in der Synagoge, und die Franken brannten sie über ihren Köpfen nieder.“ Auch Ibn al-Athīr berichtet davon, dass das Töten mehrere Tage gedauert haben soll: „Die Einwohner wurden ans Schwert geliefert und die Franken blieben eine Woche lang in der Stadt, während deren sie die Einwohner mordeten.“
Auch von den Plünderungen der Franken wird in den muslimischen Quellen berichtet:
Aus dem Felsendom raubten die Franken mehr als vierzig Silberleuchter […], einen großen Silberleuchter […] außerdem von den kleineren Leuchtern einhundertfünfzig silberne und mehr als zwanzig goldene, und andere unermeßliche Beute.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit erläutert die Zielsetzung, die Kreuzzüge und die Eroberung Jerusalems als Beispiele für manipulierte Geschichtsschreibung zu untersuchen.
2 Gegenseitige Charakterisierung: Dieser Abschnitt analysiert, wie Christen und Muslime sich in zeitgenössischen Texten gegenseitig als „das Böse“, religiös minderwertig oder barbarisch darstellten.
3 Darstellung der Eroberung Jerusalems: Das Kapitel vergleicht die christliche und muslimische Perspektive auf die Belagerung von 1099, insbesondere im Hinblick auf religiöse Rechtfertigung und die Darstellung massiver Gewalt.
4 Schlussbemerkung: Der Autor resümiert, dass die untersuchten Quellen stark subjektiv und von Propaganda geprägt sind, was eine kritische Medienkompetenz für historische Einordnungen erforderlich macht.
5 Personenverzeichnis: Hier werden die in der Arbeit zitierten Chronisten und Kleriker kurz vorgestellt.
6 Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung aller verwendeten wissenschaftlichen Werke und primären historischen Quellen.
Schlüsselwörter
Kreuzzüge, Eroberung Jerusalems, Christentum, Islam, Geschichtsschreibung, Propaganda, Bernhard von Clairvaux, Usāma ibn Munqidh, Interkulturelle Wahrnehmung, Mittelalter, Historische Quellen, Gewalt, Religionskrieg, Akkumulation, Narrativ.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie die Kreuzzüge und insbesondere die Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 in christlichen und muslimischen zeitgenössischen Quellen dargestellt wurden.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf der gegenseitigen Charakterisierung der beiden Religionen sowie der Darstellung historischer Ereignisse als Mittel zur Propaganda.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, dass historische Berichte oft subjektiv gefärbt sind und gezielt zur Rechtfertigung eigener Taten oder zur Dämonisierung des Gegners eingesetzt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor führt eine quellenkritische Vergleichsanalyse durch, bei der er zeitgenössische Texte (wie Briefe von Bernhard von Clairvaux oder das Werk von Usāma ibn Munqidh) gegenüberstellt.
Was ist Gegenstand des Hauptteils?
Der Hauptteil gliedert sich in die gegenseitige Wahrnehmung der Parteien und eine detaillierte Untersuchung der Eroberung Jerusalems hinsichtlich Religiosität und Brutalität.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Werk?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kreuzzugspropaganda, Quellenkritik, Interkulturelle Wahrnehmung und mittelalterliche Geschichtsschreibung zusammenfassen.
Warum spielt die Person Bernhard von Clairvaux eine wichtige Rolle für die christliche Seite?
Er dient als Paradebeispiel für die religiös motivierte Kreuzzugspropaganda, da er Muslime als „Feinde des Kreuzes“ und „das Böse“ deklariert, um die Bewegung voranzutreiben.
Wie unterscheidet sich die Darstellung in Usāma ibn Munqidhs „kitab al-i'tibar“?
Im Gegensatz zu vielen anderen Quellen ist dieses Werk weniger von religiöser Polemik geprägt und enthält sogar Anekdoten, die menschliche Kontakte und positive Interaktionen zwischen Franken und Muslimen betonen.
Welche Rolle spielt die „Brutalität“ in den Quellen beider Seiten?
Die Brutalität wird in beiden Lagern für Propagandazwecke verwendet: Die Christen überhöhen den Sieg als göttliches Gericht, während die Muslime die Grausamkeit nutzen, um den Gegner als unzivilisierte Barbaren darzustellen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor für die Gegenwart?
Der Autor betont, dass eine kritische Auseinandersetzung mit medialen Darstellungen notwendig ist, um in einer demokratischen Gesellschaft einen sachlichen Diskurs ohne Extremismus führen zu können.
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- Johannes Friedlein (Author), 2016, Die Darstellung der Kreuzzüge aus christlicher und muslimischer Sicht, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417139