Abdullah Öcalan und die kurdische Arbeiterpartei. Charisma und Herrschaft nach Max Weber


Bachelorarbeit, 2015

35 Seiten, Note: 1,7

Yildiz F. (Autor:in)


Leseprobe


INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung

1. Die Definition von Herrschaft
1.1 Die Typen der Herrschaft
1.1.1 Die legale Herrschaft
1.1.2 Die traditionelle Herrschaft
1.1.3 Die charismatische Herrschaft

2. Charismatische Herrschaft anhand von Theorien
2.1 Dialektik zwischen Stigma und Charisma
2.2 Die latente charismatische Situation
2.3 Die manifeste charismatische Situation
2.4 Die sozio-kulturellen Rahmenbedingungen für die Charismazuschreibung
2.5 Die Etablierung einer charismatischen Herrschaft

3. Die Führung eines Volkes aus der Gefängniszelle heraus
3.1 Öcalans Rolle innerhalb des kurdischen Volkes
3.2 Die Differenz der Anhängerschaft Öcalans und die Folgen
3.3 Parallelen zwischen Öcalan und Nelson Mandela

4. Öcalan, ein charismatischer Herrscher?

Schluss

Anhang
Literaturverzeichnis
Internetquellen

Einleitung

Wie ist es möglich, dass eine Person, die sich in absoluter Gefangenschaft befindet, keinerlei Kontakt, weder zu seiner Außenwelt noch zu seiner Anhängerschaft pflegt, weil dieser sich in absoluter Isolationshaft befindet, trotzdem Anweisungen aus der Gefängniszelle heraus ertei­len kann, denen Folge geleistet wird? Dieses Phänomen ist der Grund, der mich dazu verleitet hat, das Augenmerk dieser Arbeit auf die Herrschaft in ihrer verschiedensten Merkmalsaus­prägungen, insbesondere der charismatischen Herrschaft zu legen. 2013 veröffentlichte das US-Nachrichtenmagazin Times die Liste der 100 einflussreichsten Menschen auf der Welt. Neben Barack Obama, diversen Künstlern und Politikern, taucht auch der Name des bekann­testen Gefängnisinsassen der Türkei auf, der des Abdullah Öcalans[1] [2]. 2014 kursierten Gerüch­te in den Medien, dass Öcalan für den Friedensnobelpreis nominiert worden sei. Die Nobel­preisstiftung dementierte diese Gerüchte, machte aber deutlich, dass solch eine Nominierung nicht ausgeschlossen sei (vgl. www.deutsch-tuerkische-nachrichten.de). Das Thema dieser Bachelorarbeit lautet daher, „Charisma und Herrschaft am Beispiel von Abdullah Öcalan und der kurdischen Arbeitspartei“. Am 15. Februar 1999 wird der damalige Vorsitzende der kur­dischen Arbeitspartei in Kenia verschleppt und an die Türkei ausgeliefert. Ungefähr elf Jahre lang war er der einzige Gefangene auf der Insel Imrali im Marmarameer, wo er, unter der Bewachung von 1000 Soldaten, dreiundzwanzig Stunden am Tag eingesperrt worden war, innerhalb eines neu geschaffenen militärischen Sperrgebietes. Zuletzt im März vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof die Haftbedingungen unter denen Öcalan lebt, als Folter und menschenunwürdig bezeichnet (vgl.www.neues-deutschland.de). 2009 begann der geheime Dialogprozess zwischen Abdullah Öcalan und dem türkischen Staat, der Mitte 2011 abgebrochen worden ist. Seit Mitte der 1990er Jahre war es nicht das erste Mal, dass der Staat Gespräche mit Öcalan aufgenommen hatte. Eine staatliche Delegation unter der Anführung von Hakan Fidan, dem heutigen Direktor des nationalen Nachrichtendienstes MIT, bat Öcalan seine Ansichten ausführlich darzulegen (vgl. Öcalan 2013: 5). Öcalan stellt den Auszug am 15. August 2009 fertig und adressiert ihn an den Europäischen Gerichtshof für Menschen­rechte in Straßburg, der erst nach achtzehn Monaten das Gereicht erreichte. Die staatliche Delegation versichert Öcalan, dass der Ministerpräsident der Türkei mit fünfundneunzig Pro­zent der Roadmap übereinstimme (vgl. Öcalan 2013: 6,7). Öcalan hat nach dieser Auskunft weder eine schriftlich, noch eine mündliche Rückmeldung erhalten, auch die Delegation be­kam er nicht mehr zu Gesicht, welches letztlich dazu führte, dass er sich unter diesen Bedin­gungen von den Gesprächen zurückgezogen hat (vgl. Öcalan 2013: 7). An der weltweit ge­führten Unterschriftenkampagne für die Freiheit von Öcalan, haben sich seit September 2012 bis Anfang 2015 mehr als 10.3 Millionen Menschen beteiligt. Innerhalb des kurdischen Vol­kes wird Abdullah Öcalan bis heute noch als ihr Repräsentant wahrgenommen, der als einzi­ger legitimer Sprecher für das kurdische Volk sprechen kann (vgl.www.nadir.org). Der Mann, der ein Volk aus der Gefängniszelle heraus führt. Als theoretischer Eingang und als Grundla­ge der Historie der Bezugsprobleme, wird das Konzept der Herrschaft in ihren Idealtypen gewählt, dass insbesondere von Max Weber ausgearbeitet worden ist und sich deshalb einer gleichrangigen Betrachtung den meisten sich andeutenden Teilproblemen verspricht. Die Auswertung der vorliegenden Quellen, erfolgt lediglich auf eine Medien- und Quellenanalyse. Ein Interview wäre von großem Vorteil, ist jedoch aufgrund der Gesetzeslage nicht möglich, da die kurdische Arbeitspartei in Deutschland immer noch als verboten gilt, welches ein In­terview unmöglich macht (www.rodorf.de). Ziel der folgenden Ausführung soll es sein, her­auszuarbeiten, inwiefern das Konzept von Weber auf die Herrschaft Abdullah Öcalans zu­spricht oder und wo nicht. Auch soll der Frage nach Öcalans Rolle innerhalb des kurdischen Volkes Beachtung geschenkt werden, insbesondere unter dem Aspekt, der Führer einer Partei oder der eines Volkes. Hierzu soll im ersten Kapitel die für die Arbeit relevanten Begriffe kurz eingeführt werden. Für die thematischen Begriffe soll dies zunächst abgesehen vom the­oretischen Hintergrund, möglichst allgemein gehalten werden. Im darauffolgenden Kapitel werden mit Hilfe von Webers Charisma-Theorie, die Strukturmerkmale, die Entstehungsbe­dingungen und die kulturelle Manifestationen herausgearbeitet, welche die Voraussetzung für eine charismatische Herrschaft sind. Anschließend richtet sich im dritten Kapitel die Auf­merksamkeit auf Abdullah Öcalan, insbesondere dem Phänomen, die Führung aus der Gefan­genschaft. Hierzu soll auch untersucht werden, welche Rolle Öcalan innerhalb des kurdischen Volkes bekleidet. Im letzten Kapitel wird dann versucht mit der sich angebotenen soziologi­schen Kategorie, nämlich dem Konzept der charismatischen Herrschaft nach Weber zu schau­en, inwiefern Öcalan ein charismatischer Herrscher ist und wo das Konzept keine Anwend­barkeit findet.

Während meiner Recherchen bin ich auf einige Schwierigkeiten gestoßen, die schon damit begonnen haben, dass die meiste Literatur die sich für dieses Thema angeboten hat, mindes­tens zehn Jahre und älter war. Auffällig ist, dass im deutschsprachigen Raum, das Konzept der charismatischen Herrschaft in einem soziologisch-historischen Kontext immer unter den Terminus „Führung und Verführung“ betrieben wird. Der Verdacht liegt nahe, dass solch eine distanzierte Haltung dem gegenüber eingenommen wird, weil die Lehre von Weber und das Konzept der charismatischen Herrschaft dazu beigetragen haben, das deutsche Volk zur An­erkennung der Führerstellung Adolf Hitlers willig zu machen (vgl. Steyrer 1995 : 24). Ein weiterer Einwand ist der, dass Weber sein Konzept als universalistisch bezeichnet, dass nor­malerweise eine geschlechtsspezifische Gültigkeit ausschließen muss. Dem ist aber nicht so. Betrachtet man all die Kriterien, die für die Charismatische Herrschaft vorausgesetzt werden, lässt sich beobachten, dass diese ausschließlich männlichen Charakter haben. An keiner Stelle wird der Frage, in Bezug auf das Geschlecht, eine Antwort gegeben. Im Gegenteil, es wird als etwas naturell bezeichnet, als eine Selbstverständlichkeit, dass eine Herrschaft lediglich ein männliches Phänomen sei, weshalb auch an keiner Stelle weder ein Einwand oder Verweis notiert wird (vgl. Gebhardt 1994: 23).

Zu Beginn jedoch sind die hauptsächlichen theoretischen Bezüge zu erörtern und die allge­meinen Begriffe zu repräsentieren, die für die Fragen unabdingbar sind.

1. Definition von Herrschaft

Der erste Passus wird die für diese Ausarbeitung notwendigen zentralen Begriffe knapp vor­stellen. Für die thematischen Begriffe soll dies vorerst unabhängig vom ausgesuchten theore­tischen Hintergrund und möglichst allgemein geschehen. Die umfangreichste Herrschaftsde­finition geht auf Max Weber zurück, in der er Herrschaft definiert als Chance „[...] dass ein bekundeter Wille (...) des Herrschenden das Handeln anderer beeinflusst und in solch einer Art beeinflusst, das die Bereitschaft für ein Befehl bestimmten Inhalts zur Maxime ihres Han­deln gemacht hätten ( Gehorsam) “ (vgl. Hatscher 2000, S. 55).

Bei den Herrschaftsverhältnissen handelt es sich demnach um eine soziale Beziehung zwi­schen dem Herrscher auf der einen Seite und den Beherrschten auf der anderen Seite. Die Herrscher können den Beherrschten gegenüber Macht ausüben, was auch zur Folge hat, dass Herrscher in der Lage sind innerhalb einer Gruppe oder eines bestimmten Personenkreises ihren Willen gegen anderen durchzusetzen, ohne Macht auszuüben (vgl. Hatscher 2000, S.59).

1.1 Die Typen der Herrschaft

Jedes Herrschaftsverhältnis stellt eine soziale Beziehung und soziales Handeln zwischen Herrscher und Beherrschten dar. Es wird davon ausgegangen, dass nach Orientierung dieses Handelns und dieser Beziehung insgesamt alle Herrschaftsformen jemals irgendwo vorhanden waren, vorhanden sind, oder vorhanden sein werden. Als nächstes soll auf die Herrschaftstri­aden der legitimen Herrschaft eingegangen werden. Demzufolge lässt sich sagen, dass es drei Rechtfertigungen oder besser gesagt, drei Legitimationsgründe der Herrschaft gegenwärtig sind. Diese sind begründet in die legale Herrschaft, die traditionale Herrschaft und die cha­rismatische Herrschaft, welche als nächstes zitiert werden sollen.

1.1.1 Die legale Herrschaft

Der reinste Typ der legalen Herrschaft ist die bürokratische Herrschaft. Die Grundvorstellung dieser Herrschaftsform ist, dass beliebiges Recht durch formale Satzungen abgeändert und geschaffen werden kann. Entweder ist der Herrschaftsverband gewählt oder bestellt, alle seine Teile und er inbegriffen machen den Betrieb aus. Der heteronomer und heterokephaler (Teil-) Betrieb soll als Behörde bezeichnet werden. Die vom Herrn delegierten Beamten bilden den Verwaltungsstab, während die Gehorchenden als die Verbandsmitglieder (Genossen, Bürger) zu verstehen sind. Gehorsam wird nicht der Person die den Befehl ausübt erteilt, sondern der gesatzten Regel. Der Befehlende gehorcht, indem er den Befehl erlässt. Das Herrschaftsrecht des Befehlenden (Vorgesetzten) ist durch die gesatzte Regelung (Gesetz) legitimiert. Nicht nur die moderne Struktur von Gemeinde und Staat fallen unter dem Typus der legalen Herr­schaft, ebenso auch das Herrschaftsverhältnis in einem Verbund oder Verein, der über einem ausgiebigen hierarchisch strukturierten Verwaltungsstab disponiert. Der technisch reinste Ty­pus der legalen Herrschaft ist die Bürokratie. Die soll aber nicht bedeuten, dass jede Herr­schaft nur bürokratisch ist. Die Spitze wird meist geführt von einem Monarchen oder die vom Volke gewählten Präsidenten. Maßgebend ist, dass die Arbeit vorwiegend und zunehmend auf den bürokratischen Kräften verweilt.

Hier soll nicht der Anschein geweckt werden, dass die Bürokratie die einzige Spezies der le­galen Herrschaft ist. Hierunter fallen alle Arten anpassungsfähiger Verwaltungs- und Herr­schaftskörper, wenn ihre Autorität auf gesatzten Vorschriften zurückzuführen ist und die Aus­führung des Herrschaftsrechtes den Charakter legalen Verwaltens innehat (vgl. Weber 1956. S. 552).

1.1.2 Die traditionelle Herrschaft

Diese Herrschaftsform ist gekennzeichnet durch den reinen Typen einer patriarchalischen Herrschaft. Der Herrschaftsverband versteht sich als eine Vergemeinschaftung, in die der Be­fehlende die Rolle des Herrschers bekleidet, die Gehorchenden die der Staatsbürger einneh­men und der Verwaltungsstab die der Bediensteten bestücken. Gehorsam gegenüber dem Füh­rer wird aufgrund von Frömmigkeit erwiesen. Der inhaltliche Gehalt der Befehle beruht auf Tradition, deren bedenkenlose Verletzung seitens des Herrn die Legitimität und seine Herr­schaft zerrütten könnte. Es ist unmöglich gegenüber den Traditionsnormen, neue Rechte zu modellieren. Die Legitimität des Führers ist außerhalb der Normen der Tradition in einen äu­ßerst anpassungsfähigen Charakter unterprivilegiert. Daher verfällt seine Herrschaft in ein streng traditionsgebundenes Gebiet, in dem er nach Zuneigung, Gefallen, Abneigung und rein persönlichen Gefälligkeiten zu designierenden Gesichtspunkten schaltet.

1.1.3 Die charismatische Herrschaft

Im Jahre 1963 waren Kennedy und de Gaulle die ersten Politiker die mit dem Begriff „Cha­risma“ oder charismatisch in Verbindung gebracht worden sind. In der Zeit davor hatte es noch die Eigenschaft eines Fachterminus und kam im Alltagsdiskurs nur selten zur Sprache. In den zeitgenössischen Diskursen hingegen, gehört es zu den Begriffen, die Psychologen und Soziologen zum Wortschatz der Alltagssprache herbeigeführt haben. Jedenfalls für die engli­sche Sprache kann der Aufschwung des Begriffes auf die häufige Verwendung auf John F. Kennedy zurückgeführt werden. Nur in intellektuellen Kreisen war „Charisma“ vor Kennedys Wahl bekannt (vgl. Häusermann 2011, S. 137).

Allerdings:

“The frequent application of charisma to Kennedy seems to have been in large measure responsible for the popularity of the world in the press. By the end of the 1960s, cha­risma was busting all over. " (Merriam-Webster 1994: 237)

In der heutigen Zeit wird der Begriff , „Charisma“ gern verwendet. Ganz gleich ob von Leh­rern, Managern, Politikern oder Sportlern die Rede ist, wird unter das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein an Charisma immer dann gesprochen, wenn es sich um Führungsqualitä­ten oder Ausstrahlung handelt was eher die persönliche Eigenschaften eines Individuums ausmachen. In den sozialwissenschaftlichen Gebrauch des Begriffes Charisma, sind primär nicht Charaktereigenschaften gemeint, sondern vielmehr handelt es sich hierbei um eine Form sozialer Beziehungen, wobei die Situation und der historische Kontext eine entscheidende Rolle spielen, aus dessen Konstellationen das Charisma erwächst. Die Definition des Begrif­fes gehen auf Max Webers Anlehnung an Eduard Meyer zurück, wonach dieser Charisma wie folgt darlegt: „Unter Charisma wird eine außeralltägliche Qualität einer Persönlichkeit ver­standen, um derentwillen sie mindestens als spezifisch außeralltäglich oder übermenschlich oder übernatürlich, jedenfalls nicht jedem zugängliche Eigenschaften oder Kräfte, als vorbild­lich oder gottgesandt und deswegen als Führer wahrgenommen wird“ (vgl. Nippel 2000, S. 7). Weber macht selbst darauf aufmerksam, dass der Begriff „Charisma“ aus der christlichen Theologie von ihm übernommen worden ist. Tenbruck weist anhand seiner Forschungen nach, dass das Charisma-Konzept von Weber bereits im Rahmen der „Anthropologie“ von Eduard Meyer vorgefunden und die Annahme über die „revolutionäre Macht des Charismas“ daher übernahm (vgl. Steyrer 1995: 21).

Auch in der heutigen Zeit gibt es viele Wissenschaftler, die sich mit dem Phänomen des Cha­rismas auseinandersetzen. Bliesemann de Guevara und Reiber haben hierzu zuletzt eine Be­standsaufnahme unterschiedlicher charismatischer Phänomene angefertigt. In Zusammenar­beit mit anderen Autoren haben sie das Phänomen aus einer interdisziplinären Perspektive betrachte. Unter ihnen befanden sich Psychologen, Historiker, Politologen, Journalisten, Kommunikationswissenschaftler und Religionswissenschaftler. Sie alle sind sich darüber ei­nig, dass zwei Grundannahmen zum Charisma existieren. Die erste Voraussetzung ist, dass Charisma immer als ein Terminus einer sozialen Beziehung zwischen einer Gefolgschaft und charismatischen Anführer zu verstehen ist. Die charismatische Beziehung sagt genauso viel über die Anhänger aus, wie auch über die charismatische Persönlichkeit selbst, weshalb dieses auch nur aus der Sicht der Anhänger zu verstehen ist. Die zweite Grundannahme ist, dass das Phänomen Charisma ein kontextgebundenes Phänomen ist, welches nicht raum- und zeitüber- greifend festgelegt werden kann, sondern vielmehr in den konkreten politischen, kulturellen, historischen, psychologischen und sozioökonomischen Bezugsrahmen eingeordnet werden muss, um es erörtern zu können ( Bliesmann de Guevara, Reiber 2011, S.9).

Die charismatische Herrschaft soll die Herrschaft über Menschen implizieren, in der sich die Beherrschten Kraft des Glaubens an die Qualität dieser Person gehorchen. Des Weiteren defi­niert Weber die charismatische Herrschaft als: „[...] Kraft aktueller Hingabe an die Person des Herren und ihre Gnadengabe insbesondere: magische Fähigkeiten, Offenbarung oder Hel­dentum, Macht des Geistes und der Rede[...].“ (Nippel 2000, S.8)

Webers Formulierungen gehen auf zwei grundlegende Quellen zurück. Die eine geht auf die neutestamentliche Rede der Gnadengabe und ihrer Interpretation in den gegenwärtigen Dis­kursen über die Organisation der urchristlichen Gemeinde. Die andere geht auf die seit Mitte des 19. Jahrhunderts die in der politischen, „Publizistik“ oftmals verwendete Kategorie des Cäsarismus einschließlich ihrer Bezüge zum Protagonisten des Demagogen (vgl. Nippel 2000, S.8).

Im weiteren Verlauf wird auf die von Weber formulierten Charakteristiken eingegangen, wel­che die charismatische Herrschaft kennzeichnen. Begonnen wird hierbei mit der charismatisch relevanten Situation. In solch einer Situation ist ein politischer, gesellschaftlicher, wirtschaft­licher oder religiöser Krisenzustand, in dem alltägliche Verteilungs- und Problemlösungsmus­ter unwirksam sind. Entscheidend hierbei ist, dass sich die Krise im Alltag der Menschen be­merkbar macht, um den „Glauben an die Geltung legaler Satzung“ niederschmettern zu kön­nen. Während solch einer Situation kann eine charismatisch qualifizierte Person hervortreten, die von den Mitmenschen, dem sogenannten „charismatischen Gefolge“, als mindestens spe- zifisch außeralltäglich, unmenschlich, übernatürlich, niemand anderes zugängliche Kräfte oder Eigenschaften gewertet wird. In diesem Zusammenhang spricht Weber zwar von Cha­risma als die Qualität eines Individuums, weist jedoch darauf hin, dass es sich hierbei nicht um eine „objektive“ Beurteilung dieser Eigenschaften handelt (vgl. Hatscher 2000, S.60). Auf die Beurteilung durch die möglichen Anhänger, beziehungsweise auf die Wirkung kommt es an. Ferner stellt Weber klar, dass nicht die Qualität des Herrschers von Bedeutung ist. Für die charismatische Persönlichkeit liegt hier das Augenmerk eher auf die Bereitschaft der Be­herrschten. Wenn sie in ihrem Führer einen charismatischen Herrscher sehen, so ist es ihre „Pflicht“, der charismatisch qualifizierten Person zu gehorchen. Neben der Gehorsamspflicht und dem Glauben, gehört auch die Offenbarung der Person des Charismatikers, wie der Kri­senzustand zu überwinden ist, um ein neuen Lebensweg einzuschlagen. Durch die Anerken­nung des genuin charismatischen Herrschens durch seine Anhänger ist die charismatische Beziehung vollendet. Lediglich der Grad der Bewährung entscheidet über ihre Dauer. Er­bringt dessen Führung kein Wohlergehen mehr für seine Gefolgschaft, ist seine charismati­sche Autorität gefährdet. Weber zufolge ist die charismatische Herrschaft den Beherrschten nur für eine Tatsache verantwortlich: „dass gerade er persönlich wirklich der gottgewollte Herr sei.“ (Hatscher 2000, S. 61)

Die Wechselseitigkeit der Anerkennung des Führers durch seine Gefolgten und die Bewäh­rung des Führers vor seinem Gefolge ist ein wesentliches Merkmal charismatischer Herr­schaft. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass es in ihr nicht zur Verrichtung von Macht im Weberischen Sinne, sprich die Ausrichtung des eigenen Willen gegen die Widersetzung der Gefolgschaft. Solange der Herrscher als Person und seinen Handlungen in der Wahrnehmung der Beherrschten zu ihrem Wohlbefinden beiträgt, fügen sie sich ihrem Herrscher gern und zwanglos. Eine Machtausübung des Herrschers, die aus einem Zwangscharakter entspringt, wäre konfus. DieÄra der charismatischen Herrschaft neigt sich erst dann dem Ende zu, wenn der Glaube an die außeralltägliche Qualität des Herrschers kondensiert, welche dann Ein­tritt, wenn die Aufrechterhaltung des Wohlbefindens seiner Gefolgschaft nicht mehr möglich ist. Eben dann wäre der letzte Ausweg, um seine Autorität stand zu halten, die Anwendung von Macht, was allerdings auch heißt, dass die genuin charismatische Herrschaft erschlagen worden ist. Ein weiteres Kriterium, das erwähnt werden soll, ist die der spezifischen charis­matischen Wirtschaftsfremdheit. In einer rein charismatischen Herrschaft gehen die Men­schen ausschließlich der Berufung als Sender des Herrschers nach. Ökonomisch rationales oder traditionales Wirtschaften hingegen ist als „Monotoniewirtschaft“ im konträren Wider­spruch zur außeralltäglichen Herrschaft des reinen Charismas. Das geregelte Erwerbsleben wird ersetzt durch ein anborgenmäßige Versorgung oder eine handgreifliche oder friedliche Ausbeutung. Falls ein Verwaltungsstab innerhalb einer charismatischen Herrschaft existieren sollte, so ist dieser eher minimal ausgelegt. Die Mitglieder werden aufgrund der charismati­schen Qualifikation der Berufenen vom Herrscher selbst in ihrer Funktion eingesetzt. Im klei­nen Rahmen ist sogar ein Herrschaftsverbund ohne jeglichen Verwaltungsstab möglich, so Weber (vgl. Hatscher 2000, S.61/62).

Für die charismatische Herrschaft ist ihre revolutionäre Wirkung, ihre Außeralltäglichkeit von entscheidender Bedeutung. Hierin besteht der Gegensatz zu traditionalen und legalen Herr­schaftsformen. In der Theorie lässt sich dies einfach formulieren, doch wie ist es in der Pra­xis? Im Folgenden soll mit Hilfe der Charisma-Theorie von Weber aufgezeigt werden, welche Entstehungsbedingungen, welche sozio-kulturellen Manifestationen und Strukturmerkmale eine Institutionalisierung eines charismatischen Herrschers bedingen.

[...]


[1] Abdullah Öcalan, auch Serok oder Apo genannt ( deutsch ,, Führer“ oder,, Onkel“) (vgl. www.pauker.at/pauker/DE DE/KU/wb/), ist am 4. April 1949 in Ömerli, in der Türkei geboren. 1970 nahm er ein Studium der Politikwissenschaften an der Universität in Ankara auf, wo sich seine ersten sozialistischen Ideen entwickelten.

[2] Am 27. November 1978 kam es im Dorf Fis im Kreis Lice / Diyarbakir zur Gründung der PKK (Partiye Kar­keren Kurdistan, „Arbeitspartei Kurdistans“) durch Abdullah Öcalan und anderen Studenten. Sie selbst versteht sich als eine sozialistische Bewegung (vgl. Strohmeier, Yalcin- Heckmann 2010 : 253 ; Öcalan 2010: 135). In der Türkei, USA und in den Ländern Europas, darunter auch Deutschland gilt die Partei als Verboten.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Abdullah Öcalan und die kurdische Arbeiterpartei. Charisma und Herrschaft nach Max Weber
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V417141
ISBN (eBook)
9783668702189
ISBN (Buch)
9783668702196
Dateigröße
602 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Abdullah Öcalan, Öcalan
Arbeit zitieren
Yildiz F. (Autor:in), 2015, Abdullah Öcalan und die kurdische Arbeiterpartei. Charisma und Herrschaft nach Max Weber, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417141

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Blick ins Buch
Titel: Abdullah Öcalan und die kurdische Arbeiterpartei. Charisma und Herrschaft nach Max Weber



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden