Machen leere Worte wirklich keinen Sinn? Saul Kripkes Werk "Referenz und Existenz" - "Die John Locke Vorlesungen"

Frage nach der Existenz


Essay, 2017

12 Seiten, Note: 1,0


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Inhalt

Das verwickeltste philosophische Rätsel

Saul Kripkes Verständnis von Referenz und Existenz
Die wirkliche Welt und alle möglichen Welten
Das rigidly designating
Fiktive Gestalten und fiktive fiktive Gestalten, Namensgebung (Taufe)

Umgangssprache versus Instrumentarium der analytischen Philosophie
Existenz und wahre Sätze in der Umgangssprache?
Das ,Tierische‘ in der Umgangssprache
Wie kommt der Sinn zu den Wörtern? Oder das Verstehen der Umgangssprache

„Nichts ist unmöglich“ – gibt es wirklich leere Namen?
horror vacui
Die Königin hat Recht

Literaturverzeichnis

Machen leere Worte wirklich keinen Sinn?

„Alice laughed. ‘There’s not use trying,’ she said:

‘one can’t believe impossible things.’

‘I daresay you haven’t had much practice,’ said the Queen. ‘When I was your age, I always did it for half-anhour a day. Why, sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast.“[1]

Das verwickeltste philosophische Rätsel

Die Verwendung von ,Namen‘, die sich auf nichts beziehen, erachtet Saul Kripke in seiner ersten John Locke Vorlesung als das verwickelste Rätsel[2] der Philosophie. Dabei versteht Kripke unter „Namen“ die „Eigennamen einer Person, einer Stadt, eines Landes und so weiter“[3]. Es geht also um Sätze wie zum Beispiel ,Im Berliner Zoo gibt es kein „Einhorn“‘[4]. Solch ein Satz sagt uns inhaltlich etwas, obwohl sich sein Subjekt auf überhaupt kein Tier im Berliner Zoo noch auf der ganzen Welt bezieht. Wie kann es deshalb sein, dass wir diesen Satz kapieren, obwohl er Angaben über etwas anscheinend nicht Existierendes macht?

In Referenz und Existenz bietet Kripke zumindest für Charaktere der Geschichte und des Mythos eine philosophische Verstehenstheorie an. Allerdings behauptet er im Gegensatz dazu, dass wir Sätze wie zum Beispiel ,Im Berliner Zoo gibt es keinen „Snazzo“‘ nicht verstehen könnten, weil sich „Snazzo“ weder auf ein Objekt in der wirklichen Welt noch auf eine fiktive Gestalt der Dichtung beziehe. Deshalb – so meint Kripke – würde „Snazzo“ nicht existieren.

Ich sehe das anders; ich behaupte nämlich, dass selbst unmögliche Dinge existieren und wir in Sätzen der Umgangssprache ohne weiteres auf sie referieren können. Denn offensichtlich kommen wir mit Sätzen wie: „… sometimes I’ve believed as many as six impossible things before breakfast“[5] gut zu recht. Und das gelingt uns, obwohl nach Kripke „six impossible things“ in keiner möglichen realen oder fiktiven Welt existieren.

Im Ergebnis neige ich tendenziell zur Auffassung Meinongs, ,dass es nichts gibt, was es nicht gibt‘, wie etwa das „runde Viereck“[6]. Allerdings unterscheide ich mich von Meinong in der ontologischen Begründung.

Im Folgenden werde ich vor allem Kripkes Verständnis von Referenz und Existenz bezogen auf fiktive Gestalten skizzieren. Im Anschluss daran zeige ich, warum – entgegen Kripke – die Alltagssprache nicht geeignet ist, als Kriterium für die Existenz von Dingen herzuhalten. Schließlich plädiere ich für die Existenz von „Snazzo“ und des „runden Vierecks“.

Saul Kripkes Verständnis von Referenz und Existenz

Die wirkliche Welt und alle möglichen Welten

Weder den Begriff „wirkliche Welt“ noch den der „möglichen Welten“ definiert Kripke in Referenz und Existenz. Den Begriff der „wirklichen Welt“ setzt er einfach voraus[7], mit dem der „möglichen Welten“ setzt er sich sehr ausführlich in Naming and Necessity auseinander[8], ohne ihn freilich im strengen Sinne zu definieren. Letztendlich geht es hierbei um nicht aktualisierte, aber doch vorstellbare Räume und die Frage, ob sie im Einzelnen die Existenz von Objekten ,beherbergen‘ können.

Wichtig ist, dass die realen Objekte „Teil der notwendigen Einrichtung“ der wirklichen Welt sind und dass diese Gegenstände dieselben Dinge in „allen möglichen Welten“ sind[9]. Ausgeschlossen sind damit bei Kripke phantastische Welten, die einen Existenzraum für jegliches Hirngespinnst problemlos bereitstellen würden.

Das rigidly designating

In Referenz und Existenz wendet sich Kripke gegen den von Frege und Russel vertretenen Deskriptivismus. Er definiert seine Idee des „ridgidly designating“ unter Bezugnahme auf alle möglichen Welten wie folgt:

„Let’s call something a rigid desinator if in every possible world it designates the same object…“[10]

Nach Kripke bezeichnet demnach der Name „Moses“ unmittelbar und „starr“ den biblischen „Moses“, gleichgültig in welcher möglichen Welt wir uns gerade aufhalten[11]. Und dabei kommt es nicht darauf an, dass dieser „Moses“ alle Taten vollbracht hat, die ihm im Alten Testament zugeschrieben werden.

Es sind vor allem die Eigennamen, die unter die Kategorie des „ridgidly designating“ fallen. Hier schließt Kripke an John Stuart Mill an, für den Namen direkt auf ihren Referenten verweisen[12]. Andererseits grenzt er sich von Russel ab, der Eigennamen nicht als deiktische Ausdrücke sondern attributiv als die Abkürzung einer Beschreibung von Eigenschaften des Referenten versteht[13].

Fiktive Gestalten und fiktive fiktive Gestalten, Namensgebung (Taufe)

Eine „fiktive Gestalt“ ist bei Kripke „eine abstrakte Entität. Sie existiert – auf der Grundlage konkreterer Aktivitäten des Geschichtenerzählens…“[14]. Solche Entitäten werden also

„… als abstrakte Gegenstände verstanden, deren Existenz von der Existenz oder Nichtexistenz verschiedener Werke aus dem Bereich der Fiktion und des Mythos abhängt.“[15]

Das Wahrheitskriterium für die Existenz fiktiver Gestalten ist deshalb die Frage, ob es eine allgemein bekannte Geschichte gibt, in der die fiktive Gestalt vorkommt. Wenn dem so ist, spricht Kripke ihr generell Existenz zu. Im umgekehrten Fall verneint er das; er bestreitet dann sogar die Existenz einer entsprechenden „Als-Ob“-Figur. Hätte sich also Conan Doyle den „Sherlock Holmes“ niemals ausgedacht, würde „Sherlock Holmes“ in keiner möglichen Welt existieren. Erst mit der Namens-Benennung seines Meisterdetektivs setzt Doyle „Sherlock Holmes“ in die Welt, macht ihn also existent[16] ; er hebt ihn sozusagen aus der „Taufe“[17].

Für „fiktive fiktive Gestalten“ gilt Analoges: Von einer „fiktiven fiktiven Gestalt“ spricht Kripke nämlich dann, wenn eine fiktive Gestalt sich ihrerseits durch Namensnennung nicht auf einen realen sondern auf einen fiktiven Referenten bezieht. Dieser (dann) fiktive fiktive Referent muss aber seinerseits vorher von einer fiktiven Gestalt aus der Taufe gehoben worden sein, so dass er im Rahmen der Geschichte oder des Mythos als fiktive Gestalt tatsächlich vorkommt[18]. Fehlt es dagegen an einem Referenten entweder in der Wirklichkeit oder in der Geschichte, in der Dichtung oder dem Mythos, dann existiert nach Kripke keine fiktive (fiktive) Gestalt.

Bei Kripke ist deshalb „Gonzago“ eine fiktive Gestalt, die tatsächlich existiert, weil sie in Shakespeares Hamlet vorkommt[19], „Snazzo“ dagegen nicht, weil er(?) in keinem Werk der Dichtung auftaucht[20].

Die durch-und-durch Methode und die fiktive Betrachtung

Selbstverständlich haben fiktive Gestalten auch bei Kripke Eigenschaften, die sich aber - wie gesehen – nicht in ihren Namen niederschlagen. Das Besondere ist nun, dass auf diese Prädikate in zweifacher Weise zugegriffen werden kann[21]: einmal von außen, also vom Standpunkt der realen, physischen Welt und das andere Mal fiktional von innen, also innerhalb der Geschichte, die die fiktive Gestalt hervorgebracht hat. Ersteres nennt Kripke die „durch-und-durch“ Weise, Zweiteres die „fiktionale“ Weise. So ist Robinson Crusoe etwa nach dem Roman von Daniel Defoe in der City von York geboren[22], während bei einer „durch-und-durch“ Betrachtung der Geburtsort London war, wo das Werk erstmals 1719 erschien[23].

Umgangssprache versus Instrumentarium der analytischen Philosophie

Saul Kripke erhebt immer wieder den Anspruch, sich an der „Umgangssprache“ zu orientieren[24]. Insbesondere prüft er intuitiv anhand der Umgangssprache, ob ein fiktiver Charakter existiert oder nicht[25]. Andererseits ist Kripke gleichzeitig in der analytischen Philosophie[26] gefangen. Es ist just dieses Dilemma zwischen den Regeln der Umgangssprache und der mit formaler Logik hantierenden Sprachphilosophie, weshalb Kripke ,seinem‘ „Snazzo“ die Existenz abspricht.

Im Folgenden zeige ich,

- warum die Umgangssprache nicht zwangsläufig den analytischen Regeln à la Frege folgt und

- warum in der Umgangssprache deshalb notwendig auch solche Figuren existieren, für die im logischen Raum kein Platz ist.

Existenz und wahre Sätze in der Umgangssprache?

Von Anfang an ging die analytische Philosophie davon aus, dass der Wahrheitswert eines Satzes im „logischen Raum“ abgebildet wird. Nur Sätze mit Wahrheitswert sind sinnvoll, nur was sinnvoll ist kann existieren. So schreibt Wittgenstein:

„Der Satz bestimmt einen Ort im logischen Raum. Die Existenz dieses logischen Ortes ist durch die Existenz der Bestandteile allein verbürgt, durch die Existenz des sinnvollen Satzes.“[27]

Und Husserl lehrt in seiner Logik Vorlesung von 1896:

„Denn daran ist nicht zu zweifeln, dass das Wahre, d.h. der Gegenstand, der in der Wahrheit wahr ist, existiert, und dass umgekehrt alles Existierende Gegenstand einer Wahrheit ist.“[28]

Diese Thesen sind freilich auf die Umgangssprache nur insoweit anwendbar, als diese auf Logik und Vernunft rekurriert. Es ist mit der Umgangssprache jedoch so ähnlich wie mit dem menschlichen Verhalten: Wer meint, es sei ausschließlich verstandesgetrieben, wird es nicht komplett zutreffend analysieren können. Denn obwohl wir nach Nietzsche vernunftbegabte ,Tiere‘ sind[29], beeinflussen tierische In-stinkte immer noch unser menschliches Verhalten.

Entsprechendes gilt für die natürliche Sprache. Wir verstehen in ihr auch Unlogisches. Das liegt daran, dass die Logik als recht junge Kulturleistung erst von den Griechen vergleichsweise spät in der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit der Sprache verknüpft wurde. Die archaisch ,vegetativen‘ Sprachwurzeln in uns haben deshalb mit Vernunft nichts zu tun. Sie sorgen aber dafür, dass wir - unabhängig von irgendeiner Sinnhaftigkeit – Dinge sofort und unmittelbar erfassen.

Das ,Tierische‘ in der Umgangssprache

Die menschliche Sprache ist tierischen Ursprungs[30] und hat sich von einer „Signalsprache“ zu einer „Symbolsprache“ fortentwickelt[31]. Genauso wie unser Verhalten triebhafte Züge enthält, kann jedenfalls unsere Umgangssprache ihre Herkunft aus der Signalsprache nicht verleugnen. Für die Vorfahren des homo sapiens ging es darum, mit ihrem körperlichen Lautinstrumentarium einander schnell vor Gefahren zu warnen, auf Futter hinzuweisen und so weiter[32]. Das sicherte das Überleben.

Die Signalsprache kennt offensichtlich keine Wahrheitswerte; denn für die Hominiden waren ,wahr‘ und ,falsch‘ keine Kategorien. Gefahrensituationen haben den frühen homo sapiens sofort und unmittelbar betroffen. Deshalb war keine Zeit für synthetische Urteile, ob das Gefahrensignal des Gruppenmitglieds „wohlgeformt“ und damit sinnvoll war oder gar, ob die signalisierte Gefahr tatsächlich existierte. Wer lange überlegt hätte, wäre vom Feind gefressen worden.

,Signalsprache‘ ist vielmehr das, was Charles Sanders Peirce „Secondness“ nennt, in der ohne unser Zutun sich das signifiant in unser Wahrnehmungsvermögen hineindrängt.

„Consequently, we say that we are patients, not agents. In the idea of reality, Secondness is predominant; for the real is that which insists upon forcing its way to recognition as something other than the mind's

creation.“[33]

Wenn wir aber in diesem Sinne manchen signifiants ,hilflos‘ (patients) ausgesetzt sind, fehlt uns insoweit eine Instanz der Vernunft, um Unlogisches herauszufiltern, bevor es unser Bewusstsein erreicht. Wir können deshalb gar nicht anders, als auch Sinnloses in unseren Geist aufzunehmen.

Nun wird auch die analytische Philosophie natürlich nicht bestreiten, dass wir jegliche vernehmbare Schallwellen in unser Bewusstsein aufnehmen. Was sie jedoch bestreitet ist, dass wir logisch Sinnlosem trotzdem eine Bedeutung zumessen. Wie und warum das von statten geht, erläutere ich jetzt.

Wie kommt der Sinn zu den Wörtern? Oder das Verstehen der Umgangssprache

Kripke und - soweit ich sehe – auch die allermeisten anderen Vertreter der analytischen Philosophie unterstellen das klassische Kommunikationsmodell, wie es sich zum Beispiel bei de Saussure wiederfindet: Ein Gedanke in der Psyche des Sprechers wird in Schallwellen übersetzt, die das Ohr des Hörers erreichen und dann von ihm in Gedanken rückübersetzt werden[34]. Dieses Modell bezieht sich auf ,Sätze‘, die im allgemeinen die kleinste, kommunikative Einheit bilden. Es sind auch die ,Sätze‘, die den Untersuchungsgegenstand der analytischen Philosophie schlechthin bilden. Frege schreibt:

„Was nennt man einen Satz? […] Danach ergibt sich als dasjenige, bei dem das Wahrsein überhaupt in Frage kommen kann, der Sinn eines Satzes“.[35] (Hervorhebung durch mich)

Somit müssten wir erst das Ende eines vollständigen Satzes abwarten, bevor wir über seine Sinnhaftigkeit urteilen können. Erst am Ende einer Lautfolge würden wir demnach versuchen, signifiants und signifiés zur Deckung zu bringen. Dieses Vorgehen wäre in Einklang mit Freges Gesetz, wonach die Bedeutung eines Satzes sich aus den Bedeutungen seiner Wörter zusammensetzt[36]. Denn wenn wir die Bedeutungen nicht aller Satzbestandteile kennen, könnten wir laut Frege die Bedeutung des Gesamtsatzes nicht erfassen. Das tun wir aber!

Denn tatsächlich läuft der Verstehensprozess der natürlichen Sprache gänzlich verschieden von den klassischen Kommunikationsmodellen ab! Wie neurowissenschaftlich Untersuchungen aus jüngster Zeit belegen, erfassen wir die Bedeutung einer Äußerung bereits, während sie ausgesprochen wird. Oft wissen wir bereits vor ihrem Ende, was uns der Sprecher mitteilen will. Wäre dem nicht so, wie könnten wir jemandem ins Wort fallen, bevor er ausgeredet hat? Wie könnten wir den Satz eines anderen Sprechers selbst zu Ende führen, wenn dieser die passenden Worte nicht finden kann?

Sehr erstaunlich ist dabei der Hinweis des Psychiaters und Philosophen Manfred Spitzer, dass im Bereich des inhaltlichen Verstehens die Gehirnaktivitäten des Empfängers denen des Senders sogar vorauseilen können:

„Am interessantesten war der Befund, dass sowohl im Striatum als auch in anterioren frontalen Arealen einschließlich des medialen präfrontalen Kortex (MPFC) und des dorsolateralen präfrontalen Kortex (DLPFC) die Aktivität des Zuhörers der des Sprechers vorauseilte[…]! Ganz offensichtlich denkt also der Zuhörer mit und damit auch voraus, er antizipiert, was im nächsten Moment kommt, und versteht gerade dadurch den Sprecher.[37] “ (Hervorhebung im Original)

Die Synchronisation der Nervenaktivitäten von Sender und Empfänger erfassen selbst die Motorik des Hörers: Wer einen bilabialen Plosivlaut (P) hört, bei dem wird unwillkürlich die Lippenmuskulatur aktiviert, bei einem alveolaren Plosivlaut (T) dagegen die Zungenmuskulatur[38]. Offensichtlich handelt es sich bei diesem Phänomen um unbedingte Reflexe, die völlig unabhängig von den Wahrheitswerten der transportierten Inhalte ablaufen.

„Nichts ist unmöglich“ – gibt es wirklich leere Namen?

horror vacui

Das menschliche Sprachverstehen funktioniert nach alledem nicht nach logischen Kriterien. Vielmehr weisen wir akustischen Lautfolgen Bedeutungen zu, unabhängig davon ob etwas existiert oder nicht.

Dennoch stellt sich damit erst recht die Frage, ob etwa der Spruch „Nichts ist unmöglich“ (bevor ihn Toyota 1992 in seiner Werbung verwendete[39] ) wirklich bedeutungslos war. Hätten dann Millionen von Menschen sofort und spontan schon beim ersten Vernehmen dieser leeren Phrase so begeistert sein können – eine Begeisterung über nichts? Ich meine nein; ich glaube nämlich, dass es keine leeren Phrasen gibt, weil Menschen gar nicht anders können, als die Leere mit Sinn zu füllen. Denn wir sind ,gezwungen‘, ständig Hypothesen über die Wirklichkeit zu bilden, um uns zu orientieren.

Diesen inneren Zwang zur Orientierung hatte bereits Kant als Bedürfnis der Vernunft konstatiert[40]. Wir können die Leere nicht ertragen (horror vacui!). In Ermangelung von ,echten‘ Referenzobjekten – real oder fiktiv – (er)finden wir deshalb notgedrungen das Ungefähre, das bis dahin vielleicht gar nicht Existente.

In irgendeinem Zusammenhang höre ich „Snazzo“. Aus dem Kontext und meiner bisherigen Lebenserfahrung bilde ich eine Hypothese über seine Bedeutung. Jedenfalls schaffe ich es nicht, „Snazzo“ einfach leer zu lassen, solange ich nicht abgelenkt werde. Bis ich mehr weiß, assoziiere ich diesen (Vor)Namen vorsichtig mit einer männlichen Person italienischer Herkunft oder – wenn ich Molekularbiologe bin - mit einem gerade entdeckten Bakterienstamm, nämlich den ,Snazzo Kokken‘.

Es gibt keinen Unterschied im Nichts

Die ,7. Dimension‘ und das ,runde Viereck‘ sind offensichtlich verschiedene Dinge und nicht einfach leer. Denn wir können sie nur in unterschiedlichen Satzzusammenhängen verwenden. Würden sie jeweils dasselbe, nämlich ,Nichts‘ bedeuten, dann müssten sie ohne weiteres gegenseitig substituierbar sein. Denn das ,Nichts‘ ist beliebig durch, Nichts‘ austauschbar, weil à priori gilt:

Nichts ≡ Nichts (Identität).

Tatsächlich aber ist eine Substitution gerade nicht ohne weiteres möglich:

(1) Willkommen in der 7. Dimension.

(2) Willkommen im runden Viereck.

(3) Das runde Viereck hat eine Grundfläche.

(4) Die 7. Dimension hat eine Grundfläche.

Da die übrigen Satzteile in (1) und (2) beziehungsweise in (3) und (4) dieselben sind, und wir sehr wohl einen Bedeutungsunterschied zwischen (1) und (2) beziehungsweise zwischen (3) und (4) feststellen, muss dieser in der ,7. Dimension‘ beziehungsweise im ,runden Viereck‘ liegen. Tertium non datur. Wenn sich aber die ,7. Dimension‘ und das ,runde Viereck‘ unterscheiden, dann kann der Unterschied nur in ihren jeweiligen Bedeutungen liegen, weil sich ein ,Nichts‘ von einem anderen ,Nichts‘ nicht unterscheidet.

Die Königin hat Recht

Da es wegen des horroris vacui keine wirklich leeren Namen gibt und weil sich die 7. Dimension und das runde Viereck tatsächlich unterscheiden, hatte die Königen Recht. Sie sagte „…wir hatten nicht viel Übung“ beim Denken „unmöglicher Dinge“. Das sollte sich auch Saul Kripke zu Herzen nehmen.

Literaturverzeichnis

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[1] Dodgson, Charles Lutwidge (Lewis Carrol): Through the Looking-Glass, and what Alice found there. United Kindom 1896. Seite 69.

[2] Kripke Saul: Referenz und Existenz|Die John Locke Vorlesungen. Aus dem Englischen übersetzt von Uwe Voigt. Stuttgart 2014. (RundE) Seite 14.

[3] Kripke Saul: Naming and Necessity. Cambridge, Massachusetts 2001. (NandN) Seite 24.

[4] Kripke Saul: RundE. Seite 201.

[5] Dodgson, Charles Lutwidge (Lewis Carrol): ibidem.

[6] Meinong, Alexius: Über Gegenstandstheorie Selbstdarstellung. Herausgegeben von Josef M. Werle. Hamburg 1988. Seite 8.

[7] Vergleiche zum Beispiel Kripke Saul: ibidem. Seite 27.

[8] Kripke Saul: NandN. Seiten 15 ff.

[9] Kripke Saul: RundE. Seite 32.

[10] Kripke Saul: NandN. Seite 48.

[11] Kripke Saul: RundE. Seiten 25f.

[12] Mill, John Stuart: A System Of Logic, Ratiocinative And Inductive. London 1851, Ebook 26495 2008. Seite 39.

[13] Russel Bertrand: On Denoting. In Mind, New Series, Band 14, Nummer 56. London 1905. Seiten 488f.

[14] Kripke Saul: ibidem. Seite 108.

[15] Kripke Saul: ibidem. Seite 8.

[16] Kripke Saul: ibidem. Seiten 66f.

[17] Kripke Saul: Nand. Seiten 96ff.

[18] Kripke Saul: RundE. Seite 120.

[19] Kripke Saul: ibidem. Seite 119

[20] Tatsächlich ist „Snazzo“ sehr wohl eine existierende fiktive Gestalt, weil ein gewisser Saul Kripke sie als Beispiel für eine nicht existente fiktive Gestalt frei erfunden hat. Für alle Kripke-Kenner referiert „Snazzo“ deshalb seitdem auf eine existente fiktive Gestalt in „Referenz und Existenz“.

[21] Kripke Saul: ibidem. Seite 121.

[22] Defoe, Daniel: The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe, of York, Mariner. London 1719. Seite 2.

[23] Defoe, Daniel: ibidem.

[24] Vergleiche zum Beispiel Kripke Saul: ibidem. Seite 103.

[25] Kripke Saul: ibidem. Seite 106.

[26] Zum Begriff sehr ausführlich Tatievskaya, Elena: Der Begriff der logischen Form in der analytischen Philosophie. Heusenstamm 2005. Seiten 15ff.

[27] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus Logico-Philosophicus|Logisch-philosophische Abhandlung. London 2015. Absatz 3.4.

[28] Husserl, Edmund: Logik Vorlesung 1896. Herausgegeben von Elisabeth Schuhmann.
Dordrecht 2001. Seite 219.

[29] Nietzsche, Friedrich: Nietzsche’s Werke. Erste Abtheilung Band VIII. Der Fall Wagner. Götzen-Dämmerung. Nietzsche contra Wagner. Der Wille zur Macht I. Dichtungen. Leipzig 1899. Seite 229.

[30] Herder, Johann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. Berlin 1772. Seite 23.

[31] Sessiaschwili, Tamila: Tierisches Kommunikations- und menschliches Sprachvermögen im Vergleich. in Biologische und soziale Grundlagen der Sprache. Herausgegeben von Peter Suchsland. Tübingen1992. Seite 127

[32] Prost, Michael: Die Entschlüsselung des menschlichen Bewusstseins|Vom Urknall zum menschlichen Denken. Wiesbaden 2017. Seite 48.

[33] Peirce, Charles Sanders: The Collected Papers of Charles Sanders Peirce. Elektronische Ausgabe, herausgegeben von Charles Hartshorne, Paul Weiss und Arthur W. Burks. Cambridge, Massachusets 1994. CP1.325.

[34] de Saussure, Ferdinand: Der Gegenstand der Sprachwissenschaft. In Sprachwissenschaft|Ein Reader. Herausgegeben von Ludger Hoffmann. Berlin/New York 2010. Seite 44.

[35] Frege, Gottlob: Der Gedanke. Eine logische Untersuchung. In Beiträge zur Philosophie des deutschen Idealismus. Band I. Erfurt 1918-1919. Seite 60.

[36] Frege, Gottlob: Zeitschrift für Philosophie und philosophische Kritik. Band 100 Leipzig 1892. Seite 33.

[37] Spitzer Manfred: Kommunikation|Sprecher, Zuhörer und deren Gehirne. In Nervenheilkund Heft 4. Stuttgart 2012. Seite 281.

[38] Spitzer Manfred: ibidem. Seite 279.

[39] Lewandowska, Anna: Sprichwort-Gebrauch heute. Bern 2008. Seite 305.

[40] Kant, Immanuel: Was heißt: sich im Denken orientieren? In Mit Kant am Strand|Ein Lesebuch für Nachdenkliche. Herausgegeben von Brigitte Hellmann. München 2012. Seiten 14f.

12 von 12 Seiten

Details

Titel
Machen leere Worte wirklich keinen Sinn? Saul Kripkes Werk "Referenz und Existenz" - "Die John Locke Vorlesungen"
Untertitel
Frage nach der Existenz
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
12
Katalognummer
V417147
ISBN (Buch)
9783668665064
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Saul Kripke, Referenz und Existenz, Die John Locke Vorlesungen, Reference and Existence: The John Locke Lectures, rundes Viereck, Alexius Meinong, Lewis Carrol, Charles Sanders Peirce, Secondness, analytische Philosophie, Frege Gesetz, Bertrand Russel, leere Namen, Einhorn, die wirkliche Welt und alle möglichen Welten, das rigidly designating, die durch-und-durch Methode, das verwickelste philosophische Rätsel, Gonzago, Snazzo, Wahrheitswert, Wittgenstein, logischer Raum, Signalsprache, Symbolsprache, horror vacui
Arbeit zitieren
Götz-Ulrich Luttenberger (Autor), 2017, Machen leere Worte wirklich keinen Sinn? Saul Kripkes Werk "Referenz und Existenz" - "Die John Locke Vorlesungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417147

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