Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz. Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen müssen Unternehmen beachten?


Fachbuch, 2018
117 Seiten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Struktur der Arbeit

3 Forschungskonstrukt
3.1 Forschungsansatz
3.2 Forschungsfragen
3.3 Forschungsdesign & Forschungsstrategie
3.4 Forschungsmethode
3.5 Zeitlicher Horizont
3.6 Stichprobenauswahl

4 Literaturanalyse
4.1 Die Gesundheit
4.2 Grundlagen des betrieblichen Gesundheitsmanagements
4.3 Zusammenfassung und Ausarbeitung der Forschungslücke

5 Auswertung
5.1 Festlegung des Materials
5.2 Analyse der Entstehungssituation
5.3 Formale Charakteristika des Materials
5.4 Richtung der Analyse
5.5 Definition der Analyseeinheiten
5.6 Analyse der Arbeitgeberfragebögen mittels des Kategoriensystems
5.7 Analyse der Arbeitnehmerfragebögen
5.8 Interpretation der Analyseergebnisse der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebögen im systematischen Vergleich & die Beantwortung der Forschungsfragen

6 Konklusion
6.1 Fazit
6.2 Managementempfehlungen
6.3 Zukünftige Forschungsempfehlungen
6.4 Limitationen

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang A: Originalversion Arbeitgeberfragebogen
Anhang B: Originalversion Arbeitnehmerfragebogen

Zusammenfassung

Aktuelle Studien bestätigen, dass der Krankenstand deutscher Arbeitnehmer[1] 2016 einen neuen Höchstwert erreicht hat. Ein funktionierendes betriebliches Gesundheitsmanagement[2] ist daher für Unternehmen essenziell, um den Produktionsausfall der immer knapper werdenden Humanressourcen einzudämmen und damit den wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Die zu betrachtenden Krankheitsgründe von Männern und Frauen weisen dabei signifikante Unterschiede auf. Eine Berücksichtigung der geschlechtsspezifischen Ungleichheiten bei der Männer- und Frauengesundheit ist jedoch im derzeitigen literarischen Kontext kaum zu finden. Es gibt Hinweise, dass insbesondere mittelständische Unternehmen bereits grundsätzliche Defizite bei der Ausgestaltung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements aufweisen. Daher untersucht dieses Forschungsprojekt die Interessen der Arbeitgeber und Arbeitnehmer speziell dieses Unternehmenstyps in Bezug auf ein betriebliches Gesundheitsmanagement unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Im Zuge eines explorativen Forschungsansatzes werden vier Arbeitgeber und acht dazugehörige Arbeitnehmer zu ihren Ansichten und Wahrnehmungen in Bezug auf diese Thematik befragt. Zum einen bestätigt diese Studie die vermuteten Defizite in der grundsätzlichen Ausgestaltung eines BGM. Zum anderen deckt sie interessante Divergenzen zwischen der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerperspektive in Bezug auf die unterschiedliche Berücksichtigung von Männern und Frauen im Rahmen des BGM auf. Aus den Ergebnissen der Literaturanalyse und den Ansichten der befragten Arbeitgeber und Arbeitnehmer können wichtige Handlungsempfehlungen für betroffene Arbeitgeber mittelständischer Unternehmen abgeleitet werden. Um die Erkenntnisse weiter auszuführen und zu bekräftigen, ist weitere Forschung notwendig.

Schlüsselwörter: Krankenstand, geschlechterspezifisches betriebliches Gesundheitsmanagement, Männer- und Frauengesundheit, mittelständische Unternehmen.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Arbeitsschritte nach Mayring (2007)

Abbildung 2 Gesundheitsdeterminanten nach Whitehead und Dahlgren

Abbildung 3 Verhältnis der Sterbefälle von Männern und Frauen je 100.000 Einwohner nach Altersgruppen im Jahr 2012

Abbildung 4 Die drei häufigsten Todesursachen von Männern im Jahr 2012

Abbildung 5 Die drei häufigsten Todesursachen von Frauen im Jahr 2012

Abbildung 6 Die wichtigsten Diagnosen beim Krankenstand in den Jahren 2016 und 2015

Abbildung 7 Anteile der wichtigsten Krankheitsarten der Frauen an den Arbeitsunfähigkeitstagen 2016

Abbildung 8 Anteile der wichtigsten Krankheitsarten der Männer an den Arbeitsunfähigkeitstagen 2016

Abbildung 9 Die Positiv-Spirale des BGM

Abbildung 10 Instrumente zur Gesundheitsanalyse

Abbildung 11 Handlungsfelder des betrieblichen Gesundheitsmanagements

Abbildung 12 Methoden der Personalentwicklung

Abbildung 13 Vergleich des Männer- und Frauenanteils in den Unternehmen

Abbildung 14 Durchschnittlicher Krankenstand aller untersuchten Unternehmen im direkten Vergleich im Jahr 2016

Abbildung 15 Die häufigsten vermuteten Krankheitsgründe der Männer und Frauen 2016 aus Arbeitgebersicht

Abbildung 16 Die häufigsten vermuteten Krankheitsgründe der Männer und Frauen aus Arbeitnehmersicht im Jahr 2016

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 Verknüpfung der Fragen des Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebogens mit den Forschungsfragen

Tabelle 2 Kodiersystem Arbeitgeberfragebogen

Tabelle 3 Kodiersystem Arbeitnehmerfragebogen

Tabelle 4 Übersicht der externen und internen Motivationsfaktoren für die Einführung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements

Tabelle 5 Instrumente des BGM zur Bestandsaufnahme

Tabelle 6 Maßnahmen der BGF

Tabelle 7 Demographische Informationen der Arbeitgeber

Tabelle 8 Demographische Informationen der Arbeitnehmer

Tabelle 9 Ziele und Maßnahmen des unternehmenseigenen BGM aus Arbeitgeberperspektive

Tabelle 10 Ziele und Maßnahmen des unternehmenseignen BGM aus Arbeitnehmerperspektive

1 Einleitung

„Ein Unternehmen ist nur so gesund wie seine Mitarbeiter“ – Ein Zitat vom renommierten Sportmediziner Dr. med. Klaus Gerlach, das den Kern der Zeit trifft. Umso alarmierender sind die aktuellsten Statistiken in Bezug auf die Anzahl der Krankheitstage der deutschen Bevölkerung. Laut einer Studie der Krankenkasse DAK-Gesundheit (2016) ist die Zahl der Krankschreibungen im ersten Halbjahr 2016 mit 4,4% auf dem Höchstwert seit Ende der 90er Jahre angelangt. Durchschnittlich wurden 37% der Berufstätigen während dieser Zeit krankgeschrieben, wobei die Dauer der Erkrankung bei 12,3 Tagen lag. Der tatsächliche Wert wird weitaus höher geschätzt, da die Statistik auf der Zahl eingereichter Krankmeldungen basiert. Jedoch fordern viele Unternehmen meist eine Krankmeldung erst ab dem dritten Krankheitstag (S. 1). Der Produktionsausfall für fehlende Mitarbeiter wird im deutschen Raum derzeit auf ungefähr drei Milliarden Euro pro Jahr geschätzt (Tricarico, 2016). Wie wichtig gesunde Mitarbeiter für ein Unternehmen sind zeigt auch der aktuelle Fall des deutschen Großkonzerns Daimler, der für kontroverse Diskussionen gesorgt hat. Mitarbeiter des Autokonzerns sollen zukünftig bis zu 200 Euro Jahresprämie erhalten, wenn sie keine Fehltage haben (Preuss, 2016). Während ein BGM bei vielen größeren Unternehmen bereits in eigenen Abteilungen bearbeitet wird, ist Anette Wahl-Wachendorf, Vizepräsidentin des Verbands deutscher Betriebs- und Werksärzte von mittelständischen Unternehmen, der Ansicht, dass „noch nicht genug getan“ wird. Das macht diesen Sektor für eine wissenschaftliche Untersuchung im Rahmen dieser Arbeit besonders interessant (zitiert in Tricarico, 2016). Insbesondere der demographische Wandel in Kombination mit dem anhaltenden Fachkräftemangel in Deutschland fordert Unternehmen jedoch auf, sich umso mehr für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter einzusetzen. Grundsätzlich sehen Experten Muskel-Skelett-Erkrankungen, Erkrankungen des Atmungssystems und psychische Erkrankungen als Hauptursache für die hohen Fehlzeiten. Dabei konnten aktuell starke geschlechtsspezifische Unterschiede festgestellt werden. Während Männer beispielsweise im ersten Halbjahr 2016 häufiger unter Atemwegserkrankungen litten, war die Zahl der psychischen Erkrankungen der Frauen fast doppelt so hoch wie beim anderen Geschlecht (DAK Gesundheit, 2016). Parallel dazu hat insbesondere die Erwerbsbeteiligung der Frauen in den letzten Jahren stark zugenommen (Badura, Ducki, Schröder, Klose, Meyer, 2015, S. 20). Herbert Rebscher (2016), Vorstandschef der DAK-Gesundheit, mahnt, „dass der viel zitierte kleine Unterschied zwischen Frauen und Männern viel größer ist als gedacht“ (S.1). Somit wird deutlich, dass eine geschlechtersensible Gestaltung des betrieblichen Gesundheitsmanagement für deutsche Unternehmen in den nächsten Jahren eine neue Herausforderung darstellt. Männer und Frauen weisen unterschiedliche Versorgungsbedürfnisse auf, die beim derzeitigen Erkenntnisstand der Forschung nicht ausreichend berücksichtigt wurden. Eine zukünftige strategische Neuausrichtung bei dem BGM ist somit unabdingbar. Insbesondere in Bezug auf mittelständische Unternehmen gibt es derzeit wenig wissenschaftliche Erkenntnisse. Zum einen ist es Ziel dieser Arbeit, die Interessen der weiblichen und männlichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer insbesondere in Bezug auf geschlechtsspezifische Unterschiede zu vergleichen, um die derzeitige Forschungslücke zu bearbeiten und zukünftige Forschung auf diesem Themengebiet anzuregen. Zum anderen adressiert dieses Forschungsprojekt insbesondere Führungskräfte mittelständischer Wirtschaftsunternehmen. Die Ergebnisse können Arbeitgebern und Managern dabei helfen, neue Erkenntnisse in die Entwicklung ihres BGM unter Berücksichtigung der geschlechtersensiblen Anforderungen zu implementieren. Je genauer die Interessen von Männern und Frauen im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung[3] ermittelt werden können, desto besser ist es Unternehmen möglich, gezielte Präventivmaßnahmen zu ergreifen um den Krankenstand langfristig zu senken.

2 Struktur der Arbeit

Die Arbeit ist in sechs Kapitel unterteilt, um den Leser anhand einer klaren Struktur die konkreten Abläufe des Forschungsprozesses zu verdeutlichen.

Das erste Kapitel gibt dem Leser einen Einblick in die Thematik des BGMs und in die damit verbundenen Herausforderungen. Basierend auf neusten Daten und vergangenen Forschungsprozessen wird die Wichtigkeit der aktuellen Problematik des geschlechtersensiblen Gesundheitsmanagements aufgezeigt. Somit wird dem Leser die entstandene Forschungslücke im Bereich mittelständischer Unternehmen und der damit einhergehende Forschungszweck und das Forschungsziel dieser Arbeit verdeutlicht.

Das zweite Kapitel umfasst die Struktur der Forschungsarbeit sowie das aktuelle Kapitel.

Das dritte Kapitel beschreibt den methodischen Rahmen dieser Arbeit. Es beinhaltet den Forschungsansatz, die Forschungsfragen, das Forschungsdesign und die Forschungsstrategie sowie die Forschungsmethode. Des Weiteren erfolgt ein Einblick in den zeitlichen Horizont dieses Forschungsprojektes und eine Erklärung der verwendeten Stichprobenauswahl.

Das vierte Kapitel stellt die Ergebnisse der Literaturanalyse zusammen. Diese ist grundsätzlich in die zwei Hauptthemengebiete „Die Gesundheit“ (Kapitel 4.1) und „Grundlagen des betrieblichen Gesundheitsmanagements“ (Kapitel 4.2 ) unterteilt. Das Unterkapitel „Die Gesundheit“ bildet die Basis für das Verständnis von Gesundheit und dessen Ausprägung in der deutschen Bevölkerung. Es umfasst eine Begriffsbestimmung und die Darstellung relevanter Gesundheitsdeterminanten. Des Weiteren werden Studienergebnisse bezüglich des aktuellen Gesundheitszustandes der Deutschen und der entscheidenden Unterschiede in der Männer- und Frauengesundheit präsentiert. Das Unterkapitel „Grundlagen des betrieblichen Gesundheitsmanagements“ beginnt ebenfalls mit einer Begriffsbestimmung des BGM und einer Darstellung der aktuellen deutschen Gesetzeslage. Im weiteren Verlauf werden neben den Gründen und Zielen eines BGM auch die wichtigsten Akteure, Instrumente und Maßnahmen bei der Umsetzung vorgestellt. Anschließend erfolgt eine Spezifizierung der Vor- und Nachteile von Klein- und mittelständischen Unternehmen[4] bei der Umsetzung des BGM. Abschließend erfolgt ein Exkurs bezogen auf den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum geschlechtersensiblen BGM sowie die Ausarbeitung der Forschungslücke.

3 Forschungskonstrukt

Das Ziel dieses Forschungsprojektes ist es, geschlechterspezifische Unterschiede von Arbeitnehmer- und Arbeitgeberinteressen in Bezug auf das BGM in mittelständischen Unternehmen zu ermitteln. In diesem Kontext führt die Autorin zunächst wissenschaftliche Erkenntnisse aus relevanter Literatur im Bereich des BGM von mittelständischen Unternehmen zusammen und ergänzt sie mit aktuellen unternehmenstypübergreifenden Studienergebnissen. Zum einen ermöglicht diese Vorgehensweise sowohl eine fundierte Zusammenfassung des Status quo im Bereich des BGM als auch eine fundierte Darstellung des wissenschaftlichen Erkenntnisstandes auf Forschungsebene. Zum anderen kann so die derzeitige Forschungslücke in diesem Bereich konkret herausgearbeitet und manifestiert werden. In den folgenden Abschnitten werden die einzelnen Bestandteile des Forschungskonstrukts logisch argumentiert und genauer erläutert.

3.1 Forschungsansatz

Aufgrund der Eigenschaften dieses Forschungsprojektes hat sich der Autor für einen induktiven Forschungsprozess entschieden. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, gibt es derzeit kaum wissenschaftliche Erkenntnisse im Bereich des geschlechterspezifischen BGMs in mittelständischen Unternehmen. Die aktuellen Studienergebnisse in Bezug auf den Krankenstand und die unterschiedlichen Krankheitsgründe von Männern und Frauen im Jahr 2016 bieten zwar Hinweise auf unterschiedliche Verhaltensweisen und Versorgungsbedürfnisse der Geschlechter, dennoch existieren keine ausreichenden Daten, um eine solide Hypothese zu entwickeln. Ein induktiver Forschungsansatz zielt darauf ab, das Forschungsproblem als Ganzes zu betrachten und im Anschluss aus den gesammelten Daten eine Theorie zu entwickeln (Saunders, Lewis, Thornhill, 2009, S. 124-127). Ziel dieses Forschungsansatzes ist es, erste grundlegende Erkenntnisse zum geschlechtersensiblen BGM in mittelständischen Unternehmen herauszuarbeiten, die als Basis zukünftiger weiterer Forschungsprojekte dienen können. Des Weiteren fokussiert sich dieser Forschungsansatz hauptsächlich auf die Sammlung von qualitativen Daten, was die bevorzugte Forschungsmethode dieser Arbeit ist. Einzelheiten dazu werden in Abschnitt 3.3 genauer erläutert.

3.2 Forschungsfragen

Um das Forschungsziel dieser Arbeit zu konkretisieren, hat die Autorin folgende Forschungsfragen entwickelt:

1. Was sind die häufigsten vermuteten Krankheitsgründe von Männern und Frauen aus Sicht der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mittelständischer Unternehmen im Jahr 2016?
2. Inwiefern stimmt das Angebot des BGMs mit der Wahrnehmung der Arbeitnehmer in mittelständischen Unternehmen überein? Sind die Arbeitnehmer zufrieden?
3. Erachten Arbeitgeber und Arbeitnehmer mittelständischer Unternehmen eine geschlechterspezifische Unterscheidung im Rahmen des BGMs für wichtig? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein, warum nicht?
4. Berücksichtigen Arbeitgeber mittelständischer Unternehmen geschlechtsspezifische Unterschiede im Rahmen ihres BGMs? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein, warum nicht?
5. Welche Strategien könnten den Krankenstand von Arbeitnehmer langfristig senken?

Die Reihenfolge der entwickelten Forschungsfragen spiegelt hierbei den Verlauf der Forschungsstrategie wieder. Zunächst ist es das Ziel dieses Forschungsprojektes die von den Arbeitgeber und Arbeitnehmer am häufigsten vermuteten Krankheitsgründe von Männern und Frauen im Jahr 2016 zu ermitteln. So können die Perspektiven direkt gegenübergestellt und mit aktuellen Studienergebnissen verglichen werden, um eventuelle geschlechtsspezifische Unterschiede aufzudecken. Darauf aufbauend sollen im nächsten Schritt die Ziele und Maßnahmen des unternehmenseigenen BGM (Arbeitgeberperspektive) mit der Wahrnehmung der Arbeitnehmer verglichen werden. Ziel ist es auch in diesem Fall die Perspektiven zu vergleichen und zu ermitteln, inwiefern die Arbeitnehmer das vorhandene Angebot wahrnehmen. Dies kann ein Indikator dafür sein, welchen Stellenwert das BGM im Unternehmen hat und wie gut es implementiert ist. Gleichzeitig ist in diesem Zusammenhang entscheidend, ob die Mitarbeiter mit dem Angebot zufrieden sind oder nicht. Diese Forschungsfrage kann bereits einen ersten Hinweis darauf geben, ob und in welcher Form eine geschlechtersensible Gesundheitsorientierung im Unternehmen vorliegt oder nicht. Ziel der dritten und vierten Forschungsfrage ist es, konkret die Einstellung der Arbeitgeber und Arbeitnehmer zum geschlechterspezifischen BGM zu ermitteln. Dadurch kann herausgefunden werden, ob ein Bedarf besteht bzw. ob der Bedarf erkannt und gedeckt wird. Diese Strategie ermöglicht es Kongruenzen bzw. derzeit vermutete Inkongruenzen aufzudecken, aus denen zukünftige Handlungsempfehlungen abgeleitet werden können. Abschließend können die gewonnenen Erkenntnisse mit Hilfe der letzten Forschungsfrage auf das aktuelle Kernproblem – ein überdurchschnittlich hoher Krankenstand von Arbeitnehmer und Arbeitnehmern – bezogen werden. Hierbei soll eine Kombination aus konkreten, strategischen Vorschlägen der Teilnehmer dieser Studie und den generell gewonnenen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen, insbesondere in Bezug auf die vorhergehenden Forschungsfragen, mögliche neue Methoden und Verfahrensweisen im Bereich des geschlechtersensiblen BGMs aufdecken.

3.3 Forschungsdesign & Forschungsstrategie

Bei der Wahl eines passenden Forschungsdesigns muss zunächst das Forschungsziel eindeutig definiert sein. Im Rahmen dieses Forschungsprojektes wird dazu die gängige Unterteilung in ein deskriptives, kausales und exploratives Forschungsdesign verwendet (Saunders et al., 2009, S. 139). Die Autorin hat sich für einen explorativen Forschungsansatz entschieden, da die Offenlegung und Aufdeckung von neuen Beziehungen das Primärziel dieser Arbeit ist (Hair, Wolfingbarger Celsi, Money, Samouel & Page, 2011, S. 147). Die Datenerhebung innerhalb der gewählten Forschungsstrategie erfolgt qualitativ in Form strukturierter, schriftlicher Fragebögen. Die Autorin hat sich aufgrund mangelnder Erreichbarkeit und starker, zeitlicher Einbindung der Umfrageteilnehmer für diese Methode entschieden. Die Fragebögen werden den Teilnehmer per E-Mail zugesendet und elektronisch ausgefüllt zurückgeschickt. Unter diesen Bedingungen vermeidet eine standardisierte Vorgehensweise Verwirrung und ermöglicht die Gewinnung vergleichbarer Ergebnisse. Insgesamt beschränkt sich die Untersuchung auf vier mittelständische Unternehmen, aus unterschiedlichen Regionen und Branchen in Deutschland (Einzelheiten zur Stichprobenauswahl in Kapitel 3.6., Informationen zu biographischen Daten folgen in Abschnitt 5.2). Die Länge des Fragebogens beschränkt sich auf zehn Fragen. Auf der einen Seite erhöht sich dadurch die Chance, dass mehr Teilnehmer bereit sind die Umfrage auszufüllen. Auf der anderen Seite erhofft sich die Autorin, dass durch die Kürze die ausgewählten Fragen bewusst ausführlicher beantwortet werden. Die Fragebögen setzen sich hauptsächlich aus offenen Fragen zusammen und werden von einigen, wenigen geschlossenen Fragen ergänzt. Da sich das Forschungsprojekt mit Krankheiten im persönlichen Arbeitsumfeld beschäftigt, ist das Sensitivitätslevel dieser Thematik erhöht. Fünf der zwölf befragten Personen wünschen eine unpersönliche Teilnahme, weshalb alle Umfragen anonym durchgeführt werden, um Einheitlichkeit zu gewähren. Die Autorin erhofft sich mit dieser Vorgehensweise, dass auch bewusst sensitive Fragen (beispielsweise zum geschlechterspezifischen BGM) von den Teilnehmern mit höherer Wahrscheinlichkeit ehrlich beantwortet werden. Anhang 1 beinhaltet eine Originalversion des Arbeitgeberfragebogens. Anhang 2 kann die Originalversion des Arbeitnehmerfragebogens entnommen werden.

3.4 Forschungsmethode

Wie in Abschnitt 2.1 erwähnt, hat sich die Autorin für einen induktiven Forschungsprozess entschieden, der hauptsächlich die Verwendung von qualitativen Daten impliziert. Diese Studie beschäftigt sich mit Daten auf sehr persönlicher Ebene. Dabei geht es hauptsächlich um die menschliche Gesundheit und daraus abgeleitete Verhaltensweisen, die häufig mit Emotionen verbunden sind. Wie bereits im letzten Abschnitt erwähnt, ist somit das Sensitivitätslevel stark erhöht. Daher hat sich die Autorin für eine qualitative Datenerfassung entschieden. Um jedoch auch Informationen auswerten zu können, die beispielsweise aus der Variable „Alter“ hervorgehen, ist es zusätzlich notwendig, einen geringen Teil der ermittelten Daten quantitativ auszuwerten. Des Weiteren werden Teile der qualitativen Daten quantifiziert um beispielsweise Häufigkeiten von den genannten Krankheitsgründen deutlich zu machen. Nach Saunders et al. (2009) ist diese Vorgehensweise sehr hilfreich, um qualitative Daten vollständig auszuwerten (S. 497). Folglich handelt es sich bei der verwendeten Forschungsmethode um einen Mischmodellansatz, der die qualitative und quantitative Datensammlung und -auswertung kombiniert (Saunders et al., 2009, S. 152).

3.4.1 Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring

Für die Auswertung der qualitativen Daten hat sich die Autorin für die Verwendung der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring entschieden. Ziel ist es, „Texte systematisch [zu] analysieren, indem sie das Material schrittweise mit theoriegeleitet am Material entwickelten Kategoriensystemen bearbeitet“ (Mayring, 2002 zitiert in Ramsenthaler, 2015, S.1). Mit Hilfe von Kategorien, Kategoriendefinitionen und Ankerbeispielen kann der latente Sinn der qualitativen Daten erfasst und interpretiert werden (ebd.). Bei der Vorgehensweise hält sich die Autorin an die vorgegebenen Arbeitsschritte nach Mayring (2007), welche in der folgenden Abbildung 1 deutlich werden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Arbeitsschritte nach Mayring (2007)

(Grafik übernommen von Ramsenthaler, 2015, S. 26)

Der fünfte Arbeitsschritt, die theoretische Differenzierung der Fragestellung, der sechste Arbeitsschritt, die Bestimmung der Analysetechniken und des konkreten Ablaufmodells, sowie der siebte Arbeitsschritt, die Definition der Analyseeinheiten, werden in den nachfolgenden Abschnitten erläutert, da sie zur Erklärung der verwendeten Forschungsmethode gehören. Einzelheiten zu allen anderen Arbeitsschritten - eigentliche Analyse des Materials - können dem Auswertungsteil des Forschungsprojektes (Kapitel 5) entnommen werden.

3.4.1.1 Theoretische Differenzierung der Fragestellung

Das Material wird inhaltlich in Anlehnung an die in Abschnitt 3.2 aufgestellten Forschungsfragen ausgewertet. Die nachfolgende Tabelle 1 gibt einen Überblick über die Fragen aus den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebögen (Spalte 2 und 4) und dessen direkte Verknüpfung zu den Forschungsfragen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Verknüpfung der Fragen des Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebogens mit den Forschungsfragen

Die Fragen 1 bis 4 des Arbeitgeberfragebogens sowie die Fragen 1 bis 3 des Arbeitnehmerfragebogens haben nur eine indirekte Verbindung zu den Forschungsfragen. Ziel dieser Fragen ist es die demografischen Daten der Teilnehmer zu erfassen, um einen Einblick über die Verteilung von Alter, Geschlecht bzw. Charakteristika der untersuchten Unternehmen bekommen. Es ermöglicht der Autorin potenzielle, distinktive Eigenschaften von Gruppierungen zu ermitteln und sie bei Auffälligkeiten in Relation zu allen Forschungsfragen zu setzen. Die Fragen 5 und 6 des Arbeitgeberfragebogens sowie die Fragen 4 und 5 des Arbeitnehmerfragebogens werden auf Grundlage der ersten Forschungsfrage analysiert. Aufgrund der identischen Fragestellungen werden sowohl inter- als auch intrabetriebliche, sowie geschlechtsspezifische Vergleiche zu den vermuteten Krankheitsgründen durchgeführt. Im zweiten Schritt werden diese dann mit den aktuellen Studienergebnissen verglichen. Die Intention der Autorin ist es, vermutete Diskrepanzen aufzudecken. Frage 7 des Arbeitgeberfragebogens und Frage 6 des Arbeitnehmerfragebogens dienen zur Beantwortung der zweiten und sechsten Forschungsfrage. So kann das von den Arbeitgebern angestrebte Gesundheitskonzept mit der Wahrnehmung der Arbeitnehmer verglichen werden, um zu untersuchen, welchen Stellenwert das BGM im Betrieb hat und ob das Angebot von den Arbeitnehmer auch bewusst wahrgenommen wird. Die Autorin erhofft sich, einen Einblick in die im Zuge der Literaturanalyse ermittelten Defizite im Bereich BGM in mittelständischen Unternehmen zu bekommen. Des Weiteren ermöglicht die Frage einen Einblick in das Angebot des BGM der Unternehmen zu bekommen und in Hinblick auf geschlechtersensibles BGM zu untersuchen. Frage 8 des Arbeitgeberfragebogens und Frage 7 des Arbeitnehmerfragebogens werden in Hinblick auf die Forschungsfragen 4 und 5 analysiert. Ziel ist es das Interesse der Arbeitgeber und Arbeitnehmer an einem geschlechtersensiblen BGM zu ermitteln und die Ansichten ebenfalls inter- und intrabetrieblich und geschlechterspezifisch zu vergleichen. Frage 9 des Arbeitgeberfragebogens und Frage 8 des Arbeitnehmerfragebogens beantworten die sechste Forschungsfrage. Zum einen soll herausgefunden werden, ob Arbeitgeber ein geschlechtersensibles BGM in ihrem Unternehmen implementieren. Zum anderen wird durch den direkten Vergleich mit den Wahrnehmungen der Arbeitnehmer angestrebt zu untersuchen, ob das Angebot auch von den Mitarbeiter wahrgenommen wird. Frage 9 des Arbeitnehmerfragebogens basiert ebenfalls auf der Untersuchung der zweiten Forschungsfrage. Die Autorin möchte herausfinden, ob und warum die Arbeitnehmer mit den gesundheitsfördernden Angeboten ihres Arbeitgebers zufrieden oder unzufrieden sind. Diese Frage wurde bewusst als vorletzte Frage gewählt, nachdem die Teilnehmer bereits nach ihrer Meinung zu einem geschlechterspezifischen BGM befragt wurden. So kann zusätzlich ermittelt werden, ob möglicherweise das Vorhandensein oder Fehlen eines geschlechtersensiblen BGM zur Zufriedenheit oder Unzufriedenheit beiträgt. Frage 10 aus dem Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragen zielt final darauf ab, allgemeine Lösungsvorschläge zur Senkung des Krankenstandes zu erfassen. Somit bezwecken diese Fragen konkret, die siebte und letzte Forschungsfrage zu beantworten. Nachdem die Teilnehmer die Fragebögen bis zu diesem Punkt ausgefüllt haben, ist es nun aus wissenschaftlicher Perspektive interessant zu erfahren, ob sie vor dem thematischen Hintergrund dieses Fragebogens zum geschlechterspezifischen BGM diesen Ansatzpunkt auch als Option zur Senkung des Krankenstandes in Betracht ziehen.

3.4.1.2 Bestimmung der Analysetechniken und Festlegung des konkreten Ablaufmodells

Bei der Einordnung des Materials in vorab festgelegte Kategorien hat sich die Autorin für die Verfahrensweise der inhaltlichen Strukturierung entschieden. Ziel ist es, das „Material zu bestimmten Themen [und] zu bestimmten Inhaltsbereichen [zu] extrahieren und zusammen[zu]fassen“ (Müller, 2003, S. 11). Trotz eines grundsätzlich induktiven Forschungsprozesses hat sich die Autorin bei der Aufstellung des Kategoriensystems bewusst für eine deduktive Kategorienbildung entschieden. Hierbei „geht es darum, schon vorher festgelegte, theoretisch begründete Auswertungsaspekte an das Material heranzutragen“ (Mayring, 2000). Im Rahmen dieser Arbeit bilden die in Abschnitt 3.2 festgelegten Forschungsfragen den theoretisch begründeten Hintergrund zur Umsetzung der deduktiven Kategorienanwendung. Des Weiteren wird die strukturierte Form der Fragebögen von der Autorin in engem Zusammenhang mit den Forschungsfragen entwickelt, was eine Kategorisierung vor der Analyse des Datenmaterials ebenfalls befürwortet. Ziel ist es konkrete Elemente zur Beantwortung der Forschungsfragen aus den Antworten der Teilnehmer zu extrahieren. Da die Fragen 1 bis 6 des Arbeitgeberfragebogens und 1 bis 5 sowie 9 des Arbeitnehmerfragebogens eine quantitative Analyse erfordern, wird dieses Material zwar in das Kategoriensystem der qualitativen Inhaltsanalyse inkludiert, jedoch trotzdem quantitativ ausgewertet. Die folgenden Tabellen 2 und 3 geben einen Überblick über das entwickelte Kategoriensystem zur Analyse der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebögen. Dargestellt ist die jeweilige Frage im Fragebogen und die daraus entwickelte Kategorie. Des Weiteren erfolgt eine Definition der Kategorien. Zusätzlich werden die dazugehörigen Ankerbeispiele und die zugeordnete Kodiervariable aufgelistet. Trotz ähnlicher Kategorien hat sich die Autorin dafür entschieden zwei separate Kategoriensysteme für die Arbeitgeber- und Arbeitnehmerfragebögen zu entwickeln, um die Übersichtlichkeit zu gewährleisten.

Verdauungssystems“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 3 Kodiersystem Arbeitnehmerfragebogen

3.5 Zeitlicher Horizont

Im Rahmen dieser Arbeit hat sich der Autor für eine Querschnittsstudie entschieden. Zum einen ist das Forschungsprojekt auf einen Zeitraum von 22 Wochen begrenzt, was den Gebrauch einer Längsschnittstudie erschweren würde. Zum anderen hat die Autorin das Ziel, die Daten auf Basis der aktuellen Studien zum jetzigen Zeitpunkt zu ermitteln. Entwicklungsprozesse oder zeitliche Veränderungen spielen bei diesem Forschungsprojekt keine Rolle, was die Verwendung einer Längsschnittstudie ebenfalls ausschließt.

3.6 Stichprobenauswahl

Die Autorin hat sich bei diesem Forschungsprojekt für ein nicht-zufälliges Auswahlverfahren entschieden. Die Entscheidung für dieses Stichprobenauswahlverfahren basiert auf der bereits genannten schwierigen Verfügbarkeit von potenziellen Umfrageteilnehmern. Dementsprechend hat die Autorin die Stichprobe zum einen nach subjektivem Entscheidungsvermögen ausgewählt und insbesondere Teilnehmer ausgewählt, die am ehesten bei der Beantwortung der Forschungsfragen hilfreich sein können. Diese Form des nicht-zufälligen Auswahlverfahrens beschreibt das Purposive Sampling (Saunders et al., 2009, S. 237). Außerdem hat sich der Autor für die Convenience Sampling Methode entschieden, bei der bewusst Teilnehmer ausgewählt werden, die für den Autor einfach zugänglich sind (Saunders et al., 2009, S. 241). Die Kombination aus beiden Methoden ermöglicht eine effiziente Beantwortung der Forschungsfragen, aufgrund einer vorhersehbaren und damit verlässlichen Zahl an ausgefüllten Fragebögen. Folgende Kriterien waren bei der Stichprobenauswahl von Bedeutung: Zum einen wurde auf die Größe des Unternehmens geachtet. Somit wurden ausschließlich Arbeitgeber und Arbeitnehmer von mittelständischen Unternehmen mit mindestens 50 und höchsten 250 Mitarbeitern ausgewählt (basierend auf der Definition von KMU nach dem Institut für Mittelstandsforschung, vgl. Kapitel 4.2.7). Des Weiteren hat die Autorin ein besonderes Augenmerkt darauf gelegt, Umfrageteilnehmer aus verschiedenen Branchen und möglichst verschiedenen Regionen Deutschlands auszuwählen. Zusätzlich wurde darauf geachtet, immer jeweils einen Arbeitgeber und einen Arbeitnehmer aus dem gleichen Betrieb zu finden. Unter Berücksichtigung dieser Kriterien werden insgesamt vier mittelständische Unternehmen in Deutschland untersucht. Die Stichprobenauswahl besteht aus drei Arbeitgebern und einer Arbeitgeberin, sowie jeweils einem dazugehörigen Arbeitnehmer und einer dazugehörigen Arbeitnehmerin. Die Stichprobengröße ist mit insgesamt zwölf Teilnehmern relativ klein. Da die Autorin sich jedoch für einen induktiven Forschungsprozess entschieden hat, ist die Größe für den Forschungszweck dieses Projektes ausreichend. Eine statistische Generalisierung der Forschungsergebnisse wird nicht angestrebt.

4 Literaturanalyse

4.1 Die Gesundheit

4.1.1 Begriffsbestimmung

Etymologisch betrachtet hat der Begriff “Gesundheit” seinen Ursprung im germanischen Wort [ga]sunda, was stark oder kräftig bedeutet (Ansorg, 2008, S.43). Doch für Wissenschaftler ist die Gesundheit bis heute kein eindeutig definierbares Konstrukt und daher einem ständigen Wandel unterzogen. Eine der bekanntesten Definition ist die der Weltgesundheitsorganisation WHO (2006), die den Begriff so erklärt: „Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity” (S.1). Diese Sichtweise hat jedoch weltweit zu Kritik geführt. Franke (1993) merkt an, dass das dort proklamierte vollständige physische, mentale und soziale Wohlergehen ein ideal-utopischer Zustand sei. Des Weiteren habe Gesundheit vielmehr einen Prozesscharakter und sei kein statischer Zustand (zitiert in Schwartz, 2003, S. 26). Den prozesshaftigen Charakter der Gesundheit greift auch der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Antonovsky in seinen Überlegungen auf. Er hat den Gesundheitsbegriff ebenfalls maßgeblich durch seinen Ansatz der Salutogenese (Gesundwerdung) geprägt. Während in der traditionellen Wissenschaft der Fokus bislang auf der Entstehung und Bekämpfung von Krankheiten (Pathogenese) lag, legte Antonovsky den Fokus darauf, welche Bedingungen die Gesundheit erhalten und fördern können. Dabei sieht er die Gesundheit und Krankheit von Menschen als gegensätzliche Pole eines Kontinuums an, auf dem sich der Mensch stetig hin und her bewegt (Höfer, 2000, zitiert in Büssers, 2008, S.7). Die Gesundheit hängt nach Antonvsky von den drei Komponenten des Kohärenzsinnes (Verstehbarkeit, Bewältigbarkeit und Sinnhaftigkeit) ab. Jeder Mensch entwickelt diese Eigenschaften in den ersten 20 Lebensjahren mit unterschiedlicher Ausprägung. Die Stärke der Ausprägung entscheidet dabei maßgeblich über den Gesundheitszustand, da diese Komponenten Einfluss auf die Fähigkeit der Krisen- und Krankheitsbewältigung des Menschen haben (Wünsch, 2012). Während die aufgeführten Erklärungsversuche des Gesundheitsbegriffes zu einer Objektivierung des Gesundheitsbegriffs tendieren, wird in Hurrelmanns (1990) Definition der Gesundheit deutlich, dass diese auch maßgeblich vom Individuum, seiner erfahrungsmäßigen Perspektive mit dem Gesundheits- bzw. Krankheitszustand und ihrem gesellschaftlichen Kontext abhängt. Er sieht Gesundheit als „Zustand des objektiven und subjektiven Befindens einer Person, der gegeben ist, wenn sich diese Person in den physischen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Einklang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den jeweils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet“ (S. 62). Zusammenfassend kann man feststellen, dass eine eindeutige Definition des Gesundheitsbegriffs wohl nie möglich sein wird. Die Komplexität des Verständnisses und Erfahrens von Gesundheit findet auf unterschiedlichen Ebenen statt. Während die WHO das Ziel hat, den Gesundheitszustand der Menschen weltweit zu verbessern, betrachtet sie den Gesundheitsbegriff eher als idealtypischen Zielzustand und Richtwert. Naturwissenschaftler wie Antonovsky hingegen sehen ihre Aufgabe vermutlich eher darin, die medizinischen Ursachen und Voraussetzungen für ein gesundes Leben – in Abwesenheit von Krankheit – zu erforschen und prägen den Gesundheitsbegriff dementsprechend mit wissenschaftlichen Theorien. Hurrelmann, als Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler verweist darauf, dass der Zustand des „Gesund sein“ vor allem auch eine individuelle Dimension hat und von den eigenen Zielvorstellungen und Lebensbedingungen abhängt. Die Gesundheit ist demnach mehr als anzustrebendes, ganzheitliches Konzept zu betrachten, was je nach Perspektive unterschiedlich ausgelegt werden kann.

[...]


[1] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Textverlauf das traditionelle generische Maskulinum verwendet. Wenn kein entsprechender Hinweis im Text vorliegt, sind immer das männliche und das weibliche Geschlecht gemeint. Gleiches gilt für die Begriffe Mitarbeiter und Teilnehmer.

[2] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Textverlauf für das betriebliche Gesundheitsmanagement das Akronym BGM verwendet (Ausnahme: Überschriften und Zitationen)

[3] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Textverlauf für die betriebliche Gesundheitsförderung das Akronym BGF verwendet.

[4] Aufgrund der besseren Lesbarkeit wird im Textverlauf für das klein- und mittelständische Unternehmen das Akronym KMU verwendet.

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Details

Titel
Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz. Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen müssen Unternehmen beachten?
Autor
Jahr
2018
Seiten
117
Katalognummer
V417262
ISBN (eBook)
9783960952848
ISBN (Buch)
9783960952855
Dateigröße
3381 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mittelständische Unternehmen, Mitarbeitergesundheit, betriebliches Gesundheitsmanagement, Männergesundheit, Frauengesundheit, Burnout
Arbeit zitieren
Frederike Fengler (Autor), 2018, Gesundheitsmanagement am Arbeitsplatz. Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen müssen Unternehmen beachten?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417262

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