Das Alexanderbuch des Meisters Wichwolt (Babiloth) und seine Vorlagen


Examensarbeit, 1989
153 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Forschungssituation
2.1 Die Handschriften von Wichwolts Alexanderbuch, deren Sprache und die des Originals
2.2 Stemma
2.3 Das Verhältnis zu den Vorlagen
2.4 Die Frage des Autors (‚Wichwolt‘ oder ‚Babiloth‘?)

3 Das Verhältnis des Textes zu den Vorlagen
3.1 Das Verhältnis zu J2 und J3
3.2 Die „lere“ des Aristoteles und ihre Vorlagen
3.2.1 Das Verhältnis der „lere“ zur Alexandreis Walters von Châtillon und zum Secretum Secretorum
3.2.2 Zur Auswahl der Vergleichstexte
3.2.3 Das Verhältnis der „lere“ zu ihren beiden Vorlagen
3.3 Das Verhältnis zur Collatio Alexandri Magni cum Dindimo

4 Inhaltliche Aspekte des Verhältnisses zu den Vorlagen
4.1 Die Aussage des von Wichwolt wiedergegebenen Textes von J2 und J3
4.1.1 Die Figurenkonstellation
a) Die ‚Ritter‘ und Untertanen
b) Die Fürsten
c) Das Frauenbild
d) Beschreibung der Volksführer und -führerinnen (Könige, Königinnen, Priester Jerusalems, etc.)
4.1.2 Die durch das Figurenhandeln verdeutlichte Philosophie
a) Die eigentliche Chronik
b) Der Mardocheusbrief
c) Der Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus
4.1.3 Der äußere Ablauf der Erzählung
a) Die Vorgeschichte des Lebens Alexanders und seine Jugend
b) Seine Kriegszüge
c) Die Erzählung über die Wunder Indiens
d) Alexanders Tod
4.2 Die Veränderung der Aussage durch die Mischung von Rezension J2 und J3
4.3 Die Veränderung der Aussage durch die Übernahme der abweichenden Version der Collatio Alexandri Magni cum Dindimo
4.4 Die Veränderung durch die Aristoteleslehre
a) Die inhaltliche Tendenz der Übersetzung Walters
b) Die inhaltliche Tendenz im Secretum Secretorum
c) Die Aristoteleslehre im Zusammenhang der Historia de preliis

5 Die Charakteristika von Wichwolts Text in der literarischen Tradition
5.1 Die mittelalterliche deutsche Alexanderliteratur vor Wichwolt
a) Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht und seine Bearbeitungen
b) Der Alexander Rudolfs von Ems
c) Der Alexander Ulrichs von Eschenbach
d) Seifrits Alexander und der Wernigeroder Alexander
5.2 Gesellschaftliche und literarische Tendenzen zur Zeit Wichwolts
5.3 Das Werk Wichwolts in seinem historisch-literarischen Zusammenhang

6 Die Kölner Handschrift als Bearbeitung des Werkes Wichwolts

7 Der Lübecker Druck
7.1 Das Rezeptionsangebot Wichwolts für das Lübecker Lesepublikum um 1478
7.1.1 Das Lesepublikum – die Ausstattung des Drucks
7.1.2 Die Situation in Lübeck um 1478
7.1.3 Das Rezeptionsangebot Wichwolts
7.2 Inhaltliche Aspekte der abweichenden Textgestalt gegenüber Wichwolt
7.2.1 Die Kürzungen und geringfügigen Erweiterungen gegenüber Wichwolt
7.2.2 Die Einfügungen aus Johann Hartliebs Alexander
a) Exkurs: Johann Hartliebs Alexander
b) Das Rezeptionsangebot Hartliebs für das Lübecker Lesepublikum um 1478
c) Die Einfügungen aus Hartliebs Alexander in den Text Wichwolts
d) Zusammenfassung
7.2.3 Die eingeschobene „lere“
7.3 Die Bearbeitungstendenz des Lübecker Drucks im Zusammenhang mit seiner Vorlage

8 Schlussbemerkung – Forschungsperspektiven

9 Anhang
9.1 Anhang: Textvergleich der Alexandreis Walters von Châtillon/Wichwolt
9.2 Anhang: Textvergleich Secretum Secretorum/Wichwolt
9.3 Anhang: Textvergleich Collatio Alexandri Magni cum Dindimo/Wichwolt
9.4 Anhang: Textvergleich Hartliebs Alexander/Van Alexandro deme groten koninge
9.5 Anhang: Ausschnitte der Coburger Handschrift
a) Illustrierte erste Seite <Co cjr/106r>
b) Übersetzung der Inschrift am Thron Alexanders
9.6 Anhang: Textausschnitte Wolfenbütteler Handschrift
a) Übersetzung des Gedichtes des Dothomeus
b) Übersetzung des Gedichtes des Demosthenes
c) Schlussverse
9.7 Anhang: Textausschnitt Lübecker Druck
9.8 Anhang: Textausschnitt Kölner Handschrift

Alexander verliert beim Schachspiel

10 Literaturverzeichnis
a) Benutzte Wichwolt-Texte
b) Literatur

1 Einleitung

Auch wenn es in unserem Jahrzehnt wieder weitgehend aus der Mode gekommen ist, die gesellschaftliche Relevanz eigener Forschungen zu begründen und Erkenntnis leitende Interessen offen zu legen, halte ich doch die Ansprüche nach wie vor für richtig, immer aufs Neue zu bedenken, wie die eigenen Ergebnisse auch die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung auf ein „Mehr“ an Selbstbestimmung des Volkes (= Demokratie) fördern können und niemand über die Motivierung der eigenen Forschung im Unklaren zu lassen, die ja immer auch auf die Ergebnisse Einfluss hat.

Die Frage nach dem gesellschaftlichen Nutzen von Wissenschaft stellt sich m. E. derzeit mehr denn je.

In einer Zeit, wo die verschiedenen Einzelwissenschaften durch Umstrukturierungsmaßnahmen der Hochschulen unter einen erneuten Legitimationsdruck gestellt werden, müssen auch die Gesellschafts- und Kulturwissenschaften ihren Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft verdeutlichen. Über ihre Zukunft als Wissenschaften entscheiden sie selber. „Dazu gehört, in dem aktuellen Legitimationsdruck nicht nur staatliche Unbill, sondern auch eine Chance zu sehen.“[1]

Während die Naturwissenschaften sich gesellschaftlichen Herausforderungen von der technologischen Seite her nähern, ist es als Aufgabe der Gesellschafts- und Kulturwissenschaften eher vorstellbar, gängige Muster der Bewältigung gesellschaftlicher Probleme[2] zu analysieren und im Hinblick darauf zu werten, inwiefern sie angemessen und geeignet sind, die geistigen Kräfte zu möglichst der gesamten Gesellschaft zu mobilisieren. Verdrängungsstrategien, die die Lösung eher verhindern, sollten entlarvt und bekämpft werden.

Historische Denkschemata sind insofern teilweise noch gegenwärtig, als nachfolgende Generationen immer auf dem Gedankengut der vorher gehenden aufbauen und dieses rezipieren, aber auch teilweise verwerfen. Eine Analyse darüber, wie die Menschen früherer Zeiten auf gesellschaftliche Fragestellungen ihrer Zeit reagierten, wie dieses Denken die Lösung förderte oder behinderte, kann daher – wenn man die unterschiedlichen historischen Standorte berücksichtigt – Aufschlüsse über gesellschaftliche Probleme unserer Zeit, aktuelle Verdrängungsstrategien und Möglichkeiten zu deren Entlarvung eröffnen, wodurch ein Beitrag zur Lösung dieser Probleme geleistet würde.[3]

In der Erkenntnis der Unterschiede der historischen Situationen und der Reaktions- und Handlungsmuster wird zugleich die Veränderbarkeit der Welt durch das Handeln der Menschen erkennbar. Die Verbreitung dieser Erkenntnis schafft Motivation für politisches Handeln heute und ist damit ein Beitrag zur Demokratisierung, auf dem Wege dahin, an der Entscheidung über ihre Zukunft auch tatsächlich alle Betroffenen zu interessieren und zu beteiligen.

Germanistische Untersuchungen historischer Werke können diesen allgemeinen Zielrichtungen unterschiedlich nahe kommen. Dies ist abhängig vom jeweiligen Forschungsstand, dem Untersuchungsgegenstand und vom eigenen Erkenntnisinteresse.

Einzelwerke – wie auch Wichwolts[4] Alexanderbuch[5] – beleuchten meist nur Einzelaspekte und einzelne Problemlösungsansätze der jeweiligen Zeit, die diesbezüglichen Ergebnisse von Untersuchungen bestehen meist aus wenigen Sätzen. Erst Untersuchungen über die allgemeine Literatur der Zeit, philosophische Ansätze, etc. können korrekte Einschätzungen über diese und die Gültigkeit oder Überlebtheit für uns heute erbringen

Mein Interesse bei meiner Arbeit zu Wichwolts Alexanderbuch ist, Erkenntnisse zu gewinnen, die es ermöglichen, die literarischen Erwartungshaltungen des 15. Jahrhunderts durch die Analyse eines Einzelwerkes, also eines Teilaspektes, klarer festzustellen und damit auch die Wünsche und Hoffnungen der damals lebenden Menschen bzgl. der Bewältigung ihrer Probleme und ihre Lösungswege. Diese Lösungswege auch noch auf ihre Tauglichkeit für uns heute zu überprüfen, würde die Aufgabenstellung dieser Arbeit gewiss überfordern.

Der Forschungsstand zu Wichwolts Alexanderbuch ist sehr niedrig. Der größte Teil der Untersuchungen zu Wichwolts Alexanderbuch stammt aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Verhältnis der verschiedenen Handschriften zueinander. Nicht einmal das Verhältnis des Textes zu seinen Vorlagen ist hinreichend untersucht, obwohl dies doch Voraussetzung für jede inhaltliche Beurteilung ist. Der einzige Forschungsbeitrag der letzten dreißig Jahre beschäftigt sich ausschließlich mit der Verfasserfrage und der Einordnung einer weiteren Handschrift. Inhaltliche Untersuchungen zu Wichwolts Alexanderbuch liegen bisher also nicht vor.

Wie kaum ein anderer Herrscher der damaligen Zeit hat Alexander (356 – 13.6.323 v. u. Z.) für die Aufzeichnung seiner Taten Sorge getragen. Zu seiner ständigen Begleitung gehörte ein Historiograf namens Kallisthenes von Olynth (370 – 327 v. u. Z.). Die ersten tradierten Darstellungen des Lebens Alexanders stammen schon aus unserer Zeit (Plutarch, um 46 bis nach 120). Die erste lateinische Alexandererzählung, die größeren Einfluss auf die westeuropäische Überlieferung nahm, stammt von Quintus Curtius Rufus (Kaiserzeit).

Im 3. Jahrhundert u. Z. kompilierte ein unbekannter ägyptischer Autor[6] in griechischer Sprache – in Anlehnung an frühe Zuschreibungen an Kallisthenes Pseudo-Kallisthenes genannt – eine Biografie und einen Briefroman über Alexander. Dieses Werk wurde zum einflussreichsten der Überlieferung des Lebens Alexanders.

Zwischen 310 und 330 übersetzte Julius Valerius Polemius ein Exemplar der Rezension α ins Lateinische. Der Neapolitaner Archipresbyter Leo übersetzte zwischen 951 und 969 ein Exemplar der Rezension *δ.

Diese Übersetzung wurde erstmals im 11. Jahrhundert in Italien bearbeitet (durch Einfügungen). Es entstand die Version J1 der Historia (Alexandri Magni) de preliis, die Ausgangspunkt wurde für zwei weitere voneinander unabhängige Bearbeitungen, J2 und J3.[7]

Sehr unterschiedliche Tendenzen weist die deutschsprachige Überlieferung des Alexanderstoffes auf.[8] Als Vorlagen dienten meist J2 oder J3, aber auch die Alexandreis Walters von Châtillon (~1135 – ~1200), die auf Curtius zurückgeht.[9]

Wichwolts Alexanderbuch ist die einzige ursprünglich niederdeutsche Bearbeitung des Stoffes, der sich im Mittelalter einer großen Beliebtheit erfreute. Sie wurde ins Hochdeutsche übersetzt und erfuhr im hochdeutschen Raum weite Verbreitung, wie die Vielzahl der überlieferten hochdeutschen Handschriften beweist. Aus dem niederdeutschen Sprachraum ist nur der einzige Druck dieses Werkes überliefert.

Bei einer Arbeit, die das Verhältnis von Wichwolts Werk zu seinen Vorlagen untersucht, geht es nach neuerem Verständnis vor allem um eine Bearbeitungstendenz, d. h. es stellt sich die Frage, welche Auswirkungen die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse – vermittelt über das Bewusstsein eines konkreten historischen Autors – auf die Gestaltung seines Werkes hatten, bzw. wie das Werk dieses Autors das Bewusstsein seiner Leser und Leserinnen beeinflussen konnte. Es ist auch zu evaluieren, wie stark das Werk dabei den Geschmack seiner Zeit getroffen hat oder innovativ war, wie sich also die Bearbeitungstendenz in den synchronen und diachronen literarischen Zusammenhang einfügt oder aus ihm herausfällt.

Es stellt sich die Frage, welche der verschiedenen, durch die Handschriften und den Druck vertretenen Textversionen der Arbeit zugrunde zu legen ist.

Nach den Untersuchungen von Schmidtgall[10] ist es sinnvoll, für eine Ausgabe von Wichwolts Text entweder die Stuttgarter Handschrift (Stu) zugrunde zu legen (wegen der Vollständigkeit des Textes) oder den Lübecker[11] Druck (Vo), der die besten Lesarten enthält, aber eine Bearbeitung darstellt.[12] Im Zusammenhang meiner Arbeit gebe ich (auch aus Gründen der leichteren Zugänglichkeit) dem Druck den Vorzug, also der Version mit dem größten Publikum.

Bei dem Druck[13] und der Kölner Handschrift handelt es sich um Bearbeitungen. Um sämtliche bekannten Versionen von Wichwolts Alexanderbuch zu untersuchen, werde ich am Ende meiner Arbeit kurz auf die Kölner Handschrift und auf das Verhältnis des Druckes zu seinen Vorlagen eingehen. Dabei wird u. a. zu fragen sein, was Wichwolts Werk in Abgrenzung zu anderen Werken der mittelalterlichen Tradition des Alexanderstoffes (v. a. Johann Hartliebs Alexander) für das Lesepublikum Lübecks um 1478 interessant macht, welche Tendenzen die Bearbeitungsrichtung des Druckes verstärkt oder neu artikuliert, inwiefern das Werk dem Publikum bei der Bewältigung von Problemen des Lebens half oder sie ideologisch verarbeitete, wie es Stellung bezieht und in die Verhältnisse seiner Zeit eingreift. Voraussetzung dazu ist, den Stellenwert des ursprünglichen Werkes Wichwolts in der literarischen Entwicklung zu untersuchen.

2 Die Forschungssituation

2.1 Die Handschriften von Wichwolts Alexanderbuch, deren Sprache und die des Originals

Die Geschichte der Forschung zum Alexanderbuch des Meisters Wichwolt beginnt, als Jakobs im Jahre 1835 erstmals die Gothaer Handschrift Ch. A. 26 von 1472 beschreibt, die auf f. 249–322 eine Alexandergeschichte in Prosa enthält.[14] Es folgen einige weitere Handschriftenbeschreibungen, den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Texten hat aber erst Adolf Ausfeld erkannt.[15] Insgesamt hat Ausfeld 8 Handschriften identifiziert.[16] In seiner Untersuchung beschränkt er sich auf drei Handschriften (V, D und G). Er stellt in den Handschriften V und G zwei Unordnungen fest[17] und ordnet sie daher einer gesonderten Textklasse A zu, den verbleibenden Text, der dem Original also näher kommt, einer Textklasse B.

Im Vorwort zu seiner synoptischen Teilausgabe der Handschriften Stu und D baut Sigmund Herzog 1897 auf den Erkenntnissen Ausfelds auf:[18] Er bezieht die anderen von Ausfeld genannten Handschriften in die Untersuchung ein und stellt fest, dass die Handschriften Stu, M, Goth und W ebenfalls zur Textklasse A gehören, der Textklasse B ordnet er die Handschriften D und Be zu. Auch innerhalb der verschiedenen Textklassen entdeckt er Beziehungen, ein Stemma stellt er jedoch noch nicht auf.

Herzog untersucht auch erstmals die Sprache der vorliegenden Handschriften, wobei er die Textklasse A als oberdeutsche und die Textklasse B als mitteldeutsche Handschriften identifiziert.

Im Jahre 1930 beschäftigt sich Friedrich-Franz Siggelkow erstmals mit dem niederdeutschen Druck des Alexanderbuches.[19] Er meint, in dem Text eine wortgetreue Übersetzung der von D repräsentierten Rezension zu entdecken, wobei der Druck aber einen besseren und reineren Text biete.[20] Er ordnet Vo also der Textklasse B zu. An zwei Stellen findet er Einfügungen aus Johann Hartliebs Alexander, die die Handschriften nicht enthalten. Am Ende des Textes entfallen die Verse über die Laster Alexanders, sie werden durch eine moralisierende Betrachtung ersetzt.[21]

Die Möglichkeit eines niederdeutschen Originals zieht Siggelkow nicht ernsthaft in Erwägung – er geht davon aus, dass der Lübecker Druck wie fast alle spätmittelalterlichen niederdeutschen Werke, die in der Forschung oft als „Volksbücher“ bezeichnet werden, eine Übersetzung aus dem Hochdeutschen ist. Er prüft diese These durch einen Vergleich mit der Handschrift D und meint, mitteldeutsche Reste festzustellen. Sein „stärkstes“ Argument ist dabei ein grammatikalisches:

„Um das Reflexivverhältnis der dritten Person zu bezeichnen (nd. sik), wendet er in obd. und md. Weise die dritte Person des Personalpronomens [em, ohm] an, was im Nd. durchaus ungebräuchlich ist.“[22]

Friedrich Pfister gibt im Jahre 1942 einen Überblick über die Forschung und erwähnt drei weitere Handschriften:[23] die Handschrift aus Cheltenham,[24] die Kölner Handschrift K, die er für niederdeutsch hält, und eine gesonderte Abschrift des Briefes von Mardocheus an Alexander (Ma) aus St. Gallen. Er nennt auch die drei bekannten Aufbewahrungsorte der Inkunabel: Hamburg, Berlin (jetzt Marburg) und Uppsala.

Wolfgang Stammler nennt 1960 noch zwei separate Exemplare des Briefwechsels zwischen Alexander und Dindimus in Heidelberg und St. Gallen.[25]

In ihrer Dissertation aus dem Jahre 1961 beschäftigt sich Gerta Schmidtgall ausschließlich mit Wichwolts Alexandergeschichte,[26] wobei es ihr nicht möglich war, die Handschriften V und Goth, die jedoch Herzog schon untersucht hatte, und die Handschrift Che einzubeziehen.[27]

Aufgrund ihrer handschriftenkundlichen Untersuchungen nennt sie als Entstehungsräume und ‑daten der Handschriften M (1448), Goth (1471–75) und G (2. Hälfte 15. Jh.) den Nürnberger Raum, Vo soll um 1478 in Lübeck, K Anfang des 15. Jahrhunderts im Kölner Raum entstanden sein. Als weitere Entstehungsdaten nennt sie:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die älteste datierte Handschrift ist also die Handschrift M von 1448; Schmidtgalls paläografischen Ermittlungen zufolge ist die Handschrift K aber eindeutig die älteste.

Sie untersucht die Sprache der Handschriften auf ihren Konsonantismus und Vokalismus, die Wortbildung und die Flexion. Die oberdeutschen Handschriften Stu, W, M und G sind demnach in bairischen Dialekten abgefasst, mit unterschiedlich starken mitteldeutschen Spuren, sodass ihr auch daher der Nürnberger Raum als Entstehungsraum dieser Handschriften am wahrscheinlichsten erscheint. K ist in einem vermutlich nördlichen mittelfränkischen Dialekt geschrieben, sodass der Kölner Raum als Entstehungsraum wahrscheinlich ist. Be und D sind in einem östlichen Mitteldeutsch verfasst; ein südthüringischer Entstehungsraum scheint für Be wahrscheinlich, für D kommt eher Schlesien in Frage. Der Mardocheusbrief ist in Alemannisch (Raum St. Gallen) geschrieben.

Die Handschrift K kann Schmidtgall nicht den Textklassen A oder B zuordnen. K stehe am nächsten zum Original, sei aber durch Auslassungen größeren Umfangs etwas verstümmelt.

Der Mardocheusbrief (Ma) enthält die 2. Unordnung, die für Textklasse A charakteristisch ist, und geht daher mit dieser auf einen gemeinsamen Archetypus *A (vor 1448) zurück.

Die nur bruchstückhaft erhaltene Handschrift Be steht allein, weist aber gemeinsame Fehler mit den anderen Handschriften und dem Druck auf, wo nur K die richtige Lesart bietet.

Die Handschrift D und den Druck zeichnet eine Umstellung des Mardocheusbriefes aus. Der Brief ist hier nicht wie im lateinischen Original und in den anderen Handschriften angefügt; Alexander erhält den Brief hier an der chronologisch richtigen Stelle – vor seinem Tod. Auch an anderen Stellen ist der Text der Vorlage abgeändert worden:

„In der gemeinsamen Vorlage von D und Vo war ein Mann am Werk, der am Babiloth-Text öfter einmal kleine inhaltliche Änderungen und stilistische Umformungen vornahm und an manchen Stellen bewußt kürzte.“[28]

Dabei bieten D und Vo jedoch oft bessere Lesarten als *A, Vo hat der unverderbtere Text zugrunde gelegen.[29]

Aus offensichtlichen Missverständnissen der Vorlage versucht Schmidtgall, die Sprache des Originals zu erschließen und findet heraus, dass die Vorlage von *A mit Sicherheit in niederdeutscher Sprache geschrieben wurde.[30] Dafür, dass alle anderen Vorstufen ebenfalls niederdeutsch waren, sind die Beweise nicht zwingend, die Wahrscheinlichkeit scheint ihr aber groß (auch aufgrund einzelner Lesarten).

In seinem Verfasserlexikonartikel von 1978 erwähnt Hans Hugo Steinhoff erstmals die Handschriften Co und Str.[31]

Stichhaltige Hinweise auf ein niederdeutsches Original findet 1986 Hans-Friedrich Rosenfeld.[32] Er untersucht die bisher unbekannte Handschrift Dess und entdeckt zahlreiche Hinweise auf eine niederdeutsche Vorstufe. Insbesondere beruft er sich auf den Gebrauch des Wortes „afterspil“ für ‚Ehebruch‘ (‚adulterium‘) (in den obd. Handschriften finde sich Ähnliches). Dieses Wort existiert im Mittelhochdeutschen nicht; es handelt sich offenbar um eine Übertragung des mnd. ‚auerspil.‘ Die Handschrift M versteht das Wort so wenig, dass sie sogar „affenspil“ daraus macht.[33]

Hier übersieht er, dass Vo die Lesarten „achter spijll“<44r> und „bouerie“<45r> bietet.[34] Das ist nicht erklärbar, wenn Vo einer rein niederdeutschen Überlieferung entstammt, in der durchgängig ‚ouerspil‘ oder Ähnliches gestanden haben soll. Auffällig ist auch, dass – wollte man Rosenfeld Glauben schenken – die obd. Handschriften „zufällig“ alle denselben Übersetzungsfehler einer niederdeutschen Vorlage aufweisen, auch K bietet durchgängig die Lesart „achter spyl“.[35] Mir scheint dieses Beispiel dafür zu sprechen, dass zwischen dem niederdeutschen Original und den anderen Handschriften mindestens eine hochdeutsche (mitteldeutsche) Zwischenstufe gelegen haben könnte, in der ‚ouerspil‘ regelmäßig mit ‚achterspil‘ übersetzt wurde.[36] Die Frage nach der Sprache der anderen Zwischenstufen wäre damit wieder offen; nur für die Vorlage von *A hat Schmidtgall die niederdeutsche Sprache nachgewiesen.

So könnte auch erklärbar sein, dass Siggelkow in Vo mitteldeutsche Reste zu entdecken meint, auch wenn er nur dürftige Beispiele bringt. Dies bedürfte noch einer genaueren Untersuchung, wobei v. a. der Druck (als einziger nicht-hochdeutscher Textzeuge) noch einmal auf hochdeutsche Einflüsse hin zu sichten wäre.

Einige wenige Hinweise darauf, dass Vo nicht einer rein niederdeutschen Überlieferung entstammt, meine ich entdeckt zu haben. Der Gebrauch von Wörtern wie „meyster“ statt ‚mester‘ <1rff> und „grosze“ statt ‚grote‘ an einigen Stellen ist nur ein Indiz und kann mit dem Vordringen hochdeutscher Elemente in den niederdeutschen Raum erklärt werden. Vo benutzt mit „vertzagen“ <3r> ein Wort, das im Niederdeutschen nicht vorkommt; bei dem Wort „twischen“ <2v> handelt es sich offenbar um eine Übersetzung des hochdeutschen ‚zwischen‘. Eindeutig scheint mir ein Übersetzungsfehler auf f. 56v. D schreibt an der entsprechenden Stelle richtig „weyße spangin“ < D 64rb>[37] ; in Vo lautet die Lesart „wessen spanghen“ <56v>. Bei einer rein niederdeutschen Überlieferung müsste hier ‚witten spanghen‘ stehen, der Wechsel von ‚tt‘ zu ‚ss‘ ist am ehesten durch eine hochdeutsche Vorstufe erklärbar.

Aufgrund Wasserzeichen und Schrift nennt Rosenfeld als Entstehungsort der Handschrift Dess Franken[38], als Entstehungszeit zwischen 1448 und 1471. Mundartlich gesehen erscheint ihm der Nürnberger Raum als Entstehungsraum wahrscheinlich. Dess macht die beiden Umstellungen der Textklasse A nicht mit und hat keine nähere Beziehung zu den anderen Handschriften aus dem Nürnberger Raum.

Die Umstellung des Mardocheus-Briefes in der Vorlage zu D und Vo macht Dess ebenfalls nicht mit: Dess hat mit diesen auch keine gemeinsamen (charakteristischen) Fehler. Aufgrund des Altersunterschiedes kann Dess nicht Vorlage von K sein, das Umgekehrte ist wegen der Auslassungen in K ausgeschlossen. Mit Be teilt Dess einige Lesarten, eine direkte Abhängigkeit voneinander ist jedoch ebenfalls unmöglich.[39]

Die Handschriften Che (15. Jh.), Str (nach 1411) und Co (um 1500), die bisher nicht untersucht sind, weist Rosenfeld der Gruppe WMGGoth zu. Sie enden mit dem Mardocheusbrief und enthalten alle eine typische Fehllesung der Textklasse A. Der Inhalt der Kodices verweist auf die genannte Gruppe. Die von Stammler festgestellten Exemplare des Briefwechsels[40] kann Rosenfeld nicht zuordnen.

Nach meinen Feststellungen teilt die Handschrift Co sämtliche von Schmidtgall festgestellten Fehler der Gruppe WMGGoth, aber keinen der Fehler der Gruppe WMGoth,[41] eine direkte Beziehung zur Handschrift G scheint – soweit ich dies mittels Herzogs Teiledition feststellen konnte – nicht zu bestehen, sodass Co direkt von der Vorlage WMGGoth (StrChe) abhängig ist.

2.2 Stemma

[42]

Verwendete Siglen (in alphabetischer Reihenfolge):

*A = Vorlage der Textklasse A, obd., vor 1448;

Be = Berliner Handschrift, obd. (Südthüringer Raum), 15. Jh.;

Che = Cheltenhamer Handschrift, obd.;

Co = Coburger Handschrift, obd., um 1500;

D = Dresdener Handschrift, md. (Schlesien), 1470;

Dess = Dessauer Handschrift, obd. (Franken), 1458–71;

G = Gießener Handschrift, obd. (Raum Nürnberg), 2. Hälfte 15. Jh.;

Goth = Gothaer Handschrift, obd. (Raum Nürnberg), 2. Hälfte 15. Jh.;

K = Kölner Handschrift, md. (Raum Köln), Anfang 15. Jh.;

M = Münchener Handschrift, obd. (Raum Nürnberg), 1448;

Ma = St. Gallener Handschrift des Mardocheusbriefes, obd. (Raum St. Gallen), 15. Jh.;

Str = Straßburger Handschrift, obd., nach 1411;

Stu = Stuttgarter Handschrift, obd. (Nürnberger Raum), ab 1470;

V = Züricher Handschrift, obd.;

Vo = Lübecker Druck, nd. (Lübeck), um 1478;

W = Wolfenbütteler Handschrift, obd (Nürnberger Raum), 2. Hälfte 15. Jh.

Original (nd)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3 Das Verhältnis zu den Vorlagen

Das Verhältnis von Wichwolts Text zu seinen Vorlagen hat bereits Ausfeld[44] 1886 untersucht. Neue Erkenntnisse sind danach kaum mehr gewonnen worden.

Er stellt fest, dass es sich bei dem Text von Beginn bis zu der Beschreibung der Verjagung einer Elefantenherde durch das Geschrei von Schweinen <42r> um eine unerheblich gekürzte Übersetzung der Version J2 der Historia de preliis handelt, deren Vorlage der Leipziger Handschrift Lg der Historia de preliis nahegestanden haben müsse (vgl. Kap. 3.1, S. 21 dieser Arbeit).

„Eine bedeutende Kürzung des Inhalts von J2 findet sich nur an einer Stelle. Die Erzählung von den Abenteuern am Süßwassersee bricht die deutsche Chronik nach der Erwähnung des Kampfes mit den Riesenkrebsen […] ab, übergeht dann auch den Aufenthalt im Lande der Bactrianer und Serer und nimmt erst mit der Angabe der Vorbereitungen zum zweiten Kampf gegen Porrus den Bericht von J2 […] wieder auf. Es war wohl das entsprechende Stück im lateinischen Texte ausgefallen, denn für ein absichtliches Übergehen wäre kein Grund erkennbar. Im übrigen fehlen nur einzelne Angaben, nirgends ganze Abschnitte. […] Auch scheinen einige Stellen wegen ihrer Unklarheit weggelassen zu sein.“[45] <nach 40v>

An zwei weiteren Stellen findet Ausfeld Veränderungen des Textes von J2. Zunächst ist dies die Einfügung eines „ungeschickte[n] Excerpt[s] aus den ersten 25 Kapiteln“[46] des pseudo-aristotelischen Secretum Secretorum <8r–10v>, eingeleitet von einer kurzen Beschreibung, wie Aristoteles dazu kommt, Alexander in der Schule diese Lehre zu erteilen <7v–8r>. In der Einleitung vermutet Ausfeld ein eigenes Werk Wichwolts. Eine mögliche Vorlage nennt er nicht.

Dann stellt er fest, dass dem Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus, der als selbstständiges Werk in einigen Handschriften überliefert ist, ein eigenständiges Exemplar desselben als Vorlage gedient hat, da der Wortlaut von dem der Historia de preliis erheblich abweicht.[47] Eine Vorlage nennt er auch hier nicht, stellt aber die Nähe zur Bamberger Handschrift B des Briefwechsels fest.

Nach Ausfelds Feststellungen verlässt Wichwolts Text den Bericht von J2 bei der Stelle mit den bärtigen Jägerinnen <42r> und folgt nun der Rezension J3, die ebenfalls mit unerheblichen Kürzungen wiedergegeben wird, wobei in den ihm vorliegenden drei Handschriften die lateinischen Verse des Gedichts und der Grabinschrift sinnlos entstellt seien.

Anfangs finde sich in den Text von J3 noch einzelnes aus J2 eingestreut.[48] Die Vorlage müsse der Münchener Handschrift M3 nahegestanden haben.[49]

Herzog hat diesen Ausführungen nur in Bezug auf das Secretum Secretorum Neues hinzuzufügen. Seine Erkenntnisse sind erstaunlich:

„Was Babiloth hier in Form einer mündlichen Lehre mitteilt, ist den 25 ersten Kapiteln des pseudoaristotelischen Briefes an Alexander entnommen, den Alexander Achillinus in einem Opus septisegmentatum im Jahre 1516 in Bologna veröffentlicht hat […].“[50]

Bedauerlicherweise sei ihm dieses Buch nicht zugänglich gewesen.[51] Leider erklärt Herzog nicht, wie einem Autor auf der Wende zum 15. Jahrhundert ein Buch aus dem Jahre 1516 zugänglich gewesen sein soll.

Neben diesen Erkenntnissen stellt Herzog die Ähnlichkeit der Szenerie zu der im ersten Buch der Alexandreis Walters von Châtillon fest und, dass sich der erste Teil der Lehre des Aristoteles bei Walter und Wichwolt entsprechen. Herzog vermutet daher, dass Walter zumindest ein Exzerpt des Secretum Secretorum benutzt haben muss, da Ausfeld die Abhängigkeit von Wichwolts Text zum Secretum Secretorum nachgewiesen habe. Diese Begründung ist jedoch – wie wir unten sehen werden – irreführend.

Als erster, der sich mit dem niederdeutschen Druck beschäftigt, entdeckt Siggelkow die darin enthaltenen Entlehnungen aus Johann Hartliebs Alexander.[52] Zum einen wird der Besuch Alexanders bei seiner Mutter stärker ausgebreitet <18r>, zum anderen wird die Darstellung der Diadochenkämpfe nach dem Tod Alexanders übernommen <66r–69v>. Außerdem erkennt er die bereits erwähnte Änderung des Schlusses in Vo und, dass der Text gekürzt ist.

In der weiteren Literatur zu Wichwolts Buch wurde die Quellenfrage keiner Untersuchung mehr unterzogen, wobei darauf hingewiesen wird, dass Ausfeld und Herzog hier bereits gründlich gearbeitet hätten.[53] Nur Reinhold Müller weist in der Einleitung seiner Ausgabe der mittelhochdeutschen Prosaübersetzung des Secretum Secretorum von Hiltgart von Hürnheim darauf hin, dass die Frage, ob das Secretum die unmittelbare Quelle Wichwolts war, noch zu prüfen sei.[54]

Die Forschung erkennt dem Werk Wichwolts keinen großen Wert zu. Da sich Wichwolt sehr eng an die lateinische Vorlage hält und zuweilen auch – nach dem Eindruck Ausfelds und Schmidtgalls – schwierigeren lateinischen Satzkonstruktionen nicht gewachsen scheint, wird die kompositorisch-künstlerische Leistung Wichwolts gering geschätzt. Schmidtgall vermutet gar, dass die Änderungen schon in der Vorlage enthalten waren:

„Diese Beobachtungen sind für die Beantwortung der Frage, ob Babiloth die beiden lateinischen Redaktionen selbst zusammenfügte oder ob ihm eine Mischredaktion von J2 und J3 vorgelegen hat von größter Wichtigkeit. Das glatte Ineinanderüberfließen der beiden Redaktionen bei der Darstellung der Episode von den bärtigen Jägerinnen scheint eher von einem Manne herzurühren, der die lateinischen Historia-Fassungen sehr wohl kannte und zu verbinden wußte, als von unserem Meister Babiloth, der sich in seinem Werk als ein einfacher, schlichter Übersetzer erweist, nicht aber als ein Mann, der die lateinische Sprache ohne Schwierigkeiten beherrschte und größere, selbständige gedankliche Arbeit leisten konnte. Auch die Hinzuziehung eines lateinischen Exemplars des gesonderten Briefwechsels zwischen Alexander und Dindimus und die Benutzung der Secreta Secretorum bzw. der Alexandreis Walters von Châtillon durch Meister Babiloth will mir nicht recht glaubhaft erscheinen. Ich möchte vielmehr annehmen, daß Babiloth eine Mischredaktion von J2 und J3 vorlag, die auch die Zufügungen aud den genannten Werken bereits enthielt und die dann von ihm […] einfach übersetzt wurde. Der überleitende Anfang des Secreta-Einschubs wäre dann auch nicht ein eigenes Werk Babiloths, sondern er hätte diesen Teil aus seiner lateinischen Quelle übernommen.“[55]

Diese Position erscheint mir zweifelhaft, weil damit dem lateinisch schreibenden Bearbeiter eine noch geringere Leistung zuerkannt wird. Seine selbstständige Leistung besteht dann im simplen Zusammenfügen lateinischer Textausschnitte. Dies widerspricht der impliziten Tendenz, die in allen vorliegenden Untersuchungen zum Ausdruck kommt, das lateinische Original zu würdigen, den niederdeutschen Übersetzer aber abzuqualifizieren und Fehler und Ungereimtheiten auf ihn zurückzuführen.

2.4 Die Frage des Autors (‚Wichwolt‘ oder ‚Babiloth‘?)

Det von mir zu behandelnde Text ist in der Fachliteratur unter dem Autorennamen Meister Babiloth bekannt. Grund dafür ist die entsprechende Namensnennung in der Dresdener Handschrift:

<D 77va> „Dis buch hot gemacht meister babiloth der erber vnd erlewcht man jn der schrifft auß genomen vnd auß geleyt von lateinißer czungin vnnd dewczer czungin des hab her dang vnd lon ewiglichin von (77vb) dem almechtigin gote vnd von seyne libin mut vnd allin heyligin dy synt jn dem ewigin n lebin n amen amen ame n[56]

Bereits Siggelkow vermutet, dass es sich um einen verderbten Namen handelt – Argument für diese Annahme ist aber nur, dass der Name ungewöhnlich ist.[57]

Ausfeld schließt aus den mangelhaften Lateinkenntnissen, dass Babiloth keinesfalls Geistlicher gewesen sein könne[58], auch Schmidtgall weist auf die schlechten Lateinkenntnisse hin.[59] Ein Meister Babiloth ist sonst weder als Autor noch durch Erwähnungen in Urkunden bekannt.

Stammler erwähnt erstmals einen Meister Wichwolt als möglichen Verfassernamen.[60] Da er jedoch nicht schreibt, auf welchen Beobachtungen diese These fußt, bleibt sie ohne Wirkung auf die Forschung.

Erst Rosenfeld wirft 1986 die Verfasserfrage auf, denn er hat in der Dessauer Handschrift ebenfalls eine Namensnennung gefunden:

<Dess 68v> „Dyß buch hat gemacht meister Wichwolt der erber vnd der erleuchste man yn der schrifft auß genomen vnd auß geleit von lateynischer czungen vnd deutscher czungen des hab er danck und lob ewiglichen vor dem allmechtigen vund seinen heiligen nu sprecht amen.“[61]

Da D und Dess nach seinen Untersuchungen nicht unmittelbar zusammenhängen, muss eine entsprechende subscriptio bereits in einer Vorstufe, wahrscheinlich sogar im Original enthalten gewesen sein.

Hier setzen nun Rosenfelds namenkundliche Erwägungen ein: Zunächst untersucht er den Namen ‚Babiloth‘. Dieser Name lässt sich in Deutschland um 1400 nicht nachweisen. Eine Verschreibung aus ‚Babilon‘ wäre möglich[62], dieser Name ist nachweisbar. Denkbar wäre auch eine griechische Herkunft[63]. Am wahrscheinlichsten erscheint Rosenfeld eine französische Herkunft: ‚‑ot‘ ist hier ein verbreitetes Diminutivsuffix; für ‚Babilo‘ gibt es mehrere Erklärungsmöglichkeiten; ‚Babilot‘, ‚Babelot‘ und ‚Babillot‘ sind verbreitete französische Familiennamen.

Einfacher sieht zunächst die Identifikation des Namens ‚Wichwolt‘ aus (‚der im Kampf Waltende, Führende‘). Die Schreibweise des Namens (fehlende Diphtongierung, auslautend ‚‑ch‘ in der ersten Silbe) deutet auf den niederdeutschen Raum, stammt also jedenfalls bereits aus einer Vorlage von Dess, vielleicht aus dem Original. Ein Name ‚Wichwolt‘ ist aber in Norddeutschland zu jener Zeit nicht nachzuweisen. Rosenfeld vermutet daher, dass bei der Abschrift der Vorlage – in typisch bairischer Weise – ‚b‘ zu ‚g‘ verschrieben wurde, im Original also ‚Wichbolt‘ gestanden habe, ein damals häufiger Name.

Die Doppelheit des Namens stamme – so Rosenfeld – wahrscheinlich bereits aus dem Archetypus. Er verweist darauf, dass der Übersetzer selber die lateinische Vorlage zusammengestellt habe[64] und vermutet, dass ein Franzose namens ‚Babilot(h)‘ die lateinische Redaktion vorgenommen und seinen Namen genannt habe. „Er wurde daher mit Anerkennung als Urheber des lat. Textes genannt, Wichwolt (Wichbolt) aber als der deutsche Übersetzer bezeichnet.“[65] Rosenfeld erwähnt, dass es sich im 15. Jahrhundert und später um einen geläufigen Topos handelt, den lateinischen Verfasser und ebenfalls den Übersetzer zu nennen, und meint, im Archetypus müsse Folgendes gestanden haben:

„Dis buch hat gemacht meister Babiloth, der erber und der erleuchste man, in der schrift ausgenomen, vnd außgeleit meister Wichwolt von lateynischer zu deutscher zungen, des hab er dank und lob ewiglichen vor dem almechtigen und seinen heiligen. Nu sprecht amen.“[66]

Diejenigen Erwägungen Rosenfelds, die darauf hindeuten, dass der Name ‚Wichwolt‘ bereits der Vorlage von Dess entstammt, die im Stemma einen sehr hohen Rang hat, wirken plausibel. Dies spricht gegen den Namen ‚Babiloth‘, der aus einer Handschrift mit geringerem textkritischen Wert stammt. In der künftigen Forschung ist daher wohl von dem Namen ‚Meister Wichwolt‘ auszugehen (wie ich es auch in dieser Arbeit tue), da bei Abwägung der Möglichkeiten mehr für diesen Namen spricht.

Der Name ‚Meister Babiloth‘ kann auf die Gründe, die Rosenfeld anführt, zurückzuführen sein, er kann aber auch – wie ja bereits Siggelkow vermutet hatte – einfach verderbt sein. Mit der Behauptung, dass beide Namen in der Vorlage gestanden haben, bewegt Rosenfeld sich auf unsicheres Gebiet; seine Argumente für diese These sind nicht sehr stichhaltig. Auch ist nach diesen beiden Textzeugen die Frage nicht beantwortbar, ob im Original notwendig einer der beiden Namen gestanden haben muss oder ob eventuell sogar beide aus einem dritten Namen verschrieben sind.

3 Das Verhältnis des Textes zu den Vorlagen

Bei mittelalterlichen Werken stellt sich im Gegensatz zu denen späterer Jahrhunderte das Problem, dass es sich bei vielen nur um mehr oder weniger weitgehende Bearbeitungen früherer (oft lateinischer) Vorlagen handelt. Um festzustellen, wie ein solches Werk die Verhältnisse seiner Zeit verarbeitet, reicht es daher nicht, die immanente Werkaussage zu untersuchen. Vielmehr ist zunächst die ‚Spreu vom Weizen‘ – überlieferte Inhalte von neu hinzugekommenen (und weggefallenen) – zu trennen, um eine Bearbeitungstendenz herauszufinden. Diese Bearbeitungstendenz und die Stoffauswahl[67] ergeben gemeinsam ein Bild über das Verhältnis des Werkes zu seiner Zeit.

3.1 Das Verhältnis zu J2 und J3

Die wichtigsten Quellen Wichwolts sind die Rezensionen J2 und J3 der Historia de preliis. Es sind mehrere Mischredaktionen der beiden Texte bekannt.[68] Im Zusammenhang mit Wichwolts Alexanderbuch wird immer wieder auf die Pariser Handschrift P6 als mögliche Vorlage verwiesen. Sie kann es jedoch nicht sein, der Text von J3 dort ist zu kurz (f. 41r–46v), setzt zu spät ein (entsprechend <Stu 213v> statt <Stu 184r>) und bricht am Ende von Kapitel 130 ab (der Pariser J3-Text entspricht also f. 213v–221r in Stu).[69] Man sollte m. E. vorerst von zwei Vorlagen ausgehen, da bisher keine Mischhandschrift gefunden wurde, die einen auch nur annähernd entsprechenden lateinischen Text bietet.

Anhand der Namenslesarten der 23 von Alexander eingeschlossenen Völker <56v–57r> konnte ich im Vergleich zu den von Steffens benutzten Handschriften feststellen, dass die J3-Vorlage Wichwolts der von ihm identifizierten Handschriftengruppe Ka1M3W3 nahegestanden haben muss.[70] Wichwolt teilt mit dieser Gruppe einige charakteristische Fehllesungen, ohne direkt einer dieser Handschriften zugeordnet werden zu können.[71] Ein Vergleich der lateinischen Gedichte zum Textende <59r, 71r–72r> gibt noch genauer Aufschluss: Auch wenn Wichwolt zuweilen Lesarten anderer Manuskripte folgt, muss seine Vorlage der Handschrift Ka1 sehr nahegestanden haben, er teilt fast alle Fehllesungen dieser Handschrift.[72]

Die J2-Vorlage lässt sich anhand der Lesarten der Edition Hilkas[73] eingrenzen. Wichwolt teilt prägnante gemeinsame Lesarten mit der Handschriftengruppe LgPoMoO5,[74] die zur Rezension α gehört, und zwar am ehesten mit den Handschriften Lg und O5, wie schon Ausfeld feststellte.[75] Die Auslassung, bei der Ausfeld einen Fehler der lateinischen Handschrift vermutete, verbindet Wichwolts Text mit der Handschrift Po,[76] von der ihn aber etliche andere Lesarten trennen. Wir können also festhalten, dass es sich bei Wichwolts Vorlage um eine (Abschrift der) Vorlage der Handschrift Po gehandelt haben muss, die nach Lesarten am ehesten der Handschrift O5 (oder) Lg ähnelt.[77]

Ausfeld vergleicht in seinem Aufsatz eingehend den Text von J2 mit demjenigen Wichwolts und geht auch auf das Verhältnis von J3 zu diesem ein. Bis auf die Stelle, wo auch in der lateinischen Handschrift Po der entsprechende Textausschnitt fehlt, stellt er nur geringfügige Kürzungen des Originaltextes fest. Gleiches stellt auch Schmidtgall noch einmal fest, wobei sie noch bemerkt, dass Wichwolt schwierigeren Gedankengängen und Satzkonstruktionen oft nicht ganz gewachsen sei.[78]

Diese Untersuchungen, die es beiden nicht ermöglicht haben, eine Bearbeitungstendenz herauszufinden, berechtigten zu der Vermutung, dass ein Textvergleich mit J2 und J3 nicht sehr ergiebig ist. Um das zu überprüfen, habe ich den Text von J2 und J3 in deutscher Übersetzung von Wolfgang Kirsch[79] mit dem von Vo verglichen. Bei Abweichungen habe ich die Teiledition der Handschriften D und Stu von Herzog, die Handschriften K, W, Co und Stu und – soweit notwendig – Hilkas Edition von J2 und Steffens Edition von J3 herangezogen, wobei sich Kirschs Übersetzung im konkreten Vergleich durchaus als gut erwies.[80]

Meine Ermittlungen bestätigen die Ergebnisse Ausfelds und Schmidtgalls. Bei Wichwolts Text handelt es sich größtenteils um eine fast wörtliche Übersetzung des lateinischen Originaltextes. Ein Beispiel vermittelt eine Vorstellung davon:

„Unterdes zog Philipp, der König der Makedonier, in den Krieg. Da stieg Naktanebus zum Palast hinauf, daß er die Königin erblickte. Und als er sah, wie schön Olympias war, da hüpfte ihm sogleich das Herz, er entbrannte in Begierde nach ihr, hob die Hand zum Gruße und sprach zu ihr: ‚Seid gegrüßt, Königin der Makedonier!‘ – ‚Herrin‘ aber wollte er sie nicht nennen. Darauf antwortete ihm Olympias und sprach: ‚Sei gegrüßt, Meister! Komm näher und laß dich nieder!‘“ <J2, 9–10>[81]

„In den suluen tijden toch konick Philippus in ene n krich, vnde nectanebus gink vp dat pallas dat he de koningkynne seghe, vn de do he sach de koninckynne olimpiadem do wart syn herte beuangen mit groter begheringe, vnde streckede vth syne hand vnde grotede se vnde sprak. Gegrotet systu koninckynne van Macedonia, vnde wolde se nicht heten vrouwe. De koninckynne sprak. Gegrotet systu meyster. Ga hir neger vnde sytte dar.“ <2r>

Ähnlich wörtlich erweist sich die Übersetzung im gesamten Text. Die Kürzungen sind meist sehr vorsichtig und berühren nur selten die inhaltliche Aussage. Ein typisches Beispiel für eine Kürzung:

„Er kam an Alexander heran und sprach zu ihm: ‚Sage mir, wer du bist!‘ Ihm gab Alexander zur Antwort: ‚Ich bin Alexander, König Philipps Sohn.‘“ <J2, 17>[82]

„Do Alexander by em quam he sprack, Ik byn id konink philippi sone,“ <6r>

Es handelt sich meist um Kürzungen, die der Straffung des Handlungsablaufs dienen.

Stellen, von denen Schmidtgall meint, dass Wichwolt schwierigeren Gedankengängen nicht gewachsen sei, habe ich ebenfalls wiedergefunden. Es handelt sich – soweit es sich um Stellen aus J2 und J3 handelt – meist um Stellen, wo Wichwolt einzelne lateinische Wörter fehlinterpretierte[83] ; teilweise aber auch um Stellen, wo Kirsch zwar die wörtliche Übersetzung des lateinischen Originals bietet, der Text aber dadurch unlogischer wirkt als Wichwolts Übersetzung. D. h. Wichwolt hat den Text vorsichtig logisch redigiert; wo die Übersetzung Schwierigkeiten bereitet, übersetzt Wichwolt recht frei (Beispiele wären auf S. 19 (J2)/f. 7v, S. 28 (J2)/f. 14v, etc.).

Eine inhaltliche Tendenz ist in den Kürzungen kaum feststellbar, z. T. ist sie aber auch widersprüchlich. So fehlt auf f. 3r die Charakterisierung der Zauberei des Nektanebus als ‚teuflisch‘ <J2, 12>, an anderen Stellen fehlt ebenfalls die negative Beurteilung der Zauberei; auf f. 5r ist dann aber die negative Tendenz sogar verstärkt:

„‚So, Alter, mußt du enden! Wenn du um Irdisches weißt, was mußt du der Sterne Geheimnisse deuten?‘“ <J2, 15>[84]

„Also scholen de olden touere steruen de dar willen weten eerdessche saken, worumme woldest du weten besloten dink der erden,“ <5r>

Eine schwache Tendenz zeigt sich dennoch: Es findet eine Konzentration auf die Person Alexanders statt, indem zuweilen die Alexander begleitenden Fürsten verschwiegen (z. B. <J3, 104>/<51r>) oder Erwähnungen Alexanders hinzugefügt werden.

Ein typisches Beispiel für eine andere Hinzufügung Wichwolts findet sich auf f. 14V:

„‚[…] Wißt ihr denn nicht, daß ein Hund, der laut bellt, nicht beißt? […]‘“ <J2, 28>[85]

„wete gy nicht dat de hund de dar vele bellet selden byth Wat achte gy vp den hund de my nicht en bith syn gnarren vnde syn bellen acht ik clene de wyle ik nicht verneme dat he my de cleeder bith vnde rith,“ <14v>

Der Text führt einige Vergleiche etwas weiter aus, verstärkt didaktische Aspekte, ohne dabei jedoch wirklich neue inhaltliche Aspekte zu bringen.

Eine wirkliche Änderung findet sich nur auf f. 64V, an einem sehr wesentlichen Punkt: Es geht um die Frage der Erbfolge Alexanders. Als Alexander im Sterben liegt und Roxane schwanger ist, gibt Alexander Anweisungen, wer ihm nachfolgen soll:

„‚[…] schenkt sie aber einer Tochter das Leben, so sollen sich die Makedonier zum König erwählen, wen sie wollen. Roxane, mein Weib, sei die Herrin all meiner Habe. […]‘“ <J3, 125>[86]

„vnde telt se auer eene dochter de schole gy van Macedonia hebben vor eene koninckynne, vnde se schal gheweldich syn oueralle myn gud“ <64v>

Hier wird das Prinzip des Wahlkönigtums ersetzt durch das dynastische Prinzip, auch wenn man dafür eine weibliche Thronfolge in Kauf nehmen muss. Es ist möglich, dass es sich hier nicht um einen Übersetzungsfehler, sondern um eine politische Einmischung in den Text handelt, da dies eine für mittelalterliche Leser und Leserinnen sehr wichtige Stelle ist. Johann Hartlieb gibt in seinem Alexander ebenfalls entgegen der Vorlage dem agnatischen Prinzip den Vorzug vor dem Wahlkönigtum, nur die Verfehlungen Roxanes lassen Alexander dort das Wahlkönigtum empfehlen.[87]

3.2 Die „lere“ des Aristoteles und ihre Vorlagen

3.2.1 Das Verhältnis der „lere“ zur Alexandreis Walters von Châtillon und zum Secretum Secretorum

Über das Verhältnis der „lere“ des Aristoteles zu ihren Vorlagen ist wenig geschrieben worden. Ausfeld stellt nur fest, dass es sich bei dem, was Wichwolt mitteilt, um ein „ungeschicktes Excerpt aus den ersten 25 Kapiteln“ des Secretum Secretorum handle, bei dem allerdings Anfang und Einkleidung nicht recht mit den ihm bekannten Versionen übereinstimmten.[88]

Diese Feststellung ist sehr allgemein. Die ersten 25 Kapitel des Secretum Secretorum sind als diejenigen bekannt, in denen die moralischen Lehren stehen; es folgen Gesundheitslehren (Kap. 27–58), magische und alchemistische (Kap. 59–64, 68), politische Lehren (Kap. 67, 69–72) und eine Physiognomie (Kap. 73–76).[89]

Herzog entdeckt Parallelen zur Alexandreis Walters von Châtillon. Er vermutet daher, dass das Secretum eine Quelle Walters gewesen sein müsse, sieht aber Widersprüche zu Feststellungen Toischers.

„Wenn Toischer sagt, die Secreta waren nicht die Quelle Walters, so wage ich nicht ihm zu widersprechen, da ich die Schrift nicht kenne. Allein aus dem Umstande, dass Babiloth und Walter in der ersten Hälfte an manchen Stellen wörtlich übereinstimmen, muss man doch schließen, dass Walter ein Excerpt der Secreta vor sich gehabt, oder irgendwie sonst mittelbar die Secreta benutzt hat.“[90]

Diese Auffassung Herzogs hat in der Forschung zur Alexandreis Walters viel Verwirrung gestiftet, wozu allerdings auch die Ähnlichkeit der Aristoteleslehre Walters und der im Alexander Rudolfs von Ems und die dort entdeckten einzelnen Übereinstimmungen zum Secretum beitrugen, z. B. „die Anweisung, die nidern zu ehren, aber sich nicht mit ihnen einzulassen (v. 1749f., Secretum Kap. 11,2)“[91]. Direkte Übereinstimmungen Walters mit dem Secretum konnten nicht nachgewiesen werden.[92] Eine Beeinflussung Walters (ca. 1178) ist aus zeitlichen Gründen nur möglich, wenn er eine arabische Version des Secretums benutzt hat, da die lateinische Übersetzung des Philippus erst um 1240 erfolgte. Wichwolts Text kommt bei der Klärung dieser Frage eine Schlüsselrolle zu.

Wie verhält sich also Wichwolts Text zum Secretum Secretorum und zu Walters Alexandreis? Zunächst ist festzustellen, dass Wichwolt zwar das Secretum Secretorum erwähnt; er behauptet jedoch nicht, dies sei seine einzige Quelle gewesen:

„Na dusser lere vnde vele ander lere alsze men vint gheschreuen in deme boke dat men het Secreta secretorum. Also holt dy.“ <10v>

Diese Äußerung ist bzgl. der vorhergehenden ‚lere‘ an Unbestimmtheit kaum zu übertreffen; sogar eine völlige Unabhängigkeit vom Secretum wäre möglich.

Des Rätsels Lösung ist jedoch recht einfach: Wichwolt hat sowohl die Alexandreis Walters als auch das Secretum Secretorum als Vorlagen benutzt.[93] Er hat die beiden Texte nicht vermischt (wie das offenbar Rudolf von Ems getan hat), sondern zunächst den Text der Alexandreis und dann den des Secretum übersetzt. Die Schnittstelle findet sich auf f. 9r:

„hestu nicht to geuene vnde is dyn gud cle(9r)ne so schaltu doch schone geloeffte doen. Vnde ok dar na schone betalen. // Alexander bouen alle dyngk so mostu milde syn.“ <8v–9r>

In der Handschrift K beginnt an dieser Stelle sogar ein neues Kapitel <K 6v>!

Es besteht damit auch kein Anlass mehr anzunehmen, dass Walter das Secretum in irgendeiner Form vorgelegen haben müsse.

3.2.2 Zur Auswahl der Vergleichstexte

Im nächsten Schritt ist zu begründen, welche Texte als konkrete Vergleichstexte herangezogen wurden.

Die Überlieferung der Alexandreis Walters von Châtillon umfasst etwa 200 Handschriften und Drucke.[94] Anhand Colkers Edition der Alexandreis[95] ist festzustellen, dass Wichwolts Text mit keiner der für diese Edition herangezogenen Handschriften gemeinsame Fehler hat, die darauf schließen lassen, dass eine bestimmte Redaktion als Vorlage in Frage kommt. Ebenso wenig sind Lesarten vermeldet, die gewisse Handschriftengruppen als Vorlage definitiv ausschließen. Das liegt vor allem daran, dass Wichwolt an schwierigeren Stellen (oder auch an Stellen, die in der Vorlage offensichtliche Fehler aufwiesen?) sehr frei übersetzt, sodass sich Abschreibfehler (Tempusfehler etc.) nicht zweifelsfrei auf konkrete Fehler in der Vorlage zurückführen lassen. Die genaue Vorlage für Wichwolts Bearbeitung zu finden, dürfte daher fast unmöglich sein, ist aber wegen der geringen Unterschiede – außer zum Vergleich der Einleitungen – auch irrelevant.

Es war zu überprüfen, ob nicht eine bearbeitete volkssprachliche Version als Vorlage gedient haben könnte. Ich habe dies anhand der Alexanderbücher Jacobs van Maerlandt[96], Rudolfs von Ems[97] und Ulrichs von Eschenbach[98] – an den deutschen und niederländischen Bearbeitungen Walters – überprüft.

Jacob van Maerlandt und Rudolf bieten einen stark abweichenden Text, nur Ulrich steht dem Text Walters und damit auch Wichwolts nahe. Allein die Übersetzung von „contempne bilingues“ in Vers 85 weist jedoch bereits aus, dass Ulrich als Vorlage nicht in Frage kommt:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wichwolt folgt hier eindeutig Walter.

Allgemein steht der Text Wichwolts dem Walters näher als jede der untersuchten (epischen) Bearbeitungen. Es zeigt sich bei Wichwolt im Vergleich zu diesen eine neue Bearbeitungstechnik, nämlich die der annähernd wörtlichen Übersetzung. Anderssprachige Bearbeitungen kommen daher wohl auch nicht als Vorlagen in Frage, sofern es sich um Bearbeitungen als Heldenepen handelt.

Folglich habe ich als Vergleichstext den Text der Edition Colkers zugrunde gelegt.

Zu beachten ist, dass die Einleitung zu dieser Aristotelesrede bei Wichwolt abweicht. Zumindest ist bei Walter nicht erwähnt, dass Herkules in der Wiege liegend zwei Schlangen gewürgt habe. Wichwolt verstrickt sich hier in Wiederholungen, wie sie sonst im Text nicht vorkommen. Es scheint, als habe Wichwolt die an anderer Stelle gefundene Information versucht einzuarbeiten, dass den jugendlichen Alexander seine Wehrlosigkeit gegenüber Darius angesichts der Stärke des Herkules ärgerte. Wo er eine lateinische Vorlage gehabt hat, ist es Wichwolt ja oft gelungen, die Gedankenführung noch zu straffen; daher lassen die vielfachen Wiederholungen tatsächlich ein eigenes Werk Wichwolts – angeregt durch die Einleitung Walters – denkbar erscheinen, wie dies schon Ausfeld vermutet hatte: „Dieser Eingang ist in lästiger Breite ausgeführt und offenbar eigenes Werk Babiloths.“[100]

Vorstellbar ist aber auch, dass eine Rezension der Alexandreis eine solche abweichende Einleitung enthält. Zur Klärung dieser Frage wäre eine eingehendere diesbezügliche Untersuchung der Überlieferung Walters vonnöten.[101]

Für das Secretum Secretorum einen passenden Vergleichstext zu finden, ist ebenso schwierig. Friedrich Wurms führt in seiner Dissertation[102] 287 lateinische Handschriften auf. Er ordnet diese nach achtzehn Kriterien Gruppen zu. Sämtliche achtzehn Kriterien beziehen sich auf Textstellen, die Wichwolt nicht übersetzt hat.

Die Überprüfung der Texte der deutschen Tradition der Secretum-Übersetzungen, die Möller aufführt,[103] ergab Übereinstimmungen, die auf eine Vorlage hindeuten könnten, nur mit der anonymen mitteldeutschen Bearbeitung in 3073 Versen aus dem 14. Jahrhundert, Bearbeitung B genannt. Die Übereinstimmungen gehen bis in den Wortlaut hinein. Erst bei genauerer Untersuchung stellt sich heraus, dass auch diese Bearbeitung als Vorlage nicht in Betracht kommt, da beide Texte offenbar lateinische Wörter unterschiedlich übersetzt haben, z. B.:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Somit lassen sich nur einige Kriterien aufstellen, denen eine noch zu findende Vorlage, die vermutlich lateinisch war,[105] genügen muss.

Zunächst ist anzunehmen, dass die Vorlage die Umstellungen enthielt, die auch Hiltgarts Vorlage und die der Bearbeitung B im Vergleich zur Handschrift L[106] des Secretums in den Kapiteln 9–13 enthielten. Anlass für diese Vermutung gibt die Kürzungsmethode Wichwolts (vgl. Kapitel 3.2.3, S. 29): Er lässt längere Textausschnitte aus, um dann wieder längere Ausschnitte leicht gekürzt zu übersetzen. Es ist daher wahrscheinlich, dass folgende Absätze – wie bei Hiltgart und der Bearbeitung B – sehr beieinander gestanden haben:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das andere Kriterium sind zwei eingefügte Sätze zwischen Kapitel 5 und 6, die wohl kaum von Wichwolt stammen. Zwischen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Hat also vermutlich ein Absatz gestanden, der dem folgenden im niederdeutschen Text entsprach:

„Du schalt nicht volghen dynen synnen, wente so werstu gelick deme vee. Wat eere hestu wen du leuest als dat vee.“ <9v>

In Kapitel 4 könnte es sein, dass die lateinische Vorlage eine klarere Strukturierung aufwies als die Handschrift L:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unter den 287 Handschriften des Secretum Secretorum die herauszufinden, die diesen Kriterien und dem Text Wichwolts am nächsten kommt, ist erst leistbar, wenn eine kritische Ausgabe mit Textapparat erschienen ist. Die Auswahl des Textes für den Textvergleich wird dadurch relativ beliebig. Der Wert der Erkenntnisse wird nochmals zu überprüfen sein, wenn eine Handschriftengruppe identifiziert werden kann, die der Vorlage Wichwolts nahekommt. Der Einfachheit halber habe ich daher den von Reinhold Möller edierten Text der Handschrift L zugrunde gelegt.

3.2.3 Das Verhältnis der „lere“ zu ihren beiden Vorlagen

Das Verhältnis der Aristotelesrede Wichwolts zum entsprechenden Teil der Alexandreis Walters von Châtillon ist ein größtenteils einfach übersetzendes. An schwierigeren Stellen wird die Übersetzung freier. Kürzungen sind nur an wenigen Stellen feststellbar. Dabei werden Stellen ausgelassen, an denen Walter keine neuen Gedanken bringt, wie z. B. in folgender Aufzählung:[112]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wichwolt folgt also dem Gedankengang Walters, wobei er straffend eingreift. Die Erläuterung der Folgen der Erhöhung Unwürdiger in V. 87–92 fällt dem ebenso zum Opfer wie die Verse 123–127, die schon äußerlich – durch den Anschluss mit ‚nam‘ – als Erläuterung kenntlich sind.

Neue Gedanken sind nur an zwei Stellen weggekürzt. Zum einen in V. 111–114, dass Habgier (‚avaritia‘) die Mutter alles Bösen sei und derjenige ins Verderben laufe, der die Regeln des Hofes nicht befolgt. Zum anderen in V. 145, dass die Tore der Städte, die sich widersetzen, zu zerstören seien.

Bei V. 156 beginnen bei Walter Bemerkungen über die Freigebigkeit, die Wichwolt die Gelegenheit boten, an dieser Stelle zu den erheblich ausführlicheren Ausführungen dazu im Secretum Secretorum überzuspringen.

Wichwolt übersetzt leicht kürzend die Kapitel 4–8, 12 (Ende)–16, 18 (Anfang), 22 (Anfang) des Secretums. Größere ausgelassene Textstellen finden sich also v. a. in Kapitel 9–12 (Mitte) und 18 (Mitte)–21. Aus der Tatsache, dass jeweils längere Textabschnitte übersetzt werden, worauf längere Auslassungen folgen, könnte zu schließen sein, dass Wichwolt die betreffenden Seiten nicht vorgelegen haben, diese also in der Vorlage gefehlt haben. Ohne die genaue Vorlage Wichwolts zu kennen, wird dies nicht zu klären sein.[114] Ich werde also beide Fälle zu erwägen haben.

Das Fehlen der ersten drei Kapitel des Secretums kann durch eine entsprechende Vorlage zu erklären sein,[115] es ist aber auch inhaltlich folgerichtig. Diese Kapitel erzählen die Entstehungsgeschichte des Secretums; da Wichwolt den Secretum-Ausschnitt in einen veränderten Zusammenhang stellt, sind sie für ihn unbrauchbar.

[...]


[1] Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hg.): GEW-Diskussionspapier. Situation und Perspektiven der Philologien Anglistik, Germanistik, Romanistik. (= Materialien und Dokumente Hochschule und Forschung 60). Frankfurt 1989. S. 2.

[2] Gemeint sind Probleme wie die fortschreitende Umweltzerstörung, Arbeitslosigkeit, Friedensgefährdung, aber auch kulturelle Auswirkungen des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (Vereinzelung am Computer) o. Ä.

[3] So könnte ich mir z. B. eine vergleichende Analyse der Reaktionen auf die Pestgefahr im Mittelalter und die Umweltzerstörung heute und die philosophischen Grundlagen dieser Reaktionen sehr produktiv vorstellen.

[4] Zur Verfasserfrage siehe Kapitel 2.4 dieser Arbeit.

[5] Ich verwende hier und im Folgenden meist die Bezeichnung „Alexanderbuch“. Wenn ich zuweilen auch vom „Alexanderroman“ spreche, so ist der dabei verwendete Romanbegriff nicht identisch mit dem meist historisch konkret mit dem bürgerlichen Roman ab dem 18. Jahrhundert konnotierten. Es geht vielmehr um längere Erzählliteratur, die meist in Prosa vorgelegt wurde.

[6] Vgl. Pfister, Friedrich: Studien zum Alexanderroman. Otto Weinrich zum 60. Geburtstag. In: F. P.: Kleine Schriften zum Alexanderroman. (= Beiträge zur klassischen Philologie 61. Meisenheim a. Gl. 1976. S. 49. – Daher wird auch Nektanebos als Vater Alexanders benannt, obwohl dies chronologisch unmöglich ist: Alexander ist 356 v. u. Z. geboren, Nektanebos II. verließ Ägypten aber erst 343 v. u. Z.

[7] J1, J2, J3 bedeutet: „Interpolierte Fassung 1“, usw. Aus Gründen der Verwechselbarkeit mit der römischen Ziffer I schreibt man normalerweise J1, J2, J3 statt I1, I2, I3.

[8] Vgl. Kapitel 5 dieser Arbeit.

[9] Zur Geschichte des Textes vgl. Kirsch, Wolfgang: Nachwort. In: W. K. (Hg.): Historie von Alexander dem Grossen. Leipzig 1978. S. 177–198.

[10] Schmidtgall, Gerta: Vorstudien zu einer Gesamtausgabe der Alexandergeschichte des Meister Babiloth. Diss. Berlin 1961. (Künftig zitiert: Schmidtgall, Seitenzahl.)

[11] Ich richte mich hier nach dem Gesamt-Katalog der Wiegendrucke, Bd. 1, Leipzig 1925, Nr. 890, der den Druck dem Drucker des Fliscus, Lucas Brandis, zuschreibt und ihn „um 1478“ datiert. Diese Position scheint sich durchgesetzt zu haben. Nach Ernst Voulliéme (Die Inkunabeln der Kgl. Bibliothek Berlin und anderer Berliner Sammlungen. Ein Inventar. Leipzig 1906, S. 100, Nr. 1993.) stammt der Druck aus Rostock (Fratres domus horti viridis), ebenso Wiechmann (Wiechmann: Mecklenburgs altniedersächsische Literatur III (1885), S. 85), der den Druck den Michaelisbrüdern zuschreibt. Dies ist auf eine Eintragung moderner Hand auf der Innenseite des vorderen Einbanddeckels der Berliner Inkunabel zurückzuführen: „Rostock. Brueder vom gemeinsamen Leben.“ (Zitiert nach Schmidtgall, 37.) Die endgültige Entscheidung der Frage, wo der Druck entstanden ist, steht noch aus.

[12] Für eine zukünftige Ausgabe werden die Handschriften Che (Cheltingham), Str (Straßburg), Co (Coburg), Goth (Gotha) und V (Zürich) noch auf ihren Wert zu untersuchen sein, die alle im Stemma recht weit unten stehen. Von hohem textkritischem Wert wird die Dessauer Handschrift Dess sein. – Zur Güte der Lesarten im Druck ist der Textvergleich mit der Collatio Alexandri Magni cum Dindimo im Anhang interessant – speziell die Tatsache, dass Namen im Druck fast völlig unverderbt sind. Bei meinen Vergleichen mit den Ausgaben von J2 und J3 habe ich ebenfalls immer wieder feststellen können, dass Vo die besten Lesarten bietet.

[13] Der Druck ist betitelt: Van Alexandro deme groten koninge.

[14] Vgl. Pfister, Friedrich: Studien zu spätmittelalterlichen deutschen Alexandergeschichten. In: Zeitschrift für deutsches Altertum (ZfdA) 79 (1942). S. 114.

[15] Ausfeld, Adolf: Die Orosius-Rezension der Historia Alexandri Magni de preliis und Babiloths Alexanderchronik. In: Festschrift der Badischen Gymnasien. Karlsruhe 1886. S. 97–120. (Künftig zitiert: Ausfeld, Seitenzahl.)

[16] Handschriften in Gotha, Dresden (D), Berlin (Be – jetzt in der Westdeutschen Bibliothek Marburg), Zürich, Gießen (G), München (M), Wolfenbüttel (W) und Stuttgart (Stu).

[17] „Die erste Unordnung […] findet sich in dem Bericht von dem zweiten Zug Alexanders nach Persien:

[18] Herzog, Sigmund: Die Alexanderchronik des Meister Babiloth. Ein Beitrag zur Geschichte des Alexanderromans. I. Abhandlung über die Handschriften und Quellen von Babiloths Alexanderchronik. In: Programm des Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums in Stuttgart zum Schlusse des Schuljahres 1896–97. Stuttgart 1897. S. 1–30.

[19] Siggelkow, Friedrich-Franz: Studien zu mittelniederdeutschen Volksbüchern. Diss. Hamburg 1930. (Künftig zitiert: Siggelkow, Seitenzahl.)

[20] Vgl. ebd. S. 15.

[21] “Si tua nolueris neque publica vereri,

[22] Siggelkow, 30. – Er verweist auf: Lasch, Agathe: Mittelniederdeutsche Grammatik. Halle a. d. S. 1914. § 403 Anm. 12.

[23] Pfister: Studien zu spätmittelalterlichen deutschen Alexandergeschichten, a. a. O. S. 114–132.

[24] Jetziger Aufbewahrungsort: London, Library of Univ. College Ms. germ. 7

[25] Stammler, Wolfgang: Mittelalterliche Prosa in deutscher Sprache. In: Deutsche Philologie im Aufriß. Band 2. Berlin 21960. Sp. 758–1102. Hier: Sp. 1043.

[26] Schmidtgall, a. a. O. – Der kurze Exkurs von Stammler ist ihr offensichtlich noch nicht bekannt, er findet keine Erwähnung.

[27] Sie beschreibt auch sämtliche Handschriften außer:

[28] Schmidtgall, 112.

[29] Vgl. ebd.

[30] Ein Beispiel für die Argumentation:

[31] Steinhoff, Hans Hugo: Meister Babiloth. In: Ruh, Kurt u.a. (Hg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Zweite, völlig neu bearbeitete Auflage. Band 1. Berlin/New York 1978. Sp. 577–579.

[32] Rosenfeld, Hans-Friedrich: Babiloth oder Wichwolt? Eine Verfasserfrage, zugleich eine namenkundliche Untersuchung. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 105, 1986. S. 332–369. (Künftig zitiert: Rosenfeld, Seitenzahl.)

[33] Vgl. ebd. S. 336. – Eine Vergleichsstelle hat Rosenfeld nicht gefunden, da er den Vergleichstext für den zweiten Teil des Briefwechsels zwischen Alexander und Dindimus nicht besaß: Stu 195v = lateinisch ‚adulterii‘ oder ‚adulterio‘ (vgl. Kübler, Bernhard [Bernardus Kuebler] (Ed.): Alexandri Magni, regis Macedonum, et Dindimi, regis Bragmanorum, de philosophia per litteras facta collatio. In: B. K. (Ed.): Iuli Valeri. Alexandri Polemi. Res gestae Alexandri Macedonis. Leipzig [= Lipsiae] 1888. S. 169–189. (Künftig zitiert: Collatio, S.) Hier: S. 187,3.).

[34] Die beiden anderen Stellen fehlen in Vo; Stu bietet an den entsprechenden Stellen „affenspil“ < Stu 188r> für „achter spÿll“ und „affterspils“ < Stu 189v> für „bouerie“.

[35] K 38r+42r; K 39r: „spyls“; K 39v: „achter spele“.

[36] Anderenfalls müsste es sich bei dem Wort ‚achterspil‘ um ein niederdeutsches Wort handeln. Auch dann wäre es noch unwahrscheinlich, dass ein niederdeutscher Übersetzer dieses ungebräuchliche Wort gleich viermal in einem Text statt des allgemein verwendeten ‚ouerspil‘ benutzt. Der Wörterbucheintrag „achterspil = Ehebruch“ bei Schiller/Lübben ist nahezu als Beweis gegen die Existenz des Wortes im Niederdeutschen anzusehen, da sie als einzige Belegstelle f. 44r unseres niederdeutschen Druckes anführen (vgl. Schiller, Karl und August Lübben: Mittelniederdeutsches Wörterbuch. Bd. 1. Wiesbaden 1969 (1875). S. 11.

[37] Vgl. Schmidtgall, 115. – Steffens, S. 174,7: „spongias albas“.

[38] „[…] und zwar u. a. Auf Nürnberg wie auf das Gebiet an der Altmühl in Mittelfranken und auf Bamberg.“ (Rosenfeld, 335.)

[39] Ein Stemma, das auf Schmidtgalls und Rosenfelds Untersuchungen aufbaut und meine Thesen einbezieht, findet sich im Anschluss an dieses Kapitel.

[40] Stammler, a. a. O. Sp. 1043.

[41] Vgl. Schmidtgall, 106ff.

[42] Die überlieferten Handschriften sind fett gedruckt, die erschlossenen in der blasseren Type. Die Handschriften, die ich benutzt habe, sind unterstrichen, der Druck als Textgrundlage doppelt. Str und Che gehören laut Rosenfeld, 339, zur Gruppe WMGGoth (Co).

[43] Gemeinsame Vorlage, die z. B. die Lesart ‚achter spil‘ enthalten haben müsste, deren Existenz aber erst noch weiter erwiesen werden müsste.

[44] Ausfeld, 97–120.

[45] Ebd. S. 116.

[46] Ebd.

[47] Vgl. ebd. S. 118.

[48] Vgl. ebd. S. 117. – Ich habe nicht feststellen können, auf welche Stellen Ausfeld hierbei anspielt. Nach meinen Erkenntnissen folgt Wichwolt nach der Schnittstelle ausschließlich J3.

[49] Die Handschrift M3 wird in der älteren Literatur als M2 bezeichnet.

[50] Herzog, a. a. O. S. 26–27.

[51] Ohne diese Bemerkung wäre die Argumentation Herzogs noch mit der Begründung zu retten, dass er eine Rezension des Typs meine, die durch die Ausgabe von 1516 vertreten ist. So aber entlarvt sich die Stelle als willkürliche Nennung eines Textzeugen. Vor ihm hat niemand das Verhältnis zum Secretum Secretorum untersucht. Woher nimmt Herzog seine Weisheit, dass der genannte Text vergleichbar ist, wenn ihm der Vergleichstext nicht vorlag? Ein weiteres Zitat Herzogs verstärkt den Eindruck:

[52] Siggelkow, 22ff.

[53] So etwa Schmidtgall, 14.

[54] Vgl. Möller, Reinhold: Einleitung. In: Hiltgart von Hürnheim: Mittelhochdeutsche Prosaübersetzung des „Secretum Secretorum“. Hg. v. R. M. Berlin 1963. S. LXXII.

[55] Schmidtgall, a. a. O.

[56] Zitiert nach Rosenfeld, 334.

[57] Vgl. Siggelkow, 11.

[58] Vgl. Ausfeld, 119.

[59] Vgl. Schmidtgall, a. a. O.

[60] Vgl. Stammler, a. a. O. Sp. 1042.

[61] Zitiert nach Rosenfeld, a. a. O.

[62] Zurückgehend entweder auf die Stadt Babylon (Babylon-Pilger), auf die Stadt Rom (wurde im Mittelalter oft mit der Hure Babylon (Apok. 14,8; 16,19; 17,5, …) verglichen) oder auch auf einige deutsche Ortschaften.

[63] Der Name würde dann jemanden bezeichnen. Der sich als Fremder in Babylon aufgehalten hat.

[64] Vgl. z. B. Schmidtgall, a. a. O.

[65] Rosenfeld, 366.

[66] Ebd.

[67] Fragestellung: Warum wählt ein Bearbeiter oder eine Bearbeiterin einer gewissen Zeit gerade dieses Werk als Vorlage?

[68] Es sind dies: Ka2 (C) Karlsruhe, Badische Landesbibliothek MS Reichenau 134, f. 1r–155r. Anno 1557 (Einschübe aus J2); P6 Paris, Bibliothèque Nationale, MS nouv. Acq. Lat. 174, saec. XIV; R3 (F) Rom, Bibl. Apostol. Vat. MS Barberini lat. 104, f. 1r–31v, saec. XV (3 eingeschobene Kapitel) und zwei – vermutlich Utrechter – Drucke, Nr. 874 und 875 im Gesamtkatalog der Wiegendrucke, um 1475. (Vgl. Steffens, S. X–XXIV, XXVIII). – Die Handschriften Ka2 und R3 benutzt Steffens für seine Ausgabe, sie teilen kaum Lesarten mit Wichwolt, können also als Vorlagen ebenso ausgeschlossen werden wie P6 aufgrund ihres Inhalts.

[69] Vgl. ebd., S. XX–XXI.

[70] Auch Ausfeld hatte ja M4 als sehr ähnliche Handschrift identifiziert. Vgl. Ausfeld, 118.

[71] Ebd. S. 176–179. – Handschrift Ka1 = Karlsruhe, Badische Landesbibliothek, MS Reichenau LXIII, f. 42r–72v. Saec. XV. (= O); Handschrift M3 = München, Bayerische Staatsbibliothek, MS lat. 14796, f. 13r–158r. Anno 1458. (= P); Handschrift W3 = Wien, National-Bibliothek, MS 3097, f. 158r–194r. Anno 1404. (= R). (Vgl. Steffens, S. XIX, XXIII.)

[72] Vgl. ebd. S. 186–189, 202–207. – Von den Steffens bekannten 45 Handschriften von J3 kommen nur vier als noch näher mit der Vorlage verwandt in Frage:

[73] Hilka 1976. Und: Hilka, Alfons (Hg.): Historia Alexandri Magni (Historia de preliis). Rezension J2 (Orosius-Rezension). Zweiter Teil. (= Beiträge zur klassischen Philologie 89.) Meisenheim a. Gl. 1977. (Künftig zitiert: Hilka 1977, Seitenzahl.)

[74] Lg = Leipzig, Stadtbibliothek Rep. II. 4°. 143. 14. Jh.
Po = Pommersfelden 2855. Anno 1435. f. 109r–147r.
Mo = Modena, Bibl. Estensis a. W. 8. 14. f. 97r–131v.
O5 = Oxford, Bodleian Library Auct. F. 3. 3. f. 130r–153r.

[75] Vgl. Ausfeld, 114.

[76] Schnittstelle:

[77] Rosenfelds These eines französischen Bearbeiters und niederdeutschen Übersetzers baut u. a. auf der – nicht vorhandenen – Ähnlichkeit zur Pariser Handschrift P6 auf. Bei der Schwäche seiner Argumentation spricht auch gegen ihn, dass die Aufbewahrungsorte der Handschriften (so wenig aussagekräftig diese i. A. sind) der Gruppen, zu denen Wichwolts Vorlagen gehörten (Gruppe Ka1W3M3/Gruppe LgPo), alle in deutschsprachigen Gebieten liegen.

[78] Schmidtgall, 14.

[79] Kirsch, Wolfgang (Hg.): Historie von Alexander dem Grossen. Leipzig 1978. – Kirsch erwähnt leider nicht, welchen Kodex oder welche Kodices er für seine Ausgabe verwendet hat. Nach meinen Ermittlungen scheint er für J3 großenteils seine eigene Ausgabe der Zwickauer Handschrift benutzt zu haben (Kirsch, Wolfgang (Hg.): Quilichinus de Spoleto – Historia Alexandri Magni nebst dem Text der Zwickauer Handschrift der Historia de preliis Alexandri Magni – Rezension J3. Skopje 1971.), für J2 scheint er Hilkas Edition benutzt zu haben.

[80] An wenigen Stellen sind starke Abweichungen von Kirschs Übersetzung zu Steffens Ausgabe festzustellen, z. B. beim ersten Brief des Aristoteles an Alexander. Wichwolt folgt hier wörtlich dem bei Steffens wiedergegebenen Text. Vgl. Steffens, S. 130+186; f. 43r+58v im Gegensatz zu J3, S. 87f+120. Hier scheint also die von Kirsch benutzte J3-Version abzuweichen.

[81] Hilka 1976, 12,1–6:

“Interea Philippus rex Macedonum abiit in prelium. Nactanebus autem ascendit palatium, ut vidit pulchritudinem Olimpiadis (reginam Olimpiadem Bx1P5), iaculantum est cor eius et exarsit in concupiscentiam illius tetenditque manum suam, salutans eam et dicens illi: ‘Ave, regina Macedonum!’ dedigans illi dicere: ‘domina’. Ad hec respondit ei Olimpiadis dicens: ‘Ave, magister! Accede propius et sede.’”

[82] Hilka 1976, 48,2–4:

[83] Siehe dazu die in Kapitel 3.3, Seite 31 genannte Stelle.

[84] Hilka 1976, 38,14–15:

[85] Hilka 1976, 94,5–6:

[86] Steffens, S. 192,35 und 194,1–2:

[87] Vgl. Lechner-Petri, Rudolf: Johann Hartliebs Alexanderroman. Edition des Cgm 581. Hildesheim/New York 1980. S. 270.

[88] Ausfeld, 116.

[89] Vgl. Möller: Einleitung, a. a. O. S. Vff.

[90] Herzog, a. a. O.

[91] Möller: Einleitung, a. a. O. S. LXXI.

[92] Vgl. Wisbey, Roy: Die Aristotelesrede bei Walter von Châtillon und Rudolf von Ems. In: ZfdA 85/1954/55. S. 304ff.

[93] Dass Wichwolt die Alexandreis Walters benutzt, ist für sich genommen keinesfalls verwunderlich. Immerhin handelt es sich um die wohl bekannteste epische Bearbeitung des Alexanderstoffes im Mittelalter. „Für die große Beliebtheit der Alexandreis, die im Mittelalter der Aeneis gleichgestellt und ebenfalls als Schullektüre benutzt wurde, sprechen die breite Überlieferung (mehr als 130 Handschriften und Drucke des 16. und 17. Jhs.) und mehrere Bearbeitungen und Nachahmungen.“ (Buntz, Herwig: Die deutsche Alexanderdichtung des Mittelalters. Stuttgart 1973. S. 27.)

[94] Vgl. Pfister, Friedrich: Alexander der Große in der Sage. Ein Abriß. In: F. P.: Kleine Schriften zum Alexanderroman, a. a. O. S. 3.

[95] Galteri de Castellione [Philippus Gualterus ab Insulis, dictus de Castellione]: Alexandreis. Ed.: Marvin L. Colker. Padua 1978. (Künftig zitiert: Walter, S.)

[96] Jacob van Maerlandt: Alexanders geesten. Hg. v. Johannes Franck. Groningen 1882.

[97] Rudolf von Ems: Alexander. Hg. v. Victor Junk. Berlin 1928.

[98] Ulrich von Eschenbach: Alexander. Hg. v. Wendelin Toischer. Hildesheim/New York 1974.

[99] Ebd. S. 38, V. 1419–1420.

[100] Ausfeld, 117.

[101] In Colkers Edition wird keine entsprechende Rezension erwähnt.

[102] Wurms, Friedrich: Studien zu den deutschen und lateinischen Prosafassungen des pseudo-aristotelischen „Secretum secretorum“. Diss. Hamburg 1970.

[103] Vgl. Möller, Reinhold: Einleitung, a. a. O. S. LXVI–LXXIV.

[104] Toischer, Wendelin (Hg.): Aristotilis Heimlichkeit. In: Programm des k. k. Staats-Ober-Gymnasiums zu Wiener-Neustadt am Schlusse des Schuljahres 1881–82. Wiener-Neustadt 1882. S. 12. – Sämtliche Hervorhebungen stammen von mir.

[105] Das bedeutet, dass vermutlich sämtliche Vorlagen Wichwolts in lateinischer Sprache abgefasst waren. Hätte es volkssprachliche Vorlagen gegeben, so wäre damit Rosenfelds These eines französischen Bearbeiters und niederdeutschen Übersetzers widerlegt (oder bestätigt) gewesen. So kann eine eventuelle lateinische Vorlage – ein Mischtext – überall in Europa entstanden sein. Ich halte die Existenz einer solchen Vorlage aber für unwahrscheinlich, da keine auch nur annähernd ähnliche lateinische Rezension überliefert ist.

[106] Ehemalige Preußische Staatsbibliothek Berlin, jetzt Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Depot der Staatsbibliothek, Tübingen, Cod. lat. 70.

[107] Hiltgart von Hürnheim: Mittelhochdeutsche Prosaübersetzung des „Secretum Secretorum“. Hg. v. Reinhold Möller. Berlin 1963. S. 36. (Künftig zitiert: Secretum, S.)

[108] Ebd. S. 38.

[109] Ebd. S. 26.

[110] Ebd. S. 28.

[111] Ebd. S. 24.

[112] Vgl. zu diesem Kapitel den Anhang dieser Arbeit.

[113] Walter, S. 14, V. 133–136.

[114] Sollte jemals eine Handschrift des Secretums gefunden werden, in der diese Kapitel fehlen, so ist das ein eindeutiger Hinweis, dass sie zumindest zur gleichen Handschriftengruppe gehört, der Wichwolts Vorlage angehörte.

[115] Folgende Handschriften beginnen unmittelbar mit Kapitel 4 (“Reges sunt quatuor…”):Cod. CT.B. 17–25, f. 12r–43r, saec. XIV. (Toledo. Catedral de Toledo. Archivo y Biblioteca Capitulares.) (Vgl. Wurms, a. a. O. S. 101.)Cod. 12 761, f. 145v–150v, saec. XV. (Wien. Österreichische Nationalbibliothek.) (Vgl. ebd. S. 113.)

Ende der Leseprobe aus 153 Seiten

Details

Titel
Das Alexanderbuch des Meisters Wichwolt (Babiloth) und seine Vorlagen
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Niederdeutsche Abteilung)
Note
1,3
Autor
Jahr
1989
Seiten
153
Katalognummer
V417278
ISBN (eBook)
9783668672895
ISBN (Buch)
9783668672901
Dateigröße
1920 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wichwolt, Babiloth, Alexanderbuch, Alexanderroman, Alexandreis, Walter von Châtillon, Johann Hartlieb
Arbeit zitieren
Franz Michael Baumann (Autor), 1989, Das Alexanderbuch des Meisters Wichwolt (Babiloth) und seine Vorlagen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417278

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