Diese Arbeit untersucht, auf welchen Vorlagen das Alexanderbuch des Meisters Wichwolt (Babiloth) beruht, welche Sondersituation beim Lübecker Druck vorliegt und was dies aus rezeptionsästhetischer Sicht über die Bedürfnisse der Gesellschaft des 15. Jahrhunderts aussagt. Wichwolts Alexanderbuch wird untersucht. Es wird außerdem versucht Erkenntnisse zu gewinnen, die es ermöglichen, die literarischen Erwartungshaltungen des 15. Jahrhunderts durch die Analyse eines Einzelwerkes, also eines Teilaspektes, klarer festzustellen. Die Wünsche und Hoffnungen der damals lebenden Menschen bezüglich der Bewältigung ihrer Probleme und ihre Lösungswege werden betrachtet.
Der Forschungsstand zu Wichwolts Alexanderbuch ist zum Zeitpunkt dieser Ausarbeitung sehr lückenhaft. Der größte Teil der Untersuchungen zu Wichwolts Alexanderbuch stammt aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts und beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Verhältnis der verschiedenen Handschriften zueinander. Nicht einmal das Verhältnis des Textes zu seinen Vorlagen ist hinreichend untersucht, obwohl dies doch Voraussetzung für jede inhaltliche Beurteilung ist. Der einzige Forschungsbeitrag der letzten dreißig Jahre beschäftigt sich ausschließlich mit der Verfasserfrage und der Einordnung einer weiteren Handschrift. Inhaltliche Untersuchungen zu Wichwolts Alexanderbuch liegen bisher also nicht vor.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Die Forschungssituation
2.1 Die Handschriften von WICHWOLTS Alexanderbuch, deren Sprache und die des Originals
2.2 Stemma
2.3 Das Verhältnis zu den Vorlagen
2.4 Die Frage des Autors (‚WICHWOLT‘ oder ‚BABILOTH‘?)
3 Das Verhältnis des Textes zu den Vorlagen
3.1 Das Verhältnis zu J2 und J3
3.2 Die „lere“ des Aristoteles und ihre Vorlagen
3.2.1 Das Verhältnis der „lere“ zur Alexandreis WALTERS VON CHÂTILLON und zum Secretum Secretorum
3.2.2 Zur Auswahl der Vergleichstexte
3.2.3 Das Verhältnis der „lere“ zu ihren beiden Vorlagen
3.3 Das Verhältnis zur Collatio Alexandri Magni cum Dindimo
4 Inhaltliche Aspekte des Verhältnisses zu den Vorlagen
4.1 Die Aussage des von WICHWOLT wiedergegebenen Textes von J2 und J3
4.1.1 Die Figurenkonstellation
a) Die ‚Ritter‘ und Untertanen
b) Die Fürsten
c) Das Frauenbild
d) Beschreibung der Volksführer und -führerinnen (Könige, Königinnen, Priester Jerusalems, etc.)
4.1.2 Die durch das Figurenhandeln verdeutlichte Philosophie
a) Die eigentliche Chronik
b) Der Mardocheusbrief
c) Der Briefwechsel zwischen Alexander und Dindimus
4.1.3 Der äußere Ablauf der Erzählung
a) Die Vorgeschichte des Lebens Alexanders und seine Jugend
b) Seine Kriegszüge
c) Die Erzählung über die Wunder Indiens
d) Alexanders Tod
4.2 Die Veränderung der Aussage durch die Mischung von Rezension J2 und J3
4.3 Die Veränderung der Aussage durch die Übernahme der abweichenden Version der Collatio Alexandri Magni cum Dindimo
4.4 Die Veränderung durch die Aristoteleslehre
a) Die inhaltliche Tendenz der Übersetzung WALTERS
b) Die inhaltliche Tendenz im Secretum Secretorum
c) Die Aristoteleslehre im Zusammenhang der Historia de preliis
5 Die Charakteristika von WICHWOLTS Text in der literarischen Tradition
5.1 Die mittelalterliche deutsche Alexanderliteratur vor WICHWOLT
a) Das Alexanderlied des Pfaffen LAMPRECHT und seine Bearbeitungen
b) Der Alexander RUDOLFS VON EMS
c) Der Alexander ULRICHS VON ESCHENBACH
d) SEIFRITS Alexander und der Wernigeroder Alexander
5.2 Gesellschaftliche und literarische Tendenzen zur Zeit Wichwolts
5.3 Das Werk WICHWOLTS in seinem historisch-literarischen Zusammenhang
6 Die Kölner Handschrift als Bearbeitung des Werkes WICHWOLTS
7 Der Lübecker Druck
7.1 Das Rezeptionsangebot Wichwolts für das Lübecker Lesepublikum um 1478
7.1.1 Das Lesepublikum – die Ausstattung des Drucks
7.1.2 Die Situation in Lübeck um 1478
7.1.3 Das Rezeptionsangebot WICHWOLTS
7.2 Inhaltliche Aspekte der abweichenden Textgestalt gegenüber WICHWOLT
7.2.1 Die Kürzungen und geringfügigen Erweiterungen gegenüber WICHWOLT
7.2.2 Die Einfügungen aus JOHANN HARTLIEBS Alexander
a) Exkurs: JOHANN HARTLIEBS Alexander
b) Das Rezeptionsangebot HARTLIEBS für das Lübecker Lesepublikum um 1478
c) Die Einfügungen aus HARTLIEBS Alexander in den Text WICHWOLTS
d) Zusammenfassung
7.2.3 Die eingeschobene „lere“
7.3 Die Bearbeitungstendenz des Lübecker Drucks im Zusammenhang mit seiner Vorlage
8 Schlussbemerkung – Forschungsperspektiven
9 Anhang
9.1 Anhang: Textvergleich der Alexandreis WALTERS VON CHÂTILLON/WICHWOLT
9.2 Anhang: Textvergleich Secretum Secretorum/WICHWOLT
9.3 Anhang: Textvergleich Collatio Alexandri Magni cum Dindimo/WICHWOLT
9.4 Anhang: Textvergleich HARTLIEBS Alexander/Van Alexandro deme groten koninge
9.5 Anhang: Ausschnitte der Coburger Handschrift
a) Illustrierte erste Seite
b) Übersetzung der Inschrift am Thron Alexanders
9.6 Anhang: Textausschnitte Wolfenbütteler Handschrift
a) Übersetzung des Gedichtes des Dothomeus
b) Übersetzung des Gedichtes des Demosthenes
c) Schlussverse
9.7 Anhang: Textausschnitt Lübecker Druck
9.8 Anhang: Textausschnitt Kölner Handschrift
Alexander verliert beim Schachspiel
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das „Alexanderbuch“ des Meisters Wichwolt, insbesondere dessen Verhältnis zu den lateinischen Vorlagen wie der Historia de preliis, der Alexandreis von Walter von Châtillon und dem Secretum Secretorum. Ziel ist es, durch einen detaillierten Textvergleich die Bearbeitungstendenz Wichwolts freizulegen und aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Verhältnisse und literarische Erwartungshaltungen des 15. Jahrhunderts die Gestaltung des Textes beeinflusst haben.
- Textkritische Untersuchung der Handschriftenüberlieferung und des Lübecker Drucks.
- Analyse der Bearbeitungstechniken bei der Übersetzung lateinischer Quellen ins Niederdeutsche.
- Untersuchung des Alexanderbuchs im Kontext zeitgenössischer gesellschaftlicher Krisen und literarischer Gattungsentwicklungen.
- Erforschung der Autorenfrage (Wichwolt vs. Babiloth).
- Vergleichende Analyse der Rezeptionsangebote im Lübecker Druck im Vergleich zu anderen Alexanderdarstellungen (z.B. Johann Hartlieb).
Auszug aus dem Buch
Die Figurenkonstellation
In der Historia de preliis erscheinen nur Figuren, die direkt in einer Beziehung zu Alexander stehen, und auch nur für die Zeit, in der die Beziehung Bestand hat. Ein Vorleben oder weiteres Leben der Personen wird nicht beschrieben (auszunehmen sind hierbei Nektanebus, Olimpiades und Philippus; siehe dazu Kapitel 4.1.3, S. 51). Die Charaktere sind schematisch dargestellt und meist durch die Stellung im sozialen Gefüge geprägt; außer bei Darius findet bei keiner Person eine Änderung des Charakters statt. Das Figurenensemble beschränkt sich weitgehend auf Könige, Königinnen und Fürsten. Sämtliche Figuren sind einem unwandelbaren, vorherbestimmten Schicksal unterworfen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit begründet die gesellschaftliche Relevanz der Untersuchung historischer Texte und stellt die Forschungsfrage nach den Bearbeitungstendenzen in Wichwolts Alexanderbuch.
2 Die Forschungssituation: Dieser Abschnitt gibt einen umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu den Handschriften, der Überlieferung und den bisherigen Autorenzuschreibungen.
3 Das Verhältnis des Textes zu den Vorlagen: Hier wird die Abhängigkeit des Textes von den zentralen Quellen J2, J3, der Alexandreis und dem Secretum Secretorum untersucht und die Kürzungstechnik analysiert.
4 Inhaltliche Aspekte des Verhältnisses zu den Vorlagen: Dieses Kapitel analysiert, wie sich durch Interpolationen und Mischungen der Rezensionen die inhaltliche Aussage und die dargestellte Philosophie verändern.
5 Die Charakteristika von WICHWOLTS Text in der literarischen Tradition: Wichwolts Werk wird in den Kontext der mittelalterlichen deutschen Alexanderliteratur gestellt, um seine spezifische Bearbeitungstendenz im Vergleich zu Vorgängern einzuordnen.
6 Die Kölner Handschrift als Bearbeitung des Werkes WICHWOLTS: Die Besonderheiten der Kölner Handschrift werden als bewusste Bearbeitung hervorgehoben, die Alexander stärker als idealen König darstellt.
7 Der Lübecker Druck: Das Kapitel untersucht den Lübecker Druck von 1478 hinsichtlich seiner Anpassung an ein breiteres städtisches Lesepublikum und die Einfügung von Elementen aus Johann Hartliebs Alexander.
8 Schlussbemerkung – Forschungsperspektiven: Die Arbeit schließt mit einem Ausblick auf notwendige weiterführende philologische Vorarbeiten und die Neubewertung der Prosaliteratur des 15. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Wichwolt, Meister Babiloth, Alexanderbuch, Historia de preliis, Alexandreis, Secretum Secretorum, Alexanderroman, Überlieferungsgeschichte, Bearbeitungstendenz, Lübecker Druck, Johann Hartlieb, Stemma, Alexander der Große, mittelalterliche Prosaliteratur, Literatursoziologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das niederdeutsche „Alexanderbuch“ des Meisters Wichwolt und analysiert, wie dieser Autor seine lateinischen Vorlagen bearbeitet hat, um ein literarisches Werk für seine Zeit zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Quellenanalyse (insbesondere Historia de preliis, Alexandreis, Secretum Secretorum), die Autorenschaft, der Vergleich mit anderen Alexanderdarstellungen des Mittelalters und die literatursoziologische Einordnung des Textes im 15. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Bearbeitungstendenz Wichwolts freizulegen und zu evaluieren, inwieweit sein Werk auf gesellschaftliche Probleme seiner Zeit reagiert oder diese ideologisch verarbeitet hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philologische Textanalyse betrieben, die Textvergleiche zwischen den Handschriften und den lateinischen Vorlagen sowie eine historische Einordnung in den literarischen Kontext des Spätmittelalters kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit dem Verhältnis des Textes zu seinen Vorlagen, der Figurenkonstellation, der verdeutlichten Philosophie, der Struktur des Werkes und dem Vergleich mit dem Lübecker Druck.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Wichwolt, Alexanderbuch, Überlieferungsgeschichte, Bearbeitungstendenz, Prosaliteratur des 15. Jahrhunderts, Lübecker Druck und literarische Tradition.
Wie unterscheidet sich der Lübecker Druck von anderen Handschriften?
Der Lübecker Druck zeigt eine stärkere Anpassung an ein breiteres, städtisches Lesepublikum durch didaktische Strukturierung und die Integration von Elementen aus Johann Hartliebs „Alexander“, während er gleichzeitig auf den moralisierenden Ton Hartliebs verzichtet.
Welche Rolle spielt die „lere“ des Aristoteles für das Werk?
Die „lere“ dient als praxisbezogenes Herrschaftswissen, das in den Text integriert wurde. Sie verdeutlicht das Ringen des Autors, abstrakte ethische Konzepte mit dem materiellen und politischen Nutzen für den Herrscher zu verbinden.
- Citar trabajo
- Franz Michael Baumann (Autor), 1989, Das Alexanderbuch des Meisters Wichwolt (Babiloth) und seine Vorlagen, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417278