Fürst und Dichter - oder: Die höfische Dialektik der Gabe


Essay, 2005

6 Seiten, Note: 1,5


Leseprobe

Fürst und Dichter – oder: Die höfische Dialektik der Gabe

Von Matthias Thiele

„Die Räume sind düster und trist. Der Blick geht auf die Hinterhöfe und einen verwilderten Garten“, beginnt die Süddeutsche Zeitung am 25. März 1969 ihre Seite-3-Reportage. Den Posten des Bundeskanzlers hat damals noch die CDU für sich gepachtet; aber eine neue Zeit scheint heraufzuziehen. Es ist die Zeit der Rudi Dutschkes und der Axel Springers. „Sicher in die 70er Jahre“, plakatiert die CDU – „Wir schaffen das moderne Deutschland“, verspricht die SPD. Wirtschaftswunder gegen Aufbruch, Tradition gegen „Mehr Demokratie wagen“, das sind die Fronten im Wahlkampf.

Im düsteren, tristen Raum mit dem Blick auf die Hinterhöfe und einen verwilderten Garten sitzt Günter Grass - im Büro der Sozialdemokratischen Wählerinitiative mitten im Bonner Zentrum. Mit den Professoren Kurt Sontheimer und Eberhard Jäckel, mit dem Schriftsteller Siegfried Lenz, dem Thomas-Mann-Sohn Golo, der Filmdiva Romy Schneider - mit Künstlern und Intellektuellen hat er die „Sozialdemokratische Wählerinitiative“ geschaffen. Mit den Dichtern und Denkern vereint soll Willy Brandt Deutschland in die Zukunft führen: Der Pakt zwischen Macht und Muse wird geschmiedet – ein Pakt mit langer Tradition.

„Qualis artifex pereo“ – „Welch’ Künster stirbt mit mir“, soll Kaiser Nero seinem Tod entgegen gehaucht haben. Sonnenkönig Louis XIV. war der Staat und seine Baumeister untermauerten diesen Anspruch in der Architektur seines Schlosses von Versailles. Im Deutschland der Neuzeit verschwisterten sich „Dichterfürst“ Goethe und Herzog Karl August zum nationalen Mythos. Ludwig II., König von Bayern, baute „seinem“ Wagner gar ein ganzes Schloss. Und das Mittelalter? Die mythisch-nationale Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts schuf mit Walther von der Vogelweide das Bild des Sängers, der als Vertrauter von Königen und Fürsten das Reich lenkt und gestaltet. Zwar wurde dieses mythische Walther-Bild vom Berliner Germanisten Konrad Burdach schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts wissenschaftlich widerlegt; doch ein Teil des Mythos scheint wahr zu sein.

[...]

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Fürst und Dichter - oder: Die höfische Dialektik der Gabe
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Geschichtswissenschaften)
Veranstaltung
Hauptseminar Professor Dr. Johannes Hemrath
Note
1,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
6
Katalognummer
V41728
ISBN (eBook)
9783638399357
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Arbeit enthält als Essay keine Fußnoten!
Schlagworte
Fürst, Dichter, Dialektik, Gabe, Hauptseminar, Professor, Johannes, Hemrath
Arbeit zitieren
Matthias Thiele (Autor), 2005, Fürst und Dichter - oder: Die höfische Dialektik der Gabe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41728

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