Der Nationalsozialistische Untergrund. Die Radikalisierungsdynamik der 'Zwickauer Zelle' in einem gewaltbereiten Milieu


Hausarbeit (Hauptseminar), 2014

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Entsetzen und Unverständnis

2. Politische Radikalisierung
2.1 Vorüberlegungen
2.2 Die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit
2.3 Die Radikalisierung eines Kollektivs
2.4 Operationalisierung

3. Die rechtsextreme Szene in Deutschland
3.1 Vom Antikommunismus zum Rassismus – Der Wandel rechtsextremistischer Feindbilder
3.2 Fremdenfeindliche Gewalt als probates Mittel
3.3 Parteipolitik vs. Kameradschaften – Ein West-Ost-Vergleich

4. Die Radikalisierung des Nationalsozialistischen Untergrunds
4.1 Die Protagonisten
4.2 Das Entstehen des Nationalsozialistischen Untergrunds
4.3 Das Leben und Wirken im Untergrund
4.4 Die Radikalisierungsdynamiken im und um den Nationalsozialistischen Untergrund

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Entsetzen und Unverständnis

Wir haben die jetzt bekannt gewordenen Täter nicht wirklich verstanden. Wir haben die Dimension ihres Hasses ebenso unterschätzt wie ihren Willen zur Tat.“[1]

Als im November 2011 die Taten der drei Thüringer Neonazis Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt bekannt wurden, war das Entsetzen bei den politischen Eliten, der Medien und der Bevölkerung groß. Der selbst ernannte ‚Nationalsozialistische Untergrund‘ (NSU) hatte zwischen 1998 und 2011 neun Menschen türkischer und griechischer Herkunft sowie eine Polizistin kaltblütig erschossen und einem weiteren Polizisten lebensgefährliche Verletzungen zugefügt. Das Trio verübte mindestens zwei Sprengstoffattentate und erbeutete bei diversen Raubüberfällen mindestens 600.000 €. Sowohl die Sicherheitsbehörden als auch die Medien hatten zwar aufgrund der Tatwaffe einen Zusammenhang zwischen den Morden gesehen, nahmen jedoch die Möglichkeit, dass der Mordserie rassistische Motive zugrunde liegen könnten zu keinem Zeitpunkt ernst. Die Tat erregte jedoch nicht nur Aufsehen, weil man der rechtsextremen Szene über Jahre den für längerfristige rechtsterroristische Aktionen notwendigen Organisationsgrad schlichtweg abgesprochen hat, vielmehr gründete der öffentliche Aufschrei in dem Entsetzen und Unverständnis über die kaltblütige und kalkulierte Natur der Taten. Genau dieses Unverständnis könnte jedoch darin begründet liegen, dass oftmals gar keine ernsthaften Versuche unternommen werden, die Taten zu verstehen. Um im Folgenden einen seriösen Verständnisversuch zu wagen, müssen deshalb zunächst wertende Einordnungen wie ‚amoralisch‘ ausgeblendet werden. Man muss sich darüber klar werden, dass die Protagonisten vermutlich gerade eine eigene Form der Moral zu verteidigen versuchten. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie sich die Lebenswelt der NSU-Protagonisten so weit verändern konnte, dass sie sich zu den begangenen Taten veranlasst sahen.

Um diese Prozesse zu beleuchten, werden im theoretischen Teil der Arbeit zunächst die Dynamiken idealtypisch beschrieben, die in der vorliegenden Arbeit nach Eckert als Radikalisierung bezeichnet werden. Dabei wird zunächst aufgezeigt, wie Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen entstehen kann, um danach Radikalisierungsdynamiken eines Kollektivs zu beschreiben. Hier wurde eine soziologische Annäherung an den Radikalisierungsbegriff auf der Mesoebene gewählt, da die Ursachen für die Taten des NSU nicht allein anhand der Individuen Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt erklärt werden können, sondern die Protagonisten und ihre Handlungen vielmehr eingebettet in der Entwicklung einer gesellschaftlichen Strömung zu verstehen sind. Aufgrund dieser Verwobenheit des Trios mit seinen Unterstützern ist der empirische Teil der Arbeit zweigeteilt. Zunächst wird die Entwicklung der rechtsextremistischen Szene nach dem zweiten Weltkrieg nachgezeichnet, da sich zeigen wird, dass die Radikalisierung des NSU untrennbar mit den Strukturen des rechtsextremistischen Milieus sowohl in Thüringen, als auch in weiteren Teilen Deutschlands verbunden ist. In der Folge werden die Entwicklungen von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sowohl als Einzelpersonen als auch als Gruppe dargelegt, um daraufhin zu untersuchen, ob der hier gewählte theoretische Rahmen die Radikalisierungsprozesse hinreichend beschreiben kann oder nicht.

Befasst man sich mit dem Nationalsozialistischen Untergrund und seinen Protagonisten, so kommt man wohl kaum an Armin Pfahl-Traughber vorbei. Hier bietet sich insbesondere ein Einblick bezüglich eines Vergleichs des Nationalsozialistischen Untergrunds mit anderen rechtsterroristischen Gruppierungen der Nachkriegszeit. Aufgrund der Aktualität des Themas und mitunter dadurch, dass die damit verbundenen Geschehnisse juristisch noch nicht komplett aufgearbeitet sind, ist man jedoch bei einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung stark auf Erfahrungsberichte von Weggefährten und Zeugenaussagen im Münchner NSU-Prozess angewiesen. Aus diesem Grund kommt die vorliegende Arbeit um eine gewisse Stützung auf Zeitungsartikel nicht herum. Da die wissenschaftliche Diskussion zum vorliegenden Thema sich gerade erst in ihren Anfängen befindet, erweisen sich besonders Fachzeitschriften und Jahrbücher aus der Extremismus- und Terrorismusforschung als hilfreich.

Bei einer grundsätzlichen Betrachtung der rechtsextremistischen Strukturen, in die der NSU eingebettet war, erweist sich die Arbeit als nicht minder problematisch. Während der parteiförmige Rechtsextremismus in Deutschland recht gut aufgearbeitet und systematisiert ist, lässt sich beim außerparlamentarischen Rechtsextremismus in Form von Kameradschaften und freien Kräften ein gewisser Mangel an wissenschaftlicher Literatur ausmachen. Jenseits der Parteienforschung scheint die Rechtsextremismusforschung recht rudimentär, da es an Kontakten in die genannten Milieus und folglich auch an der Möglichkeit zur Feldforschung fehlt. Hinzu kommt der äußerst heterogene Umgang der Strafverfolgungsbehörden der einzelnen Länder mit dem auf diese Art und Weise verfassten Rechtsextremismus, was bereits eine numerische Systematisierung der betreffenden Strukturen sehr schwierig gestaltet.

2. Politische Radikalisierung

Um sich mit einer Theorie zur Dynamik politischer Radikalisierung beschäftigen zu können, bedarf es zunächst der Klärung einiger Grundbegriffe. Weil nämlich am Ende dieser Dynamik stets eine, in diesem Zusammenhang im politischen Sinne extremistische Haltung beim Individuum oder der Gruppe vorliegt, soll zunächst der Begriff des Extremismus allgemein geklärt werden um dann den daraus resultierenden Begriff der ‚Radikalisierung‘ einzuführen.

In der Folge wird der individuelle Radikalisierungsprozess bezogen auf die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit allgemein nachgezeichnet. Dadurch sollen die grundsätzlichen Motive und Hintergründe rassistischer Ideologien beleuchtet werden, um anschließend und nach Einführung des Deprivationsbegriffs die kollektiven Radikalisierungsdynamiken aufzuzeigen. Die zusätzliche Konzentration auf ein Kollektiv erfolgt deshalb, weil auch der Radikalisierungsprozess des Nationalsozialistischen Untergrunds untrennbar mit dem der Thüringer Neonaziszene verbunden ist.

2.1 Vorüberlegungen

Auf verfassungsrechtlicher Ebene bezeichnet der Begriff ‚Extremismus‘ all diejenigen Bestrebungen, die sich gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung der Bundesrepublik Deutschland richten und folglich das Ziel haben, diese zu beseitigen. Der Begriff steht in Abgrenzung zu politisch motivierter Gewalt[2], die ein deutlich breiteres Rekrutierungsfeld aufweist.[3] Hierbei handelt es sich um die Definition des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Die Konzentration auf den verfassungsfeindlichen Charakter extremistischer Akteure ist hier insofern sinnvoll, als sie von inhaltlichen Vorstellungen, aus denen extremistische Einstellungen folgen, abstrahiert. Er hält also den Bereich der freien Gedanken und des freien Worts offen.[4]

Diejenigen Prozesse, die Individuen oder Gruppen dazu führen, die Verfassungsordnung beseitigen zu wollen oder infrage zu stellen, werden in der vorliegenden Arbeit als ‚Radikalisierung‘ bezeichnet. ‚Radikalisierung‘ bezeichnet hier also nicht etwa ein auslösendes Moment, sondern muss vielmehr als dynamischer Prozess bzw. als eine Mehrzahl dynamischer Prozesse verstanden werden. Diese Dynamik wird ersichtlicher, „wenn wir sehen, dass politisch motivierte Gewalt und Extremismus nicht einfach ‚amoralisch‘ sind, sondern gerade einen bestimmten Bezug von Moral verabsolutieren“.[5] Hierbei wird auf ein imaginiertes oder reales Kollektiv Bezug genommen, das andere Werte als die zivilgesellschaftliche Mehrheit bzw. die demokratische Verfassung verkörpert. Gesellschaftliche Verbote und Rücksichtnahmen treten dabei in den Hintergrund. Gewalt kann also im rechtsextremistischen Kontext als Verteidigung einer ‚völkischen Verwandtschaft‘ verstanden werden, die für sich genommen und im Kontext des jeweiligen Milieus zum moralischen Wert aufsteigt. Radikalisierung bezeichnet also besonders den Prozess der Veränderung des Glaubens, der Vorstellungen, der Gefühle und folglich auch des Verhaltens der jeweiligen Akteure. Diese Veränderung geht dabei in eine Richtung, die zunehmend Gewalt in und zwischen Gruppen und die Pflicht, die eigene Gruppe mithilfe von Gewalt zu verteidigen, rechtfertigt.[6]

2.2 Die Entstehung von Fremdenfeindlichkeit

„Gefährlich ist der Mensch als Spezies, nicht obwohl, sondern gerade weil er ein soziales Wesen ist.“[7]

Menschen definieren sich weit über das hinaus, was man als ihr subjektives Selbst bezeichnen könnte. Ein Subjekt definiert sich immer auch durch völlig unterschiedlich geartete Gruppen und projiziert darauf Vorstellungen, sowohl über seine Herkunft als auch über seine Zukunft. Solche Gruppen werden über Sprache, Territorium oder Abstammung definiert, wobei von ihnen einerseits eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Individuum ausgeht und andererseits ein Verteidigungsbedürfnis der Angehörigen gegenüber der Gruppe entsteht. Aus diesem Grund können Menschen, die der jeweiligen Gruppe nicht zugehören, mit Diskriminierung und unter Umständen auch mit Vertreibung und Tötung bedroht werden. Im Alltag können solche Gruppen Familie, Nachbarschaft oder Vereine und Parteien sein. In etwas abstrahierter Form weisen besonders Glaubensgemeinschaften und Weltanschauungen einen identitätsbildenden Faktor auf.[8]

Bei einer Beschäftigung mit individuellen Radikalisierungsprozessen und hier im Besonderen mit der Entstehung von Fremdenfeindlichkeit bei Individuen, ist das Resultat der Prozesse schon im Voraus ersichtlich. Am Ende der Radikalisierung steht eine extremistische Einstellung, hier im Sinne einer rassistischen ideologischen Prägung. Die Erfahrung von Fremdheit geht zu Beginn jedoch nur selten mit ideologischen Vorstellungen einher. Dabei ist der Ausgangspunkt vielmehr ein Befremden, das durch eine Störung der routinierten alltäglichen Erwartungen und dem daraus entstehenden Vertrauen in die Umwelt verursacht wird. Wenn an dieser Stelle keine positive Interaktion mit den als fremd wahrgenommenen Menschen erfolgen kann, sind besonders Menschen, die bereits als Kinder verunsichert wurden, für solche Irritationen anfällig. Definitionen von Zugehörigkeiten, ob völkischer oder auch familiärer Natur, erzeugen folglich automatisch Nicht-Zugehörigkeiten anderer Menschen. Dies ist ein grundlegendes Charakteristikum des menschlichen Zusammenlebens und für sich nicht notwendig mit Diskriminierung verbunden, denken wir nur an die Fürsorgepflicht in familiären Strukturen. Allerdings kann eine solche Zugehörigkeitsdefinition als Begründung fremdenfeindlicher Haltungen und Handlungen dienen.

Im engeren Sinne entsteht Fremdenfeindlichkeit jedoch erst dann, wenn solche Fremdheitserfahrungen nicht verarbeitet werden können. Eine so empfundene Konkurrenz (um Arbeitsplätze, Wohnraum oder eventuell um Sozialhilfe) und Bedrohung „können dazu führen, dass die Karte der Abwertung von Anderen gezogen wird, um die eigene Stellung abzusichern.“[9] In der Folge dieser Dynamik koppelt sich Fremdenfeindlichkeit weitgehend von den Fremden und ihrem Verhalten ab. Individuen, die mit der wachsenden gesellschaftlichen Konkurrenz überfordert sind, kompensieren dieses Gefühl mit der Aufwertung vertrauter ethnischer Merkmale und werten spiegelbildlich ‚Andersartige‘ ab. An dieser Stelle entsteht eine rassistische Ideologie. Eine solche rassistische Weltanschauung erzeugt also neue Zugehörigkeiten und damit auch neue Loyalitäten, denn eine pluralistische Gesellschaft gibt genau denjenigen Menschen Platz, gegen die sich Anhänger rassistischer Ideologien wenden. Je mehr Menschen sich einer solchen Ideologie zuwenden, desto stärker wenden sie sich gegen die Verfassung bzw. die freiheitlich demokratische Grundordnung. Hier sind Menschenrechte und, im Gegensatz zu rassistischen Ideologien, die Gleichheit der Menschen (unabhängig von Herkunft und ‚Rasse‘) unveränderlich an das geltende Recht gebunden. Vollziehen Menschen diesen Schritt der Bildung neuer Loyalitäten hin zu verfassungsfeindlichen Ansichten, so werden sie extremistisch. Dieser Status muss jedoch nicht zwangsläufig mit Gewaltbereitschaft einhergehen. Besonders prägend ist sicherlich für viele Akteure die Erfahrung, dass auf legalem Wege, also durch eine Art ‚Aushöhlung des Systems‘, eine Durchsetzung der eigenen Ziele nicht möglich ist.[10] Geht das Vertrauen in eine parlamentarische Durchsetzung der eigenen Ziele verloren, ist der Weg in die Gewalttätigkeit extremistischer Akteure für sie nur noch eine Frage der Konsequenz.[11]

2.3 Die Radikalisierung eines Kollektivs

Nun spielt für die Entstehung extremistischer Gruppierungen jedoch nicht nur der Radikalisierungsprozess der einzelnen Individuen eine Rolle. Gruppen haben immer auch eine Identität als Kollektiv, handeln nach dieser und entwickeln diese unter Umständen weiter. Dies gilt sowohl für numerisch eher kleine Gruppen wie den Nationalsozialistischen Untergrund als auch für ganze Szenen. So hat die rechtsextreme Szene, wie später noch gezeigt werden soll, ihr Gesicht im Verlauf der Nachkriegsgeschichte durchaus erheblich gewandelt. Das vorliegende Kapitel soll allgemein die Radikalisierungsprozesse eines Kollektivs, ausgehend von seinen einzelnen Mitgliedern aufzeigen. Der beschriebene Prozess geht dabei den ‚Radikalisierungsweg‘ über reinen politischen Extremismus hinaus, bis hin zu terroristischen Gruppierungen. In der Darstellung handelt es sich um ein idealisiertes Szenario, dessen Realitätsnähe im weiteren Verlauf der Arbeit anhand der ausgewählten Fallbeispiele geprüft werden soll.

(1) Wie bereits im vorangegangenen Abschnitt dargelegt, ist die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften und Kollektiven, ob sie nun real oder imaginär sein mögen, fester Bestandteil des menschlichen Wesens. Je vielfältiger die Zugehörigkeiten dabei sind, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit einer Radikalisierung, da sich diversifizierte Gruppenzugehörigkeiten meist nicht mit der Verabsolutierung einer einzigen Weltansicht vereinbaren lassen. Neben den im vorigen Kapitel genannten Identifikationsgruppen können sich Individuen auch als Teil einer Ethnie oder Nation verstehen. Solange das Gefühl besteht, im vorgegebenen Rahmen hinreichend agieren zu können, ist dies eine vollkommen normale Gegebenheit. Wird das jeweilige (imaginäre oder reale) Kollektiv jedoch als benachteiligt angesehen, so können Radikalisierungsprozesse einsetzen. „Oft findet sich rasch eine Ideologie, die dem jeweiligen Kollektiv helfen will, sich zu wehren und sich als Subjekt der Geschichte (des Stammes, der Nation, des Glaubens und der Menschheit) zu erkennen. Dieses „Kollektivsubjekt“ gilt es dann zu verteidigen und voranzubringen.“[12] Diese Wahrnehmung einer Benachteiligung der Gruppe, mit der sich das Subjekt identifiziert, wird relative Deprivation genannt. Sie muss nicht zwangsläufig ökonomischer, sondern kann auch durchaus politischer oder kultureller Natur sein. Die im Prozess enthaltene Viktimisierung muss dabei nicht einseitig verlaufen, vielmehr können Benachteiligungsvorwürfe von mehreren Gruppen gleichzeitig gegeneinander erhoben werden.[13]

Ist der Radikalisierungsprozess erst einmal so weit fortgeschritten, dass sich das Individuum als Ausweg aus der so empfundenen Benachteiligung einer Gruppe bzw. Ideologie angeschlossen hat und bereit ist, dieses Kollektiv zu verteidigen, hat das auch eine Auswirkung auf die individuelle Identität. (2) „Das Engagement in den Konflikten führt von der Vieldeutigkeit zur Eindeutigkeit der persönlichen Identität.“[14] Im Zuge des Prozesses wird Gewalt zur Verteidigung des Kollektivs nicht mehr zwangsläufig ausgeschlossen. Erfolgen dann Gewaltereignisse, ziehen sie jedoch ein auslösendes Moment der Parteinahme nach sich. Es kommt zur Solidarisierung einiger Gruppierungen oder Individuen mit dem Kollektiv. Die ursprünglich komplexeren Konfliktthemen werden weiter verallgemeinert, bis die absolute Trennung zwischen „Gut“ und „Böse“ offensichtlich erscheint. Während sich einige mit der neuen Gewalttätigkeit identifizieren können, lehnen andere solche Mittel ab. Es kommt zu einer Spaltung des Kollektivs in gemäßigte und radikale Flügel. Diese Trennung bewirkt einen starken Radikalisierungsschub derjenigen, die die neuen Mittel gutheißen, was eine Art „Überbietungswettbewerb“[15] bezüglich der Gewaltintensität nach sich ziehen kann. Aufgrund der Anerkennung, die im neuen radikalen Flügel für Gewalt zu erwerben ist, radikalisiert sich die Gruppe durch gegenseitige Motivation zu Gewalthandlungen praktisch selbst. Diese Dynamik bestimmt immer mehr die Identität der Individuen, die sich zunehmend absolut als Teil des Kollektivs und ebenso als Teil des bewaffneten Kampfs identifizieren. „Eine Sinngebung von Leiden, Sterben und Töten wird ausgearbeitet. Todesnähe erzeugt eine existenzielle Stimulation. […] Aus Privatpersonen mit multiplen Identitäten werden so Kämpfer, die sich als Helden und Märtyrer der ‚einen‘ Sache hingeben.“[16]

[...]


[1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article13765422/Vom-Rechtsextremismus-zum-Rechtsterrorismus.html (18.4.2014).

[2] Wobei beispielsweise rechtsextremistische Gewalt stets politisch motiviert ist, jedoch politisch motivierte Gewalt nicht (rechts-)extremistisch sein muss.

[3] http://www.verfassungsschutz.brandenburg.de/cms/detail.php/lbm1.c.336441.de

[4] Eckert, Roland, Die Dynamik der Radikalisierung. Über Konfliktregulierung, Demokratie und die Logik der Gewalt, Weinheim/Basel 2012, S. 31. Im Folgenden zitiert als: ‚Eckert 2012‘.

[5] Vgl. Eckert 2012, S. 31.

[6] Ebd. S. 31.

[7] Eckert, Roland: Radikalisierung – Eine soziologische Perspektive, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, Jg. 63, Heft 29-31 2013, S. 11-17. Online gesehen unter: http://www.bpb.de/apuz/164920/radikalisierung-eine-soziologische-perspektive (20.3.2014). ImFolgendenzitiertals: ‚Eckert 2013“. Vgl. auch: McCauley, Clark/Moskalenke, Sophia: Mechanisms of political radicaliziation: Pathways toward terrorism, in: Terrorism and Political Violence, 2008 20/3, S. 415-428. Im Folgenden zitiert als: ‘McCauley 2008’

[8] Vgl. Eckert 2013.

[9] Ebd.

[10] Diese Erfahrung war, wie sich im Verlauf dieser Arbeit zeigen wird, auch ein Schlüsselerlebnis der Radikalisierung der frühen rechtsterroristischen Gruppen.

[11] Ebd., Eckert 2012 S. 137-140.

[12] Eckert 2013.

[13] Am Beispiel Migration: Einwanderer vergleichen ihre Lage mit den Einheimischen und fühlen sich benachteiligt, während Einheimische sich von den Einwanderern überfremdet fühlen.

[14] Ebd.

[15] Ebd.

[16] Ebd.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Nationalsozialistische Untergrund. Die Radikalisierungsdynamik der 'Zwickauer Zelle' in einem gewaltbereiten Milieu
Hochschule
Universität Regensburg  (Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politischer Extremismus in der BRD
Note
1,3
Autor
Jahr
2014
Seiten
28
Katalognummer
V417342
ISBN (eBook)
9783668671263
ISBN (Buch)
9783668671270
Dateigröße
629 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
NSU, Nationalsozialistischer Untergrund, Radikalisierung, Radikalisierungsdynamik, Eckert, Rechtsextremismus
Arbeit zitieren
Felix Heimbach (Autor), 2014, Der Nationalsozialistische Untergrund. Die Radikalisierungsdynamik der 'Zwickauer Zelle' in einem gewaltbereiten Milieu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417342

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