Die Sprache Georg Trakls. Von der Dunkelheit zur Faszination


Seminararbeit, 2017

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einfuhrung

2. Literarische Entwicklung
2.1. Die fruhe Phase: Trakls Jugendwerk bis
2.2. Die mittlere Phase: 1909-1912 und 1912-
2.3. Die spate Phase: Mai-November

3. Farbmotiv

4. Die Dunkelheit in der Traklschen Lyrik
4.1. Dunkelheit der Worter
4.2. Dunkelheit der Bilder
4.3. Dunkelheit der Syntax

5. Epilog

6. Bibliographie
6.1. Verwendete Literatur
6.2. Weiterfuhrende Literatur

1. Einfuhrung

Schwarze Himmel von Metall.

Kreuz in roten Sturmen wehen Abends hungertolle Krahen Uber Parken gram und fahl.

Bereits die erste Strophe des Gedichts Winterdammerung, das 1913 im Sammelband Gedichte veroffentlicht wurde, zeigt die Eigenart der Sprache des osterreichischen Expressionisten Georg Trakl. Angefangen bei einem auGerst speziellen Wortschatz in all seinen Werken bis hin zu den zahlreichen Anspielungen, der Motive, der spezifischen Bildsprache oder gar den Unklarheiten in der Syntax: Die Grunde fur die - in der Trakl- Philologie bereits bekannten und oft untersuchten - Schwierigkeiten beim Verstandnis der Traklschen Lyrik sind vielfaltig. Betrachtet man etwa den zweiten Vers der bereits angefuhrten Strophe, so stellt sich schnell die Frage, ob das Wort „Kreuz" hier als Nomen oder Adverb zu „wehen" steht. Die grammatische Uberlegung fuhrt wohl bei den meisten dazu, es wie im folgenden Satz als Adverb anzusehen: Die Krahen wehen kreuz. Jedoch ist dieses Adverb vielmehr aus der Verbindung „kreuz und quer" bekannt und wenn man sich zudem auf das rhythmische Gefuhl verlasst und die Tatsache mit einbezieht, dass das Wort groGgeschrieben am Satzanfang steht und somit stark an Selbststandigkeit gewinnt - und bei einem selbststandigen Wort denkt man wohl eher an ein Substantiv als an ein Adverb -, so wird man es wohl vielmehr wie folgt verstehen: Die Kreuz(e) wehen in roten Sturmen. (vgl. Esselborn 1981: 36) Mit diesem Beispiel mochte ich zeigen, worauf das Augenmerk der vorliegenden Proseminararbeit gerichtet ist: auf die besondere, teils dunkle und vor allem individuelle Sprache in den Gedichten Georg Trakls. Einen vollstandigen Uberblick uber die Einmaligkeit der Sprache Trakls zu bieten, wurde den Rahmen der Arbeit jedoch schnell sprengen. Daher werden zu Beginn die einzelnen Entwicklungsstufen der Traklschen Lyrik erlautert, die uberblicksmaGig bereits einige wichtige sprachliche Aspekte aufweisen. In einem weiteren Kapitel folgt eine komprimierte Analyse des Farbmotives, um zumindest einen Einblick in die groGe Welt der Motive Trakls zu geben. AnschlieGend wird der Topos von der Dunkelheit der Wortwahl, der Bildsprache und der Syntax naher erlautert. Anhand von bewusst gewahlten Gedichten wird immer wieder versucht bei den Lesern/Leserinnen eine klare Vorstellung und ein sicheres Verstandnis fur die einzelnen Aspekte zu erreichen. Zuletzt wird ein Resumee der wichtigsten Aspekte dieser Proseminararbeit gezogen.

2. Literarische Entwicklung

Da Georg Trakl (1887-1914) nur 27 Jahre alt wurde, umfasst die Zeit seines dichterischen Wirkens in Summe nur wenige Jahre. Dennoch sind sich viele Experten einig daruber, dass es verschiedene Entwicklungsphasen ohne „scharf umgrenzte Abschnitte" (Berger 1971: 14) in der Lyrik Trakls gibt. Dabei wurde die Darstellung von vier verschiedenen Werkphasen bzw. Entwicklungsstufen bereits 1958 von Kurt Wolfel festgestellt und von der Forschung so auch akzeptiert. (vgl. Esselborn 1981: 24) Seitdem gibt es zahlreiche Titel fur die einzelnen Stufen, jedoch scheint mir die neutrale Benennung von Ingrid Strohschneider-Kohrs am gelungensten: die fruhe, die mittlere und die spate Phase. (vgl. Strohschneider-Kohrs 1960: 213) In die fruhe Phase gehort Trakls Jugendwerk (auch als erste Entwicklungsstufe bekannt), das bis etwa 1909 gerechnet wird. Zur mittleren Phase gehoren zwei Entwicklungsstufen, da die zweite flieGend in die dritte ubergeht. Von 1909 bis etwa 1912 (zweite Stufe) schrieb er viele Gedichte, die sehr stark vom (Fruh)Expressionismus beeinflusst waren. Die dritte Stufe beginnt etwa mit dem Jahr 1912, als er bei einem Aufenthalt in Innsbruck die Moglichkeit der Veroffentlichung seiner Werke in der Literaturzeitschrift Der Brenner bekam und somit auch den Verleger und spater guten Freund Ludwig von Ficker kennenlernte. Zudem erschien im Juli 1913 Trakls Sammlung Gedichte im Kurt Wolff Verlag. Die spate Phase und somit letzte lyrische Entwicklungsstufe beginnt mit Fruhjahr 1914 bis kurz vor seinem Tod. Er schickte zu dieser Zeit das Manuskript fur seine zweite Sammlung Sebastian im Traum an den Kurt Wolff Verlag, welche im Folgejahr postum auch tatsachlich dort erschien. Auch schaffte er es in dieser Phase seine beiden letzten und spater auch bekanntesten Gedichte Grodek und Klage zu schreiben, die auch noch nach seinem Tod im Brenner veroffentlicht wurden. (vgl. Esselborn 1981: 25) Die Entwicklungsstufen unterscheiden sich in diversen Merkmalen, wie etwa in der Versart, der Art des lyrischen Ich, der Weltdarstellung oder dem Gebrauch von Bildern, Themen und Motiven. Im Folgenden sollen zunachst die sprachlichen Entwicklungen und Auffalligkeiten in den Gedichten jeder Phase etwas genauer erlautert werden.

2.1. Die fruhe Phase: Trakls Jugendwerk bis 1909

Die fruhe Phase, die alle Jugenddichtungen Trakls bis 1909 einschlieGt, ist deutlich durch die Romantik, aber auch vom Symbolismus und dem literarischen Jugendstil gepragt. Obwohl bereits einige Gedichte Trakls in der Zeitschrift Neues Wiener Journal veroffentlicht wurden, versuchte er es auch mit einer eigenen Sammlung (sog. Sammlung 1909), fand jedoch keinen Verleger dafur. Seine Jugendwerke sind fast durchgehend metrisch regelmaGige und gereimte Gedichte, so stellt beispielsweise das Morgenlied, das als erstes im Salzburger Volksblatt 1908 veroffentlichte Gedicht Trakls, mit seinen freien Rhythmen eine Ausnahme. (vgl. Esselborn 1981: 25f) In der Forschung werden seine fruhen Gedichte oft als „unreif, epigonal und unselbststandig" sowieso „stimmungshaft, melodisch und spatromantisch" (ebd.: 26) bezeichnet. Dies liegt vor allem an seiner unbestrittenen Abhangigkeit von bekannten Lyrikern wie Nietzsche, Baudelaire, Rimbaud, Verlaine, Holderlin oder Hofmannsthal. Die Gedichte belegen, dass er die Lyrik und Tradition seiner Zeit wohl sehr gut kannte, so fallt zum Beispiel die Imitation des thematischen Inhalts Rimbauds in Trakls Gedicht Die tote Kirche stark auf:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weiteres erkennt man in den Werken der fruhen Phase die Verwendung traditioneller Worter und Wendungen, die die Grundlage des Metrums bilden. Zur besseren Veranschaulichung beziehe ich mich im Folgenden auf Trakls Werk Drei Traume. (Trakl 1984: 119) Dabei kommt die rhythmische Grundformel —-—(-), die „aus zwei zueinander gehorenden, singtragenden Wortern" (Esselborn 1981: 27) besteht, haufig vor. Sprachlich gesehen ist die Formel einerseits aus eigenen Zusammensetzungen Trakls wie „Blatterfall" (V. 1) oder „Atemwehen" (V. 24), andererseits aus langeren, zweigipfligen Wortern wie „Widerhall" (V. 3) oder „namenlos" (V. 23) zusammengesetzt. Neben Zwillingsformeln wie etwa „kommen und gehn" (V. 10) oder „Anfang und Ende" (V. 28) und steigernden Wiederholungen wie „Greuel und Greuel" (V. 30) gehoren die Verbindungen von Adjektiven und Substantiven zu seinen liebsten sprachlichen Eigenschaften in den Gedichten. So besteht zudem die rhythmische Grundformel in den Jugendwerken am haufigsten aus diesen, wie auch die Beispiele „weite Walder" (V. 2), „dunkle Seen" (V. 2) oder etwa „schimmernde Garten" (V. 19) zeigen. Ludwig Dietz (1959) bezeichnet solch eine Verbindung aus Adjektiv und Substantiv sogar als ein „formales Bauelement", welches zu den „wichtigsten Bauelementen der Sprache Trakls" (Esselborn 1981: 27) gehort. Zudem findet man in Trakls Jugendwerken oft das traditionelle lyrische Ich und das „selbstverstandliche Bewusstsein" bzw. „die selbstverstandliche Existenz". (ebd.: 228) Dies zeigt sich beispielsweise im Motiv des „Sich-selbst-Sehens". (ebd.: 28) Insgesamt gibt es folgende funf Gedichte, die alle zu den Jugendwerken gehoren und in denen es zu einer Selbstbeobachtung des lyrischen Ichs kommt: Naturtheater, Drei Traume, Andacht, Das Grauen und Traumland. Das erlebende Ich wird zudem auch gerne von Trakl im fruheren Kindheits-Ich objektiviert, wie z.B. im Gedicht Naturtheater, wo sich das lyrische Ich vor einer Buhne sieht, auf der die eigene Vergangenheit dargestellt wird. (vgl. Csuri 2009: 223) Zudem spricht das Ich oft von einem Abstraktum wie der Ewigkeit, der Unendlichkeit, dem undefinierten Raum oder der endlosen Zeit. Wolfel kritisiert Trakls Jugendwerke in dieser Hinsicht wie folgt: „Weil die Seele auf keine Wirklichkeit trifft, treibt sie unaufgehalten ins Weite, ins Leere und benennt es Unendlichkeit, Ewigkeit [...] die vollige Inhaltslosigkeit verbirgt sich hinter grenzenlosen Vokabeln." (Wolfel 1958: 52, zit. n. Berger 1971: 15f) Es scheint daher tatsachlich so, als ob das lyrische Ich die wahre Welt nie wirklich erfahren hatte. Als Beispiel sei an dieser Stelle das Gedicht Das tiefe Lied (Trakl 1984: 21) erwahnt, in dem es heiGt:

Aus tiefer Nacht ward ich befreit.

Meine Seele staunt in Unsterblichkeit,

Meine Seele lauscht uber Raum und Zeit Der Melodie der Ewigkeit!

Und seit ich erlauscht die Ewigkeit,

Fuhl nimmermehr ich Lust und Leid!

Zuletzt sei noch auf die „Gefahrdung der Einheit von Ich und Welt" (Berger 1971: 25) in Trakls Jugendwerken hingewiesen. Bruche und Widerspruchlichkeiten, die das Dasein durchziehen, werden immer starker vom sprechenden Subjekt erkannt, was in der ersten Strophe des Gedichts Gesang zur Nacht (Trakl 1965: 57) bereits deutlich wird:

Vom Schatten eines Hauchs geboren Wir wandeln in Verlassenheit Und sind im Ewigen verloren,

Gleich Opfern unwissend, wozu sie geweiht.

2.2. Die mittlere Phase: 1909-1912 und 1912-1914

Da die einzelnen Schaffensphasen der Lyrik Trakls - wie bereits erwahnt - flieGend ineinander ubergehen, ist es schwierig genaue Abschnitte, die eindeutig die nachste Phase einfuhren, zu bestimmen. Jedoch wird die Sammlung von 1909 in der Forschung oft bereits als Ende des Jugendwerks markiert und damit die mittlere Phase, die stark vom Fruhexpressionismus beeinflusst ist, eroffnet. (vgl. Esselborn 1981: 25) Zu dieser Zeit verfassten viele zeitgenossische Literaten gesellschaftskritische Werke, in denen Themen wie Krieg, Tod, Verfall, Umwelt, GroGstadtleben aufgrund der Industrialisierung, der Ich- Verfall oder die Gefahrdung im Verhaltnis von Ich und Welt behandelt wurden. So auch Georg Trakl, der wahrend dieser Entwicklungsphase primar ohnehin durch seine dunkle, poetische Bildersprache auffiel. (vgl. Denneler 1984: 37) Vor allem das Gedicht Verfall (urspr. Herbst) (Trakl 1984: 39), das Trakl als einziges in seine spatere, erste Gedichtsammlung ubernahm, dient oft als Paradigma fur den Ubergang und die Veranderungen der Sprache in Trakls Gedichten:

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.

Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.

Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen

Um dunkle Brunnenrander, die verwittern,

Im Wind sich frostelnd blaue Astern neigen.

(Strophe 3-4)

Anders als in den Jugendwerken spricht hier das Ich von Dingen, die beruhrt werden konnen und es taucht fast kein Abstraktum wie Ewigkeit, Raum oder Unendlichkeit in den neueren Werken mehr auf. Die Gefahrdung im Verhaltnis von Ich und Welt wird greifbar und das Ich entdeckt den Verfall, der nun tatsachlich zur „personlichen Betroffenheit" wird. Trakl spricht nun nicht mehr uber die gefahrdete „Welt-Ich-Einheit“ (Berger 1971: 18), sondern nimmt die Welterfahrung unmittelbar in die sprachliche Gestalt mit ein. Zudem sind die Gedichte alle gereimt und die Veranderung im Versbau gegenuber den Jugendwerken ist offensichtlich. Jegliche Ungenauigkeiten und Freiheiten werden eliminiert und der Vers wird „aus einer Sammlung lyrischer Kernworter und rhythmischer Formeln zu einer vom Metrum bestimmten, abgeschlossenen Einheit." (Esselborn 1981: 34) Dazu gehoren alle Werke aus Trakls Sammlung Gedichte und die meisten aus den

Jahren 1910 und 1911, die es aufgrund der schlechten Qualitat jedoch nie in das reife Werk in der mittleren Entwicklungsphase geschafft haben, allerdings sehr wohl als Grundlage spaterer Gedichte dienten. (vgl. ebd.: 25) Fur die mittleren Werke ist daher bestimmend: ein reduziertes lyrisches Ich, eine metrisch genaue Komposition, ein dominierender Einfluss der AuGenwelt und zudem noch der gezielte Einsatz des Zeilenstils, der Reihung von Aussage, Bild und Ereignis Vers fur Vers in den Gedichten mit festen Metren. Bereits 1910 entstehen bei Trakl derartige Texte und so kann genau beobachtet werden, wie sich die „syntaktische und thematische Einheit immer mehr reduziert, sich zuerst auf Strophen und schlieGlich auf Zeilen beschrankt." (ebd.: 35) Es ist vor allem Trakl, der verstarkt den strengen Zeilenstil anwendet, bei dem jeder Vers einen vollstandigen Satz bildet. Das Gedicht Der Spaziergang (Trakl 1984: 28) eignet sich ideal als Beispiel, da es streng parataktisch ist - es sind lediglich Hauptsatze enthalten, die jeweils am Schluss der Zeile enden:

Musik summt im Geholz am Nachmittag.

Im Korn sich ernste Vogelscheuchen drehn.

Holunderbusche sacht am Weg verwehn;

Ein Haus zerflimmert wunderlich und vag.

(Strophe 1)

Noch ausgepragter ist allerdings der expressionistische Simultanstil: die Aneinanderreihung von Sinneseindrucken in teils syntaktisch selbststandigen Metaphern. In einem Brief, den Trakl im Juli 1910 aus Wien an Buschbeck schrieb, beschreibt er seine lyrische Arbeitsweise bewusst als „bildhafte Manier, die in vier Strophenzeilen vier einzelne Bildteile zu einem einzigen Eindruck zusammenschmiedet." (Trakl 1984: 219) Im folgenden Auszug des Gedichts Der Gewitterabend (ebd.: 17), das 1910 von Trakl verfasst wurde und erst in der Sammlung Gedichte 1913 erschien, wird auf faszinierender Art und Weise ein abendliches Gewitter uber einer Stadt beschrieben. Dies erreicht er durch den Einsatz mehrerer Bilder sowie der Synasthesie als Mittel zur Erfassung mehrere Sinnesbereiche:

Staub tanzt im Gestank der Gossen.

Klirrend stoGt der Wind in Scheiben.

Einen Zug von wilden Rossen

Blitze grelle Wolken treiben,

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Sprache Georg Trakls. Von der Dunkelheit zur Faszination
Hochschule
Universität Salzburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
22
Katalognummer
V417388
ISBN (eBook)
9783668672994
ISBN (Buch)
9783668673007
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Trakl, Sprache, Neuere deutsche Literatur
Arbeit zitieren
Adela Alekic (Autor), 2017, Die Sprache Georg Trakls. Von der Dunkelheit zur Faszination, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417388

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