Das Motiv der Schuld in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür"


Hausarbeit, 2013
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Beckmann als Außenseiter

3. Beckmanns Schuld an der Verzweiflung des Einbeinigen

4. Beckmanns Versuch, die Verantwortung abzugeben

5. Das Wiedersehen

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

Ich bin zwanzig Jahre alt. Ich bin gut behütet in einem relativ ruhigen Vorort, einer grö- ßeren Stadt aufgewachsen. Da das Leben in einer friedlichen Demokratie in Mitteleuro- pa selbstverständlich ist, konnte ich mich so entwickeln, wie man es sich bestmöglich für einen Menschen wünscht. Kein Hunger, keine Entbehrung und vor allem kein Krieg störten mein Heranwachsen. Unvorstellbar, wie es wohl jenen geht, denen der Großteil ihrer Jugend gestohlen wird, die keine schönen Erinnerungen daran haben, sondern nur Elend, Tod und den Kampf ums nackte Überleben kennen. Gerade so sah aber die Wirklichkeit noch in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts für viele Jugendliche aus. Beckmann, der Protagonist in Wolfgang Borcherts 1947 veröffentlichtem Drama „Draußen vor der Tür“1, ist einer von jenen, die mit zwanzig in einen Krieg ziehen müssen, der ihnen die Menschlichkeit raubt. Aus dem sie als gebrochene Menschen heimkehren, weil sie zu viel gesehen und erlebt haben. Sechs Jahre ist Beckmann Soldat im Zweiten Weltkrieg. Drei davon verbringt er in Sibirien in Kriegsgefangenschaft, ehe er Anfang 19462 wieder nach Deutschland zurückkommt. Dann stellt Beckmann Fra- gen: Fragen nach Schuld und Verantwortung. Auf der Suche nach Antworten wandelt er zwischen Wirklichkeit, Traum und Fantasie3 durch Borcherts‘ Drama. Das stellt somit nicht die fiktionale Realität dar, sondern vielmehr eine Allegorie davon.4 Beckmann erhebt dabei Ansprüche auf gesellschaftlich anerkannte Werte wie Wahrheit, Verant- wortung und Gerechtigkeit.5

In diesem Zusammenhang kommen beim Leser Fragen auf: Bezieht Beckmann diese Werte auch auf sich selbst? Hat er während seines Kriegsdienstes Schuld auf sich gela- den, der er sich nicht stelle will oder kann? Wie geht Beckmann mit seiner eigenen Ver- antwortung um? Ist er nur ein selbstmitleidiges Opfer oder auch Täter? Der Fokus die- ser Arbeit soll also auf der Frage nach der Schuld Beckmanns und seinem Umgang mit der eigenen Verantwortung für diese liegen. Zu Beginn wird auf die Figur Beckmanns eingegangen und sein Stand in der Gesellschaft dargelegt. Danach soll seine Beziehung zum Einbeinigen und der Versuch, die Verantwortung wieder an seinen Oberst abzuge- ben, behandelt werden. Zuletzt wird der Traum betrachtet, in dem Beckmann nochmal auf die beiden Figuren trifft, um ihnen die Schuld an seiner Lage zu geben.

2. Beckmann als Außenseiter

Bürstenfrisur, Gasmaskenbrille und ein steifes Bein. So sieht Beckmann jetzt aus, er hat sich demzufolge offensichtlich äußerlich verändert, als er endlich nach Hause zu- rückkehrt.6 Sein Erscheinungsbild erzählt von seiner Vergangenheit als Soldat und Ge- fangener.7 Deswegen lässt sich die literarische Figur „Beckmann“ eindeutig als Kriegs- heimkehrer identifizieren. Er der Personenbeschreibung zufolge „einer von denen“8. Dadurch und durch seine Namenslosigkeit wird klar, dass ihm weniger die Rolle des Individualisten, als vielmehr die des Repräsentanten einer breiten Bevölkerungsmasse, eines Jedermann, zufällt.9 Nicht nur Beckmann hat sich durch den Krieg verändert, auch seine Heimatstadt Hamburg ist nicht wieder zu erkennen. Er beklagt den „Schuttacker hier zu Hause“10, unter dem sein einjähriger Sohn liegt, den er nie gesehen hat, da dieser bei einem Bombenanschlag ums Leben kam. Die Stadt, die Beckmann kannte gibt es nicht mehr. Hinzu kommt, dass er am Tag seiner Heimkehr feststellen muss, dass seine Frau ihn nicht sehnsüchtig erwartet. Sie ist unlängst mit einem anderen Mann zusam- men, der Beckmanns Platz eingenommen hat. Im Laufe des Dramas erfährt Beckmann überdies, dass seine Eltern nicht mehr leben. Sie haben sich nach dem Krieg umge- bracht. Das heißt, auch das private „zu Hause“, das er sich erhofft hatte, existiert für ihn nicht mehr. Ebenso scheitert sein Wunsch am Theater zu arbeiten, da er für den Direk- tor eines Kabaretts zu wenig Erfahrung mitbringt und sein Anblick für die Zuschauer zu grausam sei.11 Diese Erkenntnisse bringen ihn zum verzweifeln und dazu mit dem Le- ben zu hadern. Er ist verbittert darüber, dass ihm die Gesellschaft nicht die Anerken- nung zuteilkommen lässt, die er verdient zu haben glaubt.12 Kriegserlebnisse, Gefan- genschaft und Heimatverlust lassen ihn nicht los, er will schon zu Beginn des Dramas trotz seines jungen Alters von erst fünfundzwanzig Jahren, „[e]ndlich in Ruhe pen- nen“13. Einzig die Gestalt des Anderen, die „jeder kennt“14, hält ihn davon ab, sich in der Elbe zu ertränken. Sie spornt ihn an weiter zu leben und nicht aufzugeben. Dabei solle er allerdings nicht nur an sich denken, sondern auch an seine Mitmenschen.15 Beckmann begibt sich folglich auf die Suche nach neuen Perspektiven für sein Leben. Aber alle Türen, hinter denen er sich einen Lichtblick erhofft, bleiben letztlich doch für ihn verschlossen16 und er steht wieder Draußen vor der Tür. Durch sein Äußeres und schließlich durch seine Äußerungen gegenüber den Menschen die er im Drama trifft, kommt der Gegensatz zwischen Beckmann und ihnen zum Vorschein.17 Beckmann ist für sie ein Relikt aus der Vergangenheit. Er erinnert sie an eine Zeit, die sie vergessen und verdrängen wollen. Beckmanns Stellung in der Gesellschaft ist die eines heimatlo- sen Außenseiters, denn nicht nur „[ä]ußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel […] zu erschrecken“18, sondern „[i]nnerlich - auch“19.

3. Beckmanns Schuld an der Verzweiflung des Einbeinigen

Beckmann kann nicht mit der Vergangenheit abschließen. Als ihm das Mädchen, das ihn am Ufer der Elbe findet und mit zu sich nach Hause nimmt, um ihm trockenen Klei- dung zu geben, die Gasmaskenbrille abnimmt, fühlt er sich blind und hilflos. Sie ist Symbol für seine soldatische Existenz.20 Das Mädchen bemerkt, dass er mit der Brille wie ein Gespenst aussieht.21 Doch Beckmann ist nur das Ablegen der Brille als Akt des Vergessens nicht genug, er will nicht vergessen22: „Vielleicht bin ich auch ein Gespenst. Eins von gestern, das heute keiner mehr sehen will. Ein Gespenst aus dem Krieg, für den Frieden provisorisch repariert“23. Das Mädchen bietet ihm die Jacke ihres seit Sta- lingrad vermissten Mannes an. Beckmann hüllt seinen Körper in diese. Unbewusst hat er durch den Mantel, den er sofort wieder los werden will, die Schuld übergezogen. Er registriert, dass er sich gerade in der gleichen Situation befindet, wie der neue Mann an der Seite seiner Frau. Er trägt die Kleidung eines anderen Mannes, ist in dessen Woh- nung und ihn Gesellschaft seiner Ehefrau.24 Dieser Andere kommt so gleich als Einbei- niger daher, der Beckmann anklagt, seinen Platz eingenommen zu haben.25 Außerdem erkennt die Hauptfigur den Mann wieder und eine schreckliche Wahrheit offenbart sich ihr. Der Einbeinige hat sein Bein durch den Befehl des Unteroffiziers Beckmann verlo- ren: „Sie halten ihren Posten unbedingt bis zum Schluss“26, befahl dieser. Daran erin- nert, schreit er heftig: „Das bin ich nicht! Das will ich nicht mehr sein. Ich will nicht mehr Beckmann sein!“27. Beckmann regiert in dieser Situation nicht anders seine Mit- menschen. Denen hatte er die Verdrängung der Geschehnisse zum Vorwurf gemacht. Es wird deutlich, dass auch Beckmann der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ausweicht und an gewisse Dinge nicht erinnert werden möchte.28 Er verdrängt sie und nachts kann er nicht schlafen, denn er wird von denen verfolgt, die unter seiner Verant- wortung starben oder verletzt wurden. Seine eigene Schuld lässt sich nicht so einfach abstreifen wie ein Mantel. Sie verfolgt ihn bis in den Schlaf.

4. Beckmanns Versuch, die Verantwortung abzugeben

Beckmann will infolgedessen die Verantwortung für den Befehl, durch den der Einbei- nige sein Bein verlor, an seinen Vorgesetzten zurückgeben. Im Gegensatz zu ihm, ist der zuständige Oberst längst wieder in seinem Lebensalltag angekommen. Er „wohnt in einem warmen Haus. In dieser Stadt, in jeder Stadt“29 und sitzt mit seiner Familie an einem gedeckten Tisch. Hier entsteht ein Gegensatz zwischen Beckmann, dem armen, mittellosen Unteroffizier und dem Oberst, dem immer braven Mann, der jetzt schon wieder von materiellem Wohlstand umgeben ist und „sein ganzes Leben nur seine Pflicht getan“30 hat.31 Diese Tatsache nimmt Beckmann so indirekt auch für sich ein, es ist sein Versuch sich von der Verantwortung los zu sagen.32 Zudem scheint es, als habe der Oberst aufgrund der Tatsache, dass er wohlhabend ist, ein höheres Maß an Schuld auf sich geladen. Beckmann im Umkehrschluss, da verarmt und heimatlos, weniger o- der gar überhaupt keine. Er stilisiert die Armut zum Beweis seiner Unschuld.33 Der Oberst ist immer noch ganz Soldat und in seinem Denken militärisch geprägt.

[...]


1 In dieser Arbeit beziehe ich mich auf die Ausgabe: Borchert, Wolfgang: Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. Hamburg 2012. Da die Erstausgabe hiervon im Januar 1956 mit Genehmigung des Rowohlt Verlags GmbH, Reinbek bei Hamburg veröffentlicht wurde.

2 Vgl. dazu Koller, Alexander: Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“. Zu den überzeitlichen Dimensionen eines Dramas. Marburg 2000, S. 17. Hier wird die Positionierung des Dramas in den zeitlichen Rahmen dargelegt.

3 Vgl. Burgess, Gordon J.A.: Wirklichkeit, Allegorie und Traum in „Draußen vor der Tür“: Beckmanns Weg zur Menschlichkeit. In: Wolfgang Borchert. Werk und Wirkung. Hrsg. von Rudolf Wolff. Bonn 1984 (= Sammlung Profile, Bd. 9), S. 58.

4 Ebd..

5 Ebd., S. 18f..

6 Vgl. Balzer, Bernd: Wolfgang Borchert: Draußen vor der Tür. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis des Dramas. Frankfurt am Main 1991, S. 24.

7 Vgl., Koller: Zu den überzeitlichen Dimensionen eines Dramas, S. 17.

8 Borchert: Draußen vor der Tür, S. 7.

9 Vgl. Burgess: Wirklichkeit, Allegorie und Traum, S. 58.

10 Borchert: Draußen vor der Tür, S. 15.

11 Vgl. ebd., S. 30.

12 Vgl. Mileck, Joseph: Wolfgang Borchert: „Draussen vor der Tür“: A Young Poet´s Struggle with Guilt and Despair. In: Monatshefte, Vol. 51, No. 7 (Dezember 1959), S. 333.

13 Borchert: Draußen vor der Tür, S. 11.

14 Ebd., S. 7.

15 Vgl. Burgess: Wirklichkeit, Allegorie und Traum, S. 62.

16 Vgl. Diekhans, Johannes/Graunke, Sandra: Wolfgang Borchert, Draußen vor der Tür. Paderborn 2007 (= Einfach Deutsch - Unterrichtsmodell), S. 45.

17 Vgl., Koller: Zu den überzeitlichen Dimensionen eines Dramas, S. 18f..

18 Borchert: Draußen vor der Tür, S. 8.

19 Ebd..

20 Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, S. 27.

21 Vgl. Borchert: Draußen vor der Tür, S. 17.

22 Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, ebd..

23 Borchert: Draußen vor der Tür, ebd..

24 Vgl. Balzer, Grundlagen und Gedanken, S.27.

25 Vgl. Borchert: Draußen vor der Tür, S. 18f..

26 Ebd., S. 19.

27 Ebd..

28 Vgl. Balzer: Grundlagen und Gedanken, ebd..

29 Borchert: Draußen vor der Tür, S.20.

30 Ebd..

31 Vgl. Balzer, Grundlagen und Gedanken, S. 28.

32 Vgl. ebd..

33 Vgl. ebd..

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Das Motiv der Schuld in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür"
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2013
Seiten
10
Katalognummer
V417967
ISBN (eBook)
9783668669451
ISBN (Buch)
9783668669468
Dateigröße
558 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Krieg, Borchert, Schuld, Draußen vor der Tür, Drama, Beckmann, Germanistik, Weltkrieg, Hausarbeit, Proseminar
Arbeit zitieren
Isabel Funke (Autor), 2013, Das Motiv der Schuld in Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/417967

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