Die Geschichte jüdischer Existenz in Frankfurt spiegelt sich in der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung und der von ihr unterhaltenen Klaus-Synagoge wider, welche Gegenstände der vorliegenden Arbeit sind. Eine ins 19. Jahrhundert zurückreichende Stiftungstradition, die auf einem kulturell-religiösen Erbe der frühen Neuzeit beruhte, fand unter der Herrschaft des Nationalsozialismus ihr jähes Ende. Besonders schmerzhaft ist die Auslöschung jüdischer Kultur in einer Stadt, die für deutsche Verhältnisse in besonderem Maße jüdisch geprägt war.
Gliederung
1. Einleitung
2. Vorgehensweise, Methode, Definitionen
3. Portrait einer Stiftung
4. Die Stiftung während der NS-Zeit
4.1 Das Stiftungswesen bis zu den Novemberpogromen 1938
4.2 Die Schlüsseljahre 1938 und 1939
4.2.1 Die Zwangsenteignung
4.2.2 Zwangsauflösung der Stiftung
4.2.3 Die Flucht der Mitglieder
5. Theoretische Reflexion: Enteignung als zentrales Element des Antisemitismus
6. Konsequenzen für den Stolperstein-Diskurs
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht anhand der Geschichte der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung exemplarisch die Zerstörung des jüdischen Stiftungswesens im Frankfurt der NS-Zeit. Das zentrale Ziel ist es, die Enteignung und zwangsweise Auflösung der Stiftung sowie die Emigration ihrer Vorstandsmitglieder unter Einbeziehung der Antisemitismustheorie von Moishe Postone zu rekonstruieren.
- Rekonstruktion der Geschichte der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung
- Analyse der Enteignungsprozesse im Kontext der NS-Ideologie
- Untersuchung der Handlungsspielräume jüdischer Vorstandsmitglieder
- Verbindung von historischer Einzelfallforschung mit dem Stolperstein-Diskurs
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Die Zwangsenteignung
Die "Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens" vom 3. Dezember 1938 wurde in Frankfurt innerhalb weniger Tage umgesetzt. Im Namen des Oberbürgermeisters ordnete das städtische Bauamt an, dass das Grundeigentum der Stiftung aufzugeben sei und der Erlös aus dem Verkauf in Wertpapiere angelegt werden solle. Am 08. Dezember erfolgte in einem Schreiben des Bauamtes an den für das Gebäude Ostendstraße 15 zuständigen Notar Dr. Jur. Hermann Kühlewein aus Frankfurt die "Genehmigung einer Grundstücksveräusserung aus jüdischem Besitz". Den "Kaufvertrag" vom 08. Dezember unterschrieben neben den "Käufern", den Eheleuten Betz, und dem Notar Kühlewein auch die Mitglieder des Vorstandes der Wertheimber'schen Stiftung Karl Mosbacher und Josef Wolf.
Die Synagoge samt zerstörter Inneneinrichtung wurde von dem Spediteur Reinhold Betz und seiner Ehefrau Antonie Betz zu einem Preis von 12.000 RM gekauft. Nach Abzügen verblieben davon 8.300 RM im Besitz der Stiftung. Geld, welches die Stiftung vor Ende des NS-Regimes nicht zurückerhielt, da sie auf sogenannten "Sperr- oder Sicherungskonten" verwahrt wurden, bis die Opfer der Enteignung emigriert oder ermordet waren. Jüdische Eigentümer konnten in der Regel nämlich "nicht frei über den Erlös aus dem Verkauf" verfügen. Der Einheitswert des Gebäudes hatte 1935 – wie im Kaufvertrag notiert worden war – noch 24.800 RM betragen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die jüdische Präsenz in Frankfurt vor 1933 und führt in die Geschichte der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung sowie die theoretische Perspektive des Antisemitismus ein.
2. Vorgehensweise, Methode, Definitionen: In diesem Kapitel werden das Quellenmaterial, das Ziel der Arbeit sowie die theoretischen Grundlagen zur Definition von "Arisierung" und Enteignung erläutert.
3. Portrait einer Stiftung: Das Kapitel zeichnet die Entstehung und den Zweck der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung nach, insbesondere im Hinblick auf die von ihr unterhaltene Klaus-Synagoge.
4. Die Stiftung während der NS-Zeit: Es werden die systematischeren Maßnahmen der NS-Behörden zur Gleichschaltung und Enteignung jüdischer Stiftungen bis zur Zerstörung im Zuge der Novemberpogrome 1938 und in den Folgejahren detailliert beschrieben.
5. Theoretische Reflexion: Enteignung als zentrales Element des Antisemitismus: Dieses Kapitel bettet die Enteignung in Moishe Postones Antisemitismustheorie ein und diskutiert die Vernichtungslogik des Nationalsozialismus.
6. Konsequenzen für den Stolperstein-Diskurs: Die Arbeit schließt mit einer kritischen Auseinandersetzung über die Bedeutung von Stolpersteinen als Form der Erinnerungskultur in Deutschland.
Schlüsselwörter
Jüdische Stiftungen, Frankfurt am Main, Zacharias Wertheimber'sche Stiftung, NS-Zeit, Arisierung, Enteignung, Moishe Postone, Antisemitismus, Nationalsozialismus, Klaus-Synagoge, Stolpersteine, Erinnerungskultur, Emigration, NS-Bürokratie, Novemberpogrome.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Geschichte der Zacharias Wertheimber'schen Stiftung in Frankfurt am Main zwischen 1933 und 1939 und analysiert, wie diese durch die nationalsozialistische Politik enteignet und aufgelöst wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zentrale Themen sind die Verfolgung jüdischer Institutionen in Frankfurt, die Mechanismen der "Arisierung", die Rolle des Antisemitismus im NS-Regime sowie Fragen der Erinnerungskultur.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, die Enteignung und Auflösung der Stiftung sowie die Emigration ihrer Vorstandsmitglieder zu rekonstruieren und diese unter Rückgriff auf die Antisemitismustheorie von Moishe Postone theoretisch einzuordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer akribischen Auswertung von Archivmaterial (Institut für Stadtgeschichte Frankfurt, Hessisches Hauptstaatsarchiv, International Tracing Service) und der Anwendung quellenkritischer Methoden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt chronologisch die Gleichschaltung der Stiftung, die antijüdischen Verordnungen, die Zwangsenteignung des Stiftungsgebäudes, die rechtliche Auflösung der Stiftung sowie die Fluchtgeschichte der Vorstandsmitglieder.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie "Arisierung", "Enteignung", "Jüdische Stiftungen", "Antisemitismus" und "Erinnerungskultur" charakterisiert.
Welche Rolle spielt das Gebäude in der Ostendstraße 15 für die Argumentation?
Das Gebäude dient als konkretes Fallbeispiel, anhand dessen die rassistisch motivierte Zwangsenteignung, die Zerstörung des jüdischen Gemeindelebens und das perfide bürokratische Vorgehen der NS-Behörden verdeutlicht werden.
Wie bewertet der Autor die Handlungsspielräume der Stiftungsvorstände?
Der Autor argumentiert, dass die Stiftungsmitglieder nicht bloß passive Opfer waren, sondern in ihren Handlungen – etwa durch informelle Schreiben oder den Versuch, das Stiftungsvermögen zu schützen – Akte passiven Widerstands und eine Nicht-Anerkennung der NS-Herrschaft zeigten.
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- Fedor Besseler (Author), 2015, Die Zacharias Wertheimber'sche Stiftung in Frankfurt am Main (1933-1939), Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418186