Algerien ist das mittlere der Maghreb-Länder und, mit einer Fläche über 6,5-mal so groß wie Deutschland, der größte Staat des afrikanischen Kontinents. Es grenzt an Marokko, Tunesien, Libyen, Niger, Mali, Mauretanien und die Westsahara. Die algerische Hauptstadt ist die am Mittelmeer gelegene Stadt Algier. Mit ca. 39,5 Millionen Einwohnern ist die Bevölkerungsdichte des Landes sehr gering. Der Name Algerien leitet sich aus dessen arabischer Bezeichnung al-ǧazāʾir ab und bedeutet „die Inseln“. Arabisch und Berberisch, die Sprache der Ureinwohner Nordafrikas, sind die offiziellen Amtssprachen des Landes. Doch noch eine dritte Sprache prägt die Sprachlandschaft Algeriens: Französisch. Aufgrund der Koexistenz dieser Sprachen ist in Bezug auf die Sprachsituation Algeriens oft von Diglossie oder Bilingualismus die Rede.
Ğamāl Laʿbīdī, Professor für Soziologie an der Universität Algier, ist ein Kritiker des fran-zösischen Sprachgebrauchs in Algerien. In seiner Vorlesung ʾiškāliyya al-luġa wa-t-tanmiya fī l-ǧazāʾir (Sprach- und Entwicklungsproblematik in Algerien) an der Algerischen Nationalbibliothek 2014 forderte er ein Ende der Zweisprachigkeit. Welche Probleme sieht er darin für die algerische Gesellschaft? Im ersten Teil der vorliegenden Arbeit soll zunächst ergründet werden, welche historischen Umstände zur heutigen Sprachsituation in Algerien führten, um im Anschluss einen Überblick über die gegenwärtige Lage zu geben. Ziel ist es, zu erörtern ob Diglossie bzw. Bilingualismus für die Algerier als Chance oder als Hindernis gesehen werden müssen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffsklärung
3. Sprachgeschichte
3.1 Arabisierung
3.2 Kolonialzeit
3.3 Unabhängigkeit
4. Bilingualismus
4.1 Die Rolle des Französischen
4.2 Die Rolle des Berberischen
5. Diglossie
5.1 Hocharabisch
5.2 Dialektarabisch
5.3 Sprachmischung / Frarabe
6. Chance oder Hindernis?
6.1 Das Problem der Diglossie
6.2 Reformvorschläge
6.3 Vorteile der Diglossie
6.4 Hindernisse durch Bilingualismus
6.5 Lösungsansätze
6.6 Chancen des Bilingualismus
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die komplexe sprachliche Situation in Algerien, die durch das gleichzeitige Bestehen von Diglossie und Bilingualismus geprägt ist. Ziel ist es, die historischen Entwicklungen sowie die gegenwärtige gesellschaftliche Bedeutung der verschiedenen Sprachen zu analysieren, um kritisch zu erörtern, ob diese Mehrsprachigkeit eine Bereicherung oder eine Barriere für die Entwicklung des Landes darstellt.
- Historische Genese der algerischen Sprachlandschaft (Arabisierung, Kolonialzeit, Unabhängigkeit).
- Analyse der Diglossie zwischen Hocharabisch und algerischen Dialekten.
- Die Rolle und der Status des Französischen sowie des Berberischen in der Gesellschaft.
- Phänomene der Sprachmischung (Frarabe) und deren gesellschaftliche Bewertung.
- Diskussion über Bildungsaspekte, soziale Aufstiegschancen und nationale Identität.
Auszug aus dem Buch
Sprachmischung / Frarabe
Je nach Sprecher und Sprechsituation variiert die Anzahl der Interferenzen aus dem Französischen. Da sich diese oft extrem häufen, kann behauptet werden, dass viele Algerier eine Mischsprache aus Arabisch und Französisch sprechen. Das Phänomen der Entstehung von Mischsprachen tritt häufig durch den intensiven Kontakt zwischen zwei Sprachen auf, so entstand in den Vereinigten Staaten beispielsweise das sogenannte Spanglish, eine Mischung aus Spanisch und Englisch. Vergleichbares lässt sich auch in Algerien beobachten.
Dort hat sich der Terminus Frarabe (Kombination der französischen Wörter français und arabe) als Bezeichnung für dieses sprachliche Phänomen durchgesetzt. Dabei wird nicht nur ʿāmmiyya, sondern auch fuṣḥā mit dem Französischen vermischt. Obwohl sich die Grenzen zwischen den Sprachen nicht konkret definieren lassen, geht Kühnel von einem Mischungsverhältnis von 50% Französisch, 40% Dialekt und 10% Hocharabisch aus. Neben intervallartigen Sprachwechseln (nach ein oder mehreren Sätzen) und Wechseln innerhalb eines Satzes, treten auch Wortmischungen auf, d.h. französische Wörter und Wortverbindungen werden phonetisch bzw. lexikalisch arabisiert. Beispiele für derartige Wechsel sind kunt fī la plage (Ich war am Strand) oder ḥammāl-bagage (Gepäckträger). Es ist allerdings schwer zu bestimmen, ob ein Sprecher den algerisch-arabischen Dialekt oder Frarabe gebraucht, da die Grenzen zwischen diesen beiden Sprachformen fließend sind.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die geografischen und demografischen Rahmenbedingungen Algeriens sowie Skizzierung der Problematik von Diglossie und Bilingualismus.
Begriffsklärung: Definition der zentralen Termini Bilingualismus und Diglossie basierend auf den Modellen von Fishman und Ferguson.
Sprachgeschichte: Untersuchung der historischen Etappen von der Arabisierung im 7. Jahrhundert über die französische Kolonialherrschaft bis hin zur postkolonialen Sprachpolitik nach der Unabhängigkeit.
Bilingualismus: Analyse der gesellschaftlichen Rolle des Französischen als Sprache des Fortschritts und des Berberischen als Ausdruck kultureller Identität.
Diglossie: Erläuterung des Spannungsfeldes zwischen dem prestigereichen Hocharabisch, den Dialekten und dem Phänomen der Sprachmischung (Frarabe).
Chance oder Hindernis?: Kritische Abwägung der Vor- und Nachteile von Diglossie und Bilingualismus hinsichtlich Bildung, sozialem Aufstieg und nationaler Einheit.
Fazit: Zusammenfassende Bewertung der sprachlichen Situation, die zwar für das Individuum vorteilhaft, für die Gesellschaft jedoch als problematisch identifiziert wird.
Schlüsselwörter
Algerien, Bilingualismus, Diglossie, Hocharabisch, Dialektarabisch, Französisch, Berberisch, Tamazight, Frarabe, Sprachpolitik, Kolonialismus, Identität, Soziolinguistik, Bildungssystem, Sprachmischung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die sprachliche Situation in Algerien, die durch eine komplexe Mehrsprachigkeit gekennzeichnet ist, in der sich historische und aktuelle gesellschaftliche Spannungen widerspiegeln.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Felder sind die historische Entwicklung der Sprachen, der soziolinguistische Status von Hocharabisch, Dialekten, Französisch und Berberisch sowie die Auswirkungen dieser Konstellation auf die Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, ob Diglossie und Bilingualismus in Algerien als Chance für die gesellschaftliche Entwicklung oder als Hindernis betrachtet werden müssen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literatur- und Quellenanalyse, die soziolinguistische Theorien auf den spezifischen algerischen Kontext anwendet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Einordnung, die detaillierte Analyse der einzelnen Sprachen und ihrer Funktionen sowie die kritische Diskussion der Vor- und Nachteile der aktuellen Sprachsituation.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Bilingualismus, Diglossie, Arabisierung, Französisch, Berberisch, Identität und Frarabe.
Welche Rolle spielt das Berberische heute in Algerien?
Das Berberische wird zunehmend als Ausdruck kultureller Identität wahrgenommen und ist seit der Verfassungsreform von 2016 offiziell anerkannt, obwohl es zuvor lange Zeit marginalisiert wurde.
Was ist mit dem Begriff "Frarabe" gemeint?
Frarabe bezeichnet ein Phänomen der Sprachmischung, bei dem arabische Dialekte sowie das Hocharabische intensiv mit dem Französischen kombiniert werden, oft in Form von Code-Switching.
Warum wird Französisch trotz seiner kolonialen Vergangenheit so stark genutzt?
Es dient als Sprache der Technik, Wissenschaft, Bildung und des internationalen sozialen Aufstiegs, was seine Attraktivität für große Teile der Bevölkerung, insbesondere für die jüngere Generation, erklärt.
Welches Fazit zieht der Autor zur Diglossie?
Die Diglossie wird als Belastung für das Bildungssystem und als Hindernis für die breite Bevölkerung bewertet, da die Diskrepanz zwischen Hochsprache und Alltagssprache den Zugang zu Wissen erschwert.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2016, Bilingualismus und Diglossie in Algerien. Chance oder Hindernis?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418206