Die Kriegsgefangenschaft aus der Perspektive des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" 1947–1955


Bachelorarbeit, 2015

35 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung - Themenwahl und Fragestellungen

2 Die Perspektive des SPIEGEL auf Kriegsgefangenschaft
2.1 Der Einsatz von Einzelschicksalen im SPIEGEL

3 Das Lagerleben der Kriegsgefangenen in alliierter Haft
3.1 Kriegsgefangene in westlichen Gefangenenlagern - USA, England und Frankreich
3.2 Kriegsgefangenschaft in östlichen Gefangenenlagern - Sowjetunion und Polen

4 Heimkehr aus Kriegsgefangenschaft
4.1 Integration ehemaliger Kriegsgefangener in die Gesellschaft der frühen Nachkriegszeit
4.2 Psychische und physische Folgen von Kriegsgefangenschaft

5 vermisste und zurückgebliebene Kriegsgefangen - eine Diskussion um Zahlen und Humanität

6 „Was der Mensch sät, das wird er ernten; wer auf das Fleisch sät, wird vom Fleisch das Verderben ernten.“ (Gal.6,7)

7 „Herr Bundeskanzler, denken Sie an unsere Kriegsgefangenen!“ - Die Reise Adenauers nach Moskau im Jahr

8 Wahrnehmung und Nichtwahrnehmung von Kriegsgefangenschaft im SPIEGEL - eine Zusammenfassung

9 Literaturverzeichnis

10 Anhang

Anhang 1
Anhang 2

1 Einleitung - Themenwahl und Fragestellungen

„Ein leidenschaftlicher Journalist kann kaum einen Artikel schreiben, ohne im Unterbewußtsein die Wirklichkeit ändern zu wollen.“[1]

Die frühe Nachkriegszeit war durch eine große Ungewissheit in der Gesellschaft geprägt. Modernität und Wirtschaftswunder der 1950er Jahre brachten einen bisher unbekannten wirtschaftlichen Wohlstand, der Wiederaufbau war nach den ´Trümmerjahren` in vollem Gange, ließ jedoch die Zerstörung durch den Zweiten Weltkrieg nicht ganz vergessen.[2] Die Stimmung in der Gesellschaft war durch die Unsicherheit über den eigenen sozialen Status, die ökonomische Versorgung, die politische Instabilität und sich verändernde gesellschaftliche Leitbilder nach dem verlorenen Krieg und der bedingungslosen Kapitulation geprägt.[3] Einige Themen schafften es jedoch, die Massen zu polarisieren. „Gefangenschaft und Heimkehr waren Themen, die in besonderer Weise Emotionen weckten.“[4] Diese massenhafte emotionale Ergriffenheit lässt sich auf der einen Hand darauf zurückführen, dass nach dem Krieg beinahe jeder Haushalt von der Kriegsgefangenschaft betroffen war. Noch 1950 fühlten sich 40% aller Befragten der Allensbacher Studie vom Diskurs der Kriegsgefangenschaft unmittelbar angesprochen.[5] Auf der anderen Seite ließ die Brisanz des Themas durch die vermissten Kriegsgefangenen in der Sowjetunion sowie die Härte und Dauer ihrer Gefangenschaft nicht nach. Auch wenn die meisten alliierten Gefangenen bis zum Jahresende 1948 repatriiert waren[6], wurde das Schicksal der in sowjetischer Gefangenschaft Zurückgebliebenen und Vermissten sowie die verspätete Rückführung von meist psychisch und physisch kranken Heimkehrern durch die Medien wachgehalten.[7] Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Thema Kriegsgefangenschaft in Zeitungen, Zeitschriften und Wochenschauberichten der frühen Nachkriegszeit eine große Resonanz fand.[8]

Die Betrachtung des Themas Kriegsgefangenschaft aus Perspektive einer Zeitschrift ist zweckmäßig, da sie im Gegensatz zu einer Zeitung nicht an tagesaktuelle Ereignisse gebunden ist, sondern an die Schwerpunktsetzung und die Interessen der Redaktionsgruppe.[9] Aktualität ist nicht maßgebendes Element einer Zeitschrift Xnd ermöglicht daher eine, vom tages- und weltpolitischen Geschehen unabhängige Analyse. Die Perspektive der Zeitschrift der SPIEGEL auf Kriegsgefangenschaft ist aus mehreren Gründen interessant und sinnvoll. Der SPIEGEL entstand aus dem Nachrichtenmagazin DIESE WOCHE und wurde durch Bemühungen John Seymour Chaloners, Henry Ormonds und Harry Bohrers 1947 in deutsche Hände, genauer gesagt in die Hände Rudolf Augsteins und weiteren, übergeben. Das Hauptanliegen bei der Gründung war es, ein Format für die demokratische Umerziehung der Massen zu schaffen. „Ein Nachrichtenmagazin fürs Volk müsse her“, um eine Breitenwirkung zu erzielen und nicht mehr nur Leitartikel für die intellektuelle Oberschicht zu schreiben.[10] Die Motivation Augsteins und der Redaktion, von denen einige nachweisbar eine nationalsozialistische Vergangenheit hatten, war es, ein kritisches Nachrichtenmagazin zu schaffen, welches die Wirklichkeit beschreibt und diese den Lesern als erklärende Story weitergibt. Hierbei soll der Gegensatz zur Propaganda des Dritten Reichs, mit der die meisten aufgewachsen waren, deutlich werden, „damit die Geschichte sich nicht wiederholt“.[11] Nach Auseinandersetzungen mit der britischen Besatzungsmacht, wegen öffentlicher Kritik Augsteins gegen diese, wird das Magazin in deutsche Hände übergeben und sieht sich in ihrer Selbstdefinition als „Sturmgeschütz der Demokratie“ bestätigt.[12] Augstein beschreibt die politische Ausrichtung als „im Zweifel liberal“, während der Journalist Lutz Hachmeister den SPIEGEL eher in die linksliberale Richtung einordnet.[13] Trotz des thematischen Schwerpunkts ´Politik`, betrachtet das Nachrichtenmagazin sich in den 1950er Jahren also als ein unabhängiges, investigatives Instrument der Demokratie, welches politisch meinungsbildend agiert und niemandem verpflichtet ist.[14] Dies ist die klare Abgrenzung zu Zeitschriften wie dem Stern, der Revue oder der Quick, welche eher den Illustrierten zugeordnet werden müssen als einem seriösen und politischen Journalismus.[15] Zudem ist der SPIEGEL das erste Nachrichtenmagazin der Bundesrepublik und belegt daher eine Sonderstellung. Dies wird auch durch die rasant steigenden Auflagenzahlen deutlich. Die Betrachtung dieser ist von Bedeutung, da das Beeinflussungspotenzial des Magazins nicht direkt messbar ist, jedoch durch die freiwillige Nutzung eine Tendenz deutlich wird.[16] Nachdem der SPIEGEL 1947 noch mit einer Auflage von 15.000 Stück veröffentlicht wurde, steigerte das Magazin diese in den 50er Jahren um mehr als das Dreifache, während sich der gesamte Zeitschriftenverkauf nur verdoppelte.[17] [18] „DER SPIEGEL wuchs zur bedeutendsten Publikation in den drei Westzonen heran; selbst in der Sowjetzone […] wurde sie heimlich gelesen.“[19] Soll nun die Perspektive von Printmedien der Nachkriegszeit auf Kriegsgefangenschaft untersucht werden, liegt es nahe, dies tagespolitisch unabhängig, also mittels Zeitschriften zu tun. Die besondere Stellung des SPIEGEL unter den Zeitschriften der Nachkriegszeit, die Auflagezahlen, sowie die gesetzte Agenda der investigativen Journalisten des politischen und unabhängigen SPIEGEL macht es naheliegend, Kriegsgefangenschaft aus Perspektive des Nachrichtenmagazins der SPIEGEL zu betrachten.

Eine zeitliche Eingrenzung geschieht automatisch durch zwei Ereignisse. 1947 wurde der Spiegel gegründet und machte sich von der britischen Besatzungsmacht unabhängig. Eine Analyse kann also folglich erst ab diesem Zeitpunkt geschehen. Die Reise Adenauers nach Moskau im September 1955 und die „Heimkehr der 10.000“ im selben Jahr markierten einen Schlussstein in der Debatte um die Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs in der Bundesrepublik.[20] Alle Artikel, die zwischen dem 1.1.1947 und dem 31.12.1955 im Archiv des SPIEGEL unter den Stichworten Kriegsgefangener, Heimkehr, POW und PW[21] erschienen waren, finden Eingang in die Analyse, wenn ihr Themenschwerpunkt die Kriegsgefangenschaft ist. Dies ist nicht der Fall, wenn die Stichworte nur eine einmalige Nennung erfahren und nicht mit dem Inhalt des Artikels in direktem Zusammenhang stehen.

Worüber schreibt also ein leidenschaftlicher Journalist des SPIEGEL, wie ihn Augstein beschreibt, in seinen Artikeln über Kriegsgefangenschaft? Welche inhaltlichen Schwerpunkte setzte die Redaktion des SPIEGEL in ihrer Berichterstattung über Kriegsgefangenschaft und welche Perspektive wird dem Leser damit vermittelt? Verändert dieses vermittelte Bild die Wirklichkeit der damaligen Gesellschaft durch Aufklärung und kann es investigativem Journalismus zugeschrieben werden oder ordnen sich die Artikel in die Fülle der damaligen wissenschaftlichen Berichte, Romane und Medien ein? Ziel ist es, Tendenzen, Haltungen und Richtung der Berichterstattung des SPIEGEL zwischen 1947 und 1955 über Kriegsgefangenschaft und Heimkehr zu umreißen und in gesellschaftlich wie wissenschaftlichen Kontext einzuordnen und zu werten, der sich an die Selben zeitlichen Grenzen hält. Maßgebend sind die Berichte Helmut Bohns aus den Jahren 1951 und 1954 über sowjetische Kriegsgefangene und deren Heimkehr, sowie Kurt Gaugers Veröffentlichung von 1952. Das Wissen der Bevölkerung über Kriegsgefangenschaft kann durch Aufzeichnungen Birgit Schwelling über den Verband der Heimkehrer , sowie mehrere Werke ehemaliger Kriegsgefangener wie Helmut Gollwitzer, Assi Hahn, Walter Kolbenhoff und nicht zu vergessen Wolfgang Borchert, ermittelt werden. Auffällig ist, dass die damaligen Werke über amerikanische, britische wie französische Gefangenschaft bei weitem rarer ausfallen, als die wissenschaftlichen sowie literarischen Werke über sowjetische Gefangenschaft. Diese Diskrepanz wird erst durch spätere Forschung wettgemacht und ist in zeitgenössischer, wissenschaftlicher Literatur, wie zum Beispiel von Elena Aggazi, James Baques, Michale Borchard, Rüdiger Overmas oder auch Arthur Smith, nicht mehr bemerkbar.[22]

Die Perspektive des SPIEGEL auf Kriegsgefangenschaft

Wird die Berichterstattung einer Zeitschrift analysiert, müssen auch publikationswissenschaftliche Aspekte angesprochen werden. Gerade das Thema Kriegsgefangenschaft und die damit verbundene Heimkehr dieser bietet großes Potenzial die Leser betroffen und emotional zu machen, im Besonderen durch die Personalisierung des Leids sowie die Darstellung von Einzelschicksalen. Diese Emotionalität und hohe Betroffenheit der Gesellschaft wurde aktiv von der Redaktion genutzt und muss bei der Analyse bedacht werden. Die Themenauswahl durch die Redaktion ist Zwängen, wie der Selektion unterworfen. Es wird berichtet, worauf die Leser warten, worauf niemand gewartet hat oder auch was eine Scheinrealität heuchelt. Nur durch plötzliche Veränderungen, Unerwartetes oder Regelwidriges hat ein Ereignis die Chance, in das Blickfeld der Öffentlichkeit zu gelangen.[23] Der SPIEGEL war in seiner Berichterstattung immer von gesellschaftlichen Ereignissen sowie politischen Diskursen der frühen Nachkriegszeit abhängig und prägte dadurch in wechselseitiger Abhängigkeit die Gesellschaft und die Wahrnehmung der Leser auf Kriegsgefangenschaft.[24] Wünsche, Hoffnung und Furcht der Gesellschaft wurden wahrgenommen, durch Berichterstattung bestätigt, geschürt oder gelindert und hatte somit Anteil an der Entwicklung der Gesellschaft der frühen Nachkriegszeit.

Um die Perspektivität des SPIEGEL auf Kriegsgefangenschaft einschätzen zu können, ist es elementar, den damaligen Wissenstand der Bevölkerung über Kriegsgefangenschaft und Heimkehr durch die Analyse wissenschaftlicher Arbeiten der Zeit, Heimkehrerberichten oder prosaischen Ausführungen zu erfassen. Wichtig ist es hierbei, zu erfassen, ob, in welcher zeitlichen Beziehung und welchem inhaltlichem Umfang der SPIEGEL diese Themen anspricht.

Verschiedene inhaltliche Schwerpunkte über Kriegsgefangenschaft in der frühen Nachkriegszeit sind dabei zu beobachten. Helmut Bohns geschichtswissenschaftliche Ausführungen von 1951 und 1954 sprechen nicht nur eine klare Sprache im Bezug zu Lagerverhältnissen, Massenverurteilungen zu Kriegsverbrechern und die Heimkehr psychisch wie physisch durch Gefangenschaft und Misshandlung Versehrter in die Bundesrepublik, sondern stellen einen Bezug zu der völkerrechtlichen Grundlage für den Umgang mit Kriegsgefangenen, die Genfer Konventionen von 1929 her.[25] Spätestens ab diesem Zeitpunkt können diese Fakten als allgemein bekannt gelten. Im Bezug zu Heimkehrerberichten und lyrisch, wie prosaischen Ausführungen ist bekannt, dass nur sechs Prozent der circa 10.000 Berichte im ersten Jahr nach der Heimkehr geschrieben und veröffentlicht wurden. Die meisten Werke wurden 20 - 30 Jahre später veröffentlicht und erklären den großen Fortschritt in der Kriegsgefangenenforschung ab der 1970er Jahre. Auch muss kritisch bemerkt werden, dass die meisten Berichte von Offizieren geschrieben sind und daher die Erfahrungen der Mannschaft nicht repräsentativ veröffentlicht wurden.[26] Die inhaltlichen Schwerpunkte, die durch Werke von Peter Suhrkamp, die Arbeitsgemeinschaft „Stacheldraht - Hunger - Heimweh“, Wolfgang Borchert, Walter Kolbenhoff, Heinrich von Einsiedel, Assi Hahn und Helmut Gollwitzer oder auch den Verband der Heimkehrer gesetzt wurden, sind einmal ganz klar das Leben im Gefangenenlager, größtenteils in sowjetischer Gefangenschaft. Dazu zählt auch die politische Umerziehung in diesen, bezogen auf das Nationalkomitee Freies Deutschland[27] und seinen Gegnern, den sogenannten Faschisten. Nach den Lagererlebnissen wird sehr ausführlich über die Heimkehr berichtet. Hierbei spielt im Besonderen die Bewältigung der neuen Realität, der neu gewonnen Freiheit, der gewandelten Gesellschaft nach einem verlorenen Krieg sowie die Integration in diese eine Rolle. Die psychischen und physischen Folgen der Gefangenschaft werden in vielen Werken, zum Beispiel Wolfang Borcherts „Draußen vor der Tür“ oder auch Kurt Gaugers Ausführungen über Dystrophie von 1952, angesprochen. In den meisten Berichten ist ein Apell, die Zurückgebliebenen Gefangenen nicht zu vergessen und für deren Freilassung einzutreten, angefügt. Ergänzend zu der Perp (NOTWENDIG??) Von denen über 90 veröffentlichten Artikeln des SPIEGEL mit den Stichworten Kriegsgefangener, Heimkehr, POW und PW, können 78 als relevant eingestuft werden. Davon wurden die meisten in den Jahren 1947, 1949 und 1955 veröffentlicht.[28] Die Flut an Berichten über das Lagerleben als Kriegsgefangener 1947 kann damit erklärt werden, dass in diese Zeit die meisten Entlassungen fallen. Die meisten der circa 11 Millionen alliierten Gefangenen wurden im Jahr 1947 aus amerikanischer und britischer Gefangenschaft repatriiert. Frankreich zögerte die Entlassung wegen Arbeitskräftemangel und der Begründung von Reparationsarbeit noch bis Anfang 1949 hinaus.[29] Die Zahlen der zu dieser Zeit noch in sowjetischer Gefangenschaft befindlichen ist nicht genau zu bestimmen, sicher ist jedoch, dass die Sowjetunion nicht die vollständige Zahl der Gefangenen bis Ende 1948 heimführte, weswegen in späteren Berichten das Schicksal der sowjetischen Gefangenen überwog. 1947 ist der Diskurs im SPIEGLE auch durch Heimkehrerthemen und die Diskussion über die Zurückgebliebenen bestimmt. Durch die Serie „ Ich bitte erschossen zu werden“ von 1949 nimmt die Berichterstattung im Vergleich zu 1948 wieder zu. Die Diskussion um politische Umerziehung in den sowjetischen Lagern nahm viel Aufmerksamkeit im SPIEGEL ein. Auch wurde nun zunehmend über die Integration der Heimgekehrten in die Gesellschaft berichtet. Trotz der TASS - Meldung vom 04.05.1950, dass die Sowjetunion keine Kriegsgefangenen mehr gefangen hält, und des großen Aufschreis in der Bevölkerung, hält der SPIEGEL sich in diesem Jahr sehr zurück. Der Trend des abnehmenden Interesses ist auch in den Jahren 1951 bis 1954 zu beobachten und wird auch durch den Verband der Heimkehrer bestätigt, die durch den Tag der Kriegsgefangenen, Wanderausstellungen und politische Bildungsarbeit versuchten dieser Entwicklung entgegen zu wirken.[30] Erst im Jahr 1955 mit der Reise Adenauers nach Moskau rückte das Thema der Kriegsgefangenen und Zurückgebliebenen zunehmend wieder in das Blickfeld der Medien, so auch beim SPIEGEL.

Der Einsatz von Einzelschicksalen in SPIEGEL

Emotionalität und Identifikation der Leser kann effektiv durch die Darstellung von Einzelschicksalen hervorgerufen werden. Diese stehen oft exemplarisch für einen komplexeren Themenschwerpunkt, stellen jedoch einen sehr eingängigen Zugang zum Thema dar. Jeder inhaltliche Schwerpunkt wurde auch durch ein Einzelschicksal dargestellt, wie zum Beispiel der Bericht Walter Holzhausens vom 26.6.1948 über das Lagerleben in sowjetischer Gefangenschaft[31] oder auch die Serie „Ich bitte erschossen zu werden“ von Philipp Humbert ab dem 29.1.1949.[32] Die Perspektive auf den Heimtransport und die Integration nach der Heimkehr wurde durch Berichte über Werner Bertelsens oder Hans Bebaks Flucht, Günter Rachows Union ehemaliger deutscher Kriegsgefangener in England oder Emil Grasl Empörung wegen verweigerter Zuzugsberechtigung illustriert.[33] Die Debatte über die Zurückgebliebenen Gefangenen in der Sowjetunion wurde durch Berichte über Martin Niemöllers Reise nach Moskau und Bischof Dibeluis Versuch einer Reise nach Moskau, um Gespräche über den Verbleib der Vermissten zu führen, die Reise Heinemanns nach Moskau und die daraufhin empfohlenen Handlungsmöglichkeiten, Informationen über den Verbleib der Angehörigen zu erhalten, sowie der Zweifel Dr. Kurt Schumachers an der, von der SED veröffentlichten Zahl der Zurückgebliebenen, angeführt.[34] Besonders beim Thema der Kriegsverbrechen, am Beispiel der vier Feldmarschälle aus England[35] und Kameradenschindereien wird nur durch Einzelschicksale informiert, ausgenommen einer kurzen Diskussion über die Notwendigkeit der Entnazifizierung von Spätheimkehrern im Jahr 1953.[36]

Das berichten mit Hilfe von Einzelschicksalen zur Darstellung eines komplexeren Themas ist keine Errungenschaft des SPIEGELS, auch wenn der SPIEGEL es sich zur Aufgabe gemacht hat, abstrakte politische Vorgänge mit Hilfe einer genauen und exemplarischen Beschreibung der handelnden Personen zu verdeutlichen.[37] Bis 1953 wurden circa 25 Bücher über sowjetische Kriegsgefangenschaft veröffentlicht, die meisten in Form von Erlebnisberichten ehemaliger Gefangener, allen voran Gollwitzers „…und führen, wohin du nicht willst“ von 1951, sowie Assi Hahns und von Einsiedels Berichte über sowjetische Gefangenschaft von 1950 und 1951. Jedoch muss bemerkt werden, dass die hier genannten Werke zeitlich nach den Berichten des SPIEGEL erschienen sind. Auffällig wird dies besonders durch die Serie von Philipp Humbert über die politische Umerziehung in sowjetischer Gefangenschaft durch das NKFD. Entsprechende Berichte von Hahn und von Einsiedel wurden erst ein Jahr später veröffentlicht. Über diese beiden Werke und die dadurch entstandene Diskussion über politische Positionen und Umerziehung in Gefangenenlagern berichtete der SPIEGEL[38] am 12.12.1951 in der Nummer 50. Auch im Bezug zu Gollwitzers Werk, welches die größte Verbreitung aller Berichte über Gefangenschaft inne hatte, und Helmut Bohns Arbeiten muss bemerkt werden, dass der SPIEGEL schon vor der Veröffentlichung dieser von den Lagerverhältnissen in der Sowjetunion berichtete und die Berichte rückblickend übereinstimmen.[39] Daher kann darauf geschlossen werden, dass der SPIEGEL mit Hilfe der Darstellung von Einzelschicksalen fortschrittlich und investigativ berichtete. Die Redaktion hat in einigen Themenbereichen durch die Auswahl von Berichte eine Perspektive auf Kriegsgefangenschaft offenbarte, die sich retrospektiv durch unabhängige Erlebnisberichte bestätigt hat.

Das Lagerleben der Kriegsgefangen in alliierter Haft

Viele der fast 80 Artikel, die vom SPIEGEL zwischen 1947 und 1955 über Kriegsgefangenschaft und Heimkehr veröffentlicht wurden, bedienen mehrere inhaltliche Themenfelder, wie Heimkehr und Heimtransport, die Integration in die Gesellschaft sowie die Debatte um die zurückgebliebenen Gefangenen. Fast die Hälfte davon klären über das Leben in den Gefangenenlagern auf, wobei auch hier bemerkt werden muss, dass Berichte über sowjetische Lager überwiegen. Dies deckt sich mit der im gleichen Zeitraum veröffentlichten Literatur über Kriegsgefangenschaft. Die einzigen beiden Serien über Kriegsgefangenschaft im SPIEGEL behandeln das Thema des Lagerlebens, von Gefangennahme, Zuständen im Lager und die Charakterisierung verschiedener Personengruppen im Lager. Dabei handelt es sich um den schon erwähnten Berichte des Offiziers Philipp Humbert[40] und die Serie „Sie haben etwas gut zu machen“ von 1951, einem Tatsachenbericht vom Einsatz der Strafsoldaten, um die großen Probleme beim Zusammentreffen von Gefangenen des Strafbataillons 999 und gefangenengenommenen Soldaten mit faschistischer Gesinnung.[41]

[...]


1 http://www.zitate.de/kategorie/Journalist?page=2, letzter Zugriff 4.11.2015; Zitat Augstein, Rudolf; Datum: unbekannt

2 Vgl. Schild, Axel/ Siegfried, Detlef: Deutsche Kulturgeschichte. Die Bundesrepublik 1945 bis zur Gegenwart. München 2009, S. 95

3 Vgl. Schild, Axel: Moderne Zeiten: Massenmedien und „Zeitgeist“ in der Bundesrepublik der 50er Jahre. Hamburg 1995, S. 306

4 Stolle, Michael: Das Wunder von Friedland. In: Rundfunk und Geschichte. Jg. 31. 2005. Nr. H ¾, S. 22

5 Vgl. Schütz, Erhard, In: Agazzi, Elena/Schütz, Erhard (Hrsg.): Heimkehr: eine zentrale Kategorie der Nachkriegszeit. Geschichte, Literatur und Medien. Berlin 2010, S. 101

6 Vgl. Bohn, Helmut: Die Letzten. Was wurde und was wird aus den deutschen Gefangenen in Sowjetrussland und den anderen Ostblockstaaten? Köln 1954, S. 82/ Borchard, Michael: Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Zur politischen Bedeutung der Kriegsgefangenenfrage 1949 - 1955. Düsseldorf 2000, S. 33ff.

7 Vgl. Schwelling, Birgit: Heimkehr - Erinnerung - Integration. Der Verband der Heimkehrer, die ehemaligen Kriegsgefangenen und die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Paderborn 2010, S. 14

8 Vgl. Stolle 2005, S. 20

9 Viele Artikel in Zeitschriften er 50er Jahre, so auch im SPIEGEL, wurden unter Kürzeln oder von Redaktionsgruppen veröffentlicht und sind daher nicht einzelnen Journalisten zu zuordnen.

10 Brawand, Leo: Der Spiegel- Ein Besatzungskind. Wie die Pressefreiheit nach Deutschland kam. Hamburg 2007, S. 95

11 Brawand 2007, S. 146/ Vgl. Jaene, Hans - Dieter: Der Spiegel. Ein deutsches Nachrichten - Magazin. Hamburg 1968, S. 12

12 Vgl. Brawand 2007, S. 131

13 Vgl. Brawand 2007, S. 148/ Hachmeister, Lutz/ Siering, Friedemann (Hrsg.): Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. München 2002, S. 12

14 Vgl. http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/Navigation/440FBE98BAF7E2F8C1256FD50044 06DD?OpenDocument, letzter Zugriff 28.9.15

15 Vgl. Faulstich, Werner: Die Mediengeschichte des 20. Jahrhunderts. München 2012, S. 214

16 Vgl. Stolle 2005, S. 21

17 Vgl. Schild 2009, S. 112

18 Genaue Zahlen siehe Anhang 1

19 Brawand 2007, S. 189

20 Vgl. Borchard 2000, S. 253ff.

21 POW und PW sind gebräuchliche Abkürzungen für ´prisoner of war` in amerikanischer oder britischer Gefangenschaft. In französischen Lagern wurden die Deutschen oft ´prisonnier de guerre`, in sowjetischen ´Plennies` genannt. Jedoch waren diese Bezeichnungen in den Medien nicht sehr gebräuchlich. [Anmerkung Tabea Leu]

22 Vgl. Stolle 2005, S. 22

23 Vgl. Schneider, Wolf( Hrsg.): Unsere tägliche Desinformation. Wie die Massenmedien uns in die Irre führen. Hamburg 1984, S. 10ff.

24 Vgl. Schildt, Axel: Medialisierung und Konsumgesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Band 12. SBR - Schriften. Bochum 2004, S. 9

25 Vgl. Bohn, Helmut: Die Heimkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft. Frankfurt/ Main 1951, S. 11f

26 Vgl. Smith, Arthur: Die „vermißte Million“. Zum Schicksal deutscher Kriegsgefangener nach dem Zweiten Weltkrieg. Schriftreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. München 1992, S. 14

27 Im weiteren Verlauf als NKFD abgekürzt

28 Eine genaue Aufzeichnung der Aufteilung siehe Anhang 2

29 Vgl. Overmans, Rüdiger: Soldaten hinter Stacheldraht. Deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs. Berlin 2000, S. 256ff

30 Vgl. Schwelling 2010, S. 39

31 Vgl. SPIEGEL 26.6.1948, Nr. 26, S. 16

32 Vgl. SPIEGEL 29.1.1949, Nr. 5-11

33 Vgl. SPIEGEL 18.9.1948, Nr. 38, S. 9/ SPIEGEL 3.1.1951, Nr.1, S. 11/ SPIEGEL 22.5.1948, Nr. 21, S. 7/ SPIEGEL 21.12.1955, Nr. 52, S. 16

34 Vgl. SPIEGEL 9.1.1952, Nr. 2, S. 27/ SPIEGEL 26.11.1952, Nr. 48, S. 5/ SPIEGEL 20.10.1054, Nr. 43, S. 3/ SPIEGEL 29.3.1947, Nr. 13, S. 6

35 Vgl. SPIEGEL 11.9.1948, Nr. 37, S. 6/ SPIEGEL 25.8.1949, Nr. 35, S. 20

36 Vgl. SPIEGEL 14.10.1953, Nr. 42, S. 8

37 Vgl. Jaene 1968, S. 13

38 Vgl. SPIEGEL 12.12.1951, Nr. 50, S. 8

39 Vgl. Bohn 1954, S. 101/ Schütz, in: Agazzi 2010,S. 96

40 Vgl. SPIEGEL ab dem 29.1.1949, Nr. 5-11

41 Vgl. SPIEGEL ab dem 21.3.1951, Nr. 12/13 (Ausschnitt aus der Serie)

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Kriegsgefangenschaft aus der Perspektive des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" 1947–1955
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V418413
ISBN (eBook)
9783668675599
ISBN (Buch)
9783668675605
Dateigröße
703 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriegsgefangenschaft, Spiegel Nachrichtenmagazin Nachkriegszeit
Arbeit zitieren
Tabea Leu (Autor:in), 2015, Die Kriegsgefangenschaft aus der Perspektive des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" 1947–1955, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418413

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