Musikalische Sozialisation in der Familie


Hausarbeit, 2016

18 Seiten, Note: 1,7

Hermann Fuchs (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung.

2. Sozialisation..
2.1 Allgemeine Definition.
2.2 Abgrenzung zu Erziehung und Entwicklung..
2.2.1 Erziehung
2.2.2 Entwicklung
2.3 Überblick zu ausgewählten soziologischen Sozialisationstheorien .
2.3.1 Émile Durkheim.
2.3.2 Georg Simmel.
2.3.3 Talcott Parsons
2.3.4 Klaus Hurrelmann..

3. Musikalische Sozialisation in der Familie..
3.1 Musikalische Sozialisation
3.2 Die Familie als Sozialisationsinstanz..
3.3 Die Bedeutung der Familie für die musikalische Sozialisation..
3.3.1 Interesse und Instrumentalspiel
3.3.2 Die Ausbildung musikalischer Vorlieben.
3.3.3 Der soziokulturelle Status der Familie.

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Wie kommt die ‚Welt‘ in das Individuum?“ (Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 13)

Dieses Zitat beschreibt die bedeutsamste Fragestellung der Sozialisationsforschung. Welche Einflussfaktoren bestimmen die Entwicklung des Menschen zu einem sozialen Wesen? Was ermöglicht eine „soziale Ordnung“ (ebd.)?

In dieser Arbeit soll die Frage vor dem Hintergrund der Thematik ‚Musikalische Sozialisation‘ etwas abgewandelt behandelt werden. Sie soll nämlich lauten: „Wie kommt die ‚Musik‘ in das Individuum und welche Bedeutung kommt dabei dem familiären Umfeld zu?“

Zuerst wird der Begriff „Sozialisation“ erklärt und von den verwandten Begrif- fen Erziehung und Entwicklung abgegrenzt. Hierbei wird von einem alltags- sprachlichen Sozialisationsbegriff ausgegangen, um ihn anschließend mit wich- tigen sozialisationstheoretischen Zusammenhängen zu ergänzen. Es folgt ein kurzer Überblick über einige ausgewählte soziologische Sozialisati- onstheorien.

Anschließend wird sich die Arbeit der Definition von musikalischer Sozialisation und der Familie als Sozialisationsinstanz widmen, bevor die Bedeutung der Familie für die musikalische Sozialisation untersucht wird. Die Betrachtung beschäftigt sich dabei mit drei Dimensionen, die für die innenfamiliäre musikalische Sozialisation verantwortlich sind.

Im Rahmen dieser Untersuchung wurden Sekundärquellen benutzt, die die Ergebnisse von entsprechenden Studien zusammenfassen und diskutieren.

2. Sozialisation

2.1 Allgemeine Definition

Fast alle soziologischen Theorien beschäftigen sich auch mit dem Begriff der Sozialisation und machen ihn damit zu einem der wichtigsten theoretischen Konzepte der Soziologie.

Im Volksmund wie auch in alltagssprachlicher Verwendung oder gängiger Kon- versationslexika wird Sozialisation als ein „[Prozess der] Einordnung des (her- anwachsenden) Individuums in die Gesellschaft und die damit verbundene Übernahme gesellschaftlich bedingter Verhaltensweisen durch das Individu- um“ (Dudenredaktion 2003: S. 1474) definiert. Doch diese Definition greift etwas zu kurz. Sie vernachlässigt die Bedeutung des gesellschaftlichen Um- felds für die Persönlichkeitsentwicklung, welche diese prägt, aber auch reziprok von ihr geprägt wird (vgl. Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 15). Des Weite- ren wird in der unszientifischen Kurzdefinition übersprungen, dass der Mensch sich nicht nur in die Gesellschaft einordnet, sondern auch in die Kultur inte- griert wird und so seine „soziale und personale Identität“ (Neuhoff/de la Mot- te-Haber 2007: S. 389) gestaltet. Die wichtigsten Aspekte der Sozialisation sind der Transfer von Werten und Normen (vgl. ebd.), die Ausbildung der so- zialen „Integrations- und Partizipationsmöglichkeiten“ (Niederbacher/Zim- mermann 2011: S. 15), d.h. die Fähigkeit zur Teilnahme am gesellschaftlichen Leben und die Fähigkeit, dieses auch mitzugestalten und die Ausbildung des inneren Ich. Die Sozialisationsforschung untersucht auf Grundlage dieser The- sen die Voraussetzungen für den Ablauf von Sozialisationsprozessen. „Im Zen- trum steht […] die disziplinenübergreifende Erforschung von individuellen Entwicklungsprozessen in wechselseitiger Interdependenz mit sozialen und materiellen Umwelten, die sich durch das Zusammenleben von Menschen konstituieren, reproduzieren und stetig wandeln“ (Hurrelmann et. al. 2008: S. 14). Im Allgemeinen wird in zwei Phasen der Sozialisation unterschieden: primäre und sekundäre Sozialisation.

Primäre Sozialisation findet in der Kindheit statt und betrifft die o.g. „Übernahme gesellschaftlich[er] […] Verhaltensweisen“ (Dudenredaktion 2003: S. 1474). Sie beschreibt damit den Prozess, in dem das Kind zu einem „sozial handlungsfähigen Mitglied der Gesellschaft und Kultur“ (Neuhoff/de la MotteHaber 2007: S. 389) wird.

Die sekundäre Sozialisation ist ein ab diesem Zeitpunkt lebenslang anhaltender Vorgang, der den Charakter des Individuums modifiziert. In dieser Phase findet auch eine Veränderung und Neuorientierung bezüglich Bezugspersonen und Sozialisationsinstanzen statt, die Neuhoff und de la Motte-Haber als „Enkulturation“ (ebd.) bezeichnen. Sekundäre Sozialisation geht auch mit Wissenserwerb einher und findet deshalb vor allem in speziell dafür geschaffenen Institutionen (Schulen) statt (vgl. Abels/König 2010: S. 183).

Eine neuere Definition von Sozialisation legt außerdem darauf Wert, dass sich der Mensch lebenslang mit seinen natürlichen physischen und psychischen An- lagen sowie der gesellschaftlichen und materiellen Umwelt auseinandersetzt. Diese werden auch als innere und äußere Realität bezeichnet. (vgl. Hurrelmann 2006: S. 15f.)

2.2 Abgrenzung zu Erziehung und Entwicklung

Die Begriffe Erziehung und Entwicklung stehen in engem Zusammenhang mit dem Begriff der Sozialisation. Beide sind Bestandteile der Sozialisation und üben vor allem eine „Selektionsfunktion“ (Grundmann 2011: S. 64) aus. Somit konkretisieren diese Begriffe den großen, unpräzisen (weil alltagssprachlichen)

Begriff Sozialisation. Dennoch gibt es Unterschiede, die die Sozialisation von den anderen Begriffen abhebt. Diese sollen hier kurz erläutert werden, um der Gefahr aus dem Weg zu gehen, Erziehung und Entwicklung als Synonyme für Sozialisation zu gebrauchen.

2.2.1 Erziehung

Erziehung ist als Teil von Sozialisation zu verstehen. Erziehung ist zwar nicht „gleich Sozialisation, aber Sozialisation ist unter anderem durch Erziehung möglich“. (Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 14)

Während Sozialisation alle Veränderungen der Persönlichkeit einschließt, peilt die Erziehung genau definierte Ziele an und versucht diese durch absichtsvolle, zwischenmenschliche Handlungen zu erreichen. Es findet also kein wechselseitiger Prozess statt, sondern vielmehr eine Einwirkung einer meist höher gestellten Person (Eltern, Pädagogen) auf den Educanden. (vgl. Hurrelmann 2006: S. 17; Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 13f.)

Erziehung ist meist auf einen bestimmten Zeitraum - das Kindheits- und Jugendalter - beschränkt, während Sozialisation während der gesamten Lebensspanne stattfinden kann. (vgl. Hurrelmann 2006: S. 17)

2.2.2 Entwicklung

Reifung bezeichnet einen Prozess, bei dem das Individuum ein „optimales Maß von Verhaltenssicherheit und sozialer Orientierung“ (Hurrelmann 2006: S. 18) erlangt, während beim Lernen die „erfahrungsabhängigen Komponenten der Entwicklung“ (Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 14) im Mittelpunkt ste- hen. Der Begriff Entwicklung schließt Reifung und Lernen ein. Im Gegensatz zum Sozialisationsprozess kann man den Entwicklungsprozess in Phasen oder Stufen unterteilen, da die Ausbildung von „grundlegenden Eigenschaften […] (z.B. Wachstum, Motorik, Sprache, logische Operationen usw.)“ (ebd.) die zen- tralen Zielsetzungen der Entwicklung sind. Reife wird auch als „gelungene […] Sozialisation“ (Hurrelmann 2006: S. 17) verstanden, was auch zeigt, dass Sozialisation auch am Entwicklungsprozess teilhaben kann, aber nicht auf diesen zu reduzieren ist. (vgl. Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 13f.)

2.3 Überblick zu ausgewählten soziologischen Sozialisationstheorien

Das Spektrum der unterschiedlichen Sozialisationstheorien ist zu groß, um auf alle einzugehen. Deshalb sollen im Folgenden nur einige ausgewählte näher beschrieben werden. Des Weiteren gibt es auch nicht nur soziologische, sondern auch psychologische und pädagogische Theorien zur Sozialisation, die in dieser Arbeit vernachlässigt werden sollen.

2.3.1 Émile Durkheim

Émile Durkheim (1858-1917) versuchte als Erster, den Begriff Sozialisation zu erklären. Für ihn war Sozialisation die „Vergesellschaftung der menschlichen Natur“ (Hurrelmann 2006: S. 12), also weniger ein Prozess als vielmehr eine zielgerichtete Handlung, die sich auf die Adaption an das gesellschaftliche Umfeld richtet. Der Mensch kommt als „Tabula rasa“ (Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 12) auf die Welt, entwickelt seine Persönlichkeit durch den „sanktionierten Kontakt mit Regeln“ (Veith 2008: S. 33) und bildet dadurch eine „innerpsychische Kontrollinstanz“ (ebd.).

Diese Kontrollinstanz soll die Werte und Normen der Gesellschaft dem Ich mit seinen urwüchsigen Trieben gegenüberstellen, um den Menschen „autonom, handlungs- und gesellschaftsfähig“ (Niederbacher/Zimmermann 2011: S. 13) zu machen. Nur durch diese „Internalisierung des Sozialen“ (Hurrelmann 2012: S. 14) kann eine komplexe, industriell geprägte Gesellschaft funktionie- ren und überleben. Die Einflussnahme der Gesellschaft auf das Individuum bezeichnet Durkheim als „socialisation méthodique“ (ebd.).

2.3.2 Georg Simmel

Genau wie Durkheim erforschte Simmel (1858-1918), wie die neu entstande- nen Industriegesellschaften ihre soziale Verbundenheit bewahren können. Er begrüßt die neuen Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, die eine Gesellschaft mit voneinander getrennten sozialen Kontexten birgt Das Individuum muss aus der Familie hinaustreten, um seine Persönlichkeit in Interaktion mit ande- ren Menschen auszuprägen und sich in seiner Einzigartigkeit zu bestätigen. (vgl. Veith 2008: S. 34)

Durch die permanente gegenseitige Beeinflussung der Menschen entstehen Regeln, Werte und Normen, was nach Simmel eine Gesellschaft auszeichnet. (vgl. Hurrelmann 2012: S. 13f.)

Unter Sozialisierung versteht er den „Vorgang, die soziale Gesamtheit in die individuelle Persönlichkeit aufzunehmen“ (ebd. S. 14)

Das so entstandene soziale Ich steht dem personalen Ich gegenüber. Gemeinsam bilden sie die Identität des Individuums. (vgl. Veith 2008: S.34)

2.3.3 Talcott Parsons

Während Durkheim und Simmel auf das Spannungsfeld zwischen Individuum und Gesellschaft fixiert waren, richtete der Amerikaner Talcott Parsons (1902- 1979) seinen Fokus auf die „internen Voraussetzungen für die Stabilität von Gesellschaftssystemen“ (Baumgart 2000: S. 81). Er unterscheidet drei analyti- sche Komponenten: das organische, das psychische und das soziale System. Diese müssen miteinander in Zusammenhang stehen, damit Sozialisation stattfinden kann. Dabei erfüllt jedes System eine bestimmte Aufgabe, die nötig ist, um das Gesamtsystem zu erhalten. (vgl. Hurrelmann 2012: S. 15)

Das organische System des Menschen ist der Körper, der „Organismus und Psyche mit Energie [versorgt] […] und […] so das Überleben [sichert]“ (Hur- relmann 2012: S. 15). Das psychische System ist die Identität und regelt, dass die Handlungen des Individuums „mit den jeweiligen ‚Spielregeln’ [der Gesell- schaft] harmonieren“ (Baumgart 2000: S. 82). Das soziale System ist die Ge- sellschaft, die definiert ist durch den Einfluss von Menschen untereinander und Integration durch „generalisierende Rollenübernahme“ (Veith 2008: S. 41).

Aufgrund der Fokussierung auf Funktionen erfüllende Systeme wird Parsons Theorie auch als „strukturfunktionalistische Systemtheorie“ (Baumgart 2000: S. 81) bezeichnet.

2.3.4 Klaus Hurrelmann

Klaus Hurrelmann (*1944) verfolgt mit seinem Modell der produktiven Realitätsverarbeitung das Ziel, sozio- logische und psychologische Theori- en der Sozialisation miteinander zu verknüpfen. Abbildung 1 zeigt, wie sich Theorien, die sich mehr an der

Gesellschaft ausrichten (soziologi- sche Theorien) und solche, die sich mehr am Individuum orientieren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.: Verbindung von soziologischen und psychologischen Theorien der Sozialisation

(Quelle: Hurrelmann 2012: S. 43)

(psychologische Theorien) zueinander verhalten. Das „Konzept einer umfassenden Sozialisationstheorie“ (Hurrelmann 2012: S. 43) vereint alle Linien (die für einzelne theoretische Ansätze stehen) in einer Schnittmenge, die eine detaillierte und differenzierte Analyse der Wechselwirkungen von Individuum und Gesellschaft möglich macht. (vgl. ebd.)

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Musikalische Sozialisation in der Familie
Hochschule
Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
18
Katalognummer
V418505
ISBN (eBook)
9783668674578
ISBN (Buch)
9783668674585
Dateigröße
681 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
musikalische, sozialisation, familie
Arbeit zitieren
Hermann Fuchs (Autor), 2016, Musikalische Sozialisation in der Familie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418505

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