Neue Väter. Die Umsetzung der Einstellung im Verhalten und der Bedeutungswandel der traditionellen Vaterfigur


Bachelorarbeit, 2015
46 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Definition: „Neue Väter“
2.2 Vaterschaft in der Geschichte (Rollenwandel)
2.3 Vaterschaft heute
2.4 Familienpolitische Leistungen
2.5 Theoretische Ansätze
2.5.1 Strukturfunktionalistisches Familienmodell
2.5.2 Ökonomische Theorie der Familie
2.5.3 Ressourcentheorie
2.5.4 Geschlechtsrollenansatz & Doing Gender
2.5.5 Gegenwartsbezug der Theorien

3. Ausgangslage und Fragestellung

4. Methodisches Vorgehen

5. Ergebnisse
5.1 Umsetzung von Einstellung in Verhalten
5.1.1 Traditionalisierungseffekt
5.1.2 Aufteilung von kindbezogenen Aufgaben
5.1.3 Motivation der Väter
5.1.4 Zeit für und mit den Kindern
5.1.5 Zwiespalt zwischen Rolle als Ernährer und Rolle des „Neuen Vaters“
5.1.6 Qualitatives Engagement
5.1.7 Elternzeit
5.1.8 Teilzeitarbeit
5.1.8 Weitere Beispiele
5.1.9 Zwischenfazit
5.2 Einflussfaktoren
5.2.1 Beruf und Kariere
5.2.2 Geld
5.2.3 Partnerin
5.2.4 Mann
5.2.5 Kind
5.2.6 Umfeld & Öffentlichkeit
5.2.6 Sonstiges

6. Fazit & Ausblick

Literaturverzeichnis

Bachelorarbeit

Studiengang: Medizinpädagogik TZ WS11

Thema: „Neue Väter“ - Umsetzung von Einstellungen in Verhalten

Nachname, Vorname: Kriegesmann, Jessica

Matrikelnummer: 110402016

Datum: 13.08.2015

1. Gutachter: Frau Prof. Dr. Kindervater

2. Gutachter: Frau Prof. Dr. Wulfhorst

1. Einleitung

Der Begriff „neue Väter“ ist seit einigen Jahren in den Medien und der Forschung stark vertreten und lässt vermuten, dass der Rollenwandel vom traditionellen Brotverdiener zum kinderbetreuenden Hausmann bereits ein Massenphänomen ist. Schaut man sich die entsprechenden Studien und Veröffentlichungen jedoch genauer an, stellt man fest, dass sich die Einstellungen zur Vaterrolle der (jungen) Väter zwar zunehmend wandeln, dies auf der Verhaltensebene allerdings nur selten zu beobachten ist (Volz 2004; Oberndorfer & Rost 2005; Grunow 2007; Mühling & Rost 2007, Jurczyk & Lange 2009, BMFJSF 2014a).

In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, woran die Umsetzung der vorhandenen (modernen) Einstellung in das praktische Verhalten scheitert und welche Faktoren dies konkret beeinflussen. In der bisherigen Forschung wurde dieser Aspekt oftmals nur recht oberflächlich oder einseitig betrachtet. Häufig wurde als „Beweis“ einer „neuen Vaterschaft“ lediglich die väterliche Nutzung von Elternzeit herangezogen (Gräfinger 2001; Jurczyk & Rauschenbach 2009; Vogt 2010) und nach Gründen gesucht, die einer Inanspruchnahme dieser im Wege stehen.

Diese Arbeit soll daher einen umfassenderen Überblick über die tatsächliche Umsetzung von Einstellung in Verhalten anhand von konkreten Beispielen bieten und die darauf bezogenen Einflussfaktoren mit Hilfe von theoretischen Ansätzen intensiver analysieren.

Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen zum Verständnis des Begriffs „neuer Vater“ geschaffen und gängige theoretische Ansätze zur Arbeitsteilung in Familien vorgestellt (Kapitel 2).

Nach einem kurzen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand und der Präzision der Fragestellung dieser Arbeit (Kapitel 3) sowie dem methodischen Vorgehen (Kapitel 4) werden die Ergebnisse der Literaturanalyse vorgestellt. Zum einen wird anhand von Beispielen die derzeitige Umsetzung des Verhaltens von „neuen Vätern“ in ein entsprechendes Verhalten aufgezeigt (Kapitel 5.1) und zum anderen werden Faktoren vorgestellt, die diese Umsetzung beeinflussen (Kapitel 5.2).

Zuletzt werden die Ergebnisse der Literaturanalyse mit den bestehenden theoretischen Ansätzen verknüpft und die derzeitigen Lösungsansätze sowie mögliche weiterführende Forschungsansätze vorgestellt (Kapitel 6).

2. Theoretischer Hintergrund

Zum besseren Verständnis des Begriffs „neue Väter“ und der damit zusammenhängenden Arbeitsteilung soll zunächst die Definition des „neuen Vaters“ geklärt und der historische Wandel der Vaterrolle sowie die Konzepte von „Vaterschaft heute“ erläutert werden. Nach einem kurzen Überblick über die familienpolitischen Leistungen – speziell dem Elterngeld – welches in der Ausgestaltung von „neuer Vaterschaft“ eine große Rolle spielt, werden zuletzt noch theoretische Ansätze über die Arbeitsteilung in Familien vorgestellt.

2.1 Definition: „Neue Väter“

Der Begriff „neue Väter“ ist in aller Munde – und das nicht erst seit kurzem. Eine simple Google-Suche bringt 18,600 Ergebnisse (Stand 03.07.2015) in nur 0,3 Sekunden. Doch trotz zahlreicher Zeitungsartikel, Zeitschriftenaufsätzen und Studien ist der Begriff der „neuen Väter“ noch nicht einheitlich definiert. So beschreibt das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend den Begriff „neue Väter“ als ein „vielfältiges Spektrum von Rollenbildern vom guten Vater“ (BMFSFJ 2014a, S. 104).

In älterer Literatur fällt der Begriff „neuer Vater“ als Synonym für einen „anwesenden Vater“- also ein Vater der sich (in keinem festgelegten Umfang) um seine Kinder kümmert (Reiche 1997). Somit fühlen sich bereits viele Männer als „neue Väter“, wenn sie sich mehr in der Familie engagieren als der eigene Vater (Possinger 2013b).

„Neue Väter“ gewichten ihre soziale Funktion stärker als zuvor: „Sie wollen ihre Familie nicht mehr nur finanziell versorgen, sondern auch mitverantwortlich für die alltägliche Betreuung und Erziehung sein“ (Abel & Abel 2009, S. 231).

Parallel zum Begriff des „neuen Vaters“ findet man in einigen Quellen den Begriff des „aktiven Vaters“ (Krüger et. al 2008; Zerle & Krok 2009) der synonym hierfür verwendet wird. Um als „aktiver Vater“ zu gelten, reicht es laut einer Studie bereits aus, „allgemein möglichst viel Zeit mit seinen Kindern zu verbringen […] und auch mal die eigene Freizeit zugunsten des Kindes“ (Krüger et al. 2008, S. 39) zurückzuschrauben.

Während es für einen Autor ausreicht, dass der Vater Elternzeit nimmt oder ggf. seine Stundenzahl auf der Arbeit reduziert (Cyprian 2005), sieht es Possinger eher kritisch und legt in ihrer Forschungsarbeit fest, die familienorientierte Einstellung oder die Tatsache das der Vater Elternzeit beantragt nicht als einzigen „Gradmesser von „neuer Vaterschaft“ zu sehen“ (Possinger 2013a, S. 16). Ähnlich verhält es sich in anderen Studien, bei dem nicht die mentale Einstellung als Gradmesser herangezogen wird, sondern die praktische Umsetzung von Arbeitsteilung im Haushalt (BMFSFJ 2014a).

Im Rahmen der Beschreibung der „neuen Väter“ taucht mitunter der Begriff der Egalität auf. Gemeint ist hiermit eine gleichmäßige Verteilung der Haus- und Familienarbeit unter beiden Partnern (Pfahl & Reuyß 2009). „Neue Väter“ übernehmen hierbei im gleichen Maße Aufgaben bei der Versorgung des Kindes wie ihre Partnerin (BMFSFJ 2014a). Dies betrifft vor allem auch die Routinetätigkeiten in der Versorgung des Kindes inklusive der Tatsache, dass auch der Vater „Abstriche bei der Karriereplanung, dem Einkommen, sowie der Freizeit“ (Possinger 2013a, S. 60) hinnehmen muss. Egalitäre Vaterschaft geht „damit über den Status eines erwerbstätigen Vaters, der in traditioneller Weise am Wochenende und am Feierabend bei der Familienarbeit lediglich ‘mithilft‘ hinaus“ (ebd.).

Als ein typisches Beispiel wird hier erwähnt, dass auch der Vater einmal der Arbeit fern bleibt, wenn das Kind krankheitsbedingt zuhause versorgt werden muss.

Problematisch an den uneinheitlichen Definitionen ist es, die „neuen Väter“ zahlenmäßig einzugrenzen und Maßstäbe zu errichten. Zieht man lediglich die Einstellung der Väter oder die Übernahme von Elternzeit als Maßgabe heran, findet man deutlich mehr „neue Väter“ als wenn man das tatsächliche Verhalten im Sinne einer egalitären Aufteilung aller anfallenden Arbeiten als Definition festlegt. Je nach Definition des jeweiligen Autors bzw. der entsprechenden Studien findet man „neue Väter“ die in Untersuchungen andere Autoren eher als „traditionell“ zu bezeichnen wären. Es ist somit schwer einzuschätzen, wie weit verbreitet die Rolle des „neuen Vaters“ in der Realität bzw. den Medien wirklich ist, da nicht jede Literaturquelle eine entsprechende Definition als Maßstab angibt.

In der vorliegenden Arbeit wird der „neue Vater“ durch eine egalitäre Arbeitsaufteilung definiert, wobei in der Literaturanalyse auch Väter mit einbezogen werden, die „nur“ Elternzeit nutzen und bei denen die konkrete Arbeitsaufteilung im Haushalt nicht bekannt ist.

2.2 Vaterschaft in der Geschichte (Rollenwandel)

Um die ganze Thematik rund um die „neuen Väter“ und die damit verbundene „starke Veränderung der Vaterrolle“ (Rost 2007, S. 156) richtig einschätzen zu können, macht es Sinn, einen kleinen Blick in die Geschichte zu werfen. So lässt sich erkennen, dass die „neuen Väter“ – wie der Name vermuten lässt - gar nicht so „neu“ sind und Veränderungen in der Rolle des Vaters zu jedem Zeitpunkt in der Geschichte stattgefunden haben.

Der Begriff des Familienvaters („Pater familias“) entstammt dem römischen Reich. Damals war es üblich, dass Väter ihre Söhne erzogen und Mütter ihre Töchter (Rost 2007). Das jeweilige Engagement war somit von dem Geschlecht des Kindes abhängig.

18. Jahrhundert:

Im 18. Jahrhundert gab es eine hierarchische Ordnung in der Familie. Frauen und Kinder unterlagen der männlichen Autorität (Fthenakis et al. 1999) und die Kinder galten als Eigentum des Vaters, „um dessen Schutz, Sorge und Unterhalt sich dieser auch zu kümmern hatte“ (Possinger 2013b, S. 14). Durch dieses starke, väterliche Engagement spielte der Vater eine dominante Rolle im Leben seiner Kinder (BMFSFJ 2006). Somit ist die Idee der heutigen „neuen Väter“, die sich aktiv in die Versorgung der Kinder einbringen eigentlich nicht direkt „neu“, sondern ähnelt der Rolle des Vaters im 18. Jahrhundert.

19. Jahrhundert:

Im Zuge der Industrialisierung kam es zu einer Trennung von Wohnort und Arbeitsplatz, welche zu einer längeren Abwesenheit des Vaters führte und somit auch zu einer Reduzierung seines Engagements in der Familie sowie zu einer Schwächung seiner väterlichen Autorität. Der Mann sorgte jetzt für die finanzielle Existenzsicherung und nahm zum ersten Mal die Aufgabe als Ernährer seiner Familie war (Fthenakis et al. 1999). Da folglich seine Rolle in der Kindererziehung sank bekam die Mutter einen neuen Verantwortungsbereich und es kam zu der damaligen „neuen“ aber heute als „traditionell“ bezeichneten Geschlechterrollenverteilung. Traditionell meint in diesem Zusammenhang einen erwerbstätigen und somit meist abwesenden Vater und eine Mutter, die sich um Kind und Haushalt kümmert (Possinger 2013a).

Am Ende des 19. Jahrhunderts fanden sich zudem bereits erste „Kontroversen bezüglich der Rolle des Mannes in der Familie, die der heutigen Diskussion auffallend ähnlich sind“ (Fthenakis et al. 1999, S. 22). Es wurde gefordert, dass sich der Vater durch gemeinsame Freizeitaktivitäten, aktiv in die Familie einbringen solle (ebd.).

20. Jahrhundert:

Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Forderungen nach mehr Engagement der Väter nicht mehr vorhanden.

Die Väter waren erneut größtenteils abwesend und das Idealbild des Vaters war der eines Ernährers und Beschützers. Im Rahmen von Studien über psychische und soziale Entwicklung sowie den Folgen eines nicht anwesenden Vaters wurde kurz darauf jedoch wieder ein stärkeres Engagement von den Vätern für ihre Familie gefordert (Fthenakis et al. 1999). Die Väter sollten, laut Meinung von Erziehungsexperten, „Kameraden ihrer Söhne“ werden, „sie in ihre sportlichen Aktivitäten und Hobbys“ einbeziehen, „nicht jedoch Windeln wechseln oder sich an der Hausarbeit beteiligen“ (BMFSFJ 2006 S.10).

Bis in die 60er Jahre wurde die geschlechtsspezifische, „traditionelle“ Rollenverteilung (bis auf die oben genannten Ausnahmen) nicht in Frage gestellt. Durch einen Anstieg der Scheidungsraten und der Diskussion um die Sorgeberechtigung der gemeinsamen Kinder tauchte jedoch erstmalig der Begriff der „neuen Väter“ auf (Rost 2007). Die „Männer und Frauen revoltierten zunehmend gegenüber den ihnen auferlegten, eng definierten familiären Rollen“ (BMFSFJ 2006, S.10). Durch einen starken Anstieg der arbeitenden Frauen (und somit auch einem Rollenwandel von Frauen und Müttern), einem unsicheren Arbeitsmarkt und dem Gleichberechtigungsgedanken wurden die Väter vor neue Herausforderungen gestellt und beteiligten sich zunehmend an der Pflege und Betreuung der gemeinsamen Kinder (Mühling & Rost 2007).

Bei diesem kurzen historischem Abriss gilt zu beachten, dass es zu keinem der genannten Zeitpunkte nur genau diese eine Variante gab. In Abhängigkeit von der ökonomischen Situation der Familie (Gräfinger 2001) und der sozialen Klasse, Religion und Rasse war die praktische Ausführung von Vaterschaft teilweise unterschiedlich (Fthenakis et al. 1999) und lässt darauf schließen, dass es auch heute nicht nur eine Beschreibung für die Rolle als „neuen Vater“ gibt.

2.3 Vaterschaft heute

Sieht man sich das Modell der heutigen Vaterschaft an, ist es weniger einheitlich als in der bisherigen Geschichte. Die derzeitigen Modelle von Mutter- und Vaterschaft liegen zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite steht das „ klassische Mann-Ernährer-Modell “ bei dem der Vater der Erwerbsarbeit nachgeht und die Mutter sich zuhause um die Kinder kümmert, auf der anderen Seite das „ partnerschaftliche Modell “ bei dem die Haus- und Erziehungsarbeit geteilt wird, so dass beide Elternteile zu gleichem Umfang berufstätig sein können.

Dazwischen, und am weitesten verbreitet, liegt das Modell der „ Teilzeit-Verdiener-Ehe “. Hier arbeitet der Mann Vollzeit und die Frau Teilzeit. Sie kümmert sich in erster Linie um den Haushalt, er hilft jedoch mit. Kaum vertreten und nur selten gewünscht (und dennoch in den Medien oft genannt) ist das „ Frau-Ernährerin-Modell“, bei dem die Frau Vollzeit arbeitet und der Mann sich um den Haushalt kümmert (Volz 2004).

In dieser Arbeit liegt der Fokus auf dem „ partnerschaftlichen Modell “ oder anders gesagt den „neuen Vätern“, die nicht nur uneinheitlich definiert sind (s. Kapitel 2.1) sondern sich auch unterschiedlich kategorisieren lassen. Ergebnisse einer Längsschnittstudie ordnen die modernen bzw. nicht-traditionell eingestellten Väter in drei Kategorien ein:

1. „Neue Väter“, die sich durch die Befürwortung von egalitären Rollenstrukturen auszeichnen.
2. „Familienorientierte Väter“, bei denen neben der großen Bedeutung der Familie auch Wert auf Karriere gelegt wird
3. „Eigenständige Väter“, die zwar traditionelle Rollenmuster ablehnen, jedoch dem Zusammensein mit der Familie keine große Bedeutung beiwohnen (BMFSFJ 2006)

In einer weiteren Studie wurden drei Vätertypen extrahiert, die sich „im Grad ihrer Engagiertheit“ und „bezüglich ihrer Sicherheit im Ausüben der Vaterrolle unterscheiden“ (Abel & Abel 2009, S.238).

1. Oberflächlich engagiert: Diese Väter wurden ihrer Einstellung als „neuem Vater“ in der Praxis nicht gerecht. Sie engagieren sich sofern es ihre Zeit zulässt, sehen „aber ansonsten ihre Partnerin als für Alltagsbelange zuständig an“ (ebd. S. 239).

2. Unsicher ambivalent: Diese Väter sind unsicher in der Ausgestaltung ihrer engagierten Vaterschaft und werden aufgrund der gesellschaftlich bestehenden Rollenvorgaben in ihrer Umsetzung gehemmt. Sie glauben nicht, dass eine gleichwertige Rollenaufteilung möglich ist.

3. Aktiv involviert: Diese Väter fühlen sich „nahezu für alle im Zusammenhang mit dem Kind entstehenden Aufgaben verantwortlich“ und sehen sich „nicht nur als Unterstützer der Mutter, sondern als beinahe gleichwertiger Ansprechpartner des Kindes“ (ebd. 241).

Die heutige Zeit ist geprägt von einer Vielzahl von unterschiedlichen Modellen zur Vaterschaft – speziell zu dem Phänomen des „neuen Vaters“. Es gilt zu beachten, dass wie schon bei den uneinheitlichen Definitionen festgestellt, ein „neuer Vater“ in seinem Engagement, seinem Verhalten und dessen tatsächlichen Umsetzung sehr variantenreich sein kann und ein Mann mit der Bezeichnung „neuer Vater“ nicht zwangsläufig auch die Einstellung einer egalitären Arbeitsteilung vertritt.

2.4 Familienpolitische Leistungen

Die Arbeit berücksichtigt Studien und Veröffentlichungen aus den Jahren 1999 bis 2014, die unterschiedliche Regelungen bezüglich Elternzeit und/oder Elterngeld hatten. Aus diesem Grund soll hier nun kurz auf die historische Entwicklung des Elterngeldes bzw. der Elternzeit und der jeweiligen Besonderheiten eingegangen werden.

Neben dem bereits 1975 eingeführten Kindergeld wurde 1979 erstmalig eine staatliche Geldleistung und arbeitsrechtliche Absicherung für die Zeit nach der Geburt in Form von Mutterschaftsurlaubsgeld eingeführt. Mütter die vor der Geburt erwerbstätig waren, erhielten für vier Monate ein lohnabhängiges Mutterschaftsurlaubsgeld von maximal 750 DM monatlich. Väter „waren von der Leistung grundsätzlich ausgeschlossen“ (BMFSFJ 2014a, S. 96).

1986 wurden die Väter erstmals auch anspruchsberechtigt und ein bestehendes Arbeitsverhältnis war für den Empfang des Geldes nicht zwingend notwendig. Das sogenannte Erziehungsgeld stellte keine Lohnersatzleistung mehr dar sondern wurde Einkommens- und Beschäftigungsunabhängig in Höhe von 600 DM im Monat für zehn Monate (nach späteren Reformen für bis zu 24 Monate) gezahlt. Kritisiert wurde schon damals die geringe Höhe (die für den Lebensunterhalt nicht ausreichte) und die somit rein „formelle […] Geschlechtsneutralität“ mit der die Väter nur „augenscheinlich Zielgruppe dieser Leistung“ (BMFSFH 2014a, S. 96) waren, da die Familie in der Regel auf das (höhere) Einkommen des Vaters angewiesen war.

Das 2007 eingeführte Elterngeld löste das Erziehungsgeld ab. Dieses gilt nun wiederum als Lohnersatzleistung und wird an alle (in Deutschland lebende) Eltern ausgezahlt, die nach der Geburt des Kindes nicht mehr als 30 Stunden pro Woche arbeiten und ihr Kind im eigenen Haushalt betreuen. (Ausnahme: Einkommen von über 500.000 Euro pro Jahr als Ehepaar insgesamt) Die Höhe richtet sich nach dem Nettoeinkommen der letzten 12 Monate vor der Geburt (65 - 67%) und beträgt mindestens 300 und höchstens 1800 Euro im Monat. Das Elterngeld wird für zwölf Monate gezahlt – kann aber bei einer Aufteilung der Nutzung von beiden Elternteilten auf 14 Monate verlängert werden (BMFSFJ 2015). Diese, oft als „Partnermonate“ oder „Vätermonate“ bezeichnete Verlängerung bietet somit insbesondere Vätern „finanzielle Anreize zur Übernahme von Betreuungsarbeit in der Familie“ (BMFSFJ 2014a, S. 97) und motiviert zur Aufteilung der Elternzeit, da die zwei Monate ansonsten verfallen würden. Die Monate können hierbei auch gleichzeitig genommen werden, so dass Mutter und Vater zeitgleich zuhause sind.

Des Weiteren haben die Eltern Anspruch auf eine Rückkehr zu ihrem alten Arbeitsplatz nach Beendigung der gesamten Elternzeit von maximal drei Jahren.

Für Kinder die ab dem 1. Juli 2015 geboren werden gibt es die zusätzliche Möglichkeit des ElterngeldPlus. Diese Neuregelung soll eine stärkere Vereinbarkeit von Beruf und Familie (in Form von Teilzeitarbeit) fördern und stellt die Eltern vor die Wahl verschiedener Möglichkeiten. Statt für einen Elterngeld-Monat können sich die Eltern für zwei ElterngeldPlus-Monate mit jeweils der Hälfte des Basiselterngeldes und einer parallelen Teilzeitarbeitsstelle entscheiden. Wenn beide Elternteile in „vier aufeinanderfolgenden Monaten gleichzeitig zwischen 25 und 30 Wochenstunden arbeiten“ (BMFSFJ 2015, S. 8) gibt es eine Verlängerung der Bezugsdauer von weiteren vier Monaten.

Diese neue Option der Elterngeldregelung wird aufgrund der Kürze ihrer Gültigkeit in dieser Arbeit nicht berücksichtigt.

2.5 Theoretische Ansätze

In der Literatur finden sich zahlreiche Modelle, Theorien und Überlegungen zu Vaterschaft, Geschlechterrollen, Rollenerwartungen und speziell zur Aufteilung der Aufgaben innerhalb einer Familie.

Im Folgenden sollen die zentralen Gedanken der relevanten und zu der Fragestellung dieser Arbeit passenden Theorien kurz zusammengefasst werden.

2.5.1 Strukturfunktionalistisches Familienmodell

In seinem Modell über die familiale Arbeitsteilung kombiniert Talcott Parsons sein Familienkonzept mit dem Konzept der Aufgabenerfüllung in Kleingruppen (in Anlehnung an die psychoanalytische Entwicklung nach Freud) von Robert F. Bales.

In aufgabenorientierten Gruppen bilden sich zwei Führungspersonen heraus, die sich in das Model einer Familie mit der entsprechenden Arbeitsteilung übersetzen lassen (Bertram 2010). Es gibt „einen Anführer, der in der Gruppe die Anforderungen des anvisierten Zieles ‘nach außen‘ symbolisiert, während zugleich eine andere Führungspersönlichkeit existiert, die sich auf die sozialen und emotionalen Bedürfnisse ‘nach innen‘ spezialisiert“ (Possinger 2013a, S. 42f).

Übertragen auf eine Familie, übernimmt der Vater klassischerweise die Führung „nach außen“ und gewährleistet durch seinen finanziellen Einkünfte die materielle Existenzsicherung. Die Mutter erledigt den Haushalt, kümmert sich um die Kinder und übernimmt die Führung „nach innen“ (ebd.). Vaterschaft bedeutet in diesem Zusammenhang eher Engagement FÜR die Familie statt direktes Engagement IN der Familie.

2.5.2 Ökonomische Theorie der Familie

Die Theorie von Gary S. Becker, im englischen als “New Home Economics“ bezeichnet, beschäftigt sich mit der Aufteilung von Arbeitsaufgaben aus rein ökonomischen und somit rationalen Gründen. (Becker 1993). Ausgangspunkt dieses Ansatzes ist die Theorie des Rationalen Handelns. Diese besagt, dass menschliches Handeln nicht „zufällig, sondern gerichtet und zielorientiert“ (Hill & Kopp 2006, S. 126) ist. Menschen entscheiden sich bei der Auswahl verschiedener Alternativen daher stets für die Handlung, die nach ihrer subjektiven Einschätzung einen maximalen Nutzen verspricht und ihrer Überzeugung nach das beste Ergebnis bringt (ebd.).

Wie in der Wirtschaft gibt es auch in einem Haushalt knappe Güter – hier vor allem die Zeit - die entsprechend aufgeteilt werden muss. Als große Punkte stehen sich die Erwerbsarbeit und die Hausarbeit gegenüber. Um die Zeit sinnvoll zu nutzen, bietet sich eine komplementäre Rollenverteilung unter den Haushaltsmitgliedern mit der entsprechenden Spezialisierung auf einen Bereich an. Wer hierbei welche Rolle übernimmt, wird durch das entsprechende „Humankapital“ (z.B. dem Bildungsstand, der Ausbildung und vor allem dem damit verbundenen Erwerbseinkommen) bestimmt. Die Haushaltsmitglieder unterscheiden sich hinsichtlich ihrer „Humankapitalausstattung“ und somit auch in ihrer jeweiligen Effizienz für die Haus- und Erwerbsarbeit. Eine gute Berufsausbildung erhöht in der Regel das Einkommen und die Zeit, die statt für den Beruf für den Haushalt aufgebracht wird, wird somit kostspieliger (ebd.).

Daher sollte die Person, die mehr Einkommen hat, von ihrem Partner für die Erwerbstätigkeit freigestellt werden und sich eher auf die Erwerbsarbeit konzentrieren um somit eine Nutzenmaximierung des Haushaltes zu gewährleisten (Künzler & Walter 2001).

Der Ansatz an sich ist geschlechtsneutral formuliert. Die „beobachtbare geschlechtsspezifische Arbeitsteilung“ entsteht nur deshalb, „weil sich Frauen und Männer in ihren Humankapitalinvestitionen unterscheiden oder unterschieden haben und deshalb auf dem Arbeitsmarkt unterschiedliche Lohnraten erzielen“ (Künzler & Walter 2001, S. 193). Der Vater, der nach dieser Theorie mehr verdient als die Mutter, übernimmt somit die Erwerbsarbeit und die Mutter die Hausarbeit.

2.5.3 Ressourcentheorie

Auch dieser Ansatz richtet sich nach dem Prinzip der rationalen Entscheidungen. Die Ressourcentheorie bezieht sich jedoch nicht auf die Nutzenmaximierung des gemeinsamen Haushalts sondern auf die der entsprechenden Individuen (Künzler & Walter 2001).

Die anfallenden Arbeiten (Hausarbeit, Erwerbsarbeit, Kindererziehung) werden als unterschiedlich attraktiv gesehen und die Hausarbeit wird, entsprechend dieses Ansatzes als unangenehmste Arbeitet, von den Haushaltsmitgliedern gerne vermieden.

Die Beiträge für die jeweilig anfallenden Arbeiten werden daher in „machtgesteuerten Verhandlungs- und Austauschprozessen“ (Künzler & Walter 2001, S. 193) ausgehandelt. Das Haushaltsmitglied mit den besseren Ressourcen (insbesondere dem höheren Einkommenspotential) verfügt über mehr Verhandlungsmacht und kann die unattraktiven Tätigkeiten „zu einem größeren Anteil dem schwächeren Verhandlungspartner aufbürden“ (Grunow 2007, S. 55).

Auch die Ressourcentheorie gilt als geschlechtsneutral. Frauen leisten in der Regel nur deshalb mehr Hausarbeit, weil ihre Verhandlungsmacht aufgrund der geschlechtsspezifischen Unterschiede im Einkommen geringer ist (Künzler & Walter, 2001).

2.5.4 Geschlechtsrollenansatz & Doing Gender

Im Gegensatz zu den ökonomischen Theorien stehen bei diesen Ansätzen die Geschlechter und die damit verbundenen Rollenerwartungen im Vordergrund.

Die funktionalistische Rollentheorie geht davon aus, „dass Menschen so handeln, wie es ihnen gesellschaftliche Rollen nahelegen oder vorschreiben“ (Hill & Kopp 2006, S. 96) und sich die entsprechende Arbeitsteilung laut Geschlechtsrollenansatz aus der „Entwicklung unterschiedlicher, normativ geprägter Rollen“ (Grunow 2007, S. 57) ergibt.

Eine Abwendung dieser traditionellen Muster ist nur dann möglich, wenn beide Personen einer Partnerschaft moderne Einstellungen vertreten (Künzler & Walter 2001).

Der Doing Gender Ansatz geht davon aus, dass Menschen, sobald sie eine Rolle übernehmen, eine gewisse Rollenidentität entwickeln. Diese geschlechtsspezifische Rollenidentität wird durch die alltäglichen geschlechtskonformen Handlungen (Männer ernähren ihre Familie, Frauen erziehen die Kinder) aufrechterhalten, indem sie immer wieder bestätigt wird (Grunow 2007). Sollte in einem Fall die Geschlechtsidentität bedroht sein (weil die Frau z.B. einen größeren Beitrag zum Haushaltseinkommen leistet als der Mann) kompensieren sich die „geschlechtsuntypischen Verhältnisse durch Verstärkung geschlechtsspezifischen Verhaltens in einem anderen Bereich“ (Künzler & Walter 2001, S. 199f).

2.5.5 Gegenwartsbezug der Theorien

Anhand der Theorien wird recht einheitlich dargestellt, wie es zu der oftmals vorherrschenden, traditionellen Rollenaufteilung kommt, bei denen der Vater als Erwerbstätiger die Familie ernährt und die Frau sich zuhause um die Kinder kümmert.

Eine Aufteilung in zwei Führungspersonen gemäß des Familienmodells von Parsons macht schon allein deswegen Sinn, weil in der Familie mit Kindern nicht beide Partner sich komplett der Erwerbsarbeit (oder auch nicht beide der Kindererziehung) widmen können.

In einer Welt, in der sich die Schulabschlüsse der Geschlechter in der Regel nicht mehr unterscheiden, die Berufs- und Karrierechancen und somit das Humankapital der Frau zunehmen, sollte daher ein Rollentausch immer häufiger möglich – wenn nicht gar rational nötig – sein. Bezogen auf den ökonomischen Ansatz wäre zu erwarten, dass sich viele Frauen aufgrund ihres höheren Erwerbspotentials vermehrt auf die Erwerbsarbeit spezialisieren und im Gegensatz dazu deutlich mehr Männer ihre Zeit mit Haushalt und Kindererziehung verbringen.

Auch die Verhandlungsposition mancher Frauen sollte sich durch eine Steigerung des Humankapitals verbessern, was laut der Ressourcentheorie zur Folge hätte, dass sich die Arbeitsteilung in Haushalten, in denen die Frau mehr verdient als der Mann, umkehrt oder sich zumindest in Richtung Egalität verschiebt.

Bei einer modernen Einstellung zum Rollenbild von Mann und Frau beider Partner sollte gemäß des Geschlechtsrollenansatzes eine entsprechende Umsetzung der Aufgabenteilung in den Alltag keine Probleme bereiten. Sind sich beide einig, kann unabhängig von rationalen (ökonomischen) Entscheidungen ein Rollentausch stattfinden. Offen bleibt jedoch die Frage nach der Akzeptanz der Umwelt, an die bestimmte Rollenerwartungen geknüpft sind.

Sollte die Geschlechtsidentität des Mannes bedroht sein, sein bestehendes (traditionelles) Rollenbild also nicht der Realität entsprechen, müsste laut Doing Gender Ansatz ein verstärktes Rollenverhalten auftreten. In einer Familie in der die Frau ein größeres Einkommen erzielt, würde sich ein traditionell eingestellter Mann somit verstärkt aus der Hausarbeit zurückziehen statt einer Vertauschung der Rollen (welche rational und ökonomisch sinnvoll wäre) zuzustimmen.

3. Ausgangslage und Fragestellung

Die Forschung über die Rolle von Männern innerhalb der Familie bzw. über Väter, Vaterschaft und speziell der „neuen Väter“ ist im Vergleich zu der Forschung über Frauen und Mütter relativ neu. Als Vorreiter der Väterforschung kann Wassilios E. Fthenakis (1985) bezeichnet werden, der mit seinem zweibändigen Werk über Väter erstmalig ihre Bedeutung für und ihre Rolle innerhalb der Familie genauer betrachtet. Vorher beschränkte sich die Forschung über Väter eher auf deren Abwesenheit und ihren negative Folgen in der Entwicklung der Kinder (Mühling & Rost 2007).

In den letzten Jahren entstand ein regelrechter Boom an Veröffentlichungen über das Phänomen „neue Väter“, die sich aber oftmals nur auf die veränderte Einstellung zum Rollenbild (Gesterkamp 2001; Zerle & Krok 2009; Institut für Demoskopie Allensbach 2011; Forsa 2013) oder der Nutzung von Elternzeit (Gräfinger 2001; Jurczyk & Rauschenbach 2009; Vogt 2010) beschränkten.

In fast allen für diese Arbeit genutzten Quellen wird erwähnt, dass sich die veränderte Einstellung bei den Männern und Vätern nur bedingt in der Praxis wiederfinden lässt. Forschungsarbeiten die sich speziell mit diesem Phänomen auseinandersetzen, sind dennoch vergleichsweise selten (Fthenakis 2002; Oberndorfer & Rost 2002; Krüger et al. 2008; Abel & Abel 2009) und beziehen sich in der Regel nur auf die tatsächliche Umsetzung von Elternzeit (Pfahl & Reuyß 2009) und weniger auf die konkrete Arbeitsteilung im Haushalt.

Die Fragestellung dieser Bachelorarbeit lautet daher: „Wie gelingt die Umsetzung der Einstellung von „neuen Väter“ in ein entsprechendes Verhalten und durch welche Faktoren wird dies beeinflusst?“

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Neue Väter. Die Umsetzung der Einstellung im Verhalten und der Bedeutungswandel der traditionellen Vaterfigur
Hochschule
Medical School Hamburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
46
Katalognummer
V418531
ISBN (eBook)
9783668676756
ISBN (Buch)
9783668676763
Dateigröße
668 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Neue Väter, Verhalten, Psychologie, Medien, Rollenwandel, Hausmann
Arbeit zitieren
Jessica Kriegesmann (Autor), 2015, Neue Väter. Die Umsetzung der Einstellung im Verhalten und der Bedeutungswandel der traditionellen Vaterfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418531

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