Hundegestützter Unterricht in der Grundschule zur Verbesserung des Sozialverhaltens, der Empathie und der sozio-emotionalen Kompetenzen


Bachelorarbeit, 2015
109 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung
1.3 Forschungsmethode
1.4 Aufbau der Arbeit
1.5 Resümee

2 Das Tier und der Mensch
2.1 Der Hund
2.1.1 Abstammung
2.1.2 Entwicklung Mensch-Hund-Beziehung
2.1.3 Funktionen des Hundes
2.1.4 Hundesprache
2.1.5 Gebiss und Sinneswelt des Hundes
2.2 Die Kind-Hund-Beziehung
2.3 Resümee

3 Hundegestützte Pädagogik
3.1 Begriffsklärungen
3.1.1 AAA – tiergestützte Aktivitäten
3.1.2 AAT – tiergestützte Therapie
3.1.3 AAP/AAE – tiergestützte Pädagogik/Erziehung
3.2 Zeitliche Entwicklung
3.3 Einsatzmodelle
3.3.1 (Schul-)Besuchshund
3.3.2 Präsenz-/Klassenhund (‚Schulhund’)
3.4 Voraussetzungen für den Einsatz von Hunden in Klassen
3.4.1 Rechtliche Grundlagen
3.4.2 Voraussetzungen seitens der Schule
3.4.3 Voraussetzungen seitens des Lehrkraft-Hund-Teams
3.4.4 Voraussetzungen im Klassenverband
3.5 Grenzen des Einsatzes von Hunden in Klassen
3.5.1 Zeitlicher Rahmen
3.5.2 Stress beim Hund
3.5.3 Allergien
3.5.4 Ängste und religiöse Vorbehalte
3.5.5 Kritische Vorfälle
3.6 Resümee

4 Effekte eines Schulhundes
4.1 Begriffsklärungen zu den Kompetenzen
4.2 Wissenschaftliche Forschungsarbeiten
4.2.1 Guttmann et. al (1983)
4.2.2 Kotrschal et al. (2001)
4.3 Positive Auswirkungen eines Schulhundes
4.3.1 Erhöhte Schulzufriedenheit und Motivation
4.3.2 Verbesserung des Klassenklimas
4.3.3 Förderung der Kommunikation (verbal/nonverbal)
4.3.4 Förderung des Selbstwerts
4.3.5 Förderung des Sozialverhaltens und der Integration sowie der Fähigkeit zur Empathie und Emotionsregulation (u.a. Reduktion des Aggressionspotentials)
4.3.6 Förderung der Wahrnehmungen und Motorik
4.3.7 Sicherer Umgang mit Hunden
4.3.8 Stressreduktion
4.3.9 Verbesserung im Arbeitsverhalten
4.3.10 Auswirkungen der Lehrer/in-Hund-Interaktion
4.4 Resümee

5 Praktische Anwendung im Unterricht
5.1 Allgemeine Prinzipien
5.2 Der erste Kontakt
5.3 Arbeit mit einzelnen Schülern/Schülerinnen
5.3.1 Schüler/innen mit introvertiert-ängstlichem Verhalten
5.3.2 Schüler/innen mit aggressiv-ausagierendem Verhalten bzw. mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
5.3.3 Schüler/innen mit Wahrnehmungs- bzw. Sinnesbeeinträchtigungen
5.3.4 Schüler/innen mit Lernbeeinträchtigungen
5.4 Arbeit mit der gesamten Klasse
5.4.1 Soziales Lernen
5.4.2 Deutsch
5.4.3 Mathematik
5.4.4 Sachunterricht
5.4.5 Bewegung und Sport
5.4.6 Bildnerische Erziehung
5.4.7 Musikerziehung
5.5 Resümee

6 Zusammenfassende Stellungnahme

7 Literatur-/Internetquellenverzeichnis

8 Anhang
8.1 Elternbrief
8.2 Hunde(klassen)regeln
8.3 Transkriptionen der narrativen Interviews

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 – Unser Hund 'Marley'

Abbildung 2 – Ältester Hundeknochen

Abbildung 3 – Freundlicher Hund

Abbildung 4 – Verspielter Hund

Abbildung 5 – Ängstlicher Hund

Abbildung 6 – Drohender Hund - Körper

Abbildung 7 – Drohender Hund – Kopf

Abbildung 8 – Zähnefletschen

Abbildung 9 – Zimmerkennel

Abbildung 10 – Pulsmessung beim Hund

Abbildung 11 – Basisemotionen nach Ekman - Beispielfotos

Abbildung 12 – Flexileine

And no human being can offer to the child more general „acceptance“, in its fullest multiordinal levels of meaning than the faithful dog for whom the master can do no wrong. “ (Levinson 1962, S. 61).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 – Unser Hund 'Marley'

KURZZUSAMMENFASSUNG

Hundegestützter Unterricht in der Grundschule ist eine besondere Form der Pädagogik, die sich der positiven Effekte der Mensch-Hund-Beziehung bedient. Zu diesen Auswirkungen gehören unter anderem eine Verbesserung im Sozialverhalten, der Empathie, der sozio-emotionalen Kompetenzen, der Motorik, der Motivation für den Schulalltag, der Kommunikation und der Konzentration. Auch der sichere und freudvolle Umgang mit Hunden fällt darunter. Um das Potenzial des Schulhundes optimal ausnützen, Lernende bestmöglich unterstützen und zugleich Risiken minimieren zu können, ist professionelles sowie umfassendes Wissen notwendig. Diese Arbeit soll dazu dienen, einen Überblick über die notwendigen Voraussetzungen, eventuellen Hürden und möglichen Erfolge zu geben. Um das für dieses Werk notwendige Wissensspektrum zu erlangen, wurden literarische Quellen herangezogen.

ABSTRACT

Dog-supported lessons in the elementary school are a special form of the educational theory which uses the positive effects of the relationship between humans and dogs. Some of them are: the improvement of social behaviour, empathy, socio-emotional competences, motor skills, motivation for school attendance, communication, concentration and last but not least the secure and joyful contact with dogs. In order to use the potential of the school dog optimally, to minimise related risks and to support learners in the best way possible, professional as well as comprehensive knowledge is necessary. This work should give an overview about the necessary conditions, possible hurdles as well as reachable success. Literary resources were used in order to receive the necessary knowledge.

1 Einleitung

Bereits vor rd. 15.000 Jahren, als der Mensch vermutlich im Zuge der Neolithischen Revolution sesshaft wurde, ging er mit dem Hund Zweckgemeinschaften ein. Aus jener Zeit stammen auch die ältesten Fossilfunde, die dieser Haustiergattung zugerechnet werden können (vgl. Napierala/Uerpmann 2012, S. 127-137).

Während anfangs noch die gemeinsame Jagd im Mittelpunkt stand, lag der Schwerpunkt später auf Haus-, Hof- und Viehhütung, Jagdbegleitung sowie dem Schlittenziehen. Mitte des 2. Jahrhunderts kam dem Hund in seiner Rolle als Schoßhund reicher Damen eine neue Bedeutung zu, und die Züchtung von Mode-rassen wie Mops, Pudel, usw. nahm zu (vgl. Agsten 2009, S. 15). Heutzutage werden Hunde in Österreich unter anderem als Jagd- und Wachhunde, für Therapie- bzw. pädagogische Zwecke, für die Zucht, im Rettungs- und Polizeidienst sowie im Familienverband gehalten.

Diese Bachelorarbeit fokussiert sich auf den Einsatz von Hunden in der Pädagogik, genauer gesagt im Unterricht in Grundschulen. Es soll im Zuge dieser Abhandlung analysiert werden, unter welchen Voraussetzungen und in welcher Form der Vierbeiner als Co-Pädagoge fungieren kann bzw. welche positiven Effekte durch ihn erzielbar sind. Prinzipiell gibt es verschiedene Einsatzmöglichkeiten in einer Schulklasse – diese Ausarbeitung konzentriert sich auf das Modell des ‚Schulhundes’. Die für einen Praxisbezug empfehlenswerten und in diesem Werk beinhalteten Vorschläge für Unterrichtssequenzen stammen aus Publikationen hundebegleiteter Lehrerinnen und sind Auszüge durchdachter, praxiserprobter Aufgabensammlungen.

Die Unterrichtsgestaltung mithilfe eines Hundes – sei es sowohl im Sonder- als auch im Regelschulbereich – fand auch unter der Kurzbezeichnung Hupäsch[1] Einzug in die Literatur (vgl. Agsten 2009, S. 38f): Damit ist der gezielte Einsatz entsprechend ausgebildeter Hund-Lehrkraft-Teams gemeint, der eine allgemeine Verbesserung des Klassenklimas, des individuellen Sozialverhaltens sowie der Leistungsfähigkeit und Motivation zum Ziel hat. Auch Fortentwicklung in der Kommunikation, der Persönlichkeit sowie eine Intensivierung der Schüler/innen-Lehrer/innen-Beziehungen konnten festgestellt werden (vgl. Kotrschal Ortbauer 2003, S. 147-159; Beetz 2012, S. 60-70; Agsten 2009, S. 120-123; Vanek-Gullner 2012a, S. 7-11).

Die positiven Auswirkungen von hundegestütztem Unterricht zu unterstreichen und einen weiteren literarischen Weg zu finden, das Thema „Der Hund als Co-Pädagoge in der Grundschule“ aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und eine Praxisumsetzung attraktiv zu machen: Dazu soll diese Forschungsarbeit dienen!

1.1 Problemstellung

Das Modell des Schulhundes wird bereits in vielen Klassen angewendet. Dennoch wird diese Form der Unterrichtsgestaltung manchmal entweder von Seiten der Eltern oder der Kollegen/Kolleginnen bzw. der Schulleitung mit Skepsis betrachtet. Obwohl der Einsatz eines Hundes in einer Schulklasse nicht nur eine adäquate Ausbildung der Lehrperson sowie die Eignung des Tieres erfordert, sondern auch die Einhaltung etlicher weiterer Empfehlungen voraussetzt, können subjektive Einwände bestehen. Deshalb ist von der pädagogischen Fachkraft Informations- bzw. Überzeugungsarbeit zu leisten.

Losgelöst von Vorbehalten führt der Klassenverbund Hund-Kind durchwegs zu positiven Effekten bei den Schülern/Schülerinnen:

Die Anwesenheit eines Schulhundes fördert nicht nur ein positives Klassenklima, die Sozialintegration und Kontaktbereitschaft, die Kommunikationsfähigkeit sowie Empathie, sondern reduziert auch Stress und Aggressionsverhalten. Leider gibt es auf diesem Gebiet noch wenig wissenschaftliche Forschungsarbeit. (Vgl. Beetz 2012, S. 52-59; Vanek-Gullner 2012a, S. 7-11)

Es wurde jedoch umfassendes Untersuchungsmaterial mit Erwachsenen im außerschulischen Bereich erhoben. Eine Übertragbarkeit dieser Daten auf die pädagogische Praxis wird – unter Vorherrschen optimaler Bedingungen – angenommen (vgl. Beetz 2012, S. 71 u. S. 103).

Der Lehrer Bernd Retzlaff stellte bereits um das Jahr 2000 während des Klassenunterrichts mit seiner Hündin Jule fest, dass hundegestützte Pädagogik nicht nur zwischen den Kindern bzw. direkt am Kind Wirkung zeigt, sondern dass dadurch auch die Rolle der Lehrperson anders wahrgenommen wird, da die Interaktion des Lehrers/der Lehrerin mit dem Tier bereits Wertevorstellungen und soziale Kompetenzen vermittelt (vgl. Retzlaff 2002, o.S., zit. n. Beetz 2012, S. 52; BMBF 2014, S. 8).

Für gelingendes Lernen sind eine vertrauensvolle Schüler/innen-Lehrer/innen-Beziehung sowie eine angstfreie, sichere Atmosphäre im Klassenraum wichtige Voraussetzungen. Da Hunde als sozial ausgerichtete Interaktionspartner diese Komponenten auf wertvolle Weise unterstützen, stellen sie eine Bereicherung im pädagogischen Setting dar (vgl. Agsten 2009, S. 150f).

1.2 Zielsetzung

Diese Ausarbeitung soll Antworten auf folgende Fragestellung liefern:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einerseits ...

... soll Problembewusstsein entstehen: Das Vorhaben, den eigenen Hund in eine Schulklasse mitzunehmen, kann nicht spontan umgesetzt werden[2].

Abgesehen von der adäquaten Ausbildung von Lehrkraft und Tier sind sowohl organisatorische Vorbereitungen an der Schule sowie in der Klasse als auch Abstimmprozesse notwendig, welche in der vorliegenden Projektarbeit näher erläutert werden.

Beim Entstehen dieser Bachelorarbeit wurde immer klarer, dass eine Lehrkraft durch den Hund als Co-Pädagogen einen Mehraufwand zu bewältigen hat.

Hypothetisch ergeben sich folgende weitere Aspekte:

- zusätzliche Arbeit bei den Vor- und Nachbereitungen von Unterrichtsstunden,
- ein Restrisiko zwischen Kind und Hund, welches in hundebegleiteten Situationen immer vorhanden ist (und das vom Hundeführer/von der Hundeführerin getragen werden muss),
- eine notwendige Zusatzausbildung (incl. der daraus resultierenden Kosten, die vom Tierhalter/von der Tierhalterin abzudecken sind),
- laufendes, zusätzliches Trainieren und Üben mit dem Hund,
- erhöhtes Konfrontationspotential mit Eltern/Erziehungsberechtigen, usw.

Diese Einwände sind durchaus berechtigt:

Von der Lehrkraft ist zeitlicher, emotionaler und finanzieller Mehraufwand einzubringen (vgl. Vanek-Gullner 2012a, S. 20; Vanek-Gullner 2012b, o.S.; Beetz 2012, S. 32 u. S. 131).

Andererseits ...

... wird dieses Werk auch anführen, wie pädagogische Ziele durch die Tierbegleitung getragen und Lernerfolge verstärkt werden können.

Annahmen, wonach es zu einer Stärkung von bzw. Verbesserung bei kommt, werden anhand der Aufarbeitung der zugrundeliegenden Literatur und des relevanten wissenschaftlichen Studienmaterials unterlegt.

- sozialer Integration
- Selbstwert
- Kommunikationsfähigkeit
- Schulmotivation
- Lernbeeinträchtigungen
- motorischen Schwächen
- usw.

Jeder Pädagoge/Jede Pädagogin mit Hundebegleitung sollte sich bewusst sein, welche gewinnbringenden Auswirkungen tiergestützter Unterricht generieren kann und worauf diese basieren. Ebensolcher, fachlicher Hintergrund kann auch argumentativ bei Schulleitung, Kollegium und Eltern/Erziehungsberechtigten eingesetzt werden.

1.3 Forschungsmethode

Die Erhebungen zu dieser Arbeit wurden mittels Literaturrecherche[3] durchgeführt und unterliegen somit dem hermeneutischen Verfahren.

Das Wort Hermeneutik stammt aus dem Griechischen und das entsprechende Zeitwort bedeutet: ‚aussagen (ausdrücken), auslegen (erklären), übersetzen (dolmetschen)’. Der Sinngehalt lässt sich daher mit ‚etwas zum Verstehen bringen’ interpretieren: Wenn ich eine Aussage tätige, möchte ich einen Inhalt anderen verständlich machen. Diese müssen mein Gesprochenes auslegen. Eine besondere Form liegt in der Übertragung einer Fremdsprache vor (vgl. Danner 2006, S. 34f).

Alle Übersetzungsvarianten hängen zusammen, und „ unter Hermeneutik haben wir somit die ‚Kunst der Auslegung’ zu verstehen. “ (Danner 2006, S. 35)

Als weitere Forschungsmethode war ursprünglich auch die Verarbeitung dreier narrativer Interviews geplant, um Erfahrungswerte von Praxislehrerinnen einfließen zu lassen:

Die erste Befragung wurde mit einer Sonderschulpädagogin einer Integrationsklasse durchgeführt, die fallweise ihren Neufundländerrüden in den Unterricht mitnimmt.

Das zweite Gespräch baute auf den Erfahrungen einer Lehrkraft auf, die regelmäßig Schulhundestunden in ihrer Stammvolksschule abhält.

Das dritte Interview fand mit einer Lehrerin statt, die mit ihrem Labradoodle kurz vor der Ausbildung zu einem Hund-Lehrerin-Team steht.

Die Ergebnisse dieses empirischen Ansatzes bestätigen einige in dieser Arbeit inkludierten Hypothesen, bringen aber keinen darüber hinausgehenden Erkenntnisgewinn. Daher wurden die weitere Auswertung sowie Einfügung verworfen.

Die Transkriptionen finden sich für Informationszwecke im Anhang (Punkt 8.3: Textteile, welche aufgestellte Annahmen bestätigen, wurden hervorgehoben).

1.4 Aufbau der Arbeit

Nach der Einleitung (Kapitel 1) gliedert sich der Hauptteil inhaltlich anfangs in ein darstellendes Kapitel (2), welches Allgemeines zum Thema ‚Hund’ und ‚Kind-Hund-Beziehung’ ausweist (Hinweis: In Punkt 2.1 ist ‚Der Hund’ detaillierter ausgearbeitet, da er die ‚Schlüsselfigur’ dieser Arbeit ist).

Begriffsklärungen sowie Voraussetzungen und Grenzen der hundegestützten Pädagogik werden in Kapitel 3 näher erläutert.

Anschließend folgen in einem analysierenden Teil (Kapitel 4) Auszüge aus wissenschaftlichen Forschungsarbeiten sowie eine Übersicht über die möglichen positiven Effekte, die durch den Einsatz von Hunden in Volksschulklassen generiert werden können.

Um auch umsetzbare Praxisbeispiele darzustellen, werden ergänzend in Kapitel 5 Gestaltungsmöglichkeiten für hundebegleiteten Unterricht angeführt. Die Zusammenstellung umfasst sowohl individuelle als auch klassenweite Kooperationen mit dem Tier.

In jedem dieser genannten Abschnitte folgt in einem Resümee eine Zusammenfassung der erlangten Erkenntnisse, die der Beantwortung der Forschungsfrage dienen.

Die Zusammenfassende Stellungnahme ist in Kapitel 6 zu finden.

Das Literatur- und Quellenverzeichnis bildet Kapitel 7.

In Kapitel 8 sind als Anhang zur weiteren Dokumentation sowohl ein Muster eines Elternbriefes und ein Entwurf für Klassenregeln als auch die Transkriptionen der Interviews beinhaltet.

1.5 Resümee

Diese Bachelorarbeit soll aufzeigen, wie hundegestützte Pädagogik stattfinden kann, und welche zusätzlichen Aspekte in den Schulalltag einfließen, sobald ein Hund den Unterricht begleitet.

Die Ausarbeitung der angeführten Forschungsfrage hat zum Ziel, die Rahmenbedingungen, Voraussetzungen und Grenzen für den Einsatz eines Schulhundes sowie die generierbaren, positiven Effekte so zu beleuchten, dass eine flächendeckende Umsetzung wünschenswert und machbar erscheint.

2 Das Tier und der Mensch

2.1 Der Hund

Bevor diese Arbeit näher auf hundebegleiteten Unterricht, im Besonderen in der Grundstufe eingeht, gilt es, Allgemeines über das Lebewesen Hund sowie seine Beziehung zum Menschen auszuführen. Dies ist empfehlenswert, um in späterer Folge Verständniszusammenhänge herstellen zu können.

2.1.1 Abstammung

Untersuchungen der Universität Chicago liefern, entgegen bisheriger Annahmen, der Hund stamme von Wolf oder Schakal ab, die Erkenntnis, dass sich offensichtlich sowohl der Hund als auch die heutigen Wolfsarten parallel entwickelten und von einem gemeinsamen Vorgänger abstammen könnten. Zu diesem Ergebnis gelangte ein Forscherteam um Prof. John Novembre, das Genomanalysen[4] von 3 Wölfen (jeweils 1 Wolf aus China, aus Israel und aus Kroatien) mit 2 Hunderassen, die seit langem keinen Kontakt zu Wölfen haben (der Basenji – auch Kongo-Terrier genannt – aus Afrika und der Dingo aus Australien), verglich (vgl. Novembre et al. 2014, o.S.).

Der älteste Knochenfund eines Hundes ist ein Oberkieferknochen aus der Schweiz (siehe Abb. 2), der rd. 14.100-14.600 Jahre alt ist (vgl. Napierala/Uerpmann 2012, S. 127-137).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 – Ältester Hundeknochen

Quelle: http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article101471283/fp-hund-teaser-DW-Kultur-Tuebingen-jpg.html, 03.01.2015

Weitere Nachweise von Hunden in der Antike finden sich auf ägyptischen Wandmalereien, in türkischen Bildnissen, in Gräbern in China und durch Mumienfunde in Inkagräbern – lange bevor Europäer mit ihren Hunden diese Gebiete erreichten (vgl. Agsten 2009, S. 12; IEMT o.J., S. 3).

2.1.2 Entwicklung Mensch-Hund-Beziehung

Der Hund ist von Natur aus ein Rudeltier. Um im Gruppenverband bestehen zu können, benötigt er Lern- und Anpassungsfähigkeit. Anfangs war er in jagdhund-, windhund- oder dackelähnlicher Form vertreten (vgl. IEMT o.J., S. 3), doch bereits die Römer begannen mit speziellen Kreuzungen (vgl. Agsten 2009, S. 12).

Wir zählen heute rd. 400 Rassen (vgl. Agsten 2009, S. 18; IEMT o.J., S. 3). Würde die Zucht ein Ende nehmen, so würde sich die Artenvielfalt unter den Haushunden allerdings wieder auf einige wenige Grundtypen reduzieren (vgl. IEMT o.J., S. 3). Diese Behauptung wird durch die Erkenntnis von Ádám Miklósi unterstrichen: „ Hunderassen sind künstliche Populationen und nicht Ergebnisse eines echten Evolutionsprozesses. “ (Miklósi 2011, S. 66).

Leider kommt es immer wieder zu Qualzuchten (die zu Atemnot aufgrund degenerierter Atemwege, Hautproblemen aufgrund übermäßiger Faltenbildung, usw. führen) und zur Vermehrung von Rassen, die aufgrund der Ausschaltung ihrer natürlichen Hemmungen zu ‚Killerhunden’ werden. Es kann also nicht bei jedem Hund auf das gleiche Verhalten geschlossen werden. Rasseeigentümlichkeiten, schlechte Erfahrungen oder Zucht/Ausbildung und das Umfeld können das Tier anders reagieren lassen als der Mensch erwartet (vgl. IEMT o.J., S. 12; Miklósi 2011, S. 63).

Österreichweit gibt es lt. dem Lehrerinformationsheft des IEMT[5] rund 720.000 Hunde (vgl. IEMT 2014, S. 6).

2.1.3 Funktionen des Hundes

Das Zusammenleben zwischen Hund und Mensch hat sich über Jahrtausende hinweg diversifiziert (vgl. Agsten 2009, S. 11).

Einem Hund können in unserer heutigen Gesellschaft folgende Rollen zuteil werden (im Grundschulunterricht werden diese als ‚Hundeberufe’ vermittelt):

Jagdhund

Das ist die älteste Funktion, die der Hund für den Menschen übernahm. Er begleitete und unterstützte bei der – für beide Seiten überlebensnotwendigen – Jagd. Auch heute wird er noch für das Auffinden und Treiben von Jagdbeute eingesetzt.

Wachhund, Hüte- und Treibhund

Auch diese Aufgabe hatte der Hund bereits sehr früh inne: Die Herde zusammenzuhalten und vor Angriffen, z.B. von Wölfen, zu beschützen.

Schlittenhund

Um bei winterlichen Verhältnissen trotzdem mobil zu sein, wurde der Vierbeiner auch als Schlittenhund eingesetzt. In unseren Breitengraden gibt es diese Verwendung nur mehr im Freizeit- und Sportbereich.

Familienhund

Die in Österreich häufigste Rolle eines Hundes: Er lebt in hunderttausenden Haushalten als Familienmitglied. Alleinstehenden dient er als Ansprechpartner, bringt Struktur in den Alltag älterer Personen, die nach ihrer Berufstätigkeit wieder Regelmäßigkeit brauchen, und unterstützt Eltern bei der Erziehung ihrer Kinder (siehe Punkt 4 ‚Effekte eines Schulhundes’). Außerdem hat der Mensch mit ihm Spaß, Spiel und Aktivität. Ein Hund gibt bedingungslose Liebe, Geborgenheit und Treue und vermittelt Sicherheit.

Diensthund der Exekutive oder Suchhund

Der Einsatz dieser Hundegruppe reicht vom klassischen Schutzhund der Polizei über den Fährtenhund für die Suche von Vermissten bis zum Drogenspürhund der Zollbeamten und Minensuchhund des Militärs.

Partnerhund für Behinderte, als Sozialhelfer und für Therapiezwecke

Hier gibt es Unterscheidungen in u.a. Blindenführhunde – die älteste Form der Behindertenhunde –, Hunde für Gehörlose – sie melden Geräusche und Signale – und Hunde für Körperbehinderte – diese können Taschen tragen, Türen öffnen, den Lift rufen usw.

Rettungshund

Er findet seine Verwendung bei der Bergrettung und als Lawinensuchhund, bei Katastropheneinsätzen (Muren, Erdbeben, ...), als Sanitäts- sowie als Wasserrettungshund.

(Vgl. IEMT o.J., S. 6f)

Alle diese Einsatzgebiete weisen auf die erfolgreiche Interaktion zwischen Hund und Mensch hin.

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass in manchen Kulturen Hunde entweder am Speiseplan standen (in Ostasien, bei den Maori in Neuseeland, usw.) oder (beispielsweise heute noch in Nordkenia) ähnlich der Rolle eines Kindermädchens für die Säuberung von Kleinkindern herangezogen werden (vgl. Miklósi 2011, S. 90f).

2.1.4 Hundesprache

Als Kommunikationsmittel des Hundes fungiert neben akustischen Signalen (Winseln, Knurren, Bellen, Jaulen) mehrheitlich die Körpersprache: Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Schwanz (Rute) werden dafür eingesetzt (vgl. BMG 2011, S. 8f).

- Freundlich (siehe Abb. 3): Gesicht entspannt, Körperhaltung locker, Rute hängend bis waagrecht

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 – Freundlicher Hund

Quelle: http://www.vdh.de/hundehalter/der-koerper-des-hundes/, 13.01.2015

- Verspielt (siehe Abb. 4): Vorderkörper am Boden, Hinterläufe gestreckt, oder Hüpfen mit gestreckten Vorderbeinen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4 – Verspielter Hund

Quelle: http://www.vdh.de/hundehalter/der-koerper-des-hundes/, 13.01.2015

- Ängstlich (siehe Abb. 5): Ohren angelegt, Rute zwischen den Hinterbeinen eingeklemmt, Körperschwerpunkt nach hinten verlagert

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5 – Ängstlicher Hund

Quelle: http://www.vdh.de/hundehalter/der-koerper-des-hundes/, 13.01.2015

- Drohend (siehe Abb. 6 und 7): angespannter Körper, starrer Blick, eventuell Nase rümpfen, Zähnefletschen und/oder Knurren

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6 – Drohender Hund - Körper

Quelle: http://www.vdh.de/hundehalter/der-koerper-des-hundes/, 13.01.2015

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7 – Drohender Hund – Kopf

Quelle: http://www.vdh.de/hundehalter/der-koerper-des-hundes/, 13.01.2015

Schwanzwedeln deutet generell auf Aufregung hin, lässt aber nicht unbedingt auf Fröhlichkeit oder Freundlichkeit schließen (vgl. BMG 2011, S. 10):

- Wedeln mit hoher Rute: Unsicherheit, weiteres Verhalten ist noch nicht absehbar
- Wedeln mit tiefer Rute: Beschwichtigungssignal
- Selbstsichere und gefestigte Hunde wedeln selten bis gar nicht!

Typische Beschwichtigungssignale sind (vgl. BMG 2011, S. 11f):

- Schütteln: Dabei versucht der Hund, die Anspannung ‚abzuschütteln’.
- Gähnen -> nicht nur, wenn sie müde sind!
- Kurzes Lecken über Nase und Maul.
- Pfote heben (oftmals in körperlich eingeschränkten Situationen).
- Am Boden schnuppern und dabei die Augen rundherum wandern lassen.

Die Körpersprache eines Hundes richtig lesen zu können, erleichtert sowohl dem Tier und seinem/r Halter/in als auch dem Umfeld den gemeinsamen Umgang (vgl. BMG 2011, S. 36). Eltern bzw. Erziehungsberechtigte/r können hier viel Vorarbeit leisten, um das Zusammenleben zwischen Zwei- und Vierbeiner zu optimieren. Es soll einerseits übertriebene Angst abgebaut, andererseits der entsprechend vorsichtige Umgang – vor allem mit fremden Hunden – gelehrt werden.

2.1.5 Gebiss und Sinneswelt des Hundes

Aufgrund seiner Abstammung ist der Hund ein Jagd- und Beutetier. Dementsprechend sind nicht nur Körperbau und Leistungsfähigkeit, sondern auch seine Sinnesorgane und das Gebiss entwickelt.

Das Gebiss

Der Hund hat mit 42 Zähnen um 10 mehr als der Mensch. Die Schneidezähne dienen zum Abrupfen, Schnappen, Zwicken und für die Körperpflege. Die auffälligen Eckzähne dienen zum Festhalten und Tragen von Beute – aber auch Welpen. Zu den Backenzähnen zählt auch jeweils ein Reißzahn zum groben Zerkleinern von Futter. Ein Hund kann nicht Kauen oder Zermahlen. Er verschlingt Brocken, die er nötigenfalls wieder hervorwürgen und in Ruhe fressen oder den Welpen vorlegen kann. Diese Fähigkeit wurde über die Evolution hinweg mitgenommen.

(Vgl. IEMT o.J., S. 10)

Der Gehörsinn

Die auditiven Fähigkeiten sind bei diesem Tier weitaus besser entwickelt als beim Menschen. Ein Hund

ü hört in einem größeren Frequenzbereich (‚Ultraschall’) – das erklärt auch, warum Hundepfeifen für den Menschen nicht hörbar sind –,

ü nimmt in Bezug auf die Lautstärke besser wahr und

ü hat ein höher entwickeltes Peilvermögen.

17 Muskeln stehen dem Hund für die Bewegung eines Ohres zur Verfügung. Damit kann er seine Ohrmuscheln in die Richtung der Geräuschquelle ausrichten und so mehr Schallwellen empfangen.

(Vgl. IEMT o.J., S. 10; Miklósi 2011, S. 218 u. S. 224f)

Der Sehsinn

Studien von Jacobs et al (1993), Sherman und Wilson (1975), Heffner et al. (2011), Colie et al. (1989) und Pretterer et al. (2004) zeigen Vergleiche mit dem Menschen auf, wonach Hunde

- schwerer zwischen mittleren bis langen Wellenlängen unterscheiden können (z.B. Gelb vs. Rot),
- weniger empfindlich sind für verschiedene Grauschattierungen,
- ein insgesamt weiteres Sichtfeld haben,
- rasche Bewegungen besser erkennen und
- mobile Objekte auch auf eine Distanz von ca. 800m differenzieren können (unbewegte Dinge aber nur auf eine Entfernung von ca. 500-600m).

(Vgl. Miklósi 2011, S. 218 u. S. 220-223)

Ludwig Huber, Verhaltensforscher vom Messerli Research Institut Wien, hat mit seinem Team im Clever Dog Lab an der Veterinärmedizinischen Universität Wien anhand von Experimenten mithilfe der neuen Methode ‚Eye-Tracking’ herausgefunden, wie Hunde unter anderem menschliche Gesichter wahrnehmen: „ Hunde können mehr. Sie können ihren Besitzer identifizieren und von anderen unterscheiden – rein auf visueller Basis. Sie brauchen keinen Geruch, keine Bewegung, keine Stimme. “ (Huber 2014, S. 20). Es genüge schon ein Foto.

Der Geruchssinn

Auch die Riechfähigkeit des Hundes ist der menschlichen weit überlegen. Mit rd. 300 Mio. Riechzellen (im Vergleich zu rd. 5 Mio. beim Menschen) kann er Verschüttete noch unter fünf bis sechs Meter hohem Schnee finden. Der Geruchssinn ist übrigens die einzige Wahrnehmung, die bereits bei der Geburt voll entwickelt ist (vgl. IEMT o.J., S. 10).

Menschliche Gerüche werden vom Hund an gewissen Körperregionen geortet. So sind für die olfaktorische Erforschung des Kindes nach Millot et al. (1987) das Gesicht und der Bereich der oberen Gliedmaßen relevant (vgl. Millot et al. 1987, o.S., zit. n. Miklósi 2011, S. 234).

Die Ausarbeitung dieses Kapitels erschien sinnvoll, zumal die Sinnesorgane wesentlich das Verhalten des Hundes beeinflussen: Die Wahrnehmungen werden aktiv vom zentralen Nervensystem gesteuert, und die Aufnahme der laufenden Reize sowie deren Verarbeitung sind maßgeblich für die (Re-)Aktion eines Hundes verantwortlich (vgl. Miklósi 2011, S. 216).

2.2 Die Kind-Hund-Beziehung

Ausgehend von der Biophilie[6] des Menschen lassen Forschungsvorhaben betreffend der Affinität[7] von Kindern zu Tieren folgende Rückschlüsse zu:

Sylvia Greiffenhagen geht davon aus, dass weder Tiere noch kleine Kinder ein berechnendes oder vorausplanendes Bewusstsein besitzen. Das macht den Menschen in seinen ersten Lebensjahren Tieren sehr ähnlich und wirkt verbindend (vgl. Greiffenhagen 1991, S. 65, zit. n. Agsten 2009, S. 30).

Diese konformen Mechanismen im Sozialhirn sind laut Kurt Kotrschal Vorbedingung für gelingende, artübergreifende Beziehungen (vgl. Kotrschal et al. 2010, o.S., zit. n. Beetz 2012, S. 90).

Ádám Miklósi nimmt auf eine Untersuchung Bezug, wonach Studierende bei dem Vergleich von Merkmalen wie ‚Fantasie’ oder ‚Vergnügen’ zwischen einem Jungen im Schulalter und einem Hund nur Unterschiede in der Quantität fanden (vgl. Rasmussen/Rajecki 1995, S. 117-137, zit. n. Miklósi 2011, S. 39). Auch das deutet auf Entwicklungsparallelen zwischen Kind und Hund hin.

Beim Mensch-Tier-Kongress in Berlin 2007 präsentierte Kurt Kotrschal ein Forschungsergebnis mit Kindergartenkindern: „ je jünger die Kinder waren, desto interessierter zeigten sie sich an den Tieren (Kongress Mensch und Tier Vorträge 2007 S. 87) “ (Agsten 2009, S. 125).

2002 erfolgte die Jugendstudie „null zoff voll busy“, wonach für 90 % der befragten jungen Menschen das Haustier als wichtigste oder sehr wichtige Bezugsperson und vollwertiges Familienmitglied gilt (vgl. Rose 2006, S. 208, zit. n. Agsten 2009, S. 125).

Im Zuge dieser Ausführungen wird darauf hingewiesen, dass üblicherweise forschungsgeeignete Tiere von ihren Besitzern/Besitzerinnen für Beobachtungen bereitgestellt werden. Systematische Untersuchungen mit unterschiedlichen Hunden unter eventuell nicht optimalen Bedingungen stehen hingegen noch aus (vgl. Beetz 2012, S. 73).

Für gewöhnlich ist die Kind-Hund-Beziehung, sofern es auf beiden Seiten keine negativen Vorerfahrungen gibt, von einer natürlichen Ungezwungenheit gekennzeichnet und vorurteilsfrei: Keine Situation bzw. kein Gespräch ist peinlich, Geheimnisse sind gut aufgehoben, Kinder finden bei Hunden sowohl Spaß als auch Trost (vgl. BMBF 2014, S. 6).

Hunde begegnen Kindern grundsätzlich offen, mit Wohlwollen und bedingungsloser Akzeptanz, unabhängig von körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, Aussehen, ethnischer Herkunft, Schulnoten, sozialem Status, usw. (vgl. BMBF 2014, S. 8; Beetz 2012, S. 79) – die besten Voraussetzungen für inklusive Pädagogik: „ Das Kind fühlt sich in seiner Persönlichkeit angenommen – und wird ermutigt, sich in seiner Individualität in die Gruppe einzubringen.“ (Vanek-Gullner 2012a, S. 7)

Trotz oder gerade wegen dieser natürlichen Harmonie zwischen Hund und Kind ist von Erwachsenen umso mehr darauf zu achten, die Körpersprache des Tieres richtig zu deuten und das Kind in seiner manchmal ungestümen und direkten Art zu bremsen (vgl. IEMT o.J., S. 8): Es ist nicht immer gleich klar, ob man einen Hund mit niedriger Reizschwelle oder ein geduldiges, familienerprobtes Lebewesen vor sich hat. Sich diesem Vierbeiner richtig zu nähern oder ihn richtig zu streicheln muss dem Heranwachsenden erst vermittelt werden. Ein Kind sollte prinzipiell nie mit einem Hund unbeaufsichtigt in einem Raum gelassen werden (vgl. BMG 2011, S. 21; Beetz 2012, S. 119).

Die deutsche Kognitionsbiologin Kerstin Meints von der University of Lincoln fand heraus, dass viele Kinder (69% der 4-Jährigen, 35% der 5-Jährigen und 25% der 6-Jährigen Studienteilnehmer/innen) den Gesichtsausdruck eines Hundes falsch interpretieren: Da beim Menschen die Zähne beim Lachen bzw. Lächeln zu sehen sind, deuteten die Kinder in dieser Studie das Zähnefletschen des Hundes (siehe Abb. 8) als Zeichen der Heiterkeit und Freude – und somit positiv (vgl. Meints et al. 2010, o.S.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8 – Zähnefletschen

Quelle: http://www.bbc.co.uk/news/health-11382029, 13.01.2015

Aufklärungsarbeit ist notwendig und Problembewusstsein bei den Eltern muss geschaffen werden. Entsprechender Unterricht in der Schule soll dazu dienen, Informationslücken zu schließen – am Besten anhand eines ‚lebendigen Modells’: Dem Hund als Co-Pädagogen.

Geht man mit der notwendigen Vorsicht an das Tier heran, so zeigen sich laut Verhaltensforscher Kurt Kotrschal positive Effekte aus der Hund-Kind-Beziehung: „ Impulse kontrollieren, Dinge planen und durchführen, Handschlagqualität, flexibel reagieren – alles, was unser Stirnhirn so macht, funktioniert am besten, wenn Kinder im Rahmen von Tieren und Natur aufwachsen. “ (Kotrschal 2014, S. 20)

2.3 Resümee

Hunde wurden über Jahrtausende domestiziert, und der Mensch hat durch Züchtungen massiv auf die Entwicklung dieser Lebewesen eingegriffen. Auch das direkte Zusammenleben zwischen Hund und Mensch wurde über den langen Zeitraum intensiviert und differenziert. Die gebotene Vorsicht vor dem ursprünglichen Raub- und Beutetier darf trotzdem nicht verloren gehen.

Seine Sprache und seinen Körper zu verstehen, die Gefahren zu kennen und sich dementsprechend und richtig zu verhalten, ist Grundvoraussetzung für gelingende Kontakte. Schule kann und soll ein Ort sein, wo Kinder solche Erfahrungen machen und Wissen, bestenfalls durch Anwesenheit eines ‚lebendigen Objektes’, erlangen können.

Die Erkenntnisse dieses Kapitels betreffend der Forschungsfrage finden sich zum einen in der Tatsache, dass die Reaktion eines Hundes sowohl von verschiedenen Faktoren abhängen als auch differenzierte Ausmaße annehmen kann, was den Schülern/Schülerinnen altersgerecht vermittelt werden soll. Zum anderen ist bei dem Einsatz eines Vierbeiners in einer Schulklasse im Vorfeld Informationsarbeit zu leisten, um die Kinder auf Situationen, die bei der späteren Hundebegleitung entstehen könnten, vorzubereiten. Ob es sich dabei um das Gehabe handelt, mit dem das Tier das Kind ‚erforscht’, oder um die richtige Interpretation der Körpersprache des Hundes: Ein vorab stattzufindender Theorieteil kann den Erfolg des hundegestützten Unterrichts bedingen.

3 Hundegestützte Pädagogik

3.1 Begriffsklärungen

Für die Arbeit mit Hunden an Schulen ist ‚Tiergestützte Pädagogik’ der allgemeine Überbegriff. Viele Autoren haben sich schon um eine entsprechende Definition bemüht: Diese Ausarbeitung folgt einer Anlehnung an die Konkretisierung der Delta Society USA, ebenfalls genutzt von der International Society for Animal-Assisted Therapy (www.aat-isaat-org).

Tiergestützte Interventionen (engl. AAI: Animal-Assisted Interventions) umfassen prinzipiell

- tiergestützte Aktivitäten (engl. AAA: Animal-Assisted Activities),
- tiergestützte Therapie (engl. AAT: Animal-Assisted Therapy) und
- tiergestützte Pädagogik/Erziehung (engl. AAP/AAE: Animal-Assisted Pedagogy/Education).

3.1.1 AAA – tiergestützte Aktivitäten

Die Übersetzung aus dem Englischen kann wie folgt interpretiert werden:

Hierbei agieren Freiwillige mit ihren Hunden, die beide keine fachliche Ausbildung vorweisen müssen bzw. keine spezifischen pädagogischen Effekte erzielen wollen (z.B. Besuchshunde in Altersheimen). (Vgl. www.aat-isaat-org 2014, o.S.)

3.1.2 AAT – tiergestützte Therapie

Die Definition kann demgemäß aus dem Englischen übertragen werden:

Tiergestützte Therapie ist eine, von medizinisch oder therapeutisch ausgebildetem Fachpersonal geleitete, zielgerichtete Intervention zur Förderung von Fähigkeiten und dem Wohlbefinden eines Patienten oder Klienten. (Vgl. www.aat-isaat-org 2014, o.S.)

3.1.3 AAP/AAE – tiergestützte Pädagogik/Erziehung

Diese Begriffserklärung lässt sich folgendermaßen konkretisieren:

Tiergestützte (Sonder-)Pädagogik kann von einer Regellehrkraft, die über spezielle Kenntnisse über das eingesetzte Tier verfügt, ebenso wie von einem Pädagogen/einer Pädagogin mit sozial-, heil- oder sonderpädagogischer Ausbildung ausgeübt werden, sofern die Intervention therapeutische und zielgerichtete Zwecke erfüllt. (Vgl. www.aat-isaat-org 2014, o.S.)

Wird diese Definition auf die Arbeit mit Hunden an Schulen spezifiziert, bietet sich folgende Formulierung an:

Hundegestützte Pädagogik wird von einer Fachkraft mit einer pädagogischen bzw. heil-/sonder-/sozialpädagogischen Ausbildung und entsprechendem Fachwissen über Hunde durchgeführt. Die Intervention ist auf ein pädagogisches Ziel ausgerichtet, welches Bildung und/oder Erziehung betrifft. Die eingesetzten Hunde werden speziell für den Einsatz mit Menschen sozialisiert und ausgebildet. “ (Beetz 2012, S. 15)

Der Vollständigkeit halber gilt es die tiergestützten Fördermaßnahmen, welche einem speziellen Förderziel folgen, zu erwähnen.

3.2 Zeitliche Entwicklung

- 1969 bedeutete das Forschungsprojekt ‚Pet Oriented Child Psychotherapy’ von Boris M. Levinson den Durchbruch für die Umsetzung tiergestützter Interventionen.
- 1977 wurde die ‚Delta Society’ in den USA gegründet, die erstmals Richtlinien für den Umgang zwischen Tierhaltern/Tierhalterinnen, Tieren und Pflegepersonal festhielt.
- 1980 erregte in London ein Kongress zum Thema ‚Human/Companion Animal Bond’ Aufsehen.
- 1983 wurden unter dem Titel ‚Pet as Therapy’ erstmals Besuchsprogramme organisiert.
- 1991 wurde in Österreich der Verein ‚Tiere als Therapie’ gegründet.

(Vgl. Agsten 2009, S. 21f)

- Zwischen 2000 – 2002 hat Andrea Vanek-Gullner ihr Konzept der Tiergestützten Heilpädagogik (TGHP) entwickelt (vgl. Agsten 2009, S. 33f).

- 2002 folgten Berichte aus Deutschland über eine Labradorhündin als ‚Schulhund’ in der Hauptschule in Sulzburg (vgl. Agsten 2009, S. 32). (Bernd Retzlaff wurde mit seiner Hündin Jule bereits in Punkt 1.1 ‚Problemstellung’ erwähnt.)

Vermutlich wurden ab dem Jahr 2002 zunehmend Hunde zur Unterrichtsbegleitung eingesetzt – offizielle und aktuelle Zählungen oder Schul- bzw. Hundenennungen konnten für Österreich nicht eruiert werden.

Mit der Herausgabe der Richtlinien des dem BMBF[8] vorangegangenen BMUKK[9] im Jahr 2012 wurden landesweite Rahmenbedingungen für hundegestützte Pädagogik geschaffen und ein Signal war gesetzt, um dieser Sonderform des Unterrichts vermehrt den Einzug in Klassen zu ermöglichen.

3.3 Einsatzmodelle

Generell kann zwischen folgenden Verwendungsmöglichkeiten eines Hundes unterschieden werden:

- Schulbesuchshund
- Präsenz-/Klassenhund (‚Schulhund’)
- Therapiehund
- Assistenzhund

(Vgl. BMBF 2014, S. 9f; Agsten 2009, S. 36ff).

3.3.1 (Schul-)Besuchshund

Der ‚Schulbesuchshund’ kommt nicht regelmäßig in die gleiche Klasse, sondern begleitet die Schüler/innen einmalig oder mehrmals stundenweise. Der/Die Hundeführer/in ist eine externe, für den Hundeeinsatz ausgebildete Person. Er/Sie muss keine pädagogische Ausbildung nachweisen. Auch der Hund hat für die Anwesenheit im Unterricht auf Eignung getestet und geschult zu sein. Dieses Modell wird vorrangig dafür genutzt, altersgerechte Wissensvermittlung über Hunde (Abstammung, Entwicklung, Sinnesorgane, artgerechte Haltung, Pflege, Körperbau und Körpersprache, Ausbildung, Ernährung, Kosten, ...) sowie über Tierschutzanliegen anzubieten (vgl. BMBF 2014, S. 9f; Agsten 2009, S. 36f; Beetz 2012, S. 16).

3.3.2 Präsenz-/Klassenhund (‚Schulhund’)

Der ‚Schulhund’ besucht regelmäßig den Klassenverband und wird von einer im Hundeeinsatz zusätzlich unterwiesenen Lehrkraft geführt. Auch diese Tiere sollten – analog den Besuchshunden – auf ihre Eignung getestet und entsprechend gelehrt sein. Zusätzlich finden regelmäßige Überprüfungen am Einsatzort Schule statt. Neben der Lernerfahrung über Hunde stehen bei diesem Modell auch Effekte wie die Verbesserung des Klassenklimas sowie der Lehrer/innen-Schüler/innen-Beziehung und die Stärkung von persönlichen und sozial-emotionalen Kompetenzen im Vordergrund. Hierauf wird in Kapitel 4 näher eingegangen (vgl. BMBF 2014, S. 9; Agsten 2009, S. 37).

Die Modelle des Therapiehundes (gezielter Einsatz, geleitet von einem Therapeuten/einer Therapeutin, im psychologischen/psychotherapeutischen Bereich) und des Assistenzhundes (Begleithund für Menschen mit körperlicher und/oder geistiger Beeinträchtigung) werden der Vollständigkeit halber erwähnt, sind jedoch nicht relevant für diese Ausarbeitung.

In weiterer Folge wird in dieser Abhandlung vorrangig auf das Modell des Schulhundes eingegangen, welches in drei verschiedene Einsatzformen unterschieden werden kann:

3.3.2.1 Präsenz und Kontakt

Während die Kinder dem gewohnten Unterricht folgen ist der Hund primär nur anwesend und bewegt sich frei im Raum. Ziel ist hier die Schaffung einer entspannten Atmosphäre und eine Verbesserung im Sozialverhalten der zu Lehrenden. (In diesem Modus wird ein Großteil der hundebegleiteten Zeit verbracht.)

[...]


[1] Hundegestützte Pädagogik in Schulen, Anm. der Autorin

[2] Andrea Beetz berichtet von ca. einem Drittel aller hundebegleiteten Lehrer/innen in Deutschland, die keine spezielle Ausbildung für tiergestützten Unterricht vorweisen können, und von ihren Bedenken, dass die pädagogischen Effekte aufgrund gravierender Fehler dadurch beeinträchtigt oder gar verhindert wären (vgl. Beetz 2012, S. 31).

[3] Themenrelevante Publikationen und wissenschaftliche Untersuchungen und Textinhalte wurden durchforscht und gedeutet. Anm. der Autorin

[4] Bei Genomanalysen werden alle Erbinformationen einer Zelle ausgewertet.

Quelle: http://universal_lexikon.deacademic.com/242439/Genomanalyse, 03.01.2015

[5] Institut für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung, Anm. der Autorin

[6] Biophilie bezeichnet das Interesse des Menschen an Interaktionen und Beziehungen zu Tieren. Diese Hypothese wurde bereits 1984 von Edward O. Wilson beschrieben (vgl. Agsten 2009, S. 29; Beetz 2012, S. 90).

[7] Affinität ist eine Bezeichnung für „ Wesensverwandtschaft, Ähnlichkeit und dadurch bedingte Anziehung “. Quelle: http://www.duden.de/rechtschreibung/Affinitaet#Bedeutung1, 10.02.2015

[8] Bundesministerium für Bildung und Frauen, Anm. der Autorin

[9] Bundesministerium für Unterricht und Kunst, Anm. der Autorin

Ende der Leseprobe aus 109 Seiten

Details

Titel
Hundegestützter Unterricht in der Grundschule zur Verbesserung des Sozialverhaltens, der Empathie und der sozio-emotionalen Kompetenzen
Hochschule
Pädagogische Hochschule Niederösterreich (ehem. Pädagogische Akademie des Bundes in Niederösterreich)
Note
1
Autor
Jahr
2015
Seiten
109
Katalognummer
V418622
ISBN (eBook)
9783668678330
ISBN (Buch)
9783668678347
Dateigröße
1099 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
hundegestützter, unterricht, grundschule
Arbeit zitieren
Sabine Volk (Autor), 2015, Hundegestützter Unterricht in der Grundschule zur Verbesserung des Sozialverhaltens, der Empathie und der sozio-emotionalen Kompetenzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418622

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