Das multipolare Parteiensystem in Kanada. Entwicklungslinien und Erklärungsansätze


Hausarbeit, 2018
28 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Parteiensysteme als Untersuchungsgegenstand politikwissenschaftlicher Forschung

2. Untersuchungskategorien
2.1. Strukturelle Kategorien
2.2. Inhaltliche Kategorien
2.3. Multipolare Parteiensysteme als spezifische Kategorie

3. Rahmenbedingungen der kanadischen Politik
3.1. Die Entwicklung des politischen Systems in Kanada
3.2. Das kanadische Wahlrecht
3.3. Politische Kultur Kanadas
3.3.1. Konfliktlinie zwischen dem anglophonen und frankophonen Kanada
3.3.2. Konfliktlinie zwischen kanadischen Nationalisten und Regionalisten
3.3.3. Kultur des Multikulturalismus

4. Das Parteiensystem Kanadas
4.1. Historische Entwicklung des Parteiensystems
4.2. Differenz zwischen dem Parteiensystem auf Bundesebene und auf lokaler Ebene
4.3. Charakteristika des aktuellen kanadischen Parteiensystems auf Bundesebene
4.3.1. Strukturelle Eigenschaften
4.3.2. Inhaltliche Eigenschaften

5. Erklärungsansätze für die Entstehung eines multipolaren Parteiensystems
5.1. Zusammenhang zwischen Wahlrecht und Parteiensystem
5.2. Die Bedeutung der cleavages innerhalb der kanadischen Gesellschaftsstruktur
5.3. Die Bedeutung lokaler Wahlkampagnen
5.4. Die Bedeutung individueller Wahlentscheidung

6. Fazit

1. Parteiensysteme als Untersuchungsgegenstand politikwissenschaftlicher Forschung

Parteien spielen im politischen System eine zentrale Rolle, indem sie die politische Willensbildung des Volkes in einem demokratischen, parlamentarischen System ermoglichen und durch die Formulierung und Biindelung von Interessen als Vermittler zwischen dem Staatsvolk auf der einen Seite und den politischen Entscheidungsapparaten auf der anderen Seite wirken. Durch das wechselseitige Agieren der in einem politischen System bestehenden Parteien sowie aufgrund von strukturellen Gegebenheiten entwickeln sich unterschiedliche Parteiensysteme heraus, die so vielfaltig sind wie die Gesellschaften, in denen sie entstehen.

Die systematisch-vergleichende Analyse westlicher Parteien und Parteiensysteme hat dabei breites Interesse in der europaischen politikwissenschaftlichen Forschung gefunden. Der franzosische Politikwissenschaftler Maurice Duverger skizziert in seinem Werk Les Partis Politiques1 1951 einen ersten umfassenden Umriss der Bandbreite und organisatorischen Verflochtenheit von Parteiensystemen. Weiterhin stellte er als erster Politikwissenschaftler eine zwingende Beziehung zwischen Wahl- und Parteiensystemen her. Giovanni Sartori arbeitet in seinem Werk parties and party systems2 von 1976 verschiedene Kategorien heraus, anhand derer Parteiensysteme analysiert werden konnen. Dabei stellt er Parteien funktional als Interessenreprasentationsinstanzen des Volkes dar, deren Aufgabe es ist, die Wiinsche des Volkes zum Ausdruck zu bringen. Der deutsche Parteienforscher Klaus von Beyme versucht in seinem Werk Parteien in westlichen Demokratien3 1982 die verschiedenen Strange der Forschung in einer theoriegeleiteten empirischen Gesamtdarstellung zusammenzubinden.

Die vorliegende Arbeit mochte nun auf der Grundlage der oben genannten Grundsatzwerke einen Analyserahmen entwickeln, hinsichtlich dessen die Entstehung und Ausgestaltung von Parteiensystemen untersucht werden kann. Darauf aufbauend soil das kanadische Parteiensystem hinsichtlich seiner Struktur analysiert werden und nach Erklarungsfaktoren fur dessen Entwicklung gesucht werden. Insbesondere stellt sich die Frage, weshalb in Kanada trotz eines relativen Mehrheitswahlrechts heute ein Parteiensystem mit einer Vielzahl unterschiedlicher Parteien beobachten werden kann und inwieweit es sich dabei um einen typischen Fall eines multipolaren Parteiensystems handelt.

2. Untersuchungskategorien

Doch welche Faktoren machen iiberhaupt ein Parteiensystem aus? Laut Oskar Niedermayer versteht man unter einem Parteiensystem „die Gesamtheit der Parteien in einem politischen System sowie deren Beziehungsgeflecht“4. Dabei unterscheidet Niedermayer in Anlehnung an Sartori5 zwischen kompetitiven und nicht-kompetitiven Parteiensystemen. Die politikwissenschaftliche Forschung ist sich jedoch weitestgehend darin einig, dass solche nicht-kompetitiven Konstellationen, in denen lediglich eine Hegemonialpartei durch institutionelle Regelungen Gefahrdungen ihrer Machtposition verhindert, nicht als Parteiensysteme, sondem vielmehr als Einparteienstaaten gesehen werden konnen.6 Vielmehr ist es gerade der kompetitive Charakter verschiedener Parteien, die zueinander in einer wie auch immer gearteten Beziehung stehen, der ein Parteiensystem kennzeichnet und es untersuchenswert macht. Die Parteienforschung in ihrer Gesamtheit beschaftigt sich dabei sowohl mit einzelnen Parteien an sich als auch mit Parteiensystemen, d.h. sie betrachtet zwei unterschiedliche Analyseebenen, die in der Literatur jedoch haufig nicht trennscharf unterschieden werden. Die vorliegende Arbeit nimmt insbesondere die Ebene des Parteiensystems in den Blick, wobei die Entwicklungen einzelner Parteien immer auch einen wesentlichen Einfluss auf die Systemebene haben.

Zur Analyse von spezifischen Parteiensystemen sowie zur Einordnung des von Niedermayer skizzierten Beziehungsgeflechts ist es zunachst notwendig, sinnvolle Kategorien zu finden, anhand derer ein Parteiensystem kategorisiert werden kann. Dabei spielen sowohl strukturelle als auch inhaltliche Eigenschaften von Parteiensystemen eine Rolle. Sowohl die Frage nach den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen als auch die inhaltliche Themensetzung der Parteien sind bei einer Analyse zu beachten. Weiterhin kann eine Untersuchung von Parteisystemen zum Einen auf der elektoralen Ebene (also beziiglich des Wettbewerbs um Wahlerstimmen) und auf der parlamentarischen Ebene (also bezogen auf die Arbeit der im Parlament vertretenen Abgeordneten) untersucht werden. Ziel eines auf Vergleichbarkeit der Ergebnisse angelegten Untersuchungsschemas muss es dabei sein, „eine moglichst groBe Systemvariation durch eine minimale Anzahl von Eigenschaften“7 zu erfassen. Im Folgenden werden nun verschiedene strukturelle als auch inhaltliche Untersuchungskategorien zur Einordnung von Parteiensystemen vorgestellt und diese beziiglich ihrer Erklarungskraft bzw. hinsichtlich moglicher Problemstellungen analysiert.

2.1. Strukturelle Kategorien

In die Analyse von Parteiensystemen flieBen zuerst messbare Kategorien hinsichtlich der Struktur eines Parteiensystems ein. Dabei sind insbesondere die Anzahl an Parteien sowie deren Verhaltnis zueinander wichtige Untersuchungskategorien.

Format:

Zunachst kann ein Parteiensystem gemaB der tatsachlichen Anzahl an Parteien, die im Parteiensystem eine relevante Rolle spielen eingeordnet werden. Dieser als Format bezeichnete Parameter lasst sich dabei auf der elektoralen Ebene durch die Anzahl der an Wahlen teilnehmenden und auf der parlamentarischen Ebene durch die Anzahl der im Parlament vertretenen Parteien messen. Dabei stellt sich jedoch die Frage, wann eine Partei relevant fur die Untersuchung eines Parteiensystems ist. Folgt man Sartoris Ansatz, so kamen nur solche Parteien fur die Zahlung in Frage, die entweder wegen ihres Koalitionspotentials fur die Regierungsbildung wichtig sind oder die wegen ihrer politischen Position und Starke bei Wahlen die Regierungsbildung und Richtungsbestimmung der Politik mit beeinflussen wiirden. Sartori spricht dabei von dem governing bzw. coalition potential einer Partei.8 Ein solcher MaBstab konnte beispielsweise daran mess- und sichtbar gemacht werden, indem all die Parteien in die Analyse mit einbezogen werden, die im Parlament eine „koalitionsstrategische Relevanz“9 besitzen, mit denen eine zumindest minimale Gewinnkoalition gebildet werden konnte, also eine Koalition die beim Wegfall einer Koalitionspartei die Mehrheit verlieren kann. Eine solche Herangehensweise birgt aber die Gefahr, den Einfluss solcher Parteien, die nicht in Regierungskoalitionen prasent sind, aber dennoch auf die Bevolkerung einen politischen Einfluss haben, unberiicksichtigt zu lassen. Insbesondere in Parteiensystemen, in denen eine Prozenthiirde existiert, stellt sich die Frage nach der Relevanz der Parteien, die nicht im Parlament vertreten sind. Weiterhin stellt sich in foderalen Staaten die Frage nach der Relevanz von lokalen oder regionalen Parteienverbanden und deren Einfluss auf das Parteiensystem im Ganzen.

Fragmentierung:

Neben der reinen Anzahl von Parteien konnen Parteiensysteme anhand ihrer Fragmentierung analysiert werden, also beziiglich des Verhaltnisses von groBen und kleinen Parteien in der Parteienlandschaft. Die Fragmentierung nimmt die GroBenverhaltnisse der Parteien bei den Wahlerstimmen bzw. den Parlamentsmandaten in den Blick und gibt den Grad an Zersplitterung oder Konzentration eines Parteiensystems an. Zur Messbarmachung dieser Variable wurden bereits eine ganze Reihe von Indizes entwickelt, wobei dem sogenannten fractionalization index von Douglas W.

Rae sowie dem Laakso-Taagepera-Index besondere Bedeutung zukommt. Der Fraktionalisierungs- Index Raes operationalisiert dabei sowohl Anderungen der Anzahl als auch der GroBe der Parteien und erzeugt dadurch numerisch messbare Unterscheidungen von Parteiensystemen.10 Das als Laakso- Taagepera-Index bekannte Konzept der effective numbers of parties entwickelt die Untersuchungen Raes weiter, indem es die reale Anzahl an Parteien mit deren GroBenverhaltnissen kombiniert und somit auf anschauliche Art mithilfe einer mathematischen Formel hinsichtlich der Fragmentierung eines Parteiensystems vergleichbare Werte produziert.11

Dominanz:

Insbesondere fur Parteiensysteme, die durch eine oder zwei groBe Parteien dominiert werden, ist es fur die Untersuchung ihrer Funktionsweise wichtig, zusatzlich zu den oben genannten Kategorien das „AusmaB der Dominanz der [...] GroBparteien und ihr GroBenverhaltnis zu betrachten“12. Gemessen werden kann diese Dominanz durch die Summe der Stimm- bzw. Mandatsanteile der beiden dominanten Parteien. Dies ist insbesondere dann relevant, wenn der gemeinsame Mandatsanteil zwei Drittel iiberschreitet, weil dies in vielen Staaten die Schwelle fur verfassungsandemde Mehrheiten darstellt. Weiterhin bestimmen die GroBenverhaltnisse zwischen den beiden groBen Parteien haufig in besonderer Weise die Machtverteilung im politischen System. Wenn, wie Niedermayer weiterhin annimmt, „die Parteiendemokratie als System potenziell wechselnder Parteiregierungen betrachtet wird, so kommt der prinzipiellen Chancengleichheit zum Machtgewinn uberragende Bedeutung zu.“13 Das AusmaB eines moglichen Vorteils einer der beiden Parteien, also die Asymmetrie zu ihren Gunsten kann entscheidende Auswirkungen auch auf die politischen Prozesse im Parteiensystem haben.

Volatilitat:

Bei der Betrachtung von landerspezifischen Parteiensystemen wird allerdings schnell deutlich, dass immer wieder Wandlungen der strukturellen Zusammensetzung von Parteiensystemen zu verzeichnen sind und sich die zentralen Eigenschaften der Systeme verandem. Dieser Grad an Veranderung wird als Volatilitat bezeichnet und kann ebenfalls mit einflieBen in die Gesamtbetrachtung eines Parteiensystems.

2.2. Inhaltliche Kategorien

Neben den strukturellen Kategorien zur Einordnung eines staatlichen Parteiensystems wird in der Parteiensystemanalyse ein besonderes Augenmerk auf die inhaltliche Ausrichtung der Parteien sowie auf die Nahe bzw. Differenz der Parteien untereinander gerichtet. In diesem Zusammenhang ist insbesondere die Analyse politischer Raume von besonderer Bedeutung.

Polarisierung:

Als zentrale inhaltsbezogene Analysekategorie kann dabei die bestehende Polarisierung der Parteienlandschaft gesehen werden, wobei hier auch besonders die Entwicklung der Parteien anhand ihrer Programmatik von Interesse ist. Die Polarisierung eines Parteiensystems beschreibt die ideologische und programmatische Distanz der Parteien zueinander sowie das sich daraus ergebende Konfliktpotenzial in der politischen Debatte. Dabei stellt sich die Frage nach der Anzahl und Art der grundlegenden Konfliktlinien in Parteiensystemen. In der politikwissenschaftlichen Analyse kann dabei auf das raumliche Modell Downs zuriickgegriffen werden, der den Parteienwettbewerb insbesondere durch den Links-Rechts-Konflikt als zentrale Konfliktlinie gepragt sah.14 Weiterhin zentral ist die Theorie gesellschaftlicher Konfliktlinien (cleavages) und deren Politisierung durch Parteien von Lipset und Rokkan. Als cleavages bezeichnen Lipset und Rokkan mit Blick auf das Parteiensystem dabei solche parteipolitischen Spannungslinien, die als tiefgreifende, iiber eine langere Zeit stabile, konflikthafte sozialstrukturelle Positionierungen auf den fundamentalen materiellen Interessen bzw. unterschiedlichen Wertvorstellungen von gesellschaftlichen Gruppen beruhen.15 In deren Tradition lasst sich der Parteienwettbewerb in vielen europaischen Staaten heutzutage durch zwei Hauptkonfliktlinien kennzeichnen: Im okonomischen Bereich durch den Sozialstaatskonflikt zwischen marktliberalen und an sozialer Gerechtigkeit orientierten, staatsinterventionistischen Wertpositionen sowie im gesellschaftspolitischen Bereich durch den Konflikt zwischen progressiv-libertaren und konservativ-autoritaren Wertorientierungen in Bezug auf das Zusammenleben in einer Gesellschaft. Das klassische Analysemodell anhand der zwei Achsen libertar - autoritar bzw. rechts - links wird allerdings der heutigen Gesellschaft nicht mehr in dem AusmaB gerecht, wie noch vor beispielsweise 50 Jahren. Insofem ist es notwendig, das Modell politischer Raume stetig weiterzuentwickeln und zu hinterfragen. So wurde das Konzept von Lipset und Rokkan auch in der politikwissenschaftlichen Forschung stets weiterentwickelt und um neue zentrale Konfliktlinien erweitert (so beispielsweise von Beyme durch die Aufstellung von zehn Grundkonflikten von westlichen Gesellschaften16, weiterhin Lijphart17 und Lane/Ersson18 ). Eine weitere gegenwartbezogene Auflistung von gesellschaftlichen Konfliktlinien, speziell in Bezug auf deutschsprachige Lander nimmt das Sinus-Institut mit den sogenannten Sinus-Milieus vor. Dabei stehen insbesondere soziokulturelle Strukturbedingungen im Mittelpunkt, die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen werden dabei nach Lebensstilen und Werthaltungen eingeordnet.19

Segmentierung:

Die Polarisierung eines Parteiensystems bestimmt auch maBgeblich die nachste Kategorie, anhand derer Parteiensysteme analysiert werden konnen, namlich die Segmentierung. Diese beschreibt die Bereitschaft der Parteien, Kooperationen einzugehen und gegebenenfalls in eine Koalition einzutreten. Je weniger die Parteien zu Kooperation bereit sind, desto segmentierter ist dabei das entsprechende Parteiensystem.

2.3. Multipolare Parteiensysteme als spezifische Kategorie

Die vorliegende Arbeit soil das Parteiensystem Kanadas anhand der oben beschriebenen Kriterien untersuchen. Kanada wird in der politikwissenschaftlichen Forschung heute als multipolares Parteiensystem beschrieben. Dabei stellt sich die Frage, wie multipolare Parteiensysteme in Bezug auf die oben genannten theoretischen Grundlagen der Parteiensystemanalyse kategorisiert werden konnen.

Multipolaritat kann als eine Form der Machtverteilung zwischen den Akteuren eines Systems verstanden werden. Mit spezifischem Blick auf politische Systeme von Staaten bzw. von Parteiensystemen wird davon gesprochen, wenn sich im Gegensatz zur Bipolaritat die Macht auf mehr als zwei Akteure verteilt. Weiterhin kann ein multipolares Parteiensystem als ein System beschrieben werden, in dem sowohl bedeutsame als auch weniger bedeutende Parteien existieren und im politischen Diskurs um Wahlerstimmen und offentliche Amter wettstreiten.20 Sartori unterteilt multipolare Parteiensysteme zusatzlich in zwei verschiedene Spielarten, namlich in Systeme mit polarisiertem Pluralismus bzw. mit moderatem Pluralismus. Wahrend sich der polarisierte Pluralismus durch ein stark polarisiertes System mit maximalen ideologischen Differenzen zwischen den Parteien der beiden politischen Fliigel sowie daraus folgend einem zentrifugal ausgerichteten, ideologisierten Parteienwettbewerb auszeichnet, entfaltet sich der moderate Pluralismus nach Sartori vorrangig in stark segmentierten Gesellschaften. Dabei bilden sich zwischen drei und fünf relevante Parteien heraus, wobei eine Tendenz zu bipolaren Koalitionskonstellationen, das Fehlen von rechtsund linksextremen Antisystemparteien und dadurch eine weit weniger starke Polarisierung der Parteienlandschaft kennzeichnend ist.21

Fraglich ist, ob es überhaupt möglich ist, multipolaren Parteiensystemen per se eindeutige Eigenschaften zuzuschreiben, da es eine Vielzahl von unterschiedlichen multipolaren Parteiensystemen gibt und das Parteiensystem besonders stark auch von den jeweiligen soziokulturellen Gegebenheiten im untersuchten Staat abhängt. Generell lässt sich jedoch festhalten, dass sich multipolare Parteiensysteme durch eine Vielzahl von relevanten politischen Parteien kennzeichnen. Zumeist sind multipolare Parteiensysteme geprägt von einer starken Fragmentierung und einer großen Anzahl von Parteien unterschiedlicher politischer Orientierung im politischen Spektrum. Inwiefern diese generellen Beobachtungen einer Analyse im spezifischen Einzelfall standhalten, soll im Folgenden anhand des Fallbeispiels Kanadas untersucht werden.

3. Rahmenbedingungen der kanadischen Politik

Um die Entstehung von Parteiensystemen bzw. deren Entwicklung im Laufe der Jahre stichhaltig analysieren zu konnen, miissen zuerst die Rahmenbedingungen skizziert werden, innerhalb derer sich ein Parteiensystem entwickelt. Dabei spielen insbesondere das politische System an sich, das Wahlrecht im Speziellen sowie die politische Kultur eines Landes eine zentrale Rolle. Diese Aspekte sollen nun fur Kanada genauer ausgefuhrt werden.

3.1. Die Entwicklung des politischen Systems in Kanada

Vorab soil ein kurzer Uberblick dariiber gegeben werden, wie sich das aktuelle politische System Kanadas heraus entwickelt hat, in dessen Kontext die Entwicklung des Parteiensystems erst zu verstehen ist. Verfassungsrechtlich begriindet wurde Kanada durch den vom britischen Parlament erlassenen British North America Act (BNA) von 1876. Dieser bildet bis heute die Grundlage der kanadischen Verfassung und definierte Kanada als sogenanntes dominion, also eine sich selbst verwaltende Kolonie mit enger Bindung zum Mutterland GroBbritannien. Weiterhin legte der BNA das Regierungssystem Kanadas sowie die Gesetzgebungszustandigkeiten zwischen dem Bund und den Provinzen fest.22 Mit dem Statut von Westminster 1931 erhielt Kanada voile gesetzgeberische Unabhangigkeit von der britischen Krone, gewisse verfassungsrechtliche Bindungen blieben jedoch weiterhin bestehen. Erst mit dem Verfassungsgesetz von 1982 (Constitution Act) erlangte Kanada dann die vollstandige formale Unabhangigkeit von GroBbritannien, Verfassungsanderungen mussten danach nicht mehr vom britischen Parlament genehmigt werden. Qua Verfassung ist Kanada formal eine konstitutionelle Monarchic innerhalb des britischen Commonwealth, dessen Regierungssystem nach dem britischen Westminster-Modell konzipiert wurde. Das kanadische Parlament besteht aus dem Monarchen, dem Unterhaus (House of Commons) mit derzeit 338 Sitzen gewahlten Mitgliedem und dem Senat (Senate) mit derzeit 105 nicht direkt gewahlten, sondem von der britischen Konigin als Staatsoberhaupt auf Vorschlag des Premierministers emannten Mitgliedem. Das Oberhaus war urspriinglich gedacht als Kammer der territorialen Representation, spielt jedoch im politischen Alltag eine untergeordnete Rolle.

Daneben ist das politische System Kanadas gepragt von einer foderativen Gewaltenteilung. Kanada ist ein in zehn Provinzen und drei Territorien gegliederter parlamentarisch-demokratischer Bundesstaat. Wahrend die Provinzen iiber einen hohen Grad an Autonomie verfugen, ubemimmt in den Territorien die Bundesregierung einen GroBteil der Verwaltungsaufgaben selbst. Alle Provinzen und Territorien besitzen ihrerseits ein Einkammerparlament und einen Premierminister als Regierungschef. Wahrend in den meisten Verfassungen foderaler Staaten lediglich die Gesetzgebungskompetenzen des Bundes explizit aufgefuhrt werden, zahlt das Verfassungsgesetz Kanadas nicht nur in Artikel 91 die ausschlieBlichen Kompetenzen des Bundes, sondem in den Artikeln 92, 92 a) und 93 auch die ausschlieBlichen Kompetenzen der Provinzen auf. Demnach verfugen die Provinzen iiber ein weitgehendes Gesetzgebungsrecht, beispielsweise in den Bereichen Steuerpolitik, dem Bau und Betrieb offentlicher Einrichtungen, dem Gemeinde- und Schulwesen, Gast- und sonstiges lokales Gewerbe, Eigentum und biirgerliches Recht, Gerichtsverfassungsrecht, Zivilprozessrecht, Bergbau, Forstwirtschaft und Energie.23 Die groBe Bedeutung der Provinzebene manifestiert sich ebenfalls durch regelmaBige Treffen der Provinz-Premiers mit der Bundesregierung. Der kanadische Foderalismus ist weiterhin asymmetrischer Natur, da nicht alle Gliedstaaten aufgrund von starken soziookonomischen und kulturellen Unterschieden gleichbehandelt werden und insbesondere Quebec einen Sonderstatus als distinct society beansprucht.

3.2. Das kanadische Wahlrecht

Das kanadische Wahlrecht funktioniert auf Bundes- und Provinzebene nach der relativen Mehrheitswahl in Einerwahlkreisen und wird in der Literatur zumeist als first-past-the-post System beschrieben. Die GroBe der Wahlkreise ist dabei proportional zur jeweiligen Bevolkerungszahl, die Gewinner der Wahlkreise ziehen nach dem winner-takes-all-Prinzip ins Parlament ein. Daneben gibt es verschiedene Zusatzregelungen, die sich auf die Verteilung der Mandate auswirken.

[...]


1 In deutscher Sprache 1959 erschienen als: Duverger, Maurice: Die politischen Parteien, J.C.B. Mohr 1959.

2 Vgl. Sartori, Giovanni: Parties and party systems, Cambridge 1976.

3 Vgl. Von Beyme, Klaus: Parteien in westlichen Demokratien, Mtinchen 1982.

4 Niedermayer, Oskar 2007, S. 197.

5 Vgl. Sartori, Giovanni 1976, S. 130ff.

6 Vgl. Duverger, Maurice 1959, S. 117f.

7 Niedermayer, Oskar 2013, S. 85.

8 Vgl. Sartori, Giovanni 1976, S. 121 f.

9 Niedermayer, Oskar 2013, S. 86.

10 Vgl. Rae, Douglas W. 1968, S. 413ff.

11 Vgl. Laakso, M./Taagepera, R. 1979, S. 5ff.

12 Niedermayer, Oskar 2013, S. 87.

13 Ebd.

14 Vgl. Downs, Anthony 1957, S. 96ff.

15 Vgl. Lipset, Seymour Martin/Rokkan, Stein 1967, S. 45ff.

16 Vgl. Von Beyme, Klaus 1982, S. 36f.

17 Vgl. Lijphart, Arend 1999.

18 Vgl. Lane, Jan-Erik/Ersson, Svante 1999.

19 Vgl. Kartoffeldiagramme des Sinus-Institut, unter: https://www.sinus-institut.de, abgerufen am: 11.02.2018.

20 Vgl. Brozus, Lars 2010, S. 633.

21 Vgl. Sartori, Giovanni 1976, S. 131ff.

22 Vgl. Jackson, Doreen/Jackson, Robert J. 2006, S. 58f.

23 Vgl. ebd., S. 81f.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das multipolare Parteiensystem in Kanada. Entwicklungslinien und Erklärungsansätze
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Politische Wissenschaft)
Note
1,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
28
Katalognummer
V418858
ISBN (eBook)
9783668678538
ISBN (Buch)
9783668678545
Dateigröße
657 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Parteiensysteme, Kanada, Multipolare Parteiensysteme, Politische Wissenschaft, Vergleich, kanadisches Parteiensystem
Arbeit zitieren
Jonathan Loos (Autor), 2018, Das multipolare Parteiensystem in Kanada. Entwicklungslinien und Erklärungsansätze, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418858

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Das multipolare Parteiensystem in Kanada. Entwicklungslinien und Erklärungsansätze


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden