Spracherwerbs-Hypothesen und deren Konsequenzen für DaZ Lehrende und Lernende


Hausarbeit, 2018

16 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Kontrastivhypothese
2.1 Entstehung und Grundlage
2.1 Kritik an der Kontrastivhypothese

3. Die Identitätshypothese
3.1 Entstehung und Grundlage
3.2 Der Nativistische Ansatz (nach Chomsky)
3.3 Kritik an der Identitätshypothese

4. Die Interlanguage-Hypothese
4.1 Entstehung und Grundlage
4.2 Die Interimssprache und ihre Merkmale
4.3 Entwicklungen der Interimssprache
4.4 Fossilierungen

5. Konsequenzen für den DaZ Unterricht/ die Praxis

6. Fazit

7. Quellen

1. Einleitung

Sprache – etwas Alltägliches, mit dem jeder von uns tagtäglich konfrontiert wird. Und doch wissen die meisten Leute kaum etwas darüber. Besonders nicht über den Erwerb einer Sprache (vor allem über den Erwerb einer Zweitsprache) beziehungsweise wie dieser verläuft.

Insbesondere aber für DaZ-Lehrende kann das Wissen über den Verlauf des Erwerbs einer Zweitsprache von großem Vorteil sein. Denn, wenngleich heutzutage wohl bekannt sein sollte, dass der Zweitspracherwerb auch maßgeblich mit der Erstsprache des Lernenden verbunden ist, so herrscht noch immer Unklarheit darüber, inwieweit Erst- und Zweitsprache in Verbindung miteinander stehen, wenn es um den Zweitspracherwerb geht.

Dass der Zweitspracherwerb auch, und erst recht, in Deutschland eine große bzw. immer größer werdende Rolle spielt, liegt sicherlich auch an den zunehmenden Migrations- und Fluchtbewegungen in und nach Europa.

Vor allem aber im deutschen Schulsystem scheint diese Erkenntnis noch immer nicht ganz angekommen zu sein, schließlich haben Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Erstsprache, trotz einer im Durchschnitt hohen Lernbereitschaft, oftmals deutlich schlechtere Ergebnisse in Schulleistungsstudien, verglichen mit den Ergebnissen von Schülerinnen und Schülern mit Deutsch als Erstsprache (Christensen & Stanat, 2006:62). Als Grund dafür kann die enge Verknüpfung zwischen Sprachlernen und Fachlernen angeführt werden, beispielsweise lassen sich keine Kenntnisse in den Naturwissenschaften erwerben, wenn sprachliche Kompetenzen fehlen (Kniffka & Siebert-Ott, 2007:8).

Um den Erwerb von Sprache besser verstehen zu können, ist es von Vorteil, sich mit den sogenannten Spracherwerbshypothesen zu beschäftigen. Im Nachfolgenden werden die drei Spracherwerbshypothesen „Kontrastiv, Identitäts-, und Interlanguagehypothese“ genauer betrachtet. Zusätzlich wird die an diesen Thesen geäußerte Kritik kritisch betrachtet und die Relevanz für die Unterrichtspraxis besprochen. Um den Ursprung der Identitätshypothese besser verstehen zu können, wird zudem kurz der von Noam Chomsky geprägte Nativismus besprochen.

2. Die Kontrastivhypothese

2.1 Entstehung und Grundlage

Begonnen werden soll also mit der wohl ältesten Hypothese zum Zweitspracherwerb, der Kontrastivhypothese. Dieser Hypothese liegt ein behavioristischer Ansatz zu Grunde und sie geht zurück auf Fries (1945) und wurde von Lado (1957) weiterentwickelt (Fischer, 2014:14). Grundannahme dieser Hypothese war es, dass der Erwerb der Zweitsprache mit der Struktur der Erstsprache verbunden bzw. von dieser abhängig ist (Tunç, 2012:46). Daraus resultierend werden Strukturen der Zweitsprache, die mit Strukturen der Erstsprache übereinstimmen, leichter und schneller erlernt, was als positiver Transfer bezeichnet wird (ebd.). Als negativen Transfer würde man demnach Strukturen und Regeln der beiden Sprachen, die sich voneinander unterscheiden und zu Lernschwierigkeiten führen, bezeichnen (Tunç, 2012:47). Der Prozess der Sprachaneignung wird bei dieser Hypothese also als „mechanisches Erlernen einer Routine“ verstanden (Döll, 2012:24). In den Worten Lados ausgedrückt, tendiert der Lernende dazu, Strukturen und Eigenschaften aus der Erstsprache auf die Zweitsprache zu integrieren:

„[I]ndividuals tend to transfer forms and meanings, and the distribution of forms and meanings of their native language and culture to foreign culture and language, both productively […] and receptively […]“ (1957:2 zit. in Fischer, 2014:14).

Es wurde weiterhin angenommen, dass man mithilfe der Hypothese vorhersagen könne, welche positiven und negativen Transfers im Aneignungsprozess zu erwarten seien (Döll, 2012: 25). Wenngleich sich auch immer wieder Verbindungen zwischen Strukturen der Erstsprache und damit verbundenen falschen Äußerungen in der Zweitsprache feststellen lassen, so wird dieser „hohe Anspruch an Sprachvergleiche […] empirisch jedoch nicht gestützt“ (Grießhaber, 2010 zit. In Döll, 2012:25).

Nach dieser Hypothese spielt also vor allem das sprachliche Vorwissen die entscheidende Rolle im Aneignungsprozess der Zweitsprache.

2.1 Kritik an der Kontrastivhypothese

Bereits in den sechziger Jahren ist die Kontrastivhypothese scharf in die Kritik geraten, da man laut Tunç die behavioristische Grundannahme in Frage gestellt hatte (2012:47). Daraufhin widerlegten in den siebziger Jahren empirische Studien die Kontrastivhypothese in ihrer starken Form, bzw. den prognostischen Anspruch der Hypothese (ebd.). Von Oksaar wurde weiterhin die „Gleichsetzung von linguistischen Strukturunterschieden mit psychologisch bedingten Prozessen wie Transfer/Interferenz, verbunden mit dem Versuch, aus diesen Lernschwierigkeiten bzw. Lernerleichterung vorauszusagen“ kritisiert (2003: 99).

Das Hauptproblem bzw. die Hauptkritik die immer wieder vorkommt ist also der prognostische Anspruch der Studie. Fischer weist darauf hin, dass es zwar einerseits dort Fehler gäbe, wo große strukturelle Unterschiede vorliegen, solche Strukturen aber auch oft gelernt werden; selbiges gilt für Lernschwierigkeiten

(2014:15). Andererseits würde vor allem dort, wo Strukturen der Erst- und Zweitsprache ähnlich sind, Fehler und Schwierigkeiten sehr oft vorkommen (ebd.).

Als Resultat aus der Kritik an der Kontrastivhypothese bildete sich eine abgeschwächte Version, „bei der der interlinguale Prozess des Transfers erhalten bleibt, jedoch auch intralinguale Interferenzen (Übergeneralisierungen) berücksichtigt werden“ (Tunç, 2012:48). Weiterhin verzichte die abgeschwächte Version auf den prognostischen Anspruch (ebd.).

Auch wenn heute natürlich immer noch die Frage des Transfers von der Erstsprache zur Zweitsprache, oder auch zwischen Sprachsystemen auf großes Interesse stößt, so muss man zugeben, dass die Kontrastivhypothese einerseits, wie bereits erwähnt (in ihrer starken Form) widerlegt, und andererseits nicht mehr zeitgemäß ist.

Gleiches gilt für den behavioristischen Ansatz, weshalb auf diesen, in dieser Arbeit, nicht eingegangen werden soll.

3. Die Identitätshypothese

3.1 Entstehung und Grundlage

Als Reaktion auf die Kontrastivhypothese kann die Identitätshypothese gesehen werden, welche von Dulay und Burt aufgestellt wurde. Dulay und Burt gingen von der L2 aquisition = L1 aquisiton hypothesis aus, also davon, dass der Zweitsprach ähnlich dem Erstspracherwerb ablaufen würde (Fischer, 2014:16). Sie zeigten außerdem auf, dass nur ein geringer Teil der Fehler, die in der Zweitsprache gemacht werden, auf Sprachkontraste zurückzuführen sind und dass vielmehr die Grammatik der Zielsprache entscheidend sei, will man Fehler im Lernprozess erklären (ibid.).

Grundlage dieser Hypothese war der sogenannte „Bilingual Syntax Measure“-Test, welcher ursprünglich Verwendung bei Kleinkindern fand (Edmondson, 1999: 43). Der Grundgedanke war der, dem Kind ein Bild zu präsentieren und eine bestimmte Frage zu stellen, die zur Nutzung einer bestimmten grammatischen Varietät führen sollte (ebd.). Allerdings ist laut Edmondson nicht ganz klar ersichtlich, welchen Zweck dieser Test hatte, da lediglich festgestellt werden konnte, dass es Gleichheiten, aber auch Unterschiede zwischen L1-Aufgaben und L2-Aufgaben bei verschiedenen Lernergruppen gab (Edmondson, 1999:44).

Weiterhin wird die Identitätshypothese häufig als eine Art Erweiterung von der von Chomsky entwickelten Idee einer universalen Grammatik gesehen, auf die im Anschluss eingegangen wird. Dulay und Burt entwickelten aus Chomskys Idee heraus die These, dass „der Lernprozess durch psychische Strategien bestimmt ist, die sowohl beim Erst- als auch beim Zweitspracherwerb wirken“ (Fischer, 2014:16). Daraus folgt, dass Elemente und Regeln der Zweitsprache in der gleichen Reihenfolge erworben werden wie in der Erstsprache, indem vom Lernenden angeborene mentale Prozesse aktiviert werden (Bausch/ Kasper, 1979:9).

Anders als bei der Kontrastivhypothese, bei welcher davon ausgegangen wurde, dass Entwicklungssequenzen in der zweitsprachlichen Erwerbsabfolge durch die Struktur der Erstsprache gesteuert werden, konnte aus der Identitätshypothese geschlussfolgert werden, dass die Struktur der Zweitsprache Entwicklungssequenzen in der zweitsprachlichen Erwerbsabfolge steuert (Fischer 2014: 16).

Einfach ausgedrückt kann man also schlussfolgern, dass, nach der Identitätshypothese, der Erwerb der L2 dem Erwerb der L1 im Prinzip gleich ist.

3.2 Der Nativistische Ansatz (nach Chomsky)

In diesem Abschnitt soll auf Chomskys nativistischen Ansatz und auf die von ihm entwickelte Universalgrammatik eingegangen werden, da diese, wie bereits erwähnt, als eine Art Grundlage für Dulays und Burts Theorie gesehen werden kann.

Nach Chomskys eigener Definition ist es Kindern kognitiv nicht möglich, aus der gehörten Sprache Regeln abzuleiten. Es ist ihnen eine sprachspezifische Fähigkeit angeboren, durch welche der Spracherwerb intuitiv und unbewusst erfolgt (Chomsky, 2002:93). Sprache wird als etwas zu komplexes angesehen, als dass Kleinkinder Sprache nur aufgrund von Imitation bzw. Verstärkung erwerben könnten (ebd.). Wie von Harden beschrieben, geht der Nativismus also davon aus, dass Sprache bereits vorliegt, beziehungsweise vorhanden ist, und daher nicht erlernt werden muss (2006:136). Nicht jedoch als kognitives Vermögen, das sich irgendwo im Gehirn befindet, sondern ganz konkret als ein Organ, ein Sprachorgan, welches häufig als Universalgrammatik bezeichnet wird (ebd.). Seine Theorie von einer Universalgrammatik, die oft auch als „eine Art Schaltkreis im menschlichen Gehirn“ bezeichnet wird, publizierte Chomsky bereits im Jahre 1957 (Harden, 2006: 136). Diese Universalgrammatik lenkt die Syntax aller Sprachen und bildet die Basis für alle weiteren Sprachen die ein Mensch im Laufe seines Lebens erlernt (Bornemann, 2015:33). Bornemann schlussfolgert daraus, dass von jedem Menschen in der L2 nur jenes Wissen erworben wird, welches den Regeln der L1 entspricht (ebd.).

Wichtig zu erwähnen ist allerdings, dass das Konzept dieser Universalgrammatik primär nicht für den Fremd- bzw. Zweitspracherwerb ausgelegt war, wenngleich selbige oftmals als Grundlage zur Erklärung der Prozesse die beim Fremd- bzw.

Zweitspracherwerb ablaufen, herangezogen wird (Harden, 2006:137).

Grundlegend wird die Umwelt des Lernenden, von einem nativistischen Standpunkt aus, als unerheblich angesehen. Für diese Sichtweise verantwortlich ist unter anderem der defiziente Input, also das Sprachmaterial dem ein Kind ausgesetzt ist, während es seine Muttersprache lernt (Harden, 2006:137). Dieser Input sei voller Fehler und zudem unvollständig und dennoch gelingt es Kindern scheinbar mühelos die Muttersprache richtig zu erlernen (ebd.). Weiterhin spielen die unzureichende kognitive Entwicklung, die Unterdeterminiertheit der Grammatik, sowie die Kreativität in der Sprache wichtige Rollen bezogen auf die Sichtweise des Nativismus. Harden kritisiert hier vor allem behavioristische Erklärungsansätze, indem er aufzeigt, dass es nicht zu erklären sei, dass bei Kindern Fehler nicht auftreten, die aber bei Erwachsenen Fremdsprachenlernern, deren kognitive Entwicklung abgeschlossen ist, auftreten (Harden, 2006:138). Außerdem führt Harden an, dass Kinder regelkonforme Sätze bilden können, obwohl sie diese nie zuvor gehört haben (2006:139).

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Spracherwerbs-Hypothesen und deren Konsequenzen für DaZ Lehrende und Lernende
Autor
Jahr
2018
Seiten
16
Katalognummer
V418922
ISBN (eBook)
9783668680616
ISBN (Buch)
9783668680623
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
spracherwerbs-hypothesen, konsequenzen, lehrende, lernende
Arbeit zitieren
Sinan Ottavianelli (Autor:in), 2018, Spracherwerbs-Hypothesen und deren Konsequenzen für DaZ Lehrende und Lernende, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418922

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