Vom hörbaren Lächeln und sichtbarer Zeit. Eine medienpoetologische Reflexion über Wolfgang Hildesheimers Hörspiel "Prinzessin Turandot" und Drama "Die Eroberung der Prinzessin Turandot"


Hausarbeit, 2017
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

I. Einleitung (historischer Kontext, Forschungsubcrblick. Fragestellung)

Am 29. 1. 1954 wurde die erste Fassung des Horspiels „Prinzessin Turandot“ von Wolfgang Hildesheimer unter der Regie von Gert Westphal im Nordwest-deutschen Rundfunk urausgestrahlt. Am 10. 10. 1954 folgte die Ursendung der zweiten Fassung des Horspiels. die sich nur durch den Schluss von der ersten Fassung. in der der falsche Prinz Turandot die Stadt zeigen will[1]. unterscheidet, im Suddeutschen Rundfunk unter der Regie von Otto Kurth[2]. Fur sein NWDR Horspiel, an dessen Produktion er mitgearbeitet hat. erhielt Hildesheimer 1955 den Horspielpreis der Kriegsblinden, der zum vierten Mal vergeben wurde. Die Bemuhungen um eine neue Kunstgattung gabe besonders den „Nichtsehenden“[3] -gemeint sind die vielen Kriegsblinden. welche auch Teil der Jury waren- viel, da „Heilung nur im Geiste moglich“[4] sei. Durch diese renommierte Auszeichnung seines „eigens fur den Rundfunk geschriebene[n] Werk[es]“[5] erlangte Hildesheimer bundesweit das Ansehen eines bekannten Horspielautors. 1960 erschien das Drama „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“, welches die zweite Dramenfassung des Turandot-Stoffes darstellt und nachweislich das erste Mal 1967 aufgefuhrt wurde.[6] Dies ist einer der seltenen Falle, wo ein Horspiel zu einem Drama umgearbeitet wurde und nicht umgekehrt, weil „diese neue, ganz eigenstandige Dichtungsgattung Horspiel die Kraft entwickel[n musste], sich neben Roman und Drama einen Platz in der literarischen Wertung zu erobern“[7] und sich als „legitime Kunstform“[8] mit eigenen Merkmalen zu etablieren. Geschichtlich betrachtet sind das Drama und das Horspiel eng mit einander verknupft: Auf die anfangliche Ubertragung von Dramen im Radio folgte die Adaption der Buhnenstucke an das Radio. bis sich das Horspiel schlieBlich emanzipierte und es „seinerseits gebend das Theater [...] bereicher[te]“[9]. „Die Zeit“ kritisierte, dass es zahlreiche dramatische Kunstler gabe, die fur den Funk und nicht fur das Theater schreiben und somit den Funk als „Probierstein“[10] fur ihr Theater benutzten, ohne dabei die schwere okonomische Situation der Dramenautoren[11] zu beachten. Hirsch sieht vor allem die Finanzierung seitens der Autoren sowie des Rezipienten als Grund fur den Erfolg des neuen Mediums an:

Mit dem Rundfunk stand den Modernern gegenuber aufgeschlossenen Autoren der Gruppe 47[, dessen Mitglied Hildesheimer war,] ein Medium zur Verfugung, das einen raschen und unmittelbaren Zugang zu breiten Rezipientenschichten offnete. Es war viel unabhangiger von okonomisch risikoreichen Vertriebswegen als Bucher und Zeitschriften und gelangte direkt in die intime Atmosphare der Wohnstuben. Vielen Horern ersetzte die Rundfunklesung das Buch und das Horspiel die -fur viele unerschwingliche oder unzugangliche- Rezeption dramatischer Texte im Theater.[12]

Nichtsdestotrotz wurden Funk und Fernseher aufgrund der „Fluchtigkeit des gesprochenen Wortes“[13] gegenuber dem Buch als Medium zweiter Klasse angesehen.

In der Wissenschaft hat Hildesheimers Bearbeitung des Turandot-Stoffes vor allem unter dem Aspekt der Motivgeschichte[14] Beachtung gefunden, allerdings liegt bis jetzt kein Vergleich zwischen seinem Horspiel „Prinzessin Turandot“ und seiner Komodie „Die Eroberung der Prinzessin Turandot“ unter dem Aspekt des jeweils verwendeten Mediums vor, sodass diese Hausarbeit die Eigenheiten des Horspiels[15] sowie des Dramas[16] vergleichend analysiert.

II. Hildesheimers Horspiel ■.Prinzessin Turandot“

II. A) performative Aussagen von Hildesheimer uber das Medium des Horfunks

Das Medium des Horfunks kame Hildesheimers Arbeit entgegen, allerdings habe er sie „im Zuge [s]einer Arbeit eigentlich erst entdeckt“[17] und anschlieBend genutzt. Seine fruheren Prosastucke hatten einen Hang zu Dialogen, die zwar „die Einheit der Zeit hatten, aber nicht die des Ortes“[18]. Hildesheimer sah es als eine reizvolle Aufgabe, Dialoge zu schreiben, die alles sichtbare, alles Buhnenhafte vermeiden oder schon in sich tragen, so daB [sic!] die Buhne nicht mehr notig ist, und danach sind meine Horspiele auch konzipiert, und so sind sie eigentlich auch alle. Zwei oder drei davon wurden nachher zu Buhnenstucken verarbeitet. Aber ein Gewinn war das nicht. Sie haben dadurch nicht an Substanz gewonnen.[19]

II. B) Sprache im Horspiel

In einer Rezension zum Horspiel heiBt es: „Der Horer wird umso leichter zum naiven Zuhorer, als hier die Sprache der Gegenwart gesprochen wird, ohne je in die falsche Tonart eines schopp schludrigen Gegenwartsjargon zu geraten.“[20] Um sich der Aufmerksamkeit des Horers sicher zu sein und die Illusion eines echten Dialogs aufrecht zu erhalten, muss moglichst naturliche Sprache im Horspiel verwendet werden. So wie im Theater mithilfe von Requisiten die Illusion erschaffen werden soll, dass der Zuschauer einem Ausschnitt aus dem wirklichen Leben zuschaut, so [21] soll der Zuhorer glauben einem echten Gesprach zuzuhoren.

II. C) Paratexte (Stimmverzeichnis, Regieanweisungen)

Als Paratexte werden hier das Stimmverzeichnis und die Regieanweisungen betrachtet, da diese im Horspiel nicht horbar sind. Das Stimmenverzeichnis ist in chronologischer Reihenfolge nach dem jeweilig ersten Sprechauftritt aufgebaut.

Pnina hat nur die Funktion „Sklavin“ (S. 106)[22] und nicht auch noch Prinzessin zugeordnet. Auffallig ist, dass keine feste Vorspielmusik vorgesehen ist und die Regieanweisungen oft ex negativo sind, sodass festgelegt ist wie es nicht sein soll: „Keine Ansage. Musikalisches Vorspiel, das sofort Atmosphare festlegt, ohne dabei in den Pagodenstil einespseudochinesischen Charakterstuckes auszuarten.“ (S.107) Zum Teil sind die Regieanweisungen sehr exakt und bildlich: „laut, mit dem Pathos eines Heroldes, uber Hall“, „erregt, mit Spannung“, „abgeklart, mifibilligend [sic!]“, „naiv, versunken“ (S. 107). Neben den bildlich prazisen sowie ex negativo

Regieanweisung lasst sich eine dritte Art, die erklarende Regieanweisung, kategorisieren: „steht unter dem Pantoffel seiner Tochtef" (S. 110). Manche Regieanweisungen wirken wie Feststellungen („Kaiser dringt mit seinem Protest nicht durch‘ S. 112), sodass Hildesheimers Intention, sein Werk so eindeutig unmittelbar verstandlich wie moglich zu gestalten[23], uberehrgeizig verfolgt wurde und an dieser Stelle deutlich zu erkennen ist. Das Horspiel sowie die Komodie prasentieren eine konkrete Realisation von Hildesheimers Idee. Die Eigenart des Lachens des echten Prinzen kommt durch den Sprecher zustande; im Horspieltext findet das barbarische Lachen in der individuellen Imagination statt und bleibt abstrakt: „Prinz [...] Lacht barbarisch Haha-Haha—“ (S. 133). Desweiteren werden Pausen in den Regieanweisungen indiziert.

II. D) Raum

Der Sprechaufritt sowie -abgang wird entweder mithilfe von Schrittgerauschen oder/ und sprachlichen („Gute Nacht!“ S. 109) bzw. performativen Ankundigungen („Ich gehe jetzt.“ S. 116) durch prasente Stimmen geauBert. So werden Schritte eingeblendet, um zu signalisieren, dass Liang den Raum verlasst, wobei dies zusatzlich untermauert wird durch ihren performativen sprachlichen Abgang, oder dass eine Stimme dabei ist den Raum zu betreten („dann wieder Schritte, sich nahernd‘ S. 109).

Das Horspiel bietet die Moglichkeit in der Lautstarke zu variieren und damit einen Raum mit Vorder- sowie Hintergrund zu eroffnen: „Musik wahrend der Worte des Ansagers zurucknehmen.“ (S. 107) Indem „nah am Mikrofori‘ (S. 120) gesprochen wird, soll der Eindruck erweckt werden, als wenn der Zuhorer in Turandots Rolle schlupft und die Ansprechperson bzw. der Adressat des Geflusters sei. Auffallig ist auch die Diskrepanz der Wissensverteilung zwischen dem Horspieltext und der Horspielproduktion: Das Streitgesprach solle „laut [sein], da die beiden in ziemlichem Abstand voneinander sitzeri‘ (S. 120), jedoch wird diese Konstellation bis zur Seite 122 („19 Prinzen haben auf dem Stuhl gesessen auf dem Sie sitzen") dem Horer nicht deutlich.

In der Tradition des Vorlesens bzw. Marchenerzahlens wird nicht der Originaltitel „Prinzessin Turandot“ des Horspiels genannt, sondern eine Periphrase, die durch ihre Lange den Beginn des Horspiels deutlich macht. Der gesamte Spielraum der Akustik wird ausgenutzt, sodass vor dem inneren Auge Bewegung entsteht: „kommt wahrend des Folgenden naher und verklingt dann wieder.“ (S. 107) Mithilfe des Tonstudios, das O-Tone einbauen kann, soil „Strafien-Akustik“ (S. 107) gewahrt sein, die im Theater nur mittels Off-Stage Gerauschen realisiert werden kann und vom Publikum deutlich als kunstlich wahrgenommen wird. Es geht um das Gefuhl, das Hildesheimer erschaffen will und um die Situation, die aufgrund des Mediums akustisch erzeugt und geklart werden muss, sodass einfach „ Volk“ (S. 107) in der Regieanweisung steht und nicht z. B. Unterhaltung des Volkes. Dem Horer soll die Prasenz einer Masse bewusst gemacht werden.

Ein groBer Vorteil des Mediums Horspiel ist der plotzliche Schauplatzwechsel, der im Drama zeitaufwendig ist, Requisiten benotigt sowie meistens durch den Vorhangfall angekundigt, wenn nicht gerade durch eine Wortkulisse herbeigeredet, wird. So steht im Ubergang vom vierten zum funften Sprechauftritt einfach „Anderer Raum“ (S. 112) in der Regieanweisung.

II. E) Phantasie statt optischer Darstellung

Die Stimmen sind der Augenersatz fur den Horer, was sie nicht beschreiben, obliegt der Phantasie des Horers. So wird die auBere Erscheinung des Kaisers- „Liang jlustert Er ist im Nachtgewand“ (S. 110)- festgelegt und unterstreicht die Wichtigkeit seines Besuchs sowie seine Schlauheit, da er mit seiner Kleidung seine sprachliche „Zerstreutheit“ unterstutzend fingiert“ (S. 110). Ahnlich der Mauerschau im Drama wird mit einer AuBerung der Raum ausgeweitet und eine neue Figur einerseits den anderen Figuren und andererseits dem Horer ins Blick- bzw. Horfeld eingefuhrt, sodass man hier von einem doppelten Schauen sprechen kann: „Da! Der Henker!

Wie das Rot leuchtet.“ (S. 107) Durch die Erwahnung der Farbe wird beim Horer die Assoziation zum europaischen Stereotyp des Henkers mit der roten Henkersmaske hergestellt, die das Gesicht nicht erkennen lasst und somit keine Identifikation der Person hinter der Maske zulasst. Dies auBert eine Frau, welche die hingerichteten Prinzen mitzahlt und „schon auf den nachsten gespannt“ (S. 107) ist, was man als Kritik an der Neuigkeits- bzw. Katastrophengeilheit des Volkes deuten kann.

[...]


[1] Vgl. Wolfgang Hildesheimer: Gesammelte Werke in sieben Banden. Hg. v. Christiaan Lucas Hart Nibbrig und Volker Jehle. Bd. 5: Horspiele. Stuttgart 1991, S. 519.

[2] Vgl. Hildesheimer: Horspiele. S. 540-547.

[3] Schroders Rede in Der Kriegsblinde 6 (1955). H. 8. S. 6.

[4] ebd., S. 7.

[5] Der Kriegsblinde 6 (1955). H. 7. S. 5.

[6] Vgl. Wolfgang Hirsch: Zwischen Wirklichkeit und erfundener Biographie: Zum Kunstlerbild bei Wolfgang Hildesheimer. Hamburg 1997, S. 81.

[7] Der Kriegsblinde 6 (1955). H. 7. S. 7. Aus dem Presseecho zum Horspielpreis; hier „Telegraf‘, Berlin.

[8] ebd. Aus dem Presseecho zum Horspielpreis; hier „Bremer Nachrichten“.

[9] Der Kriegsblinde 6 (1955). H. 8. S. 7.

[10] ebd.

[11] Der besseren Lesbarkeit wegen ist im Folgenden nur die mannliche Form von Personen gegeben, die weibliche Form ist impliziert.

[12] Hirsch: Wirklichkeit und Bibliographie, S. 57.

[13] ebd.

[14] Vgl. Heinz Puknus: Wolfgang Hildesheimer. In: Autorbucher 11. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold und Ernst-Peter Wieckenberg. Munchen 1978, S. 31-39; 44-57.

[15] in seiner zweiten Fassung, weil diese die von Hildesheimer praferierte Fassung ist. (Vgl. Volker Jehle: Wolfgang Hildesheimer. Werkgeschichte. Frankfurt a.M. 1990, S. 217.)

[16] Hildesheimers erste klassische Dramenfassung des Turandot-Stoffes „Der Drachenthron. Komodie in drei Akten“ von 1955 entstand parallel zu den beiden Fassungen des Horspiels, sodass ein Vergleich mit der spateren zweiten Dramenfassung fruchtbringender ist. Vgl. Hirsch: Wirklichkeit und Biographie, S. 80.: „Ich habe angefangen mit dem Theaterstuck, habe das Theaterstuck liegen lassen, habe dann das Horspiel geschrieben und dann danach das Theaterstuck fertig geschrieben.“

[17] Wolfgang Hildesheimer: Fur mich war das Medium erschopft. In: Wolfgang Hildesheimer: Ich werde nun schweigen. Gesprach mit Hans Helmut Hillrichs in der Reihe Zeugen des Jahrhunderts. Hg. v. Ingo Hermann. Gottingen 1993, S. 39-41, hier S. 39.

[18] ebd.

[19] ebd., S. 40.

[20] Der Kriegsblinde 5 (1954), H. 6, S. 15.

[21] Hildesheimer stellt fest, dass sein Horspiel „trotz des marchenhaften Milieus ein realistisches Konversationsstuck geworden“ ist. (Jehle: Werkgeschichte, S. 217.)

[22] Alle Zitate nach: Wolfgang Hildesheimer: Prinzessin Turandot. In: Wolfgang Hildesheimer: Gesammelte Werke in sieben Banden. Hg. v. Christiaan Lucas Hart Nibbrig und Volker Jehle. Bd. 5: Horspiele. Stuttgart 1991, S. 107-142., mit Seitenangabe im Text. Alle Hervorhebungen sind, soweit nicht anders vermerkt, original.

[23] Hildesheimer war sich der Problematik der Vermittelbarkeit der Texte durch die Sprecher bzw. die Schauspieler bewusst, obwohl er die Absicht verfolgte, sich ohne eine interpretierende Wiedergabe durch andere mitzuteilen. (Vgl. Hirsch: Wirklichkeit und Biographie, S. 153.)

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Vom hörbaren Lächeln und sichtbarer Zeit. Eine medienpoetologische Reflexion über Wolfgang Hildesheimers Hörspiel "Prinzessin Turandot" und Drama "Die Eroberung der Prinzessin Turandot"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
20
Katalognummer
V418932
ISBN (eBook)
9783668681385
ISBN (Buch)
9783668681392
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hildersheimer, Medienvergleich, Radio, Hörspiel, Drama, Medienpoetologie, Prinzessin Turandot
Arbeit zitieren
Alexandra Priesterath (Autor), 2017, Vom hörbaren Lächeln und sichtbarer Zeit. Eine medienpoetologische Reflexion über Wolfgang Hildesheimers Hörspiel "Prinzessin Turandot" und Drama "Die Eroberung der Prinzessin Turandot", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/418932

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