Ideologische Überschneidungen von Türkismus nach Gökalp und Faschismus nach Mussolini


Hausarbeit, 2017
18 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
Historischer Kontext

2. Vorstellung der Ideologien
2.1 (Pan-)Turkismus und Turanismus
2.2 Faschismus

3. Kategorische Betrachtung und Vergleich der Ideologien
3.1 Auffassung von Staat und Nation
3.2 Rolle des Individuums
3.3 Bedeutung von Religion
3.4 Demokratieverstandnis
3.5 Ethik

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bis zur zweiten Halfte des 19. Jahrhunderts war es im Osmanischen Reich untypisch, die Einwohner ethnisch und national zu kategorisieren. Eher wurde in Religionsgemeinschaften differenziert. Die nationale Klassifizierung entwickelte sich erst mit dem Aufkommen des turkischen Nationalismus als Protestform gegen den „kranken Mann am Bosporus“. Anhanger der sogenannten Jungturken waren zunachst die gebildete Oberschicht und Studenten, die im Ausland studiert hatten und die europaischen Nationalismen als Vorbild fur einen modernen Nationalstaat sahen (Schweizer 2016: 86). Mit der Grundung des Komitees fur Einheit und Fortschritt (CUP) 1889 als Widerstandsorganisation gegen den osmanischen Sultan Abdulhamid II. entwickelten sich die Jungturken unter anderem aus den Jungosmanen heraus und nahmen erstmals ihre politische Gestalt an. Anfangs richteten sich Jungosmanen gegen die damaligen Zustande des Osmanischen Reichs und forderten, dass die revidierte Verfassung von 1876 wieder in Kraft gesetzt werden sollte, damit auch das erste osmanische Parlament wieder politisch aktiv werden konnte. Mit der Zeit bildete sich innerhalb der Jungturken die dominierende Ansicht, einen integralen Nationalismus durchzusetzen, der ein panturkisches Land fordert, indem man alle Turkvolker in einen Staat vereinigt (Pekesen 2014: 1). Dies ist die entscheidende Differenz zwischen den nicht einheitlichen Jungturken und Jungosmanen.

Der (Pan-)Turkismus mit Tendenzen zum noch radikaleren Turanismus wurde zur einzigen Ideologie der Jungturken ab der jungturkischen Revolution 1908. Der Osmanismus, sowie der Islamismus wurden nach der Niederlage im ersten Balkankrieg ganzlich von den Jungturken verworfen, da man fur den Erhalt des Osmanischen Reichs aufgrund der territorialen Verluste keine Perspektive mehr sah (Agu→enoglu 1997: 135, 140).

Integralnationalistische Krafte, die nationale und religiose Minderheiten zugunsten eines groBturkischen oder turanischen Reichs ablehnten, setzten sich im CUP mit Ahmed Riza 1902 durch, als der liberale Flugel sich spaltete und seine eigene Partei mit Sabahaddin fur einen toleranten Bundesstaat grundete (Rohr 2015: 13-14). Diese turanische Vorstellung findet aktuell bei turkischen Ultranationalisten der Gruppe „Graue Wolfe“ immer noch Gehor und besteht als ihre Leitideologie. So identifiziert sich der ultranationalistische Autor, Hudaveniger Onur, mit einem abstrakten Turkentum, der imperialistische AusmaBe annehmen soll und sich nach der Weltherrschaft sehnt (Arslan 2009: 120-121). Naturlich fallt der Vergleich zwischen Jungturken und den Grauen Wolfen ernuchternd aus, weil sich der historische Kontext, sowie der Wunsch nach einer Demokratie gegensatzlich ist und die Grauen Wolfe sich mehrheitlich von einem demokratischen modernen System abwenden wollen und die Jungturken eins aufbauen wollten. Tendenzen zum Faschismus seitens der Jungturken sind allerdings enthalten. Gerhard Schweizer begreift den Genozid an den Armeniern als einen „Ubergang vom Nationalismus zum volkischen Faschismus“ (Schweizer 2016: 94) und erkennt auch in Ataturks Politik jungturkische Tendenzen, da auch in der Republik der Turkei eine Turkisierung in Gange war und ethnische Minderheiten kein Recht auf ihre Existenz hatten, sofern sie sich nicht mit dem Turkentum identifizieren wollten (Schweizer 2016: 95). In meinem Forschungsvorhaben wurde ich mich vor allem auf Schweizers erwahnte These beziehen und folgende Forschungsfrage beantworten:

Inwiefern gibt es ideologische Ubereinstimmungen zwischen Gokalps Turkismus und Mussolinis Faschismus?

Gesellschaftliche Relevanz erfahrt diese Hausarbeit, weil die momentanen politischen Gegebenheiten in der Turkei aufgrund der kontroversen Politik der Partei fur Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) einen vereinfachten Blick auf die Parteienlandschaft erzeugen und Tendenzen zum Panturkismus aller Parteien relativiert werden. Wissenschaftliche Relevanz ist vor allem enthalten, weil man die jungturkischen Bewegungen in der Politikwissenschaft nicht im Kontext des Faschismus behandelt hat und dazu noch keine wissenschaftlichen Artikel existieren.

Der historische Kontext wird uberschaubar gehalten, um den Rahmen der Hausarbeit nicht zu sprengen und spielt zur Zeit der Machtergreifung der CUP ab 1913 bis zum Ende des Volkermords an den Armeniern im Jahr 1916. Dadurch wird noch mal eine weitere gesellschaftliche Relevanz dargestellt, da der Turkismus zu der Zeit eskaliert ist. Um zu messen, inwiefern das CUP faschistisch ist, wurde ich Benito Mussolinis Werk „Der Geist des Faschismus“ mit der Ideologie der CUP, dem (Pan-)Turkismus, haufig auch Turanismus genannt, in Vergleich setzen und Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede ermitteln. Der Vergleich erfolgt, indem ich kategorisch die Kernpunkte beider Ideologien prazise darstelle und anschlieBend hinsichtlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleiche. Im letzten Teil wird ein Fazit gezogen, inwiefern ideologische Ubereinstimmungen zwischen dem CUP und dem Faschismus nach Mussolinis Verstandnis existieren.

Historischer Kontext

Da die Auseinandersetzung mit den Ideologien im Vordergrund steht, wird der historische Kontext kurzgehalten. Obwohl die Jungturken maBgebend fur die Modernisierung, Verwestlichung und Sakularisierung eintraten, dominierten ihre nationalistischen Zuge vor allem wahrend ihres Militarputsches 1913 (Gunay 2012: 103). Das jungturkische Triumvirat bildete sich 1914 aus den Anfuhrern der Jungturken Mehmet Talaat, Ismail Enver und Ahmed Cemal. Zu der Zeit wurden alle Parteien verboten und eine Verhaftungswelle gegen Demokraten und Sozialisten durchgefuhrt (Rohr 2015: 16). Auch wurden soziale und wirtschaftliche Reformen in den osmanischen Institutionen durchgesetzt, die der europaischen Orientierung und den jungturkischen Modernisierungsvorstellungen entsprachen.

Die jungturkische Bewegung revidierte allerdings ihre pluralistische Wertevorstellung mehrerer Nationalitaten und Kulturen. Die Turkisierung wurde zu einer nationalen Tugend, das Turkisch wurde zur einzigen erlaubten Amtssprache und das Schulwesen der Nichtturken wurde verdrangt. Mit dem turkischen Genozid an den Armeniern von 1915 bis 1916, organisiert von dem zwolfkopfigen Zentralkomitee der CUP, erlebte der jungturkische Nationalismus und die vollzogene Turkisierung ihren Hohepunkt (Rohr 2016: 28).

2. Vorstellung der Ideologien

An dieser Stelle sollen die Ideologien und die zugehorigen Begrifflichkeiten naher erlautert werden, mit denen ich mich auseinandersetzen werde.

2.1 (Pan-)Turkismus und Turanismus

Den Turkismus - auch Panturkismus genannt, der zunachst eher kulturell als politisch war, kann man am ehesten mit der Leitidee der unpolitischen Vereinigung Turk Ocagi („Turkischer Herd“) von 1911 beschreiben, in der sie sich fur die Starkung der turkischen Ethnizitat und der kulturellen Einigung aller turkstammigen Volker aussprechen (Agui9enoglu 1997: 138). Am Beispiel der Orientforscher in Europa begann man bereits ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts sich unter westlich gepragten osmanischen Intellektuellen mit der turkischen Geschichte, Kultur und Sprache zu befassen (Agui9enoglu 1997: 118). Erst dadurch entstand 1869 die erste Forderung einer Turkisierung der Sprachen im Osmanischen Reich von dem osmanischen General Mustafa Celalettin Pascha (Agui9enoglu 1997: 121).

Ab 1911 politisierte der erste turkische Soziologe Ziya Gokalp die Ansatze der Turk Ocagi und forderte, dass man der kulturellen Einheit der Turkstamme einen Nationalstaat gewahren sollte, um auch den Untergang des Osmanischen Reichs zu kompensieren (Agui9enoglu 1997: 142). Gokalp als Mitglied des Zentralkomitees fur Einheit und Fortschritt und des Kulturvereins Turk Ocagi stellte durch seine politischen Bemuhungen Kontakt zwischen den Vereinigungen her, wodurch die Turk Ocagi an politischen Einfluss gewann (Agui9enoglu 1997: 140). Befurworter des Turkismus sehen bei Turkvolkern Gemeinsamkeiten hinsichtlich Sprache, Abstammung und der Kultur. Vor allem im CUP erfuhr diese Ideologie eine hohe Zustimmung und wurde spater auch zum Leitbild.

Der Turkismus wurde mit dem Begriff Turanismus in der jungturkischen Ara synonym verwendet. Allerdings umfasst der Turanismus strenggenommen einen groBeren geographischen Raum, da man auch mongolische und finnougrische Volksgruppen zur turkischen Einheit miteinbezieht, weil den turkischen, mongolischen und finnougrischen Volkern eine turanische Abstammung zugesprochen wird (Pekesen 2014: 4). Doch Gokalp schlieBt in seiner mythischen Auffassung von Turanismus die Finnen, Mongolen und Magyaren aus, wodurch seine Auffassung eher dem Panturkismus entspricht (Gokalp 1920: 29-34). Der Begriff Turan hat seine Ursprunge im 6. Jahrhundert und meint ein Gebiet, welches als „Land der Turken“ bezeichnet werden kann und im zentralasiatischen Gebiet liegt (Pekesen 2014: 1-4). Gokalp glaubt, dass alle Turkvolker in einem Turanland vereinigt waren und begreift den Turanismus deswegen als eine utopische Endstufe des Turkismus (Gokalp 1920: 18-21). Er versucht in seiner Ideologie des Turkismus den europaischen Fortschrittsgedanken mit einem volkischen Nationalismus zu vereinen und den Islam hinsichtlich Sprache und Praktiken zu modernisieren.

Der integrale Nationalismus als Element des aggressiv-expansiven Turanismus der Jungturken kommt hervor, wenn das nationale Selbstbewusstsein durch politische und militarische Niederlagen geschadigt wird. Am Beispiel der Jungturken wird erkennbar, dass sie nach territorialen Verlusten im Westen aufgrund der Balkankriege in den Ersten Weltkrieg eingetreten sind und mit dem Eintritt begonnen haben Gebiete im Osten zu turkisieren und von nicht-turkischen Volkern zu saubern (Agui9enoglu 1997: 145-146). Edgar Hosch beschreibt die Folgen:

„Der Traum von der Errichtung eines nationalen Groflreiches war nur auf Kosten der unmittelbaren Nachbarn zu verwirklichen und hat die Atmosphare in den gegenseitigen Beziehungen vergiftet.“

(Hosch 1968: 10)

2.2 Faschismus

Der Faschismus, der als fester Bestandteil des 20. Jahrhunderts begriffen wird, stellt sich und mobilisiert gegen die marxistische Ideologie und dem Liberalismus. Er spricht sich auch gegen den Rationalismus und den Individualismus aus, welche die Grundlagen fur diese Ideologien bilden (Sternhell et al. 1999: 14, 23). Im Gegensatz zum Nationalsozialismus als extreme Variante des Faschismus ist der biologische Determinismus laut Zeev Stemhell keine notwendige Voraussetzung fur den Faschismus, dennoch sind Tendenzen vorhanden: erkennbar an Mussolini war der Kampf gegen den Marxismus deutlich relevanter als der Kampf gegen andere Rassen, bis im Jahr 1938 in Italien die Rassengesetze erlassen wurden (Stemhell et al. 1999: 15). Der Faschismus ist in seinen Ansichten und Theorien nicht homogen, was unter Anderem am Merkmal des biologischen Determinismus erkennbar ist. Faschisten verstehen sich als Gegner des Materialismus. Antimaterialismus druckt die Ablehnung gegen alles politisch Bestehende aus, das von den liberalen Demokratien ab dem 18. Jahrhundert praktiziert und konsolidiert wurde. Er richtet sich gegen die bestehende politische Kultur, seinen Grundlagen und gegen die Institutionen von der liberalen Demokratie (Stemhell et al. 1999: 22).

[...]

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Ideologische Überschneidungen von Türkismus nach Gökalp und Faschismus nach Mussolini
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Politische Ideologien des 20. Jahrhunderts
Note
1,7
Autor
Jahr
2017
Seiten
18
Katalognummer
V419038
ISBN (eBook)
9783668679726
ISBN (Buch)
9783668679733
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politik, Ideologien, Faschismus, Türkei, Mussolini, Gökalp, Ethnozentrismus, Nationalismus, Politische Ideologien, Jungtürken, Türkische Republik, Kemalismus
Arbeit zitieren
Candas Filiz (Autor), 2017, Ideologische Überschneidungen von Türkismus nach Gökalp und Faschismus nach Mussolini, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419038

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ideologische Überschneidungen von Türkismus nach Gökalp und Faschismus nach Mussolini


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden