Differenzierung und Individualisierung im inklusiven Unterricht bei gravierenden Lernschwierigkeiten


Hausarbeit, 2017

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.0 Einleitung

2.0 Begriffserklärungen & theoretische Hintergründe
2.1 Gravierende Lernschwierigkeiten
2.2 Inklusion
2.3 Differenzierung & Individualisierung

3.0 Differenzierung & Individualisierung im inklusiven Unterricht
3.1 Heterogenität
3.2 Individualisierung durch Differenzierungsmöglichkeiten
3.2.1 Äußere versus innere Differenzierung
3.2.2 Differenzierungsstrategien
3.3 Rolle der Lehrkraft

4.0 Kinder und Jugendliche mit gravierenden Lernschwierigkeiten im Fokus inklusiven Unterrichts
4.1 Individuelle Lernförderung
4.1.1 Förderort
4.1.2 Organisationsformen der Inklusion

5.0 Wochenplanarbeit als Beispiel idividualisierenden Unterrichts

6.0 Fazit

7.0 Literaturverzeichnis

1.0 Einleitung

„Unterschiede zwischen Menschen sind interessant. Wir freuen uns an ihnen“ (Hentig 2001, S. 77). Diese Aussage würde wohl zu Recht jeder bejahen. Zudem spiegelt sie den wohl bedeutendsten Grundgedanken von Inklusion und somit des aktuellen Vorhabens unserer Bildungspolitik wider: Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene sollen von Beginn an unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Geschlecht oder ihres jeweiligen Entwicklungsstandes gemeinsam spielen, lernen und leben.

Inzwischen gibt es einige Forschungsergebnisse zu integrativen Modellprojekten, die die Chancen des gemeinsamen Unterrichts belegen und darüber hinaus ihre Überlegenheit gegenüber separierenden Unterrichtsformen in Bezug auf die soziale Entwicklung der Kinder beweisen (vgl. Mehring 2012, S. 45).

Und doch werden Menschen mit einer Behinderung in unserer Gesellschaft noch zu oft ausgegrenzt.

Spätestens mit der Unterzeichnung der UN-Konvention im März 2009, hat sich Deutschland jedoch offiziell dazu verpflichtet ein inklusives Schulsystem zu gestalten und für alle Kinder und Jugendlichen die Teilhabe an einer allgemeinbildenden Schule zu gewährleisten (vgl. Reich 2012, S. 36 f.). Nachdem also die Aufgabe der Bildungspolitik, des Schulsystems und aller beteiligten Lehrerinnen und Lehrer so klar erscheint, wodurch ergeben sich Hindernisse, die die Umsetzung inklusiver Bildung verzögern? Und, gibt es Strategien, die dem Gelingen der Umstrukturierung des Schulsystems förderlich sind?

Inklusive Bildung ist aus pädagogischer Sicht das Ziel. Doch es steht fest, dass ein nach diesem Modell ausgerichteter Unterricht nur dann realisiert werden kann, wenn es gelingt nicht primär Platzierungs- und Förderfragen von Schülerinnen und Schülern (mit sonderpädagogischem Förderbedarf) zu diskutieren (vgl. Werning 2010, S. 3). Viel eher geht es darum, sich „[…] mit der grundlegenden Frage nach dem Umgang mit Verschiedenheit im schulischen Kontext auseinander[zusetzen]“ (ebd.; Auslassung und Anpassung: J. R.).

Basierend auf all diesen Fakten, ergeben sich gezielte Fragen: Wie ist mit Heterogenität im inklusiven Unterricht umzugehen? Gibt es passende Strategien, Ansätze oder Methoden, die dabei zu beachten sind? Welche Rolle kommt den Lehrkräften bei der Gestaltung einer inklusiven, schulischen Lernumgebung zu? Und - wodurch kann die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischem Förderbedarf an inklusiven Bildungsangeboten bestmöglich unterstützt werden? Die vorliegende Seminararbeit beschäftigt sich auf Grundlage dieser Überlegungen mit der Bedeutung, die den Bereichen Differenzierung und Individualisierung im inklusiven Unterricht bei gravierenden Lernschwierigkeiten zukommt. Nachdem zunächst zentrale Begrifflichkeiten erläutert und in einen kurzen theoretischen Kontext eingeordnet werden, wird die Notwendigkeit zur Differenzierung und Individualisierung bei der Gestaltung inklusiven Unterrichts genauer beleuchtet. Bevor abschließend zwei mögliche Formen differenzierenden Unterrichts vorgestellt werden, wird zudem verdeutlicht warum eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik für die erfolgreiche schulische Inkludierung von Kindern und Jugendlichen mit gravierenden Lernschwierigkeiten unabdingbar ist.

2.0 Begriffserklärungen & theoretische Hintergründe

Um tiefer in die Materie eintauchen zu können, ist es vorab von wesentlicher Bedeutung die Begrifflichkeiten Gravierende Lernschwierigkeiten, Inklusion, Differenzierung und Individualisierung genauer zu definieren und durch theoretische Hintergründe in einen konkreten Kontext einzuordnen.

2.1 Gravierende Lernschwierigkeiten

Die vorherrschenden Begrifflichkeiten in der Lernbehindertenpädagogik haben sich im Verlauf der letzten Jahrzehnte maßgeblich verändert. Zentral als Oberbegriff fungierte zunächst der Ausdruck Lernbeeinträchtigungen, der wiederum anhand der Kriterien Umfang, Schweregrad und Dauer in Lernstörungen und Lernbehinderungen aufgegliedert werden konnte. Obwohl sich der Vorteil dieser begrifflichen Separierung daran ausmachen ließ, dass vorschnelle Überweisungen an die Sonderschule bei vorübergehenden Schwierigkeiten vermieden wurden, waren jedoch die institutionellen Folgen für Kinder und Jugendliche mit einer diagnostizierten Lernbehinderung umso weniger nutzbringend (vgl. Heimlich 2016, S. 21 ff.). Zusätzlich wurde und wird „[d]er Begriff […] von den Betroffenen und ihren Eltern vor allem wegen seiner stigmatisierenden und ausgrenzenden Wirkungen abgelehnt“ (Heimlich/Wember 2014, S. 52; Auslassung: J. R.). Einen weiteren Nachteil ergab die fehlende präventive, heil- und sonderpädagogische Arbeit in den allgemeinen Bildungseinrichtungen, die eine Vermeidung von Lernbehinderung bei auftretenden Lernproblemen nahezu aussichtslos gemacht hat. Während auch die fachlichen Auseinandersetzungen über den Gebrauch der Bezeichnungen Lernstörungen und Lernbehinderungen aufgrund ihrer defizitorientierten Sichtweise zunehmend kritischer wurden, kam es mit dem Beschluss der Kultusministerkonferenz 1994 zu einer Neuorientierung (vgl. Heimlich 2016, S. 24 f.). Hauptanliegen der ausgearbeiteten Festlegungen vom 06.05.1994 war der Ausbau integrativer Bildung mit dem Ziel unabhängig vom Förderort angemessen sonderpädagogisch zu unterstützen (vgl. a.a.O., S. 26). Dafür wurde die Bezeichnung Sonderpädagogischer Förderbedarf eingeführt, die wie folgt definiert wird:

„Sonderpädagogischer Förderbedarf ist bei Kindern und Jugendlichen gegeben, die in ihrer Lern- und Leistungsentwicklung so erheblichen Beeinträchtigungen unterliegen, dass sie auch mit zusätzlichen Lernhilfen der allgemeinen Schulen nicht ihren Möglichkeiten entsprechend gefördert werden können. Sie benötigen [deshalb zusätzlich] sonderpädagogische Unterstützung […]“ (Drave/Rumpler/Wachtel 2000, S. 302; Auslassung und Hinzufügung: J. R.).

Doch diagnostiziert man nun bei einem Schüler oder einer Schülerin sonderpädagogischen Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen erreicht man im Vergleich zur traditionellen Lernbehindertenpädagogik lediglich die Abwendung von einer defizitorientierten Sichtweise (vgl. Heimlich 2016, S. 27). Im Gegensatz zu Sonderpädagogischem Förderbedarf scheint der Begriff Lernschwierigkeiten weitaus geeigneter, da er die Frage nach den Ursachen und der Aufrechterhaltung von Lernproblemen mitaufgreift (vgl. a.a.O., S. 30). Nach der Definition von Heimlich ergeben sich „Lernschwierigkeiten […] jeweils an der Anforderungsschwelle zwischen vorhandenen Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten und noch zu erwerbenden“ (a.a.O., S. 28; Auslassung: J. R.). Einen Vergleich kann man dabei in Bezug auf die von Erikson erarbeiteten Entwicklungsstadien anstellen. Jedes Stadium birgt in dem Entwicklungsprozess eines Menschen bestimmte Aufgaben, die es zu bewältigen gilt. Diese können bei einer Person je nach Verlauf zu Schwierigkeiten führen (vgl. Wieser 2006, S. 6). Lernschwierigkeiten treten also für gewöhnlich in allen Lernprozessen bei jedem Individuum auf. Womit ein geeigneter Grundbegriff der Lernbehindertenpädagogik gefunden wäre, der sich nicht nur auf die Schulzeit, sondern auch auf spätere Lebensabschnitte beziehen lässt (und somit dem Inklusionsgedanken gerecht wird (vgl. Heimlich 2016, S. 28 f.). Spezifiziert werden kann die Bedeutung durch die Beifügung eines Adjektivs. Gravierende Lernschwierigkeiten unterscheiden sich demnach von allgemeinen Lernschwierigkeiten durch die fehlende Fähigkeit Lernprobleme eigenständig zu lösen. Bedeutsam dabei ist, dass es nicht primär darum geht auszumachen welchen Schweregrad, welche Dauer oder welchen Umfang diese bei einem Schüler oder einer Schülerin einnehmen. Vielmehr ist es die Forderung nach rechtzeitig bereitstehenden Lernhilfen und Förderangeboten zur frühzeitigen Prävention und Intervention (vgl. a.a.O., S. 31 f.). Das bedeutet, dass der Begriff gravierende Lernschwierigkeiten gerade im Hinblick auf eine inklusive Bildungsreform eine passende Alternative zu der gebräuchlichen Verwendung Sonderpädagogischer Förderbedarf im Förderschwerpunkt Lernen darstellt.

2.2 Inklusion

„Jeder Mensch hat sein eigenes Verständnis von Inklusion. Komplexe Konzepte wie Inklusion lassen sich nicht in einem einzigen Satz fassen“ (Booth/Ainscow 2017, S. 31). Versucht man diesen weitläufigen Begriff aus philosophischer Sicht zu betrachten, werden oftmals Konzepte wie Anerkennung, Gleichheit oder Freiheit in Bezug dazu gesetzt. Aus dem Blickwinkel der soziologischen Theorien tragen Worte wie gesellschaftliche Teilhabe, Zugehörigkeit oder Exklusion zur Bestimmung des Bedeutungsgehalts von Inklusion bei (vgl. Felder 2012, S. 119 ff.). Versucht man das Ausmaß an Definitionsversuchen einzugrenzen und relativ allgemein den Sinngehalt wiederzugeben, so wäre wohl diese Darlegung sehr passend:

„Inklusion ist nicht nur eine gute Idee, sondern ein Menschenrecht. Inklusion bedeutet, dass kein Mensch ausgeschlossen, ausgegrenzt oder an den Rand gedrängt werden darf. Als Menschenrecht ist Inklusion unmittelbar verknüpft mit den Ansprüchen auf Freiheit, Gleichheit und Solidarität. Damit ist Inklusion sowohl ein eigenständiges Recht, als auch ein wichtiges Prinzip, ohne dessen Anwendung die Durchsetzung der Menschenrechte unvollständig bleibt“ (Deutsches Institut für Menschenrechte 2017, S. 1).

Bedeutsam für die Verwirklichung inklusiven Unterrichts ist das Verständnis von Inklusion im Bildungswesen. Hierbei geht es nicht etwa um einen Teilbereich von Schule, der nur mit ausgewählten Kindern und Jugendlichen zu tun hat. Ausgangspunkt inklusiver Bildungsangebote ist die Gestaltung einer Lernumgebung, die Alle gleichermaßen beim Lernen und der Teilhabe unterstützt. Wobei sich die Zuwendung über die Schülerinnen und Schüler hinaus ebenfalls auf deren Familien und Menschen aus der Umgebung sowie das Schulpersonal bezieht (vgl. Booth/Ainscow 2017, S. 31).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Differenzierung und Individualisierung im inklusiven Unterricht bei gravierenden Lernschwierigkeiten
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
19
Katalognummer
V419076
ISBN (eBook)
9783668679566
ISBN (Buch)
9783668679573
Dateigröße
905 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sonderpädagogik, Lernbehindertenpädagogik, Differenzierung, Inklusion, Individualisierung, Lernschwierigkeiten
Arbeit zitieren
Jule Ried (Autor), 2017, Differenzierung und Individualisierung im inklusiven Unterricht bei gravierenden Lernschwierigkeiten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419076

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Differenzierung und Individualisierung im inklusiven Unterricht bei gravierenden Lernschwierigkeiten



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden