Die Vernichtung der Herero. Wie wird die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung legitimiert?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
24 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Methodischer Aufbau und Fragestellung

2. Entwicklung des Aufstandes
2.1 Ausbruch
2.2 Verlauf

3. Zeitgenössische Legitimation der Kolonisation und der Gewalt
3.1 Darstellung in der Presse
3.2 Kritik an der Kolonialpolitik
3.3 Legitimation der Ereignissen in der Kolonialliteratur am Beispiel von Gustav Frenssens „Peter Moors Fahrt nach Südwest“

4. Fazit

1. Einleitung

Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit der zeitgenössischen Legitimation der Vernichtung der Herero in der deutschen Presse und der deutschen Kolonialliteratur. Ziel ist die Beantwortung der Frage, wie die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung in diesen Medien legitimiert wurden. Dies geschieht unter Berücksichtigung der Berichte in der konservativen deutschen Presse und eines bekannten Werkes der deutschen Kolonialliteratur. Dadurch soll verdeutlicht werden mit welchen Mitteln die eigene Kolonialpolitik vor dem deutschen Volk begründet wurde.

Nach dieser kurzen Einleitung folgt in Kapitel 2 eine knappe Vorstellung der Entwicklung des Aufstandes. Hier wird der Zeitraum zwischen Januar und Oktober des Jahres 1904 kurz dargelegt. Aufgeteilt wird das Kapitel in Ausbruch und Verlauf des Krieges. Dies soll allerdings nur dazu dienen einen kurzen ein Einblick in die Thematik zu gewähren. Das Hauptaugenmerk soll nicht auf den Ereignissen in der Kolonie, sondern vielmehr auf den Legitimationsmustern, um diese zu begründen, liegen.

Kapitel 3 befasst sich daraufhin mit dem eigentlichen Hauptthema dieser Arbeit. Begonnen wird mit einer kurzen Vorstellung der Medien, welche zur Klärung der Fragestellung herangezogen wurden. Im zweiten Teil des Kapitels werden die Erklärungsmuster innerhalb der deutschen Presse während des Aufstandes beleuchtet. Hier wird dargelegt mit welcher Art von Berichten und mit welchen sprachlichen Mitteln die Herero Charakterisiert sowie ihre Vernichtung legitimiert wurden. Anschließend folgt der dritte Teil des Kapitels in dem diese Argumentationsmuster durch Teile der Presse kritisch beäugt wurden. Der letzte Teil des Kapitels schließt mit der Untersuchung der deutschen Kolonialliteratur ab. Dies geschieht an dem bekannten Beispiel des Romans „Peter Moors Fahrt nach Südwest“ von Gustav Frenssen. Hier soll dargelegt werden, in welcher Weise in der deutsche Literatur nach Kriegsende mit den Ereignissen umgegangen ist und in welcher Form eine Legitimation stattfand. Abschließend folgt im Fazit eine kurze Zusammenfassung und Bewertung der vorherigen Schilderungen, samt der Beantwortung der Frage wie die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegen die indigene Bevölkerung legitimiert wurde.

1.1 Forschungsstand

Die Geschichtswissenschaft hat sich mittlerweile ausreichend mit den Ereignissen des Jahres 1904 befasst. Der Aufstand der Herero gegen die deutsche Kolonialherrschaft hat eine hinreichende Untersuchung und Bewertung durch zahlreiche Historiker erfahren. Sind die Ereignisse des ersten von Deutschland begangenen Völkermord nach 1945 aus dem Bewusstsein der Bevölkerung verschwunden, waren sie noch vor dem Zweiten Weltkrieg in einer Vielzahl von kolonialliterarischen Werken verarbeitet und von einer breiten Leserschaft verfolgt worden. Stellvertretend für den Boom der deutschen Kolonialliteratur soll hier Gustav Fressens Buch „Peter Moors Fahrt nach Südwest. Ein Feldzugbericht“ genannt werden, auf das im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingegangen wird. Dieser Roman war damals ein echter Bestseller, erreichte er bis 1945 doch eine Auflage von über 500.000 Exemplaren.1

Das Interesse an der Kolonialliteratur keimte in letzter Zeit wieder besonders auf. So veröffentlichte Medardus Brehl in den letzten Jahren diverse Arbeiten auf diesem fächerübergreifenden Forschungsfeld. Bei seiner Forschung fokussierte er sich vor allem auf den Hereroaufstand und den zeitgenössischen Kolonialdiskurs.2 In der Geschichtswissenschaft hat sich ein besonderes Interesse an der sprachlichen Analyse von (Kolonial-) Literatur, Reiseberichten, Tagebucheinträgen oder wissenschaftlichen Untersuchungen entwickelt. Wenig Beachtung fand dahingegen in diesem Zusammenhang bislang die Wahrnehmung und Bewertung des Herero-Aufstandes in der deutschen Presse. Die Zahl der Autoren und Untersuchungen, die sich bisher mit diesem Gegenstand der Ereignisse beschäftigt haben ist vergleichsweise klein.3

Medardus Brehl hat interessante Ansätze entwickelt, um die sprachlichen Besonderheiten in der Kolonialliteratur zu deuten. So zeigt Brehl in der zeitgenössischen Literatur Sprachmuster auf, welche sich auch gut auf die zeitgenössische Presse über den Krieg übertragen lassen. Brehl zeigt anhand diverser Beispiele, wie sowohl die Vertreter der Kolonialpolitik, als auch ihre Gegner sprachliche Stilistiken entwickelten, um die jeweils eigene Anschauung argumentativ zu stützen. Gerade die Verfechter der Kolonialpolitik zeigten sich äußerst erfinderisch darin, sowohl die Kolonisation an sich, als auch die in ihrer Konsequenz notwendige autoritäre Gewalt gegenüber den indigenen Völkern zu rechtfertigen, wenn es um die Behauptung des eigenen Herrschaftsanspruches ging. In diesem Zusammenhang spricht er von „Exklusionsmustern“, die dazu dienen, „dem Fremden" letztendlich sogar die Humanität abzusprechen und die Anwendung von Gewalt zur Durchsetzung des eigenen Machtanspruchs nicht nur zu legitimieren, sondern sogar notwendig zu machen.4 Michael Schubert argumentiert ähnlich und führt dies auf zwei epochale rassistische Ideologien zurück. Zum einen den sozialdarwinistischen Rassismus, zum anderen den kultur-missionarischen Rassismus. Hierbei ist der sozialdarwinistische Rassismus geprägt von der Überzeugung der naturbedingten „Überlegenheit des Stärkeren“, also der eigenen „Rasse" oder umgekehrt der naturbedingten Minderwertigkeit anderer „Rassen".5 Aus der Sicht Schuberts ergibt sich somit das „Recht zur Kolonisation", was durch Brehls Argument ergänzt werden kann, das eine komplette Vernichtung derer legitim war, die als „minderwertig" gekennzeichnet wurden.6 Das Argumentationsmodell des kulturmissionarischen Rassismus hingegen bezieht seine Legitimation aus einer anderen Überzeugung. Zwar steht auch bei diesem Ansatz die kolonisierte Bevölkerung deutlich unterhalb der eigenen „Kulturstufe", was für den „höher Stehenden" allerdings zu einer geradezu humanitäre Pflicht führt, die sich „auf der untersten Stufe der Kultur- und Zivilisationsleiter“ befindlichen Völker zu erziehen7 und somit auf eine „höhere Stufe" der menschlichen Zivilisation zu heben. Das Konzept „des Fremden" und „des Eigenen", die beschriebenen Exklusionsmuster und die grundlegenden rassistischen Ideologien die Brehl und Schubert aufzeigen, dürften für die vorliegende Arbeit durchaus von Bedeutung sein.

1.2 Methodischer Aufbau und Fragestellung

Die in dieser Arbeit Betrachteten Medien sind nicht nur Träger von Informationen und Erzählungen in dem Sinne, dass sie diese verbreiten und zur Unterhaltung dienen. Je nach politischer Ausrichtung der Zeitung oder des Verlags spiegeln die publizierten Artikel und Bücher natürlich auch die subjektive Wahrnehmung der Redakteure sowie der Autoren wieder. So ist es diese Subjektivität aber, die beispielsweise die Zeitungen abgrenzt und somit für verschiedene Gruppen interessant macht. Sie tragen somit dazu bei, Meldungen nicht nur wiederzugeben und in die Öffentlichkeit zu tragen, sondern auch spezifische Meinungen zu bilden und diese in der öffentlichen Wahrnehmung zu festigen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Zeitungen in einer Situation, in der man vor große Probleme gestellt war, wenn man die breiten Masse an politischen Prozessen teilhaben lassen wollte. An eine Pressefreiheit aus heutiger Sicht war seinerzeit nicht zu denken.8 Das die Presse gerade deshalb darauf bedacht war ihre politische Überzeugung zu verbreiten, ist vor diesem Hintergrund umso verständlicher.

Im Folgenden soll keine Chronologie des Herero-Kriegs liefern, denn Darstellungen zu diesem Thema existieren zur Genüge. Trotzdem erscheint eine zusammenhängende Vorgehensweise zweckmäßig, denn zunächst werden die Pressemitteilungen während des Aufstandes und anschließend die Kolonialliteratur nach Kriegsende untersucht. Im Zentrum der Untersuchung steht dabei die Wahrnehmung sowie die Art und Weise der Darbietung der Ereignisse, sowohl in der deutschen Presselandschaft, als auch in der Kolonialliteratur. Der Schwerpunkt diese Arbeit liegt darin, die inhaltlichen sowie semantischen Eigenheiten in den unterschiedlichen Medien, seien es Zeitungen oder literarische Werke, festzustellen. Die Leitfrage lautet diesbezüglich: Wie wird die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung legitimiert oder gegebenenfalls sogar abgelehnt? Wichtige zur Beantwortung dieser Frage ist das verwendete Vokabular der Autoren. Sind verschiedene oder gemeinsame sprachliche Normen und Strukturen bei den einzelnen Medien festzustellen und welche Konklusion ergibt sich daraus? Ein besonderes Augenmerk soll darauf gelegt werden, wie sich die Berichterstattung im Laufe des Krieges innerhalb der Presse verändert hat. Was waren die ausschlaggebenden Gründe dafür, dass sich die Berichterstattung verändert hat? Die Dauer des Krieges, die Verluste in diesem oder die Qualität der Meldungen aus dem Kriegsgebiet? Haben bestimmte Vorkommnisse im Kriegsverlauf eine besondere Wirkung auf den sprachlichen Tenor der Meldungen? Ziel ist es ersichtlich zu machen, welches Bild von den Herero gezeichnet wurde um die deutsche Kolonialpolitik und die Gewaltanwendung gegen die indigene Bevölkerung zu legitimieren. Beachtung sollen in diesem Zusammenhang auch die beiden Konzepte des sozialdarwinistischen und kulturmissionarischen Rassismus finden, welche in der damaligen Gesellschaft weit verbreiteten und akzeptiert waren.

2. Entwicklung des Aufstandes

Die Kolonie in Südwestafrika galt unter allen deutschen Kolonien als die bedeutendste, war sie doch die einzige, „die so etwas ähnliches wie eine Siedlungskolonie war."9 1904 lebten auf dem Gebiet Südwestafrikas, dass etwa eineinhalb Mal so groß wie das Deutsche Reich, nicht einmal 4.500 „Weiße", mit einer dem gegenüberstehenden indigenen Bevölkerung von etwa 200.000 Menschen.10

Theodor Leutwein, der seit 1894 als Reichskommissar und ab 1895 als Gouverneur eingesetzt war, machte sich die zwischen den indigenen Bevölkerungsgruppen stattfindenden Spannungen zu nutze. Er schaltete sich in diese Konflikte ein um diese zunächst auf diplomatischem Wege zu lösen.

Falls dies nicht fruchtete, war er gewillt diese auch durch die Androhung von militärischen Gewalthandlungen zu beenden. Anknüpfend schloss das Deutsche Reich die so genannten „Schutzverträge" mit den indigenen Völkern ab. Zunächst hatte diese keinen sonderlichen Einfluss auf das alltägliche Leben der afrikanischen Bevölkerung, denn solange sich diese der deutschen Herrschaft unterordneten, blieben sie weitestgehend autark. Trotz alledem blieb die Beziehung zwischen den „Eingeborenen" und den deutschen „Herrschern" angespannt, weshalb diese auch durch zahlreiche militärische Auseinandersetzungen geprägt war. Nach der letzten kriegerischen Auseinandersetzung aufgrund von Grenzstreitigkeiten, folgte eine längere Periode der Beruhigung, die bis zum Januar des Jahres 1904 anhielt. Dies lag daran das sich die Herero in ihrer Existenz gefährdet sahen. Es war unteranderem der „Landhunger“ der deutschen Farmer, die „Geschäftspraktiken“ der Händler, körperliche Übergriffe durch die Siedler, das neue ihnen auferlegte Rechtssystem, die gefährdete Existenz- und Wirtschaftsgrundlage durch die Rinderpest, welche die Herero dazu trieben der deutschen „Schutzherrschaft“ zu trotzen.11

Spätestens hier kamen die rassistischen Argumentationsmuster zum Vorschein, im späteren Verlauf dieser Arbeit wird vertieft auf diese eingegangen, die auch unter den Siedlern Akzeptanz genossen. Im Zuge dessen kam es auch immer häufiger zu Übergriffen, Tötungen und Missbräuchen durch die deutschen Siedler. Diese wurden aber zumeist, wenn überhaupt, nur mit geringen Strafen geahndet.12

2.1 Ausbruch

Am 12. Januar eröffneten die Herero schließlich den Krieg, der für sie mit fatale Folgen verbunden war. Wie groß das Volk der Herero vor dem Aufstand war, konnte nicht genau gesagt werden, denn es lagen keine aussagekräftigen Volkszählungen vor, da es solche vor dem Krieg nicht gegeben hat.

[...]


1 Brehl, Medardus: „Ich denke, die haben Ihnen zum Tode verholfen.“ Koloniale Gewalt in kollektiver Rede, in: Mihran Dabag, Horst Gründer, Uwe-K. Kettelsen (Hrsg.) u.a.: Kolonialismus. Kolonialdiskurs und Genozid, München 2004, S. 188f.. (Folgend zitiert als: Brehl: Koloniale Gewalt.)

2 Siehe z.B. Brehl, Medardus: Vernichtung der Herero. Diskurse der Gewalt in der deutschen Kolonialliteratur, München 2007. (Folgend zitiert als: Brehl: Vernichtung); Brehl, Medardus: »Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient«. Der Völkermord an den Herero 1904 und seine zeitgenössische Legitimation., in: Wojak, Irmtrud und Meinl, Susanne (Hrsg.): Völkermord. Genozid und Kriegsverbrechen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Campus, Frankfurt am Main 2004, S. 77-97. (Folgend zitiert als: Brehl: Völkermord.)

3 Siehe z.B. Rolka, Michael: Der Hereroaufstand in der zeitgenössischen deutschen Presse, München 2012. (Folgend zitiert als: Rolka: Hereroaufstand)

4 Siehe z.B. Brehl, Medardus: (Ein)Geborene Feinde. Der Entwurf existentieller Feindschaft im Kolonialdiskurs, in: Brehl, M. / Platt, Kristin: Feindschaft, München 2003, S. 157-177, hier S. 170ff. (Folgenden zitiert als: Brehl: (Ein)Geborene)

5 Schubert, Michael: Der schwarze Fremde. Das Bild des Schwarzafrikaners in der parlamentarischen und publizistischen Kolonialdiskussion in Deutschland von 1870er bis in 1930er Jahre, Stuttgart 2003. Hier: S. 13. (Folgend zitiert als: Schubert: Kolonialdiskussion.)

6 Schubert: Kolonialdiskussion, S. 13.; Brehl: Vernichtung, S. 27.

7 Schubert: Kolonialdiskussion, S. 13, 190.

8 Dussel, Konrad: Deutsche Tagespresse im 19. Und 20. Jahrhundert, Münster 2004, S. 42.

9 Sobich, Frank Oliver: Schwarze Bestien, rote Gefahr. Rassismus und Antisozialismus im deutschen Kaiserreich, Frankfurt 2006, S.47. (folgend zitiert als: Sobich: Antisozialismus.)

10 Sobich: Antisozialismus, S. 47.

11 Rolka: Hereroaufstand, S. 4.f.; Brehl: Vernichtung, S. 94.

12 Rolka: Hereroaufstand, S. 5.; Brehl: Vernichtung, S. 94.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Vernichtung der Herero. Wie wird die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung legitimiert?
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
2,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
24
Katalognummer
V419275
ISBN (eBook)
9783668680654
ISBN (Buch)
9783668680661
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kolonialismus, Deutschland, Presse, Kolonialpolitik, Gustav Frenssen, Peter Moors Fahrt nach Südwest
Arbeit zitieren
Pierre Shirvan (Autor), 2015, Die Vernichtung der Herero. Wie wird die deutsche Kolonisation und die Gewalt gegenüber der indigenen Bevölkerung legitimiert?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419275

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