Die Vermittlung der in unserer Verfassungs- und Gesellschaftsordnung tragenden Werte macht einen der Schwerpunkte unseres pädagogischen Bildungs- und Erziehungsauftrags in der Schule aus. Welche Werte dies in einer Gesellschaft sind, die immer stärker vom Wandel bestimmt ist, gilt es in Bezug auf das frühzeitige Erfahren und Reflektieren herauszufinden. Man muss sich im Klaren sein, dass Werteerziehung vor allem im pädagogischen Kontext bedeutet, Kindern und Jugendlichen eine Orientierung zu geben, um sie beim Hineinwachsen in die Gesellschaft zu begleiten. Denn Bildung gibt es nicht ohne Erziehung, und Erziehung gibt es nicht ohne Werte. Der Wertewandel des postmodernen Zeitalters stellt jedes Mitglied der Gesellschaft vor innere Zerreißproben. „Wir wollen Bindung in Freiheit, und wir wollen Freiheit in Bindung “. Diese Werte sind andererseits aber das Produkt unseres demokratischen und auf die Verfassung zurückgreifenden Verständnisses von Gleichheit, Freiheit und Solidarität. Es scheinen also nicht neue Verfassungsgesetze notwendig, sondern eher pädagogische Ansätze, die es verstehen, die Kennzeichen der heutigen Gesellschaft zu lesen und entsprechend zu handeln.
Inhaltsverzeichnis
1. Das „Grundprinzip“ Anerkennung als pädagogische Bewegung
1.1 Die Bedeutung der Bildung und Erziehung
1.1.1 Der Kasper-Hauser-Versuche
1.1.2 Immanuel Kant (1724-1804)
1.1.3 Hugo Gaudig (1860-1926)
1.1.4 Albert Scherr
1.2 Scham und Anerkennung
1.2.1 Formen der Scham
1.2.2 Schamabwehrverhalten
1.2.3 Kampf um Anerkennung
1.2.4 Anerkennung versus Scham im Schulunterricht
1.3 Pädagogik der Vielfalt
1.3.1 Widerspruch zwischen Vielfalt und Leistung
1.3.2 Mehrperspektivische Anerkennung
1.4 Interaktionsqualitäten des Lehrerhandelns
1.4.1 Erziehungsstile nach Kurt Lewin
1.4.2 Dimensionen des „Erziehens“
1.4.3 Gütekriterien guten Unterrichts
1.5 Zusammenfassung
2. Anerkennungstheoretische Untersuchung sich öffnender Unterrichtsstile Erste empirische Ergebnisse
2.1 Wissenschaftliches Vorgehen
2.1.1 Datenerhebung
2.1.2 Beobachtungsbogen für individuelle Themen
2.1.3 Erstauswertung der Beobachtung
2.1.4 Auswertung mit MAXQDA
2.1.5 Angaben zum Untersuchungsfeld
2.2 Quantitative Analysen
2.2.1 Grad der Anerkennung im Fächervergleich
2.2.2 Grad der Ankerkennung nach Schultyp
2.2.3 Grad der Anerkennung nach Unterrichtsstil
2.2.4 Anerkennung versus Lernförderlicher Unterricht
2.2.5 Anerkennung versus thematische Aufmerksamkeit
2.2.6 Vergleich der einzelnen Lehrkräfte
2.3 Qualitative Analysen
2.3.1 Anerkennende Szenen im Schulunterricht
2.3.2 Missachtende Szenen im Schulunterricht
2.3.3 Szenen „sich öffnender Unterrichtsstile“
3. Zusammenfassung und Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss verschiedener Unterrichtsstile auf die intersubjektive Anerkennung von Schülern. Das primäre Ziel ist es, herauszuarbeiten, welche Unterrichtsform – insbesondere im Kontext sich öffnender Stile – am besten geeignet ist, das „Grundprinzip Anerkennung“ als pädagogische Bewegung zu verwirklichen und dadurch Scham und Missachtung entgegenzuwirken.
- Grundlagen einer Pädagogik der Anerkennung im Schulkontext
- Die Rolle von Scham und Beschämung in zwischenmenschlichen Beziehungen
- Vergleich von autoritären, demokratischen und Laissez-faire Erziehungsstilen
- Empirische Untersuchung mittels qualitativer und quantitativer Datenanalyse (Projektnetz INTAKT)
- Kriterien für guten Unterricht und deren Bezug zum Anerkennungshandeln
Auszug aus dem Buch
1.2.1 Formen der Scham
Wann immer sich Menschen begegnen, treffen verschiedene Formen von Scham aufeinander. Dr. Stephan Marks, Referent von Fortbildungen über Scham, Beschämung und Anerkennung, unterscheidet sechs Grundformen (vgl. Marks, 2005; Marks, 2008).
Erstens: Die Anpassungs-Scham wird ausgelöst, wenn wir etwas getan haben, was den Erwartungen und Normen der Mitmenschen widerspricht und wir daraufhin ausgegrenzt oder gemieden werden. Man fühlt sich nicht-dazugehörig, weil man „anders“ oder „schwach“ sei. Dieses Scham-Gefühl ist jedoch stark von der jeweiligen Kultur abhängig. In Deutschland gilt persönliche (Krankheit, Scheitern, Abhängigkeit, Fehler) und soziale Schwäche (Armut, Familien mit geringen beruflichen Status, mangelnde Bildung) als beschämend (Marks, 2005, S.1). Anpassungs-Scham kann sich aber auch auf den eigenen Körper beziehen, sei es, wenn man nicht dem entsprechenden Schönheitsideal der Medien („Model-Casting-Shows“, körperliche Merkmale) entspricht oder dem normativen Leistungsideal (Leistungskriterien im Sportunterricht, Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen im Fachunterricht) nicht gerecht wird (Marks, 2009, S.137 ff.; Marks, 2011a, S.14 ff). Anpassung-Scham kann aber auch eine positive Funktion nach sich ziehen: Zugehörigkeit, denn sowohl durch Mannschaftssportarten als auch durch andere gemeinsame Freizeitbeschäftigungen entstehen Interessensgemeinschaften (ebd.).
Zweitens: Die Gruppen-Scham bezieht sich im Gegensatz zur Anpassungs-Scham auf andere Personen oder Gruppen, wenn diese die herrschenden Erwartungen und Normen nicht erfüllen. Viele junge Deutsche schämen sich beispielsweise für die nationalsozialistische Vergangenheit der eigenen Nation und möchten sich in der Öffentlichkeit von den Verbrechen der Vorfahren distanzieren (ebd.). Eine andere Auffassung von Gruppen-Scham erfordert das Bekennen zu einer Person (Zivilcourage), die ebenfalls mit den Wertvorstellungen der Gesellschaft kollidiert (Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, Uneheliche Kinder) und wodurch man durch die Nähe zu dieser Person selbst Opfer von Beschämung zu werden droht (Marks, 2008). Vor allem in der Schule ist Zivilcourage notwendig, wenn man Werte wie Solidarität, Wertschätzung, Achtung und Menschenwürde bewahren soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Das „Grundprinzip“ Anerkennung als pädagogische Bewegung: Dieses Kapitel legt die theoretischen Grundlagen dar, indem es Bildung, Erziehung und Anerkennung in den Kontext von Werten, Scham und Vielfalt stellt.
2. Anerkennungstheoretische Untersuchung sich öffnender Unterrichtsstile Erste empirische Ergebnisse: Dieses Kapitel beschreibt das wissenschaftliche Vorgehen und präsentiert die empirischen Ergebnisse der Untersuchung an verschiedenen Schultypen und Unterrichtsstilen.
3. Zusammenfassung und Fazit: Das abschließende Kapitel fasst die gewonnenen Erkenntnisse zusammen und betont die Bedeutung einer wertschätzenden Pädagogik für eine inklusive Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Pädagogik der Anerkennung, Scham, Beschämung, Inklusive Pädagogik, Unterrichtsstil, soziale Wertschätzung, Schulentwicklung, Interaktionsqualität, empirische Forschung, Lehrerhandeln, Werteerziehung, heterogene Lerngruppen, INTAKT, MAXQDA, Bildungsauftrag.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht den Einfluss verschiedener Unterrichtsstile auf das soziale Klima im Klassenzimmer und wie Lehrkräfte durch Anerkennung oder Missachtung die Selbstachtung und Identitätsentwicklung ihrer Schüler beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Anerkennungstheorie, Scham- und Beschämungsmechanismen in pädagogischen Kontexten, Inklusion sowie der Zusammenhang zwischen Führungsstilen (autoritär, demokratisch, Laissez-faire) und Unterrichtsqualität.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu ergründen, welcher Unterrichtsstil dem „Grundprinzip Anerkennung“ am besten gerecht wird und inwiefern sich öffnende Unterrichtsformen positiv auf die intersubjektive Anerkennung auswirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine empirische, teilnehmende Unterrichtsbeobachtung angewandt. Die Daten wurden mit der Analysesoftware MAXQDA systematisch ausgewertet, basierend auf Feldvignetten und Gütekriterien für guten Unterricht nach Hilbert Meyer.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden nach einer theoretischen Fundierung (u.a. Kant, Gaudig, Scherr, Honneth) die Ergebnisse der Hospitationen an drei verschiedenen Schulen (Gymnasien und eine Grundschule) detailliert analysiert, verglichen und quantitative sowie qualitative Erkenntnisse abgeleitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselbegriffe sind Pädagogik der Anerkennung, Scham, Inklusion, Unterrichtsstil, soziale Wertschätzung, empirische Forschung, Inklusive Pädagogik und Interaktionsqualität.
Wie unterscheidet sich die "ESBZ" von anderen beobachteten Schulen?
Die "ESBZ" (ein privates Gymnasium) zeichnet sich durch einen schülerzentrierten Unterricht (Wochenplanarbeit in Lernbüros) aus, der dem Laissez-faire-Stil nahekommt und eine tendenziell höhere soziale Wertschätzung aufweist.
Welche Rolle spielt das Projektnetz "INTAKT"?
Das Projektnetz "INTAKT" liefert den methodischen Rahmen und die Forschungsinstrumente für die empirische Untersuchung sozialer Interaktionen in pädagogischen Arbeitsfeldern, die in dieser Arbeit zur Auswertung genutzt wurden.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2013, Das Grundprinzip Anerkennung als pädagogische Maxime. Der Einfluss sich öffnender Unterrichtsstile auf die intersubjektive Anerkennung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419287