Einleitung
Was haben die Fälle von Philipp Holzmann, Grundig, Leo Kirch, Walter Bau, und Salamander gemein? Sie zeigen das Insolvenzen allgegenwärtig1 sind, und auch vor großen Konzernen und Unternehmen mit einer langen Tradition nicht halt machen.
Bei der Konzipierung der neuen Insolvenzordnung im Rahmen der Insolvenzrechtsreform2 in Deutschland, diente das US-amerikanische Reorganisationsrecht, Chapter 11 Bankruptcy Code, als Vorbild.3
Insbesondere von den renommierten Harvard Professoren Bebchuk und Hart wird Chapter 11 BC in der Literatur heftig kritisiert. Die in den USA stattfindende Diskussion um Vor- und Nachteile von Chapter 11 BC ist auch für Deutschland von Interesse.
Führende Vertreter des „Law and Economics“, so z.B. Baird, Jackson, Bebchuk und Hart, sprechen sich gar für eine Abschaffung des Reorganisationsverfahrens nach Chapter 11 BC und für eine Ersetzung durch eigene Verfahrensvorschläge aus.
Diese Vorschläge, die weitgehend auf der Grundlage eines ökonomischen Kalküls entwickelt wurden, werden in der Literatur als „Alternative Reorganisationsmodelle“ bezeichnet.4 Die Seminararbeit beschäftigt sich mit diesem Thema der Alternativen Reorganisationsmodelle im Allgemeinen und bezieht sich im Besonderen auf die Diskussion um die optionsbasierten Reorganisationsmodelle. Die wissenschaftliche Diskussion um diese optionsbasierten Reorganisationsmodelle hat in den USA mittlerweile einen beachtlichen Stellenwert erreicht.
Im anschließenden zweiten Kapitel werden die Anforderungen an ein Insolvenzverfahren aus ökonomischer Sicht erläutert. Im dritten Kapital werden die einzelnen Modelle im Zusammenhang mit den jeweiligen Besonderheiten des Insolvenzrechts, die von den Autoren als problematisch erachtet worden sind, dargestellt. Dabei wird die Reformdiskussion unter ausgewählten Wissenschaftlern berücksichtigt. Danach folgt jeweils eine kritische Beurteilung.
Abschließend wird auf die Frage, ob eine Übertragung der vorgestellten Modelle auf Deutschland sinnvoll ist, eingegangen.
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1 2004: 39 600 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland, Quelle: Creditreform 02/2005.
2 Die noch bis 31.12.1998 geltenden insolvenzrechtlichen Regelungen (insbes. die Konkursordnung) wurden durch die, ab dem 1.1.1999 geltende, Insolvenordnung abgelöst.
3 Vgl. Drukarczyk (1995), S. 45.
4 Vgl. Engel (2004), S. 5.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Anforderungen an ein Insolvenzverfahren
3. Reformvorschläge
3.1. Das auktionsbasierte Modell von Roe
3.2. Optionsbasierte Reorganisationsmodelle
3.2.1. Das Modell von Bebchuk
3.2.2. Das Modell von Aghion, Hart und Moore
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht ökonomische Reformvorschläge für Insolvenzverfahren, insbesondere den Einsatz von Optionsmodellen als Alternative zum US-amerikanischen Chapter 11 Verfahren. Ziel ist es, die Möglichkeiten zur Vermeidung von strategischen Verhandlungsblockaden sowie einer effizienten Unternehmensbewertung in der Insolvenz aufzuzeigen und kritisch zu prüfen, ob diese Konzepte auf Deutschland übertragbar sind.
- Ökonomische Anforderungen an Insolvenzverfahren
- Vergleich von Liquidations- und Reorganisationsverfahren
- Analyse des auktionsbasierten Ansatzes nach Roe
- Untersuchung der optionsbasierten Reorganisationsmodelle nach Bebchuk sowie Aghion, Hart und Moore
- Diskussion der Übertragbarkeit auf das deutsche Insolvenzrecht
Auszug aus dem Buch
3.2.1. Das Modell von Bebchuk
Das von Bebchuk 1988 entwickelte Modell verhalf der Diskussion um Alternative Reorganisationsmodelle zum Durchbruch und hat die, in den letzten Jahren, stattfindende Debatte in den USA stark beeinflusst. Die Reorganisation ist neben der Liquidation, einer von zwei Wegen, den ein Unternehmen im Falle der Insolvenz gehen kann.
Bebchuk versucht die Frage zu beantworten, warum die Reorganisation als Alternative zur Liquidation erstrebenswert ist. Er argumentiert, dass durch eine Reorganisation die Beteiligten einen größeren Nutzen als durch eine Liquidation ziehen können. Er nennt zwei Bedingungen, wann eine Reorganisation besonders vorteilhaft ist. Zum Einen, wenn die Vermögensgegenstände des insolventen Unternehmens als fortgeführtes Unternehmen („Going Concern“) mehr Wert sind, als einzeln verkauft. Zum Anderen, wenn es nur wenige oder keine Käufer mit exakten Informationen und ausreichenden Mitteln, um das insolvente Unternehmen zu erwerben, gibt. In solchen Fällen also, in denen ein vorhandener Fortführungswert den Liquidationswert übersteigt, ist die bessere Alternative für alle Beteiligten eine Reorganisation.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Problematik von Unternehmensinsolvenzen ein und motiviert die Notwendigkeit von Alternativen zum bestehenden Chapter 11 Verfahren durch ökonomische Reformvorschläge.
2. Anforderungen an ein Insolvenzverfahren: Es werden zentrale ökonomische Kriterien definiert, die ein ideales Insolvenzverfahren erfüllen sollte, wie etwa die Maximierung der Rückflüsse und die Wahrung der Absolute Priority Rule.
3. Reformvorschläge: Dieses Kapitel stellt verschiedene Ansätze vor, um Defizite bisheriger Verfahren zu beheben, wobei der Schwerpunkt auf Auktions- und insbesondere optionsbasierten Modellen liegt.
3.1. Das auktionsbasierte Modell von Roe: Das Modell von Roe wird als Pionierarbeit der ökonomischen Diskussion dargestellt, die den Kapitalmarkt als Bewertungsinstrument nutzt, jedoch aufgrund konzeptioneller Mängel heute kaum noch eine Rolle spielt.
3.2. Optionsbasierte Reorganisationsmodelle: Hier wird der Fokus auf den Optionsansatz gelegt, der als gemeinsame Basis für weiterführende Modelle zur effizienten Unternehmensbewertung dient.
3.2.1. Das Modell von Bebchuk: Dieses Kapitel erläutert, wie Bebchuk durch die Zuteilung von Optionsrechten an Gläubiger versucht, das zentrale Problem der Unternehmensbewertung zu umgehen und strategische Blockaden zu verhindern.
3.2.2. Das Modell von Aghion, Hart und Moore: Das Modell wird als Weiterentwicklung präsentiert, das die Entscheidung über das Verfahren und die Verteilung von Ansprüchen trennt, um die Schwächen bisheriger Insolvenzpraxis zu beseitigen.
4. Schlussbetrachtung: Es wird kritisch diskutiert, ob die untersuchten US-amerikanischen Ansätze sinnvoll auf den deutschen Rechtsraum übertragbar sind, was letztlich verneint wird.
Schlüsselwörter
Insolvenzrecht, Chapter 11, Reorganisation, Liquidation, Absolute Priority Rule, Unternehmensbewertung, Optionsmodell, Bebchuk, Aghion Hart Moore, Verhandlungsblockaden, Insolvenzordnung, ökonomische Effizienz, Kapitalstruktur, Debt-Equity-Swap, Restrukturierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit ökonomischen Reformvorschlägen für das Insolvenzrecht, die darauf abzielen, die Nachteile herkömmlicher Reorganisationsverfahren zu überwinden.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Analyse von US-amerikanischen Reformansätzen, insbesondere Auktionsmodellen und optionsbasierten Verfahren zur Unternehmenssanierung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Erläuterung und kritische Würdigung moderner Modelle, die helfen sollen, das Bewertungsproblem bei insolventen Unternehmen effizienter und konfliktfreier zu lösen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse der ökonomischen Literatur, basierend auf dem Ansatz des „Law and Economics“.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Modelle von Roe, Bebchuk sowie Aghion, Hart und Moore und diskutiert deren Mechaniken zur Umgehung von strategischem Gläubigerverhalten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Insolvenzverfahren, Absolute Priority Rule, Reorganisation, Optionsansatz und Kapitalmarktbasierte Bewertung.
Wie unterscheidet sich das Modell von Bebchuk vom Ansatz von Roe?
Während Roe den Kapitalmarkt als direktes Bewertungsinstrument für einen Teil des Kapitals nutzt, vermeidet Bebchuk eine explizite Unternehmensbewertung, indem er Gläubigern Optionsrechte auf das Eigenkapital zuteilt.
Warum halten die Autoren die Übertragung der Modelle auf Deutschland für nicht sinnvoll?
Aufgrund der spezifischen deutschen Gläubigerstruktur und der Rolle von Absonderungsberechtigten ist die deutsche Gläubigergemeinschaft homogener, wodurch der Bedarf für den komplexen Mechanismus der optionsbasierten Modelle entfällt.
Welches Problem der Optionsinhaber wird bei Aghion, Hart und Moore diskutiert?
Sie adressieren die Problematik budgetbeschränkter Optionsinhaber, die nicht über genügend liquide Mittel verfügen, um ihre Optionen auszuüben, und verweisen hierbei auf Lösungsansätze wie den Optionshandel.
- Quote paper
- Christian Schwarzkopf (Author), 2005, Alternative Reorganisationsmodelle, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/41933