Der Lateinamerikahandel. Ein Beitrag zur internationalen Vertrags-, Interventions- und Wirtschaftsgeschichte


Hausarbeit (Hauptseminar), 1982
108 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhalt

1. Britische Außenpolitik und die Frage der Anerkennung von Buenos Aires, Kolumbien und Mexiko (1815-1824)

2. Diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen der Hansestädte zu einigen lateinamerikanischen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

3. Einige Aspekte der britischen Politik gegenüber den neuen Staaten Lateinamerikas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
3.1 Die Freibeuterexpedition im Jahre 1806 und die offizielle britische Expedition im Jahre 1807
3.2 Die erste britisch-argentinische Auseinandersetzung um die Falklandinseln
3.3 Die englisch-französische Intervention im Rio de la Plata-Gebiet (25.9.1845-Juli 1847 bzw. Juni 1848)
3.4 Ein Beispiel britischer Diplomatie in Lateinamerika: die Arbeit des Gesandten Lord Strangford in Rio de Janeiro von Juli 1808 bis April 1815
3.5 Einige Bemerkungen zu den Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien einerseits und den Vereinigten Provinzen des Río de la Plata und Mexiko andererseits

4. Einige einführende Bemerkungen zur französischen Außenpolitik gegenüber den neuen lateinamerikanischen Staaten in der Zeit von 1828-1848
4.1 Der Hintergrund und der Ausgang zweier französischer Interventionen in Lateinamerika
4.1.1 Die französische Intervention in Mexiko im Jahre 1838
4.2 Die französische Blockade von Buenos Aires (28.3.1838-29.10.1840)
4.3 Der französische Handel mit Lateinamerika im allgemeinen und mit den westlichen südamerikanischen Staaten im besonderen (1827-1850)

5. Der Aufstieg des Freihandels in Europa und die Diskussion über das Ausmaß des 6. Imperialismus des britischen Freihandels in Lateinamerika in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

6. Literaturverzeichnis

Einleitung

Britische Außenpolitik und die Frage der Anerkennung von Buenos Aires, Kolumbien und Mexiko (1815-1824)

Zweifellos wuchs der britische Handel mit den spanischen Kolonien, als Spanien von napoleonischen Truppen besetzt worden war. Nachdem Ferdinand VII. als Monarch wieder eingesetzt worden war, nahm England die Bitte um Vermittlung zwischen Spanien und seinen Kolonien nur unter den Bedingungen an, dass sich die Vermittlung auf alle Kolonien erstrecken sollte und dass England die Anwendung von Gewalt als Mittel strikt ablehnte.[1] Ebenso lehnte es der britische Außenminister Castlereagh ab, die Vermittlungstätigkeit für eine von Spanien angebotene exklusive Konzession im Zollbereich auszuführen. Castlerereagh wusste sehr wohl, dass Englands Ausgangspositionen im Produktions-, Handels- und Kapitalbereich so gut waren, dass das Land mit der internationalen Konkurrenz in einen Wettstreit um Marktanteile im Südamerikahandel sehr wohl eintreten konnte. Dem englischen chargé d’affaires in Madrid, Vaughan, teilte der britische Außenminister in einer Depesche vom 20.12.1815 mit, dass er immer empfohlen habe, den Südamerikahandel allen Nationen zu moderaten Zollbedingungen zu öffnen und Spanien dabei gewisse Handelsvorteile zu gewähren.[2]

In einem vertraulichen Memorandum vom 28.8.1817 teilte die britische Regierung den alliierten Mächten die Politik mit, die Castlereagh schon 1812 schriftlich fixiert hatte. Insbesondere wurden in dem Dokument noch einmal die Bedingungen zusammengefasst, die Großbritannien an Spanien für seine Vermittlungstätigkeit stellte. Danach sollte Spanien erstens einen befriedigenden Vertrag hinsichtlich des Sklavenhandels mit England abschließen. Zweitens sollte den Aufständischen in Spanisch-Amerika eine allgemeine Straffreiheit und ein Waffenstillstand verkündet werden. Drittens sollte die Bewohner Spanisch-Amerikas rechtlich mit den Staatsangehörigen Spaniens auf gleiche Stufe gestellt werden. Viertens sollte den Bewohnern Spanisch-Amerikas der Handel mit allen Nationen zugebilligt werden, wobei Spanien gewisse Handelsprivilegien eingeräumt werden sollten.[3]

Auf dem Aachener Kongreß im Jahre 1818 bewegte sich in der Frage der spanischen Kolonien nicht viel. Spanien versuchte vergeblich, die Mitglieder der Heiligen Allianz zu einer offensiveren Politik zu bewegen. Österreich, Preußen und England sorgten dafür, dass Spanien nicht an dem Kongreß beteiligt wurde.[4]

England betonte weiterhin das Prinzip, keine bewaffnete Intervention in Spanisch-Amerika zuzulassen. Außerdem lehnte es England ab, die aufständischen Länder Spanisch-Amerikas mit einem Handelsboykott zu bestrafen.[5] Zwischen Österreich und Preußen gab es gewisse Meinungsverschiedenheiten, weil Preußen die Kongressbeteiligung von Buenos Aires vorschlug.[6]

Im März 1819 informierte der in London residierende amerikanische Botschafter Rush den englischen Außenminister, dass die amerikanische Regierung beschlossen habe, Buenos Aires in nicht allzu ferner Zukunft anzuerkennen. Rush forderte die englische Regierung dazu auf, diese Politik zu unterstützen. Castlereagh lehnte dies aber ab und drohte dem amerikanischen Botschafter, dass eine europäische Intervention in Spanisch-Amerika noch möglich wäre.[7]

Anfang 1819 machte der Agent von Buenos Aires, Gomez, dem französischen Außenministerium den Vorschlag, sich für die Errichtung einer Monarchie im Rio de la Plata Gebiet einzusetzen. Ein Jahr später wurde der englischen Regierung bekannt, dass der ehemalige französische Außenminister, Dessolles, Gomez vorgeschlagen hatte, den Prinzen von Lucca aus dem Hause der Bourbonen als Monarchen für das ehemalige Vizekönigreich Rio de la Plata vorzusehen. Die englische Regierung protestierte schriftlich gegen diese „anscheinend feindliche und mysteriöse“ Intrige beim russischen, preußischen und österreichischen Hof.[8] Gegenüber dem russischen Botschafter in London, Lieven, äußerste Castlereagh seine Ansicht, die Intention der französischen Regierung sei die Errichtung einer Monarchie mittels Waffengewalt gewesen.[9]

Seitdem der Putsch (sp. pronunciamento) des Obersten Riego, der Truppen von Cadiz nach Südamerika bringen sollte, in England zu Beginn des Jahres 1820 bekannt wurde, machten auch so konservative Politiker wie der Herzog von Wellington keinen Hehl daraus, dass die Kolonien für Spanien von jenem Moment an verloren seien.[10] Die Reaktion des russischen Zaren Alexander I. gegenüber den Revolutionen in Spanien, Portugal, Piemont und Neapel sah so aus, dass er innerhalb der Kongresspolitik der Heiligen Allianz darauf drängte, den Wunsch breiter Volksschichten nach Liberalismus und Verfassungen mit Hilfe des Militärs zu unterdrücken. Castlereagh, der als Tory antikonstitutionell und antirevolutionär gesinnt war, betonte in einem Kabinettsmemorandum vom 5.5.1820 noch einmal, dass England am Prinzip der Nichtintervention festhalte. Als Nichtmitglied der Heiligen Allianz musste England allein dafür Sorge tragen, die Verpflichtungen des Quadrupelvertrages von 1814 zu Chaumont und die Vereinbarungen des Nachfolgevertrages vom 20.11.1815 einzuhalten. Der Vertrag vom 20.11.1815 sah im Artikel VI vor, „auch nach der Räumung Frankreichs von Zeit zu Zeit zusammenzutreten, um im gemeinschaftlichen Interesse festzustellen, welche Maßregeln für die Erhaltung des Friedens und das Glück der Völker zu ergreifen seien.“[11] Weiter sah der Vertrag vom 20.11.1815 vor, dass die vier Mächte 20 Jahre lang dafür Sorge tragen sollten, die territorialen Abmachungen des Wiener Vertrages zu verteidigen und gemeinsam einen möglichen Wiederaufstieg der napoleonischen Dynastie in Frankreich zu verhindern.[12]

Durch seinen Vertreter Charles Stuart ließ Castlereagh beim Kongress zu Troppau im Jahre 1820 gegen die Rechtfertigung einer Intervention aus den Bestimmungen der Heiligen Allianz protestieren. Auf dem Kongress zu Laibach im Januar 1821 hielt der britische Vertreter an dem Prinzip der Nichtintervention fest.[13]

Obwohl Castlereagh persönlich die österreichische Unterdrückung der konstitutionellen Bewegung in Neapel im März 1821 befürwortete, erklärte er dennoch im House of Commons am 21.6.1821 mit Blick auf die Situation in Spanisch-Amerika, dass er die Errichtung eines Systems von Polizeistaaten ablehne, weil die so angehäufte Machtfülle dem Völkerrecht und den Prinzipien des ‚common sense’ widerspreche.[14]

Die Tatsachen, dass erstens die US-amerikanische Regierung den diplomatischen Gesandten aus Buenos Aires im Frühjahr 1822 offiziell in Washington empfing und zweitens der kolumbianische Agent Zea den englischen Botschafter in Paris zu einer positiven Anerkennungspolitik aufforderte, musste Castlereagh dazu bewegen, die Anerkennungspolitik erneut zu überdenken. Aber im Frühjahr 1822 waren weder Castlereagh noch das Kabinett dazu bereit, republikanische Staaten in der Neuen Welt anzuerkennen.

Am 5.5.1822 machte Castlereagh gegenüber dem französischen Botschafter in London, Chateaubriand, deutlich, dass England entschlossen sei, die spanischen Kolonien ökonomisch anzuerkennen. Schiffe, die unter der kolumbianischen oder argentinischen Flagge führen, könnten in nicht allzu ferner Zukunft englische Häfen anlaufen. Außerdem sei England entschlossen, Handelsagenten in die neuen Republiken zu entsenden.[15]

Ende Mai 1822 wurden im britischen Unterhaus Gesetzesentwürfe eingebracht, die zum Ziel hatten, die navigation laws zu ändern, um den Handel mit den neuen Staaten Spanisch-Amerikas in beide Richtungen zu intensivieren.[16]

Die Frage der vollen Anerkennung der neuen Staaten Lateinamerikas war in Castlereaghs Worten ‚eher eine Sache der Zeit als des Prinzips’. Castlereaghs Instruktionen für den britischen Verhandlungsbevollmächtigten bei dem Kongress zu Wien, der später nach Verona verlegt wurde, beinhalteten auch die Anweisung, die anderen Verhandlungsbevollmächtigten auf dem Kongress mit der Frage nach der vollen Anerkennung der neuen Staaten Lateinamerikas zu konfrontieren.[17]

Der britische Außenminister Canning instruierte den Herzog von Wellington als Verhandlungsbevollmächtigten für den Kongress zu Verona am 27.9.1822 dahingehend, dass Wellington den Alliierten klarmachen sollte, dass England keinesfalls Pläne unterstützen würde, die die Intervention mittels Waffengewalt in Spanien vorsähen.[18]

England war nämlich nicht an einer Neuauflage des Familienpaktes interessiert, der in den Verträgen von 1733, 1743 und 1761 besagte, dass sich der französische und spanische Vertreter der Bourbonendynastie zu gegenseitiger Hilfe verpflichteten. Falls Frankreich in Spanien intervenierte, um dort die konstitutionelle Bewegung zu unterdrücken und Ferdinand VII. in seine absoluten Rechte wieder einzusetzen, befürchtete England, dass Frankreich möglicherweise auch mit Waffengewalt in Lateinamerika eingreifen könnte.

Tatsächlich schickte aber Frankreich seit dem 6.4.1823 Truppen nach Spanien und behielt immerhin bis 1827 Militär in diesem Land. Noch bevor der Fall von Cadiz (30.9.1823) Canning bekannt wurde, hielt es der britische Außenminister für ratsam, den französischen Botschafter in London, de Polignac, zu einer Konferenz zu bitten (3.-9.10.1823), um ihn vorsorglich nach den Plänen Frankreichs in Spanisch-Amerika zu befragen. In dem sogenannten Polignac-Memorandum, das bis November 1823 den europäischen Kabinetten bekannt wurde, versicherte der französische Botschafter, dass Frankreich zu jener Zeit und zukünftig keine Pläne zu einer bewaffneten Intervention in Spanisch-Amerika verfolge.[19]

Im Oktober 1823 ernannte Canning drei Konsuln für Mexiko, Kolumbien und Buenos Aires. Er instruierte sie, in den Empfangsstaaten die Exequatur zu verlangen. In Frankreich, in den Niederlanden und in Preußen war man zu jener Zeit der Ansicht, dass die Akkreditierung von Konsuln, unabhängig von der Frage, ob sie die Exequatur erhielten oder nicht, keine politische Bedeutung habe. Canning beschrieb sie als Handelsagenten.[20]

Schon im August und September 1823 eröffnete Canning einige Gespräche mit dem amerikanischen Botschafter in London, Rush. In einem Brief vom 20.8.1823, der dem britischen Außenminister privat übergeben wurde, schlug der amerikanische Botschafter eine Deklaration beider Regierungen vor, in der gemeinsame Auffassungen zur Frage der Anerkennung der neuen Staaten Lateinamerikas betont werden sollten. Außerdem sollten die britische und die amerikanische Regierung in der gemeinsamen Deklaration klarmachen, dass etwaige Versuche europäischer Länder, mit Waffengewalt die Kolonien im Namen Spaniens wieder zu unterdrücken, missbilligt würden.[21]

Am 28.8.1823 machte der amerikanische Botschafter sogar den Vorschlag, eine Deklaration zu veröffentlichen, die die Drohung beinhalten sollte, dass die USA nicht inaktiv bleiben würden, falls die Heilige Allianz die Unabhängigkeit der neuen Staaten Lateinamerikas verletze. Die Voraussetzung für die Initiative von Rush war jedoch, dass England die Unabhängigkeit der spanischen Kolonien zuvor anerkennen sollte.[22]

Im Herbst 1823 hätte Canning aber weder die Zustimmung des britischen Kabinetts noch des Königs zu diesem Schritt erhalten. Eine Einigung zwischen Canning und Rush konnte auch aus dem Grunde nicht erreicht werden, weil Canning selbst aus verschiedenen Gründen noch nicht bereit war, die spanischen Kolonien anzuerkennen. Erstens wollte er bis zur Bekanntgabe des Falles von Cadiz den spanischen Konstitutionalisten Hilfe zukommen lassen. Zweitens hoffte der britische Außenminister, dass sich in Mexiko und anderswo in Spanisch-Amerika noch Monarchien entwickeln würden. Drittens hatte Canning auch noch nicht die Hoffnung aufgegeben, Spanien selbst von einer positiven Anerkennungspolitik zu überzeugen.[23]

Bei der Formulierung der Monroe-Doktrin, die der amerikanische Präsident James Monroe am 2.12.1823 an den Kongress richtete, spielte der Abbruch der Gespräche zwischen Rush und Canning eine Rolle. Obwohl die USA vor Abfassung der Doktrin das Polignac-Memorandum noch nicht kannten, waren der amerikanische Präsident und sein Secretary of State Adams mit der britischen Auffassung vertraut, dass England eine französische Intervention nicht hinnehmen würde.[24]

Am 21.1.1824 teilte Canning dem österreichischen chargé d’affaires in London, Neumann, mit, dass England an keinem Kongress teilnehmen würde, der sich mit Spanisch-Amerika beschäftigen sollte. Der Vorschlag, den Canning gegenüber Polignac schon im Oktober 1823 gemacht hatte, nämlich die USA zu einer solchen Konferenz einzuladen, wurde von Österreich und Frankreich entschieden abgelehnt. Ferdinand VII., der als Gastgeber der Alliierten Botschafterkonferenz bis Ende Dezember 1823 alle Einladungen versandt hatte, konnte sich aber erst auf Drängen Frankreichs im Februar 1824 dazu entschließen, gewisse Freiheiten beim Kolonialhandel zu verkünden. In England hielt aber selbst der konservative Herzog von Wellington, der keinesfalls seine Zustimmung zur Anerkennung der spanisch-amerikanischen Republiken geben würde, an der Absage für die alliierte Botschafterkonferenz in Paris fest. Im Februar und Mai 1824 schrieb Wellington an Metternich, dass ein Großteil der Engländer ihre Interessen ungern dem Risiko aussetzen würden, bei den Konferenzen in Paris und Madrid verkauft zu werden.[25]

Im März 1824 griff Canning zu einem Mittel, das den Stil seiner Außenpolitik charakterisierte. Er verlas das Polignac-Memoradum und die Depesche vom 30.1.1824, die Ferdinand VII. von der englischen Absage für die Alliierte Botschafterkonferenz informierte, vor dem Parlament. Zwar protestierte Wellington gegen eine solche Behandlung von vertraulichem Material, aber das Parlament und die britische Öffentlichkeit waren erfreut über Großbritanniens außenpolitischen Alleingang.[26]

Am 2. April 1824 unterbreitete Canning durch seinen Botschafter Acourt in Madrid Ferdinand VII. den geheimen Vorschlag, Spanien die Insel Kuba durch die englische Marine zu garantieren, vorausgesetzt, Spanien würde sich von seinen Kolonien friedlich trennen. Am 3.5. lehnte Spanien diesen Vorschlag ab.[27]

Am 15.6.1824 wandte sich der Anwalt und Strafrechtsreformer, Sir James Mackintosh, in einer Rede an das britische Unterhaus. Darin forderte er die Regierung auf, die südamerikanischen Staaten anzuerkennen. Als Begründung für diesen Schritt verwies Mackintosh darauf, dass den lateinamerikanischen Regierungen die Möglichkeit gegeben werden müsse, die von britischen Handelsbanken geborgten Darlehen zurückzuzahlen. Auch wenn die Verbindlichkeiten eher individuelle als nationale Interessen beträfen, so rechtfertigte das beträchtliche Gewicht der individuellen Interessen doch den nationalen Schritt einer positiven Anerkennungspolitik. Außerdem machte Mackintosh deutlich, dass britische Staatsbürger in lateinamerikanischen Staaten endlich diplomatisch und vertraglich voll geschützt werden müssten. Der Tory Canning teilte zwar nicht die Meinung von Mackintosh, dass britische Finanziers von der britischen Regierung unterstützt werden sollten, um ausländische Regierungen zu zwingen, ihre Verträge zu erfüllen.[28] Aber Canning, der selbst den Wahlkreis Liverpool im Parlament vertrat, verstand das ökonomische Interesse, das auf die volle Anerkennung der neuen Staaten Lateinamerikas drang, sehr wohl. Die Petition, die Mackintosh vortrug, war von führenden Handelshäusern der Londoner City unterschrieben worden. Der britische Außenminister konnte natürlich nicht die Anerkennung aller Staaten auf einmal empfehlen. Die positiven Berichte der britischen Kommissare, die in Mexiko und Kolumbien erkunden sollten, ob diese Länder die Kriterien erfüllten, um anerkannt zu werden, erreichten Canning schon am 30.3.1824 bzw. am 23.10.1824.

Am 30.4.1824 teilte Canning dem Unterhaus mit, dass die britische Regierung erneut die spanische Einladung zur Teilnahme an einem Kongress über die Fragen der Kolonien abgelehnt habe. Am 23.7.1824 ließ das britische Kabinett dem König Georg IV. eine offizielle Note zukommen, die empfahl, den britischen Generalkonsul in Buenos Aires zu ermächtigen, einen Handelsvertrag mit der Regierung dort auszuhandeln.[29]

Am 14.12.1824 legten der Premierminister Robert Banks Jenkinson, Earl of Liverpool, und der Außenminister George Canning dem Kabinett eine offizielle Note vor, in der sie die Anerkennung von Buenos Aires, Mexiko und Kolumbien forderten. König Georg IV. gab am 15.12.1824 seine Zustimmung zu dieser Politik.[30]

Teil I

Diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen der Hansestädte zu einigen lateinamerikanischen Staaten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Nach der napoleonischen Ära bemühten sich die drei Hansestädte Hamburg, Bremen und Lübeck mit Erfolg darum, ihre Unabhängigkeit als republikanisch regierte Stadtstaaten von den umliegenden Monarchien bestätigen zu lassen. In der am 5.11.1816 eröffneten Bundesversammlung waren sie mit einer Stimme vertreten. Im Sommer 1815 waren diplomatische Vertreter aus neun Monarchien in den Hansestädten akkreditiert. Die Mitglieder der Heiligen Allianz sowie Dänemark, Frankreich, die Niederlande, Schweden und Spanien hatten Gesandte entsendet. Hanseatische Ministerresidenten hatten zu diesem Zeitpunkt ihre Arbeit in Wien, Berlin, St. Petersburg, Paris, London und Madrid aufgenommen. Ab 1819 übernahm der vom Hamburger Senat entsandte Karl Sieveking die diplomatische Vertretung am Zarenhof für alle drei Hansestädte. Die Wiener Schlussakte vom 15.5.1820 vermerkte im Artikel 57 die Anerkennung der Hansestädte als Ausnahme vom Legitimitätsprinzip.[31]

Schon im Jahre 1812 unter dem Triumvirat von Manuel Sarratea, Juan José Paso und Martín Pueyrredón sowie dem jungen Sekretär Bernardino Rivadavia wurde der Hafen von Buenos Aires ausländischen Handelsleuten geöffnet. Ausländer durften in Buenos Aires Eigentum erwerben und mit den porteños gleichberechtigt handeln. Hohe Außenzölle, die seit 1809 in Kraft gesetzt worden waren, wurden durch niedrigere Einkommenssteuern ersetzt. Die Briten nutzten dieses Entgegenkommen am besten.[32]

Im Jahre 1814 entsandten auch hanseatische Kaufleute ein paar Schiffe direkt in den Rio de la Plata und an die Westküste Südamerikas. Diese frühen hanseatisch-südamerikanischen Kontakte fielen natürlich relativ bescheiden aus. Zwischen 1815 bis 1819 beschränkte sich der Verkehr von der Rio de la Plata-Region nach Hamburg auf 14 Schiffsladungen.[33] Der direkte Hamburger Überseeverkehr mit Südamerika machte 1815 nur 5%, 1825 11% aller eingelaufenen Schiffe aus.[34]

Auch Bremen entsandte 1814 schon Schiffe nach Santo Domingo und Südamerika. Fertigwaren wie Leinenprodukte, die aus dem Wesergebiet, der Osnabrücker und Bielefelder Gegend, aus Hannover und Hessen kamen, wurden gegen mittelamerikanische Rohstoffe wie Tabak, Rohrzucker und Baumwolle gehandelt.

Die bescheidenen hanseatischen Anfangserfolge riefen bald die diplomatischen Proteste der vorläufigen Verlierer im Südamerikageschäft hervor. Der französische Ministerresident bei den Hansestädten, Baron de Marandet, konnte nicht umhin, ‚den widerrechtlichen Charakter’ der Bremer Handelsbeziehungen zu den aufständischen Kolonien am 21.8.1816 zum Ausdruck zu bringen.[35] Der Minister Spaniens bei den Hansestädten, Perez de Castro, protestierte im Februar, September und Oktober 1815 dagegen, dass hamburgische Kaufleute beabsichtigten, Handel mit den Kolonien zu treiben, die seiner Katholischen Majestät gehörten.[36] Außerdem machte er darauf aufmerksam, dass der Handel nur legal über spanische Städte abgewickelt werden dürfe.

Da Hamburg Rücksicht nehmen musste auf seine Interessen und Handelswerte in Spanien, kam der Senat von Hamburg den Forderungen Spaniens vorläufig auf solche Weise entgegen, dass er am 15.9.1815 beschloss, dem Zoll die Weisung zu erteilen, Schiffe, die nach Buenos Aires gehen sollten, nicht abzufertigen.[37]

Doch schienen die zu erwartenden Profite im Südamerikageschäft von der Hamburger Handelskammer immerhin so hoch veranschlagt worden zu sein, dass sie zu der Verfügung des Senats nicht schweigen wollte. Am 9.10.1815 übergab die Commerz-Deputation dem Senat einen Antrag, der mit dem Ersuchen an den Rat endete, die Verfügung auf den Export von Kriegsmaterial zu beschränken. Die Berechtigung Hamburger Interessen wurde in dem Antrag mit dem Hinweis unterstützt, dass die USA, England und Holland schon ihren Handel nach Buenos Aires und Montevideo wahrnähmen.[38] Weiterhin wurde in dem Antrag der Commerz-Deputation an den Senat bezweifelt, dass Spanien überhaupt noch irgendwelche Hoheitsrechte über das ehemalige Vizekönigreich Rio de la Plata hätte.

Nachdem im August 1817 die Ausklarierung des Seglers „Palmyra“ den Protest des spanischen Ministerresidenten erregt hatte, wies der Senat die Commerz-Deputation an, in der Folgezeit Ausklarierungen für Schiffe, die nach Südamerika fahren sollten, nicht mehr zu veröffentlichen. Allerdings waren damit die Proteste des spanischen Vertreters noch nicht beendet. Am 25.2.1818 verlangte Perez de Castro von Bremen und Hamburg den völligen Exportstopp von Waffen und Munition ‚nach der ganzen amerikanischen Halbkugel ohne Unterschied’.[39]

Die Antwort des Senats beschränkte sich auf die Feststellung, dass man sich hinsichtlich des Waffenexports neutral verhalten werde. Zudem zeigte man sich bereit, den direkten Export nach den aufständischen Gebieten Spanisch-Amerikas zu verbieten.[40] Diese Worte besänftigten die spanische Seite aber keineswegs, wie ein weiterer Protest des spanischen Ministerresidenten vom 10.3.1818 zeigte. Auf der anderen Seite hatte der Antrag der Commerz-Deputation an den Senat vom April desselben Jahres zum Ziel, Gründe für die politische Unhaltbarkeit der spanischen Forderungen zu liefern. Darin wurden einmal Handels- und Freund-schaftsverpflichtungen mit den USA und dem Königreich Brasilien hervorgehoben. Zum anderen wurde in dem Antrag die Unmöglichkeit betont, Waren preußischer Herkunft und anderer Länder die Durchfahrt zu verweigern, es sei denn, der Bundestag beschlösse ein solches den ökonomischen Interessen zuwiderlaufendes Exportverbot.[41]

Schließlich wurde auch das Verlangen von Perez de Castro, Kautionen als Sicherheit für die Verschiffung nach neutralen Häfen zu verlangen, von der Commerz-Deputation und dem Senat verworfen. Ähnlich wie Hamburg erlaubte auch die österreichische Regierung Waffenexporte vom Freihafen Triest aus nach Amerika im Frühjahr 1818 zu tätigen, sofern die Ladungen nicht direkt in die aufständischen Gebiete gingen.[42]

Als dritter Gegenstand des Protestes des spanischen und französischen Ministerresidenten bei den Hansestädten wurde im September 1818 die Werbung von Freiwilligen durch Mittelsmänner der Republik Venezuela beklagt. Erst im November desselben Jahres reagierte der Bürgermeister von Hamburg, Bartels, weil die erfolgreiche Verschiffung von Habenichtsen den Hansestädten entgegenkam. Schließlich musste der Chef der Werbung, von Clauditz, allerdings doch ausgewiesen werden, und die Polizei wurde angewiesen, gegen ‚förmliche fremde Werbung’ einzuschreiten.[43]

Im Zuge der Bemühungen der neuen Republiken Spanisch-Amerikas um Investitionen und Handelsbeziehungen mit den europäischen Staaten und der Suche der europäischen Staaten nach neuen Märkten kam es am 16.6.1827 zum Abschluß eines Handels- und Schifffahrtsvertrages zwischen der Republik Mexiko und den Hansestädten, nachdem schon zuvor ähnliche Verträge mit Großbritannien und den Niederlanden ausgehandelt worden waren und etwa zur gleichen Zeit Verträge mit Dänemark, Schweden und Frankreich abgeschlossen wurden.

Der hanseatisch-mexikanische Vertrag fußte auf den Prinzipien der Reziprozität und der Meistbegünstigung. „Diese Reziprozität galt für alle Waren, die aus dem Gebiet des Vertragspartners kamen, gleich welchen Ursprungs sie waren und auf den Schiffen welcher Nationalität sie transportiert wurden.“[44] Die Meistbegünstigungs-bestimmung besagt, „dass bestimmte oder auch alle Güter aus dem Vertragspartnerland bei der Einfuhr mindestens so günstig gestellt werden müssen wie die aus dem am meisten begünstigten Herkunftsland.“[45] Die Hanseaten waren jedoch nicht hinsichtlich der Handels- und Zollgesetzgebung mit den mexikanischen Bürgern gleichgestellt; diese bleiben hierin bevorzugt. Allerdings gab der Vertrag den Hanseaten das Recht zum Einzelhandel und zur Niederlassung in Mexiko.

Die ersten mexikanisch-hanseatischen Kontakte wurden Anfang 1825 vom Ministerresidenten der Hansestädte in London, James Colquhoun, mit dem Gesandten Mexikos in London, Manuel Eduardo de Gorostiza, geknüpft. Auf Hamburger Seite war es Karl Sieveking, Syndikus und Vorsitzender der Senatskommission für Auswärtiges, der sich schon im Mai 1825 für die Anstellung von Handelsagenten in La Guaira, Cartagena, Buenos Aires und Mexiko City aussprach.[46] Obwohl die Hansestädte intendierten, ihre wirtschaftlichen Interessen in Mexiko auszubauen, zögerten sie, auch wenn Mexiko es wünschte, volle diplomatische oder auch nur konsularische Vertreter sofort nach Mexiko zu entsenden. Die Furcht vor spanischen Repressalien gegenüber hanseatischen Guthaben war zu groß. Immerhin wurde im Jahre 1825 der schon in Mexiko ansässige Kaufmann Hermann Nolte zum ersten Handelsagenten der Hansestädte ernannt. Im folgenden Jahr akkreditierte Hamburg den ersten mexikanischen Handelsagenten: Adolf Matthiesen. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Hansestädte insgesamt in Mexiko City bis zur deutschen Reichsgründung nur Generalkonsulate unterhielten, d.h. die ansässigen hanseatischen Kaufleute mussten sich in Krisenzeiten unter den Schutz einer voll diplomatisch akkreditierten Macht wie England, die USA oder Preußen stellen. In den mexikanischen Küstenstädten Tampico, Vera Cruz, El Carmen, Colima, Mazatlán und San Blas sowie Tabasco unterhielten die Hansestädte ebenfalls noch entweder gemeinsame oder getrennte Konsulate.[47]

Obwohl die Hansestädte den von Colquhoun und Sebastian Camacho ausgehandelten Vertrag im April 1828 ratifizierten, weigerte sich jedoch der mexikanische Kongress dasselbe zu tun und verlangte stattdessen einen ganz neuen Vertrag. 1830 war die Ratifikation der Verträge mit England, dem Königreich Hannover, den Niederlanden und Dänemark über die Bühne gegangen, doch die des Vertrags der Hansestädte mit Mexiko stand immer noch aus.[48] Erst am 19.2.1831 kam es wieder in London zum Abschluss eines zweiten Vertrags zwischen den Hansestädten und der Republik Mexiko, der nun zwischen Colquhoun und Gorostiza ausgehandelt wurde. Diesmal mussten die Hanseaten Abstriche bei den ihnen im ersten Vertrag konzedierten Rechte für den Einzelhandel machen. Die beiden anderen Streitpunkte waren der Küstenhandel und Mexikos Wunsch, dass die Hanseaten endlich volle diplomatische Beziehungen anstreben sollten. Beim Küstenhandel konnte man sich insofern einigen, als die Hanseaten ihn im Namen von Mexikanern durchführen lassen konnten. Die volle diplomatische Anerkennung verweigerten die Hansestädte dem Vertragspartnerland weiterhin: es blieb bei der Ernennung eines Generalkonsuls für Mexiko City und bei der Aufnahme von Küstenkonsulaten ab 1832 in Tampico und Veracruz.[49] Erst am 30.4.1841 wurde der Vertrag nach nochmaliger Änderung ratifiziert, nachdem sich schon 1839 der General Bustamente in den ersten Sitzungen des Kongresses lobend über die Hanseaten geäußert hatte, weil sie die französische Blockade von Veracruz und Tampico von April 1838 bis März 1839 verurteilt und sich um die britische Vermittlung des Konfliktes bemüht hätten.[50] Nach Dane beliefen sich die Kosten des ab 1827 ausgehandelten Vertrages auf £ 800. Davon zahlte Hamburg die Hälfte, Bremen ein Drittel und Lübeck ein Sechstel.[51]

Nach einem Bericht des ersten Generalkonsuls der Hansestädte in Mexiko belief sich der Wert der ausgeführten Waren aus Bremen nach Mexiko im Jahre 1826 auf fast 600.000 Reichsthaler, wovon ca. 400.000 Rthlr auf Leinenwaren entfielen.[52] 1843 betrug der Wert der gesamten Exporte aus den deutschen Ländern nach Mexiko 240.000 $ und der Wert der mexikanischen Exporte nach den deutschen Ländern belief sich auf 31.500 $.[53]

In einem Schreiben von 1844 der hanseatischen Kaufleute in Mexiko an die Hansestädte, das die Empfehlung aussprach, die Interessen der Hansestädte vom jeweiligen preußischen Geschäftsträger wahrnehmen zu lassen, heißt es, dass „die Hanseatischen Etablissements in der Republik Mexiko wenigstens sieben Achtel des ganzen deutschen Handels vertreten...“[54]

Im Jahre 1845 importierte Hamburg von der Ostküste Mexikos und aus British Hunduras Waren im Werte von 114.090 Banco Mark. Im selben Jahre betrug der Wert der von Hamburg nach Mexiko und Belize exportierten Güter 2.800.770 Banco Mark.[55] Zu den hamburgischen Importgütern von der Ostküste Mexikos und British Honduras zählten im Jahre 1845 Blauholz, Drogen, Gelbholz, Gold- und Silberwaren, Mahagoniholz, Naturalien, Kaffee, Pflanzen und Gesträuch.[56] Die hamburgischen Exportgüter nach Mexiko und British Honduras bestanden in erster Linie aus Leinen und Segeltuch, Seiden- und Halbseidenwaren, Baumwollwaren, Kurzwaren, Manufakturwaren, Woll- und Halbwollwaren, Glas und Porzellan, Mandeln, Instrumente, Baumwollgarn, Kaneel (i.e. hochwertige Zimtsorte), Wachs, Leder und Lederwaren, Wein und Spirituosen, Kakao, Lumpen, Stahl und Eisen.[57]

Seit der Veröffentlichung des „Manifestes des bevollmächtigten Ministers der Republik Kolumbien an die Kabinette Europas“ vom 8.4.1822 in Paris, welches alle bestehenden Regierungen Europas anerkannte und alle Staaten unter dem Motto cordialité, liberté, reciprocité zum Handel mit Großkolumbien einlud unter der Voraussetzung, dass das zukünftige Vertragspartnerland ebenfalls Großkolumbien anerkennen würde, mussten auch die Hansestädte möglichst rechtzeitig Schritte einleiten, um diplomatische Beziehungen zu dieser neuen Republik aufzunehmen. Denn es war auch in diesem Fall klar, dass eine schnelle, volle diplomatische Anerkennung mit einem entgegenkommenden Vertrag belohnt werden würde. Das Interesse Hamburger Kaufleute am Absatz von Waren in diesem Gebiet war schon im Juni 1822 bekundet worden. Hamburgs Syndikus Sieveking und der Bremer Senator Gildemeister nahmen im April und Mai 1827 in Brüssel, Paris und London Kontakte mit Vertretern der neuen Republiken auf. Die hanseatischen Unterhändler sprachen auch mit dem kolumbianischen Gesandten Hurtado in London. Sieveking und Gildemeister konferierten ebenso mit dem kolumbianischen Geschäftsträger Palacio in Rio de Janeiro, wo sich die Hamburger Senatoren seit dem 1.6.1827 aufhielten, um mit Brasilien einen Vertrag auszuhandeln.[58]

So wurde auch bald wenigstens der in La Guaira ansässige Kaufmann Georg Gramlich am 11.6.1827 vom Hamburger Senat zum Generalkonsul ernannt und für Bremen der Kaufmann J.F.G. Strom als Konsul anerkannt. Doch reichte diese Verbindung nicht aus, um den zusätzlichen Differentialzoll von 7,5%, der auf den hanseatischen Importen lastete, aufheben zu lassen. Auch als James Colquhoun in London im Frühjahr 1828 wieder die diplomatische Initiative für die Hanseaten ergriff, nachdem bezeichnenderweise die Verträge zwischen den Niederlanden, Dänemark, Schweden und Norwegen auf der einen und Großkolumbien auf der anderen Seite schon abgeschlossen waren oder vor dem Abschluss standen, scheiterte sie daran, dass Kolumbien anbot, Reziprozität und Zollbegünstigung nur für die in den Hansestädten hergestellten und verarbeiteten Produkte zu gewähren.[59] Der Zerfall Großkolumbiens im Jahre 1830 verhinderte zunächst weitere Verhandlungen. Erst 1854 kam es zu einem Abschluß eines Handelsvertrages zwischen den Hansestädten und Kolumbien.[60]

Parallel zum Abschluss des mexikanisch-hanseatischen Handels- und Schifffahrtsvertrages vom 16.6.1827 bemühten sich die Hansestädte auch um einen Vertragsabschluss mit dem Kaiserreich Brasilien. Die Regierung dieses Lands hatte schon 1810 mit Großbritannien einen Handelsvertrag abgeschlossen, der importierten englischen Waren einen vorzüglichen Wertzoll von 15% garantierte, während portugiesische Importwaren mit einem Wertzoll von 24% belastet wurden.[61]

1827 wurde der englisch-brasilianische Handelsvertrag unter Mitwirkung des englischen Vertreters Robert Gordon verlängert. Der 15%ige Wertzoll wurde beibehalten. Tatsächlich scheint Platt[62] Recht mit seiner Behauptung zu haben, dass der 15%ige Wertzoll auf Importgüter zu jener Zeit kein Privileg ausschließlich für die Briten war, denn der Zusatzartikel 3 vom 7.6.1826 zum französisch-brasilianischen Freundschafts-, Schifffahrts- und Handelsvertrag vom 8.1.1826 sah denselben Zoll für französische Importwaren nach Brasilien vor.[63] Schließlich wurde im hanseatisch-brasilianischen Handels- und Schifffahrtsvertrag vom 21.11.1827 im Artikel 6 ebenfalls der reduzierte Zoll von 15% festgesetzt trotz der anfänglich diplomatischen Einwendungen der englischen Diplomaten.[64] Verantwortlich für die Aushandlung des Vertrages auf der Seite der Hansestädte waren der Hamburger Syndikus Sieveking und der Bremer Senator Gildemeister.

Ein „Promemoria“ des Bremer Ältestenrats schätzte die Menge des Imports aus Brasilien um 1827 auf 30.000 Kisten Zucker und 57.500 t bis 69.000 t Kaffee, wobei auf Bremen 10% des importierten Zuckers und 25% des Kaffees entfielen.[65] Die Zahl der von Brasilien in Bremen eingelaufenen Schiffe im Zeitraum 1823-1828 betrug 35, und die Zahl der von Brasilien in Hamburg eingelaufenen Schiffe belief sich auf 496 im Zeitraum 1823-1827.[66]

Weitere Handelsverträge schlossen die Hansestädte 1837 mit Venezuela, 1847 mit Guatemala, 1848 mit Costa Rica, 1854 mit Nicaragua und 1855 mit der Dominikanischen Republik.[67]

Teil II

Einige Aspekte der britischen Politik gegenüber den neuen Staaten Lateinamerikas in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

1. Einleitung

Nach D.C.M. Platt war der Hauptgrund dafür, dass es im Zeitraum von 1830 bis 1914 mindestens 40 Beispiele für britische Blockaden, Bombardements, größere Flottendemonstrationen und Landungen von Soldaten in Lateinamerika gab, die Sicherung vielfältiger ökonomischer Interessen. So war Brasilien am Ende der 1820er Jahre nach den USA und den deutschen Ländern der drittgrößte ausländische Markt für britische Produkte und das sechstwichtigste Importland für Großbritannien.[68]

Weiter argumentiert Platt, dass die britische Politik militärische Maßnahmen nur dann für berechtigt und als letzte Zuflucht ansah, wenn es darum ging, „Gerechtigkeit für unbefriedigte Forderungen zu erlangen“.[69] Offizielle britische Diplomatie habe seit der Amtszeit des Viscount Robert Stewart Castlereagh (Kriegsminister 1805-09; Außenminister 1812-22) und George Canning (Außenminister 1822-27) vermieden, sich in die Innenpolitik lateinamerikanischer Länder einzumischen sowie darauf geachtet, Bedingungen zu erhalten, die solcher Art waren, dass Handel und Investitionen weiterhin getätigt werden konnten. Großbritannien sei gleichzeitig bereit gewesen, die Handelsrechte und Investitionsmöglichkeiten, die es selbst genoss, auch allen anderen Nationen zuzugestehen. Zu den Aufgaben britischer Diplomatie habe der Schutz britischer Staatsangehöriger und britischen Eigentums vor Angriffen und Verletzungen gehört.[70] Die Aufgabe britischer Diplomatie bestand z.B. nicht darin, britische Anleihen nur dann zu bewilligen, wenn das Nehmerland auch bereit war, britische Waren abzukaufen.[71]

Von den 40 Interventionen im Zeitraum 1830-1914 seien 10 auf Verletzung nationaler Ehre und Würde zurückzuführen. Hierbei habe es sich um Angriffe auf die britische Flagge und die Tatsache nicht nachgekommener finanzieller Forderungen gehandelt. 14 weitere Interventionen hätten ihren Ursprung im Angriff und in der Verletzung britischer Staatsangehöriger gehabt. Bei 12 Interventionen handelte es sich darum, Ordnung herzustellen und britischen Besitz zu schützen; 3 weitere seien nötig gewesen, um Nationen, die unter britischem Schutz standen, beizustehen; und die Ursache für eine Intervention bestand darin, Trinidade, eine damals unbewohnte Insel, als Telegrafenstation zu besetzen.[72] Die einzige Ausnahme beim britischen Bemühen um Neutralität sieht Platt in der englisch-französischen Antiblockade gegenüber Buenos Aires vom September 1845 bis Juni 1847. Außenminister Lord Aberdeen (1841-45) habe sich entgegen eigener Neigungen in dieses Unternehmen hineindriften lassen.[73]

Unerwähnt lässt Platt allerdings die britische Wiederbesetzung der Falkland Inseln im Jahre 1835 unter dem Außenministerium von Viscount Palmerston (1830-41; 1846-51).

Im Folgenden sollen die vielseitigen britisch-lateinamerikanischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dreierlei Aspekten untersucht werden:

Erstens sollen die Hintergründe dreier militärischer Aktionen aufgearbeitet werden. Zweitens soll die diplomatische Arbeit des Gesandten Lord Strangford am portugiesischen Hof in Rio de Janeiro von Juli 1808 bis April 1815 beschrieben werden. Drittens wird die Handelspolitik Großbritanniens gegenüber Argentinien und Mexiko dargestellt.

Die Freibeuterexpedition im Jahre 1806 und die offizielle britische Expedition im Jahre 1807

Britische Gesamtexporte beliefen sich im Jahre 1805 auf £ 41.070.000. Ein Jahr später stiegen sie auf £ 44.140.000.[74] Der Handelskrieg zwischen Frankreich und England nahm mit dem Zollgesetz vom 10.4.1806, der englischen Verordnung vom 16.5.1806, dem napoleonischen Dekret vom 21.11.1806 und der englischen Verordnung vom 7.1.1807 Formen an. Das Ziel der sog. Kontinentalsperre Napoleons bestand darin, England in eine Überproduktions- oder Unterkonsumtionskrise zu stürzen. Die Kontinentalsperre wurde jedoch durch den Schmuggel mit englischen Waren unterwandert und begann erst vom Ende des Jahres 1810 bis Beginn 1811 zu wirken.[75] Die britischen Gesamtexporte fielen von £ 49.980.000 im Jahre 1810 auf £ 34.920.000 im Jahre 1811.[76]

Der Zustand der englischen Kriegsflotte konnte im Herbst 1807 nicht schlecht gewesen sein, denn 1805 hatte sie ihre Schlagkraft gegen die Flotten Frankreichs und Spaniens in der Schlacht vor dem Kap Trafalgar bewiesen, und im Oktober 1807 wurde unter Befürwortung des Außenministers Canning die dänische Flotte außer Gefecht gesetzt und fortgeschafft. Die holländische Siedlungskolonie am Kap der Guten Hoffnung wurde 1805 besetzt, auch um den Seeweg nach Indien zu sichern.

Einige Pläne zur politischen und ökonomischen Schädigung Spaniens auf dem Gebiet des Vizekönigreichs Rio de la Plata wurden England am Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den sogenannten precursores namentlich Juan José Godoy, Juan Pablo Viscardo und Francisco de Miranda vorgelegt. Miranda, der seit August 1803 mit britischen Kommandanten der Royal Navy Home Riggs Popham befreundet war, diskutierte den Plan einer Expedition ins Rio de la Plata-Gebiet mit dem ehemaligen Premierminister Pitt und dem ersten Lord der Admiralität Melville. Da die Genehmigung für diesen Plan auf sich warten ließ und schließlich nicht gegeben wurde, leitete Miranda eine eigene Expedition nach Venezuela, wo er 1805 in Coro landete, jedoch keine Anhänger sammeln konnte und sich schließlich frustriert zurückzog.[77]

Popham, der im Jahre 1806 schließlich Kommandeur eines Geschwaders geworden war, begleitete eine englische Flotte bis zum Kap der Guten Hoffnung, wo er sich von der einfachen Einnahme von Cape Town überzeugen konnte.[78] Inspiriert vom Erfolg dieses Unternehmens fuhren der Kommandeur Popham, sein Untergebener, der Brigadier William C. Beresford und die ca. 1.500 Mann Landungstruppen nicht über St. Helena heimwärts, sondern westwärts nach Südamerika in den Rio de la Plata. Hier wurden die Truppen schon an der Küste vor Quilmes gelandet. Dort fanden sie nur schwachen Widerstand vor. Der spanische Vizekönig Sobre Monte, der sich die Operationen aus der Distanz anschaute, hielt es es für ratsamer, sich ins Innere des Landes zurückzuziehen, die Hauptstadt den Invasoren auszuliefern, die politische Gewalt der Audiencia zu überlassen und die Cajas Reales mitzunehmen. Zwar entsprach der Rückzug des Vizekönigs den Beschlüssen der Junta de Guerra vom 2.4.1805, wonach eine nicht zu verteidigende Attacke gegen die Hauptstadt den Plan erforderlich machen sollte, Verstärkungstruppen im Norden des Vizekönigreiches zu sammeln und bei günstiger Gelegenheit die Hauptstadt zurückzuerobern.[79]

Aber der Vizekönig dachte erst gar nicht daran, den Versuch zu unternehmen, militärischen Widerstand gegen die Invasoren zu organisieren, bevor er floh. So fielen den Briten und Schotten 106 Geschütze in Buenos Aires in die Hände und wenig später in Lujan auch der tesoro real.

Die Hoffnung der Briten bestand in der illusorischen Annahme, dass der Graben zwischen criollos und españoles so tief sei, dass erstere sie als Befreier begrüßen und politische Unterstützung gewähren würden. Die Gefühle zwischen beiden Gruppen waren jedoch keineswegs von abgrundtiefem Hass geprägt. Zudem waren die Bestrebungen nach größerer politischer Unabhängigkeit erst bei einer kleinen Minderheit unter den criollos vorhanden. Zu dieser Gruppe gehörten Leute wie Rodríguez Peña, Castelli, Pueyrredón, Arroyo und andere.

Am 27.6.1806 besetzten die Briten Buenos Aires. Alles, was sie zunächst anzubieten hatten, war das Versprechen, die freie Ausübung der katholischen Religion zu gewährleisten sowie einen wie auch immer gearteten freien Handel zwischen dem spanischen Vizekönigreich und England aufzunehmen.[80]

Castelli, der Beresford bat, Einzelheiten mitzuteilen, wurde damit vertröstet, weitere Instruktionen aus London abzuwarten. Pueyrredón, der den Kommandeur Popham aufsuchte, konnte keine Garantie irgendeiner Art für politische Unabhängigkeitsbe-strebungen erhalten.[81] Unterdessen sandte Popham einen Zirkularbrief an die Kaufleute von Liverpool und London, in dem er ihnen von den Absatzmöglichkeiten berichtete, die er eröffnet hätte.[82] Lord Grenville, Premierminister des Kabinetts aller Talente im Jahre 1806, verurteilte das nicht genehmigte Unternehmen Pophams, war aber dem Applaus seitens des Handels nicht abgeneigt. So wurde beschlossen, militärischen Nachschub und Handelsschiffe zu entsenden, aber auch Popham vor ein Kriegsgericht zu stellen.[83]

In Buenos Aires entwickelten sich die Dinge nach einigen Tagen britischer Besatzung so weiter, dass sich Kreolen, peninsolares, Händler, Produzenten, Kleriker und Militärs zu einer Einheitsfront gegen die Besatzer zu organisieren begannen. Santiago Liniers, Franzose in spanischen Diensten, setzte nach Montevideo über und erbat vom dortigen Gouverneur Truppen zur Wiedereroberung von Buenos Aires. Pueyrredón stellte irreguläre Truppen zwischen Buenos Aires, Lujan und San Pedro auf. Alzaga sammelte Verschwörer innerhalb von Buenos Aires und gab Waffen an die Landbevölkerung aus.[84]

Die Bataillone und Schwadrone der pensinsulares waren nach der Herkunftsregion der Leute getrennt aufgestellt: es gab baskische, galicische und katalanische Einheiten etc. Die Kreolen formierten sich in Einheiten wie den patricios, arribeños, correntiños etc. und sollen schließlich 8.000 Soldaten ausgemacht haben.[85] Am 12.8.1806 wurden die Briten geschlagen. Beresford musste die Kapitulation unterschreiben und begab sich nach Lujan ins Gefängnis.

Die Folge der geglückten Wiedereroberung von Buenos Aires war am 14.8.1806 zu sehen. Ein cabildo abierto wurde einberufen. Diese Notabelnversammlung setzte sich zum Ziel, den militärischen Sieg politisch auszuwerten. Bald nahm die exklusive Veranstaltung jedoch revolutionäre Formen an, denn das Volk verlangte, den militärischen Oberbefehl Liniers zu übertragen. Schließlich wurde dem Vizekönig eine Kommission entgegen gesandt. Diese verlangte von Sobre Monte, Liniers den militärischen Oberbefehl zu übertragen und dem Regenten der Audiencia die dringenden Regierungs- und Finanzangelegenheiten zu überlassen. Außerdem wurde dem Vizekönig empfohlen, die Stadtgrenze von Buenos Aires nicht zu überschreiten.[86] Die nächsten Aktionen auf britischer Seite sahen so aus, dass der Montevideo vorgelagerte Hafen Maldonado im Oktober 1806 besetzt wurde. Schließlich wurde auch Montevideo am 3.2.1807 von angeblich mehr als 7.000 britischen Soldaten eingenommen sowie der Hafen und der Handel bis zum 7.9.1807 blockiert. 66 Kaufleute waren mit ihren Gütern in die Stadt gelangt. General Auchmuty kürzte den Hafenzoll von 50% auf 12,5%. Britische Waren im Wert von £ 0,7 Mio. wurden bis Mitte Mai zu Preisen von insgesamt £ 1,25 Mio. verkauft.[87]

In Lujan hatte unterdessen im Februar 1807 Saturnino Rodriguez Peña den gefangenen General Beresford dazu überredet, sich doch für die amerikanische Unabhängigkeitsbewegung in jener Region einzusetzen. Der britische Offizier bot sich an, diese Ideen dem Eroberer Montevideos, General Auchmuty und der britischen Regierung zu unterbreiten. Alzaga, Liniers und Peña ließen den General in dem guten Glauben fliehen, dass dieser sich für ihre Interessen einsetzen würde.[88]

Am 6.2.1807 versammelte sich eine Menschenmenge vor dem Cabildo in Buenos Aires. Sie verlangte lautstark die Absetzung des Vizekönigs. Ein cabildo abierto trat zusammen und beschloss, die a udiencia zu bitten, den Vizekönig wegen Unfähigkeit abzusetzen. Am 10.2.1807 rief Liniers eine junta de guerra zusammen, die wiederum beschloss, den Vizekönig des Amtes zu entheben, ihn zu inhaftieren, der audiencia die Zivilgewalt und Liners den militärischen Oberbefehl zu übertragen. Viele españoles unterstützten diese Schritte, denn der Vizekönig hatte in ihren Augen versagt.[89]

In Montevideo an der Banda Oriental wurden die Informationen von Beresford und anderen von den dort stationierten britischen Offizieren so gedeutet, dass es in Buenos Aires eine kleine Gruppe von Kreolen gäbe, die die englische Herrschaft der spanischen vorzöge, sofern die Friedensverträge nicht beinhalteten, dass Buenos Aires an Spanien zurückgegeben würde.[90]

Am 28.6.1807 wurden unter dem Oberkommandeur Whitelock gleich 8.400 Soldaten vor Enseñada gelandet. Am 5. Juli marschierten diese dann, fatalerweise, in Reih und Glied durch Buenos Aires. Merkwürdigerweise hatten Liniers und der cabildo dort schon einige Tausend Milizen organisiert. Im Straßenkampf verloren die Briten 1.000 Mann und 2.000 Soldaten wurden gefangen genommen. Am 6. Juli 1807 musste Whitelock kapitulieren. Er verpflichtete sich, beide Ufer des Rio de la Plata zu räumen.[91]

Das Resultat der beiden englischen Attacken gegen Buenos Aires zeigte, dass die unterschiedlichen Gruppen der porteños das militärische Aufgebot der Briten als Bedrohung und Vergewaltigung ansahen und sich folgerichtig zur Wehr setzten. Trotzdem sah die Pragmatik der partido de la independencia unter Führung solcher Kreolen wie Castelli, Saturnino und Nicola Rodriguez Peña, Manuel Belgrano, Hipolito Vieytes, Antonio Berutti, Manuel Padilla, Domingo French, Juan Martin de Pueyrredón, Juan José Paso und anderen so aus, dass sie durchaus von Mai bis Oktober 1808 um die militärische Unterstützung Englands nachsuchten und die Pläne der Carlota, der Schwester des spanischen Königs Fernando VII., und der Frau des portugiesischen Prinzregenten Dom João für eigene Interesse verwerten wollten.[92]

Ihr Ziel war es, das politische System so zu ändern, dass die Vorherrschaft der Europaspanier ein Ende hätte. Einige Mitglieder des partido de la independencia wie Manuel Belgrano befürworteten ein System der monarchisch-konstitutionellen Linie bis zur Mai-Revolution, als der partido republicano sich der partido de la independencia annäherte und sich beide Gruppen auf die politische Führung mittels verschieden zusammengesetzter juntas einigten. Der partido republicano setzte sich für ein System ein, dass unter Leitung von Europaspaniern, die in erster Linie Kaufleute waren, die Loslösung von der spanischen Metropole anstrebten. Das Zentrum der Macht dieser Gruppe lag in dem Cabildo von Buenos Aires. Obwohl in erster Linie von Europaspaniern bestimmt, waren auch in dieser Gruppe zwei Kreolen zu finden, nämlich Mariano Moreno und Juan de Leyva. Eine dritte politische Gruppe umfasste die Militärführer mit Cornelio Saavedra als typischstem Vertreter.[93]

Der militärische Doppelerfolg gegen die Briten stärkte im Jahre 1807 in erster Linie das Vertrauen der kreolischen Regimenter. Ausländische Hilfe von Spanien oder Peru waren nicht nötig gewesen. Santiago Liniers wurde im Juni 1807 zum Generalkapitän des Vizekönigreiches ernannt und zum einstweiligen Vizekönig gemacht. Paradoxerweise waren es gerade die kreolischen und einheimischen Regimenter, die den Vizekönig Liniers am 1. Januar 1809 vor dem golpe der Gruppe um Martin de Alzaga schützte. An diesem Tag waren die Wahlen für den cabildo fällig und eine Delegation des alten Stadtrates, dem Mitglieder des partido republicano angehörten, wurde zum Fort von Buenos Aires entsandt, um dort den Rücktritt des Vizekönigs zu verlangen. Doch der Einsatz der kreolischen Regimenter unter Saavedra und das Umschwenken des Regimentes der andaluces auf der Gegenseite verhinderte den golpe. Die Reaktion des Vizekönigs sah so aus, dass er die Prärogativen des cabildo beschnitt und die Anführer des Umsturzes nach Patagonien verbannte, von wo Alzaga und andere allerdings bald vom ultra-royalistischen Gouverneur von Montevideo, Francisco Javier Elío, nach Montevideo geholt wurde.[94]

[...]


[1] Vgl. Webster, C.K.: Castlereagh and the Spanish Colonies I. 1815-1818, in: English Historical Review, Bd. XXVII, London 1912, S. 79.

[2] Vgl. ibid., S. 81f.

[3] Vgl. ibid., S. 86ff.

[4] Vgl. Manfred Kossok: Im Schatten der Heiligen Allianz. Deutschland und Lateinamerika 1815-1830. Zur Politik der deutschen Staaten gegenüber der Unabhängigkeitsbewegung Mittel- und Südamerikas. Berlin 1964, S. 231.

[5] C. K. Webster: Castlereagh and the Spanish Colonies II. 1818-1822, in: English Historical Review, Bd. XXX, London 1915, S. 635.

[6] Vgl. Kossok, op. cit., S. 231.

[7] C. K. Webster: Castlereagh and the Spanish Colonies II. 1818-1822, in: English Historical Review, Bd. XXX, London 1915, S. 637.

[8] Ibidem, S. 638.

[9] Vgl. ibid., S. 639.

[10] Ibid., S. 639.

[11] Reinhard Koselleck: Die Restauration und ihre Ergebniszusammenhänge, in: Das Zeitalter der europäischen Revolution 1780-1848. Fischer Weltgeschichte Bd. 26, Frankfurt a.M. 1969, S. 220.

[12] Temperley, H.: The Foreign Policy of Canning 1822-1827, London 1966, 2. Auflage, Teil I, S. 4.

[13] Kurt Kluxen: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1976, 2. Auflage, S. 523.

[14] Vgl. Temperley, H., S. Teil I., S. 24.

[15] Vgl. Webster, C.K.: Castlereagh and the Spanish Colonies II. 1818-1822, in: English Historical Review, Bd. XXX, London 1915, S. 642.

[16] Vgl. ibid., S. 643.

[17] Vgl. ibid., S. 644; Temperley, H., op. cit., Teil II, Kap. III, S. 53.

[18] Vgl. Temperley, H., op. cit., Teil II, Kap. III, S. 63ff.

[19] Vgl. Temperley, H., op. cit., Teil III, Kap. V, S. 116.

[20] Vgl. ibid., Notes to Chapter VI, 6 (a), S. 502f.

[21] Vgl. ibid., Teil III, Kap. V, S. 110f.

[22] Vgl. ibid., Teil III, Kap. V, S. 112.

[23] Vgl. ibid., Teil III, Kap. V, S. 113, Fußnote 1

[24] Vgl. ibid., Teil III, Kap. V, S. 123

[25] Vgl. ibid., Teil III, Kap. V, S. 136.

[26] Vgl. ibid.

[27] Vgl. ibid.

[28] Vgl. Semmel, B.: The Rise of Free Trade Imperialism. Classical Political Economy, the Empire of Free Trade and Imperialism 1750-1850. Cambridge 1970, S. 151f.

[29] Vgl. Temperley, H.: The Foreign Policy of Canning 1822-1827, London 1966, 2. Auflage, Teil III, Kap. VI, S. 144.

[30] Vgl. ibidem, S. 147.

[31] Vgl. Manfred Kossok: Im Schatten der Heiligen Allianz. Deutschland und Lateinamerika 1815-1830. Zur Politik der deutschen Staaten gegenüber der Unabhängigkeitsbewegung Mittel- und Südamerikas. Berlin 1964, Kap. II., S. 30f. Michael Hurst (Hrsg.): Key Treaties for the Great Powers 1814-1914. Bd. I, London 1972, S. 164.

[32] Vgl. John Lynch: The Spanish American Revolutions 1808-1826. New York 1973, Kap. 2, S. 74.

[33] Vgl. Kossok, S. 34f.

[34] Vgl. ibidem, S. 39.

[35] Vgl. ibidem, S. 35.

[36] Vgl. ibidem, S. 36.

[37] Vgl. ibidem, S. 37.

[38] Vgl. ibidem, S. 38.

[39] Vgl. ibidem, S. 41.

[40] Vgl. ibidem, S. 41.

[41] Vgl. ibidem, S. 41ff.

[42] Vgl. ibidem, S. 77.

[43] Zit. nach Kossok, S. 44.

[44] Ibidem, S. 151.

[45] Joachim Hütter: Einführung in die internationale Politik. Stuttgart 1976, S. 101.

[46] Vgl. Kossok, S. 144.

[47] Hendrik Dane: Die wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands zu Mexiko und Mittelamerika im 19. Jahrhundert. Köln 1971, S. 23ff.

[48] Vgl. ibidem, S. 27.

[49] Vgl. ibidem, S. 27ff.

[50] Vgl. ibidem, S. 28.

[51] Vgl. ibidem, S. 28.

[52] Vgl. ibidem, S. 26.

[53] Vgl. ibidem, Anhang 4, S. 175.

[54] Vgl. ibidem, S. 29.

[55] Vgl. ibidem, Anhang 4, S. 173 und Anhang 3, S. 163.

[56] Vgl. ibidem, S. Anhang 4, S. 172f.

[57] Vgl. ibidem, Anhang 3, S. 163.

[58] Vgl. Kossok, S. 156.

[59] Vgl. ibidem, S. 158.

[60] Vgl. Hermann Kellenbenz: Zur Frage der konsularisch-diplomatischen Verbindungen und der Handelsverträge der Hansestädte mit überseeischen Staaten im 19. Jahrhundert, in: Bremisches Jahrbuch, Bd. 49, 1964, S. 73.

[61] Vgl. Gustavo Beyhaut: Süd- und Mittelamerika II. Von der Unabhängigkeit bis zur Krise der Gegenwart. Fischer Weltgeschichte Bd. 23. Frankfurt a.M. 1965, S. 73.

[62] Vgl. D.C.M. Platt: British Diplomacy in Latin America since the Emancipation, in: Inter American Economic Affairs, Bd. 21 (1967), S. 26f, Fußnote 13.

[63] Vgl. M. de Clercq (Hg.): Recueil des Traités de la France. Paris 1880, Bd. 3, 1816-1830, S. 402-409.

[64] Vgl. Kossok, S. 225.

[65] Vgl. ibidem, S. 219.

[66] Vgl. Kossok, S. 220.

[67] Vgl. Kellenbenz, S. 222.

[68] Vgl. D.C.M. Platt: British Diplomacy in Latin America since the Emancipation, in: Inter American Economic Affairs, Bd. 21 (1967), S. 21.

[69] Ibidem, S. 34f.

[70] Vgl. ibidem, S. 36.

[71] Vgl. ibidem, S. 28.

[72] Vgl. ibidem, S. 37.

[73] Vgl. ibidem, S. 35.

[74] Vgl. D. C. M. Platt: Latin America and British Trade. London 1972, Tabelle I, S. 28.

[75] Vgl. Kurt Kluxen: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Stuttgart 1976, 2. Aufl., S. 516ff.

[76] Vgl. D.C.M. Platt: Latin America and British Trade. London 1972, Tabelle I, S. 28.

[77] Vgl. C A. Floria; C.A.G. Belsunce: Historia de los Argentinos. Buenos Aires 1971, Bd. 1, S. 226.

[78] Vgl. H.F. Ferns: Britain´s Informal Empire in Argentina 1806-1914, in: Past and Present, Bd. 3 (1953), S. 61 und Floria; Belsunce, S. 228.

[79] Vgl. Floria; Belsunce, S. 230.

[80] Vgl. ibidem, S. 230.

[81] Vgl. ibidem, S. 231.

[82] Vgl. Ferns, S. 61

[83] Vgl. ibidem, S. 62; Floria; Belsunce, S. 234.

[84] Vgl. Floria; Belsunce, S. 232.

[85] Vgl. J. Lynch: The Spanish American Revolutions 1808-1826. New York 1973, S. 40.

[86] Vgl. Floria; Belsunce, S. 232f.

[87] J. Street: Artigas and the Emancipation of Uruguay. Cambridge 1959, S. 92f.

[88] Vgl. Floria; Belsunce, S. 235.

[89] Vgl. ibidem, S. 234.

[90] Vgl. ibidem, S. 235f.

[91] Vgl. ibidem, S. 237f.

[92] Vgl. ibidem, S. 242ff.

[93] Vgl. ibidem, S. 242ff.

[94] Vgl. ibidem, S. 256.

Ende der Leseprobe aus 108 Seiten

Details

Titel
Der Lateinamerikahandel. Ein Beitrag zur internationalen Vertrags-, Interventions- und Wirtschaftsgeschichte
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichtswissenschaft und Philosophie)
Veranstaltung
Seminar: "Der Aufbau von Staat und Wirtschaft in den unabhängigen Republiken Lateinamerikas (1800-1850)"
Note
3,0
Autor
Jahr
1982
Seiten
108
Katalognummer
V419349
ISBN (eBook)
9783668682283
ISBN (Buch)
9783668682290
Dateigröße
937 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Außenpolitik, Handelspolitik, Wirtschaftspolitik, Großbritannien, Frankreich, Hansestädte, Republiken und Monarchien Lateinamerikas, Semantik, Multilateralismus, internationale Verträge, Freundschafts-, Schifffahrts-, Handelsverträge, Meistbegünstigung, Reziprozität, Schiedsgerichtsbarkeit, Dependenztheorie, Freihandel
Arbeit zitieren
Dr. phil. Volker Beckmann (Autor), 1982, Der Lateinamerikahandel. Ein Beitrag zur internationalen Vertrags-, Interventions- und Wirtschaftsgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419349

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