Der Romanow-Code. Band 1

Der Untergang des Hauses Romanow


Fachbuch, 2018

575 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

vorwort
Zum Thema Erinnerungen von Zeitgenossen:

ZAR NIKOLAUS II. (1894-1917)
Nikolaus II. als Selbstherrscher
Aus der Sicht seiner Zeitgenossen
Aus der Sicht von Sokolow
Aus der Sicht der Historikers
Nikolaus der Blutige?
Der „Blutsonntag"
Pogrome, Antisemitismus
Verbannungen nach Sibirien, Verfolgung von Sozialisten
Statistik
Nikolaus - als der eigentliche Feind im Ersten Weltkrieg
Aus der Sicht der Mittelmachte
Aus der Sicht der Alliierten
Zarin Alexandra
Aus der Sicht von Sokolow
Die Zarin und ihre Kommunikation
Aus der Sicht des Historikers
Aus kirchlich orthodoxer Sicht
Die Kinder der Zarenfamilie
Die Zarin und die Grofifurstinnen als Rot-Kreuz-Krankenschwestern
Im Visier der AttentAter
Das Attentat auf Zar Alexander II.
Der „Zar-Befreier" Alexander II
Zar Alexander II. im Fadenkreuz der Terroristen
Die Terrorzelle „Volksfreiheitswillen"
Der letzte Tag von Zar Alexander II. bricht an
Das siebte Attentat auf Zar Alexander II
Das achte Attentat auf Zar Alexander II
Die Attentater und ihre Motive
Der Zar erliegt seinen Verletzungen
Der Zar als Martyrer
Das Ende der Terrorzelle
Lenins Bruder
Die Bedeutung des Attentats
Der Krieg gegen den Terror
SicherheitsmaRnahmen
Das Attentat auf Nikolaus in Japan
Die Ermordung von Grofifurst Sergei
17.000 Terroropfer durch Attentate
Die Zarenfamilie im goldenen Gefangnis
Die Isolierung der Zarenfamilie
Die politische Krise 1905/06
Die Niederlage gegen Japan
Der Petersburger Blutsonntag
Arbeiterunruhen
Meutereien
Die Bauernaufstande
Eine Welle des Verbrechens
Auf dem Wege zur Verfassung
Die Grunde des Scheiterns 1905
Lenins Schlufifolgerungen
Die konstitutionelle Monarchie
Die Doppeldeutigkeit der Verfassungsreform von 1905/06
Die Duma und der Reichsrat
Die Exekutive
300 Jahre Romanow-Dynastie
Das silberne Zeitalter
„KOLOB AUF tonernden Fuben“
Der Erste Weltkrieg
Rufiland bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges
Das russische Heer 1914
Warum liefi Rufiland Serbien nicht einfach im Stich?
Der Zar und der russische Nationalismus
Der Zar und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges
Die Spirale der Eskalation
23. Juli 1914
24. Juli 1914
25. Juli 1914
26. Juli 1914
27. Juli 1914
28. Juli 1914
29. Juli 1914
30. Juli 1914
31. Juli 1914
1. August 1914
2. August 1914
Bewertung
War Kaiser Wilhelm am Ersten Weltkrieg schuld?
Der Druck auf den Zaren
Der Zar nach Kriegsausbruch
Der Zar und die Duma
Die Schlacht bei Tannenberg
Die „ Winterschlacht“ in den Masuren
Die militarische Leistung Rufilands
Die militarische Elite versagt
Der Armee fehlen fahige Truppenoffiziere und Unteroffiziere
Der Durchbruch von Gorlice-Tarnow
Die Chance eines Separatfriedens
Der Zar ubernimmt das Oberkommando uber die Streitkrafte
Die Brussilow-Offensive
Die Ablehnung von Friedensfuhlern
Die Armee verwandelt sich in einen revolutionaren Mob
Die Legitimationskrise des zarischen Staates
Der Zusammenbruch der russischen Grofimacht
Rufiland zwischen Staatenkrieg und Burgerkrieg
Das Versagen des Kriegsstaates
Die Mangel des zaristischen Regimes
Die Duma plant Revolution „von oben“
Die Deutschen und der Sturz des Zaren
Fazit: Die Kettenreaktion
Rasputin
Rasputin und die Zarenfamilie
Rasputin - der „heilige Teufel“
Rasputin und die aristokratische Gesellschaft
Rasputin als „deutscher Spion“?
Rasputin als Sundenbock
Der Einflufi Rasputins auf die Zarenfamilie
Rasputin aus Historiker-Sicht.
Geruchte uber Rasputin und die Zarenfamilie
War Rasputin deutscher Spion?
Die Plane einer„Palastrevolte“
Rasputins Ermordung
Der Rasputin-Mord
Die Quellen
Der Plan
Die Morder
Die Vorbereitung
Die Tat
Die Untersuchungen
Die Morduntersuchung am 17./30. Dezember 1916
Die Wasserleiche
Die Obduktion von Rasputins Leiche
Der Autopsiebericht von Kosorotow
Gerichtsmediziner uber die Ermordung Rasputins
Vergiftung
Schusse
Feiger Meuchelmord
Hatte ein britischer Geheimagent Rasputin ermordet?
Die Reaktionen auf den Rasputin-Mord
Die Reaktionen der Umgebung auf die Ermordung
Die Reaktion der Offentlichkeit auf Rasputins Tod
Keine Bestrafungen
Abschiedsbrief Rasputins an den Zaren
Die Beisetzung von Rasputin
Die Exhumierung der Leiche Rasputins
Rasputin - „Teufel" oder „Heiliger"?
Die politischen Folgen von Rasputins Ermordung
Das Schicksal von Rasputins Mordern
Ausstellung „Rasputin: Legenden und Realitat" im Jussupow-Palast
Die Apathie des Zaren

DAS ENDE DER MONARCHIE UND DIE FEBRUARREVOLUTION
Das Ende der Monarchie in Rubland
Die Abwartsspirale des Zarismus
Die Bundelung von Erosionsprozessen
Die Vorgeschichte der Februarrevolution
Militarische Grunde
Die Westmachte lassen den Zaren fallen
Forderungen nach Brot und Arbeit
Die Februarrevolution in Petrograd
Die Situation in Petrograd im Februar 1917
Polizei- und Geheimdienstberichte
10.2. /23.02.1917
13.2. /26.02.1917
18.2. /3.03.1917
19.2. /4.03.1917 - Lebensmittel sollen rationiert werden
21.2. /6.03.1917
23.2. /8.03.1917
24.2. /9.03.1917
25.2. /10.03.1917
26.2. /11.03.1917 - RuRlands zweiter Blutsonntag
27.2. /12.03.1917 - Die Meuterei der Garnison
28.2. /13.03. 1917
1. /14.03.1917 - Zusammenbruch des zaristischen Regimes
2. /15.03.1917 - Die „Provisorische Regierung"
Der Ubertritt der Garnison war entscheidend
Die Duma und ihre Rolle bei der Abdankung des Zaren
Die Rechtsparteien
Die Oktrobisten
Die Progressisten
Die Kadetten
Die Trudowiki
Die Sozialrevolutionare
Die Sozialdemokraten (Menschewiki)
Der Progressive Block
Die Duma und die Februarrevolution
Linke Revolutionare und deutsche Agenten Hand in Hand
Die Ursachen
Der Zusammenbruch der Wirtschaft
Die Revolution in Moskau
Der „Generalstreik“, der Streik der Generale
Die Abdankung des Kaisers
Die letzten Tage als Zar
General Iwanow opfert die Monarchie dem Staat
Die Reaktion des Zaren
Letzte Chance?
21.2. /6.03.1917
23.2. /8.03.1917
25.2. /10.03.1917
26.2. /11.03.1917
27.2. /12.03.1917
28.2. /13.03.1917
01.3. /14.03.1917 - Die Abdankung des Zaren
2./15.03.1917: Der Thronverzicht
2. /15.03.1917: Grofifurst Nikolai wird Hochstkommandierender
3. /16.03.1917: Zar Michail II. - Zar fur einen Tag
4. /17.03.1917: Die Februarrevolution geht zu Ende
Die Entmachtung der Duma
Die Verschworung zum Staatsstreich
Churchills Urteil
Die Reaktion des Auslandes
GroRbritannien
Frankreich
USA
Motive
Und die Deutschen?
Aus dem Tagebuch des Botschafters Paleologue
Die Reaktion der Minister und der Romanows
Die Reaktion der Soldaten
Die Reaktion der einfachen Russen
Die Reaktion der russischen Offentlichkeit
Die Reaktionen des Adels
Wer ist schuld am Sturz des Zaren?
Der angebliche Hochverrat der Zarin wird untersucht

DIE ZARENFAMILIE NACH DER FEBRUARREVOLUTION
Das kunftige Schicksal der Zarenfamilie
Was sollte mit der Zarenfamilie geschehen?
Die Reaktion der Zarin Alexandra
Zar Nikolaus nach der Abdankung
Der letzte Tagesbefehl des Zaren
Die Tragodie des letzten Zaren
Grofifurst Nikolai ergreift offen fur die Revolution Partei
Die Vereidigung auf die Republik
Die Ungultigkeit des Thronverzichts
Die Zarenfamilie zwischen Februar- u. Oktoberrevolution
Die Zarenfamilie in Zarskoje Selo
Die Verhaftung der Zarenfamilie
Bose Geruchte
Die Grunde fur die Gefangennahme
Fur die Zarenfamilie bricht die Welt zusammen
Die vollstandige Isolierung der Zarenfamilie
Die Anweisungen Kerenskis
Der „goldene Kafig" von Zarskoje Selo
Kerenskis Besuche bei der Zarenfamilie
Die englische Hoffnung
Zar und Zarin vertrauen der Wyrubowa ihre Kinder an
Die Reaktion des Zarewitsch
Beschrankungen und Demutigungen

VON DER FEBRUAR- ZUR OKTOBERREVOLUTION
Die Februarrevolution
Erste Phase: Ausbruch der Revolution
Der Ablauf der Februarrevolution in Petrograd
Der Armeebefehl Nr. 1
Die Doppelherrschaft
Politische Reformen
Warum kam es zu keiner sozialistischen Machtubernahme?
Zweite Phase: Stabilisierungsversuche
Dritte Phase: Destabilisierung der Doppelherrschaft.
Die Kerenski-Offensive (1.-19.07.1917)
Der Juliaufstand
Von der Wucht des sozialen Aufbegehrens uberrascht
Die Februarrevolution undRufiland heute
Die ethnische Frage (Volksgruppenproblematik)
Die Rolle Deutschlands bei der Revolution in Rubland
Der Plan einer Revolutionierung Rufilands
Parvus
Geheimdiplomat Heinrich Bockelmann
Lenins Ruckkehr mit Hilfe der Deutschen
Lenin - ein Agent Deutschlands?
Deutschland finanziert die Oktoberrevolution
Der Feind des Feindes ist ein idealer Verbundeter
Deutsche Monarchisten machen kommunistische Revolution
Grundlegende Anderung des Krafteverhaltnisses
Der mibgluckte Staatsstreichversuch der Bolschewiki vom Juli 1917
Die „Kornilow-AffAre“
Eine andere Art von „Doppelherrschaft“
Die Oktoberrevolution
Die brutalisierte Nation unddie „Kultur des Verrats“
Der Einsturz des Systems
Die Ausrottung der Uberbleibsel des Zarismus
Der Zerfall des Russischen Imperiums
Der„Monarchismus"
Die antimonarchistische Propaganda und ihre Folgen
Die Renaissance des „Monarchismus"
Der „Bauern-Zar"

DIE ZARENFAMILIE NACH DER OKTOBERREVOLUTION
Verbannung nach Sibirien
Nicht alle blieben treu
Kerenski und die Verbannung der Zarenfamilie
Tobolsk
Das Gouverneurshaus
Der Tagesablauf.
Das Einsiedlerleben
Kobylinski wird entmachtet
Die Geldfrage
Die Epauletten
Der Zar und die Zarin
Die Verschlechterung der Lage
Die Krankheit von Alexej
Die letzten Getreuen

DIE ROMANOWS 1917

LITERATUR

Vorwort

Vor genau 100 Jahren ereignete sich eine Zasur der Weltgeschichte: Der Zar muBte abdanken, wenige Monate spater ergriffen die Kommunisten die Macht und wandelten das Zarenreich in eine Sowjetunion um, die wiederum die Weltrevolution propagierte und einen sowjetrussischen Imperialismus praktizierte. Der Internationalismus linker Revolutionare wich einer neuen Form des Panslawismus.

Hundert Jahre nach dem Untergang der Romanow-Dynastie ist es an der Zeit einmal alle wichtigen Fakten zum Thema in einem Buche zu vereinen. Gerade in den letzten Jahrzehnten hat man durch das Wiederauffinden der sterblichen Uberreste der Zarenfamilie und ihre anthropologischen und genetischen Untersuchungen viele neue Erkenntnisse gewonnen. Hinzu kommt die Offnung der Archive nach dem Untergang der Sowjetunion. Das Ruckgrat dieses Buches bilden die zahlreichen Augenzeugenberichte.

Zum Thema Erinnerungen von Zeitgenossen:

Psychologen haben herausgefunden, daB es erstaunlich leicht gelingt, Menschen falsche Erinnerungen einzupflanzen - sogar an Straftaten, die sie nie begangen haben. Experimente zeigen: Erinnern ist ein sozialer Prozefi. Fast jedes Gesprach uber die Vergangenheit verandert das Gedachtnis. Gerade die Fahigkeit zur inneren Anteilnahme, zur Empathie, ist es, die uns anfallig fur Suggestionen macht. Manchmal genugt die bloBe Aufforderung, sich etwas vorzustellen („WeiBt Du noch, wie wir damals...?“) - und im Gehirn des Angesprochenen bildet sich schon wie von selbst die entsprechende Erinnerung aus. So entstehen gemeinsame Geschichten und Anekdoten, die nicht unbedingt stimmen mussen. Erinnern ist ein sozialer Vorgang. Was der eine nicht mehr weiB, fallt dem anderen noch ein; der Dritte korrigiert es. Ein Beobachter kann sich so lebhaft an die Stelle eines Handelnden versetzen, als wurde er personlich den Bleistift spitzen. Kein Wunder also, daB er bald nicht mehr weiB, was wirklich erlebt und was nur aufgeschnappt war. Der standige Austausch bringt das Erinnerte im Umlauf. Die Geschichten, ob wahr oder nicht, konnen sich ausbreiten wie Viren. Die Fiktion, so scheint es, wird durch Wiederholung wahr. Dabei kommt es vor allem an, wie eine Geschichte erzahlt wird.

Das Gedachtnis ist nicht fur perfekte Abbilder des Vergangenen gemacht. Es ist gut darin, Erfahrungen zu speichern. Wer sich merken kann, wo es gute Jagdgrunde gibt oder wie man Getreide anbaut, hat viele Vorteile. Die exakte Erinnerung an irgendeinem Tag vor vielen Jahren ist dagegen im Leben zu wenig nutze. Das Gedachtnis muB nicht genau sein, sondern flexibel. Das Gedachtnis ist ein Werkzeug des Lernens und der Alltagsbewaltigung, kein vollgestopftes Museum. Eben deshalb verandern Erinnerungen sich auch mit der Zeit: Nach jedem Abruf werden sie neu gespeichert. Der neue Inhalt tritt an die Stelle des alten. Oft geraten dabei - meist unbemerkt - nachtraglich auch neue Informationen hinzu. Das ist die Macht der menschlichen Einbildung. Alles, was ich tun will oder getan haben konnte, vermag ich im Geiste lebhaft durchzuspielen. Oft kommt es mir dann vor, als hatte ich es tatsachlich getan. Falsche Erinnerungen sind ein unvermeidliches Produkt unserer Vorstellungsgabe.

So haben einige Zeitgenossen ihr spateres Gedachtnis von anderen Aussagen oder historischen Einstellungen beeinflussen lassen.

Die Zeitzeugen haben alle ihren personlichen Ausschnitt, konnten uber das berichten, was sie selbst erlebt haben. Aber sie deuteten das Jahre spater, paBten das in den Rahmen ihrer Bewertungskriterien ein. Als Untersuchungsrichter Sokolow sie befragte, hatten die Befragten bereits verloren, ihr Traum von einem liberalen und demokratischen RuBland war total gescheitert, sie befanden sich jetzt im Herrschaftsgebiet der WeiBen oder im Exil, wo sie auf eine gnadige Aufnahme hofften. Sie versuchten ihr Handeln zu erklaren und die Verantwortung an ihrem Scheitern anderen Personen zuzuschieben.

Einige der Zeitzeugen waren ganz nahe an den Geschehnissen dran, gehorten zur personlichen Umgebung der Zarenfamilie oder zum Wachpersonal.

Oft habe ich mehrere Aussagen nebeneinander zitiert, ohne wie ein Richter alles zu kommentieren. Der Historiker ist weder Richter, Anklager oder Verteidiger der damals handelnden Personen. Er ist vielmehr der Kriminalist und Detektiv, der versucht anhand ermittelter Fakten oder aufgrund einer Indizienbeweisfuhrung die Geschehnisse zu rekonstruieren. Anstelle der Zeugenvernehmungen kommt beim Historiker die Quellenauswertung. Daher werden in beiden Banden viele Augenzeugenberichte ausfuhrlich wiedergegeben und ausgewertet. Die Fakten sind eigentlich bekannt, wenn auch sehr verstreut.

Selbstverstandlich habe ich die gangige Forschungsmeinung uber die wichtigsten Ereignisse wiedergegeben. Man sollte nicht die Geschehnisse mit der Zarenfamilie isoliert sehen, als eine Art Anekdotenschatzchen, sondern eingebettet in die historischen Ereignisse und in Wechselwirkung mit diesen. Es handelte sich schlieBlich um ein Politikum erster Ordnung!

Die Zarenfamilie besaB einen engen familiaren Zusammenhalt, war sehr fromm und sie waren personlich gute Menschen. Was die Regierungsfahigkeit des letzten Zaren betrifft, ist starke Kritik angebracht. Moralisch kritisiert werden muB insbesondere die politische Mitverantwortung bei den Judenpogromen. Dennoch hatte er personlich keine Verbrechen angeordnet oder befohlen. Nach dem Sturz der Monarchie kollabierte das gesamte System, auch die Duma, das Militar, Wirtschaft und Gesellschaft, Adel, Kirche und Burgertum. Es kam zu einem Burgerkrieg, separatistischen Aufstanden und zum demutigenden Frieden von Brest-Litowsk. GroBe und wichtige Teile des Imperiums gingen verloren und konnten spater nur zum Teil wieder zuruckgewonnen werden. Niemals sollte RuBland die territoriale GroBe des Zarenreiches von vor dem Ersten Weltkrieg wieder erreichen. Nach der Absetzung der Dynastie sind wahrend des Nachkrieges mehr Russen getotet worden als wahrend des Ersten Weltkrieges. Es kam zu Burgerkriegen, erneuten Pogromen, zur Einrichtung des Gulag, zu Folter und Hinrichtungen in unvorstellbarem AusmaBe, zu Hungersnoten und zu einer Welle von Kannibalismus.

Erstaunlich ist, daB sich es hier nicht um eine rein russische Geschichte handelt. Im Zarenreich war jeder funfte General ein Deutscher und jeder dritte Titularadelige (Grafen, Barone etc.). Das Baltikum hatte eine deutsche Oberschicht, die wahrend des Ersten Weltkrieges teilweise auf reichsdeutsche Seite wechselte und den Gedanken eines deutsch beherrschten Baltikums ins Gesprach brachte.

Auch in der WeiBen Armee waren viele Generale deutscher Herkunft.

Die Zarenfamilie war fast rein deutscher Abstammung, weswegen sie wahrend des Ersten Weltkrieges auch so angefeindet wurde. Man konnte sich nicht vorstellen, daB trotz ihrer nahen Verwandtschaft, die wahrend des Krieges an der Spitze der Feindesseite stand, sich die Zarenfamilie bewuBt als russisch empfand und sogar verhinderte, daB die Zarenkinder richtig Deutsch erlernten. Das sollte ihnen aber nichts nutzen.

DaB Lenin von seinem isolierten Schweizer Exil nach RuBland zuruckkehren und die Oktoberrevolution uberhaupt erst durchfuhren konnte, verdankte er der tatkraftigen Unterstutzung der deutschen Verantwortlichen. Der exilrussische sozialistische Revolutionar Alexander Helphand („Parvus“) uberzeugte den deutschen Botschafter Graf Brockdorff- Rantzau von der Notwendigkeit einer Revolutionierung RuBlands. Unter der Federfuhrung des Auswartigen Amtes und mit tatkraftiger Unterstutzung der deutschen Heeresleitung (General Ludendorff) gelang die Operation. Kaiser Wilhelm selbst spielte da keine entscheidende Rolle.

Es ist auch eine Folge der Absetzung des letzten Zaren, daB konservative Monarchisten ins Exil gingen, u.a. nach Munchen, und dort Exilorganisationen grundeten, die mit ihrem verschworungstheoretischen Antisemitismus einen starken EinfluB auf die deutschen Nationalsozialisten hatten (z.B. Scheubner-Richter, Alfred Rosenberg).

Es ist eine Ironie der Weltgeschichte, daB die Ausbreitung des Sowjetkommunismus letztlich von den Nazis und Pra-Nazis erst ermoglicht wurde. General Ludendorff, Prasidentschaftskandidat der NSDAP von 1925, ermoglichte entscheidend die Revolutionierung RuBlands 1917/18. Und Hitler ermoglichte durch den Hitler-Stalin-Pakt von 1939, der bis 1941 gultig blieb, daB Stalin erst Ostpolen und das Baltikum schlucken und dann schlieBlich bis vor die Tore von Helmstedt vordringen konnte. Es ist ebenfalls eine Ironie der Geschichte, daB 1920 Trotzkis Vormarsch in den Westen an der Weichsel von General Pilsudski gestoppt wurde, eben derselbe Pilsudski, der 1887 zusammen mit Lenins Bruder verurteilt worden war, weil beide an einem Attentatsversuch auf den Zaren beteiligt waren.

Der Autor dieses zweiteiligen Werkes war an der Identifizierung der letzten beiden Zarenkinder 2007/2008 beteiligt. Das wird aber einem zweiten Band vorbehalten.

Band 2 behandelt das Schicksal der Zarenfamilie nach der Abschaffung der Monarchie, deren Ermordung und die wissenschaftlichen Forschungen im Zusammenhang der erst viel spater wiedereintdeckten sterblichen Uberreste.

Das Buch heiBt der Romanow-Code aufgrund der genetischen Untersuchungen, die bei der Identifizierung der Gebeine eine entscheidende Rolle spielten. Auch sie wurden zum Politikum. Warum, wieso und weshalb und welche Auswirkungen das hatte, wird ebenfalls ausfuhrlich dargestellt.

Beide Bande umfassen zusammen weit uber 1.000 Seiten. Sie verstehen sich als Handbuch, das alle wichtigen Fakten zu diesem Thema enthalt, und diese Fakten, die bis dahin weitverstreut waren, werden hier in einen logischen Zusammenhang gebracht und ordentlich aufbereitet.

Insbesondere mochte ich mich bei Prof. Parson bedanken, aber auch bei Dr. Coble, deren genetische Forschungen 2007/2008 wesentlich dazu beitrugen, das Schicksal der letzten beiden Zarenkinder zu klaren.

Noch eines: Die Namen werden eigentlich auf Kyrillisch geschrieben. Bei der Transkription in die lateinische Schrift gibt es keine einheitlichen Regeln. Nicht immer konnte eine einheitliche Schriftweise durchgehalten werden.

Der Aufbau des Werkes ist streng chronologisch. Aus Zeit-, Platz- und Kostengrunden muBte auf einen FuBnoten- und Anmerkungsapparat verzichtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zar Nikolaus II. (1894-1917)

Nikolaus II. als Selbstherrscher

Nikolaus II. war nicht der bedeutendste, aber wohl einer der tragischsten Herrscher aus der Romanow-Dynastie. Er besaB Schwachen und war weder in der Lage, den Niedergang der absoluten Monarchie in RuBland aufzuhalten, noch RuBland an die moderne Welt heranzufuhren. Nikolaus II. verharrte auf der Tradition und verschloB sich als Kaiser dem Zwang zur Erneuerung des Landes. Fur einen Romanow gehorte es sich, die „gottliche Autoritat" des absoluten Monarchen zu betonen, sich auf das „historische Bandzwischen dem Zaren und sein Volk“ zu verlassen sowie mit Starke und Entschlossenheit zu regieren. Familientradition und Druck von den traditionellen Verbundeten der Krone zwangen ihn, nicht nur zu regieren, sondern zu herrschen. Unter der auBerlichen Fugsamkeit besaB Nikolaus II. ein starkes Gefuhl fur seine Pflicht, die Prinzipien der Autokratie (Selbstherrschaft) zu wahren. Standig bedrangte ihn seine Frau Alexandra, er solle energischer sein und seinen autokratischen Willen durchsetzen. Letztlich war der Zar eher bereit auf den Thron zu verzichten, als Kompromisse einzugehen und die Autokratie in eine konstitutionelle Monarchie zu verwandeln.

Von seinen Lebzeiten an wurde der Zar durch Freund und Feind mit menschlich wie politisch abwertenden Charakteristiken versehen. Kaum ein Mensch hat ihm seine Schwachen verziehen. Wahrend seiner ganzen Regierungszeit machte Nikolaus II. den Eindruck, als konne er nicht die Aufgabe bewaltigen, dieses Riesenreich zu regieren, das in einer sich verscharfenden revolutionaren Krise steckte.

Sein Amt sah der Zar als von Gott gegeben, sich selbst als Reprasentanten Gottes, und in seinen Familienkreisen sah man ihn als ein Geschopf, das irgendwo zwischen den Menschen und Gott stand. In dieser Atmosphare muBten politische Entscheidungen oft als moralische bzw. als Gewissensentscheidungen verstanden werden.

Nikolaus II. war ein fleiBiger und gewissenhafter Monarch, der hart arbeitete. Dabei achtete er als „oberster Sekretar des Reichs" mit dem Gemut eines Miniaturenmalers auf die kleinsten Details der Verwaltung und war dabei vollig unfahig, sie in allgemeinere Herrschaftsprinzipien zusammenzufassen. Er widmete seine ganzen Energien den Routinedetails seines Amtes, ohne je innezuhalten, um die groBeren politischen Themen zu bedenken. So eifersuchtig hutete der Zar seine eigenen kleinen Exekutivrechte, daB er sich sogar weigerte, einen Privatsekretar einzustellen, und statt dessen vorzog, seine Korrespondenz selbst zu erledigen.

Der Zar betrachtete Politik in einer platonischen bzw. neuplatonischen Art: Sie war fur ihn nicht das Ergebnis eines komplizierten Geflechts von Interessenkonflikten oder Ausdruck einer Staatsrason, sondern eine Frage der Wahrheit oder Luge. Diese Art, Politik zu moralisieren, entsprach Nikolaus’ Gefuhlslage und verstarkte spater seine verhangnisvolle Neigung, Politik als eine Frage des Gehorsams aufzupassen und folglich abweichende Meinungen als sundhafte Verfehlung zu betrachten. Diese Einstellung, verstarkt durch eine das Mystische betonende Religiositat, illustriert sein Zitat: „Meinen Sie nun, dafi ich das Vertrauen meines Volkes wiedergewinnen mufi, oder meinen Sie nicht vielmehr, dafi mein Volk mein Vertrauen zuruckgewinnen mufi?"

Nikolaus II. herrschte wie ein mittelalterlicher Grundherr uber RuBland und sah in seinen Ministern eher Diener seines privaten Haushalts als Staatsbeamte. Von ihnen erwartete er unbedingte Hingabe und schatzte bei seinen Ministern Loyalitat weit hoher als Kompetenz. Anhaltende allgemeine Debatten uber Politik waren auBerst selten. Der Zar nutzte die Rivalitaten und Zwistigkeiten zwischen den verschiedenen Ministerien aus, um sie nicht zu machtig werden zu lassen. So fehlte der Regierung in den letzten Jahren des Zarenreiches jede wirksame Fuhrung oder Koordination. Nikolaus II. war in eigener Person das Machtvakuum im Zentrum des Herrschaftssystems - zwar entschlossen, vom Thron aus zu herrschen, jedoch weitgehend unfahig, Macht auszuuben. Das war „Autokratie ohne einen Autokraten". Statt Macht zu delegieren, schwelgte er in einem Traum von absoluter Macht. Nicht eine „Willensschwache“ war das Verderben des letzten Zaren, sondern im Gegenteil, der willentliche EntschluB, vom Thron aus zu herrschen, trotz der Tatsache, daB ihm dazu eindeutig die notigen Qualitaten fehlten.

Nikolaus II. versuchte standig, etwas darzustellen, was er gar nicht war. Als ein von Natur aus eher freundlicher und entscheidungsschwacher Mann fehlten ihm die Charaktereigenschaften, die ein starker und bedenkenloser absoluter Herrscher brauchte. Zudem miBtraute er gerade vielen seiner besseren Ratgeber, weil er furchtete, etwas von seiner absoluten Macht zu verlieren.

Nikolaus II. sah seine Hauptaufgabe zeitlebens darin, die ihm „von Gott gegebene" autokratische Macht zu bewahren und ungeschmalert an seinen Nachfolger weiterzugeben. In dieser Auffassung von der Zarin bestarkt, glaubte er sich nicht befugt, den Forderungen gesellschaftlicher Eliten nach Mitsprache und Einbeziehung in die politische Verantwortung nachzugeben. Fur die Notwendigkeit zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und die Reformwunsche breiter Kreise zeigte der Zar kein Verstandnis. Nikolaus II. sah sich auf der einen Seite als „Vater“ seiner Untertanen und gedachte sie durch eine Reihe von Gnadenakten zu befrieden, glaubte aber gleichzeitig, daB strenge Ermahnung „seine Kinder" auf den rechten Pfad zuruckfuhren wurde. Seine Politik zeichnete sich deshalb durch eine Doppelgleisigkeit von gleichzeitiger Repression und Konzession aus, die in ihrer Wirkung auf Offentlichkeit und revolutionare Bewegung verheerend war.

Nikolaus II. selbst verstand sich als „Bauernzar“, der den europaischen Lebensstil verachtete, Borschtsch und Kascha aB, Bauernhemden und Pluderhosen trug und immer glucklich war, auf Reisen seinen Untertanen auf dem Lande die Hande zu schutteln. Dem einfachen, bauerlichen russischen Volk fuhlte sich der Zar in der orthodoxen Religion auf gleichsam mystische Weise verbunden, ohne klare Vorstellungen von den sozialen und wirtschaftlichen Problemen gerade der Bauern zu haben. AuBer Besuchern im Palast oder gelegentlichen Begegnungen mit Dienern bekam Nikolaus II. sein Volk uberhaupt selten zu Gesicht, von offiziellen Anlassen einmal abgesehen. Die Offiziersmessen der Garderegimenter waren fast die einzige Umgebung auBerhalb der Familie, wo er sich zu Hause fuhlte.

Zar Nikolaus hatte in immer groBeren Gegensatz zu seiner Frau Alexandra ein resignatives Verhaltnis zur Macht. Die groBe Verantwortung war ihm eine Burde, und ungeachtet seiner Intelligenz, seiner Sprachbegabung, seiner GroBzugigkeit und Sensibilitat war er nicht fur die Fuhrungsrolle eines derartigen Reiches geschaffen. Nikolaus versuchte stets, seine Aufgabe gewissenhaft zu erfullen, aber glaubte selbst nach Jahren erfolgreicher Staatsfuhrung nie an seine Unfehlbarkeit wie etwa Nikolaus I. oder Peter der GroBe. Mit zunehmenden Jahren verstarkte sich seine Nachgiebigkeit, zumal er Konflikte haBte, Entscheidungen noch lieber aus dem Weg ging als fruher oder sie aufschob, und sich am liebsten vor der Politik zu verschlieBen suchte, um sich ausschlieBlich auf die Vorbereitungen der militarischen Handlungen zu konzentrieren.

Hinzu kam ein fatalistischer Zug (er wurde ab Tag Hiobs geboren), der sich in den letzten Jahren mit jedem Schicksalsschlag immer starker vertieft hatte:

- Der unerwartete Uberfall der Japaner auf seinen Flottenstutzpunkt - Ausloser des Russisch-Japanischen Krieges von 1904/05-,
- die dieser Niederlage folgende innere Erschutterung des Landes durch die Revolution 1905,
- die Erkenntnis, daB sein einziger Sohn und Thronfolger die Bluterkrankheit hat,
- und schlieBlich die Kriegserklarung Deutschlands 1914.

Der vom Ersten Weltkrieg erhoffte neue Impuls fur die zaristische Regierung und die Konsolidierung der noch unvollkommenen Sozialstruktur blieben aus. Statt dessen zeigte der Krieg die Schwachen eines autokratischen Regimes, das bereits wahrend der Revolution von 1905/06 ins Wanken geraten war und durch seine inkonsequente Politik, die einmal unzureichende Zugestandnisse machte und ein andermal Harte demonstrierte, seinen letzten Vertrauenskredit verspielt hatte.

Nikolaus II. schlug keine Brucke zwischen der Macht und den vorwartsstrebenden Elementen der Burgergesellschaft, sondern klammerte sich an seine monarchisch-populistische Utopie vom „Vaterchen Zar, dem Heerfuhrer seines treuen Bauemvolkes“. Er ubernahm 1915 selber den Oberbefehl uber die Armee, was in Anbetracht der nationalen Niederlage einem Selbstmord der Autokratie gleichkam.

Nachdem im Februar 1917 die Arbeiter 5 Tage lang auf die StraBe gegangen und einige tausend Manner der Petrograder Garnison in der gleichen Zeit einem Aufruf zur Meuterei gefolgt waren, kam es zum Sturz des Zarenregimes. Dies zeigt nicht nur die Schwache des Zarentums und den Auflosungszustand einer Armee, an die sich der Generalstab fur die Niederschlagung der Volksunruhen nicht zu wenden wagte, sondern auch, wie wenig die zutiefst entzweiten Oppositionskrafte politisch darauf vorbereitet waren, angefangen beim liberalen Flugel der Konstitutionellen Demokraten bis hin zu den Sozialisten.

Aus der Sicht seiner Zeitgenossen

Verehrung einer Vaterfigur und seiner sympathischen, naturlichen Kinder (denen es allerdings von der Zarin verboten war, mit Menschen auBerhalb des Hofes zu sprechen); Sympathie fur das schlichte Wesen und die menschliche Warme des Zaren gegenuber denen, mit denen er zu tun hatte, so beschrieben von den Hoflehrern Gilliard und Gibbes und der Tochter des Leibarztes Botkin; das ruhige, kollegiale Verhalten, wenn Zar Nikolaus II. in einfacher Soldatenuniform im Hauptquartier des Generalstabes mit Offizieren und Soldaten sprach, wie Oberst Dubenzew sich erinnert; die Gelassenheit und Wurde, mit der dann spater der Ex-Zar als Gefangener und mit seiner Familie in Tobolsk und Jekaterinburg die Verhohnungen von seiten der Rotgardisten ertrug, wie dieselben Bewacher spater mit zunehmender Bewunderung fur ihn aussagten: All das und die Verehrung russischer Patrioten anderten wenig an der Kluft zwischen dem Zaren und seinem Volk, die aus einem Vakuum an Information und Kommunikation entstanden und durch eine Summe von Fehlentwicklungen unuberbruckbar geworden war.

Der Sohn des fruheren Ministerprasidenten und Reformers Stolypin, Arkadij Petrowitsch Stolypin, faBt die verhangnisvolle Konstellation zusammen:

„Er war von schwacher Willenskraft in Entscheidungen, und dadurch war er leicht zu beeinflussen - von jeder Seite her. Ich kritisiere ihn sehr ungern - aber es herrschte der Eindruck, dafi derjenige, der zuletzt in seinem Arbeitszimmer war, seine Meinung wieder geandert hatte. Trotzdem hat er immerhin als einziger meinen Vater bei dessen unpopularen Reformen unterstutzt, und ohne seine Unterstutzung hatte er nichts tun konnen.

Um 1916, Anfang 1917, war das Land in chaotischem Zustand. Nikolaus II. liefi sich zur Abdankung zwingen, weil er meinte, damit mehr Blutvergiefien zu vermeiden. Die Einheit der Bevolkerung war jedoch durch die Bruchlinien in der Regierung gespalten und zerrissen.

Schliefilich war er gebrochen, gebrochen durch das Regieren im Laufe der vielen Jahre dadurch, dafi er nicht die notige Unterstutzung erhielt, dafi die liberale Intelligenz, die Kadetten, der Grofiteil der Duma, wo die am meisten gebildeten Personen waren, nicht mit der Regierung zusammenarbeiten wollten. Es war ein Bruch unter den Beamten da. Sie waren kompetente Fachleute, doch einige gehorten der liberalen Intelligenz an, die nicht mit der Regierung zusammenarbeiten wollte. Der Zar kam nur manchmal nach Petrograd, und mit allem begann sich viel zu sehr die Zarin zu beschaftigen, die sicher eine integre Frau war, aber absolut nichts von den Dingen verstand und Ratschlage gab. Es begann ein Reigen von Umbesetzungen an der Regierungsspitze und vor allem im Innenministerium, und jedesmal, wenn man dem Herrscher sagte, das alles wurde zu einem schlechten Ende fuhren, schenkte er dem keinen Glauben.

Es hatte vieles vermieden werden konnen, doch trafen hier viele schwere Fehler zusammen. Ein Gutteil der Schuld liegt an der unseligen Kaiserin, auch wenn sie als Martyrerin geendet hat. Die Ratschlage Rasputins und ihr Einflufi haben ja auch Protopopow zum Innenminister gemacht - er war zwar Mitglied der Duma, aber er war uberhaupt nicht fur diesen Posten geeignet. Zum Beispiel hatte man niemals zu diesem Zeitpunkt wahrend des Krieges in der Hauptstadt Petrograd den Grofiteil der Garnisonen mit unzuverlassigen Reservisten fullen durfen, die dann vollstandig unter den Einflufi der feindlichen Propaganda geraten sind, dank diesem Innenminister. All das hatte man vermeiden konnen.

Aber all das schien wie zum Trotz unvermeidlich zu geschehen, wie um den Boden fur die Februarrevolution vorzubereiten, die dann auch geschah.“

Aus der Sicht von Sokolow

Der Untersuchungsrichter Sokolow, der die Ermordung der Zarenfamilie untersuchte, kam nach der Befragung vieler Zeitzeugen zu folgender Einschatzung uber den Zaren:

Der Zar war durch und durch Russe, sanft, gutig und herzlich. Wenn er auch keinen sehr beweglichen Geist hatte, so war er doch fur alles Gute empfanglich. Bis zu seiner letzten Stunde blieb er so; nichts konnte ihn andern, selbst die Revolution nicht.

Die Erziehung, die er genossen hatte, war durch seinen Stand bedingt. Als erste Regel hatte man ihm eingepragt, ein stets gleichmaBiges Benehmen zu zeigen, verschlossen zu sein und nie eine Gefuhlsregung laut werden zu lassen. Seine Umgebung kannte ihn so als einen ruhigen Mann, der sich nie zu einer Aufwallung hinreifien liefi. Er las viel, hauptsachlich sozilogische und geschichtliche Werke. In seinen Gewohnheiten und Anspruchen war er einfach und bescheiden.

Der Zar sprach - allen feindlichen Geruchten zum Trotz - nie geistigen Getranken zu, von einer Vorliebe fur Alkohol konnte nicht die Rede sein.

Mit auBerster Einfachheit erzogen, gab er sich in seinen MuBestunden der Lekture hin oder beschaftigte sich mit Handfertigkeiten. Auch ein groBer Naturfreund war er und ging gern zur Jagd. Er war sehr religios und liebte das Volk wirklich und von ganzem Herzen. So oft sich ihm Gelegenheit bot, ging er zu seinen Soldaten und plauderte mit ihnen mit der auBersten Einfachheit. Auch seine Kinder fuhrte er in ihre Gesellschaft.

RuBland war fur ihn alles. Deshalb furchtete er nach der Revolution nichts mehr, als ins Ausland geschleppt zu werden.

Gute, Sanftmut und Sensibilitat waren seine hervorragendsten Eigenschaften. Das war der Eindruck, den alle von ihm hatten. Nur Kerenski und Furst Lwow hatten andere Ansichten uber ihn geauBert.

Kerenski hielt ihn fur miBtrauisch und hochmutig. Doch billigte er ihm einen gewissen Instinkt in der Beurteilung des Lebens und der Menschen zu. Furst Lwow hielt ihn fur einen Menschen, der mit Heuchelei belastet war und nur Heuchler um sich haben wollte.

Beide aber sprachen ebenfalls von dem Zauber, den er auf jeden ausubte, Kerenski von dem „Zauber“ seines Blickes, Lwow von dem „Zauber“ seines Benehmens.

Aus der Sicht der Historikers

Prof. Jena:

Nikolaus war „gegenuber politischen Problemen aufgeschlossen, gut informiert und verstandnisvoll“. - „Das kam bei der ihm angeborenen Schuchternheit, ja Angstlichkeit selten genug zum Ausdruck. Das Hauptproblem des Kaisers war wohl, dafi er ebenso autokratisch herrschen wollte wie sein Vater, und dennoch wollte er von seinen Untertanen geliebt werden.“ - ,,Nikolaus verstand nicht, warum sich das Volk emporte.“

„Nikolaus mied in der ihm eigenen Mischung aus dynastischem Hochmut und verklemmter Schuchternheit jeden Streit, konnte niemandem direkt die Meinung sagen, setzte jedoch seinen Willen beharrlich durch, wenn auch unter Verwendung von Mitteln, die das Vertrauensverhaltnis selbst zu nahestehenden Personlichkeiten zerstorten“

„In seinem nahezu mystischen Glauben an die Unantastbarkeit des Zaren, an die Kraft der unbesiegbaren russischen Armee und an die Bindung des Volkes an den Thron durch die Orthodoxie, erinnerte Nikolaus mitunter an Alexander I., besafi allerdings weder das Format noch die Durchsetzungsfahigkeit des Vorfahren. Nikolaus II. symbolisierte genau zum richtigen Zeitpunkt den erstarrenden Zustand der russischen Autokratie: Er verharrte auf der Tradition und verschlofi sich als Imperator dem Zwang zur Erneuerung des Landes. Das Kindheitserlebnis der Ermordung Alexanders II. verbot jedes Zugestandnis an demokratische Meinungsfreiheiten oder Reformen der Gesellschaft. Manner wie Sergei Witte waren zwar notwendig, um die Grofie Rufilands zu mehren, aber ihr ungebundener Geist storte den Kaiser, sie waren unangenehm und bei sich bietender Gelegenheit moglichst schnell auszutauschen“ (S. 478f.)

„Nikolaus II. war ein Mensch, der [...] eigentlich nur negative Wertungen erfahren hat. Dafi Nikolaus ein zuruckhaltender und nachdenklicher Mann gewesen ist, dafi er sein Vaterland liebte, dafi er ein tiefes Gefuhl fur die Wurde des Monarchen empfand und mit ganzer Personlichkeit die Tradition der Dynastie verkorperte, dafi er eine tiefe und zartliche Liebe zu seinen Kindern besafi - alles das verblafite vor der politischen Verurteilung. Er mag Schwachen besessen haben und weder in der Lage gewesen sein, den Niedergang der absoluten Monarchie in Rufiland aufzuhalten, noch Rufiland an die moderne Welt heranzufuhren. Das alles aber rechtfertigt weder den Mord an ihn und seinen Kindern noch ein durch den Oktobersieg der Bolschewikiprajudiziertes Verdammungsurteil.“ (S. 500).

Nikolaus sagte von sich: „Ich bin aufs Regieren nicht vorbereitet! Ich verstehe nichts von Staatsgeschaften. Ich weifi nicht einmal, wie man mit Ministern redet. Ich wollte nie Zar werden!“ (S. 476).

Prof. Orlando Figes, University of London, "Die Tragodie eines Volkes":

"Nikolaus war auf seine Rolle als Zar vollkommen unvorbereitet, er erwartete nicht, Zar zu werden. Sein Vater verstarb relativ jung. Nikolaus wurde in diese Situation hineingestofien und brach Berichten nach in Tranen aus: ,Ich bin nicht bereit, Zar zu sein, ich weifi nicht einmal, wie man mit Ministern redet.'"

"Nikolaus war moglicherweise ein guter Mensch. Ohne Zweifel war er ein guter Familienvater. Aber er war keinesfalls ein guter Zar. Ihm fehlte es an Fuhrungsfertigkeit, Strategien und politische Entschlusse von Bestand zu entwickeln und durchzusetzen."

Prof. Dr. Matthias Stadelmann, Osteuropahistoriker, Uni Erlangen-Nurnberg, "Die Romanows":

"Zar Nikolaus II. hatte die alleinige Entscheidungskompetenz. Das ist spatestens seit dem 19. Jahrhundert in keiner anderen europaischen Monarchie mehr der Fall. Der Einzige, dem er sich zu verantworten hat, ist Gott mit dem er sich im Einklang sieht."

"Zar Nikolaus II. versteht die Dimension dessen nicht, was sich im Februar 1917 in Petrograd abspielt. Vielleicht kann man ihm das gar nicht zum Vorwurf machen, denn die Dimension ist tatsachlich eine andere als bei bisherigen Demonstrationen und Artikulationen von Unzufriedenheit. Es sind Menschen, die um ihrer puren Existenz willen auf die Strafie gehen, die nichts mehr zu essen bekommen, fur sich, fur ihre Kinder, fur die Familien und die kaum eine andere Wahl haben in ihrer Verzweiflung."

Prinz Michael von Kent, GroBneffe des Zarenbruders GroBfurst Michail Alexandrowitsch von RuBland:

"Zar Nikolaus II. war nicht besonders charakterstark. Hinzu kam diese Haltung: ,Ich bin von Gott auserwahlt, mein Volk zu fuhren.' Er war der Lage nicht gewachsen und blieb dennoch stur. Der falsche Mann am falschen Ort zur falschen Zeit."

Nikolaus der Blutige?

Schon der Beginn der Regierung von Nikolaus II. stand unter keinem guten Stern: Bei den Kronungsfeierlichkeiten in Moskau brach aus unerklartem AnlaB unter den Hunderttausenden von Glaubigen, die zu diesem goldstrotzenden Kolossal-Schauspiel in die alte Hauptstadt gepilgert waren, eine Panik aus. Mehr als 2.900 Menschen wurden niedergetrampelt oder zu Tode gedruckt.

Der „Blutsonntag“

Die bemerkenswerte Bewegung des „Polizeisozialismus“ wurde von einigen Vertretern des Regimes gefordert, die zum einen die Klagen der Bevolkerung fur berechtigt hielten und zum anderen den Revolutionaren den Wind aus den Segeln nehmen wollten.

Ein Marsch der „Polizeisozialisten“ unter Fuhrung des geheimnisvollen Priesters Georgi A. Gapon loste die Revolution im Jahr 1905 aus. Am 22. Januar 1905 streikten in St. Petersburg 120.000 Arbeiter, und Gapon machte sich ihre Anliegen zu eigen. Die Streikenden baten den Zaren in einer Petition um „Gerechtigkeit und Schutz“ und erklarten, sie seien „verelendet“, „unterdruckt“ und unertraglichen Belastungen ausgesetzt und wurden „verachtlich behandelt“. Gapon setzte sich an die Spitze eines unbewaffneten Bittgangs zum Winterpalast, wo die Petition dem Zaren ausgehandigt werden sollte. Unter den Teilnehmern des Marsches waren auch viele streikende Arbeiter. Der Bittgang verlief vollkommen friedlich, bis die Truppen, die verhindern sollten, dab die Demonstranten den Palast erreichten, das Feuer auf die Menge eroffneten. Es gab etwa 200 Tote und 800 Verwundete. Geruchte nannten weit hohere Zahlen. Der „Blutsonntag“ ereignete sich, weil die hochnervosen Soldaten ihre Nerven verloren und auf die Menge feuerten.

Der Zar selbst hatte nur geringes Interesse an den Protesten gezeigt und St. Petersburg fur das Wochenende verlassen. Der Tag ging als „Blutsonntag“ in die russische Geschichte ein. Dies war der Anfang vom Ende der zaristischen Autokratie. Das Ansehen des Zaren konnte nach dem „Blutsonntag“ nicht mehr vollkommen wiederhergestellt werden. Viele Menschen, die bis dahin zu Nikolaus II. aufgesehen hatten, sahen in ihm jetzt den Verantwortlichen fur die kaltblutige Ermordung unschuldiger Untertanen.

Die Geschehnisse losten revolutionare Unruhen aus, die das ganze Jahr uber andauerten. Im Jahre 1905 kam es taglich zu Streiks, Kundgebungen und Plunderungen der Hauser von Grundbesitzern. Die Sozialrevolutionare ermordeten den Onkel des Zaren, den GroBfursten Sergej, der als Befurworter der Repression besonders unbeliebt war. Der Druck auf die Regierung wurde immer groBer. Dabei wurde sowohl von den Liberalen als auch von den Revolutionaren Druck ausgeubt.

Doch obwohl sich schon im Jahr 1905 zahlreiche Krafte gegen die Autokratie des Zaren wandten, gab es einen wesentlichen Unterschied zur Situation im Jahre 1917: Im Jahr 1905 stand ein GroBteil der Armee unerschutterlich auf Seiten des Staates. Im Jahr 1917 hingegen herrschte in einer Armee, die deutliche Auflosungserscheinungen zeigte, offener Aufruhr.

Pogrome, Antisemitismus

Die Juden waren in ihren burgerlichen Rechten gegenuber anderen ethnischen und konfessionellen Minderheiten benachteiligt. Sie waren mit Einschrankungen hinsichtlich der Ortswahl in bestimmten Gebieten (zum Schutz der weniger geschaftstuchtigen russischen Einheimischen) und der Berufswahl belegt.

Entgegen einer in der Historiographie weitverbreiteten Meinung waren die russischen Pogrome gegen die Juden keineswegs das Ergebnis geheimer reaktionarer Krafte, die sich darin versuchten, den revolutionaren Elan des Mobs auf einen wehrlosen Sundenbock zu lenken. Zar Alexander III. (1881—1894) war zwar voller Vorurteile gegenuber den Juden und auBerte u.a., es sei die Strafe Gottes, wenn es den Juden schlechtgehe, denn sie hatten ja Christus gekreuzigt. Er schrieb auf den Bericht uber ein Pogrom, daB er sich im Innersten seines Herzens immer freue, wenn man die Juden schlage. Sein wichtiger Nachsatz wird aber oft ubergangen: „Aber dies darf aus Grunden der Staatsrason nicht passieren.“ Schlimmer war Alexanders Weigerung, offentlich zu erklaren, daB auch die Juden unter dem Schutz des Staates standen. Polizei und Armee hatten groBe Schwierigkeiten, die sporadisch immer wiederaufbrechenden Gewalttatigkeiten zu unterbinden. Erst 1884 kamen mit dem letzten blutig unterdruckten Pogrom in Balta die antijudischen Ausschreitungen fur ein Jahrzehnt an ein Ende.

In der Regel waren die Pogrome von den Stadten ausgegangen. Die Juden galten als Ferment sozialer Veranderungen und sollten deshalb moglichst von der als zarentreu und konservativ geltenden Bauernschaft ferngehalten werden. Daher verbot Zar Alexander III. mit den sogenannten provisorischen Mairegeln vom 3. Mai 1882 den Juden, sich erneut in landlichen Regionen niederzulassen.

In der Regierungszeit des letzten Zaren erreichte der staatliche und volkstumliche Antisemitismus als eine Reaktion auf die revolutionare Bewegung, in der judische Jugendliche eine zunehmende Rolle spielten, ungeahnte AusmaBe.

Neben dem Liberalismus und dem revolutionaren Sozialismus traten in diesen Jahren auch starke nationalistische, fremdenfeindliche und antisemitische Stromungen zutage. Es kam zu Judenpogromen, die zahlreiche Juden zur Auswanderung nach Westeuropa und Nordamerika veranlaBten.

An vorderster Front der Judenverfolgung stand der nationalistische „Bund des Russischen Volkes“, dessen Anhanger als „Schwarze Hundertschaften“ bezeichnet wurden. Die Organisation war im Oktober 1905 mit Billigung des Zaren als eine Bewegung zur Mobilisierung der Massen gegrundet worden, um das Volk gegen die Revolutionare und radikalen Reformer zu mobilisieren. Der „Bund des Russischen Volks“ war nichts anderes als eine groBrussisch-nationalistische Bewegung. Ihr erklartes Ziel war das „eine und unteilbare GroBruBland“.

Der Bund war eine fruhe russische Form der faschistischen Bewegung. Antiliberal, antisozialistisch und vor allem antisemitisch, sprach man im Bund von der volkstumlichen Autokratie, von der man behauptete, sie habe existiert, bevor in RuBland Juden und Intellektuelle die Macht ubernommen hatten.

Fuhrende Mitglieder der Kirche, des Hofs und der Regierung einschlieBlich des Innenministers Maklakow unterstutzten den „Bund des Russischen Volks“.

Der Zar war Schirmherr des „Bundes“ (und die Regierung finanzierte ihn heimlich), weil er hoffte, der Bund konne eines Tages eine volkstumliche monarchistische Partei werden, die in der Lage ware, den Sozialisten Anhanger wegzunehmen. Das Manifest des Bundes war Ausdruck eines plebejischen MiBtrauens gegen alle politische Parteien, die Intelligenzija und die Burokratie, von denen es behauptete, sie seien ein Hindernis fur die „unmittelbare Gemeinschaft des Zaren mit seinem Volk“. Das war Musik in den Ohren von Zar Nikolaus! Eine volkstumliche Autokratie war genau das, was ihm vorschwebte.

Nikolaus personlich trug das Abzeichen des Bundes und wunschte dessen Fuhrern „vollen Erfolg“ bei ihren Bemuhungen, die „loyalen Russen“ hinter der Autokratie zu vereinigen. Auf Anweisung des Zaren finanzierte das Innenministerium die Zeitungen des Bundes und lieferte ihm heimlich Waffen.

Der Bund selbst war jedoch entsetzt uber das, was er als Schwache des Zaren, als klagliches Versagen bei der Unterdruckung der Linken ansah. Man beschloB, die Sache fur ihn zu erledigen, indem man paramilitarische Gruppen bildete und den Revolutionaren auf der StraBe entgegentrat. Die „Schwarzhunderter“, wie sie bei den Demokraten hieBen, marschierten mit patriotischen Fahnen, Ikonen, Kreuzen und Zarenportrats sowie mit Messern und Schlagringen in der Tasche. Gegen Ende 1906 hatte der Bund 1.000 Untergruppen mit einer Gesamtmitgliederzahl von rund 300.000.

Die Revolution auf der StraBe bekampfen - das war ihre Art, sich zu rachen, ein Mittel, die Uhr zuruckzustellen und die soziale und rassische Hierarchie wiederherzustellen. Haufig von der Polizei ermutigt, marschierten die Schwarzhunderter durch die StraBen und prugelten auf jeden ein, den sie demokratischer Sympathien verdachtigten. Manchmal zwangen sie ihre Opfer dazu, vor einem Zarenportrat niederzuknien, oder sie zerrten sie in Kirchen und lieBen sie die kaiserliche Flagge kussen.

Die antisemitischen Pamphlete des Bundes, insbesondere „Die Protokolle der Weisen von Zion“, wurden in Klostern gedruckt, kirchliche Amtstrager bekannten sich zum Bund, Popen forderten im Gottesdienst, seine Ziele zu unterstutzen.

Die „Protokolle der Weisen von Zion“ sind eine Falschung, die vorgibt, das Protokoll einer Besprechung zwolf namentlich nicht genannter Fuhrer des judischen Volkes zu sein, die eine Verschworung zur Erlangung der Weltherrschaft entwickelten. Der Verschworungstheorie zufolge, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts in rechtsextremen russischen Kreisen aufkam, seien liberale Ideen und viele moderne soziale und politische Entwicklungen ausnahmslos das Werk eines groBen judischen Plans.

Pariser Mitarbeiter der russischen Geheimpolizei Ochrana hatten die "Protokolle der Weisen von Zion" fabriziert - und zwar ein spaterer Bolschewist: Matwei Wassiljewitsch Golowinski (* 6. Marz 1865 in Iwaschewka; f 1920 in Petrograd) war ein russisch-franzosischer Autor und Journalist. Nach seinem AbschluB wurde Golowinski fur die Ochrana tatig, fur die er regierungsfreundliche Pressemeldungen arrangierte. In Frankreich schrieb er Presseartikel im Auftrag von Pjotr Ratschkowski (1853-1910), damals Chef des russischen Auslandsgeheimdienstes in Paris. Im Rahmen dieser Tatigkeit soll er auch der Autor der beruchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ gewesen sein, um „Beweise“ fur eine kapitalistische und antizaristische Verschworung gegen Nikolaus II. zu liefern. Er wechselte spater die Seite und war von 1917 bis zu seinem Tod fur die Bolschewisten tatig.

Bereits Konrad Heiden (1901-1966) identifizierte Golowinski und Ratschkowski 1944 als Autor bzw. Auftraggeber der sogenannten „Protokolle der Weisen von Zion“, was jedoch nicht abschlieBend geklart ist. Die Annahme beruht wesentlich auf die Veroffentlichung der Erinnerungen des Grafen Alexandre du Chayla (1885-1947) 1921, Zeugenaussagen anlaBlich des Berner Prozesses von 1934/1935 und der Expertise du Chaylas vor dem Gericht in Bern. Er konnte Auskunft geben uber eine allfallige Abfassung der „Protokolle der Weisen von Zion“ im Auftrag der zaristischen politischen Polizei Ochrana, mit dem Zweck, liberale Politiker zu isolieren und antisemitische Gefuhle zur Zeit der beruchtigten russischen Pogrome zu schuren. Zudem war auch die behauptete Komplizenschaft zwischen Juden und Freimaurern ein Thema, und Berner Freimaurer wurden als Zeugen dazu angehort. Das Gerichtsurteil kam zu dem Ergebnis, daB es sich bei dieser Schrift um ein ubles Machwerk, ein Plagiat und eine Falschung handelt.

Seit einer Veroffentlichung des russischen Literaturhistorikers Michail Lepechin aus dem Jahr 1998 wird auch Golowinski als Verfasser der Protokolle genannt: Er habe zur Zeit der Dreyfus-Affare den Text im Auftrag seines Chefs in franzosischer Sprache verfaBt, um damit Zar Nikolaus II. gegen den Liberalismus aufzubringen.

Nach dem deutschen Historiker Michael Hagemeister (*1951) gehen diese Versionen auf zwei Quellen zuruck: Zum einen auf die polnische Furstin Catherine Radziwill (1858-1941), die 1921 von ihrem New Yorker Exil aus verbreitete, Golowinski habe ihr 1904/1905 in Paris das franzosische Original der Protokolle gezeigt, das er in Ratschkowskis Auftrag angefertigt habe. Auf sie stutzte sich zum anderen der franzosische Graf Alexandre du Chayla in seinen ebenfalls 1921 erschienenen Erinnerungen an einen der ersten Herausgeber der Protokolle, Sergei Nilus (1862-1929), mit dem er nach seiner Bekehrung zum orthodoxen Christentum in engem Kontakt gestanden hatte.

Diese „Protokolle der Weisen von Zion“ waren und sind eine der einfluBreichsten antisemitischen Schriften. Sie wurden in ungefahr 60 Sprachen (unter anderem Deutsch, Englisch, Arabisch, Japanisch) ubersetzt. So inspirierten sie auch Adolf Hitler und hatten erheblichen EinfluB auf den Nationalsozialismus. Sie beeinfluBten aber auch Antisemiten und Extremisten in anderen Landern, etwa Henry Ford oder auch die japanische Aum-Sekte, in neuerer Zeit auch Organisationen wie die Hamas.

Zar Nikolaus II. hat die „Protokolle“ gekannt und zunachst hochgeschatzt. „Welche Gedankentiefe“, schrieb er an den Rand. Und: „An ihrer Echtheit kann kein Zweifel sein.“ Dann jedoch ergaben Ermittlungen zweier Offiziere eines Gendarmenkorps, daB es sich um eine Falschung handele. Der Zar schwenkte um. Bei der antisemitischen Propaganda sollten die „Protokolle“ nun nicht langer Verwendung finden, denn, so der Zar: „Eine reine Sache darf man nicht mit schmutzigen Methoden verteidigen.“

Wie groB das Aufsehen war, das die „Protokolle“ bei ihrem Erscheinen erregten, ist unklar: Einerseits wurden sie in Moskau von den Kanzeln verlesen, andererseits lassen sich keine Reaktionen nachweisen, weder in der ubrigen antisemitischen Publizistik noch etwa in Pogromen. In den folgenden Jahren interessierten sich nur wenige Menschen fur den Text, der zunehmend als Verschworungstheorie durchschaut wurde.

Das anderte sich mit der russischen Oktoberrevolution 1917 und dem anschlieBenden Burgerkrieg, als die konterrevolutionaren „WeiBen“ die „Protokolle“ zum Verstandnis des ihnen sonst unbegreiflichen Geschehens heranzogen. Es wurde das Gerucht verbreitet, die Zarin Alexandra Fjodorowna habe vor ihrer Ermordung die „Protokolle der Weisen von Zion“ bei sich gehabt.

Die Schwarzhunderter waren „Prafaschisten“. Sie verstanden sich als „wahre Russen“, und jeder auch noch so zaghafte Ansatz zur Liberalisierung des Zarenreiches wurde von ihnen als „judische Verschworung“ niedergemacht. Ihre paramilitarische Terrorgruppe drangsalierte und totete Juden.

Bis Ende 1904 ereigneten sich 45 Pogrome, zwischen Oktober 1905 und September 1906 waren es 674 Gewaltexzesse mit zusammen mehr als 3.000 Toten. Das schlimmste Pogrom fand in Odessa statt, bei dem 800 Juden ermordet, 5.000 verwundet und uber 100.000 obdachlos wurden. Es wurde aufgedeckt, daB die Polizei die Menge nicht nur organisiert, bewaffnet und mit Wodka versorgt, sondern auch geholfen hatte, die Juden aus ihren Verstecken zu zerren, und an den Morden beteiligt war. Beim Pogrom von Bialystok (Nordpolen) unterstutzten Armee und Polizei die Gewalttater. Das Polizeiprasidium in St. Petersburg produzierte sogar antisemitische Hetzschriften, in denen man beschuldigte, die Juden wollten RuBland vernichten, und das Volk dazu aufrief, „sie in Stucke zu reifien und zu toted". Als Graf Witte die strafrechtliche Verfolgung des verantwortlichen Polizeichefs verlangte, griff der Zar ein, um ihn zu schutzen.

In der Absicht, von revolutionarer Agitation abzulenken, ermutigten die ortlichen und zentralen Behorden diese antijudischen Gewalttaten nach der russischen Niederlage im Krieg gegen Japan und nach der Revolution von 1905. Das zaristische Regime, das gegen die Juden hetzte, war stets sorgsam darauf bedacht, daB die Gewalt nicht auf das Privateigentum ubergriff. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde Judenfeindschaft im russischen Zarenreich mit groBerer Vehemenz und Aggressivitat praktiziert als in jedem anderen Land. Die Pogrome und restriktiven Erlasse sowie der administrative Druck fuhrten zu einer judischen Massenauswanderung. Zwischen 1881 und 1914 verlieBen etwa 2 Millionen Juden RuBland, viele unter ihnen emigrierten in die USA.

Anders, als es die alte und festverankerte Legende will, ist keiner dieser Pogrome je von der russischen Regierung angezettelt worden. Zwar stellten die Behorden nur langsam die Ordnung wieder her, und nur wenige der Anstifter wurden je vor Gericht gebracht, aber das war nicht Teil der Verschworung, sondern spiegelte nur die Ineffizienz der Behorden und generell ihre Judenfeindlichkeit wider.

Zar Nikolaus II. hatte die Pogrome nicht angeordnet und ist auch im Vorfeld nicht daruber informiert worden. Der prafaschistische „Bund des Russischen Volkes“ warf ihm sogar klagliches Versagen bei der Unterdruckung der Linken vor.

Es ist aber offensichtlich, daB der Zar und der Hof die antiliberalen, antisozialistischen und vor allem antisemitischen Ansichten teilten. Mehr und mehr tendierte Nikolaus II. dazu, die antijudischen Pogrome in seiner Regierungszeit als einen Akt von Patriotismus und Loyalitat des „guten und einfachen russischen Volkes"" zu sehen.

Nikolaus II. war mit den Antisemiten der Meinung, dafi die Revolution grofitenteils das Werk von Juden sei, und betrachtete die Pogrome naiv als die berechtigte Rache seiner „loyalen Untertanen"

Nicht viele Juden waren Bolschewiki, aber zahlreiche fuhrende Bolschewiki waren judischer Abstammung. Allerdings hatten sie mit ihrer judischen Herkunft und Identitat weitgehend gebrochen. Ihr Messias war jetzt Karl Marx! Reprasentativ fur das Judentum waren sie auf keinen Fall! Es ist naturlich einleuchtend, daB selbst diejenigen, die mit ihrer Herkunft gebrochen hatten, das Zarentum nicht nur aufgrund der Pogrome nicht gerade liebten!

SchlieBlich wurde der Antisemitismus eine der Hauptwaffen, deren sich der Hof und seine Anhanger bedienten, um das „loyale Volk" im Kampf gegen die Revolution und die aufkommende liberale Ordnung hinter sich zu scharen.

Die Regierung lieB in der Presse, die - bis 1905/06 - strengen Zensurbestimmungen unterworfen war, hemmungslose antisemitische Propaganda verbreiten.

Stolypin setzte zunachst die rechtliche Gleichstellung der Juden durch. Er bemuhte sich auch um die Eindammung von Pogromen. Wenn nach Terrorakten der Ausnahmezustand in ihren Besiedlungszentren galt, setzte er sich fur dessen Aufhebung ein. Daruber geriet er in Meinungsverschiedenheit mit dem Zaren, der gegenuber den Juden eine unnachgiebige Haltung an den Tag legte. Besonders nach Unruhen oder Attentaten, die in dieser Zeit alltaglich waren, war Zar Nikolaus II. immer wieder geneigt, bereits zugestandene Erleichterungen wieder zuruckzunehmen (in Stolypins Augen ein taktischer Fehler, da dies seiner Meinung nach noch scharfere Reaktionen aus dem Untergrund provozierte). Einmal verlieB der Minister resigniert das Kabinett des Zaren mit den Worten: „Majestat, Majestat, Sie vergewaltigen mein Gewissen!“

Die unnachgiebige Einstellung des Zaren gegenuber den Juden stand nicht nur mit deren Rolle in den revolutionaren Aktivitaten in Zusammenhang (dies bestatigte sich ubrigens im Oktoberputsch von 1917 und der Zusammensetzung der ersten bolschewistischen Regierung sowie des Mordkommandos der Zarenfamilie). Die mangelnde Toleranz des Zaren gegenuber dem Judentum entsprang einer tieferen Grundlage, dem religiosen Selbstverstandnis des Zaren.

Nach 1914 muBten Juden verstarkt als Sundenbocke fur die Note der Nation herhalten. Nach der Oktoberrevolution 1917 stellte die Propaganda der „WeiBen“ das bolschewistische Regime als judische Verschworung dar und verbreitete den Mythos, daB alle seine wichtigsten Anfuhrer - mit Ausnahme Lenins (der ubrigens „Vierteljude“ war) - Juden seien. Ihnen wurden der Zarenmord, die Verfolgung der orthodoxen Kirche und der Rote Terror angelastet. Bei mehr als 2.000 Pogromen gegen Juden in der Ukraine und der polnischen Ukraine wahrend des russischen Burgerkrieges zwischen den „Roten“ und „WeiBen“ einerseits sowie ukrainischen Nationalisten und Russen andererseits wurden 1917-21 etwa 30.0 Juden ermordet und Hunderttausende verwundet, von denen weitere 120.000 starben. Mit anderen Worten: In den Burgerkriegen nach der Abschaffung der Monarchie sind etwa funfzigmal so viele Juden ermordet worden als unter Zar Nikolaus II.!

Verbannungen nach Sibirien, Verfolgung von Sozialisten

Im Rahmen eines neuen Strafgesetzbuches wurden 1845 verschiedene Grade der Zwangsverschickung festgelegt:

- Verbannung zu befristeter oder unbefristeter Straflingsarbeit,
- zur Ansiedlung an bestimmten Orten mit Verlust aller burgerlichen Rechte,
- zeitweilige Verbannung mit geringfugigen Einschrankungen der Freiheit.

Die „Politischen“ machten nur einen kleinen Teil der Verbannten aus, im Jahr 1898 gerade einmal 1%.

Unter dem Zaren wurden die politischen Gefangenen vor ein ordentliches Gericht gestellt. Die Verteidigung konnte sich ebensosehr - wenn nicht noch mehr - zur Geltung bringen wie die Anklage. Sie konnte sich auf eine offentliche Meinung im Inland berufen und vor allem auf die internationale Offentlichkeit. Die Untersuchungsgefangenen und Verurteilten unterstanden immerhin einer Gefangnisordnung, und die fur Verbannung oder sogar Deportation geltenden Vorschriften waren vergleichsweise milde. Die Deportierten konnten ihre Familie mitnehmen, lesen und schreiben, was ihnen beliebte, jagen, fischen, Freizeit mit ihren Schicksalsgefahrten verbringen.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts steigt die Zahl der politischen Verbannten, bedingt durch Attentaten von Revolutionaren und Anarchisten und die aufgeheizte gesellschaftliche Lage, vor allem nach der Ermordung des Zaren Alexander II. 1881. Auch nach den Streiks und Unruhen zwischen 1905 und 1907 lieB Zar Nikolaus II. Tausende politische Gegner nach Sibirien verfrachten.

Viele dieser Abgeschobenen muBten allerdings weder im Gefangnis sitzen noch Zwangsarbeit leisten. Weit entfernt von der Heimat arbeiteten manche sogar in ihren erlernten Berufen als Buchhalter, Arzte, Apotheker, Juristen. Oder sie versuchten, sich als Bauern oder Handwerker durchzuschlagen. Ein verhaltnismaBig angenehmes Leben konnten diejenigen Verbannten genieBen, die uber Geld verfugten wie z.B. Lenin, der verbannt wurde, weil er die illegale Zeitung „Sache der Arbeiter“ verbreitet hatte. 1897 wurde er fur 3 Jahre nach Sudsibirien verbannt. In einem Brief berichtet er: „Ich lebe hier nicht schlecht, widme mich eifrig der Jagd“ AuBerdem verwende er „neben der Jagd und dem Baden einen grofien Teil der Zeitfur Spaziergange“ Seine Ehefrau und Mitstreiterin Nadeschda Krupskaja, die er in der Verbannung heiratete, schreibt in ihren Erinnerungen: „Sonntags hielt er [Lenin] juristische Beratungsstunden bei sich ab. Bauern und Bauerinnen kamen und brachten ihre Anliegen vor. Faktisch bestand uberhaupt keine Aufsicht.“ Sie und Lenin „mieteten fur 4 Rubel ein halbes Haus mit Gemusegarten und Hof. Hier fuhrten wir einen regelrechten FamilienhaushaltG Fur einen Tag notiert sie: „Nach dem Mittagessen schrieben wir beide etwa zwei Stunden lang die ,Entwicklung des Kapitalismus in Rufiland‘ ins Reine“ So ging der Kampf fur den Sturz der zaristischen Herrschaft auch in der Verbannung weiter.

Im Jahre 1901 befanden sich 4.113 Russen aufgrund politischer Vergehen in der Verbannung, aber nur 180 von ihnen waren zur Zwangsarbeit verurteilt. Und diese waren meist Schwerkriminelle.

Die Verbannung zur Zarenzeit ist auf jeden Fall nicht mit dem Gulag der stalinistischen Sowjetunion gleichzusetzen.

Statistik

Der kleine, pflichterfullte, charmante, undurchschaubare und verzagte Kaiser war weder Henker noch besonders blutrunstig.

Fur die 90 Jahre von 1825 bis 1917 wird die Zahl der von den zaristischen Gerichten (einschlieBlich Standgerichte) in Angelegenheiten „mit einem Bezug zur politischen Ordnung“ verkundeten Todesurteile mit 6.321 angegeben, wobei das Jahr 1906 mit seinen Verfahren gegen die Revolutionare von 1905 mit 1.310 Todesurteilen an der Spitze liegt. Die Zahl der von 1825 bis 1917 wegen politischer Aktivitaten zum Tode verurteilten Personen belief sich auf 6.360. Davon wurden 3.932 hingerichtet: 191 in der Zeit von 1825 bis 1905 und 3.741 in den Jahren 1906 bis 1910.

Bei vielen zum Tode Verurteilten wurde anschlieBend die Todesstrafe in Zwangsarbeit umgewandelt. Hinrichtungen wegen politischer Straftaten waren auf die Beteiligten an vollendeten oder versuchten Attentaten beschrankt.

Nikolaus war sehr auf seinen historischen Ruf bedacht und befahl Graf Witte und seinen Ministern, ihm alle Dokumente zuruckzusenden, die seine Harte offenbarten. Daher sind nur wenige dieser Zeugnisse erhalten geblieben. Wiederholt weigerte er sich, zum Tode verurteilte Aufstandische zu begnadigen; wenn jedoch der Verdacht eines Fehlurteils aufkam, hielt er es fur seine Pflicht als Zar, der Gerechtigkeit Genuge zu tun.

Fur die Zeit von 1900 bis 1917 in RuBland werden 1.066.000 Demozidopfer veranschlagt. Darunter wurden bei Pogromen zwischen 1903 und 1907 mindestens 3.200 Juden ermordet. Am St. Petersburger „Blutsonntag“ vom 9. Januar 1905 wurden etwa 200 Streikende erschossen. In der sich anschlieBenden Erhebung (1906/1907) toteten Aufstandische ungefahr 5.500 Menschen. Uber 1.000 Revolutionare (?) wurden im Gegenzug hingerichtet. Bei Deportationen nach Sibirien kamen uber 80.000 Menschen ums Leben.

Die groBen Zahlen jedoch resultieren aus dem Ersten Weltkrieg. Unter anderem uberlebten 150.0 Deutsche des Schitomirgebietes die Deportationen des Jahres 1915 nach Osten nicht.

400.0 deutsche und andere Kriegsgefangene lieB man umkommen. Beim Einmarsch in das Osmanische Reich wurden - zugleich eine Racheaktion fur den Volkermord an den Armeniern von 1915 - zwischen 75.000 und 130.000 Kurden und Turken massakriert. All das ist demozidal, wird jedoch niemals genozidal.

Die personliche Verantwortung des Zaren bei konkreten Taten lafit sich schwer fassen, denn „der Zar ist weit (weg)“, aber eine politische Verantwortung lafit sich nicht leugnen.

Zum Vergleich: Die Zahl derer, die allein von der Tscheka innerhalb weniger Wochen hingerichtet worden sind (zwischen 10.000 und 15.000 standrechtliche Hinrichtungen innerhalb von zwei Monaten, Herbst 1918), ist zwei- bis dreimal so hoch wie die derjenigen, die in 90 Jahren unter den Zaren zum Tode verurteilt und zum Teil nach dem ProzeBverfahren nicht einmal hingerichtet worden sind, denn bei vielen von ihnen wurde anschlieBend die Todesstrafe in Zwangsarbeit umgewandelt.

Fur die Zeit der kommunistischen Diktatur von 1917 bis 1987 werden 70-80 Millionen Todesopfer geschatzt. Dabei gilt Lenin als funftgroBter Megamorder des 20. Jahrhunderts mit gut 4 Millionen Todesopfern. Die durch Lenins Enteignungspolitik erzeugten (1917-1920) oder verscharften (1920/1921) Hungersnote mit insgesamt 9 Millionen Toten sind in seiner Opferzahl nicht einmal enthalten.

Die Bilanz der zaristischen Unterdruckung ist also mit der des kommunistischen Terrors der Sowjetunion nicht zu vergleichen.

Die Repressalien des Zaren wirken erstaunlich milde verglichen mit jenen zu Sowjetzeiten. Zahlt man auch die Polizisten aus den unteren Rangen hinzu, wurden zwischen 1905 und 1910 etwa 16.000 Staatsbedienstete durch Attentater umgebracht, aber nur 3.000 Attentater wurden hingerichtet. Die am haufigsten verhangte Strafe, Verbannung nach Sibirien, war zwar mit Langeweile, Kalte und Isolation verbunden, glich jedoch eher einem spartanischen Ferienlager als einer Inhaftierung. Stalin fluchtete insgesamt achtmal von dort, entweder zu FuB, romantisch im Rentierschlitten oder ganz prosaisch mit der Bahn. Die Zwangsarbeit, oft in Bergwerken, war hingegen brutal.

Nikolaus - als der eigentliche Feind im Ersten Weltkrieg

Aus der Sicht der Mittelmachte

Fur die Mehrheit der deutschen Sozialdemokraten, aber ebenso fur den linksliberalen Soziologen Max Weber, war RuBland im Ersten Weltkrieg der Hauptgegner: der Hort der Reaktion, die groBe autokratische Macht, die wahrend der letzten 100 Jahre alle emanzipatorischen und progressiven Bewegungen in Ost- und Mittelosteuropa niedergeschlagen und ihre eigenen Intellektuellen und Schriftsteller zu Tausenden nach Sibirien in die Verbannung geschickt oder ins westeuropaische Exil getrieben hatte. Nicht zuletzt aus diesem Grunde stimmte die SPD fur die Kriegskredite.

Die SPD war organisatorisch und intellektuell die fuhrende Partei der Sozialistischen Internationale. Der Aufschwung der sozialdemokratischen Bewegung- auch gegen Bismarcks Sozialistengesetze - und der industrielle Aufstieg Deutschlands stimmten mit dem Fortschrittsoptimismus, der der sozialistischen Ideologie zugrunde lag, uberein.

Das okonomisch und politisch zuruckgebliebene RuBland, ein Agrarland, das vom Zaren autokratisch regiert wurde, konnte vor diesem Hintergrund nur in dusteren Farben erscheinen. Abscheu und Angst vor RuBland hatten bei der deutschen Linken eine lange Tradition. Seit den Zeiten der Heiligen Allianz galt ihr das Zarenreich als Inbegriff der Reaktion. Die Rolle, die es als „Gendarm Europas" wahrend und nach den Revolutionen von 1848 spielte, bestatigte und bekraftigte diese Einschatzung. Marx und Engels gehorten zu den heftigsten „Russenhassern" jener Zeit. Um so groBer war die Bewunderung fur die sozialistischen Gegner des Zarismus, die ihre Wurzeln ebenfalls schon in der 2. Halfte des 19. Jahrhunderts hatte.

Die russischen Sozialisten im deutschen Exil erfuhren vielfache Unterstutzung. So wurde das Zentralorgan der russischen Marxisten, die Iskra, mit deutscher Unterstutzung ab Dezember 1900 in Geheimdruckereien in Stuttgart und dann in Munchen gedruckt und ins Zarenreich geschmuggelt, ebenso wie viele andere oppositionelle Schriften, ja sogar Waffen. Die SPD setzte sich auch fur in Deutschland lebende russische Emigranten ein, die nicht nur von den deutschen Behorden, sondern auch von russischen Polizeispitzeln scharf uberwacht wurden.

Als im Januar 1905 die erste russische Revolution ausbrach, breitete sich erneut eine Woge der Begeisterung in der deutschen Sozialdemokratie aus. Im ganzen Reich fanden Sympathiekundgebungen und Geldsammlungen fur die russischen Revolutionare statt. Den vermeintlich bevorstehenden Sturz des „mit Korruption und Verbrechen beladenen Despotismus" begruBten die deutschen Sozialdemokraten „mit freudiger Genugtuung", wie es in einer einstimmig verabschiedeten Resolution des Jenaer Parteitages vom September 1905 heiBt.

So einmutig die Begeisterung uber die revolutionaren Attacken auf den Zarismus war, so kontrovers wurde allerdings die Frage beurteilt, was diese fur die deutsche Arbeiterbewegung bedeuteten. „All die Revolutionslust, die sich im Inland nicht auswirken konnte, entlud sich in Reden und Artikeln uber die Schmach der Zarenknechte und das Heldentum der Revolutionare,“ so Friedrich Stampfer.

Irritierend am Bild der revolutionaren Helden war allerdings, daB diese untereinander heftig zerstritten waren, wobei die Grunde fur die Zerwurfnisse zwischen Bolschewiki und Menschewiki in der russischen Sozialdemokratie ab 1903 allenfalls fur eine Handvoll deutscher Genossen nachvollziehbar waren. Der von den deutschen Sozialdemokraten so hochgehaltenen organisatorischen Einheit stand im Zarenreich zudem die Existenz verschiedener nationaler Parteien der Polen, Letten und des judischen „Bund" sowie der agrarsozialistischen Partei der Sozialrevolutionare entgegen. Die mehrfachen, bis zum Vorabend des Ersten Weltkrieges fortgesetzten Versuche der SPD-Fuhrung, die verfeindeten Flugel der russischen Sozialdemokratie zu einigen, endeten mit MiBerfolgen, Verargerung und Frustration.

Nach der Niederschlagung der Revolution 1905 und der Auflosung der zweiten Duma im Sommer 1907 ging von RuBland keine revolutionare Ausstrahlung mehr aus, und fur die SPD stand die „Schmach der Zarenknechte" wieder ganz im Vordergrund.

Nur als Krieg gegen das reaktionare RuBland war der Weltkrieg fur die SPD 1914 zu rechtfertigen. Die anderen Gegner Frankreich und England wurden ebensowenig erwahnt wie der bereits erfolgte Einmarsch ins neutrale Belgien.

Bethmann Hollweg verstand es, die deutsche Regierung als friedens- und verhandlungswillig darzustellen, so daB die russische Generalmobilmachung am 30. Juli 1914 als aggressiver Akt erscheinen muBte. Hatten bis dahin noch in vielen Stadten sozialdemokratische Friedenskundgebungen stattgefunden, so begann die Stimmung nun umzuschlagen. Dabei forderte der antirussische Affekt der Sozialdemokratie ihre Integrationsbereitschaft in die kriegsbereite Nation ganz wesentlich. Bereits am 2. August 1914 beschlossen die Gewerkschaften den Burgfrieden mit den Unternehmern, und die Zustimmung der SPD- Reichstagsfraktion zu den Kriegskrediten am 4. August 1914 vollendete die nationale Einheitsfront.

Alexander Parvus-Helphand, ein in der Turkei zu Vermogen gekommener russischer Emigrant, der zunachst eine Laufbahn als Parteiintellektueller in der SPD eingeschlagen hatte', unterstutzte die deutschen Kriegsbemuhungen allerdings vor allem deshalb, weil er darin eine Chance zur Revolutionierung RuBlands sah, was fur ihn zugleich die Unterstutzung nationaler Autonomiebestrebungen und die Dekomposition des zaristischen Imperiums bedeutete.

Die Nachricht vom Sturz des Zaren 1917 wurde in der deutschen Arbeiterschaft mit Enthusiasmus aufgenommen. Die USPD brachte auf ihrem Grundungsparteitag in Gotha Anfang April 1917 eine „begeisterte Huldigung" aus, und der erweiterte ParteiausschuB der SPD begruBte wenig spater „mit leidenschaftlicher Anteilnahme den Sieg der russischen Revolution".

Noch im Januar 1919 bestand Max Weber darauf, daB der Krieg gegen RuBland „ein guter Krieg war und dafi die Leistung der deutschen Heerfuhrer, die seinen [RuBlands] Zusammenbruch herbeifuhrte, fur immer zu den Ruhmesblattern der deutschen Geschichte gehoren wird“

Im Fruhjahr 1918 sah es so aus, als hatten die Deutschen den Krieg gewonnen; im Herbst 1918 war es dann umgekehrt. Alles, was sie im Osten gewonnen hatten, ging durch die Niederlage im Westen verloren.

Aus der Sicht der Alliierten

Die russische Autokratie wurde in England und Frankreich kritisch gesehen. Sie strafte den Anspruch der Entente Lugen, fur den Liberalismus zu kampfen. Im September 1915 regte der britische Botschafter, Sir George Buchanan, beim Zaren an, die Koalitionsregierung Asquith in GroBbritannien als Vorbild fur eine russische Einheitsregierung zu nehmen. Im Februar 1916 drangte er ihn, den Forderungen der Liberalen in einem „Akt huldvoller Dankbarkeit“ nachzugeben. Aber der Zar entlieB die Minister, die solchen Ideen anhingen, und ging auch zu den neu ernannten auf Distanz, indem er sich als Oberbefehlshaber der Armee in sein Hauptquartier nach Mogiljow begab.

Obwohl Zarin Alexandra eine Enkelin der Konigin Victoria von England war, glaubte sie, „die Autokratie sei die einzige Regierungsform, die Rufiland zusammenzuhalten vermochte“. Buchanan raumte nach dem Krieg ein, daB sie vielleicht Recht hatte. Es war eine Sache, wenn etablierte liberale Staaten fur die Dauer eines Krieges zu autoritaren Regierungsmethoden griffen, aber eine ganz andere, wenn ein autoritares Regime sich liberalisierte, was, wie viele hofften, auch nach dem FriedensschluB anhalten werde. AuBerdem hatte es nicht den Anschein, daB die Spannungen, die der Krieg in der russischen Gesellschaft ausgelost hatte, und die Erwartungen, die damit einhergingen, durch konstitutionelle Reformen noch unter Kontrolle gehalten werden konnten. Die meisten Mitglieder der Duma waren Monarchisten, sie furchteten die stadtischen Massen und deren republikanische Einstellungen.

Was sich in Petrograd entwickelte, war kein Liberalismus, um den Krieg wirksamer fuhren zu konnen, sondern Sozialismus, um ihn zu beenden.

Die westlichen Verbundeten RuBlands mogen die Februarrevolution nicht gerade begruBt haben, uberraschend kam sie nicht. Bereits Ende Januar 1917 hatten Vertreter aller drei Machte - GroBbritanniens, Frankreichs und Italiens-, mit russischen Vertretern in Petrograd konferiert. In einer Hinsicht war dies ein Hohepunkt der Zusammenarbeit innerhalb der Entente: Man sprach uber Strategie, Finanzen und Produktion, wobei man zu dem SchluB kam, daB korrespondierende Angriffe an allen Fronten die beste Politik seien. Aber sowohl die britischen als auch die franzosischen Militars reisten mit der Uberzeugung statt, daB die russische Armee nicht in der Lage sein werde, 1917 eine GroBoffensive zu starten.

Zarin Alexandra

Die EheschlieBung von Nikolaus II. mit der Prinzessin Alice von Hessen (nach ihrer Konversion zum orthodoxen Glauben Alexandra Feodorowna) war eine Liebesheirat, nach der beide ihr Leben lang dem anderen in aufrichtiger und sehr tiefer Liebe zugewandt blieben.

Die Tragik dieser Beziehung lag darin, daB die Zarin die von ihrer GroBmutter mutterlicherseits vererbte Bluterkrankheit an ihren einzigen Sohn Alexej, den Zarewitsch, weitergab. Sie selbst litt, nach Ansicht Dr. Botkins, an „fortschreitender Hysterie“, einer psychischen Storung, die sich zunehmend physisch auBerte. Im Kreis ihrer Familie und unter dem gehobenen Personal war von ihren psychosomatisch bedingten Symptomen - Kurzatmigkeit, Herzklopfen, SchweiB an den Handen, ein Gefuhl der Verlorenheit - nichts zu bemerken. Aber sobald man ihr widersprach oder sie enttauschte oder wenn sie unter Menschen war, von denen sie wuBte, daB sie ihr feindlich gesinnt oder anderer Ansicht als sie waren, da klagte sie uber Schmerzen in der Brust und schnappte nach Luft.

Von Natur eher zuruckhaltend und scheu, vermied Nikolaus II. gewohnlich den engen Kontakt mit seinen Untertanen und fuhlte sich nur im Kreis seiner Familie richtig wohl. Auch Alexandra war ein schuchterner Mensch. Da sie schon in sehr jungen Jahren Zarin geworden war, hatte sie nie Zeit gehabt, einen Freundeskreis um sich zu sammeln, der sie bei gesellschaftlichen Anlassen unterstutzen konnte. Durch die strenge Etikette bestand nun keine Moglichkeit mehr, jemanden naher kennenzulernen, denn der Hof des Zaren, wo jede Bewegung durch unveranderliche Traditionen eingeschrankt war, lieB wenig Raum fur freundschaftliche Zusammenkunfte. Die Gesellschaft in St. Petersburg lernte Alexandra niemals richtig kennen, und so wurde ihre Schuchternheit als Hochmut miBverstanden und ihre Zuruckhaltung als Stolz. Auch das, was als Alexandras Pruderie betrachtet wurde, verbesserte ihr Ansehen nicht gerade. Entsetzt von den offen ausgelebten Liebesaffaren der Petersburger Gesellschaft strich sie namlich immer mehr Namen von der Gasteliste des Palastes - und machte sich damit zahlreiche Feinde. So gelang es der Zarin Alexandra nie, vom russischen Volk geliebt zu werden, trotz ihrer hingebungsvollen Sorge um die Wohltatigkeit und ihrer Hilfe fur die Kranken. Aus Interesse an der Krankenpflege hatte sie sich namlich zu einer geschickten Krankenschwester entwickelt. Nachtelang saB Alexandra am Krankenlager ihres Sohnes und kummerte sich liebevoll um ihn. Seine Krankheit war eine einzige Folge von gesundheitlichen Krisen, die ihn mehr als einmal an den Rand des Todes fuhrten.

Die Tendenz der Zarenfamilie zur Selbstabkapselung und Isolierung gegen die AuBenwelt verstarkte sich immer mehr und verwies Eheleute und Kinder in noch hoherem Grade aufeinander. Die Zarin war im Grunde eine eigenartige Kombination aus Warmherzigkeit und Reserviertheit. Sie spaltete sich in zwei Wesen auf: das warme, verwundbare Ich, das sie im Umgang mit Nikolaus und ihren Kindern zeigte, und das harte, steinerne Ich, das sie anderen zeigte. Sie war emotional und korperlich uberlastet (sie kummerte sich um ihre Kinder hochstpersonlich, was damals eine absolute Ausnahme war), wurde standig von anderen enttauscht und offenbarte eine halsstarrige Seite in ihren gelegentlichen Wutausbruchen ihren Dienern gegenuber, ihrer Verachtung fur die Wachen und ihrer zunehmenden Dominanz gegenuber ihrem Ehemann. Resigniert und passiv, wie der Zar war, gewohnte er sich daran, Alexandra ihren Willen zu lassen, in groBen wie in kleinen Dingen. Ihre Beziehung hatte kaum tiefer oder inniger sein konnen. Wenn Entscheidungen getroffen werden muBten, war es mehr und mehr die Zarin, die sie traf. Das meiste von dem, was sie horte oder ihr von anderen berichtet wurde, war aber parteiisch voreingenommen und entweder von Lobhudelei oder Kritik verfalscht. Und nichts davon anderte ihre Meinung oder schwachte ihr strenges Urteil ab. Statt auf - ihre stark eingeschrankten - Informationen, verlieB sie sich lieber auf ihre Instinkte.

Es war der Zarin schwergefallen, russische Gewohnheiten anzunehmen, und sie war unfahig, die Gesellschaft in einer entspannten Art und Weise zu fuhren. Ihre scheinbare Kalte, die nichts anderes war als Scheu, wurde zunehmend als unausgesprochener Vorwurf an ihre Umgebung wahrgenommen. In dem MaBe, wie ihre familiaren Burden und die Sorge wegen der Bluterkrankheit ihres Sohnes zunahmen, schrankten Nikolaus II. und sie offentliche Verpflichtungen und das mit ihnen verbundene aktive gesellschaftliche Leben ein. So gelang es Alexandra nicht, offentliche Unterstutzung oder auch nur Sympathie zu gewinnen.

Mit zunehmenden Alter wurde Zarin Alexandra vollig unzuganglich gegenuber jeder Kritik, Ratschlagen oder AuBerungen anderer Meinung als der ihren, wollte auch den Zaren als unfehlbar und uber jede Kritik erhaben sehen und hielt auch von ihm alle Kritiker fern; dazu hatte ihre mystisch uberhohte Religiositat jeden Realitatsbezug verloren.

Bei Alexandra waren das BewuBtsein der Macht als Zarin oder vielmehr der ihres Mannes als Herrscher und der Glaube an die Unwandelbarkeit der Autokratie weit starker ausgepragt als bei Nikolaus selbst, und sie fuhlte sich immer wieder bemuBigt, ihn an seine Rollte und Autoritat zu erinnern.

Aus der Sicht von Sokolow

Der Untersuchungsrichter Sokolow, der die Ermordung der Zarenfamilie untersuchte, kam nach der Befragung vieler Zeitzeugen zu folgender Einschatzung uber die Zarin:

Die Zarin war schon, imposant, majestatisch. Niemals, auBer im Verkehr mit ihren Kindern, vergaB sie ihre Wurde. So blieb sie bis zu der Abdankung des Zaren und auch wahrend der Gefangenschaft.

Die Majestat und die Hoheit, die sich auf ihrem Gesicht auspragten, waren bedingt durch ihre typischen Charakterzuge. Vielen erschien sie stolz, war es im Grunde aber nicht. Sie war viel zu klug, um nicht zu wissen, was dieser Fehler bei ihrer Stellung bedeutet hatte. Ihre Gute, ihr Wunsch, gutig zu erscheinen, waren aber sicherlich mehr von ihrem Verstand als von ihrem Gemut eingegeben.

Seit ihrer fruhesten Jugend war sie von religiosen Empfindungen erfullt, die ihre ganze Lebensauffassung bestimmten. „Die Welt ist eine Statte des Wartens; das wahre Leben beginnt im Jenseits. Das irdische Leben ist nur seine Vorbereitung.“ Das war ihre Philosophie. Die Kirche war der grofite Trost fur sie. Aber auch dorthin trieb sie weniger das Gefuhl als der Verstand. In der Religion fand diese von Natur herrische und aufbrausende Frau die Vorschriften fur ihr Benehmen und ihre Pflichten. Aus ihr gewann sie die Auffassung ihrer taglichen Pflichten. Die Macht der Krone betrachtete sie als ein von Gott auferlegtes Joch. Sie sah darin weder eine Freude noch einen Trost, sondern ein Kreuz, das auf Befehl Gottes getragen werden muBte. Selbst die Art, wie sie in der Offentlichkeit sich zeigte, die betonte Wurde, war nach ihrer religiosen Auffassung „Pflicht“ dem Volke gegenuber, dessen Zarin sie war.

Von Geburt war sie Deutsche, mit der Seele aber nie. Wenn sie uberhaupt durch einen ethnischen EinfluB beherrscht war, so konnte es nur der englische sein. In England war sie ja auch von ihrer GroBmutter, der Konigin Viktoria, erzogen worden. Den Deutschen gegenuber war sie ein erbitterter Gegner. Sie verbannte aus ihrem Leben alles Deutsche. Ihr Sohn, der kunftige Zar Rublands, konnte kein Wort Deutsch sprechen; sie hatte nicht gewollt, dab er diese Sprache lerne. Auch die GroBfurstinnen sprachen sie nur schlecht.

Die Zarin verachtete Kaiser Wilhelm II. und verbarg das auch keineswegs. „Komodiant, Heuchler, verachtlich, unmoglich durch die unfairen Kampfmittel, die er anwende“ das waren die Ausdrucke, in denen sie von ihm sprach. Diese Empfindungen hegte sie schon vor dem Weltkrieg und erzog auch ihre Kinder in ihnen. Diese folgten ihrem Beispiel und wollten die von Kaiser Wilhelm bei offiziellen Zusammentreffen erhaltenen Geschenke nie behalten, sondern gaben sie stets den Dienstboten.

Dem Gedanken, nach der Revolution ins Ausland gebracht zu werden, stand die Zarin ebenso feindlich gegenuber wie der Zar. Sie liebte Rubland als ihr Vaterland. Es war ihre feste Uberzeugung, daB die Massen des einfachen russischen Volkes sie verstanden, namentlich daB sie in ihren religiosen Empfindungen mit ihr ubereinstimmten. Die groBte Beleidigung konnte man ihr mit der Behauptung antun, daB sie das Volk schlecht kenne. Es war, als lebe sie mit geschlossenen Augen. Selbst in den bolschewistischen Soldaten wollte sie keine schlechten Menschen und keine Feinde sehen.

Die Ehe des Zaren und der Zarin war aus tiefer gegenseitiger Liebe geschlossen worden.

Zwischen dem Zaren und der Zarin gab es keine Meinungsverschiedenheiten. Ohne Widerstand fugte der Zar in allem der Zarin. Seine Sanftmut, sein Zartgefuhl hatten die Unterwerfung unter den starkeren Willen zur Folge. Alle Zeugen stimmen in diesem Punkte uberein. Wie einer von ihnen sich ausdruckte, war die Zarin „Zuflucht“ und „Vormund“ fur ihre ganze Familie. Der Zar entschied nie eine Frage, ohne sich vorher mit ihr zu besprechen. Das geschah ebenso vor wie nach der Revolution.

Nach der Geburt des bluterkranken Zarewitsch gestaltete sich das Leben der Zarin aus steter Sorge und Qual. Der Erzieher Gilliard erklart daruber: „Die Zarin war sich vollkommen bewufit, dafi die geringste Unvorsichtigkeit den Tod von Alexej herbeifuhren konnte. Nie verliefi sie ihn, ohne ihn heifi zu kussen; ich verstand, dafi sie ihm im Herzen, in der Furcht ihn zu verlieren, jedesmal ein Lebewohl sagte“

Durch angstliche Erwartung und bittere Enttauschungen war das Gluck ihrer ersten Ehejahre getrubt worden. Spater litt sie unter der standigen Angst, ihren Sohn zu verlieren. Ein solches Leben aber muBte Gesundheit und Nerven untergraben. So war bald nach der Geburt des Sohnes ihre Hysterie eine offenkundige Tatsache. Der Hysterische leidet unter der Vorstellung, daB er im Mittelpunkt ungewohnlicher Ereignisse und Schicksale stehe, sieht sein Leiden als etwas Besonderes an und lebt so in bestandiger Spannung. Diese Symptome aber waren bei der Zarin besonders deutlich.

Dadurch aber, daB die Zarin so viele Leute von sich entfernte, fuhlte sie um sich und in sich eine groBe Leere. Das verschlimmerte ihren krankhaften Zustand immer mehr. Ihre Seele konnte in diesem abgeschlossenen Leben keine Befriedigung empfinden. So ergab sie sich immer mehr der Religion. Von Kindheit an war sie fromm gewesen. Nach und nach gab sie sich dem Mystizismus hin.

Ganz besonders nahm die Zarin zu der Religion Zuflucht in ihrer Sorge um ihren Sohn. Die Wissenschaft konnte nur die Schmerzen des Kindes erleichtern, aber nicht aus dem Herzen der Mutter die Furcht reiBen, daB dieser Sohn jede Minute vom Tode bedroht war. Sie wandte sich deshalb an Gott. Im Gebet suchte sie das, was die Wissenschaft ihr nicht geben konnte. Ihr uberspannter Glaube, ihr gebieterisches Temperament, ihre Mutterliebe, ihre Kaisertraume, alles das trieb sie dazu, mit Gott um die Heilung ihres Sohnes zu ringen. Ihr aufrichtiger Glaube, ihr grubelnder Geist aber fuhrten sie zu der Uberzeugung: „Ich bin der gottlichen Barmherzigkeit nicht wurdig. Gott will mir seinen Segen nicht geben und meinen Sohn heilen.“

Nun suchte sie einen Menschen, der durch seine Gebete diese Heilung von Gott erhalten konnte. Dieser Gedanke nahm sie ganz gefangen. Wie konnte sie ihn verwirklichen? Am Hofe, der ihren starken Glauben nicht teilte, war ein solcher Mann nicht zu finden. Nur das Volk, das in dem Glauben an Christus lebte, war fahig, ihn ihr zu geben. Und diesen Mann fand sie in der Person eines sibirischen Wanderpredigers, in Grigori Rasputin. Sie war davon uberzeugt, daB Rasputin der Vermittler zwischen ihr und Gott war, weil ihre Gebete keinen Erfolg hatten. Sie sah in Rasputin einen Heiligen.

Aber Rasputin hatte in den Augen der Zarin noch eine besondere Bedeutung. Ihre religiosen Gedanken hatten sich zu einem Glauben verschmolzen: dem Glauben an den gottlichen Ursprung der Macht des Zaren. Die gesetzgebenden Institutionen bestanden fur sie nicht, fur sie war die Macht des Zaren autokratisch. Wo konnte sie die Bestatigung dieses Glaubens finden? Die staatlichen Gesetze widersprachen ihr. Weil aber das passive Volk, diese ungeheure Menge, der Leitung des Landes fremd gegenuberstand und diese Leitung als eine Last empfand und nicht als ein Mittel „sein Recht“ zu erlangen, deshalb sah die Kaiserin eine Bestatigung ihres Glaubens in dem Volk, hauptsachlich in der Bauernschaft. Fur sie war Rasputin der Ausdruck des Volksgedankens, und ebenso war er es fur den Zaren. Je mehr sich die Herrschsucht der Zarin durch ihre Hysterie steigerte, umso mehr beherrschte sie auch hierin den Zaren.

Die Zarin und ihre Kommunikation

Alles, was Zarin Alexandra schrieb, selbst wenn sie ganz entschieden und kategorisch einen Standpunkt vertrat, war in liebevolle, zartliche Worte gekleidet. In ihren langen Briefen waren bestimmte feste Grundsatze eingebettet:

- Nicky sollte seine Autoritat viel starker zur Geltung bringen und sich gegen schlechte Ratgeber wappnen;
- um ihn - und sie - herum gab es „immer Lugner, Feinde“, und diese Lugner und Feinde muBten erkannt werden, Nicky sollte sich vor ihnen huten;
- die sich einmischenden Verwandten und eine Gruppe, die Alexandra als Elisabeths „uble Moskauer Clique“ bezeichnete, muBten gemieden werden;
- und GroBfurst Nikolaj - „Nikolascha“ - war nicht loyal genug und als militarischer Oberbefehlshaber ungeeignet.

Zarin Alexandra bemuhte sich, standig uber das Kriegsgeschehen auf dem Laufenden zu bleiben, uber die Ereignisse in den Ministerien und im ganzen Land, aber ihre Informationsquellen waren stark eingeschrankt. Sie las Zeitungen und die Briefe ihres Mannes, aber sie sprach nur mit einem kleinen Kreis, vor allem mit ihrer Freundin Anna Wyrubowa und mit Angehorigen des Haushalts. Das meiste von dem, was Zarin Alexandra horte oder ihr von anderen berichtet wurde, war parteiisch, voreingenommen und entweder von Lobhudelei oder Kritik verfalscht. Und nichts davon anderte ihre Meinung oder schwachte ihr strenges Urteil ab.

Statt auf Informationen verlieB sie sich auf ihre Instinkte, sie neigte zu religiosem Mystizismus, weshalb sie Rasputin uneingeschrankt glaubte. Auf die zahlreichen gegen Rasputin erhobenen Anschuldigungen hatte die Zarin nur eine Antwort: Heilige werden immer verleumdet. Mehr noch, wer es wagte, den Staretz zu kritisieren, fiel unweigerlich bei ihr in Ungnade. Alexandra entzweite sich sogar mit ihrer altesten Schwester Elisabeth, die die Zarin uberzeugen wollte, Rasputin wegzuschicken.

Ihre standigen, Tag fur Tag vorgetragenen Berichte, die ihre Vorbehalte gegen den einen oder anderen Minister untermauern sollen, fuhrte nach einiger Zeit dazu, daB der Zar diese ersetzt, weil er meint, damit auch innerhalb der Regierung - und fur sich personlich - ein fur allemal Ruhe zu schaffen. Doch kaum hat er eine Entscheidung getroffen, arbeitet die Zarin schon an der nachsten Intrige.

Da der Zar letztlich ausschlieBlich seiner Frau vertraute, nahm er zwangslaufig auch deren Informationen zur Kenntnis. Er mochte ihre Ratschlage verwerfen, ihrer emotionellen Sicht mit Skepsis bis Nachsicht begegnen, doch ihre Angaben vollig in Zweifel ziehen konnte er nicht, denn das hieBe, ihr nicht zu trauen. So zeigten manche von Alexandras standigen, bis zur Entscheidung sich wiederholenden EinfluBnahmen fruher oder spater ihre Wirkung.

Durch ihre vehemente Verteidigung Rasputins gegen jede Kritik, egal von wem sie kommt, aus Sorge - wie sie meinte - „Heiligen Mann und Ratgeber Gottes“ und „Retter des Thronfolgers“ zu verlieren, hatte sie sich nicht nur Angehorige der Regierung, sondern nahezu alle Familienmitglieder zu Feinden gemacht. Sie umgab sich schlieBlich nur mehr mit ihren Freundin Lili Dehn und vor allem Anna Wyrubowa. Letztere weilte taglich an ihrer Seite und agierte als Vermittlerin der Botschaften von und an Rasputin. Wenn die Zarin ihn treffen wollte, begegnete sie ihm, um Geruchten angesichts der Abwesenheit des Zaren auszuweichen, in Wyrubowas Haus.

Alexandra war sich ihrer Isolation bewuBt. Zu Beginn des Jahres 1916 schrieb sie in ihr Notizbuch: „Ich habe mehr Feinde denn je.“ Doch sie zweifelte nicht an der Richtigkeit ihres Weges und ging ihn unbeirrt weiter, um - wie sie meinte - ihrem Sohn die Krone unversehrt zu erhalten.

Aus der Sicht des Historikers

Prof. Jena:

„Die Kritiker des Kaisers argwohnten immer, dafi er sich willig den Befehlen einer rufilandfeindlichen und arroganten Deutschen untergeordnet hatte. Dieses Urteil ist ungerecht. Nikolaus und Alix liebten einander aufrichtig und mit grofiem Vertrauen. Fur den Kaiser war Alix die einzige Personlichkeit, der er ruckhaltlos vertraute. Alix wollte ihrerseits eine eigenstandige offentliche Rolle spielen. Sie besafi jedoch nicht jenen bei Nikolaus so tief verwurzelten Glauben an die Kraft von Autokratie und Orthodoxie. Sie wufite nichts von Rufiland und mifitraute den Russen. Das machte sie in ihrem Benehmen steif, holzern und unnahbar. Sie wurde bei Hof verachtet undgehafit, obgleich man ihr offiziell schmeichelte.

Alix beging einen entscheidenden Fehler, wenn sie sich ganz ungeniert in Personalentscheidungen des Zaren einmischte. Als Nikolaus im Jahr 1900 erkrankte, empfing die Zarin die Minister zur Berichterstattung und sonderte die dem Zaren vorzulegenden Informationen aus. Nikolaus empfand diese Aktivitaten nicht als Zumutung. Sie lebten beide bescheiden, und der Kaiser ordnete sich der Tatsache, dafi Alix den Mittelpunkt ihres Familienglucks bildete, widerspruchslos unter. Er war sogar gegenuber ihren religiosen Eskapaden tolerant. Alix war sehr fromm - seit ihrer Kindheit. Der Ubergang zur orthodoxen Religion war ihr schwergefallen, und sie verstand weder Rufiland noch das innere Wesen der Orthodoxie. Aber sie liebte den Ritus. [...] Umherziehende Pilger, zwielichtige Bettelmonche und falsche Propheten fanden ihr Ohr.“ (S. 479).

„Mit Rasputin und Anna Wyrubowa bildete“ die Zarin „ ein mystizistisches Triumvirat, das das Reich in den Abgrund trieb. Es gab fortan (1915/16) keine einzige Frage, die Alexandra, bevor sie sich mit ihrem Mann schriftlich besprach, nicht zuvor mit Rasputin beraten und entschieden hatte. [.] Das Dreigestirn regierte [.] stets im Namen des Kaisers. Skandalose Personalentscheidungen [.] erregten das russische Volk und wurden dem Kaiser angelastet. Langsam wuchs die Uberzeugung, nicht nur der Krieg sei absurd, sondern auch der Zar sei ein Fluch, der schwer auf Rufiland liege. [...] Nikolaus war seiner Frau offenbar in jeder Beziehung horig und duldete keinerlei Eingriffe in seine autokratischen Lebensweisheiten “ (S. 495).

Der Tod Rasputins blieb „nicht ohne Folgen, vor allem fur die Zarin selbst. Sie hatten seit mehr als 8 Jahren ihr ganzes Leben so intensiv mit den ,Ratschlagen‘ Grigoris verbunden, waren hinsichtlich der Gesundheit Alexejs von Rasputin vollkommen abhangig, so dafi dessen Ende sie aus den Gleisen warf “ (S. 496).

Aus kirchlich orthodoxer Sicht

Aus der „Orthodoxen Enzyklopadie":

„Die Prinzessin war sehr fromm und wagte es nicht, dem Luthertum die Treue zu brechen. Da half ihr aber das Beispiel ihrer Schwester, Grofifurstin Jelisaweta Feodorowna, die sich nach acht Jahren Ehe der Orthodoxie angeschlossen hatte. Auf ihre Bitte hin blieb Protopresbyter Ioann Janyschew ein halbes Jahr am Hessener Hof, wo er Prinzessin Alix jeden Tag unterrichtete und mit ihr Gesprache fuhrte. Spater wurde er zu ihrem Beichtvater. [...] Die Zarin bemuhte sich, ihrem Gatten dem Zaren eine "wirkliche Helferin in allen Hinsichten" zu werden. Vater Georgi Schtschawelski, Protopresbyter vom Militar- und Marineklerus, schrieb, dafi die Herrscherin "im Gesicht ihres Mannes den heiligen Gesalbten Gottes" sah. "Nachdem sie russische Zarin wurde, schaffte sie es, Rufiland mehr als ihr erstes Vaterland zu lieben". [...] Die gekronte Familie machte sich zum Vorbild der einigen, wahrhaft christlichen Familie. [...] Die Herrscherin, die sich sehr um die Erziehung undAusbildung ihrer Kinder kummerte, vermittelte ihnen unter anderem ihre Religiositat sowie auch ihre Kultur der Korrespondenz und Tagebuchfuhrung.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Zarin auf einer Ikone

„ Wie ihre Zeitgenossen bezeugten, war die Herrscherin zutiefst religios. Die Kirche war fur sie der Haupttrost, insbesondere als die Krankheit des Thronfolgers sich verschlimmerte. Hoffraulein Sophie Buxhoeveden merkte an, dafi Alexandra ,an die Heilung durch das Gebet‘ glaubte. Dies verband sie mit ihrer Herkunft (uber das Haus Hessen) von Elisabeth von Thuringen (1207-1231), die in Marburg, Eisenach und Wartburg Spitaler in den Namen des Hl. Georgs und der Hl. Anna errichtet und dort Leprose geheilt hatte. Die Zarin liefi in den Hofkirchen die klosterliche gottesdienstliche Ordnung einfuhren und nahm an allen Gottesdiensten in den Hofkirchen teil, und zwar stehend. Das Palastzimmer von Alexandra war ,eine Kombination des Schlafzimmers einer Zarin mit der Zelle einer Nonne. Die riesige Wand am Bett war voll mit Ikonen und Kruzifixen‘. Unter den Ikonen stand ein Analogion, mit altem Goldstoff bedeckt. Im Juli 1903 nahmen Nikolaus II. und Alexandra an der Feier der Heiligsprechung des hl. Monches Seraphim von Sarow und der Erhebung seiner Gebeine teil. Aus Mitteln der Zarenfamilie wurde fur die Reliquien ein Heiligenschrein mit Baldachin erbaut. Ein Jahr zuvor hatte die Zarin der Sarow-Einsiedelei eine Ollampe und kirchliche Gewander zugeschickt, mit der Bitte, taglich einen Bittgottesdienst um ihr Wohl in der Kapelle zu halten, die uber dem Grab des hl. Seraphim errichtet war. Sie war sicher, dafi Rufiland dank den Gebeten des Heiligen einen Thronfolger bekommen wurde.

Dank der Fursorge der Zarenfamilie wurden mehrere orthodoxe Gotteshauser errichtet.

- In Darmstadt, im Vaterland von Alexandra Feodorowna, wurde ein Gotteshaus zu Ehren der Hl. Maria Magdalena (zum Andenken von Maria Alexandrowna, der ersten russischen Zarin aus dem Hause Hessen) erbaut.
- Am 4. Oktober 1896 wurde in Hamburg, in Anwesenheit von Nikolaj II., Alexandra Feodorowna, GroBfurstin Jelisaweta Feodorowna und dem GroBherzog von Hessen zum Andenken der Kronung des russischen Kaiserpaares das Gotteshaus zu Ehren Aller Heiligen angelegt.
- Von ihren eigenen Mitteln lieB die Familie im Alexandrowski Park von Zarskoje Selo das Feodorowski-Stadtchen mit dem Hofdom zu Ehren der Feodorowskaja-Ikone der Gottesmutter bauen (nach dem Planen der Architekten S. Kritschinski und W. Pokrowski). Im Dom, der am 20.August 1912 geweiht wurde, war ein Gebetszimmer mit einem Analogion und einem Sessel fur die Herrscherin errichtet. Die Domkrypta zu Ehren des Hl. Seraphim von Sarow erwies sich als wahrer Schatz alter Ikonenmalerei und Kirchengerate; u.a. befand sich dort das Evangelium des Zaren Feodor Ioannowitsch.
- Unter der Obhut der Zarin arbeiteten auch Ausschusse zur Errichtung von Gotteshausern zum Andenken der Seemanner, die im Russisch-Japanischen Krieg 1904-1905 gefallen waren, sowie auch des Domes zu Ehren der Heiligen Dreifaltigkeit in Petersburg.

Eine der ersten Initiativen der fur ihre Wohlfahrtstatigkeit beruhmten Zarin war ihre Protektion der kaiserlichen patriotischen Frauengesellschaft laut Edikt von Zar Nikolaus II. vom 26. Februar 1896. Die auBerordentlich arbeitsame Zarin, die viel Zeit mit Naharbeiten zubrachte, organisierte Wohlfahrtsjahrmarkte und Basare, auf denen selbstgemachte Souvenirs verkauft wurden. Unter ihrer Obhut funktionierten viele Wohlfahrtseinrichtungen:

- das „Haus der Arbeitsliebe“ mit Lehrwerkstatten fur Schneiden und Nahen und einem Kinderinternat;
- die „Gesellschaft fur Arbeitshilfe fur die Intelligent;
- das „Haus der Arbeitsliebe fur ausgebildete Frauen“;
- das „St.-Olga-Heim fur Arbeitsliebe“ fur Kinder von Patienten der St.-Maria- Magdalena-Klinik;
- das Kuratorium der „Kaiserlichen Gesellschaft fur Menschenliebe“, das Spenden fur die handwerkliche Ausbildung armer Kinder sammelte;
- die „Bienenhaus-Gesellschaft fur Arbeitshilfe“;
- die „Zarskoje-Selo-Gesellschaft“ fur Naharbeiten und die Volkskunstschule fur die Handwerker-Unterrichtung;
- das All-Russische „Kuratorium zum Schutz von Mutterschaft und Fruher Kindheit“;
- die Bruderschaft zu Ehren der Himmlischen Konigin in Moskau (dort existierte ein Heim fur 120 geistig und korperlich behinderte Kinder mit einer Schule, Werkstatten und einer Handwerksabteilung);
- das Krippenheim des 2. provisorischen Kuratoriums zum Schutz von Mutterschaft und Fruher Kindheit;
- das Zarin-Alexandra-Feodorowna-Heim in Harbin;
- die Krippe der Peterhofer Wohlfahrtsgesellschaft;
- der 4. Petrograder AusschuB des All-Russischen „Kuratoriums zum Schutz von Mutterschaft und Fruher Kindheit“ mit einem Asyl fur Mutter und einem Krippenheim;
- die Tagesmutter-Schule in Zarskoje Selo, die aus privaten Mitteln der Zarin errichtet wurde;
- die Gemeinde der Caritas-Schwestern der russischen Rot-Kreuz-Gesellschaft und das Haus der Herrscherin und Zarin zur Betreuung korperlich behinderter Soldaten in Zarskoje Selo;
- die Kreuzerhohungs-Gemeinde der Caritas-Schwestern der russischen Rot-Kreuz- Gesellschaft;
- der 1. Petrograder FrauenausschuB der russischen Rot-Kreuz-Gesellschaft;
- die Michael-Gesellschaft zur arztlichen Hilfe fur bedurftige Soldaten-Frauen, - Witwen, -Kinder und -Waisen zum Andenken von General M. D. Skobelew (dort existierte eine Ambulanz, eine stationare Abteilung und ein Heim fur weibliche Soldatenwaisen);
- die All-Russische St.-Alexander-Newski-Bruderschaft der Nuchternheit (mit einer Schule, einem Kindergarten, einem Sommerhausdorf, einem Buchverlag und Volksgesangschoren).

Zur Zeit des Russisch-Japanischen Krieges bereitete Alexandra Feodorowna personlich die Spitalzuge und Medikamentenlager zur Verschickung an die Front vor. Auch in der Zeit des Ersten Weltkrieges war die Zarin sehr aktiv. Am Anfang des Krieges absolvierte sie mit ihren altesten Tochtern Olga und Tatiana Kurse zur Pflege von Verwundeten bei Zarskoje Selo. In den Jahren 1914 und 1915 war der kaiserliche Lazarettzug in Moskau, Luga, Pleskau, Grodno, Dwinsk (heute Daugaupils), Vilno (Vilnius), Kowno, Landwarowo, Svencionys, Tula, Orel, Kursk, Kharkow, Woronesch, Tambow, Rjasan, Witebsk, Twer, Lichoslawl, Rschew, Welikije Luki, Orscha und Mahiljou im Einsatz, wo die Zarin und ihre Kinder verwundete Krieger verpflegten. Fur die mobilen Lager und Feldlager der Zarin wurden mehrere Sonderzuge errichtet. Bei jedem Lager gab es eine Feldkirche und einen Priester. Um den verwundeten Soldaten und ihren Familien materielle Unterstutzung zu leisten, wurden der Oberste Rat zur Betreuung der Familien der in den Krieg Einberufenen sowie auch der Familien von verwundeten und gefallenen Soldaten und die All-Russische Gesellschaft der Heilstatten zum Andenken des Krieges der Jahre 1914-1915 gegrundet. Unter der Obhut der Zarin befanden sich folgende Lazarette: das J.A.Naryschkina-Haus der Menschenliebe; das orthopadische Institut zu Petrograd; die Michael-Gesellschaft zum Andenken M.D.Skobelews und andere. Im Winterpalast arbeitete von 1914 bis 1917 der Ausschufi des Lagers der Zarin.“

„In den letzten Jahren ihres Zarentums, insbesondere in der Zeit des Ersten Weltkrieges, wurde Alexandra Feodorowna zum Gegenstand einer gnadenlosen und haltlosen Verleumdungskampagne, die von den Revolutionaren und ihren Komplizen sowohl in Rufiland als auch in Deutschland gefuhrt wurde. Es wurden zahlreiche Geruchte uber angeblichen Ehebruch und ihr angebliches Verhaltnis zu Rasputin und uber ihren Verrat Rufilands zugunsten Deutschland verbreitet. Diese Lugen, die als Mittel zum Sturz des Zarenhauses und zur Verwirrung des russischen Volkes aufgeblasen wurden, waren eine Zeitlang nicht nur in der Boulevardpresse, sondern auch in wissenschaftlichen Publikationen weit verbreitet. Obwohl der Herrscher uber die Reinheit des Privatlebens der Zarin wufite, befahl er personlich, eine Geheimermittlung anlafilich der ,verleumderischen Geruchte uber den Verkehr der Zarin mit Deutschen und sogar uber ihren Verrat an Rufiland‘ einzuleiten. Obwohl die Zarin vor dem Krieg tatsachlich die Verbesserung der Beziehungen zu Deutschland unterstutzte, wurde festgestellt, dafi die Geruchte, sie habe einen Separatfrieden angestrebt bzw. den Deutschen die russischen Kriegsplane ubergeben, vom deutschen Generalstab erfunden und verbreitet wurden. Nach der Abdankung des Herrschers bemuhte sich der Sonderausschufi fur Ermittlung bei der provisorischen Regierung, die Schuld von Nikolaus II. und Alexandra Feodorowna an wenigstens einem Verbrechen festzustellen, kam aber zu dem Schlufi, dafi beide ,rein wie Kristall‘ gewesen seien“

Uber ihre Gefangenschaft und Martyrium:

„In der Gefangenschaft lehrte Alexandra Feodorowna ihre Kinder das Gesetz Gottes und Fremdsprachen. Sie beschaftigte sich mit Naharbeit, Malerei und Lekture von Erbauungsliteratur. Das gemeinsame Beten vereinte die Familie, deren Leben durch Glauben, Hoffnung und Geduld gepragt war. Umfangen von Feinden, wendeten sich die Eingekerkerten der Erbauungsliteratur zu; sie verstarkten sich durch die Vorbilder des Heilandes und der Heiligen Martyrer und bereiteten sich auf das Martyrium vor. In Gefangenschaft schenkte die Zarin ihren Kindern die Bucher:

- "Das Leben und die Wunder des Heiligen Gerechten Symeon von Werkhnjaja Tura",
- "Die Vita unseres ehrwurdigen Vaters Seraphim von Sarow ",
- "Der Trost im Tode derer, die unseren Herzen nah sind",
- "Uber das Erdulden von Kummer und die Lehre der Heiligen Vater, zusammengestellt vom Bischof Ignatius Brjantschaninow ",
- "Die Wohltaten der Gottesmutter an die Menschheit durch ihre heiligen Ikonen".

[...]

Ende der Leseprobe aus 575 Seiten

Details

Titel
Der Romanow-Code. Band 1
Untertitel
Der Untergang des Hauses Romanow
Autor
Jahr
2018
Seiten
575
Katalognummer
V419356
ISBN (eBook)
9783668719927
ISBN (Buch)
9783668719934
Dateigröße
16067 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Romanow, Monarchie, Rußland, Kaiser, Krönung, Erster Weltkrieg, Armee, Abdankung, Revolution, Februarrevolution, Oktoberevolution, Lenin, Trotzki, Swerdlow, Fürst Lwow, Schulgin, Stolypin, Kerenski, Brussilow, Bürgerkrieg, Tscheka, Ochrana, Witte, Attentat, Reformen, Leibeigenschaft, Transsibirische Eisenbahn, Tschechoslowakische Legion, Duma, Bolschewiki, Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Narodniki, Kadetten, Nationalisten, Panslawismus, Deutsches Reich, Oberste Heeresleitung, Semstwo, Ludendorff, Graf Brockdorff-Rantzau, Zar Nikolaus II., Zarin Alexandra, Olga, Tatjana, Maria, Anastasia, Zarskoje Selo, Tobolsk, Jekaterinburg, Ermordung, Jurowski, Jelzin, DNA, DNS, Skelett, Schädel, Blutsonntag, St. Petersburg, Petrograd, Hof, Pogrome, Antisemitismus, Juden
Arbeit zitieren
Dr. Ralf G. Jahn (Autor), 2018, Der Romanow-Code. Band 1, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419356

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