Ein Waise mit drei Vätern. Elternrollen in Gottfried von Straßburgs "Tristan"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung.

2.Kurze Zusammenfassung des Tristanromans hinsichtlich elterlicher Beziehungen

3. Riwalin und Blanscheflur
3.1 Zusammenfassung der EHernvorgeschichte
3.3. Riwalin und Tristan - Geneaiogie
3.4 Parallelen der Liebesbe/iehungen von Riwalin & BlanscheHur und Tristan & Isolde

4 Rual li Foitenant und Floraete
4.1 Die Adoptiveltern als Chance und Hindernis
4.2 Identitatsentwicklung im Ziehelternhaus
4.3 Rual li Foitenant - Verlust der Vaterrolle

5.Konig Marke.
5.1 Stellenwert Markes in seiner Erziehungsfunktion
5.2 Absolute Vaterlosigkeit

Fazit

Literaturverzeichnis

Eiddesstattliche Erklarung

1. Einleitung

Der Tristan wurde vermutlich zwischen 1205 und 1210 von Gottfried von StraBburg unvollendet niedergeschrieben, der sich an einer fragmentarisch uberlieferten Vorlage von Thomas d’Angleterre richtete, die schatzungsweise 35 bis 40 Jahre zuvor entstand.1 Dieses Hintergrundwissen und die zeitliche Einordnung ermoglicht die Auseinandersetzung mit verschiedenen traditionellen Begriffen aus der Sekundarliteratur, sodass Gottfrieds Intentionen diskutiert werden konnen. Daruber hinaus nahert man sich durch den Umgang mit Traditionsbegriffen dem Verstandnis mittelalterlicher Rezipienten des Tristanromans an.

Diese Arbeit beschaftigt sich mit der Frage, wie die Figurenkonstellation in Gottfrieds Tristan hinsichtlich verschiedener Elternrollen zu verstehen ist und inwiefern man diese verstehen kann. Zunachst werden mittels einer Zusammenfassung der Anfange des Tristanromans die fur diese Arbeit wichtigsten Figuren vorgestellt. Diese Inhaltsangabe dient auBerdem dazu, den Stoff wieder in Erinnerung zu bringen. Auf eine komplettierte Zusammenfassung wird an dieser Stelle verzichtet und das Studium des Tristanstoffs von Gottfried von StraBburg vorausgesetzt. AnschlieBend werden die vorgestellten Figuren bezuglich ihrer Beziehung zu Tristan betrachtet. Um die Relevanz dieser Figuren und ihrer elterlichen Rollen fur die restliche Handlung herauszustellen, werden ausgewahlte Textstellen besonders analysiert.

2. Kurze Zusammenfassung des Tristanromans hinsichtlich elterlicher Beziehungen

Wie viele mittelhochdeutsche Autoren beginnt auch Gottfried von StraBburg seinen Roman mit einem Prolog, in dem er zu Beginn diejenigen Menschen schatzt, denen die Fahigkeit der Unterscheidung von Gut und Bose zugetan ist. Er vertraut den Roman jenen Menschen an, die die Liebe aufrichtig mit all ihrem Leid selbst zu schatzen wissen und erklart, dass wahre Liebe ohne Leid als solche nicht existieren konne. Aufgrund des zunehmenden Leids beim Umgang mit mehr und mehr Liebesgeschichten, entfache und starke sich die Liebe eines Sehnsuchtigen zunehmend. Diesen Menschen widmet Gottfried seinen Roman und berichtet anschlieBend, er habe sich nach langer Recherche an einer Vorlage von Thomas von Bretagne orientiert.

AnschlieBend folgt die Elterngeschichte Tristans, welche sich von Vers 245 bis Vers 1790 erstreckt. Dieses Kapitel, in dem Riwalin und Blanscheflur aufeinandertreffen und es zur Zeugung ihres Sohns Tristan kommt, wird an anderer Stelle genauer aufgefuhrt und analysiert. Gottfried macht in den folgenden Versen deutlich, dass es dem verbliebenen Kind mit Rual li Foitenant und Floraete, also dem Freund und Marschall Riwalins mit seiner Frau „nach ungnaden“ so gut erging, „als des, der vurbaz komen sol (Tristan, V. 1821f.).“ Dass es sich nicht um ihr eigenes Kind handelt, bleibt der Offentlichkeit zunachst zum Schutz dessen vor Konig Morgan verschwiegen. Dass die Zieheltern des adligen Kindes diesem trotz fehlender Genealogie wurdig scheinen, bringt Gottfried durch ehrenhafte Adjektive zum Ausdruck. So bezeichnet er beispielsweise Floraete als „die guote, die staete, diu reine (Tristan, V. 1905f.)“ und geht noch weiter, indem er sie als eine Frau „diu wibes ere ein spiegelglas und rehter guete ein gimme was (Tristan, V. 1907f.)“ bezeichnet. Nachdem eine Geburt vorgetauscht wurde und bei der Taufe nach einem Namen fur das Kind gefragt wird, entscheiden sich die vermeintlichen Eltern angesichts seiner traurigen Vorgeschichte fur den Namen Tristan, welcher vom lateinischen Adjektiv „triste“ fur nhd. traurig herzuleiten ist. Fortan mangelt es Tristan an nichts und seine Eltern, wie Gottfried sie mittlerweile bezeichnet, machen sich daran, ihrem Sohn und Herren musische, intellektuelle und ritterliche Fahigkeiten anzueignen und zu ermoglichen und schicken ihn der Sprachlehre wegen mit einem Lehrer - Kurvenal - an einen fremden Hof. So wird Tristan in den folgenden Versen als ein Wunderkind figuriert. Gottfried weist trotz des widerfahrenen Glucks daraufhin, dass Tristan „leider arbeitsaelic was (Tristan, V. 2130).“ Es dauert nicht lange, bis einige Kaufleute auf einem Markt im Hafen seiner Heimat Tristans Fahigkeiten entdecken und sich durch ihn „grozen vrumen und ere (Tristan, V. 2302)“ erhoffen. So kommt es zu einer Entfuhrung wahrend eines Schachspiels, bei dem Tristan und auch Kurvenal nicht bemerken, dass das Schiff, auf dem sie sich befinden, bereits abgelegt hat. Nachdem ein Sturm aufkommt und das Schiff unsteuerbar auf das offene Meer treibt, geloben die Kaufleute Tristan auszusetzen sobald der Sturm voruber sei, um Gottes Gnade zu erhalten. An die Kuste Cornwalls getrieben, beschlieBt Tristan unter Tranen, fortzugehen, ehe er die Nacht im Wald verbringen muss und trifft nach einiger Zeit auf eine Gruppe Jager des Markehofs, bei denen er sich mittels seiner Jagdkunst aus Parmenien eindrucksvoll erweist und Anschluss findet. SchlieBlich gelangt er mit diesen an den Hof Konig Markes, der sich von Tristans Fahigkeiten angetan, des Kindes annimmt und sich nicht nur als guter Freund, sondern auch im Laufe der Zeit als guter Vaterersatz erweist.

3. Riwalin und Blanscheflur

Da die Vorgeschichte um Tristans genealogische Eltern einen groBen separierten Teil des Tristanromans von Gottfried ausmacht, wird sie in dieser Arbeit gesondert komprimiert. Dies ermoglicht im Anschluss die Analyse besonders wichtiger Textstellen, die fur die weitere Handlung bezuglich des Protagonisten - also Tristan - eine besondere Rolle einnehmen. Fortlaufend wird nicht zuletzt anhand dieser Textpassagen herausgestellt, welche Gemeinsamkeiten Tristan uber die Genealogie hinaus mit seinen biologischen Eltern teilt. Gottfried macht Parallelen der Liebesbeziehungen von Riwalin und Blanscheflur und Tristan und Isolde deutlich, so ist ihm „die Begegnung mit der Minne, [...] von Vater und Mutter her als erbevogetin (Tristan, V. 11765) bestimmt [...].“2 Mogliche Intentionen Gottfrieds werden diesbezuglich diskutiert.

3.1 Zusammenfassung der Elternvorgeschichte

Riwalin Kalenengres, ein adliger und ehrenhafter Ritter aus Parmenien, steht wegen des Erhalts zusatzlichen Landes in der Schuld Morgans. Jugendliche Triebe und Kampfeslust veranlassen ihn zu einem Krieg gegen diesen, der solange fortdauert, bis „ein jar vride (Tristan, V. 398) “ vereinbart wird. In dieser Zeit des Waffenstillstandes reist Riwalin an den Hof des ehrenhaften und ruhmreichen Konig Markes von Cornwall, von dem er sich erhofft, „tugendhaft (Tristan, V.457)“ zu werden und „niuwan ritterschaft (Tristan, V. 458)“ zu erlangen. Sein Land gibt er in die Obhut seines Marshalls Rual li Foitenant und wird am Hofe Markes mit Freude empfangen und aufgenommen.

Marke lasst ein jahrliches Fest anberaumen, welches durch die Naturphanomene des Mais in eine „wunneclichiu (Tristan, V.566)“ Kulisse gehullt wird und von „diu ritterschaft zehant von dem kunicriche z’englant (Tristan, V. 529f.)“ samt ihrer „sueze vrouwine schar (Tristan, V. 534)“ heimgesucht wird. Uber mehrere Verse erstreckt sich das prachtvolle Naturgeschehen rund um das Maifest und das Wohlergehen seiner Besucher. Nun erfahrt man erstmals von Markes Schwester Blanscheflur, „ein maget, daz da noch anderswa schoener wip nie wart gesehen (Tristan, V. 534f). “ Wahrend eines ritterlichen Kampfes ereignet es sich, dass Blanscheflur sich uber Riwalins Schonheit und Fahigkeiten hinaus in ihn verliebt, dies aber sittlich gemeinhalt. In einem Gesprach, das sich nun zufallig zwischen beiden ereignet, klagt Blanscheflur uber einen ihr nahestehenden Freund, der durch Riwalin wahrend des Kampfes Schaden genommen habe. Riwalin bemerkt vorerst nicht, dass jene uber ihr Herz spricht, welches „von sinen schulden ungemach truoc (Tristan, V. 769). “ „An einem vriunde min, dem besten den ich ie gewan, da habet ir mich beswaeret an (Tristan, V. 754- 756).“ Erst nach langem Grubeln und Zerrissenheit deutet Riwalin Blanscheflurs Vorwurf als Minnegestandnis, sodass auch zu ihm „diu rehte minne (Tristan, V. 929)“ kam. Unter seinen Sehnsuchtsschmerzen erfahrt Riwalin ein neues und anderes Leben (Tristan, V. 937). Fortan erleiden beide - Riwalin und Blanscheflur - unermessliche Qualen und Sehnsuchte einer Liebe, „die geheimgehalten werden muB, da sie die Standesgrenzen durchbricht und vor der Gesellschaft nicht tragbar ist.“2

Dieser minne konnen sie vorerst nicht nachgehen, da das Land Markes unmittelbar nach dem Fest von einem Konig angegriffen wird. Die Information, dass Riwalin im Kampf „totsiechen (Tristan, V. H42)“ verletzt wurde, verbreitet sich schnell am ganzen Hof. So dauert es nicht lange, bis sich die von Schmerz erfullte Blanscheflur durch die Hilfe ihrer „meisterinne (Tristan, V. 1200)“ zu ihrem im Sterben liegenden Geliebten schleicht, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Als Bettlerin verkleidet gelangt sie unter Vorwanden zu Riwalin und erblickt ihren todkranken Geliebten. Durch „die craftzer minne (Tristan, V. 1315)“ in ihren Kussen gelingt dem geschwachten Riwalin der Liebesakt, bei welchem Blanscheflur das Kind empfangt. Nach Riwalins wunderlichen Genesung, erhalt er schlieBlich die Nachricht, der Feind Konig Morgan habe ein Heer in sein Land Parmenien geschickt. Aus diesem Grund macht sich Riwalin bereit, den Markehof schnellstmoglich zu verlassen, um sein eigenes Land gegen Morgan verteidigen zu konnen. Bei seiner Abreise erzahlt Blanscheflur Riwalin von ihrer Bedrangnis wegen des unehelichen Kindes. Sie wurde Ruhm und Ansehen verlieren und daruber hinaus der gesamte Hof ihres Bruders Konig Marke. Nach langen Uberlegungen, entschlieBen sich beide gemeinsam auf die Reise zuruck nach Parmenien zu machen, um die Umstande vor dem Markehof geheimhalten zu konnen und die Ehre dessen zu wahren. Die heimliche Abreise Blanscheflurs erfolgt unter einem ausgeklugelten Plan.

In Parmenien rat sein Marschall Rual li Foitenant zu einer Heirat, welche im kleinen Kreis noch vor der Schlacht gegen Morgan stattfindet und dem Land verschwiegen bleibt. Unmittelbar darauf macht sich Riwalin zum Kampf gegen Morgan auf, bei dem er schlieBlich stirbt. Aufgrund dessen erleidet Blanscheflur Todesqualen. ,Jr herze was ersteinet, da enwas niht lebenes inne (Tristan, V. 1730f.).“ So stirbt sie bereits noch vor der Geburt ihres Kindes. Nur ihr Korper halt den Qualen bis zur Geburt ihres Sohnes stand, die schlieBlich auch fur Blanscheflurs physischen Tod verantwortlich ist.

3.3. Riwalin und Tristan - Genealogie

Zunachst ist es von Bedeutung, den Genealogiebegriff zu konkretisieren. Heck (2000) stellt diesbezuglich die Problematik des bis heute ausgeweiteten Begriffs heraus. Seit dem 18. Jahrhundert habe sich der Genealogiebegriff nicht mehr von seinem wissenschaftsgeschichtlichen Gebrauch trennen lassen, bis sogar selbst die ursprungliche Verwendung dessen Semantik an Bedeutung verlor. Der ausschlaggebende Aspekt der Verwandtschaft trete zunehmend in den Hintergrund.4 Heck (2000) fasst zusammen: „Genealogisches Denken erklart Bestehendes durch den Verweis auf Vorhergehendes.“5 Damit macht Heck (2000) deutlich, dass es eine genealogische Deutung verschiedener Zusammenhange gibt, die nicht nur biologisch zu begrunden ist. Hermann (2006) fuhrt zentrale Aspekte einer moglichen Determinierung auf:

„Fixierung der Adelsfamilie auf einen Stammsitz, die zunehmende Dominanz der Familie, bedingt durch die vaterliche Lime, die bewubt veranderten Regeln bei der Namensgebung sowie entscheidende Neuerungen in der Erbfolge zugunsten der erstgeborenen Sohne.“6

Trotz ausgiebiger Recherche ist dennoch keine eindeutige Definition des Begriffs der „Genealogie“ selbst zu finden. Im Kontext dieser Arbeit wird der Begriff der Genealogie zunachst auf die genetische Verwandtschaft zuruckgefuhrt. Das daruber hinausgehende Erbe Tristans von seinen biologischen Eltern wird im Anschluss herausgestellt.

Zunachst fuhrt Gottfried die Elternvorgeschichte mit Riwalins positiven Eigenschaften an. Ein junger Herr, reich und wohlhabend wird hinsichtlich seines Besitzes nahezu koniglich figuriert. Gottfried beschreibt ihn als „des Vibes schoene und wunneclich (Tristan, V. 250) “ und geht anschliebend, uber seine prachtige Gestalt hinaus, ausfuhrlich auf Riwalins positive Charakterzuge ein. „Getriuwe, kuene, milte“ und „rich (Tristan, V. 251)“ dienen als Adjektive einer sehr guten Charakterauszeichnung. Daruberhinaus stellt Gottfried Riwalin exemplarisch positiv fur alle „ritterschefte (Tristan, V. 257)“ heraus. „4n ime [Riwalin] brast al der tugende niht, der herre haben sollte (Tristan, V. 260f.). “ Diese Idealisierung gesellschaftlicher Normen macht Riwalins Ehrenhaftigkeit und Tugendhaftigkeit deutlich. Weiterhin fallt auf, dass Gottfried zunachst auf eine Herkunftsbeschreibung und auf die Nennung des Namens verzichtet und somit die Eigenschaften Riwalins unmittelbar an den Anfang und somit in den Vordergrund stellt. Die Rolle Riwalins definiert sich folglich weniger durch seine Adelsabstammung als durch seine Charakterzuge, welche in der fortlaufenden Handlung fur seinen Sohn Tristan von zentraler Bedeutung sein werden.

Ebenso wie Gottfried seine positiven Charakterzuge herausstellt, konstituiert er unmittelbar darauf einen Bruch, indem er Riwalin mit einem einzigen Problem bestuckt und somit all seine Fahigkeiten relativiert: „wan daz er ze verre wollte in sines herzen lufte sweben und niwan nach sinem widen leben (Tristan, V. 262-264). “ Dieser „ubermuote (Tristan, V. 299) “ und damit einzige Laster Riwalins bedingt sein Scheitern. Gottfried fuhrt diesen Gedanken soweit, dass er bereits mittels der Metapher der Barenfalle (Tristan, V. 284-286) vorwegnimmt, dass Riwalin durch diesen schlechten Wesenszug zu einem fruhen Tod verdammt ist. Schausten (1999) weist darauf hin, dass Gottfried sich mit diesem Bruch nicht mehr an seiner Thomas-Vorlage orientiert. Gezielt weitet er den Makel Riwalins mit all seinen Folgen aus. Dass der Begriff des „ubermuotes“ eine fur die Figur Riwalin uberaus wichtige Rolle einnimmt, wird durch dessen Seltenheit offensichtlich. So tritt der „ubermuote“ in nur drei Fallen immer im Kontext mit einer Charakterbeschreibung Riwalins auf.3 Deutlich wird in diesem Zusammenhang auch der Bezug zum Prolog, in dem Gottfried hinsichtlich der Minne klar herausstellt, dass die Menschen vor allem durch das bewusst zugelassene Leid ihr Lebensgluck erfahren konnen (Tristan V. 111-114). Da Riwalin wortwortlich „vur sich niht sorgen war (Tristan, V. 303)“ nimmt und seine Augen vor dem Leid verschliebt, wird er folglich sein Gluck nicht vollends erfahren konnen.4 Die euphorisch beschriebene Schonheit und Vollkommenheit Riwalins und Blanscheflurs spiegelt sich auch in ihrem Sohn wider. So „was er [Tristan] an dem libe, daz jungelinc von wibe nie saleclicher wart geborn (Tristan, V. 2123-2125). “ Im weiteren Verlauf ist zu erkennen, dass Gottfried die genetische Verbundenheit nicht von seiner moderneren Auffassung der Genealogie, wie Hermann (2006) sie nennt, trennt.5 So folgt nach einer Beschreibung des Wunderkindes, die entsprechend ekstatisch wie bei seinen Eltern konzipiert ist, eine negative Wendung zur desperaten Situation des Kindes: „nu was aber diu saelde undersniten mit werndem schaden, als ich ez las, wan er leider arbeitsaelic was (Tristan, V. 2128-2130).“ Der oben genannte Bruch hin zu Riwalins negativen Wesenszug, der fur sein Ungluck verantwortlich ist, wird an dieser Stelle rekonstruiert. So erbt Tristan zwar seine Schonheit und erlangt eine seinem Vater gebuhrende Ausbildung, jedoch ist er durch den Ubermut dessen schlieblich mit ewigem Leid selbst behaftet. Ebenso enthusiastisch beschreibt Gottfried die schone Blanscheflur:

„Blanscheflur, sine swester da: ein magt, daz da noch anderswa schoener wip nie wart gesehen. wir hoeren von ir schoene jehen, sine gesaehe nie kein lebende man mit inneclichen ougen an, ern minnete da nach iemer me wip und tugende baz den e. “ (Tristan, V. 633-640)

Dass das perfekte auberliche Auftreten Tristans, wie es nicht nur zu seiner Jugend beschrieben wird, aus dem Erbe Blanscheflurs und Riwalins hervorgeht, ist folglich nicht zu bezweifeln. Doch auch Blanscheflur, welche sich durch ihren gesellschaftlichen Stand noch mehr von ihrem Geliebten Riwalin abhebt, bleibt nicht vom Ungluck verschont. So wird bereits nach dem ersten Gesprach mit Riwalin deutlich, dass „ir herze [...] von sinen schulden ungemach [truoc] (Tristan, V. 768-769). “ Den Schmerz, den sie durch die Liebe erfahrt und der auch hier wieder der perfekt konstruierten Figur einen Bruch gegenuberstellt, wird in der spateren Handlung ebenso eine zentrale Rolle einnehmen.

Uber genetische Aspekte wie Charakterzuge und korperliche Merkmale hinaus erbt Tristan folglich auch das in der Forschung breit diskutierte Identitatsmerkmal einer unerfullten Liebe.6 Hermann (2006) spricht diesbezuglich auch davon, dass „Gottfried eine andere, sicher modernere Vorstellung von Erbe an das Schema der Genealogie [anknupft].“7 Bereits sein Name, der ihn von seinen Zieheltern auferlegt wird, verbindet Tristan mit dem Schicksal seiner biologischen Eltern. Es wird deutlich, dass das im Angesicht des Todes gezeugte und geborene Kind bereits vor seiner Geburt mit Leid behaftet ist: „Wie si diz kint mit triure enpfie, mit welher triure si’z gewan, so nenne wir in Tristan (Tristan, V. 1996- 1999).“ Zwar erhalt Tristan nicht den Namen seines vaterlichen Geschlechts, was durchaus mit dessen Schutze vor Konig Morgan zusammenhangt, jedoch ist er durch seinen Namen unmittelbar an die Vorgeschichte seiner Eltern gebunden und von ihnen nicht zu trennen.8 Spatestens an dieser Stelle wird nun deutlich, dass die Liebesbeziehung seiner Eltern auf Tristans eigenes weiteres Leben verweist und diese schon in seinem Namen fest verankert ist. Auffallig wird unmittelbar nach der Vorgeschichte seiner Eltern, dass Tristan bereits sehr fruh in das Erwachsenenleben eintritt:

„in den uf bluenden jaren, do al sin wunne sollte enstan, do er mit vrouden sollte gan in sines lebenes begin, do was sin beste leben hin“ (Tristan, V. 2074-2078)

Dagegen wird Riwalin mit „elliu kint, diu selten vorbesihtic sint (Tristan, V. 301f.)“ gleichgesetzt. Hollandt (1966) deutet die sen Kontrast mit der Funktion Riwalins „die gegensatzliche Wesensart Tristans scharf hervortreten zu lassen.“13

Inwiefern Gottfried die genealogische Identitat Tristans auf die Haupthandlung zuruckfuhrt und welche Parallelen sich in den Liebesbeziehungen zwischen Riwalin und Blanscheflur und Tristan und Isolde finden lassen, wird im folgenden Unterkapitel genauer analysiert.

3.4 Parallelen der Liebesbeziehungen von Riwalin & Blanscheflur und Tristan & Isolde

Dass Gottfried die Liebesbeziehung seiner biologischen Eltern als Spiegelbild Tristans eigener Minneerfahrung konstruiert, wurde in der Forschung weitgehend diskutiert. Daher ist es unabdingbar, auch in dieser Arbeit auf diese offensichtliche Intention Gottfrieds einzugehen.

Schausten (1999) erklart, „dab Gottfried [...] die Erzahlung der Vorgeschichte [...] stark erweitert [...][und] inhaltlich verschieden akzentuiert hat“14, sodass zweifelsfrei von der oben genannten Intention Gottfrieds auszugehen ist. An dieser Stelle sei zunachst noch einmal auf den Prolog hingewiesen, in welchem Gottfried die gesamte Haupthandlung der Liebe-Leid- Thematik gegenuberstellt:

„ich will in wol bemaeren von edelen senedaeren, die reiner sene wol taten schin: ein senedaere unde ein senedaerin, ein man ein wip, ein wip ein man,

Tristan Isolt, Isolt, Tristan.“ (Tristan, V. 125-130)

[...]


1 Harsch (1996)

2 Hollandt (1966), S. 16

3 Storp (1994), S. 181

4 Heck (2000), S.l

5 Heck (2000), S. 3

6 Hermann (2006), S. 103f.

7 Hollandt (1966), S. 19

8 Schausten (1999), S. 148

9 Hermann (2006), S. 106

10 Keller [u.a.] (2006), S. 4

11 Hermann (2006), S. 106

12 Hermann (2006), S. 110

13 Hollandt (1966), S.20

14 Schausten (1999), S. 145

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Ein Waise mit drei Vätern. Elternrollen in Gottfried von Straßburgs "Tristan"
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Philosophische Fakultät und Fachbereich Theologie)
Veranstaltung
Hauptseminar Med2: "Alle Lust will Ewigkeit" - Gottfried von Straßburgs "Tristan"
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V419358
ISBN (eBook)
9783668679429
ISBN (Buch)
9783668679436
Dateigröße
591 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tristan, Mittelalter, Mediävistik, Höfischer Roman, Minneroman, Vater, Gottfried von Straßburg, Literaturanalyse, Germanistik, Mittelhochdeutsch
Arbeit zitieren
Kristina Reinartz (Autor), 2015, Ein Waise mit drei Vätern. Elternrollen in Gottfried von Straßburgs "Tristan", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419358

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Ein Waise mit drei Vätern. Elternrollen in Gottfried von Straßburgs "Tristan"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden