Wandel der klassischen Geschlechterrollen im postmodernen Märchen am Beispiel der Erzählung sowie des gleichnamigen Films "The Last Unicorn"


Hausarbeit, 2017
13 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Now that I’m a woman, everything has changed.“: Symbolik, Schönheit, und Sexualität des Einhorns

3. Das Scheitern am männlichen Ideal
3.1 “Do you think the Red Bull likes card tricks?”: Schmendrick der Zauberer
3.2. “That’s what heroes are for.”: Prinz Lír

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Filmverzeichnis

1. Einleitung

The intended clarity and moral certainty with which adults provide children with tales of their world offer a fortuitous opportunity to examine social relations and belief systems.[1]

Märchen bieten sich besonders als Untersuchungsgegenstand für kulturelle Trends an, da sie das Fundament des Werteverständnisses vieler Kinder bilden; dabei enthalten sie essenzielle Botschaften über den Wandel sozialer Strukturen und Konstrukte der entsprechenden Zeit.[2] Die Anfänge der Gattung liegen in der mündlichen Übertragung verschiedenster Geschichten, die vor allem im Rahmen der Tätigkeit als Spinnerinnen von deutschen Frauen erzählt und weitergegeben wurden.[3] Sammlung, Selektion und Verschriftlichung der ersten Märchen fanden anschließend maßgeblich unter Jacob und Wilhelm Grimm statt,[4] wodurch sich die Erzählungen immer weiter von ihrer ursprünglichen Form entfernten und zur gegenderten Literaturform entwickelten.[5] In der Regel bestärken eben jene, im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder reproduzierten und populären Märchen ein spezifisches Geschlechterverständnis. Weibliche Protagonistinnen sind vor allem durch Passivität und Hilflosigkeit geprägt, alte Frauen, für gewöhnlich Antagonistinnen, von Boshaftigkeit, Eitelkeit, Eifersucht und letztendlichem Scheitern. Männliche Protagonisten erweisen sich hingegen als handlungstragend und proklamieren ihre Stärke durch Heldentaten. Wie einige Studien bereits gezeigt haben, sind gerade Kinder als überwiegend unkritische Leser besonders anfällig für solche normierten Darstellungsweisen und laufen Gefahr, entsprechende Werte mit negativen Auswirkungen zu verinnerlichen.[6]

Der 1982 erschienene Zeichentrickfilm The Last Unicorn von Jules Bass und Arthur Rankin Jr., welcher auf der gleichnamigen Erzählung von Peter S. Beagle basiert, hat sich seit seinem Erscheinen vor allem durch die regelmäßige Ausstrahlung an den Weihnachtsfeiertagen als Familienfilm etabliert.[7] Tatsächlich war die Produktion jedoch nicht als Kinderfilm konzipiert und repräsentiert vielmehr eine Abkehr vom klassischen Fantasy-Kindermärchen anhand dunkler Thematiken sowie komplexer und mit Fehlern behafteter Figuren. Vielseitig untersuchbar erscheinen dabei vor allem Letztere, denn sowohl deren rein äußerliche Charakterisierung als auch ihre Handlungsweise im Verlauf des Geschehens erweisen sich im Kontext des Gender-Diskurses für die entsprechende Erscheinungszeit als vergleichsweise facettenreich. Die vorliegende Arbeit soll sich daher mit der Fragestellung auseinandersetzen, inwieweit den Protagonisten in ihrer Darstellung genderspezifische Eigenschaften attribuiert werden und ob The Last Unicorn folglich klassische Geschlechterrollen bestärkt oder untergräbt. Im Rahmen der Arbeit soll der Fokus zunächst auf die primär weibliche Figur des Einhorns und seiner menschlichen Form, der Lady Amalthea, gelegt werden. Im weiteren Verlauf sollen die beiden männlichen Protagonisten, der Zauberer Schmendrick und Prinz Lír, hinsichtlich ihrer geschlechterspezifischen Darstellungsweise untersucht werden. In einem abschließenden Fazit sollen die zentralen Ergebnisse zusammengetragen und im Hinblick auf künftige Forschungen reflektiert werden.[8]

2. „Now that I’m a woman, everything has changed.“: Symbolik, Schönheit, und Sexualität des Einhorns

Das letzte Einhorn ist nicht nur die Hauptfigur der Geschichte, sondern auch gleichzeitiger Träger der symbolträchtigsten Rolle in The Last Unicorn. Der Mythos des Einhorns wird durch erste Berichte und Beschreibungen bereits im Jahr 398 v. Chr. bedient;[9] seither erfährt dieser immer wiederkehrende mediale Popularität. Gerade in Kunst und Literatur findet sich eine enorme Zahl an Darstellungsweisen und Beschreibungen des Einhorns. Plinius der Ältere, ein römischer Gelehrter, schreibt über dessen Gestalt: a very ferocious beast, similar in the rest of its body to a horse, with the head of a deer, the feet of an elephant, the tail of a boar, a deep, bellowing voice, and a single black horn, two cubits in length, standing out in the middle of its forehead.[10]

Im Rahmen der modernen Erzählkultur hat sich jedoch vermehrt ein hiervon eher abweichendes Bild, nämlich das eines gutmütigen, sanften und vor allem wunderschönen Tieres durchgesetzt;[11] mit wenigen Ausnahmen, darunter die chinesische Kultur, wurde zudem das Verständnis des Einhorns als eindeutig weibliches Geschöpf sozialisiert.[12] Die Figur des Einhorns wurde im Verlauf ihrer Rezeption demnach den klassischen Konventionen populärer Märchen angepasst.

Auch The Last Unicorn portraitiert ein weibliches Einhorn, welches maßgeblich von einer inhärenten Überlegenheit gegenüber den Menschen in seiner Umgebung geprägt ist; dabei hebt es sich durch Alter, Weisheit, die magischen Fähigkeiten seines Horns sowie durch die Unfähigkeit, Reue oder Bedauern zu empfinden, von anderen Figuren ab. All diese Merkmale verleihen dem Einhorn ein zu Beginn der Erzählung ungebrochenes Selbstbewusstsein und dadurch ein überwiegend selbstbestimmtes, aktives und furchtloses Handeln – so fasst es eigenständig den Entschluss, die Sicherheit seines Waldes zu verlassen und sich auf die Suche nach den anderen Einhörnern zu begeben.[13] Auch im Rahmen der Gefangenschaft in Mommy Fortuna’s Midnight Carnival bedarf es nur geringfügig der Hilfe Schmendricks um freizukommen, befreit aber eigenständig die anderen gefangenen Tiere.[14] Doch die eine Angst des Einhorns, wenn auch in abgeschwächter Form, wird bereits im Rahmen dieser Szene angedeutet: Nur seinesgleichen, Geschöpfe wahrer Magie wie die Harpyie Celaeno und der Rote Stier, scheinen diesem Angst einflößen zu können.

Erst in seiner menschlichen Form, der Lady Amalthea, verliert das Einhorn jegliche Handlungsbereitschaft und Selbstbestimmtheit. Eines der Hauptmerkmale der Lady, welches immer wieder Erwähnung findet, ist deren unvergleichbare Schönheit. Bereits unmittelbar nach der Verwandlung wird Schmendricks erster Blick auf die neue menschliche Gestalt mit den Worten „The girl’s face, quiet in sleep and close to smiling, was the most beautiful that Schmendrick had ever seen. It hurt him and warmed him at the same time.”[15] festgehalten. Das Schönheitsideal, welches die Lady Amalthea verkörpert, wird von dem Moment ihrer Verwandlung an von sämtlichen männlichen Figuren bestärkt; nicht nur von Schmendrick, ebenso von Prinz Lír und König Haggard. Die Bestärkung dieses klassischen patriarchalischen Schönheitsideals spricht zunächst deutlich für eine Anpassung des postmodernen Märchens an gegenderte Darstellungsweisen. Baker-Sperry und Grauerholz sehen in eben diesem Schönheitsideal ein normatives Instrument der bewussten „Kleinhaltung“, Objektivierung, Entwertung und Unterwerfung der Frau.[16] Dabei können sich nur jene Frauen, die mit den normativen Anforderungen konformgehen, in ihrer sozialen Umwelt weiterhin entfalten und positionieren, während solche, die dem Ideal nicht entsprechen, sozial „bestraft“ werden. Derartige normative Einschränkungen treten vor allem dann in Kraft, wenn Frauen während einer bestimmten historischen Zeitspanne über einen höheren sozialen Status sowie über mehr Unabhängigkeit verfügen;[17] gerade die 1980er – 1982 erschien die Verfilmung von The Last Unicorn – kennzeichneten einen entsprechenden Umbruch, wobei sich Frauen eine Vielzahl neuer Rechte erkämpften und den Diskurs um die Gleichberechtigung der Geschlechter anregten.[18] Interessant ist jedoch, wie dasselbe Schönheitsideal zwar von den männlichen Figuren anerkannt, von Molly und der Lady Amalthea selbst hingegen dekonstruiert wird. Beide erkennen das Verhängnis der Verwandlung: Mit den Worten „This body is dying. I can feel it rotting all around me. How can anything that is going to die be real? How can it be truly beautiful?”[19] bedeutet die Lady Amalthea Schmendrick die Verderblichkeit und demnach Bedeutungslosigkeit von Schönheit.

[...]


[1] Vgl. Pescosolido, Grauerholz & Milkie (1997), S. 444.

[2] Vgl. Baker-Sperry & Grauerholz (2003), S. 713 f.

[3] Vgl. Neikirk (2009), S. 38.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Baker-Sperry & Grauerholz (2003), S. 711.

[6] Vgl. Westland (1993), S. 239.

[7] Vgl. Hirsch (2014) (Internetquelle). Ludwig (2009) (Internetquelle).

[8] Vgl. John Duncan (2017) (Internetquelle). Time Code: 1:01:31-1:01:42.

[9] Vgl. Oswald (2011), S. 2.

[10] Vgl. Plinius der Ältere zit. nach Oswald (2011), S. 1.

[11] Vgl. Oswald (2011), S. 1.

[12] Vgl. ebd., S. 18.

[13] Vgl. Beagle (2008), S. 7.

[14] Vgl. ebd., S. 50 f.

[15] Vgl. ebd., S. 143.

[16] Vgl. Baker-Sperry & Grauerholz (2003), S. 712 f.

[17] Vgl. ebd., S. 712 f.

[18] Vgl. Neikirk (2009), S. 39.

[19] Vgl. Beagle (2008), S. 150.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Wandel der klassischen Geschlechterrollen im postmodernen Märchen am Beispiel der Erzählung sowie des gleichnamigen Films "The Last Unicorn"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Veranstaltung
Kinderbuchverfilmungen
Note
1,3
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V419454
ISBN (eBook)
9783668682306
ISBN (Buch)
9783668682313
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Genderrollen, Heldenrolle, Helden, Einhorn, Geschlechterrollen, Gender expression, Gender identity, Märchen, Postmodern, Märchenverfilmung, Fairytale, The Last Unicorn, Das letzte Einhorn, Peter Beagle, Peter S. Beagle, Feminismus
Arbeit zitieren
Olivia Frey (Autor), 2017, Wandel der klassischen Geschlechterrollen im postmodernen Märchen am Beispiel der Erzählung sowie des gleichnamigen Films "The Last Unicorn", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419454

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wandel der klassischen Geschlechterrollen im postmodernen Märchen am Beispiel der Erzählung sowie des gleichnamigen Films "The Last Unicorn"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden