Zur geschlechtlichen Differenz emotionalen Ausdrucks im Internet

Eine Fallstudie


Hausarbeit, 2018
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung

2 Theorie und empirische Ergebnisse
2.1 Theorie zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck
2.2 Empirische Ergebnisse zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck (Alltag)
2.3 Empirische Ergebnisse zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck (Web)

3 Fallstudie
3.1 Methode und Hypothese
3.2 Analyseergebnisse
3.3 Limitierung der Fallstudie

4 Schluss

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

3.1 Summe der Kommentare in den betrachteten Videos

3.2 Summe der positiven, negativen und neutralen Emoticons in den betrach- teten Videos

3.3 Anzahl verwendeter, unterschiedlicher Emoticons nach Geschlecht

3.4 Anzahl verwendeter, unterschiedlicher Emoticons nach Geschlecht unter Ausschluss neutraler Emoticons

Einleitung

Emotionen haben seit Anbeginn wissenschaftlicher Arbeit einen schweren Stand. Die Aufklärung richtete sich gen der Vernunft, Emotionen verwies man in die Schatten, als Randnotizen menschlichen Seins und wissenschaftlichen Interesses. Emotionen, wenn sichtbar, galten in der Nachkriegszeit noch als „Symptome [. . . ] politischer und sozialer Pathologien“ [Biess and Gross, 2014, S.2], Anomalien ohne zentrale Rolle im gesellschaftlichen und menschlichen Sein. Dominante Gedankenrichtungen wie der Behaviorismus und Modernisierungstheorien verwarfen Emotionen regelrecht als Nichtigkeit, selbst die Soziologie, wenngleich geringfügig gutmütiger im Umgang mit Emotionen, maß diesen wenig Bedeutung zu und sperrte sie in die heimelige Sphäre von Familie und Freundschaft. Dem Paradigma nach waren Emotionen etwas Unkontrollierbares, Destabilisierendes, Irrationales, das der menschlichen Vernunftbegabung zuwiderläuft und in Schach gehalten werden muss [Biess and Gross, 2014, S.2ff].

Diese Vernachlässigung ist auch heute noch nicht gänzlich überwunden. Vor allem in der deutschen Soziologie erfreut sich die Rational Choice Theorie nach wie vor hoher Beliebtheit und als das Internet aufkam, wunderte man sich überspitzt, dass darin überhaupt Emotionen vorkamen, war es doch ein distanzierender, maschineller Raum, der, wenn, dann zum Austausch von Gedanken dienlich schien, aber nicht von intimen Emotionen. Dennoch, seit den sechziger Jahren schleichen sich Emotionen sachte aber stetig in den Fokus der Wissenschaft [Biess and Gross, 2014, S.6]. Und das zurecht. Emotionen stiften Identität, leiten unser Handlungen, unsere Wahrnehmungen, unsere Urteile, sie bestimmen Spielräume und Grenzen angemessenen Verhaltens, sind Bewertungskriterien und Entwertungskriterien, legitimieren und de-legitimieren, verbinden und distanzieren, stabilisieren und revolutionieren. Emotionen sind Kern des Menschseins und haben in ihrer Umfänglichkeit direkte Implikationen für Gleichheiten, aber, nicht zuletzt für die Soziologie von Interesse, auch Ungleichheiten aller Art [Schwalbe et al., 2000]. Ist der zugestandene Ausdruck von Emotionen ungleich verteilt, führt so nach derselbe emotionale Ausdruck bei einem Angehörigen einer Gruppe zu einem Machtgewinn, während sie bei einem Angehörigen einer anderen Gruppe zu einem Machtverlust führt, haben Emotionen direkten Einfluss auf Lebenschancen.

Solche gruppenabhängigen Emotionsnormen, wann, wem, welche Emotionen in welchem Maße zugestanden werden [Shields, 2005] , sind allgegenwärtig, aber vor allem in Hinsicht auf das Geschlecht manifest [Hochschild, 2012]. Das Internet, von manchen Cyberoptimisten beinahe als Überwindung aller Grenzen gefeiert [Soriano, 2013] , böte, zumindest denkbar, dank dessen körperlichen Überwindung der Kommunikation, die Möglichkeit geschlechtliche Differenzen zu überkommen. Aber zeigt sich diese Überwindung in der Realität oder werden Differenzen zwischen den Geschlechtern1 im emotionalen Ausdruck im Internet lediglich reproduziert?

Zur Klärung dieser Frage wird im Folgenden, nach theoretischer Einführung, die zahlreiche Lektüre zum generellen, geschlechtsbedingten Unterschied emotionalen Ausdrucks im Alltag, dessen Herkunft und Folgen herausgearbeitet und schließlich um bereits vorhandene Forschungsergebnisse spezifisch zum Ausdruck von Emotionen im Internet erweitert. Angeschlossen wird eine eigene empirische Untersuchung in Form einer Sentimentanalyse von YouTube Kommentaren, um die theoretisch aufgearbeiteten Ergebnisse eigens zu verifizieren.

Theorie und empirische Ergebnisse

Niemand Geringeres als Aristoteles schilderte: „Die Frau ist mitfühlender als der Mann, schneller zu Tränen gerührt [. . . ], eifersüchtiger, streitsüchtiger, eher zum Zanken geneigt [. . . ] anfälliger für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit [. . . ] freier von Scham und Selbstrespekt, eine falschere Zunge, trügerischer und bewahrender in ihrer Erinnerung“ [Brownmiller, 1984]. Bereits in der Antike schien man demnach zwischen männlichem und weiblichem Emotionsleben zu trennen. Aber was verstehen wir überhaupt unter Emotionen oder emotionalen Ausdruck? Die Auswahl an Definitionen von Emotionen ist immens, eine psychologisch orientierte, jedoch einlässliche und erschöpfende, hier weiter verfolgte Definition lautet: „Emotionen sind psychophysische Reaktionsmuster, die auf mehr oder weniger komplexen Bewertungen einer Reizsituation beruhen, die mit einer Reihe peripherer physiologischer Veränderungen sowie der Aktivierung bestimmter zentralnervöser Systeme einhergehen, zu bestimmten Klassen von Verhalten motivieren, sich in spezifischer Mimik und Körperhaltung ausdrücken können und häufig [. . . ] mit einer subjektiven Erlebnisqualität verbunden sind“ [Goschke and Dreisbach, 2011, S.131].In Anlehnung an Burke [Burke, 1991] führen wir diese Definition dahingehend weiter, als dass wir Emotionen als psychophysische Reaktionen auf Abweichungen eines Ist-Zustands von einem Soll-Zustand behandeln, wobei die Deckung oder Näherung des Ist-Zustands an den Soll- Zustand angenehme (z.B. Freude), Verfehlungen unangenehme Erlebnisqualitäten (z.B. 2.1 Theorie zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck 7 Frust, Wut, Scham) nach sich ziehen.2 Emotionaler Ausdruck ist folglich das durch Emotionen motivierte Verhalten und, vorrangig, die spezifische Mimik und Körperhaltung als Reaktion des situativen Bewertungsprozesses.

2.1 Theorie zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck

An dieser grundlegenden theoretischen Vorarbeit lassen sich spezifischere Ideen zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck mühelos anfügen. Burkes Standardwert kann man beispielsweise mit Hochschilds [Hochschild, 2012] Gefühlsregeln abdecken. Gefühlsregeln sind internalisierte, nicht zwangsläufig bewusste, kulturell-normative Richtlinien, die auftragen, wann, von wem, welche Emotionen in welchem Maße ausgedrückt und wie empfundene Erlebnisqualitäten ausgelegt werden sollten [Hochschild, 2012, S.56ff]. Die wahrgenommene oder über soziales Feedback angezeigte Verletzung einer Gefühlsregel regt zum Emotionsmanagement an, im Sinne Burkes der Output des Bewertungsprozesses, welches das Ungleichgewicht zwischen Standardwert und Input, Gefühlsregeln und empfundenes bzw. angezeigtes Abweichen, wieder austariert. Gefühlsregeln und erwartetes Emotionsmanagement sind jedoch nicht für jedermann gleich, sondern von Gruppenzugehörigkeiten abhängig, an Status gebunden und dahingehend vor allem mit dem jeweiligen Geschlecht assoziiert [Hochschild, 2012, S.162ff]. Es wird eher als peinlich und unmännlich angesehen, wenn ein Mann wegen einer Verletzung zu weinen beginnt, während dies bei einer Frau mit der angedachten Rolle des zarten Geschlechts konform geht und entsprechend seltener als unangemessen betrachtet werden würde. Im Gegenzug wirkt es unziemlich, wenn eine Frau einen Wutanfall demonstriert, während dies bei einem Mann eher als legitim oder typisch angesehen wird. Unterm Strich sind Frauen in diesem Spiel der Emotionen benachteiligt, denn sie sind an mehr Gefühlsregeln gebunden und zu aufwendigerem Emotionsmanagement gezwungen [Hochschild, 2012, S.162ff]. Geschlechtsdif- Theorie und empirische Ergebnisse ferenzierte Gefühlsregeln äußern sich weitgehend darin, dass Frauen sozial zugewiesen ist, generell mehr Emotionen, aber vor allem Trauer und Angst auszudrücken, empathisch zu sein, Mitleid zu zeigen, ihre Emotionen also vorrangig sozial und supportiv einzusetzen, während Männer dominante Emotionen wie Wut ausdrücken dürfen, darüber hinausgehenden emotionalen Ausdruck aber unterdrücken sollen [Shields, 2002]. Shields verweist ferner auf den traditionellen, emotionalen Dualismus zwischen Mann und Frau. „Er ist leidenschaftlich, Sie ist schlicht emotional“ [Shields, 2005, S.5]. Seit jeher wurde der Mann als das rationale Geschlecht angesehen, der seine Emotionen unter Kontrolle hat und, sollten diese doch zum Vorschein kommen, als leidenschaftlich positiv aufgewertet wurden. Die Frau dagegen ist das emotionale Geschlecht, das der eigenen Natur nicht Herr werden kann. In der Folge werden Emotionen des Mannes zuvörderst mit Stärke und Dominanz assoziiert, sowie als legitimer erachtet, die derart stark und authentisch sind, dass sie sich selbst der männlichen Kontrolle entziehen. Männliche Emotionen sind eine provozierte Antwort, weibliche Emotionen dagegen eine problematische Manifestation der Natur einer Frau, gleich einer Hysterie. Diese dichotome Evaluation allein gesteht Frauen weniger Spielraum im emotionalen Ausdruck zu, sodass Emotionen von Frauen wesentlich schneller Gefahr laufen als unangemessen oder übertrieben gesiegelt zu werden, was Frauen entsprechend mehr Emotionsmanagement und Sensibilität abverlangt [Biernat and Manis, 1994]. Zusammengefasst sind nach Hochschild und Shields Frauen dazu sozialisiert generell mehr Emotionen zu zeigen, darunter aber vor allem soziale, supportive und schwache Emotionen wie Trauer und Angst, Männer auf der anderen Seite sind darauf sozialisiert dominante Emotionen wie Wut auszudrücken, den Großteil der restlichen Emotionen aber zu verbergen. Des Weiteren wird Frauen weniger Spielraum in der Intensität des emotionalen Ausdrucks sozial zugestanden. Sehen wir ob diese Annahmen der empirischen Literatur standhalten.

2.2 Empirische Ergebnisse zur Geschlechterdifferenz im emotionalen Ausdruck (Alltag)

Vorderhand lässt sich sagen, dass in der westlichen Öffentlichkeit der Glaube vorherrscht, dass Frauen und Männer emotional verschieden sind, dass Frauen im Gleichschritt mit Shields Analyse als das emotionale Geschlecht gelten, dass Frauen eher traurig sind und Trauer ausdrücken, während Männer eher Wut oder Aggression offenbaren. Vorstellungen, die tief in der Kultur verankert sind, sei es in Büchern, Filmen, Fernsehen oder Musik [Stearns and Stearns, 1986] & [Simon and Nath, 2004, S.1138].

Sind diese Vorstellungen Realität? Einige Forschungsergebnisse sprechen dafür. So zeigt Wallbottt, dass weibliche Schauspieler fähiger und ausdrucksstärker sind, wenn sie angewiesen werden Emotionen wie Trauer oder Angst vorzuführen, das Gegenteil ist jedoch für Wut der Fall, hier sind Männer im Ausdruck fähiger. Wird Wut von einer Frau vorgetragen, wird diese Emotion seltener als Wut identifiziert als wenn Wut von einem Mann vorgetragen wird [Wallbott, 1988]. Dies zeigt zum einen die kontextabhängige Verarbeitung von Emotionen, wobei bereits das Geschlecht des Emotionsträgers eine Rolle spielt. Zum anderen zeigt sich die Übertragung von Glaubensvorstellung hinsichtlich emotionalen Ausdrucks auf die Medien, so lässt sich annehmen, dass Schauspieler nicht nur einen geschlechterbedingten Qualitätsunterschied im emotionalen Ausdruck offenbaren, weil sie im Alltag erworbene Ausdrucksregeln [Ekman, 1971] in ihren Beruf übernehmen, sondern, dass in den Medien Frauen und Männer in einer bestimmten Weise emotional dargestellt werden und Schauspieler ihre Fähigkeiten im Ausdruck dieser Emotionen im wiederholten Schauspiel auf diese Weise hin optimieren [Wallbott, 1988].

Frauen scheinen in der Tat auch emotional expressiver zu sein. Werden ihnen emotional aufgeladene Videoclips vorgeführt, manifestieren sie mehr Expressivität, unabhängig vom Typ der Emotionen [Kring and Gordon, 1998], aber besonders auffallend bei negativen Emotionen [Deng et al., 2016]. Interessanterweise scheinen Männer gemessen an Änderungen ihrer Herzschlagrate und selbstberichteter Erregung3 trotz zurückhaltendem Ausdruck Emotionen generell intensiver zu erleben, mit Ausnahme von Traurigkeit, welche von Frauen intensiver erlebt wird [Deng et al., 2016].

Als eine der größten und aufwendigsten Studien zur geschlechtlichen Differenz im emotionalen Ausdruck gilt die US-Studie von Robin Simon und Leda Nath [Simon and Nath, 2004], welche 1460 US-Bürger zu ihrem emotionalen Erleben und Ausdruck befragt. Diese

[...]


1 Diese Arbeit behandelt die konventionelle, dualistische Geschlechtertrennung zwischen Mann und Frau

2 Dieser Bewertungsprozess umfasst vier Phasen: 1. Einen Standardwert als Vergleichsobjekt, z.B. soziale Rollenbilder oder Vorstellungen über die eigene Identität. 2. Input aus der Umwelt, z.B. die eigene Einschätzung oder Feedback anderer. 3. Ein Komparator, der Standardwert und Input vergleicht. 4.

Einen Output als Reaktion des Vergleichsprozesses in Form von Verhalten, Emotionen etc., wobei der Output dazu dient, Standardwert und Input, Ego und Umwelt, wieder in Einklang zu bringen[Burke, 1991, S.837f].

3 Bei selbstberichteten Emotionen sollte man jedoch stets Vorsicht walten lassen, sind diese in deren Interpretation sehr wahrscheinlich von den verbreiteten Glaubensvorstellungen beeinflusst. Da ich keinen direkten Zugang zum Gefühlsleben anderer habe [Nagel, 1974], kann ich mich auch nicht in einen direkten Vergleich mit anderen setzen, sondern muss mein emotionales Erleben anderweitig, zum Beispiel anhand kultureller Vorurteile, verorten und interpretieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zur geschlechtlichen Differenz emotionalen Ausdrucks im Internet
Untertitel
Eine Fallstudie
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,0
Autoren
Jahr
2018
Seiten
25
Katalognummer
V419570
ISBN (eBook)
9783668683846
ISBN (Buch)
9783668683853
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
differenz, ausdrucks, internet, eine, fallstudie
Arbeit zitieren
Marco Hauptmann (Autor)Severin Sobetzko (Autor)Dario Schnabel (Autor)Börge Dietrich (Autor), 2018, Zur geschlechtlichen Differenz emotionalen Ausdrucks im Internet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419570

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