Verbindung von Germanenmythos und Religion aus Sicht von Himmler und Rosenberg


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Definition der Begriffe Germanen und Mythos
2.1 Germanen
2.2 Mythos

3 Überblick über die Auseinandersetzung mit dem Germanenmythos

4 Der Germanenmythos unter Betrachtung des Religionsaspektes
4.1 Himmlers „Germanisierung“ der Religion
4.2 Rosenbergs Gründung einer Ersatzreligion

5 Fazit

6 Quellen- und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Die Germanenideologie ist ein Eckstein der auf dem Primat der Rasse aufbauenden völkischen Weltanschauung mit ihrem antidemokratischen, ständisch-autoritären Gesellschaftskonzept […] und mit ihrem Ziel, die ‚Wiedergeburt‘ Deutschlands [zu erreichen].“[1]

Hinter dem Begriff „Wiedergeburt“ Deutschlands verbirgt sich der Germanenmythos, der während der NS – Zeit sowohl von Heinrich Himmler, als auch Alfred Rosenberg propagiert wurde. Auf diesen Germanenmythos beriefen sich die beiden Ideologen, um ihre Pläne durchzusetzen. Beide sahen die Germanen als das „Urvolk“ an, das in der Frühgeschichte Europas als Kulturbringer aus dem Norden kam.[2] Ihr Ziel war es, die Kultur der germanisch-deutschen Vorfahren zu erhalten und weiterzuentwickeln. Himmler und Rosenberg versuchten dementsprechend für ihre Zwecke, den Germanenmythos zu verbreiten. Beide gründeten in diesem Zusammenhang ihre eigene Religion. Himmler verbreitete seine Religion in erster Linie SS – intern, denn Hitler stand der Germanenverehrung kritisch gegenüber[3] und widmete sich lieber den Griechen und Römern als Vorbild. Im Zuge der neuen „Germanenreligion“ führte Himmler bedeutendeÄnderungen ein. Indem Himmler die Germanen mit den Deutschen gleichsetzte, konnte er sein Ziel verwirklichen, die nationalsozialistische Ideologie im Grund der deutschen Geschichte zu verwurzeln. Dabei hatte der Bezug auf die Germanen eine pragmatische Bedeutung, nämlich die Rechtfertigung seiner Politik.[4] Schon die Germanen hätten sich nicht mit anderen Völkern oder Rassen vermischt.[5] Somit konnte Himmler die Judenpolitik mit Hilfe eines Rückbezuges auf die Germanen, welche die Vorfahren der Deutschen seien, rechtfertigen. Darüber hinaus hatte seine neu gegründete Religion zum Ziel, das Christentum zu verdrängen. Da Himmler der Überzeugung ist, dass die Germanen die Welt hätten erobern können, wenn sie nicht das Christentum auferlegt bekommen hätten[6], ist es für ihn von ausgesprochener Wichtigkeit, wieder ein Deutschland zu schaffen, welches auf Werten, Regeln und Bräuchen der Germanen wurzelt.

Auch Alfred Rosenberg kämpft gegen das Christentum und hat eine Ersatzreligion geschaffen. Diese beruft sich zwar auf die germanischen Werte und die pseudowissenschaftliche Rassentheorie, die die deutsche Wiedergeburt möglich machen sollten[7], dennoch wollte er keine Erneuerung einer germanischen Kirche, wie es bei Himmler der Fall war, sondern die Reformation der deutschen Nation.[8] Insgesamt gesehen war sein Ziel, ein „neues Bild des deutschen Wesens und der deutschen Geschichte zu entwickeln“.[9] Rosenberg sah die nordische Seele als „Gottgleichheit“ an, die Juden im Gegenzug als „Satan-Natur“.[10] Daraus lässt sich ableiten, dass auch Rosenberg seine Ersatzreligion als Begründung für seine Tätigkeiten im NS – Staat legitimiert. Dies verdeutlicht, dass es eine gewisse Konkurrenz zwischen Himmler und Rosenberg und deren Religionen gab.

Allerdings waren die beiden nicht die ersten, die sich mit dem Germanenmythos beschäftigten. Bereits im 18. Jahrhundert wurde begonnen, sich mit den Germanen zu befassen. Diese wurden als Vorbild für die Deutschen betitelt, das Leben sollte am besten so geführt werden, wie die Germanen es taten.[11] In der Neuzeit gewannen die Germanen immer mehr an Popularität. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Nationalsozialisten sich für ihre Ideologie auf das „Urvolk“ der Deutschen beriefen. Der „Germania“ des Tacitus[12] kommt dabei eine besondere Bedeutung zu. Sie wird als das „wertvollste unentbehrlichste Germanenbuch“ angesehen.[13] Durch das Werk des Tacitus wird eine Gleichsetzung der Deutschen und Germanen vollzogen. Die „Germania“ als historische Quelle für die Frühgeschichte der Germanen wird von den Nationalsozialisten hoch geschätzt und dient als Begründung ihrer Ideologie.[14]

Jedoch ist die „Germania“ kritisch zu lesen und zu hinterfragen. Zum einen wurde das Werk von Tacitus, einem Römer, geschrieben. Das bedeutet, dass die Aussagen über die Germanen subjektiv und nur aus einer Perspektive geschrieben wurden. Da Römer und Germanen unterschiedliche Kulturen hatten, kann vieles überspitzt dargestellt sein. Darüber hinaus fehlen bei Tacitus häufig Quellenverweise.

Eine weitere Quelle stellt Rosenbergs Werk „Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit“[15] dar. Auch dieses Werk ist zu hinterfragen, da es von der NS-Ideologie sowie Rosenbergs speziellem Weltbild geprägt ist. Der „Mythus“ ist gerade deshalb kritisch zu betrachten, da er Rosenbergs Plan darstellt. Außerdem ist das Werk von einer hohen Komplexität gekennzeichnet – um das Buch zu verstehen, ist ein gewisser Intellekt erforderlich. Insgesamt muss diesem Werk eine Bedeutung beigemessen werden, da viele Punkte der NS-Ideologie, insbesondere der Religionsaspekt, auf das Buch Rosenbergs zurückgehen.

In der Forschung wurde sich detailliert mit dem Germanenmythos auseinandergesetzt. Insgesamt betrachtet richtete sich die Forschung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts darauf, den Werdegang den auf rasseideologisches Denken zugespitzten Hauptstrang nachzuzeichnen. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer Wende – es folgte die kritische Auseinandersetzung mit dem Germanenmythos. Dabei werden verschiedene Blickwinkel, wie die Religionsgeschichte, Althistorie oder Sprachwissenschaft betrachtet. Darüber hinaus gibt es mehrere Werke, die den Mythos im Allgemeinen definieren, sich aber auch in spezialisierter Form auf den Germanenmythos beziehen und diesen erklären.[16] Hier kann festgestellt werden, dass es einen Zusammenhang zwischen Mythos und Politik gibt – der politische Mythos wird bewusst als gezielte Propaganda eingesetzt.[17] Es ist also ein Zusammenhang zwischen dem Germanenmythos und der Politik des 3. Reiches erkennbar. Zahlreiche Publikationen stellen eine Entwicklung der Beschäftigung mit den Germanen und dem einhergehenden Mythos durch die verschiedenen Epochen dar.[18] Überdies setzten sich viele Forscher mit der Verbindung von Germanentum und 3. Reich auseinander. Für die Hausarbeit von Bedeutung ist die Auseinandersetzung mit der Religion im Nationalsozialismus.[19] Für die Sichtweise Himmlers auf Religion ist das Werk von Josef Ackermann[20] ausschlaggebend. Ansonsten ist die Forschung und Literatur zu diesem Aspekt dürftig. Im Gegensatz dazu gibt es viele Schriften, die sich mit der Religion Rosenbergs befassen.[21] Allerdings ist der Fokus auf die Germanen zweitrangig – im Vordergrund steht meist die Auseinandersetzung mit seinem Werk „Mythus des 20. Jahrhunderts“. Zudem gibt es keine Texte, die sich den Germanen als Vorbild für seine Ersatzreligion befassen.

In der Hausarbeit erfolgt zunächst eine Erklärung der Begriffe Germane und Mythos. Anschließend wird ein Überblick über die Epochen gegeben, in denen sich mit dem Germanenmythos beschäftigt wurde. Dies dient auch als Erklärung, dass der Rückbezug auf das Germanentum bei Himmler und Rosenberg nicht aus der Luft gegriffen ist, denn sie waren nicht die ersten, die sich auf die Germanen als Vorfahren beriefen. Danach wird der Germanenmythos bei beiden Ideologen unter dem Fokus der Religion untersucht, um zu verstehen, aus welchen Gründen die Germanen solch ein Ansehen hatten.

Für die Bearbeitung der einzelnen Punkte werden verschiedene Quellen herangezogen, u.a. die „Germania“, der „Mythus des 20. Jahrhunderts“ sowie weitere Quellen aus der NS – Zeit.

2 Definition der Begriffe Germanen und Mythos

2.1 Germanen

Zunächst erfolgt eine Definition der Bezeichnung Germane. Der Begriff muss kurz erläutert werden, um die Rückgriffe auf das Germanentum durch Himmler und Rosenberg zur Legitimierung ihrer Politik zu verstehen.

Es ist wichtig zu wissen, dass es „die“ Germanen so nicht gab. Es gab viele kleine Stämme die von den Römern als Fremdbezeichnung für die Allgemeinheit zusammengefasst wurden. Der Grund für die allgemeine Bezeichnung ist die „Germania“ des Tacitus. In diesem Werk beschreibt Tacitus die Germanen als einen einzigen Volksstamm. Die Schrift bildet zudem die Hauptquelle über die Germanen, weswegen diese eine hohe Popularität aufweist.[22] Die Deutschen beriefen sich auf diese Abhandlung und setzten sich mit den Germanen gleich.[23] Die Deutschen sahen sich als die Nachfahren der Germanen und versuchten, deren Regeln und Normen nachzueifern. Die „Germania“ gibt den Deutschen somit für diverse Lebensbereiche und Elemente der Weltanschauung Belege – sei es das Erscheinungsbild, die kriegerische Natur oder das Wertesystem.[24]

Obwohl die Deutschen sich immer wieder mit den Germanen verglichen haben, ist es etymologisch unklar, woher der Germanenname stammt. Dieser könnte sowohl eine germanische, als auch eine keltische Wurzel tragen.[25] Darüber hinaus ist nicht geklärt, woher genau die Germanen stammen. Es wird jedoch davon ausgegangen, dass sie ihren Ursprung im südlichen Skandinavien, den dänischen Inseln und der kimbrischen Halbinsel haben.[26] Die Germanen werden auch als „Indogermanen“ bezeichnet und stellen das „arische“ Volk dar, das in der Frühgeschichte Europas als Kulturbringer aus dem Norden kam.[27] Darüber hinaus beschreibt Tacitus die Germanen in seiner Abhandlung folgendermaßen:

Die Völker Germaniens wurden nicht durch Zusammenheirat aus anderen Völkern ungünstig beeinflusst und sind deshalb ein eigenwüchsiger, reiner und nur sich selbst gleichender Menschenschlag.“[28]

Durch die Beschreibung, dass die Germanen „reinrassig“ seien, lässt sich eine Verbindung zum Nationalsozialismus ziehen. Der nordische Ursprung aller Kultur ohne Rassenvermischung wird so zum Gemeingut der NS – Ideologie.[29] Mit Hilfe der „Germania“ begründeten die Ideologen Himmler und Rosenberg sowie weitere Nationalsozialisten ihre Überlegenheit und dass es für die Deutschen wichtig sei, wieder die Werte der Germanen anzunehmen und die Rasse zu reinigen, um das Deutschtum an die Spitze zu bringen. Die Abhandlung des Tacitus diente dementsprechend als Rechtfertigung der NS – Politik.

Darüber hinaus entstand der Mythos der germanischen „Autochthonie“. Das bedeutet, dass die Germanen das „Urvolk“ und „selbst-geboren“ sind, also ohne Beifügung von exogenen Bevölkerungsgruppen.[30] Auf diesen Reinheitsepos beriefen sich die Nationalsozialisten ebenfalls.

2.2 Mythos

Der Begriff Mythos muss ebenfalls geklärt werden. Es gibt zwei voneinander unabhängige Definitionen. Es handelt sich einerseits um Erzählungen von Göttern oder Heroen aus der vorgeschichtlichen Zeit, die einer Welt- und Existenzerklärung dienten. Der Germanenmythos jedoch gehört zur Definition des „neuen“ Mythos: Es handelt sich hier um eine Verklärung der Germanen beziehungsweise einer Idee, das Germanische aufleben zu lassen, wie es sich in der Neuzeit vollzogen hat. Des Weiteren bildet das Moment des Germanenmythos das Substrat der modernen Mythologie, das vor allem mit dem Christentum, aber auch mit verschiedenen Säkularisierungsstrategien der Moderne in Konkurrenz getreten ist.[31] Daraus lässt sich ableiten, dass Mythos und Politik in einer engen Verbindung stehen.[32] Die nationalsozialistische Ideologie basiert komplett auf einem politischen Mythos.

Dieser politische Mythos spielt eine zentrale Rolle, um politische Ansprüche zu begründen und um die Bevölkerungsmassen zu mobilisieren, integrieren und mit ihnen zu kommunizieren. Dieses Phänomen kann bei der Verehrung des Germanentums seitens Himmler und Rosenberg erkannt werden. Des Weiteren wollen politische Mythen der Gesellschaft eine gewisse Ordnung und Sinn vermitteln. Dafür werden bestimmte Sachverhalte ausgeblendet oder nicht erwähnt und es erfolgt eine starke Idealisierung der Vergangenheit.[33] Im Fall des Germanenmythos während der NS – Zeit lässt sich dies erkennen: Die Germanen werden als Vorbilder und Kulturgründer angesehen, die es gilt, nachzueifern. Außerdem muss diese Art von Mythos durch bestimmte Rituale, wie Feste gesichert werden.[34] Wird die Mythisierung der Germanen durch Himmler betrachtet, lassen sich Rituale wie Feiern erkennen – beispielsweise hat Himmler das Julfest eingeführt.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass Mythen immer einen Gegensatz zwischen „gut“ und „böse“ aufzeigen. Dazu gehört die historische Selbstverortung und Schaffung von historischen Kontinuitäten.[35] Der Germanenmythos ist hierfür ein treffendes Beispiel. Der Gegensatz von „gut“ und „böse“ wird in der Darstellung der Deutschen als Arier und der Juden als unwürdige Rasse deutlich.

Schlussendlich zeigt der Germanenmythos, dass politische Mythen zu Elementen von Ideologien werden und als deren Essenz, Umschreibung oder Erklärung dienen können.[36] Die Politik des dritten Reiches legte die bestimmten Bereiche der Politik und Ideologie auf den Germanenmythos aus und rechtfertigte damit ihr Vorgehen.

3 Überblick über die Auseinandersetzung mit dem Germanenmythos

Mit der Wiederentdeckung der „Germania“, verfasst von Tacitus, begann die Auseinandersetzung der Deutschen mit den Germanen.

Während der ersten Epoche des Humanismus kam es zu einem tief greifenden Wandel in der Begründung der kollektiven Identität der Deutschen. Es wurde die Gleichsetzung Germanen – Deutsche vorgenommen. Dabei beriefen sich die Humanisten auf die „Germania“ uns sahen alle von Tacitus gemachten Angaben über die Germanen als wahr an.[37] So wurden die Werte und Einstellungen der Germanen übernommen und der Versuch unternommen, diese im Bild der Deutschen einzuprägen. Dazu zählten beispielsweise die folgenden Tugenden wie Freiheitsliebe, Treue und Sittenreinheit.[38]

Dennoch wurden die Germanen nicht ununterbrochen von den Deutschen verehrt. Im Zeitalter der Reformation kann ein Desinteresse für das Germanentum vernommen werden.[39]

In der Barockzeit wurde die Weiterarbeit am Germanenbild wieder aufgenommen.[40] Die von den Humanisten erarbeiteten Topoi behielten dementsprechend ihre Gültigkeit.

Die Aufklärung sorgte wiederum für einen Wandel. Die Beschäftigung mit den Germanen gewann seit diesem Zeitpunkt immer mehr an Popularität. Darüber hinaus wurden dem Germanenbild neue Elemente hinzugefügt.[41] In diesem Zusammenhang entstand die Idee, dass Germanen und Deutsche autochthon seien. Das bedeutet, dass das Volk aus dem Boden den sie besiedeln, erwachsen würden und Land und Volk somit in einer untrennbaren Beziehung zueinander stehen würden.[42] Dies begründen die Humanisten mit Tacitus:

„Die Germanen selbst sind, wie ich glauben möchte, die ursprüngliche Bevölkerung des Landes und keineswegs durch feindliche Zuwanderung oder freundliche Aufnahme fremder vermischt.“[43]

In den 1870er Jahren kam es zu einer Erstarkung des deutschen Selbstbewusstseins. Als Folge dessen begann die Berufung auf den rassistischen Germanenkult.[44] Die Ideen der Rassenlehre gehen hierbei ebenfalls auf Tacitus‘ Beschreibung der Germanen zurück:

„Ich selbst schließe mich der Auffassung derer an, die meinen, dass die Bevölkerung Germaniens nicht als Folge einer Vermischung mit fremden Völkern entartet ist, sondern sich zu einem einzigartigen, rassereinen Menschenschlag mit einem individuellen Gepräge entwickelt hat.“[45]

An der Verbreitung und Popularisierung der Rassenlehre waren viele bekannte Persönlichkeiten beteiligt. Der klassische Philologe Friedrich Nietzsche prägte die Lehre des „Herrenmenschen“. Zu den sogenannten „Erobererrassen“ zählte er allerdings nicht nur die Germanen, sondern weitere Völker, wie die Römer oder die skandinavischen Völker.[46]

Joseph Arthur de Gobineau war französischer Diplomat und Schriftsteller und beschäftigte sich mit der Ungleichheit der Rassen. Laut ihm steht an erster Stelle die weiße Rasse. Innerhalb dieser befinden sich die Arier, die von den Ehrenhaften und kriegerischen Völkern gebildet werden. Die Germanen stellen hier eine Unterabteilung der Arier dar.[47] Zu den Hauptaufgaben der Arier gehören die Schaffung einer Kultur sowie die Vermeidung von Rassenmischung. Laut Gobineau stirbt die Kultur, wenn sich die leitende ethnische Grundart komplett in fremdartigen Elementen aufgelöst hat und mit ihnen verschmolzen ist. Die Germanen stellen die letzten „reinen Arier“[48] dar, da es zu keiner Vermischung mit anderen Völkern kam, wenn der „Germania“ Glaube daran geschenkt wird.

Während der wilhelminischen Kaiserzeit wurde der rassische Germanengedanke immer bedeutender. Der Rückgriff auf den Germanenmythos sorgte hier für die Legitimation der Politik der Deutschen. Der Schriftsteller Houston Stewart Chamberlain mit antisemitischer Gesinnung betonte, dass sich geschichtliche Ideen nur in einzelnen Rassen verwirklichen könnten und diese Rasse sei die der Germanen. Dies hänge damit zusammen, dass es „keine allgemeinen Menschheitsideale gäbe“.[49] Er stellte weiterhin fest, dass die oberste Pflicht des Menschen – in diesen Fall der Deutschen – sei, der eigenen rassischen Eigenart zu dienen um dadurch das Fremde auszuschließen.[50]

Im 19. und 20. Jahrhundert dauerte die Germanenverehrung an und es wurde die Ansicht vertreten, dass der germanische Geist der Geist der neuen Welt sei.[51] Zudem hat die Germanenforschung in dieser Zeit aus den Merkmalen, die Tacitus den Germanen zugewiesen hat, den Phänotypen des germanisch – nordischen Menschen entwickelt[52]:

Daher ist auch ihr Erscheinungsbild, trotz ihrer großen Bevölkerungszahl, bei allen das gleiche: drohende blaue Augen, rotblondes Haar und große Körper […].“[53]

Hier lässt sich eine Verbindung zwischen Germanen und der NS – Politik ziehen. Die Nationalsozialisten machten blond- und blauäugig zum Symbol und Erkennungszeichen der Deutschen. Durch die „Germania“ wurde also eine durch die Jahrhunderte hinweg eine Berufung der Deutschen auf die Germanen möglich. Dies wurde im dritten Reich als „rassische Überlegenheit“ der Germanen und somit der Deutschen postuliert.

[...]


[1] Puschner, U., Germanenideologie und völkische Weltanschauung, in: H. Beck u.a. (Hrsg.), Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“. Sprache und Namen, Geschichte und Institutionen, Berlin-New York 2004, 103-129, hier S. 106. Im Folgenden zitiert als Puschner, U., Germanenideologie.

[2] Vgl. Bleckmann, B., Die Germanen. Von Ariovist bis zu den Wikingern, München 2009, S. 39. Im Folgenden zitiert als Bleckmann, B., Die Germanen.

[3] Vgl. Hermand, J., Der alte Traum vom neuen Reich. Völkische Utopien und Nationalsozialismus, Frankfurt am Main 1988, S. 228. Im Folgenden zitiert als Hermand, J., Der alte Traum.

[4] Vgl. Ackermann, J., Heinrich Himmler als Ideologe, Göttingen 1970, S. 54f. Im Folgenden zitiert als Ackermann, J., Heinrich Himmler.

[5] Vgl. Chapoutot, J., Der Nationalsozialismus und die Antike, Darmstadt 2014, S. 33. Im Folgenden zitiert als Chapoutot, J., Der Nationalsozialismus.

[6] Vgl. ebd. S. 325.

[7] Vgl. Piper, E., Alfred Rosenberg. Hitlers Chefideologe, München 2005, S. 202. Im Folgenden zitiert als Piper, E., Alfred Rosenberg.

[8] Vgl. Piper, E., „Der Nationalsozialismus steht über allen Bekenntnissen“. Alfred Rosenberg und die völkisch-religiösen Erneuerungsbestreben, in: U. Puschner u.a. (Hrsg.), Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte, Göttingen ²2012, 337-355, hier S. 350. Im Folgenden zitiert als Piper, E., Der Nationalsozialismus.

[9] Vgl. ebd. S. 354.

[10] Vgl. Bärsch, C., Die Außenseite von Seele: Religion, Kunst und Rasse in Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“, Kunst und Religion: Studien zur Kultursoziologie und Kulturgeschichte (1999), 289-306, hier S. 292. Im Folgenden zitiert als Bärsch, C., Die Außenseite.

[11] Vgl. Kipper, R., Der Germanenmythos im deutschen Kaiserreich. Formen und Funktionen historischer Selbstthematisierung, Göttingen 2002, S. 39. Im Folgenden zitiert als Kipper, R., Der Germanenmythos.

[12] Tac. – Germania, lat.-dt., übers. von M. Fuhrmann, Stuttgart 1971.

[13] Vgl. Puschner, U., Germanenideologie, S. 115.

[14] Vgl. Lund, A., Germanenideologie im Nationalsozialismus. Zur Rezeption der „Germania“ des Tacitus im „Dritten Reich“, Heidelberg 1995, S. 31. Im Folgenden zitiert als Lund, A., Germanenideologie.

[15] Rosenberg, A., Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 341934.

[16] N. N., Art. „Mythos“, Brockhaus Enzyklopädie, 13 (171971), 142-144. Wiwjorra, I., Der Germanenmythos. Konstruktion einer Weltanschauung in der Altertumsforschung des 19. Jahrhunderts, Darmstadt 2006. Hein-Kircher, H., Zur Definition, Vermittlung und Funktion von Mythen, in: Landesverband Lippe (Hrsg.), 2000 Jahre Varusschlacht. Mythos, Stuttgart 2009, 149-154.

[17] Vgl. N. N., Art. „Mythos“, Sp. 144.

[18] Vgl. Kipper, R., Der Germanenmythos. Wiwjorra, I., Der Germanenmythos. See, K., Deutsche Germanenideologie. Vom Humanismus bis zur Gegenwart, Frankfurt 1970.

[19] Puschner, U., Germanenideologie. Piper, E., Der Nationalsozialismus. Piper, E., Alfred Rosenberg. Bärsch, C.,Die Außenseite. Ackermann, J., Heinrich Himmler.

[20] Ackermann, J., Heinrich Himmler.

[21] Piper, E., Der Nationalsozialismus. Piper, E., Alfred Rosenberg., Bärsch, C., Die Außenseite.

[22] Vgl. Bleckmann, B., Die Germanen, S. 11.

[23] Vgl. Lund, A., Germanenideologie, S. 16.

[24] Vgl. Puschner, U., Germanenideologie, S. 115.

[25] Vgl. Bleckmann, B., Die Germanen, S. 12.

[26] Vgl. Lund, A., Germanenideologie, S. 79.

[27] Vgl. Bleckmann, B., Die Germanen, S. 39.

[28] Tac. Germ. 4, [übers. von M. Fuhrmann].

Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem exstitisse arbitrantur.

[29] Vgl. Chapoutot, J., Der Nationalsozialismus, S. 36.

[30] Vgl. ebd. S. 33.

[31] Vgl. Wiwjorra, I., Der Germanenmythos, S. 10.

[32] Vgl. N. N., Art. „Mythos“, Sp. 144.

[33] Vgl. Hein-Kircher, H., Zur Definition, S. 149.

[34] Vgl. ebd. S. 150.

[35] Vgl. ebd. S. 154.

[36] Vgl. Hein-Kircher, H., Zur Definition, S. 154.

[37] Vgl. Kipper, R., Der Germanenmythos, S. 34.

[38] Vgl. ebd. S. 206.

[39] Vgl. ebd. S 44.

[40] Vgl. See, K., Deutsche Germanenideologie, S. 17.

[41] Vgl. Kipper, R. Der Germanenmythos, S. 47.

[42] Vgl. ebd. S. 39f.

[43] Tac. Germ. 2,1, [übers. von M. Fuhrmann].

Ipsos Germanos indigenas crediderim minimeque aliarum gentium adventibus et hospitiis mixtos.

[44] Vgl. See, K., Deutsche Germanenideologie, S. 53.

[45] Tac. Germ. 4, 1, [übers. von M. Fuhrmann].

Ipse eorum opinionibus accedo, qui Germaniae populos nullis aliis aliarum nationum conubiis infectos propriam et sinceram et tantum sui similem gentem extitisse arbitrantur.

[46] Vgl. See, K., Deutsche Germanenideologie, S. 53.

[47] Vgl. Kipper, R. Der Germanenmythos, S. 72.

[48] Vgl. See, K., Deutsche Germanenideologie, S. 56f.

[49] Vgl. See, K., Deutsche Germanenideologie, S. 61.

[50] Vgl ebd. S. 61.

[51] Vgl. Kipper, R., Der Germanenmythos, S. 62.

[52] Vgl. Münkler, H., Die Deutschen und ihre Mythen, Bonn 2010, S. 153. Im Folgenden zitiert als Münkler, H., Die Deutschen.

[53] Tac. Germ. 4, [übers. von M. Fuhrmann].

unde habitus quoque corporum, tamquam in tanto hominum numero, idem omnibus: truces et caerulei oculi, rutilae comae, magna corpora et tantum ad impetum valida.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Verbindung von Germanenmythos und Religion aus Sicht von Himmler und Rosenberg
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V419719
ISBN (eBook)
9783668701731
ISBN (Buch)
9783668701748
Dateigröße
578 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verbindung, germanenmythos, religion, sicht, himmler, rosenberg
Arbeit zitieren
Selina Wegener (Autor), 2016, Verbindung von Germanenmythos und Religion aus Sicht von Himmler und Rosenberg, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/419719

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